6. Die Wartezeit.
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Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser. Von leichten Wellen gekräuselt, liegt tiefblau und prächtig das Meer; blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel drüber hin, und unten in der Tiefe Spielen die Fische, und drüber in der Luft schweben die Vögel des Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glänzendes Schild trägt seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das ist des Schiffes Sinnbild und Name: »die Hoffnung.« Lustig spielt der Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem Schiffe treibt sich ein lustig Völkchen umher; Auswandrer sind es, die von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glück finden wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit; froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben ihm nicht viel Thränen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein ewiger Frühling herrscht, Bäume,
Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben. Was das Schifflein ist, das bunt und geschmückt ausfährt? Es ist das Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend träumt von einem Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt, wenn die Leute schlafen und säet Unkraut unter den Waizen, und geht davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter. Bald ist's die Sünde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme gleich; bald ist's der Frühfrost der Sorge, der schon die junge Saat unserer Kindheit gedrückt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen, die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz kämpfet,
So voll Freude und Hoffnung ging der junge Justus und seine Dorothe in's Leben hinein. Sie hatten sich ja lieb, mehr glaubten sie nicht, daß zum Leben gehöre; sie waren beide fromm und gottergeben, warum sollten sie vom lieben Gott nicht das Beste hoffen!
So war ein Jahr vorübergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blühten schon Blumen, und die Wangen der Dorothe glühten von den ersten Rosen der Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie täglich lieber. Denn wie sie schön war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that, das that sie mit Lust, also daß die Aeltern den Konrad glücklich priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des Advokaten Gerst. Der Mensch wußte nicht, was es heißt: mit den Fröhlichen sich freuen, was es heißt: vergeben und vergessen. Er hatte nicht vergeben, daß ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte nicht vergessen, daß das Mägdlein vielleicht doch sein geworden wäre, wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, daß er sich an Beiden rächen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum Wurm geworden, der die Jugendblüthe zweier guten Menschen zerstörte.
Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er wollte als Gehülfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprüche auf eine Stelle haben zu können. Und wie er schied, so sagte er: »Geh' der Mutter rüstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so
Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht näher gerückt. Der alte Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der Gehülfe müsse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rühmte sich laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mühe und Geld, den verhaßten Justus um seine Hoffnung zu betrügen. —
Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte. Die zwei Jahre waren ein saures Stück Brod; jeder Tag hatte seine eigne Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist bürgerlich Pack, mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und Jagen, denn an ihren Büchern, und der Herr Papa hieß das gut und meinte, das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre gingen unter Geduld und Hoffnung hin
Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schüttelte den Staub von seinen Füßen und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der: »Laß den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten läßt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann muß sein Amt sich erlauern, wie der Jäger das Wild.
Alles ohne Tück' und Lug, Wie es will der Weidmannsspruch.
Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Städtchen vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren Hände legen zu können, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn vorgeschlagen, und er erwartete täglich seine Bestallung. Statt deren aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: »Man habe in Erfahrung gebracht, daß der Justus, den man als ein tüchtiges Subject vorgeschlagen, keines guten Rufes genieße; wie er denn da und dort, wo er bisher gedient, kein gutes Gerücht hinter sich gelassen.« Da war es aus mit der Gunst,
Den 13. Februari. »Hab' ich doch nimmer geglaubt, daß so viel Bosheit auf der Welt sei, und daß es so weh'
Den 3. Martii. »Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern war ein harter Tag. Hatte den Jüngsten knien lassen, weil er Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen während der Pönitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau hinten drein gekommen ob des Lärms, den der Herr gemacht, und hat mir gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, daß ich daran denken solle. Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern haben den Jüngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn.« Sprüchwörter Salomonis 13, 24.
Den 11. Septembris. »Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt Ding ist.« Mein Herr glaubt
Den 24. Septembris. »Richtet nicht vor der Zeit«, das Sprüchlein muß dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines Worts vergessen wollen: »Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber ist allezeit.« Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt außer der Zeit, wo ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleißig aus Gottes Wort examiniret. Wie ich denn freudig Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerühmt, die sich unser wider Verdienst und Würdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Sünden noch heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn fürchten; da hat mein Herr das Wort ein rechtes Trostwort und Labsal geheißen, und mich ersucht, ihm etliche Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Dar
Den 30. Novembris. »Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: »Ist Jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu worden.« (2. Kor. 5, 17.)
»Mein Herr hat eine große Liebe zu mir gefaßt, also daß ich nicht mehr als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er will auch, daß ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!« Die Erd' ist überall des Herrn, und man kann im fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf
Den 1. Januari. »Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getröstet mit einem süßen Hoffnungswörtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem Herzen sein mag, weßhalb der liebe Gott mich warten lässet? »Nun, Herr, so zeige mir deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte!«
Ein Jahr später. »Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie meine Väter alle.« (Psalm 39, 13.) Es muß wieder geschieden sein; will einmal wieder mein Glück daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar dringend an die Rückkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist, einmüthig und einhellig.«
»Barmherz'ger Gott und Vater, Du treuer Menschenrather! Auf dein Wort zieh' ich aus, Auf unbekannten Straßen Wollst du mich nicht verlassen, So bin ich überall zu Haus. Behüte mich vor Feinden Und heuchlerischen Freunden, Gieb mir die Engel zu; Geleit' all' meine Werke, Sei Morgens meine Stärke, Und dann am Abend meine Ruh'.
Auf der Reise. »Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bündel schnürte und den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhört. Wie ich an die hessische Gränze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen in einem Flecken, allda zu rasten. Wäre gerne weiter gegangen, als ich kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her. Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschäfte gemacht, und tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, daß einem weh' zu Herzen ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brüllen und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbärtige Grenadiere und hüteten ihrer. Wie ich mir den Heidengräuel etwas angesehen und des Sprüchleins eingedenk worden: »Besser allein, denn in böser Gemein«, da wollt' ich wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, faßt mich bei der Hand und sagt: »Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu haben an solch' unfläthigem Saufen. Theile in dem Stück ganz Monsieurs Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden!« »Das Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Füße vom langen Gehen wund geworden waren, und ich trat mit dem
»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6, 22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang; denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.« (Psalm 23, 4.)
