11. Der verlorene Sohn.
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Es war einige Wochen nach diesem Abendgespräch, und der März war gekommen, und hatte den Schnee geschmolzen und die Erde bereitet für den nahenden Frühling. Und seine Vorboten, die wir immer so freudig begrüßen, kamen auch auf den Veitsberg. Auf dem Storchnest zu Saasen war unter dem Jubel der Kinder der Sommergast eingezogen; unter den Hecken am Berge blühten die ersten Blumen, und der Buchfink schlug auf den Kirschbäumen so laut und anhaltend, als daure ihm der Aufbruch der Knospen zu lange, als wolle er sie wachsingen.
Wie der Tag sonnenhell gewesen war, von einem frischen Lüftchen, das mit dem Märzstaub spielte, gekühlt, so war auch der Abend, von dem wir reden, ein sternheller, stiller Märzabend. Das Abendbrod im Hause des Schulmeisters vom Veitsberg war schon seit länger als eine Stunde verzehrt, und er selber saß an seinem Tische im Lehnstuhl, und schrieb seine Beobachtungen über den Kometen auf, und berechnete, den Blick manchmal auf eine große Sternkarte gerichtet, die er selber entworfen hatte, den Lauf des Kometen. Dorothe machte sich der
Da fing es an in der Guckucksuhr an der Wand lebendig zu werden, die jetzt wieder auf die Minute ging, seit sie der Schreinerkaspar in Händen gehabt hatte, und das Thürchen thät sich auf, daraus mit dem Schlage der Stunde der Vogel zu kommen pflegte; und das war ein Zeichen, daß es noch fünf Minuten vor dem Schlag seien. Auf dieß Zeichen erhob sich der Schulmeister von seinem Sitze, setzte die Hausmütze auf den Kopf, und sagte: »Dorothe, ich will das Spinnglöcklein ziehen, es wird nicht weit von acht Uhr sein. Die Leuchte nehme ich heute Abend nicht mit, denn es ist sternhell, und sollt ich nicht hurtig wieder da sein, so mache dir keine Gedanken darüber, ich möchte den Kometen einmal wieder aufsuchen; der scheint sich seit voriger Woche rar machen zu wollen.«
Damit ging der Schulmeister zur Thüre hinaus und trat auf den Kirchhof. Der Himmel war sternhell, aber der Komet war nicht da. An der Stelle des Himmels aber, wo ihn des Justus Auge suchte, war eine andere wundervolle Himmelserscheinung. Vier schmale Lichtstreifen, nicht so breit als der Schweif des Kometen, aber viel feiner und länger, breiteten sich in Kreuzesform über einen großen Theil des Nachthimmels aus. Daß sie vom Kometen herrührten, dessen Kern man nicht mehr sah, war kein Zweifel; und der Schulmeister stand wie angewurzelt,
Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht, denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und hatte auf den Gräbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die sonst bei nächtlicher Weile für den Furchtsamen Orte des Schreckens sind, sehr befreundet und ängsteten ihn nicht.
Er hatte sein Geschäft vollendet, die Thüre rasch hinter sich zugeschlagen, und wollte eben den Schlüssel aus dem Schlosse ziehen; da rief aus der Kirche eine laute Stimme: »Laßt auf, es ist Jemand in der Kirche!« Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: »Wer ist denn in der Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn
»Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen«, sprach der Schulmeister, »ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten, der muß ein gut Gewissen haben.« Da der Fremde auf diese Rede keine Antwort gab, so fuhr er fort: »Thätet ihr aber nicht besser, Fremder, wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet für diese Nacht, statt hier in der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafplätzchen vergönnen darf?« »Daß sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht, denn hier, das weiß ich wohl«, sprach der Fremde, »aber wer wird einen Reisenden um Gottes willen aufnehmen mögen, der seinen letzten Pfennig ausgegeben hat?« »Wie man anklopft«, sagte der Schulmeister, »so wird einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die nächste Thür' und versucht's.« »Wo ist denn die nächste Thüre«, fragte der Fremde, »und wie heißt das Oertlein hier auf dem Berge?« »Das Dörfchen heißt der Veitsberg«, sagte Justus, »und die nächste Hausthüre ist die meine.« »Und wer seid ihr?« fragte langsam der Fremde. »Ich bin der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an, sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's Aug' sehen könnt,
Der Freunde stand zögernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen mit der Frage: »Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister?« »Das Bedenken, das in eurer Frage liegt,« sagte Justus, »kann ich errathen, und will's schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber meine Dorothe denkt wie ich: »Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus.« Sie wird weder scheel sehen, noch maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der ein Obdach bei uns sucht; unser Dörfchen hat kein Wirthshaus.«
Der Fremde zögerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber Justus nahm schnell das Wort und sagte: »Dorothe, der Fremde hier wollte in unserer Kirche übernachten, ich habe ihn eingeladen, für diese Nacht Herberge bei uns zu nehmen.« »Das wolle Gott verhüten«, sprach freundlich Dorothe, »daß ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die könnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's euch bequem, ihr werdet müde sein und hungrig wohl auch, laßt mich euch einen Imbis bereiten!« »Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen Kleidern kommt, einen Herrn?« sprach düster der Fremde. »Gute Frau, ihr thut mir zu viel Ehre an.« »Sprecht nicht von Ehre«, antwortete Dorothe freundlich, »bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind,
Wäre Dorothe nie in der Schule der Prüfung gewesen, hätte sie dann so reden können? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so fördert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage, das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der Psalm: »Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein Wort.«
Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von frischgelegten Eiern; und der Fremde aß mit großer Begierde, und man sah es ihm an, wie er sich Gewalt thun mußte, seinen starken Hunger nicht zur Schau zu tragen.
Während Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drüben im Schulstübchen das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit ihm. Doch ging das Gespräch nicht sonderlich von Statten; denn der Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm heraus, daß er unter den Preußen gedient, als diese unter ihrem König, dem großen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, daß man ihm wohl anmerkte, er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu verrathen. Viel gesprächiger ward er aber, als
So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden: »Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, daß wir mit euch und für euch loben und danken in dieser Abendstunde.« Als der Fremde schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein Hausbüchlein von dem Kammbank, darin er für sich und die Seinen zu täglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche Gebetlein für allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete mit lauter Stimme also:
»Barmherziger, gnädiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, daß du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterniß unterschieden; den Tag zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Thiere erquicken. Ich lobe und preiße dich in allen deinen Wohlthaten und Werken, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch deine göttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurück legen lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, daß ein jeder Tag seine eigne Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und Beschwerung aufhören wird. Ich danke dir von Herzen für all' das Gute, das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit, die du an mir täglich thust. Ich danke dir für die Abwendung des Bösen, das mir diesen Tag begegnen können, und daß du
»Amen«, sprach feierlich der Schulmeister; »und nun Dorothe, meine Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im Evangelium Lucä stehen wir, im fünfzehnten Kapitel, am eilften Verse.« Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein gläubiger Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichniß vom verlorenen Sohne.
Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Händen und mit gesenktem Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir«, — da seufzte der Fremde zum Herzbrechen, und große, dicke Thränen stürzten aus seinen Augen und er rief laut: »Mein Vater, mein Vater!« Dann ward er plötzlich wieder stille, sprach auch kein Wort mehr, als: »Gute Nacht!« und ließ sich von seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.
Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Mit Gebet für das Heil des Fremden, der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib eingeschlafen; »denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der Schulmeister gesagt, »trügt mich der Augenschein nicht gänzlich, so beherbergen wir einen verlorenen Sohn; möge er nur bald heimkehren zu seines Vaters Haus.«
Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt und hinausschauen in den Morgen, der, einen schönen Märztag
»Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan«, fragte der Schulmeister, »das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe euch aufgenommen, da ihr sonst
»Wer sich gewöhnet hat, in Ehren sich zu freu'n, Wird auch bei ernster Sach' nicht träg und schläfrig sein.«
Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen Walde verborgen gehalten, denn er schämte sich der Lumpen, die ihn deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte mit dem Schulmeister durch die Wälder nach Gießen zu.
Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frühlings zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglöckchen, oder hingen sich an die Kätzchen der Salweiden, während der Specht mit
»So muß es wohl sein«, sprach der Fremde, »denn die Schrift sagt's, und mag für die ein großer Trost in dem Sprüchlein liegen, die gleich Hiob sagen können: »Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens halber.« Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind; wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, daß ihr Leid sie zum Heil führe?«
»O gewiß«, sagte der Schulmeister, »wenn sie nur ihre bösen Wege lassen und die Stimme Gottes nicht überhören, die in den Folgen ihrer Sünden zu ihnen spricht und sie zur Buße rufet. »Denn so wahr ich lebe, spricht der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe.« Denn bei ihm ist viel Vergebung.«
»Ich glaube das«, sagte der Fremde, »ja seit der letzten Nacht, die ich durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich früher nie verstehen konnte: »wie Gott nicht will, daß Jemand verloren gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.« Aber wie ist es mit den Menschen, nehmen die auch die Sünder so
»Kümmert euch das«, sprach theilnehmend der Schulmeister, »so laßt die Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den euren Rückweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlösung, und habt ihr durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft vernommen: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben«, — dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und sagt ihnen: »der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch«, sie werden euch nicht von hinnen weisen. Und thäten sie's, was verlöret ihr dabei? Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermögen Alles durch den, der uns mächtig machet, Christus.«
»Ach, ihr wißt nicht«, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt hatte, »wie ich meinen Vater gekränkt habe. Ich war sein einzig Kind, und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und betrog und entwich endlich, und ließ meinem Vater einen Haufen Schulden zurück. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir helfen wollen auf gute und böse Weise, und bin immer tiefer
»Mein Freund«, sagte der Schulmeister tief ergriffen, »lernet doch erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im Gleichniß: »Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küssete ihn«, — der muß wohl gewußt haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann aufhören: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und Mutterlieb' höret nimmer auf; die ist stärker als der Tod, tiefer als das Meer, höher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: »Geht nur, mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewiß auch Gott uns vergibt in Christo Jesu.«
»Amen, so sei es«, sprach der Jüngling; »mit diesem Trost will ich meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend Dank für Rath und Trost, und erlaubt mir, daß ich noch einmal zu euch komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde geführt, der ist nicht mein Name; meines Vaters Namen zu führen, schäme ich mich.«
Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem
O wie mag dir der Heimweg so süß und friedlich gewesen sein, du guter Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was dort der Prophet sagt: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!«
»Dort ruft, o möchte Gott es geben! Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu: Heil sei dir, denn du hast das Leben, Die Seele mir gerettet du! O Gott, wie muß das Glück erfreu'n, Der Retter einer Seele sein!« —
Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gießen. Unerkannt, wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: »Hört, Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen, der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Paß und Schreiben sich
So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und schüttelte den Kopf, als er den letzteren gehört, und sagte: »Seid ihr wirklich der, für den ihr euch ausgebt, so muß ich um des Gewissens willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn Platzkommandanten vorzuführen. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich heute Abend gehört, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber diesen Soldaten mit euch, der euch zurückbringen wird, falls ihr nicht auf dem rechten Wege bleibt.«
In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten Straßen, lenkte in die Schloßgasse ein und ergriff den Klopfer einer Hausthüre, um hinein zu gehen. Doch die Thüre war verschlossen. Ungestüm hämmerte er mit dem Klopfer an der Thüre. Die ward auch bald geöffnet, aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: »Wollt ihr zum Herrn Rath Laupus, so kommt später wieder, der Herr Rath sind krank und lassen Niemand vor sich.« Dieses hören und den Bedienten zur Seite stoßen und die Treppe hinanstürzen, war bei dem Fremden das Werk eines Augenblicks. Ungestüm riß er die Thüre zum Schlafzimmer seines Vaters auf, und mit lautem Schrei stürzte der verlorene Sohn vor das Bette des todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem Fieberschlafe auf, starrte um sich
