2. Der Gallusmarkt.
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Es war Gallustag des Jahres 17.., und in Grünberg, dem freundlichen Städtchen im Lande Hessen, war Jahrmarkt. Weithin über die Felder am westlichen Theile der Stadt breitete sich eine vielfache Reihe von Zelten aus, manche einfach von Leinwand, manche groß und mit mehr Kunst von Baumästen aufgeführt, zum Nutzen und Vergnügen der Marktgäste. Da sah man hoch aufgeschichtet die Holzwaaren vom Vogelsberg, Löffel und Küchengeräthe, zierlich mit Figuren geschmückt, und vor Allem Spinnräder, bunt von Farben und künstlich ausgedreht, mit Ringlein und hölzernen Springmännlein, die bei jedem Umschwung des Rades tanzten. Zwischen den Spinnrädern durch gingen sittig und prüfend die Mägdlein, mit den Krämern feilschend, und der Winterabende gedenkend, wo die bunten Räder zum lustigen Gespräch der Spinnstube schnurren sollten.
Von vielen Kunden besucht, bekannten und unbekannten, und manchen Gruß rufend und manchen Händedruck gebend, sah man dort die Schuhmacher von Alsfeld und Homberg guten Markt halten, während die Messerschmiede von Lauterbach mit den Kindern um die Batzenmesserlein feilschten, klein und mit hölzernen Stielen, indeß der Kaufmann von fern her, auf dem Nagel den Stand der Messer und Gabeln prüfte und dutzendweise sie mit sich nahm.
Hell glänzten dort in der Octobersonne die Zelte und Buden der Blech- und Kupferschmiede von Grünberg, und ihnen zur Seite hatten auf dem grünen Rasen einer Wiese zwischen den Herbstzeitlosen, die Niemand beachtete, die Töpfer von Marburg und Hausen ihre bräuchliche Waare ausgestellt.
Es war gute Zeit im Lande, die Erndte war reichlich ausgefallen, in den Säcken des Bauern war Geld und die Kaufleute waren billig und ließen Alles um den halben Preis, wie sie sagten, aus lauter guter Freundschaft. Wohin man nur sah, da bemerkte man frohe Gesichter. Selbst um die Bude eines reisenden Doctors her gab's mehr Lachen, als Weinen; denn so schrecklich der Mann selber aussah in seiner ungeheuren Perücke und seinem dreieckten Bordenhut darauf und seinem rothen Rock mit thalergroßen Stahlknöpfen und seinem Halsband von Menschenzähnen; so
Und was doch in der Bude gegenüber das Bier so trefflich schmeckte und die Würste so lieblich dufteten; denn wer that's je den Metzgern von Grünberg in ihrer Blutwurst gleich! Nur Einer wagte zu versichern, die seine sei besser, fetter und delicater, das war ein Metzger aus Schotten, der seine Bude nicht fern von dem Grünberger aufgeschlagen hatte, und allen Kunden mit Stirnrunzeln nachsah, die hinüber zu dem Grünberger gingen; »denn Schotten«, sagt er, »liefert die beste Wurst auf weit und breit;« und »alls herein, meine Herrn«, rief er, »alls herein, hier ist Alles zu haben für Mund und Herz, Musik und Schauspiel, wenn's beliebt!«
Das Schauspiel war aber eine Gesellschaft von Hunden, theils in Bordenröcke gekleidet, mit Hüten und Perücken auf den Köpfen, theils in Reifröcke gehüllt und die Damen vorstellend. Die führten nach dem Ton einer Sackpfeife, die ihr Herr blies, allerlei kurzweilige Tänze aus, machten einander Diener und Knickse, und benahmen sich ganz anständig, bis ein Spaßvogel ihnen ein Stück Wurst zuwarf, worauf sie schnell in ihre Hundenatur zurückfielen.
Da gab's unmäßiges Gelächter, in das eine Schaar von Knaben aus vollem Halse einstimmte, die mit Holz und Strohbündeln unter den Armen den benachbarten Höhen zueilten. Denn wer mag ein Knabe sein in der guten Stadt Grünberg und kein Gallusfeuer sehen! Zwei Freuden auf einmal; von den Höhen herab den
»Gallmarkt ist da! Drum heraus Aus dem Haus! Wer Bier hat, der trink's, Wer Holz hat, der bring's Zum Gallusfeuer, Zum Gallusfeuer!«
Während so Geschäftigkeit und Frohsinn den Jahrmarkt belebte, schallte durch das Getümmel hindurch der dumpfe Ton einer Trommel, in den sich schrillernd die Melodie einer Querpfeife mischte. Alles was abkommen konnte, drängte sich der Stelle zu, und man sah, was man lange nicht gesehen hatte, zween Polacken in Pelzkleidern und mit großen Prügeln in den Händen, die führten an einer langen Kette einen Bären, und auf dem Rücken des fürchterlichen Thieres saß, o Wunder und Entzücken! ein Aefflein in einem rothen Jäckchen, sonst nichts um und nichts an. Das Aefflein tanzte auf dem Bären und schlug Purzelbäume, und aß Aepfel und warf die Krutzen nach den Zuschauern. Und der Bär tanzte auch, aber viel ungelenkiger und schien gar keine Freude an seinem Tanzen zu haben, und bekam viele Prügel, daß er zum Entsetzen von Jung und Alt erschrecklich brummte.