»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank« erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief
»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil. Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein, steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und
»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden, daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen, denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge,
»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an, wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch, wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich nach Haus kam, dann malte ich mir die
»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug' sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«
»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«
»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief
»Wach auf mein Herz, Die Nacht ist hin, Die Sonn' ist aufgegangen!«
Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen. »Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.
Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen! Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch und man kennet ihre Stätte nicht mehr.
Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang. Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt, nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden, vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.
Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der gewohnten
»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei, und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide, während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«
So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an ihr Krankenlager zu bringen.
einer Stunde ab, und ließ sie ruhen in einem Grabe. Unter Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten Gedächtniß bleibet im Segen.
Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden, hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine
Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters;
Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem Broddieb, zu rächen, wie denn
Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zion.
Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus gehörte nicht zu denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden ließen, ein Aug' im Dienst zuzudrücken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein trüglicher Reichthum, von dem man nicht gewußt hätte, wie er hineingekommen wäre.
Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus war ein guter Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Großen wie im Kleinen; so waren denn seine Bücher und Rechnungen so klar und verständlich, daß keine Advokaten und Proceßkrämer sie zu entwirren brauchten, um im Trüben selbst nach Herzenslust zu fischen.
Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die Mißgunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie theilen, muß kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei den Erben bleiben will, sondern hinaus möchte unter die bösen Rathgeber.
Das Gut des Försters Justus war bald getheilt, denn die Liebe saß dabei zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Göttin Gerechtigkeit, sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.
Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus, verlassen müssen, um Jedes für sich eine neue Heimath zu suchen. Und die Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im Jägerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen Rich
So waren sieben Jahre hingegangen. Da saß an einem Novemberabend ein Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es kalt war, in die Nähe des Ofens gerückt war, und las und schrieb. Die Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben erhellten sie nothdürftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleißig in seinen Büchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der Thüre gegenüber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor welchem und hinter welchem Bänke zum Sitzen standen, wie man sie in den Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab, und dorthin schien der Großvaterstuhl zu gehören, der jetzt dem Ofen näher geschoben war, und in dem der Mann saß. In der Ecke, der Thüre zunächst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen Notenblättern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein sogenannter Kambank, auf welchem eine schöne Reihe Bücher stand. Das Häuschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gießen im Lande
»Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin«, sagte der Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stübchen. »Fürchtet auch nicht, daß euer Wollrad mich störe; ich mache gerne Feierabend, und plaudere mit euch ein Stündchen und drüber. Und so macht's euch denn bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch ohnedieß schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen solltet ihr ihn behalten.« »Behüte, Herr Justus«, sprach abwehrend die Alte, »Ehre, dem die Ehre gebührt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich und braucht ein Polster, euch am Abend für euer sauer Tagewerk auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprüchwort im Munde, das hieß: »Lehrerbrod, sauer Brod«, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer täglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich hätte längst was Anders aus euch gemacht.«
Der Justus rütschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Sagt, Frau Lindin, wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet, ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?«
»Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt, und wir haben uns oft einander getröstet und uns versprochen im letzten Stündlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun müssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. »Was hilft's, Frau Schuckin«, sagt' ich zu ihr, »wenn ich euer Herz durch Klagen schwer mache, laßt uns vielmehr mitsammen uns freuen, daß ihr
»Ich glaub' an Jesum, welcher spricht: Wer gläubt, der kommt nicht in's Gericht. Gott Lob, daß ich es glauben kann! Auch meine Schuld ist abgethan.«
»Doch, daß ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit für euch, Herr Justus, die euch gewiß erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, wie denn überhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich, und fragt: »Wohin so eilfertig, Mütterchen?« »Mit der Eilfertigkeit pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen«, sagt' ich. »Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch«, sagt' er. »Ja wohl«, sagt ich, »sind aber noch etliche Kohlstengel draußen geblieben, die hätt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und flickt, so wisset, daß ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara
»Der gute Scheuermann von der Marksburg«, sprach gedankenvoll der Justus; »also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin für die Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hört selten von seinen alten Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust für sich, das ist so der Welt Lauf.«
»Ihr könntet wohl auch eure Lust für euch haben, Herr Justus«, hub die Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhörer mache, »ihr könntet auch eure Lust für euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach stelltet. Nehmt es nicht für ungut, wenn ich
»Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag für Tag hier am Tische das Latein einbläut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl begreifen zu können, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf, so verhagelt und vernagelt, daß ich an eurer Stelle längst den Bakel gebraucht und ihnen
Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der größten Ruhe angehört, und als sie fertig
Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schürze abgetrocknet, und solche Rede eine gute Rede geheißen, und sich verabschiedet, und den frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hörte sie aus dem Oberstübchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein klang voll und kräftig das Lied: »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!«
Das geschah Alles so plötzlich, so schnell und unerwartet, daß die alte Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte. Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: »Was gibt man mir denn Schuld?« »Wird der Herr selbsten am Besten wissen«, lautet die Antwort. »Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet?« fragte er noch einmal. »Auf Befehl des Herrn Rath Laupus«, antwortete der Polizeibeamte.
Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgeführt, und die Thüre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so laut, daß es der arme Gefangene hören konnte,
So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das Arrestzimmer im oberen Stock geführt, und die Thüre schnell hinter ihm verschlossen.
