18. Selma's Abschied vom Veitsberg.
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Von Herbst bis zu Christtag verlautete aus Holland kein Wort, eine lange Zeit des Wartens selbst für so geduldige Seelen, wie der Schulmeister und seine Familie.
Am dritten Christtag, zu ungewöhnlicher Zeit, erschien der Amtsbote von Grünberg, und lud den Schulmeister zum augenblicklichen Erscheinen vor Amt. Nicht ohne Besorgniß, es möge ein neues Leid ihm bevorstehen, rüstete sich Justus zu diesem Gange.
Wie er in die Amtsstube eintrat, so saß neben dem Herrn Amtmann ein altes Männlein, von bedächtigem Ansehen, aber freundlichen Mienen, das schien in Berathung mit dem Herrn Amtmann begriffen, und las eifrig in einzelnen Papieren, die auf dem Tische lagen. Bei Justus Eintreten erhoben sich die beiden Männer, und der Amtmann ging auf Justus zu und sprach: »Hier, Herr
Das Protokoll begann. Justus beschrieb genau den Tag der Ankunft des Kindes; sagte, was sein Bruder ihm über die Verhältnisse des Hauses van der Bruck mitgetheilt habe, beschrieb Kleidung und Schmuck des Kindes, nannte den Inhalt der Briefe, die er selber nach Holland geschrieben habe, und gab das Datum der Briefe genau an.
Mit großer Ruhe und Langsamkeit verglich der Advokat die einzelnen Aussagen mit den Papieren, die er bei sich hatte und legte zu Justus Erstaunen ihm seine eignen Briefe zur Anerkennung vor. Dann mußte Justus gleichsam Rechenschaft geben über die Erziehung des Kindes, mußte seine Gemüthsbeschaffenheit angeben und die Krankheiten, an denen es bis dahin gelitten habe.
Wie nun Justus alle diese Fragen mit deutlicher Stimme und mit großer Gewißheit beantwortet hatte, wie er bei der Schilderung von Selma's Jugend immer ergriffener und gerührter wurde, wie ihm endlich die Thränen unaufhaltsam über die Wangen herabflossen, als er von der Liebe des Mädchens gegen seine Pflege
»Ihr seid ein Ehrenmann, Herr Schulmeister«, sprach er dann. »Ich bin auch Vater, und weiß, was es heißt, Liebe haben für die, die mir Gott gab. Wenn ich Eins verlieren müßte und fände es nach langer Trennung bei euch wieder, ich würde die Trennung für nichts achten, denn ich wüßte, daß ich's doppelt wieder empfinge. Jetzt aber, da Alles zu meines Herrn Zufriedenheit geordnet ist, da ich Selma als das Kind Lewin's van der Bruck erkannt habe, so laßt uns zusammen in euer Haus einkehren und mich das Mägdlein als Tochter des Hauses van der Bruck begrüßen.«
In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekümmert über des Vaters ungewöhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die, unbekümmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er sich ehrerbietig vor ihr bückte, wie er ihre Hand ergriff und sie küßte, wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte, wie er ihr sagte, daß er gesandt sei von ihrem Großvater, sie, die sehnsüchtig gewünschte Enkelin, in das Haus der Väter einzuführen; — da stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor ihm, das einfache Landmädchen in der dürftigen Kleidung, so sittig und kindlich, daß dem alten Manne die Augen vor Wehmuth übergingen. Und wie dann Dorothe kam, und, von dem Gefühl der nahen Tren
Und die Zeit der Trennung kam, kam für Alle zu früh, selbst für den Holländer, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, daß er wiederholt sagte: »Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich möchte mit euch leben und eures Umgangs mich freuen.« Darauf aber sagte Justus nur: »Laßt uns Freunde sein auch in der Ferne und für einander beten. Ich bin ein alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.«
Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen; gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr Großvater beschenken lassen; besuchte alle Plätze, die ihr lieb waren, Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Plätzchen unter den Kirschbäumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald, in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als »Dank, Dank euch Allen!« und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.
Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein Werk und seine Wohnung unter ihnen.
»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur den lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut, mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat Vater Justus Recht.«
»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich forschte
Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes schönster Schmuck.
Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich zusammen am Marmorteich. An diesem
Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau, und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank für seine Treue!«
Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«
Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie ihr sonst gethan?