In der Menschenmenge, die den Bären von allen Seiten umgab, hielt seit geraumer Zeit eine Chaise; denn es war nicht möglich, auch nur einen Schritt weit vorwärts zu kommen. Der Kutscher war abgestiegen und stand vor den Pferden, und hielt ihnen die Augen zu, und strich ihnen den Hals, und gab ihnen Schmeichelnamen aller Art; denn den Pferden war's bange vor dem
Die Pferde zogen rasch an mit manchem gefährlichen
Da es endlich dem Riesenwirth scheinen wollte, als thue der Jäger seine Schuldigkeit nicht, so trat er an den Kutschenschlag, um ihn zu öffnen, wurde aber von dem Jäger ziemlich unsanft zur Seite geschoben. Da öffnete sich von innen die Thüre und statt eines alten, gebrechlichen Reisenden, den man vermuthet hatte, sprang schnell und leicht ein junger Mann, in einen weiten Reisemantel gehüllt, heraus, und half mit der rechten Hand, während er die linke unter dem Mantel verborgen hielt, als trüge er etwas, einem, wie es schien, eben so jungen Frauenzimmer aus dem Wagen. Ueber das Alter seiner Reisegefährtin ließ sich nichts sagen, denn ein dichter Schleier verbarg ihr Angesicht; aber mit rüstigen Schritten folgte sie dem Begleiter in ein Zimmer im
Der Riesenwirth, der die Fremden auf ihr Zimmer geleitete, sprach vom Wetter und vom Vergnügen, das er habe, solche vornehme Marktgäste beherbergen zu dürfen, und wie er es bedaure, den Herrschaften heute kein besseres Zimmer anbieten zu können, sintemal die Marktbesucher schon Alles besetzt hätten, und machte Bücklinge über Bücklinge; aber es kam aus dem Munde der Fremden keine Antwort. Ein Wink des Herrn nach der Thüre gab zu vergehen, daß die Reisenden allein zu sein wünschten, und kopfschüttelnd entfernte sich der Riesenwirth. Nach einiger Zeit erschien der Jäger, der ab- und zugegangen war, und verlangte für seine Herrschaft ein Mittagessen, nahm aber alle Schüsseln dem Riesenwirth vor der Thüre ab und trug sie selber hinein. Das kam dem Wirthe immer sonderbarer vor, und er säumte nicht, seinen Gästen mitzutheilen, wie in seiner langen Wirthschaft ihm so eigne Leute noch nicht vorgekommen seien, und wie dahinter gewiß etwas stecke. Und die Gäste theilten seine Meinung und blickten von Zeit zu Zeit hinab auf die Straße und staunten den Wagen an, vor dem bereits eine Anzahl Schaulustiger sich gesammelt hatten.
»Hätte ich nicht mit meinen Augen gesehen, wie der Jäger das Fuhrwerk ausgepackt bis auf den Grund, es möchte mich schier bedünken, es wär' noch allerei fremdes Gethier in dem Kasten«, sagte Einer aus den Umstehenden. »Und sehet nur«, hub ein Zweiter an, »wie tief die Axen hinabreichen, fast scheint es, der Wagenkasten schleife auf dem Boden. Es sieht das Ding fast einer Feuerspritze ähnlicher, denn einem Herrnwagen.« »Aber das bleibt gewiß«, sprach ein Dritter, »schön ist das Fuhrwerk; seht
So ging eine Stunde des Gallustages nach der andern hin. Der Markt vor der Stadt nahm seinen fröhlichen Fortgang, die Gäste im Riesen gingen aus und ein, und der Jäger bediente die fremde Herrschaft allein. Als es Abend ward, trat er unter das Thor und schaute sich die Marktbesucher an, wie sie gingen und kamen. Eben ward das Marktglöcklein gezogen, zum Zeichen, daß für heute das Kaufen und Verkaufen aufhören solle, da trat der Riesenwirth zu dem Jäger heran und sagte, auf das Fuhrwerk der Fremden zeigend: »Schön Fuhrwerk das!« »Wem's gefällt«, war des Jägers Antwort. »Scheint im Ausland gebaut zu sein?« »Denk's auch«, sagte der Jäger. »Ist die Herrschaft schon lang auf der Reise?« fragte der Riesenwirth. »Ziemlich!« — »Weit her?« — »Soll's meinen!« »Aus Frankreich?« — »Nein!« — »Holland?« — »Ja!« — »Also aus Holland ist die Herrschaft?« fragte erfreut der Riesenwirth. »O das ist schön, große Ehre für Grünberg. Doch wohl ein Kaufmann, der auf unserm Gallusmarkt denkt Geschäfte zu machen? Glück zu! Gibt auch nur einen Gallusmarkt auf weit und breit.« Damit folgte der Riesenwirth zweien Gästen, die eben in sein Haus eingingen.
»Hört Landsmann«, rief der Jäger einem Bauer zu, der näher getreten war, sich das fremde Fuhrwerk zu besehen, »wo seid ihr her, wenn's erlaubt ist, zu fragen?« Der Bauer lüftete seinen dreieckigen Hut und sprach »Wie's euren Edlen gefällt, ich bin von Göbelnrod.« »Nun dann seid ihr ja nicht weit vom Veitsberg«, sprach
Eine milde Octobernacht breitete sich über die Stadt Grünberg aus. Die Sterne schienen friedlich vom dunkelblauen Herbsthimmel hernieder, aber Friede brachte ihr Glanz nicht allen Menschenseelen an diesem Abend. Die Buden auf dem Marktplatz waren geschlossen, um erst am Morgen zu neuer Geschäftigkeit geöffnet zu werden, und mit festen Schritten und einander zurufend, schritten die Wächter auf und ab. In den Bäckereien war man emsig beschäftigt, neuen Vorrath zu backen, und aus den Häusern der Metzger hörte man das taktvolle Fallen der Hackmesser. Aus allen Gasthäusern und Herbergen schallte Tanzmusik und Jubel, und die Mühe des Tages ward vergessen in der neuen Mühe, die man Freude nannte.