Da stand er denn, der Vielgeprüfte, stand in der Dunkelheit völlig allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prüfte er sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und Stärke. »Herr, mein Gott«, so betete er, »du treuer Wächter, der du nicht schläfst, noch schlummerst, der du die Armen hörest und die Gefangenen nicht verachtest, laß vor dich kommen mein Seufzen und hilf mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!« Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thüre. Man zündete Feuer im Ofen an, und das Knistern der Funken tröstete ihn. Nicht lange, so ging die Thüre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. »Ich bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal Scheuermann ist es«, rief er schluchzend; »muß ich euch so wiedersehen, meines alten Freundes vom Jägerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen, und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr habt nicht gewußt, wer
Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf die Pritsche warf. »Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen«, sagte er; »der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast dürft ihr sein; hier in dem Körbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir.« So that Justus.
Nur auf kurze Zeit verließ ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelöscht werden mußte, saßen die Beiden, der Gefangene und sein Wächter, noch manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jägerhaus und der Marksburg, vor Allem
Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: »Ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan.«
So gingen drei Tage hin; ein Verhör ward nicht gehalten, auch ward dem Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmäßig das Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.
Am Abend des vierten Tages ließ sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne an die Thüre und trat ein. »Der Herr Rath wollen gnädigst entschuldigen«, sprach sie, »daß ich dieselben noch am Abend zu incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus, sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhör und Urtheil auf der Hauptwache, und ich möchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven, lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel mit Soldaten aus dem Hause holt?«
Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit kurzen Worten, das gehe die
»Fälschung einer Urkunde?« sagte die Frau und ging einen Schritt zurück, um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; »Fälschung einer Urkunde?« fragte sie noch einmal. »Wie, Herr Rath, nicht wahr, die Roßkaut' an der Lahnbrücke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Füßen von der Lahnbrücke herab in die Roßkaut' springen, meintwegen an jedem Bein noch einen Stein wie die Löwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr
Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle hätte der Frau ob ihrer freien Rede kein freundlich Gesicht gemacht, hätte sie wohl mit harten Worten angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein gar feiner, liebreicher Mann, und mäßigte als ein Vernünftiger seine Rede, und dann kannte er die Weise der Frau
Wohl kannten dich noch Mehrere so, du gute, alte Lindin. Noch leben Etliche, denen ihre Aeltern von der treuherzigen, oft etwas derben Weise der alten Lindin erzählt haben, und wie sie als uraltes Mütterchen, auf ihren Stock gestützt, die Kranken und Sterbenden besucht, und mit dem Verdienst Jesu Christi getröstet und aufgerichtet habe. Dabei immer noch der Wille so fest, der Abscheu gegen die Alltagssünde so scharf und scheltend, das Auge so klar und feurig, die Rede so tief und feierlich, und das Herz in der Brust so warm. So mein' ich, müßte Hanna gewesen sein, die auf den Trost Israel's wartete, und mit Simeon den Herrn preisete, daß ihre Augen den Heiland gesehen hatten.
Als sie der Herr Rath Laupus nun mit freundlichen Worten ermahnet, sich zu geduldigen, weil die Sache bald sich endigen würde und sie entlassen hatte, da ging er nachdenkend in der Stube auf und ab. Und während die alte Lindin die Hauptwache aufsuchte, um sich nach dem Befinden ihres Schützlings zu erkundigen, und ihm durch den Corporal Scheuermann ein freundlich Trosteswort sagen zu lassen, da nahm der Herr Rath die Papiere vor sich, die aus der Wohnung des Justus waren mitgenommen worden, und begann darin zu lesen. Was ihm zuerst in's Auge fiel, das waren Arbeiten, in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben, die er für Studenten und Doctoren gemacht, die gerne durch's Examen hatten kommen wollen, ohne sich selbst eine sonderliche Mühe zu machen; und war manche Arbeit dabei, die bereits dem, der sich
Octobris. »Gestern zu Abend ist ein Männlein zu mir hereingekommen, das sich für einen Advokatenschreiber ausgegeben, und hat ein Documentum bei sich gehabt, auf Pergament geschrieben und mit Siegeln von Wachs versehen, die daran gehangen, begehrend, ich solle ihm das Schreiben lesen, sintemal er des Lateins nicht sonderlich erfahren. Wie ich sein Begehren erfüllt, und ihm die Urkunden verdeutscht, da hat er eine Abschrift begehrt, die ich ebenfalls in seiner Gegenwart gefertigt, und von ihm ein Ansehnliches pro labore empfangen. Darauf ist er weggegangen, aber am andern Abend um dieselbe Stunde wiedergekommen; hat gar freundlich gethan bei'm Eintreten, und mich gefragt, ob ich ein schön Stück Geld verdienen wolle? Wie ich gesagt, daß ich ein ehrlich verdientes Geld nicht von mir weise, so hat er sich an meine Seite gesetzt, das Documentum vor mir ausgebreitet und gesagt: »Schreibt mir hier auf die Stelle, die ich bereits gesäubert und geglättet habe, dieß Wort hinein, das hier auf dem Zettel steht.« Wie ich aber auf den Zettel sehe, und das Wort in den Zusammenhang hineinpasse, da ist ein ganz anderer Sinn herausgekommen, und wollte mich also dieser Verführer verleiten, daß ich sollt' zu einer gräulichen Fälschung meine Hand hergeben. Da habe ich mit dem Herrn ausgerufen: »Hebe dich weg, Satan, weißt du nicht, daß geschrieben stehet: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen« (Luc. 4, 12). Und zu dem Versucher sagt' ich: »Geht hinaus von mir, Mann, ehe ich euren Namen weiß, sonst möchte ich leicht an euch thun, was ich schier nicht lassen kann.« Da wich das Männlein von mir, eiferte und drohete aber gewaltig, wie der Satan allezeit thuet, wenn man ihm Gottes Wort unter Augen hält« (Jakobus 4, 7).