Indem klopfte es an die Thüre; eine alte Frau, die als Wärterin am Ofen gesessen hatte, öffnete sie, und ließ einen Mann herein, der auf das Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: »Herr Rath, ihr habt meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein?« »Ich danke euch, Herr College Gerst«, sprach der Rath Laupus, »daß ihr meinem freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte sein, daß ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr mein Gebet erhört, und meinen Benjamin mir zurückgeführt hat, so geht nur mein Begehren an euch,
Die Wärterin hatte ihn mittlerweile nicht aus den Augen gelassen; ihre Blicke ruhten forschend und stechend auf seinem schönen, aber finstern Angesicht. Jetzt trat sie leise zu ihm, tupfte mit dem Finger auf seine Schultern und sagte: »Seid ihr der Rath Gerst?« »Ja«, war die Antwort. »Und seid aus Braubach am Rhein?« Dieselbe Antwort. »Und kennt auch Einen, seines Standes ein Theologe, mit Namen Justus?« Der Rath verfärbte sich und fragte: »Wie so, was ist mit dem?« »Nun, ich merke,« sagte die Alte, indem sie den Mann mit ihren Augen zu durchbohren schien, »ich bin auf der rechten Spur. Was mit dem Justus ist, fragt ihr? Dem geht ein Teufel in Menschengestalt schon seit Jahren nach, und suchet, wie er ihn verschlinge. Laß ab, du Teufel, von dem Gesegneten des Herrn, oder es ergeht dir, wie Dathan und Abiram, die der Herr verschlang mit seinem Feuer.« »Und wer seid ihr denn, unverschämtes altes Weib«, sprach der Gerst in leidenschaftlichem, aber gedämpftem Tone, »daß ihr es wagt, mich in dem Hause meines Freundes zu beleidigen, habt ihr keinen Respect vor meiner Person und meinem Amte?« »Wer ich bin«, rief das Weib mit zornrothem Angesicht, aber ebenfalls in gedämpftem Tone: »Ich bin des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche, nachgelassene Wittib; und ich Barbara Lindin sage euch, habe allen Respect vor eurem Amte, das von Gott geordnet ist, vor euch selbst aber habe ich weniger
Die alte Lindin war im beßten Zuge, kein gutes Haar an dem Gerst zu lassen; denn das war ihre schwächste Seite, daß sie nicht schweigen konnte, wenn es galt, ein Unrecht zu strafen, oder einen Freund zu vertheidigen. »Denn«, sagte sie, »eifern ist gut, wenn's immerdar geschieht um's Gute.« Zum Glücke für ihren Gegner, der sich nicht mehr zu helfen wußte, rief der Herr Rath Laupus ihn an sein Bette, und er ergriff bald die erste Gelegenheit, sich aus der Krankenstube zu entfernen, nicht ohne einen Blick der Rache auf die alte Lindin geworfen zu haben, den diese standhaft aushielt und treulich erwiederte.
Heute war der Racheengel dem Gerst in Gestalt der alten Lindin genaht, möchte sein Gewissen bald erwachen und er uns in anderem Lichte erscheinen, wenn wir ihm in unserer Erzählung wieder begegnen! Doch die Sünde läßt ihren Knecht nicht sobald aus ihrem Solde. »Wie der Löwe auf den Raub lauert, also ergreifet zuletzt die Sünde den Uebelthäter.«
»Blumenglöcklein läuten Durch die Thäler hin, Weiße Schäflein weiden In der Wiesen Grün. Vöglein singen Lieder, Singen lauten Schlag, Frühling kehrte wieder, Rief die Erde wach. Und auf linden Lüften Kommen Engelein, Schmücken rings die Triften, Kehren bei uns ein; Sagen, daß dort oben Ew'ger Frühling sei, Wer hinaufgehoben, Sei von Kummer frei; Wer hinaufgehoben, Schaue Jesum Christ, Der zum Vater droben Segnend gangen ist. — Wenn der Lenz gekommen, Dann gedenke sein; Wen er aufgenommen, Wird sein Engel sein.«
So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war gekommen und mit ihm das Osterfest, für die Alten das Fest der Lieb' und Herrlichkeit, und für die Jungen das Fest der bunten Eier und des lauten, frohen Jugendspiels auf grüner Flur. Aus dem Thal herauf hörte man das Jauchzen der Kinder, und das Herz
O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hörte sie nicht gerne, und gäbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu heben, der über der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht müde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die unrechte Thüre; lernten wir doch Den frühe zu unserm Rathgeber wählen, der länger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hält und uns nie von sich scheucht; bei ihm würden wir Ruhe finden für unsere Seelen.
Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der Mutter die Thränen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben, und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge, wenn er fromm und gut bliebe? »Ja«, sagte Dorothe, »es wird dir immer gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, daß bald Winter ist und bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag stürmisch und rauh ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben, und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille hält, dem kommt auch nach jedem Win
»Kindelein, bete fein, Wird dir Gott gnädig sein!«
Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thränen standen, gleich als verstünde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie sagte; denn Mutterthränen sind zart geschliffene Gläschen, durch die das Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein Brücklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf führt der Herr die guten Engel herüber und hinüber.
Mittlerweile war der Vater draußen gewesen im Hausgärtchen, um sich an seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frühlingstag zu neuem Leben gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglöchern hingen. Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine große Veränderung war seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anständig angethan, aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermüthiger Zug in seinem Angesicht sagten deutlich, daß die Nacht auf dem Veitsberg nicht die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen, erzählte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben;
Wie der Name des Gerst von dem jungen Laupus genannt ward, da senkte der Justus und sein Weib das Haupt, da war es ihnen, als lege sich eine Centnerlast auf ihr Herz; jetzt, wo sie des Gerst, ihres Todfeindes, eigne Worte gehört, von einem Versprechen gehört, das er für sie einem Sterbenden geleistet, da sahen sie sich mit einem Blicke an, aus dem alles Leid ihres bisherigen Lebens sprach, und Justus sagte mit einem tiefen Seufzer: »Herr, dein Wille geschehe.« Sonst aber ward in Gegenwart des Laupus kein Wort über den Gerst gesprochen, weder lobend noch tadelnd. Der Jüngling ward wie ein lieber Gast behandelt, als hätte er eine frohe Botschaft, nicht eine so traurige gebracht, und es ward ihm wieder so wohl unter den lieben Menschen, daß es ihm schwer hielt,