Auch im Riesen war Tanz, und von dem Saale auf dem Hinterbau drang der Ton der Instrumente und das Jauchzen der Fröhlichen durch alle Zimmer des Hauses. Eben drängte sich der Wirth, dicke Schweißtropfen auf seiner Stirne, zum hundertsten Male durch das Getümmel, um den Durstigen einen neuen Trunk zu bringen; da winkte ihm die Hausmagd zur Seite und sagte in ängstlichem Tone, indem sie sich schüchtern umsah: »Herr, mit den Fremden, die heute hier eingekehrt sind, ist es nicht geheuer. Denkt nur, ich ging eben an ihrer Stube vorbei, da hörte ich Kindergeschrei drinnen, so wahr ich lebe, Kindergeschrei; ist das nicht fürchterlich? Darum lassen sie Niemanden hinein, und liegen wie die Dachse im Baue, während der unleidliche Jäger wie ein Jagdhund davor liegt, und Unsereinem nicht einmal ein freundlich Gesicht gönnt, zumal am Gallustag.« »Nun was wird's sein, Susann'«, rief der Riesenwirth, »was wird's
Und doch hatte die Susanne recht gehört. Es hatte wirklich in der Stube der Fremden ein Kind geweint, und ein Kind war es gewesen, was der Reisende unter seinem Mantel verbarg, als er aus dem Wagen stieg. An dem Bette ihres Kindes saßen die Aeltern an diesem Abend, während die Tanzmusik schallte, und weinten und klagten, und je lauter das Jauchzen der Fröhlichen wurde, desto betrübter wurden sie. »Ist's denn gar nicht zu ändern, Lewin«, sprach weinend die fremde Dame, indem sie einen Kuß auf die Stirne eines lieblichen Mädchens drückte, das schlafend im Bette lag; »ist's denn gar nicht zu ändern, und muß ich mich von meinem kleinen Engel scheiden? Ach ich halt' es nicht aus! Thue Alles, was du willst; sage lieber vor aller Welt, ich wäre nicht dein Weib, nur nimm mir mein Kind nicht, meine Selma. Sage deinem Vater, was du willst; sage ihm, wir seien nicht getraut. Geh' allein zurück, vergiß mich, wenn du kannst, aber laß' mir mein Kind. Ach, in fremdem Land es zurücklassen, Wochen und Monate nichts von ihm hören, wie kann ein Mutterherz das ertragen?« — »Mora«, hub der Fremde an, indem die Thränen fast seine Stimme erstickten, »hältst du mich denn für einen Wilden, ohne Gefühl und Glauben? Weißt du nicht, wie ich selber gekämpft, bis dieser fürchterliche Entschluß gefaßt war?
Wie der Tag anbrach, verlor sich ein Tänzer nach dem andern vom Tanzplatze; die Musik verstummte, und
Ein leises Pochen an die Thüre weckte zuerst den Herrn; und wie er sich erhob, da fuhr mit einem Schrei auch die Frau auf, und griff hastig nach dem Kinde an ihrer Seite. Es war der Jäger, der anfragte, ob's der gnädigen Herrschaft gefällig wäre, das Frühstück zu nehmen? Ein Kopfnicken war die einzige Antwort. Im Hinausgehen fragte der Herr hastig: »Bist du fertig, Heinrich?« »Zu dienen, Ihre Gnaden«, war die Antwort.
Unberührt stand noch das Frühstück, als der Jäger bald darauf in einen weiten Mantel gehüllt zur Stube hineintrat und an der Thüre stehen blieb. Da schritt die junge Frau hastig auf das Bett zu, wo das Kind ruhte, schlang mit Hast mehrere Tücher um dasselbe, knüpfte eine Perlenschnur von ihrem Halse ab und band sie dem Kinde um, und unter sanftem Weinen sprach sie: »Nimm den letzten Kuß, Engel meines Lebens; der Herr sei mit dir, mein Herzenskind. Und nun fort, Heinrich, fort, oder ich sterbe auf der Stelle!« »Hier, Heinrich«, rief mit abgewandtem Angesicht der Fremde, und legte einen schweren Beutel in des Dieners Hand. »Alles bleibt nach der Verabredung.«
O Menschenherz, wie viel Jammer bereitest du dir selbst! Wie wahr bleibt deines Heilands Wort: »Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.«
Der Morgen des 17. Octobers war so schön, wie nur ein Herbsttag sein kann im lieben Deutschland. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel herab, der Herbstthau schimmerte noch im Grase, und zwischendurch zirpten die Heimchen. In langen weißen Fäden flog der Sommer über die Felder hin, hier von einzelnen Sträuchern in seinem Flug aufgehalten, und dort vom Morgenwind einem Wandrer entgegengeführt. Eine eigenthümliche Stille herrschte in der Natur, nur hin und wieder unterbrochen vom lauten Schlag der Drossel oder vom sanften Gesang des Rothkehlchens. O unser Vaterland ist schön zu jeder Jahreszeit; und wer mit dem Frieden Gottes in der Brust hinaustritt auf die gesegneten Felder oder auf die grünen Höhen, der fühlt tief das Wort der Schrift: »Groß sind deine Werke, Herr, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.« —
Die Stille des Herbstmorgens waltete auch um das Häuschen her, in dem der Schulmeister Jakob Konrad Justus wohnte. Das stand auf dem Veitsberg, eine Stunde von Grünberg, neben der Kirche, und drum her eine kleine Zahl von Häusern. Von der Höhe herab übersieht man eine Reihe von Dörfern, deren Bewohner sonntäglich entweder die Kirche vom Veitsberg, oder die vom Wirberg besuchen. An den Kirchhof lehnt sich das Schulhaus, damals wie jetzt noch klein und unscheinbar, aber heimisch und traulich gelegen. Trauben rankten an der Sonnenseite empor und bedeckten fast die kleinen Fenster, und zwischen den breiten Blättern schimmerten blau und hellgrün die saftigen Trauben hervor. —
In dem Häuschen herrschte eine düstere Stille, nur
»Guten Morgen, Bruder!« rief's da plötzlich, und der Jäger, den wir zu Grünberg im Riesen kennen gelernt, eilte über die Gräber weg, und schlang seinen Arm um den Schulmeister und küßte ihn. Aber erschrocken fuhr er zurück, als er die Thränen in seinen Augen gewahrte. »Was ist mit euch, Bruder«, rief er, »habt ihr Eines der Euren verloren? Doch nicht meinen Pathen Heinrich, das wolle Gott verhüten!« »Sei willkommen«, sprach freundlich der Schulmeister, »auf dem Grab meiner Jüngsten muß ich dir heute die Hand reichen. Aber es ist auch so gut; der Herr hat's gethan! Siehe, diese sind mir ja noch übrig, meine Dorothe, mein Heinrich, meine Marie und meine Anna. Bin ich da nicht reich genug? — Und woher kommst du denn, Bruder Heinrich, und was trägst du denn unter deinem Mantel? Ein Kind? Wem gehört denn das? Dein vielleicht?« »Seid ihr verheirathet, Schwager?« fragte Dorothe. »Davon laßt uns drinnen im Hause reden«, sprach in leiserem Tone der Jäger, »was ich euch zu sagen habe, gehört nicht vor Jedermanns Ohren.«
Wie sie nun in's Haus gegangen waren und der Jäger die Tücher, mit denen es umhüllt war, abgebunden hatte, da erwachte das Kind, und da es die gewohnten Gesichter nicht sah, so fing es an zu weinen. Dorothe nahm es auf ihren Arm und liebkoste es, und hieß die Marie hinausgehen und Milch für das Kleine holen, während Anna auf einen Schemel stieg, um sich den kleinen Fremdling besser zu betrachten.