»Das ist also das Ende vom Lied«, rief in hoher Entrüstung der Herr Rath aus; »ein Schuldiger giebt einen Unschuldigen an, um sich zu reinigen. Doch warte Fuchs, du hast dich selbst gefangen; einem Andern hast du eine Grube gegraben und bist selbst hineingefallen. Und dieser Andere, welch' ein treues Herz, und das Herz hat leiden müssen, um eines Lotterbuben willen! Auf denn, und wieder gut gemacht, was geschehen ist, so lange es heute heißt!«
Das sagend eilte der Herr Rath sogleich auf die Hauptwache. Es war Abend und war schon zehn Uhr vorüber. Die Wache rief ihn mit vorgehaltenem Gewehre an, und erst als er sich hatte zu erkennen gegeben, ward er eingelassen. Herzklopfend öffnete ihm der Corporal Scheuermann die Stube des Gefangenen; aber wie staunte er, als der Herr Rath auf den Justus zuging, ihm, der sich verwirrt und geblendet von dem plötzlichen Lichtstrahl von seinem harten Lager aufrichtete, freundlich die Hand reichte, und in gar lieblichem Tone sprach: »Vergebt, Herr Justus, daß ich euch um des Amtes willen, das ich habe, wehe thun mußte; es ist euch Unrecht geschehen. Ein böser Bube hat euch verderben wollen, um sich selbst zu retten. Gott hat eure Unschuld an den Tag gebracht, und ich bin selber hierhergekommen, um euch eure Entlassung zu verkünden. Geht denn heim, mein lieber Justus, und ruht euch wieder einmal auf eurem Bette aus, und wie ihr bisher gethan, so haltet fest an Gott, und wisset: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Und wie dann der Justus mit thränenden Augen dem Herrn Rath die Hand gedrückt und seinen Freund in der Noth brüderlich umarmt hatte, da ging er heim, ohne zu ahnen, wem er nächst Gott seine Erlösung zu verdanken habe. Denn wie eine Mutter
Am andern Morgen mußte Justus noch einmal im Verhör erscheinen, und hier kam seine Unschuld völlig an den Tag. Der Verläumder gab nach manchen Wendungen und Winkelzügen der Wahrheit die Ehre, und ward mit der verdienten Strafe belegt. Nach dem Verhöre behielt der Herr Rath den Justus bei sich, und redete mit ihm von seinem Leben und seinen Aussichten. »Ich habe euch lieb gewonnen, Herr Justus«, sagte er zu ihm, »denn ihr habt das Joch eurer Jugend wie ein guter Streiter Christi getragen, und ich möchte gerne etwas für euch thun, damit euer späteres Leben ein froheres würde. Sagt mir darum, womit kann ich euch dienen?«
»Es gab eine Zeit in meinem Leben«, antwortete Justus, »wo ich nicht anders meinte, als Gott habe mich berufen, von der Kanzel herab seinen Namen zu verkündigen. Da ich aber 40 Jahre alt geworden bin, ohne daß er mich in seinen Weinberg gerufen hat, so will er wohl haben, ich soll mich mit einem kleineren Aemtlein und knapperen Stück Brod begnügen. Und darum hab' ich denn bisher den Herrn angefleht, und wollt ihr an mir thun, wie der Herr Christus an dem Kranken am Teich Bethesda that und mir hineinhelfen, so thut es, Herr Rath, und seid versichert, ich will mit Gottes Hülfe meines Amtes warten und eurer Empfehlung Ehre machen.« Da wischte sich der Herr Rath die Augen und sagte: »Ich bin heute schon für euch ausgewesen bei meinen guten Freunden; aber man kennt euch in diesem Landestheile nicht, und trägt darum Bedenken,
Als ein Geschenk von Gott mit dankbarem, stillem Herzen nahm Justus das Aemtchen an, und bald zog der Candidat Justus als Präceptor, Organist und Glöckner in das kleine Schulhaus auf dem Veitsberg ein. Und es währte nicht lange, so stand er mit seiner Dorothe am Altare der Pfarrkirche zu Veitsberg, und ward über Beide unter Gebet und Segen der Spruch der Schrift ausgesprochen: »Ich will ihnen einerlei Herz geben, daß sie mich fürchten sollen ihr Leben lang, auf daß es ihnen und ihren Kindern nach ihnen wohl gehe.« Und wie der Herr Pfarrer Amen gesagt, da hieß es noch einmal: »Amen!« »Amen!« Denn als Zeugen standen am Altar die alte Lindin vom Tiefenweg zu Gießen und der Corporal Scheuermann.
»Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm begnügen«, sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er uns zur Gottseligkeit und Begnügsamkeit ermuntern will: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.« Von den Vögeln und den Blumen und der ganzen Schöpfung um uns her sollen wir lernen. So hab' ich einst in heißer Sommerzeit nicht fern von einem Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen Durst zu löschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber der war leer, und der Vogel dauerte mich, daß er ungetränkt sollte weiter fliegen. Indem, so läßt er sich auf dem Rand des Troges nieder, bückt sein Köpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein ein Löchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war für den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte für jetzt genug und begehrte weiter nichts. Das ist Genügsamkeit.
Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wußte ich; wie, dacht' ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurück aus dem Kelch, um weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfäden der Blume, wie sie so voll Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Höslein wurden, wie der Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht, dacht' ich, und
Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an solchen Bildern, die dem Aufmerksamen überall begegnen. Aber wie freut sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Genügsamkeit im Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben ein solches Bild christlicher Genügsamkeit ist. Und so war das Leben unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute Schule der Uebung, hineinführte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man gewöhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem täglichem Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch vorhandenen Blätter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur nach einer einzigen Klage über sein Loos, nach einem einzigen Wunsche, daß sein Loos ein anderes sein möge. Rührend ist es, mit welcher Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hält, und wie laut er Gott preist, daß er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher Schulmeister zu treiben. O könnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret, weil ihr meinet, ihr wäret zu etwas Besserem bestimmt, könnte ich euch doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprüchlein zu Herzen führen, mit denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und
»O Hirte deiner Heerde, O mein Herr Jesus Christ, Der du durch viel Beschwerde Zum Himmel gangen bist; Der du zum Trost der Deinen Den Geist verheißen hast, Und Denen, die hier weinen, Nimmst ab des Tages last; O gib den Geist der Stärke, Den Geist der Zuversicht Auch mir zu deinem Werke, So oft er mir gebricht. Ist auch mein Amt so kleine, Mein Loos so niedrig hier, So ist es doch das Deine, Was du einst suchst bei mir. Ich soll die Heerde weiden, Wie du von mir gethan, An treuer Hand sie leiten, So gut ich Schwacher kann; Ich soll zu frischen Bronnen Geleiten deine Schaar, Daß sie als lauter Sonnen Sich einst dir stellen dar. Steh' denn zur Seite mir, Führ' mich im Kampfe weiter, Der Sieg, er steht bei dir!«
Die Bestallung des Justus lautete dahin, »daß dem ehrsamen und wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines Schulmeisters, Organisten und Glöckners zum Veitsberg übergeben werde, daß man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich warten.« Dieses Rathes hätte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm galt: »Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.« In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er der Schule fleißig wartete, so that er den Kirchendienst, der häufig an ihn kam, zur großen Erbauung der Gemeine, und in allen Dörfern der Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hieß überall: »Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.«
Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grämen hat, denn seines, so war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall. In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte, so blieben die Schüler von den Ortschaften rings umher auch aus, und Dräuen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wußte sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprüchlein, das er sich selber gemacht:
»Wer Kinder will zur Schule bringen, Darf mit dem Stock nicht viel umspringen; Die Furcht macht Schul' und Köpfe leer, Die Liebe lockt und bauet sehr.«
Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein freundlich Gesicht dazu mit, und wußte neben dem Worte Gottes, das er fleißig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schülern angenehm zu machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbüchern gewählt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern und spielte die Harfe dazu, also daß Jung und Alt sich daran erbaute; denn, pflegte er zu sagen:
»Wer singen kann ein frommes Lied, Der hat den Herrn noch im Gemüth. Und frommes Lied aus frommer Brust Treibt aus die Sünd', gibt Himmelslust.«
Zur Frühlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum Feldmessen brauchen könnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner Schüler eine Anweisung zum Feldmessen, und für schon Geübtere im Jahr 1741 ein Büchlein verfaßte, das den Titel führt: »Geodaesia, oder Feldmeßkunst, nämlich wie aller Felder Größe zu messen und zu rechnen, sammt einem Anhang, wie alle Höhen, Weiten und Tiefen zu finden seien, auch mit einer Zugabe, wie das Verhältniß der Planeten gegen unsere Erdkugel gefunden werden könne;« Alles durch die reinsten Zeichnungen erläutert, und durch Exempel aller Art erklärt.
Eigenthümlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner
»Es thut ein Schiffmann fahren fort Mit seinem Schiff an andre Ort' Bei gutem Winde sag' ich rund Gar recht in einer Viertelstund' Fünfsechstheil Meil', wie mir bericht, Der Schiffer, der da lüget nicht. Nun möcht' ich wissen, wie viel dann Der Schiffmann Meilen fahren kann, Wenn er dreiviertel Stunden führ', Und guter Wind das Schiff berühr'.«
Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine große Liebe für die Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den tausendfachen Wundern der Schöpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschöpfen finden könne, das zeigte er beständig seinen Schülern. Und wie man ihn zur Sommerszeit niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so
Das Vöglein auf dem grünen Ast. Sing-Vöglein auf dem grünen Ast, Wie herzig ist dein Sang! Gönnst dir nicht Ruh', gönnst dir nicht Rast, O sag', wem gilt dein Klang? Kommt aus der Nacht hervor der Tag, Ist schon dein Tisch bestellt, Und deiner Kehle lauter Schlag Singt Dank dem Herrn der Welt. Das Brünnlein, das aus Bergen quillt, Das gibt dir deinen Trank, Und hast du deinen Durst gestillt, Vergißt du nie den Dank. Du singst und trillerst wohlgemuth, Für morgen nicht verzagt, Als wüßtest du, ein Vater gut Hält über Alles Wacht. Wie friedlich ist die Ruhe dein, Du weißt nichts von Gefahr, Den Kopf wohl unter'm Flügelein Bist du der Sorge bar. O wüßt' ich doch, wie du es weißt, Daß über aller Welt, Mein Gott, der ewig Vater heißt, Gar treulich Wache hält; Mir reichet, was mir nützt, Daß er mir hilft aus aller Noth, In Trübsal mich beschützt. O Vöglein auf dem grünen Ast, Gib mir die weise Lehr', Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast, Das Lied zu Gottes Ehr'!«
Das Bienlein auf der Weide. O Bienlein, nimm mich mit in's Feld! Wie schön ist meines Gottes Welt. Nun um mich her geworden! Es grünt der Wald, der Anger lacht, Der Baum steht weiß in seiner Pracht, Und Blumen aller Orten. O Bienlein, laß' mich mit dir zieh'n, In's Thal hinab, hinab in's Grün, Und zeig' mir deine Weise! Von Blum' zu Blume eilest du, Und gönnst dir nimmer Rast noch Ruh' Und singst dein Lied so leise. Du fliegest lustig ein und aus; Viel süßer Kost trägst du nach Haus, Und willst nicht müde werden; Der Frühling geht, der Sommer auch, Du läßt nicht von dem alten Brauch, Bis Winter wird auf Erden. O Bienlein ohne Rast und Ruh', Dir seh' ich mit Vergnügen zu, Du lehrst mich wohl ermessen: Ich soll als Christ hier meine Zeit Treu nützen für die Ewigkeit, Des Heimgangs nie vergessen.