»Es scheint fast«, sprach der Schulmeister zu seiner Dorothe, als er in sein Haus trat, »als sollte unsere Prüfungsschule etwas länger dauern, wie wir meinten. Nun es geschehe Gottes Wille an uns; ist seine Hand auf unserm Rücken, so muß unsere Hand auf unserm Munde sein, daß wir nicht klagen, und seinen Rath verachten. Nach Frieden haben wir lange getrachtet, sei es denn auch bei uns also: Je länger begehrt, je süßer gewährt.«
Und so kam es denn; die Trauer zog wieder ein in's Haus des Schulmeisters, aber dießmal ward sie nicht von Menschenhänden gebracht, die Hand des Herrn nahm, was sie gegeben hatte; Magdalenchen, das Jüngste von des Schulmeisters Kindern, ward krank und starb. Wie er aber diesen Schlag aufnahm, und wie Dorothe ihr Kind beweinte, das haben wir schon gesehen. Und mit dem Tag seiner Beerdigung kam ein fremder Gast in's Schulhaus,
Monate lang warteten Justus und sein Weib auf den versprochenen Brief aus Holland, aber er kam nicht und es ward ihnen ängstlich zu Sinn, um des Kindes willen. Als nun endlich ein Jahr vorüber war, und die gewünschte Nachricht noch immer ausblieb, da schrieb Justus selbst nach Holland, erzählte viel von dem Kinde, wie es sichtlich zunehme und schön an Leib und Seele werde, und bat dringend um Antwort, aber die Antwort blieb aus. Abermals nach einem Jahre schickte er einen zweiten Brief ab; aber auch der hatte keinen Erfolg. Wenn dann Justus den Kopf schüttelte und von den Möglichkeiten sprach, die Vater und Mutter des Kindes betroffen haben könnten, auch Besorgnisse über die Zukunft des Kindes äußerte, dann sprach Dorothe: »Justus, laß' nur den lieben Gott walten, hat er dem Kinde Vater und Mutter genommen, so will er, daß wir ihm beides seien. Ich freue mich sein, als wäre ich seine Mutter, und mag's nicht von mir lassen, denn mein Herz hängt an ihm. Thun wir an ihm, als einem eignen Kinde, so wird es nicht wissen, von wannen es stammt, und nach nichts Anderem begehren, als uns gehorsam zu sein, wie ein Kind den Aeltern. Nach zeitlichem Vortheil haben wir ja nicht getrachtet, als wir's zu uns aufnahmen, so soll es denn auch nie erfahren, was es uns gekostet, sondern nur, wie lieb wir es gehabt.«
Und so geschah es; Selma wuchs als Töchterlein des Schulmeisters auf, nannte die Pflegeältern Vater und Mutter, und wollte nie glauben, was da und dort eine geschwätzige Nachbarin dem Kinde in's Ohr flüsterte, als es zu begreifen anfing, was es heiße, Vater und Mutter verlieren und eine Waise sein. Wer aber dem
Besonders war es die alte Lindin, die an dem Kinde ein besonderes Wohlgefallen hatte. So lange es ihre Kräfte erlaubten, kam sie von Zeit zu Zeit auf den Veitsberg gegangen, und später ließ sie sich sogar dorthin fahren, um einen frohen Tag bei ihren Freunden zu verleben. Dann nahm sie oft Stunden lang die Selma auf ihre zitternden Kniee, erzählte ihr in leisem Tone allerlei Scherz und Ernst, prägte manch' Sprüchlein ihrem Gedächtnisse ein, lehrte sie beten und die Lieder ihrer eignen Kindheit singen. Und wann sie dem Kinde bei seinen Spielen zusah, dann füllte sich oft ihr starres Auge mit Thränen und ihre Lippen bewegten sich zum Gebete für das Wohl ihres Lieblings.
O wohl dem Kinde, dem solcher Segen wird in's Leben mit hinein gegeben! Das Gebet für die Kinder ist wie der Thau von oben, den der Ackermann nicht entbehren kann, und wenn er das Saatfeld noch so treu bestellt. Der Thau kommt über Nacht, und des Gebetes Segen auch; und was die Hitze des Tages auch aufzehrt, der Abend bringt's wieder neu, und Blüthe und Frucht zeugen vom Vater des Lichts, von dem herabkommt alle gute und vollkommene Gabe. —
»Es ist kein Dörflein so klein, Ein Hexenmeister muß drin sein.«
Dieses Sprüchlein, das aus dem Volke hervorgegangen ist, wird durch die Erfahrung bestätigt. Man wird noch heute nicht leicht ein Dorf finden, in welchem nicht Einer wohnte, von dem man sagt: »Er kann etwas.« Was er aber nach der Meinung der Leute kann, oder zu können vorgibt, das ist, daß er dem Vieh in Krankheiten zu helfen weiß mit allerlei Hausmittelchen, auch wohl dem Herrn Doctor in's Handwerk pfuscht, und allerlei Tränklein bereitet, und Pillen dreht, die der Kunst zu Schaden und Schande manchmal helfen, da sie mit vollem Glauben genommen werden, und so diesen Winkeldoctoren den Zulauf beständig erhalten. Unter ihnen sind aber auch nicht Wenige, die dem Glauben des Volkes noch mehr zusagen, indem sie durch ihr bloßes Wort, durch allerlei Sprüchlein, in denen der Name Gottes nicht selten gemißbracht wird, Blutungen stillen, behextes, d.h. krankes Vieh kuriren, Diebe ausfindig machen, ja bannen und festmachen können gegen Hieb und Stich. Da mögen hundert Täuschungen und Betrügereien an den Tag kommen, da mag man eifern, wie man will, und durch alle mögliche Gründe der Vernunft und des Christenglaubens das Uebel an der Wurzel angreifen, die Sache bleibt und wird bleiben noch manches Jahr. Der ganzen Erscheinung, die man schlechthin Aberglauben nennt, liegt das Bestreben zu Grunde, sich mit der Geisterwelt in Verbindung zu setzen, denn nicht alle diese Hexenmeister sind Betrüger, sie sind viel häufiger Betrogene, denen der Muth bei
Aus ihrer Mitte gehen auch die Schatzgräber hervor, ein unruhiges und keineswegs kleines Völklein, die ihr Wesen wie die Nachteulen im Dunkeln treiben, und unendliches Elend im Volke verbreiten. Sie gehen zu den dummen, reichen Glückspilzen, die gerne ohne sonderliche Mühe noch reicher würden, spiegeln denen allerlei Luftschlösser voll Gold und Silber vor, locken ihnen aber dabei ihr liebes Geld listig aus der Tasche, und sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Zu ihnen gesellen sich herunter gekommene Handwerker aus kleinen Städten, und Bauern, die das Sprüchlein vergessen haben: »Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen, verricht' das Deine nur getreu«, und die dann wachend und schlafend von Schätzen träumen, die da und dort in verfallenen Schlössern, oder an Orten liegen sollen, wo es nicht geheuer ist. Bisweilen ist auch Einer unter ihnen, den man da am wenigsten suchen sollte, ein Mann von Lebenserfahrung und Wissenschaft, der nur in diesem Einen Stücke wie von einem bösen Geiste irre geführt wird, und es für möglich hält, mit Hülfe von Erdspiegel und Wünschelruthe verborgene Schätze aufzufinden.