»Wo das Kind eben ist, Schwägerin«, sprach da der Jäger, »in euren Armen, da möcht' ich es gern auf einige
»Ich wünschte, Heinrich«, hub da der Schulmeister an, »du sagtest mir erst, ehe du mich mit dem Gelde versuchst, wem das Kind gehört und ob es ehrlicher Leute Kind ist; denn selbst deine Bitte könnte mich nicht vermögen, ein fremd Kind in mein Haus zu nehmen, wenn nicht Alles ehrlich dabei zugeht.«
Da erzählte der Jäger, was er von den Aeltern des Kindes wußte; wie sein Herr ein vornehmer, reicher Kaufmann aus Delft in Holland sei; wie er van der Bruck heiße; wie der Vater desselben ein harter Mann sei, der sich der Heirath seines Sohnes widersetzt habe; wie aber dennoch diese Verbindung zu Stande gekommen sei; wie aber die Aeltern ihr im Ausland gebornes Kind nicht mit nach Holland zurücknehmen dürften, weil dadurch ihre Verbindung dem alten Vater verrathen würde; wie sie aber bald wiederkommen und das Kind mit tausend Dank aus den guten Händen, denen sie es vertraut, nehmen würden.
Wie der Jäger so sprach, ging der Schulmeister Justus kopfschüttelnd auf und ab. Endlich blieb er vor dem Bruder stehen und sagte: »Dein Wort in Ehren, Heinrich, aber es will mich sonderbar bedünken, wie so reiche, vornehme Leute, denen die Welt offen steht, ihr Kind in das Haus eines armen Schulmeisters thun wollen, den sie gar nicht kennen. Und dann muß wohl zwischen den Leuten nicht Alles in Richtigkeit sein, sonst nähmen sie
»Was den ersten Einwand betrifft, so steht hier der Mann, dem du das Zutrauen meiner Herrschaft verdankst. Hab' ich nicht bereits 14 Jahre, erst dem alten und dann dem jungen Herrn treu und redlich gedient, und wird mein Herr mir nicht glauben, wenn ich ihm sage: Mein Bruder, der Schulmeister vom Veitsberg, ist ein armer, aber ehrlicher Mann und wird dem Kinde Eurer Gnaden ein treuer Wächter Leibes und der Seelen sein!«
»Da hast du wohlgesprochen, Heinrich«, sprach der Justus, »wie ein Bruder vom Bruder reden soll; aber wie steht's mit dem zweiten Punkt? Der Teufel ist in mancher Gestalt schon in mein Häuschen gekommen, und hat mich zu allerlei Werk gebrauchen wollen, ich möchte auch dießmal erst wissen, ob's vom Herrn ist, oder von ihm, daß dieß Kind in mein Haus soll.« »An diesem Wort kenne ich dich, Bruder«, sprach der Jäger ernst, »und weil ich dich kenne, so habe ich meinen Herrn vermocht, von seinem Trauschein und dem Taufschein des Kindes eine Abschrift nehmen zu lassen; die habe ich beide hier, und sieh nur, sie sind von deinem Freund, dem Stadtschultheiß Weinrich zu Braubach, geschrieben und gesiegelt; was willst du mehr?« Der Schulmeister warf einen flüchtigen Blick auf die Papiere, und sein Angesicht ward heiter, als er sprach: »Ja das ist meines guten Weinrichs Hand; so sei es denn!«
Die letzten Worte schien Dorothe nicht gehört zu haben; sie war ganz in den Anblick des fremden Kindes vertieft, und drückte es wiederholt an ihre Brust. Jetzt stand sie auf und das Kind in ihren Armen trat sie zu ihrem Manne und sprach freundlich: »Justus, laß mir das
»Aber Dorothe«, sprach der Schulmeister, »wenn nun die fremde Herrschaft bald wiederkommt und verlangt ihr Kind, und du hast dein Herz daran gehängt, mußt du dann nicht noch einmal fühlen, was es heißt: »Rachel beweinte ihre Kinder, und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen?« »Du hast Recht, Justus«, sprach Dorothe, indem sie das Kind küßte, »daß du mir heute schon sagst, wie es bald ein Ende nehmen soll auch mit dieser Freude; aber ich hab' ja das Verlieren schon vielfach gelernt, so werd' ich auch das überstehen. Sagt der fremden Herrschaft, Schwager, ihr Kind sei bei mir gut aufgehoben. Und nun macht's euch bequem, und sprecht ein freundlich Wörtlein mit eurem Pathen Heinrich. Seht nur, wie er an eurem Munde hängt, als wolle er euch zwingen, sein zu gedenken.« »Nun, das Nöthigste