Du hast es bisher fast rathen müssen, mein lieber Leser, daß der Konrad Justus, dessen Leben ich dir erzählen will, eine Person sei mit dem Kalendermann, den unser Büchlein als Titel führt. Aber ich konnte dem Justus keinen andern Namen geben, einmal weil er unter diesem zu seiner Zeit sehr bekannt war, und dann, weil er auch heute noch in seiner Heimath von Vielen also genannt wird, die ihren Kindern von dem Kalendermann erzählen. Es ist ein Eignes um die Namen, die das Volk gibt; man kann Beides daraus erkennen, sein Lob und seinen Tadel. Dem Justus aber sollte sein Name ein Lob sein, denn er ward zu seiner Zeit von Vielen für einen Wundermann gehalten, weil er, was Wenige wußten, den Kalender aus dem Fundament verstand. Und die Kalenderwissenschaft war des Justus Steckenpferd, nur mit dem Unterschied, daß er es nicht ritt wie die Kinder am Geist, die mit ihren Steckenpferden ihr eigen Seelenheil und ihrer Brüder Glück niederreiten, sondern den Kalendermann machte sein Zeitvertreib zu einem Gottesmann und Menschenfreund wie Wenige.
Von dem Tage an, wo der Köhler im Wald bei Blankenau ihn gelehrt hatte, die Schrift verstehen, die der liebe Gott mit seinen Sternen an's Himmelsgewölbe geschrieben hat, da lernte Justus diese Schrift immer deutlicher lesen; und was er fand in diesem heiligen Buche des Sternenhimmels, das hat er selbst zu seiner Seelen Seligkeit benutzt und zur Kräftigung des Glaubens Anderer. In vielen Häusern nah' und fern sind noch ganze Schriften oder einzelne Stücke derselben zerstreut und werden um des frommen Sinnes willen, der in ihnen
Auszug aus dem Tagebuch und den Schriften des Kalendermanns.
»Es hat mich mein Gott je und je geliebet, hat mich wunderbarlich geleitet von meiner Jugend an bis auf diesen Tag. Wo er mir nach seiner Weisheit mit der einen Hand nahm, da hat er mir nach seiner Güte mit der andern reichlich gegeben. Ein klein Amt und Brod hat er mir gegeben, aber so reich hat er mich gemacht an Freud' und Seligkeit des inwendigen Menschen, daß ich nicht tauschen mag mit denen, die satt haben, und doch das Himmelsbrod entbehren. Denn wie der liebe Gott dem Bienlein ein sein Zünglein gegeben hat, den Honig zu kosten, und die Blumen ihm aufgestellt rings umher, voll Pracht und Wohlgeruch; so hat auch mir mein Gott erst eine rechte reiche. Liebe gegeben zu seinem Weltgebäude, sonderlich zu seinem Firmament, und mich denn auf meinen Veitsberg gestellt, und das Firmament über mir ausgebreitet wie einen lustigen Garten, daß ich dann
[1] »Anaxagoras, ein berühmter Philosophus, ward gefragt, warum er in die Welt geboren wäre? Und er gab zur Antwort: »Darum, daß ich den Himmel, die Sonne, den Mond und andere Wundermale betrachten möchte.« Darüber ward er von dem Lactantius mit Lachen sehr verhöhnet; gereicht aber diese Verspottung nicht dem Anaxagoras, sondern dem Lactantius zur Schande. Denn da Sonne, Mond und Sterne, ja das ganze Weltgebäude ein großes Wundergebäude ist, so muß der Baumeister, der solches gemacht, gewiß noch viel herrlicher, wunderbarer und größer sein. Sirach wußte sich dieß besser als Lactantius zu Nutz zu machen; er sagt: »»Wer kann sich seiner Herrlichkeit satt sehen?«« (Sirach 43,1.) Anaxagoras, ob er schon ein Heide war, beschämt hierdurch viele Christen, die Gott aus seiner Welt kennen wollen, und mögen doch sein Wundergebäu des schönen Himmels nicht anschauen.«
»Wer das Werk eines Künstlers nicht achtet, der achtet auch nicht den Künstler, der es gemacht hat. Heutiges
»Solche Weltmenschen sagen wohl zum Schein: Die Berufsarbeit wird durch die Sternguckerei versäumt. Aber hier frage ich: ob dem Menschen bei seiner Berufsarbeit nicht eine Stunde erlaubt sei? Wenn nun ein Liebhaber der edlen Astronomie in solcher Ruhestunde die Himmelskörper als Geschöpfe des großen und wunderbaren Baumeisters in stiller Ehrfurcht desselben betrachtet, und ihre Bewegung berechnet; ein Weltmensch aber gehet zum Schmausen, sitzet im Rath der Gottlosen, wo die Spötter sitzen (Psalm 1), beneficiret seinen Leib und haschet einstweilen dem Nächsten seine Unterhaltungsgüter; so frage
»Der Stern- und Himmelsbetrachter ist vergnügt bei und mit dem, was ihm Gott gegeben, und sagt mit Paulo: »Wir wissen aber, so unser irdisch Haus dieser Hütten zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.« (2 Corinther 5, 1.) Und mit David: Ich werde sehen die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast.« (Psalm 8, 4.)
»Das ist die Freude und das Vergnügen eines christlichen Stern- und Himmelsbetrachters, daß er, wenn er die irdische Hütte ablegt, in solchem Glanz wie die Sterne und Sonne vor seinem Schöpfer prangt, davon auch Daniel also sagt: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz.« (Daniel 12, 3.)