Diesen Aberglauben nähren und erhalten eine Anzahl Bücher, die sich da und dort noch unter dem Volke finden, und in so hohem Ansehen stehen, daß sie fast um Geld nicht feil sind, und wie die köstlichsten Schätze vor den Dieben müssen gewahrt werden. Sie stammen größtentheils aus alter, finsterer Zeit, sind auch wohl, wenigstens der Titel sagt's, aus dem Arabischen übersetzt, und manche sind nicht einmal gedruckt, sondern finden sich nur in einzelnen, höchst seltenen Handschriften. In diesen Büchern
Eine besondere Classe dieser Düsterlinge ist jetzt seltner geworden, aber aufgehört hat sie heute noch nicht ganz, lange Zeit hindurch eben so unentbehrlich an den Höfen der Fürsten, wie die Hofnarren. Die Erfahrung, daß durch Mischung von mehreren Stoffen ein neuer entsteht, von neuer Farbe, Beschaffenheit und Brauchbarkeit, und daß verschiedene Metalle, mit einander verbunden, ein neues
O man muß einen dieser Goldmacher selbst gekannt haben, um einen rechten Begriff von ihrem Thun und Treiben zu bekommen. Denke dir, lieber Leser, du hast ein altes Männlein kennen gelernt, mit einem Fuß bereits im Grabe, dessen ganze Gestalt von Vernachlässigung und selbstgewählter Peinigung dürr und gebeugt ist, in dessen Augen aber ein lebhaftes Feuer glüht, und dessen Gespräch immer tiefsinnig und dunkel ist. Es ist dir gelungen, sein Vertrauen dir zu erwerben, und du bittest, der seltsame Mann möge dich in seine Weisheit einschauen lassen. Da geht ein feines Lächeln über sein Angesicht; da sieht er dich mit sonderbaren Augen an und spricht: »Wohlan, es sei; aber junger Mann bedenke, der Stein liegt tief, und es gehört viel Ausdauer dazu, ihn zu heben. Hier nimm zuerst dieß Buch und lies es mit Bedacht und unter viel Beten und Ringen und sei nüchtern und wachsam, denn die Weisheit von oben ist am ersten keusch. Du nimmst das Buch, es ist von Jakob Böhm und führt den seltsamen Titel: »Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgange.« Du liesest in dem Buche und bringst es mit der Versicherung wieder, du könnest es nicht verstehen. Wieder lächelt das Männlein fein und gibt dir ein zweites, Theologia mystica, oder geheime und verborgene Lehre von den ewigen Unsichtbarlichkeiten.« Fängt es nun ein wenig an in dir zu dämmern, wo es eigentlich mit dieser verborgenen Weisheit hinaus will, und du wirfst da und dort ein Wörtlein in's Gespräch hinein, so nimmt dich dein Lehrer auch wohl einmal in seine Werkstätte mit. Die ist von Rauch geschwärzt und mit Staub bedeckt. Auf zerbrochenen Bänken stehen Gläschen mit Flüssigkeiten von verschiedenen Farben, und auf einem kleinen Herde siehst du eiserne Tiegel zum Schmelzen der Metalle. Du fragst nach dem Zweck von diesem und jenem, aber du hörst wenig, und was du hörst, verstehst du nicht, und bekommst immer nur den Rath: »Gemach, junger Freund; lernt erst in euch selber graben nach dem Stein, dann wird euch ein Wunder nach dem andern aufgeschlossen werden.«
Doch warum schildere ich das Alles gerade an diesem Orte? Weil es Leute dieses Schlages waren, die in das Leben unseres Justus störend eingriffen und ihm der trüben Tage viel bereiteten. Seine Beschäftigung mit dem Sternenhimmel, seine Kalender, die, so schlicht und einfach sie auch waren, doch nicht von Allen verstanden wurden, ließen ihn Vielen von diesen Grüblern als einen von Ihresgleichen erscheinen, den man herzuziehen und brauchen müsse.
So dachte auch der Fleischhauer von Grünberg, dessen wir schon einmal bei Gelegenheit gedachten, wo Justus mit seinen Hausfreunden über den Kometen von 1744 redete.
Der Fleischhauer aber war ein geheimnißvolles Geschöpf, ein alter Junggeselle, aber ein unzugängliches, störriges und boshaftes Männlein. Er wohnte in einem
Einer wollte ihn gesehen haben, wie er Abends um die Kirchhofsmauer geschlichen sei; ein Zweiter sagte, der Fleischhauer sei nie lustiger, als wenn ein Nachbar sterbe, und manch' alt Mütterchen erzählte es zähneklappernd und mit scheuem Blicke am Born, wie der Böse gar nicht selten in Gestalt eines feurigen Drachen in seinen Schornstein hineinfahre. Wo es aber etwas gab, im Trüben zu fischen; wo es sich um eine Hexerei handelte, oder ein Schatz gehoben werden sollte, da kamen die Geisterbanner und Schatzgräber bei Nacht und Nebel in's Haus des Fleischhauers, und wußten sich viel von der sonderlichen Erfahrung des Mannes zu erzählen, und wie er gar kostbare Bücher, namentlich »die schwarze Rabe«, habe, und diese Bücher zu lesen verstünde, und wie sein Rath Goldes werth sei.