Da half kein Widerreden, und nach einigen Minuten schon wanderten die Brüder dem Berg hinab auf Grünberg zu. Wie sie allein waren, da ward erst von der fremden Herrschaft gesprochen und von dem Kinde, und von den Briefen, die bald ankommen sollten. Dann hielt der Jäger plötzlich im Gehen ein, und des Schulmeisters Hand ergreifend sprach er: »Warum, Konrad, bist du noch immer auf dem Veitsberg, und warum immer noch nichts anders als Schulmeister?« »Das frage den«, sprach der Schulmeister ernst, »der Etliche zu Aposteln gesetzt hat, Etliche zu Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern. Er wird mich wohl zu nichts Besserem brauchen können, denn daß ich über eine kleine Heerde ein Hirte sei.« »Nun, das muß ich sagen«, rief der Jäger heftig, »denkst du selber so von dir und deiner Fähigkeit, dann geschieht dir Recht, wenn Andere auch so denken, und den Justus sein Thränenbrod auf dem Veitsberg essen lassen bis an sein selig Ende. O wer nichts aus sich macht, aus dem macht auch die Welt nichts. Wer unter den Wölfen ist, der muß mit ihnen heulen, und lernst du dich nicht schicken und drücken und bücken, so bleibst
»Hebe dich weg von mir, Satan«, sprach traurig lächelnd der Schulmeister, »du vergissest, daß ich Justus heiße. Wenn ich zum Schmeichler und zum Broddieb hätte werden wollen, dann wär' ich's während meiner Wartezeit geworden, die an 16 Jahre gedauert hat. Jetzt, wo ich durch des Herrn Gnade Amt und Brod habe, und wo mein Haupt weiß wird, sollen da meine grauen Haare mir nicht eine Krone der Ehren sein, die auf dem Wege der Gerechtigkeit erfunden werden? Und dann vergissest du, Bruder, daß die Ruthe noch nicht zerknickt ist, die meinen Rücken bis dahin geschlagen hat. Der Gerst lebt noch, und so lange er lebt, haßt er mich und schlägt mich und Gott hat ihm viel Gewalt gegeben, damit ich immer recht demüthig bleibe und mich nie überhebe. Er ist mein Satansengel, der mich mit Fäusten schlägt. Wie Paulus habe ich den Herrn angefleht, oft und viel, und er hat auch zu mir gesprochen: »Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Und ich fühle ja täglich seine Kraft. Seit ich hier bin auf meinem Veitsberg und Weib und Kinder habe und mein täglich Brod, und mein Amt mir gelingt über Bitten und Verstehen, da bin ich recht glücklich und bitte Gott um kein anderes Loos. O wenn ich manchmal auf dem Kirchhof stehe, und die Sterne betrachte, wie sie auf- und untergehen, dann ist es mir, als hätte jeder Stern, der kommt, seinen Gruß vom lieben Gott an mich, und jeder, der untergeht, einen Trost vom Heiland: »Noch ein Kleines und ich will dich
»Bruder«, sagte der Jäger, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, »du bist ein glücklicher Mensch, viel glücklicher, denn ich. Mein Herz ist wie ein Schifflein auf offener See, und das darum, weil ich weder fest glauben, noch recht lieben kann. Nein, an meinen Todfeind kann ich nicht denken, wie du an ihn denkst. Der Gerst hat dir Alles geraubt, was den Menschen das Leben lieb macht, deine ganze Jugend und deine ganze Ehre vor der Welt, und mußt noch froh sein, daß er dich das Brod eines armen Schulmeisters in Ruhe essen läßt. Das könnt' ich nicht ertragen! Und wehe dem Menschen, wenn ich je in dieser Gegend längere Zeit bleiben sollte; ich würde ihm Alles eintränken, was er je Böses an dir gethan hat!« »Und was hättest du damit für mich gethan, Heinrich?« fragte ernst der Schulmeister. »Nichts, sage ich, gar nichts! Die Jugend ist vorüber, wer denkt an mich, und wer will mich? Laß mir mein Loos; es ist Freude mit Zittern, und meinen Glauben laß mir auch, der mich lehret: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.« —
So schieden die Brüder; und in derselben Stunde, wo der Schulmeister vom Veitsberg sein Haus betrat, da fuhr die fremde Herrschaft aus der Stadt Grünberg hinaus.
Es ist dir gewiß, mein lieber Leser, im bisherigen Gang unserer Geschichte Manches dunkel geblieben, worüber du gerne Aufschluß haben möchtest. Laß mich dir denn zuerst sagen, wer der Justus war, den du mit mir lieb gewinnen sollst.
Folge mir einmal an den schönen Rhein, wo die Reben wachsen, deren Wein Tausende erfreut, und an dessen Ufer schöne Städte und Dörfer liegen, und in dessen hellen Wellen sich viele alte Schlösser beschauen, von denen viel schöne und schaurige Sagen im Munde des Volkes gehen.
Dort am Rhein, im Herzogthum Nassau, liegt dicht am Ufer ein sauber Städtlein, Braubach geheißen, und drüber auf hohem, hohem Berge steht ein Schloß, noch wohl erhalten und bewohnt, das heißt die Marksburg.