»Unter allen Wissenschaften ist keine unschuldiger, als die Sternwissenschaft; denn mit deren Umgang und Ausübung wird weder Gott noch der Nächste beleidigt, welche mich auch so ergötzet, daß ich alle meine Nebenstunden dieser anmuthvollen, unschuldigen Wissenschaft in der stillen Einsamkeit gewidmet habe.«
»Ach wär, o Jesu, ich doch schon zu dir gerücket, Daß meine Seele sich an deiner Huld erquicket! Da wollt ich herzen dich, da wollt mit vielen Küssen Dich, o mein Jesu, ich in meine Arme schließen!«
»Wie ist das Werk so wohl bedacht, Das, Vater, du hervorgebracht, Daß ich mit Fleiß es schaue, Mein Herz daran erbaue. Es sagt's ein Tag dem andern nach, Es ruft's die Nacht dem Tage nach, Es rühmen alle Werke, Herr, deine Huld und Stärke! Wie glänzt die Sonn', wie lacht die Au! Wie prangt die Blume schön im Thau! Wie glänzt des Vogels bunt Gefieder! Zu deinem Preise singt er Lieder! Es sinkt die Sonn', aus ihrem Thor Gehn tausend Sternlein jetzt hervor; Sie wandeln ihre Bahnen stille, Ihr Gang und Glanz es ist dein Wille. O auf, mein Aug', zum Himmel auf! Sieh der Gestirne hellen Lauf, Ein Gott hält sie in Händen, Daß sie den Lauf vollenden. Kannst du sie zählen? löschen aus, Wie's Abendlicht im eignen Haus? — Nur Einer zählt sie, läßt erbleichen Vor'm Sonnenglanz die Feuerzeichen. D'rum Menschenherz, von Sorgen schwer, Schau doch hinauf zum Sternenheer! Wo Gottes Augen auf dich blicken, Soll nimmer dich der Kummer drücken. Von euch die frohe Botschaft spricht: Im Vaterland, bei euch dort oben Ist ewig Heil uns aufgehoben! O Heiland, Morgenstern der Nacht! Dein harr' ich, bis mein Tag erwacht, Bis du mich führst zu Gottes Throne, bis du mir reichst die Ehrenkrone!«
Wenn man eine Beschäftigung als recht nutzlos bezeichnen will, so nennt man sie eine brodlose Kunst, sagt auch wohl im Sprüchwort, man könne mit ihr keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Das muß auch dem Kalendermann oft gesagt worden sein, von Solchen, die von der Sternwissenschaft keinen Begriff hatten, und darum auch keinen Sinn für sie haben konnten. Denn er kommt in seinen Schriften allezeit darauf zurück, wie eine solche Meinung eine gar thörichte sei. »Denn was mich selig macht, sagt' er, und mir einen Vorschmack gibt künftiger Herrlichkeit, sollte das nicht auch Viele reizen zu gleicher Lust? So hab' ich denn allezeit, die Spötter nicht achtend, zu meines Gottes Himmel hinaufgeschaut und auch Andere gelehrt, hinaufzuschauen, sonderlich die Meinigen, auch dazu meine Nachbarn, Freunde und Schüler, und mit Gottes Gnade Manchen zu einem fleißigen Himmelsbeschauer und Gottesfreund gemacht. Denn die die Schrift, von Gott an sein Himmelszelt geschrieben, hatten lesen gelernt, die sind darnach um so eifriger geworden, die Gottesschrift im heiligen Bibelbuch zu erforschen, und darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet im dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen.«
»Auch sind die Himmelsbetrachter und Kalendermacher, welche stets mit der Zeit umgehen, nicht zu verachten, denn das ganze bürgerliche Wesen hängt davon ab. Was Elend würde im gemeinen Leben entstehen, wenn man nichts wüßte von Sonne und Mond und ihrem Lauf, wenn Jahr und Tag wechselte, und wüßte Niemand wie und warum; lebte man denn nicht dahin, wie das unvernünftige Vieh? Die Kalender sind daher nützlich und nöthig im gemeinen Leben, denn sie sind solche Bücher, darinnen Alles, was nur am Himmel unter den Sternen vorgeht, ausgerechnet und zu finden ist, welches Alles keine geringe Arbeit ist, zumal was die Sonn- und Mondsfinsternisse betrifft.«
»Darum so soll der Kalender in jeglichem Haus der Hausfreund sein, also daß man gerne mit ihm redet, und zu ihm kommt, seinen Rath zu holen. Meine darum, es dürfe nichts darinnen vergessen werden, das dem Menschen Anleitung gebe, seinen Beruf und Erwählung feste zu machen. Zum Ersten, so sagt dir der Kalender: »Mensch, du bist nichtig, und die Zeit ist flüchtig, davon Salomo spricht: Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt und es ist Alles ganz eitel.« (Prediger 1. 2. 4.) Zum Zweiten, so sagt er dir: »Brauche deine Zeit weislich, denn sie ist Gottes Zeit, nicht deine. Ob du säest oder erndtest, ob du wachest oder schlafest, ob du arbeitest oder feierst, gedenk, was dein Herr sagt: »Eure Zeit ist allezeit, und schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern.«
»Siehst du den Zeichen an, denk', daß zum Ende gehet; Faß Jesum in der Zeit, dein' Sach' alsdann wohl stehet!«
»So oft die Glocke schlägt, betrachte, ob du die vergangene Zeit wohl oder übel angelegt. Alsdann bessere dich von Stund' an in der gegenwärtigen Zeit, dieweil es noch heute heißt; denn du weißt nicht, wie lang die zukünftige Zeit noch bei dir währet, daß alsdann, wenn der Bräutigam kommt, du wachend erfunden wirst, und also mit ihm zur Hochzeit eingehest in den himmlischen Freudensaal, denn allda ist Freude und Wonne und liebliches Wesen und Leben immer und ewiglich.«
»Zum Dritten, so soll der Kalender dir deines Gottes Wundergebäu begreiflich machen, so weit es ein Mensch begreifen kann. Er soll dir nennen die Sterne mit ihrem Namen, und wie sie mit einander wandeln, auch welche Bahnen der Herr sie führt. Auch wie daraus Tag und Nacht, Sommer und Winter, Saat und Erndte entsteht; was es auf sich hat mit der Zahl der Tage und Monate, mit den ordentlichen und Schaltjahren und wie die Finsternisse kommen und zu verstehen sein; denn das Alles muß ein Christenmensch wissen und verstehen.«