Dieser Fleischhauer hatte es auf unsern Justus abgesehen; und als dieser einst in der Nähe seines Hauses ein Geschäft zu besorgen hatte, sah er sich plötzlich von einem Männlein begrüßt, und unter vielen Bücklingen in ein Häuschen zur Seite gezogen. Dort erst gab sich das Männlein als den Herrn Fleischhauer zu erkennen, und versicherte mit vielen Redensarten, wie es sich freue, den Herrn Schulmeister Justus bei sich zu sehen, und wie er nach solcher Ehre schon lange getrachtet, und gerne auf Mercurio verborgen; bin erst im schwarzen Raben, und ist auch die Schwärze eine gesegnete und selige Schwärze, so sehne ich mich doch, sie mit der allerweißesten Weiße überkleidet zu sehen. Helft mir, Meister; auf euch hab' ich längst mein Hoffen gestellt, denn wer in Astronomia so weit ist, wie ihr, der muß in Alchemia noch weiter sein. Zudem kennt ihr ja das Sprüchlein unsrer Weisen:
Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer, Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad' Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.«
»Das Sprüchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer«, sprach Justus, »ist schön, und euer Vertrauen wäre werth, belohnt zu werden; aber ich kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem dem, was ihr gesagt, kein Wort.«
»Kein Wort, mein lieber Herr Justus?« sprach der Goldmacher und blickte mit ungläubigem Lächeln seinen Gast an. »Kein Wort? Verstehe wohl, ihr wollt mich erst recht lüstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit
»Ich euch helfen, Herr Fleischhauer«, antwortete überrascht Justus, »ich kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und weiß nicht, wie er gehoben wird. Ich weiß nur von einem Stein der Weisen, von dem dort der Prophet sagt: »Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist.« An dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir köstlich erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst mein Grabstein werden, mit dem Sprüchlein darauf: »Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn.«
»Aber«, hub der Fleischhauer halb ängstlich und halb trotzig an, »wie könnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten wollen, wenn ihr die göttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermählt, wie wir sagen?«
»Die mich den Kalendermann nennen«, sprach ernst Astrologia habe ich in meinem Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch eine und die andere Schrift in die Hände gefallen, darinnen von namhaften Männern gesagt war, die Sterne hätten Einfluß auf des Menschen Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Fürwitz und ein Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich ließ ab von solch' eitlen Fragen.«
Auf dieß Wort ließ auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr, als er sagen wolle.
Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward keineswegs froh darüber, als ihm an der Thüre der Rathhausdiener begegnete, und lächelnd sprach: »Nun Schulmeister, ihr hier beim Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat längst ein Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und eingehen.« Und als Justus ihm erzählte, wie er zu dem Besuch gekommen, da sagte der Rathhausdiener: »Will's glauben als euer guter Freund; aber vergeßt nicht das Wörtlein: Mitgefangen, mitgehangen!« —
Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun muß man wissen, daß der Rath seinem Diener den
Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gießen vorbeschieden, und ihm vor versammeltem Consistorium eröffnet: »Wie man ihm vor Jahren den Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in Rücksicht auf höhere Fürsprache, obgleich ihm schon damals kein sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getäuscht habe, weil ihm für's Erste Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdächtigen Manne in der Stadt Grünberg. Für's Zweite, so treibe er Allotria, sehe nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles für einen Schulmeister nutzlose, ja gefährliche Beschäftigungen seien. Zum Dritten, so tractire er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehörten, lehre die Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Köpfe der Schuljugend allerlei, davon sie nie Gebrauch machen könne, dadurch nur die edle Zeit verdorben und das Wort Gottes nicht gehörig getrieben werden könne. Zum Vierten, so habe man von einem zuverlässigen Manne gehört, wie er, Justus, allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht
»Das habe ich denn auch gethan«, erzählt er selbst, »in aller Demuth, wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, daß meine Herrn Vorgesetzten waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugniß von meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind hätte werfen können; hab' aber zum Schluß auch erklärt, daß ich meinen Ankläger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugniß abzulegen, das nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Doch das hat man nicht hören wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfüro wohl Acht zu haben, daß ich vor Gott und Menschen ein gut Gerücht behalte.« »So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prüfung an mir vorübergegangen, und sage zum Schluß mit Paulo: »Ich bin mir wohl nichts bewußt; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es aber, der mich richtet.«
»Also der Höllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen Trübsal!« rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser schweren Stunde sie besuchte. Krank und müde von Alter lag die Alte in ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer. »Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn er krümmte sich unter meinen Füßen«, rief sie, »aber er lebt wieder, und
Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint, aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen: Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Töchter zu blühenden Mädchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit Thränen. Sie weiß selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmücken die Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat keinen Sinn mehr für die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.
Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie allein genommen, und hat ihr Alles erzählt, was sie noch nicht gewußt, hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter gegeben, und unter viel Thränen zu ihr gesprochen: »Liebe Selma, wir haben lange mit uns gekämpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du möchtest uns fremder werden, und kein Genügen mehr
Ob dieser Rede war es dem Mädchen schaurig zu Muthe geworden; es war der Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal über das andere Mal gefragt: »Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir, du bist mein und ich bin dein?« Wie aber Justus auch dazu gekommen, und ihr voll Ernst und Rührung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich zusammengesunken, und saß nun still weinend mit der Bibel in der Hand da, und Niemand wagte sie zu stören, denn Alle wußten, daß ihr Herz betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Stärke. Wie denn der Pfingstmorgen kam, wie das Geläute der Glocken von allen Dörfern im Thal heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmückt, und von ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing Selma blaß wie eine Leiche und mit zitternden Händen das goldene Kreuz ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thränen nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte, Verbannte, Heimathlose mitten unter Glücklichen und Liebenden. Wie aber das Fest vorüber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und sprach: »Mutter, ich bin und bleibe
Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.
Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mußte, so schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenämtchen übernehmen, deren eines, das Amt eines Universitätsförsters, ihm vielen Verdruß bereitete. Es stößt an den Veitsberg ein Wald, der der Universität Gießen gehört, und über diesen übernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als Schulmeister ein Förster sein könne und legten es ihm als Habsucht aus, obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein Weib; denn Dorothe kränkelte beständig, und konnte nicht wie ehemals Tag und Nacht für der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Töchter rüstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schämten, so wollt' es doch nirgends ausreichen. Die Zeiten waren böse.
Die beständigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mißerndten verteuerten die Lebensmittel, und drückten
Dazu hatte der Gerst wieder Unkraut genug ausgestreut, und ließ nicht ab, den Justus und sein ganzes Haus zu verdächtigen. Auch waren die alten Hausfreunde fast sämmtlich gestorben, oder in die Ferne gezogen, und ihre Stelle war nicht wieder ersetzt worden. Denn so Viele ihrer aus- und eingingen auf dem Veitsberg, sie hatten wohl schöne Worte auf der Zunge, aber keine rechte Liebe im Herzen. Der alte Zacharias Storch von Bolenbach, der Simon Kleinfelder, der gute treue Jäger, die Freunde, die immer Rath und Trost gehabt hatten, sie waren in die Ewigkeit eingegangen. Und ihnen war auch die alte Lindin gefolgt. Ihr starkes, großes Christenherz war im Tode gebrochen, nach dem sie sich schon lange gesehnt hatte. »Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Christo zu sein«, das war ihr letztes Wort. Auch der Corporal Scheuermann war nicht mehr in Gießen, sondern hatte anderwärts seinen Dienst. Der Benjamin Laupus aber war in ein fremdes Land gereis't, weil ihm in der Heimath sein früheres Leben nicht verziehen ward.