Links von dieser Marksburg zieht durch eine tiefe Schlucht zwischen steilen Bergen und durch Gestrüpp und Dorn ein Fußpfad über's Gebirge nach dem Bade Ems. Etwa in der Mitte des Weges liegt zwischen Wäldern und Bergwiesen ein stattliches Haus, das Jägerhaus genannt. Dem sieht man auf den ersten Blick an, daß es noch neu ist, auch daß es eingerichtet ist zum Nutzen und Vergnügen der Badereisenden, die jetzt zu Tausenden die Bäder dort im Gebirge besuchen, und nicht Alle dort gesund werden. So war es nicht in der Zeit, von der wir hier reden. An der Stelle des Jägerhauses, das jetzt nicht viel mehr, denn ein Gasthaus ist, lag die Wohnung des Landgräflich Hessischen Försters; denn die ganze Gegend umher gehörte zu Hessen, auch ein Theil des Bades Ems gehörte dazu,
In dem Jägerhaus im Walde, mit den Hirschgeweihen über der Thüre und mit den großen Schweißhunden an den Seiten, lebte damals der Förster Zacharias Justus. Der hatte, wie man sich ausdrückt, von der Pieke auf gedient; war erst Jägerbursche gewesen in verschiedenen Förstereien, und hatte dann, nachdem er aufgedingt worden war, mit dem Hirschfänger an der Seite, vieler Herrn Länder durchreist, vieler Menschen Städte gesehen, und wußte von den Wölfen in Frankreich und von den Bären in Polen eben so gut zu erzählen, wie von den Hirschen in Flandern. Doch was er mitgenommen hatte in die Fremde, ein treues deutsches Herz, das brachte er wieder mit heim, und man machte ihn, weil er die Försterei aus dem Grunde verstand und ein meisterhafter Schütze war, zum Förster auf dem Jägerhaus bei Braubach. Und der Justus fand noch mehr, denn sein Försteramt, er fand auch ein Eheweib, und mit ihm was Gutes und Wohlgefallen vom Herrn. Denn Kunigunde, des Försters Ehefrau, war armer Leute Kind, aber ein sauber und züchtig Mägdlein und reich durch ein demüthig, fromm Herz. Und Justus lebte sehr glücklich mit ihr, und versicherte mehr als einmal, er habe manchen Meisterschuß gethan und manchen guten Preis davon getragen, aber seine Kunigunde sei der höchste Preis, den er gewonnen. In dem Försterhaus war viel Friede und viel Frömmigkeit, ohne Sang und Klang, aber treu und wahr. Und in diesem Sinne erzog Kunigunde ihre Söhne, Jakob Konrad und Johann Heinrich. War der Jüngste dem Vater ähnlicher, so hatte der Aelteste ganz seiner Mutter Herz, und Kunigunde freute sich innig, als ihr Konrad sich für den geistlichen Stand be
Diese Wünsche der Aeltern schienen in Erfüllung gehen zu wollen. Konrad kam von der Universität zurück und hatte was Tüchtiges gelernt, und Heinrich ging, wie einst sein Vater, mit Büchse und Hirschfänger auf die Wanderschaft. Da geschah es, daß der Rhein einst gewaltig anschwoll. Große Schneemassen waren in der Schweiz, von wannen er kommt, geschmolzen, und das Wasser stieg und stieg, und das Städlein Braubach war in großer Gefahr. Von der Marksburg herab donnerten die Kanonen, um die Umgegend zur Hülfe aufzubieten; aber es hatte Jeder mit der eignen Sorge genug zu thun, und die Noth ward von Minute zu Minute größer. Vornen, dicht am Rhein, stand ein Häuschen, von dem man nur noch das Dach sah, und vom Dache aus rangen zwei Frauensleute jammernd die Hände und flehten um Rettung. Doch Jeder hatte mit sich und seiner Noth vollauf zu thun, und der Strom war so gewaltig an der Stelle, daß Niemand sein Leben wagen wollte. Da sah man plötzlich einen Mann sich mit einer Fahrstange nach einem Baume hinarbeiten, an dem ein Nachen angebunden war, sah ihn eilig hineinspringen, und sah, wie die Strömung ihn rasch auf das Häuschen zutrieb. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den Strom; mit übermenschlicher Anstrengung hielt er sich am Gebälke des Häuschens fest, und im Nu trieb der Strom den Nachen mit den beiden Geretteten und dem kühnen Schiffer den Strom hinab.
»Wenn dem der liebe Gott nicht tausend Engel zur Hülfe schickt«, rief ein schnurrbärtiger Grenadier von der Marksburg, der helfend am Ufer stand, »so ist er doch verloren, seht nur, der Nachen dreht sich wie eine Nuß
Indessen kamen immer Mehrere herzu, auch der Förster vom Jägerhaus, und kaum erblickte er den durchnäßten Jüngling, so schloß er ihn weinend in seine Arme und rief laut: »Also du, mein Konrad, hast das Meisterstück gemacht! Nun Junge, das war brav! Hat mir doch das Herz geklopft, als ich dich im Wasser sah; hätt' ich gar gewußt, du seist es, ich glaube, ich wäre schier vor Angst gestorben. Aber nun schnell hinauf in meines Gevatters Heinzmanns Wingertshäuschen, da will ich dich letzen und umkleiden, ehe das Gerücht dich todt sagt, und die Mutter nicht deinetwegen sich prest.« »Und ihr, Frau«, so wandte er sich freundlich zu der Geretteten, »könnt mit eurer Tochter, — das wird ja wohl das zitternde Mägdlein dort sein, — zu uns in's Jägerhaus hinauf ziehen; denn ihr
Die Frau gab auf die freundliche Rede keine Antwort; sie schien in Gedanken versunken zu sein; ihr Blick ruhte bald auf ihrer Tochter, einem zarten Mägdlein von sechszehn Jahren, bald auf dem Häuschen, das sie kaum verlassen und an das noch immer die Wellen gleich drohend schlugen. Der Förster wiederholte noch einmal seine Einladung, fast noch dringender denn zuvor. Da fuhr das Weib wie aus einem Traume auf und sprach wehmüthig: »Ihr scheint es gut mit einer Unglücklichen zu meinen, und nach eurer Kleidung seid ihr ein Jäger; habt ihr ein treues Herz in der Brust, so nehmt mein Kind hier mit euch und gebt ihm eine trockne Kleidung, mich aber laßt hier, bis ich weiß, was es mit meinem Häuschen da drüben giebt. Dort im Wasser liegt Alles, was ich habe, mein ganzer Reichthum und meine Hoffnung und meines Kindes Glück. Wenn das Wasser mein Häuschen umgeworfen hat, dann gönnt freundlich mir armen Weib ein Stückchen Brod, und gebt mir Gottes Segen mit auf den Weg; denn dann bin ich sehr arm.« Und die Fremde weinte laut.