»Zum Vierten, so will der Kalender wie das Frühlingsvöglein Spitzdieschaar ein Mahner sein, daß Dieß und Das zu Haus, im Garten und im Feld nicht vergessen werde; denn auch der sorglichste Landmann bisweilen einen Deuter haben muß, und ein guter Rath oft Geldes werth ist.«
»Es werden auch viel Narrentheidinge mit der Kalenderwissenschaft getrieben, und etliche Kalenderschreiber thun, als könnten sie in die Tiefe des Reichthums Gottes hineinsehen, da er doch in einem Lichte wohnt, dahin Niemand kommen kann, und unser Wissen Stückwerk bleibet. Die aber thun, als könnten sie in Gottes Werk hineinsehen und weissagen und orakeln frisch weg, und
»Wer nach den Bauernregeln, die auch mancher Kalendermann für ein Evangelium ausgibt, seine Wirthschaft einrichtet, der hat schon oft zu seinem Schaden müssen inne werden, daß der Herr im Regimente sitzt und den Rath der Menschen vereitelt.«
»Gott der Herr kann allein das Erdreich frucht- und unfruchtbar machen. Jedoch ist ein frucht- oder unfruchtbar Jahr zu schließen aus dem Leben und Wandel der Menschen. Denn der große Gott sagt im 5 Buch Mose, im 28. Kapitel, daß, wer in allen seinen Geboten einhergehet, und solche hält und thut, den wolle Gott segnen in allem seinem Thun, wer aber ihm, dem großen Gott, nicht gehorchet, den wolle er nicht segnen, sondern das Verderben über ihn kommen lassen. Wenn man nun den Lauf und das Leben der Menschen untersuchet und betrachtet, so kann man diesem nach bald schließen, was für ein Jahr zu gewarten.«
»Was nun den Krieg betrifft, den Etliche voraussagen wollen, wie nämlich Krieg zu erwarten, wenn am neuen Jahrestage der Morgen roth erscheine oder wenn an Pauli Bekehrungstag der Wind stark weht, so ist nur das wahr, der Krieg ist eine Strafe Gottes, damit er die Bosheit der Menschen heimsuchet. Und es bleibt allein dabei: wie die Arbeit, so der Lohn; denn Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt, wer böse ist, bleibet nicht vor ihm. Er dreuet täglich, will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzet und seinen Bogen gespannt und zielet. Darum, wenn wir
»Ob ein gesundes, oder ein ungesundes Jahr zu erwarten sei, solches vorher zu sagen, läßt sich nicht wohl thun. Doch aber, wenn man den Ursprung der Schwachheiten und Krankheiten eigentlich untersuchet, so kann man endlich leicht schließen, daß in einem jeden Jahre Schwachheiten und Krankheiten sich einfinden. Denn der eigentliche Ursprung der Krankheit ist Sünde. Da nun kein Jahr, kein Tag, keine Stund', keine Minute vorübergeht, daß die Menschen nicht sündigen, so können auch allezeit Krankheiten und Gebrechen sich ereignen. Denn Paulus sagt Römer 6: »Der Tod ist der Sünden Sold.«
Nach diesen Grundsätzen verfuhr der Kalendermann vom Veitsberg in seinen Kalendern; muß nicht der Nutzen, den er seiner Umgebung brachte, gar groß gewesen sein? Er hat ihrer in seinem Leben viele verfaßt, auf jedes Jahr einen für den Hausgebrauch, und wenigstens ein Dutzend größere Kalenderwerke, für geübtere Liebhaber der Sternkunde und der Kalenderwissenschaft, die mit großer Gründlichkeit, vielem Fleiße und tiefer Gelehrsamkeit geschrieben sind. Ob eines dieser Werke zu seiner Zeit gedruckt worden sei, habe ich nicht erfragen können; ich zweifle auch daran, denn der Kalendermann war zu bescheiden, um nach Ruhm von draußen her zu trachten. Die Werklein sind aber so schön und mit Handzeichnungen so sauber gezieret, daß man sie noch jetzt mit Wohlgefallen betrachtet, und den Mann bewundert, der sie allein zu Gottes Ehre, und sich selber zu Nutzen und Ergötzen schrieb. Daher sein inniger Dank gegen Gott am Schlusse eines jeden Werk
»Nun sag' ich zum Beschluß: Mein Jesu habe Dank Für seiner Weisheit Gaben, Die mir zu diesem Werk Sehr wohl gedienet haben; Ich will dich loben hier Ja noch in dieser Zeit, Und endlich auch bei Dir In froher Ewigkeit. Da will ich schauen Dich In solchem Glanz und Wonne, Sowie ich habe hier Geschaut' die Stern' und Sonne.«
Am Schlusse des ersten Theils der Kalenderlust stehen die Worte:
»Nun hab' den ersten Theil von der Kalenderlust Historice vollbracht, soviel davon gewußt. Jehova, Dir sei Dank, der Du mich stark gemacht, Daß ich hab' diesen Theil soweit zu Stand' gebracht! Wenn mir der treue Gott wird geben Glück und Heil, So soll auch folgen noch hierzu der zweite Theil. Der wird von solcher Lust die Praxis legen dar, Wie man Kalender macht auf ein begehrtes Jahr.«
Und der Schluß des ganzen Werkes heißt:
»Da nun der zweite Theil von dieser Lust geendet, So ist das ganze Werk durch Gottes Gnad' vollendet. Ich leg' die Feder hin, erhebe mein Gemüthe Mit innigster Begier, und preise Gottes Güte. Dem, der das große Rund so prächtig dargestellt, Und der der Zeiten Lauf eintheilt, wie's ihm gefällt; Dem, der da ist der Herr des Himmels und der Erden, Ja, der da ist und war und nie kann anders werden; Demselben sag' ich Dank für seines Geistes Stärke, Die mich hat ausgerüst zu machen dieses Werke; O große Majestät; o Vater, Sohn und Geist, O tiefer Weisheit Brunn', hör', wie mein Lied dich preist!«