Warum der liebe Gott wohl so viele Freundesgräber
Aus der Zeit stammt wohl das Lied, das wir noch vom Kalendermann haben, wenigstens drückt es ganz die Stimmung aus, in der er sich damals befand.
»Eins bitt' ich von dem lieben Gott, Das bleibt mein täglich Beten, Dass er mir geb' in Freund' und Noth Ein Herz, vor ihn zu treten. Ich nehm' es Alles dankbar hin, Was mein Gott mir will geben, Ich preis' ihn mit vergnügtem Sinn Für Hab' und Gut und Leben. Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefällt, Ich will es freudig missen, Ich weiß ja, daß in dieser Welt Wir Alles lassen müssen. Doch jenes Herz, das treu dich liebt, Das deines Sohns sich freuet, Das sich im Glauben dir ergibt, Sich täglich neu dir weihet; Dieß Herz, o Vater, wollest du Mir jetzt aus Gnaden schenken, Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh' Will Andres nicht bedenken. Aus deiner Gnade weichen, Selbst aus der Sünd' mit hellem Glanz Wird neu heraus es steigen. Und solch' ein Herz gib mir, o Gott, Hilf, Jesu, mir's erwerben! Was willst du, Welt, mit Noth und Spott? Eins bleibt mir, selig Sterben.«
Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar, oder wie er eigentlich hieß, der Kaspar Greb von Harbach, dessen Bekanntschaft wir früher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen, weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war, und sich überhaupt keines guten Gerüchtes erfreute. Der Schulmeister hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu erhalten; aber der Schreinerkaspar gehörte eben zu jenem Menschenschlag, die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben, und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren. Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen Kunstwerken; aber weil er über solcher Düftelei Handwerk und Ackerbau versäumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drückendste Armuth. Das kümmerte ihn indessen nicht, und änderte nichts in seiner Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und ließ Weib und Kind im Elend und
So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern halte, und welche Zauberformeln und Sprüchlein er kenne, um diese Geister sich zu Dienst zu machen.
»Kaspar«, sagte der Schulmeister, »eure Rede verstehe ich nicht, weiß überhaupt nicht, wie solch' faules Geschwätz aus dem Munde eines Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschränkt sich nur auf das, was ich über den Gang und Lauf der Gestirne von andern Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste des Himmels oder Werke des großen Baumeisters, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine große Oekonomie bewundern lehren, und uns verlangend machen
»Ihr habt Recht«, sagte der Kaspar darauf, »aber wisset ihr denn nicht, daß es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwählten und insonders Begnadigten, die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgründe aller Dinge, die im Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlüssels aufschließen alle Schätze in der Höhe und in der Tiefe.«
»Hört, Kaspar«, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, »jetzt verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu sehen, daß euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein des Anstoßes werde. Ihr treibet Fürwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl weiß ich, daß es dort im Hiob heißt: »Ach, daß Gott mit dir redete, und thäte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit;« wohl kenne ich das Sprüchlein aus David's Bußpsalm: »Du lässest mich wissen die heimliche Weisheit;« aber solche heimliche Weisheit ist nichts anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet, nämlich immer tiefere Erkenntniß von Gottes väterlichem Rath, daß in keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn
»Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister«, hub der Schreinerkaspar wieder an, »aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan. Sie hat Etliche zur glücklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht, daß sie ihr Leben in's Unglaubliche verlängert haben; sie hat Etliche das Goldmachen gelehrt, daß sie so reich geworden sind, wie Keiner vor ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schönen vergrabenen Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge bewahrte.«
»Alles nichts als Wind und Aufschneiderei«, sagte trocken der Schulmeister, »womit Einer den Andern betrügt, ihm sein Geld aus der Tasche lockt, und hinten drein in's Fäustchen lacht. Sagt selbst, Kaspar, was ist bei allen Schatzgräbereien, die wir bis jetzt erlebt, herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhäuschen bei Gießen ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hälsen gefunden. Was hat der Dreher Müller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmännleins, das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schälke dem dummen Pachter dort in der Wetterau, der schier eine Meste weißer Sommerkälber einfangen ließ, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was, sage ich, haben sie ihm zurückgelassen? Einen leeren Beutel und ein bös Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.«
»Je nachdem man's angreift«, antwortete der Kaspar; »wer den Gaul am Schwanz aufzäumt, der kann auch
»Das glaub' ich gern«, sagte Justus heiter lächelnd, »daß sie mehr wissen als ich, denn mein Wissen blähet mich nicht; aber kennen möchte ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wäre es auch nur, um zu lernen, was mir noch fehlt.« »Nun mit einem Stücklein davon«, war des Kaspars Antwort, »kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der sieben Planeten?« »Nein«, war Justus Antwort; »die Planeten kenne ich, aber ihre Geister nicht.«
»Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen«, sagte der Schreinerkaspar, »wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht günstig. Wisset nur vor der Hand, daß diese Geister es sind, die alle Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen, vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Kräfte geben. Daher muß man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten, und beobachten, welcher Planet über irgend eine Kraft sein Dominium habe. Wenn ich nun weiß, welcher Planet regieret, so muß ich mich mit seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getön wie mit einer Schellen. Hörst du das, dann mußt du ein Glöcklein bei dir haben, damit du könnest die Losung geben, daß du zu hören bereit bist. Hiernächst wird dich bald eine Exstasis überfallen, in welcher Adonai, auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus. Außerdem weiß ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch nicht, thut wenigstens so. Könnt ich euch für uns gewinnen, Schulmeister, ich weiß nicht, was ich euch zu Lieb' thäte; ihr wäret ganz unser Mann.«
»Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar«, sprach der Schulmeister, »so laßt's für heute genug sein mit dieser unnützen Rede. Mein Gewissen beißt mich schon, daß ich diesem gotteslästerlichen Gerede mein Ohr geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Säge, und arbeitet für Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt begriffen sind. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm genügen, und im Schweiße des Angesichtes sein Brod isset; wer aber der Narren Geselle ist, und nach Schätzen sucht, der wird Unglück haben.«
»Schulmeister«, antwortete der Schreinerkaspar mit großer Heiterkeit, »stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme ich euch nicht übel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da euch, wie ich weiß, die Güter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir. Faßt einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn ihr von der Compagnie seid.«
»Hab' ich euch je geklagt, Kaspar«, war des Schulmeisters Antwort, »daß es mir übel gehe, und je ge
Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in Reinhardshain. Das trauliche Gespräch that dem Kranken wohl, und er bat den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein Stündchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der Wächter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff, dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt er den Weg hinauf zum Wirberg.