Da sprach der Förster heimlich mit dem Grenadier von der Marksburg, und hieß ihn, auf das Weib achten; nahm seinen Konrad an einer und das fremde Mägdlein an der andern Hand, und nach einer Stunde schon hatten sie das Jägerhaus erreicht, in trockne Kleider sich gehüllt und mit Speise sich erquickt. Das Mägdlein brachte die Försterin zu Bette, sprach ihm Muth und Trost ein, denn es war gar schüchtern, und saß lange an seinem Lager, den Blick voll Theilnahme auf das schöne Angesicht gerichtet,
Am Abend kam der Grenadier in's Jägerhaus, und erzählte, wie das Wasser im Abnehmen begriffen sei, wie alle Leute von der schönen That des Konrad Justus viel Rühmens machten, wie aber die fremde Frau keine Nahrung und kein Obdach annehmen wolle, sondern immerfort am Ufer hin und her laufe und nach ihrem Häuschen sähe, sie müsse zweifelsohne große Schätze in demselben haben. Er für sein Theil meine, wer sein Leben im Trocknen habe, der soll von seinem Geld und Gut denken: »Laß fahren dahin, sintemal der Mensch nichts mit in die Welt gebracht, und also auch nichts mit hinausbringen werde.«
Am nächsten Tage, nach einer Nacht voll trüber Besorgnisse, lief die Nachricht ein, das Wasser sei bedeutend gefallen; und nicht lange, so kam auch die fremde Frau, blaß wie der Tod und zitternd wie das Laub im Winde. Sie trug ein Bündlein nasser Kleider unter dem Arm und sprach, wie aus dem Grabe schien ihre Stimme zu kommen: »Wenn du ausgeruht hast, Dorothe, dann laß uns gehen, arm sind wir hierher gekommen, noch ärmer gehen wir weiter. Das Kästchen, das meine Hoffnung enthielt, ist im Wasser versunken, und mit ihm unser Lebensglück! Habt Dank, ihr guten Leute, für euren
Da war an kein Weggehen mehr zu denken; die Kranke ward zur Ruhe gebracht, und Wochen gingen hin, in welchen sie kaum ein Stündlein ihrer bewußt war; das Fieber raubte ihr alles Bewußtsein, alle Erinnerung an ihr gehabtes Leid. Ihre Dorothe war wie umgewandelt; aus dem ängstlichen Kinde war eine kräftige Krankenpflegerin geworden, und Anstrengungen und Nachtwachen, denen ihr zarter Körper sonst unterlegen wäre, ertrug sie mit Kraft und Heiterkeit. So versetzt der gute Gärtner manches zarte Pflänzchen in rauhen Boden, damit es stark werde in seinem Dienst. Darum wollen wir uns rühmen der Trübsal, weil wir wissen, daß sie Geduld bringet.
An dem Krankenbette der Mutter, die bewußtlos da lag, erzählte dann Dorothe unter vielen Thränen ihr Lebensschicksal. Ihr Vater war ein wohlstehender Kaufmann gewesen in Arnsberg in Westphalen, und hatte plötzlich all' sein Hab' und Gut durch den Bankerott eines Handlungshauses verloren, auf dessen Wohlstand er zu viel getraut hatte. Der Kummer darüber hatte den ehrlichen Mann auf ein Krankenlager geworfen, von dem er nicht wieder aufgestanden war. Seit zwei Jahren stand
Bei solchen Unterredungen ward manch' schönes Trostwort von den guten Förstersleuten gesprochen. »Man soll Gott nicht vorgreifen wollen«, sagten sie, »seine Gedanken seien nicht unsere Gedanken, und seine Wege nicht unsere Wege; und wen er warten lasse auf ein Glück, dem wolle er es doppelt süß machen; sein Rath sei wunderbar, aber er führe Alles herrlich hinaus!«
Wenn die Alten so sprachen, und die trüben Augen der Dorothe ob der freundlichen Rede vom Glanz der Hoffnung prahlten, dann saß Konrad schweigend da, und schüttelte nur mit dem Kopfe; denn er konnte die Hoffnung der Aeltern nicht theilen. Er hatte mit dem Gerst Jahre lang auf der Universität zugebracht, und kannte ihn genau. Er wußte, daß er zu den bösen Buben gehörte, die viel Gutes verderben, und daß er sich in Fressen und Saufen, in Kammern und Unzucht, in Hader und Neid umhergetrieben habe. Auch manche verführte Seele hatte der Unglücksmensch auf dem Gewissen, und hatte sie nicht eher aus den Klauen gelassen, bis er ein Kind des Satans aus ihr gemacht. Wenn er dann in's reine Angesicht des Mägdleins schaute, in's Auge so blau und klar und schuldlos, wenn er seine Stimme hörte, so mild und fromm, dann ergriff ein inniges Mitleid ihn. Und das Mitleid ward zum Wunsche, dieser verlassenen Unschuld ein Tröster und Schützer zu werden, und aus dem Wunsche ward die
Nach einigen Wochen konnte Dorothe's Mutter das Bett verlassen, und auf ihrer Tochter Arm gestützt, freute sie sich wieder des warmen Sonnenscheins und der frischen Luft, die über die Berge hinzog. So waren sie einst auf dem grünen Waldweg hingegangen, der hinab nach Braubach führt, und der Mutter Herz hob sich in Dank und Preis gegen Gott, und ihr Ohr lauschte dem frommen, heiteren Gespräch der guten Tochter. Wie die Jugend denkt, heiter und sorglos, so dachte auch Dorothe, und malte der Mutter eine gar frohe Zukunft. Wie sie so fleißig sein, und für die Mutter arbeiten wolle, wenn sie wieder daheim seien; wie der liebe Gott Mittel und Wege genug finden werde, ihnen ihr täglich Brod zu geben, wie vielleicht auch die Erbschaft ihnen noch zufallen könne, denn es seien ja schon größere Dinge möglich geworden; davon sprach Dorothe, und ward immer heiterer, und auch über der Mutter Angesicht breitete sich eine leichte Heiterkeit.
Da kam von Braubach herauf ein Mann auf die Frauen zu, und wie er näher kam, erkannten beide in ihm den Advokaten Gerst. Die Mutter erschrack bei seinem Anblick, und wollte einen Seitenweg einschlagen, aber der Gerst trat ihr in den Weg und sprach, indem er sein Gesicht zu einem wohlwollenden Lächeln zusam
»Die ist ohnehin verloren«, sprach mit mühesamer Fassung die Frau; »sparet darum die Mühe. Wären die Papiere, auf die es ankommt, noch in meinen Händen, so könnte mir auch ein Andrer helfen, der es ehrlicher meinte, denn ihr. Versucht mich nicht mehr mir euren Reden und Versprechungen. Meinen Entschluß wißt ihr, und in meinem Herzen habe ich die Hoffnung auf das Geld niedergekämpft, und Gott wird mich auch diesen Verlust tragen lassen. Geht also und quält mich nicht.« Da trat der Gerst schnell auf die Frau zu und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr und die Frau taumelte zurück, und hielt sich, einer Ohnmacht nahe, an einem Baume fest. »Wie nun«, rief der Advokat mit lauerndem Blick, »wie nun, Frau Kunz, ist sie jetzt bereit, meinen Willen zu thun?« Da sah ihn die Frau Kunz mit einem Blicke tiefer Verachtung an und rief mit starker Stimme: »Nein, auch jetzt nicht. Geh', du Ungeheuer, jetzt erst kenne ich dich ganz! Thue, was du nicht lassen kannst; bestiehl Wittwen und Waisen, aber verlange nicht, daß sie ihre Seligkeit dir verkaufen. Glaubst du nicht an Gott und an's künftige Gericht, so
Und das Krankenlager sollte nach Gottes Willen ihr Sterbebette werden. Die Unterredung mit dem bösen Gerst hatte ihre Krankheit wieder zurückgerufen; sie brach in neuer Heftigkeit aus. Wieder folgten Nächte der Angst auf Tage der Sorge, wieder wachte Dorothe am Lager der Mutter, still und hoffend. Aber der Herr hatte es anders beschlossen.
Wie die Mutter fühlte, daß ihr Ende herannahe, da sprach sie zum Förster Justus, der mit den Seinen neben ihrem Bette stand: »Förster, ihr habt Großes an mir gethan, mehr als ein Bruder an der Schwester thun kann, und habt's gethan mit stillem, gutem Sinn. Der Herr vergelt's euch und eurem lieben Eheweib. Wenn ich zu Gott komme, will ich für euch beten, daß euer Leben leicht, und euer Ende selig werden möge. Es wird mir das Sterben schwer, weil ich mein Kind unversorgt muß hinter mir lassen. Nehmt euch seiner an, und macht ihm eine gute Herrschaft aus, daß es sein Brod ehrlich verdienen kann. Wacht über dem Mädchen, soweit ihr könnt. Vor Allem aber, Förster, gebt mir eure Hand darauf, und auch ihr, gute Frau, bewahrt es vor dem Gerst. Mein Geld hat er gestohlen, meines Kindes Herz soll er nicht rauben dürfen; das soll dem Herrn bleiben.« — »Und du, Dorothe, habe du dein Leben lang Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch thust wider Gottes Gebot. Sündigest du aber, so wisse, daß du einen Fürsprecher hast beim Vater; an den halt' dich fest, auf den bau' und
Wie dann die Kranke erschöpft zurücksank, und Dorothe mit lautem Weinen ihre Hand küßte, da trat Konrad weinend vor seine Aeltern hin, und sprach also: »Vater und Mutter, ich muß mir ein Herz fassen, mit euch zu reden. Ich hab' Dorothe von Herzen lieb, gebt mir das Mägdlein; sie ist fromm und gut, und steht jetzt so einsam in der Welt. Sagt ja, daß ihre Mutter uns noch segnet, ehe sie stirbt, und den Trost mit hinübernimmt, daß sie Vater und Mutter und den Schützer gefunden hat.«
»Konrad«, sprach da der Förster, »kommt's vom Herrn, was du beginnst, so sag' ich ja, und gebe dir meinen Segen.« »Dorothe, willst du mit diesem Manne ziehen?« fragte mit schwacher Stimme die Sterbende. Und Dorothe legte schweigend ihre Hand in die Rechte des Jünglings. »Amen!« lispelte die Mutter und starb. Und wie Konrad und Dorothe an dem Bette niederknieten, Hand in Hand und die Augen voll Thränen, da brach die Abendsonne roth und golden durch die Regenwolken und ihr Schein röthete das blasse Angesicht der Todten. Der Friede der Seligen ruhte drüber.
Es ist noch eine Ruh' vorhanden; Auf, müdes Herz und werde Licht! Du seufzest hier in deinen Banden, Und deine Sonne scheinet nicht. Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden Dich wird vor seinem Stuhle weiden; Wirf hin die Last und eil' ihm zu! Bald ist der schwere Kampf vollendet, Bald, bald der saure Lauf geendet, Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! —