Es hat aber auf dem Wirberg früher ein Kloster gestanden, von Nonnen bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums auftrat, keines guten Gerüchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem Wirberg gar ärgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proceß mit ihnen, trieb die Nonnen aus dem Kloster, und ließ des Klosters Güter und Gefälle zu guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das Pfarrhaus mit der Wohnung des Glöckners dort oben, und sonntäglich rufen die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Dörfer im Thale zum evangelischen Gottesdienst.
Nun sieht man noch heute in der Nähe der Kirche eine Höhle im Berge, von außen einem Keller nicht unähnlich, denn man steigt auf vielen Stufen hinab in die
Als Justus an dieser Höhle vorbeiging, und zufällig einen Blick hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf. Betroffen ging er weiter; schämte sich aber bald seiner Angst, kehrte zurück, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen. Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt leise einige Tritte hinab. Das Gewölbe war von mehreren Laternen erhellt. Um einen Kreis von Männern, die mit dem Gesichte nach dem Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging Einer mit einem irdenen Rauchfaß umher, und erfüllte mit einem übelriechenden Dampf das ganze Gewölbe. In der Mitte des Kreises stand ein Mann, mit einem weißen Hemde über den Kleidern und einer Kappe von Papier auf dem Haupte, vornen weiß, hinten schwarz, Adonai, Agla, Tetragrammaton, daß du mir richtig antwortest, durch deinen vorwärts ziehenden Ruthenschlag, wo der verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Fürsten Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwöre ich, daß du diese meine Ruthe führest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,; dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chöre der Engel durch den Engel aller Engel Jesum — Christum, in Nomine Patris † et Fili † et Spiritus Sancti † Amen.«
Erstaunt über diese Gotteslästerung, und heftig erschreckt, wollte Justus sich eben schweigend zurückziehen, als er sich plötzlich von hinten am Kragen gefaßt und niedergeworfen fühlte. Im Nu füllte sich das ganze Gewölbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten erloschen, und Freund und Feind wälzten sich in buntem Knäul auf einem Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgräbers einen von der Wache erfaßt und aus dem Gewölbe geschleppt. Der den Justus gefaßt hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, — es war der Rathhausdiener von Grünberg, — und rief: »Dachte ich's doch, Schulmeister, daß
Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte, mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg, und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.
Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe, den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde, aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen, mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten. Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte, gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen »Kalendermann« nicht umsonst.
Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch
Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch, aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer mütterlichen Freundin,
Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte Selma schon mit einem Schreiben
Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr Fleischhauer, waren entflohen.
Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhör vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, daß er oft fast die Geduld in diesen ungerechten Verhören verlor. Ueber sein ganzes früheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfänglich, daß man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein früheres Leben
Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere, als sie in solchem Falle in den Häusern Vieler zu sein pflegt. Sein Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windstoß des Schicksals zertrümmern konnte, sondern er war auf Felsen gegründet, und mit ihm überwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er von ganzem Herzen diente. Täglich betete er mit den Seinen seinen Lieblingspsalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, und es gab Stunden, wo in der schwerbedrängten Familie eine Glaubensfreude herrschte, die sie früher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.
Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein über die Art seines Schulunterrichts, über die Behandlung der Kinder, ja sogar über seine Rechtgläubigkeit. Das meiste Gewicht legte der Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, daß der Schulmeister mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im Universitätswäldchen nach Holzfrevlern gespäht habe. Mußte diese Beschuldigung nicht furchtbar für einen Mann von des Justus frommem Sinn sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus der Kirche weggegangen;
Eines Tages als der Druck der Trübsal wieder einmal recht fühlbar wurde im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte, und man in jedem Eintretenden einen Unglücksboten fürchtete; da trat Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: »So manchmal hab' ich bisher euch und die Mutter gebeten, ihr möchtet mich ziehen lassen, daß ich draußen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist. Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, daß ich nicht hinaus möchte, auf daß ich eurer Zucht los würde, sondern lernen möchte ich, was mir noch fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst erwerben. Allen euren Gründen und Vertröstungen habe ich mich bis dahin schweigend unterworfen, aber die Noth wächst in unserm Hause von Tag zu Tage, und ich schäme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu sehen; es ist mir, als dächte Jeder, der mich ansieht: Es ist des Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was sitzt er daheim und gehet müßig! Müßig bin ich nun zwar nicht
»Heinrich«, sprach der Schulmeister tief bewegt, »seit wir dich haben, war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander- und Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu einem ehrlichen Stück Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die ihren Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebündel auf den Rücken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich, sie leidet ohnehin mehr als wir Alle.«
Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander gebetet, das hat Niemand gehört, denn der Herzenskündiger im Himmel. Aber es muß einen Frieden geben, der über aller Menschen Vernunft ist; denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bündel zu schnüren, da lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefaßter, denn die Schwestern, gefaßter selbst als der Vater.
»Hier, Heinrich«, sprach der Schulmeister, »ist dein Zehrgeld für den heutigen Tag, für Morgen muß der schon sorgen, der die jungen Raben nähret. Da nimm auch, einer Zunge und in einem Geiste zum Vater treten. Sei und bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die Lüste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Händen. Laufe denn mit Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner gekrönt, er kämpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone, und die sei dein und unser köstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der Gott deiner Väter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und behüte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.«
Wie nun die Schwestern, die Eine dieß, die Andere das noch in's Reisebündel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch einmal herein und sagte: »Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht verdient Stück Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bösen Geist mit Saitenspiel dämpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.«
Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gießen führt, liegt ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheißen. Von da aus übersieht man die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig durch hohe Kiefern. Diese Höhe bestieg Heinrich. Unter den herabhängenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das
Neu gestärkt erhob sich der Jüngling. Nun noch ein Blick auf die liebe Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!