Das fünfte Buch
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Das erste Kapitel

Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt, vertrauete er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt. Weil er dann jetzt ohn das so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln. Ich bot ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja, ich wollte gleich zween Klepper kaufen. Nicht zwar der Ursache, daß mich die Andacht darzu getrieben, sondern um die Eidgenoßschaft zu besehen, als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünete. So freute mich auch nicht wenig, daß ich Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte. Er aber schlug beides: meine Hilfe und meine Gesellschaft ab mit Vorwand, seine Wallfahrt müsse zu Fuß und darzu auf Erbsen geschehen, meine Gesellschaft würde ihn nicht allein an der Andacht verhindern, sondern mir selbst große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte auf einer so heiligen Reise von dem Gelde zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden. Er sagte unverholen, daß ich bereits mehr an ihm getan, weder ich schuldig gewesen, noch er zu erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänke, das war so lieblich, als ich dergleichen niemals habe hören hadern. Bis ich endlich merkte, daß er beides: an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben einen Ekel hatte. Derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredete ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwer verantworten können. Hierdurch persuadierte ich ihn, daß er es zuließ, sonderlich weil ich eine große Reue bezeugte, als ich ihn dann auch überredete, daß ich sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln gehen wollte.
Er willigte endlich drein, wiewohl mit Widerstreben, daß ich einen Paß bekam nach meinem Regiment (und nicht nach Einsiedeln) zu gehen. Mit demselben wanderten wir bei Beschließung des Tores samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenwege und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten und den Boten wieder zurückschickten.
Das Land kam mir so fremd vor gegen andern deutschen Ländern, als wann ich in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sahe ich die Leute im Frieden handeln und wandeln. Die Ställe stunden voll Viehe. Die Baurenhöfe liefen voll Hühner, Gäns und Enten. Die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebrauchet. Die Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten. Da war ganz keine Forcht vor dem Feind, keine Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren. Ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar, gegen andere deutsche Länder zu rechnen, in lauter Wollust und Freude, also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielt, wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene.
Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete. Deswegen ich manchen Filz bekam, dann er wollte, daß ich wie er bete, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.
Zu Zürich kam er mir recht hinter die Briefe und dahero sagte er mir die Wahrheit auch am tröckensten heraus. Dann als wir zu Schaffhausen, allwo mir die Füße von den Erbsen sehr wehe täten, die vorige Nacht geherberget und ich mich den künftigen Tag wieder auf Erbsen zu gehen förchtete, ließ ich sie kochen und tät sie wieder in die Schuhe.
»Bruder, du hast große Gnade vor Gott,« meinte Herzbruder zu Zürich, »daß du unangesehen der Erbsen, dannoch so wohl fortkommen kannst.«
»Ja,« sagte ich, »liebster Herzbruder, ich habe sie gekocht, sonst hätte ich soweit nicht darauf gehen können.«
»Ach, daß Gott erbarme, was hast du getan! Du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben willst. Gott wird dich und mich zugleich strafen. Ich besorge, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich liebe keinen Menschen mehr als dich, leugne aber auch nit, daß ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.«
Ich verstummte vor Schröcken, daß ich mich schier nicht wieder erholen konnte. Zuletzt bekannte ich frei, daß ich die Erbsen nicht aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuhe getan, damit er mich mitgenommen hätte.
»Ach Bruder, ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist. Gott verleihe dir Besserung, dann ohne die kann unsere Freundschaft nicht bestehen.«
Von dieser Zeit folgte ich ihm traurig nach, als einer, den man zu Galgen führet. Mein Gewissen fing an mich zu drucken, alle meine Bubenstücke stelleten sich mir vor Augen, da beklagte ich erst die verlorene Unschuld. Und was meinen Jammer vermehrete war, daß Herzbruder nicht viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen anschauete, als hätte er meine Verdammnis an mir bejammert.
Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die Kirche, als ein Priester einen Besessenen exorcisieret. Das war mir neu und seltsam, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, so lange er wollte, und ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen.
Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie mich der böse Geist aus dem armen Menschen an: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen! Du ehebrecherischer, mörderischer Jäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleißner und ärger Lügner als ich, er foppt euch nur und spottet beides: Gott und Religion!«
Der Exorcist befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohn das nicht glaube.
»Ja, ja, fraget des ausgesprungenen Mönches Reisegesellen, der wird euch wohl erzählen, daß dieser Atheist die Erbsen gekocht, auf welchen er hierher zu gehen versprochen!«
Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopfe oder Füßen stund, da ich dieses alles hörete und mich jedermann ansahe. Der Priester strafte den Geist, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben.
Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleich sahe und zwischen Furcht und Hoffnung nicht wußte, was ich tun sollte. Er tröstete mich und versicherte die Patres, daß ich mein Tag kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte. Ich aber war in meinem Gemüt dermaßen verwirrt, als ob ich allbereits die höllische Pein selbst empfände, als daß die Geistlichen genug an mir zu beruhigen hatten. Sie vermahneten mich zur Beichte und Kommunion, aber der Geist schrie abermals aus dem Besessenen:
»Ja, ja, er wird fein beichten! Er weiß nicht einmal, was beichten ist! Seine Eltern sein mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen!«
Der Exorcist befahl dem Geist abermals zu schweigen und sagte:
»So wird dichs desto mehr verdrießen, wenn dir das verloren Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen und der Herde Christi einverleibet wird.«
Darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schröcklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, dann ich dachte, wann ich keine Gnade vor Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel anstellen.
Ich empfand eine solche Reue und Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, worüber sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte ich mich offentlich zur katholischen Kirche, ging zur Beichte und kommunizierte nach empfangener Absolution. Worauf mir dann so leicht und wohl ums Herz ward, daß ichs nicht aussprechen kann. Der Geist in dem Besessenen ließ mich fürderhin zufrieden.
Wir verblieben vierzehn ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, wo ich die Wunder, so allda geschehen, betrachtete, welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währte solches auch nur so lang, als es mochte. Dann wie meine Bekehrung aus Angst und Forcht entsprungen, also ward ich auch nach und nach wieder lau und träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß.
Wir begaben uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.
Das ander Kapitel
Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden.
Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen, wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein wüßte.
Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun, sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich. Versichert, Bruder, dieses Beweistum deiner wahren Freundschaft verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein Freund bist.«
Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz verschwende?«
Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger Begegnüssen halber Entschuldigung.
Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner Bagage.
Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge in duplo hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.
Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte, der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich holdselig an.
Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest, daß man sich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils bedauerte, daß der listige hessische Obrist de S. A. ihm einen Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter, trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden, sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition haben könnte, die ihm anständig seien.
Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts, es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt, daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter seinem Regiment.
Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar meine Kompagnie samt mir ganz komplett war, hatte sie nicht mehr als sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht. Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann er ward lahm an allen vieren, wie ein Cholericus, den die Galle verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen.
Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte.
Das dritte Kapitel
Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den Badegästen hatte.
Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich sie nicht ehender besuchet.
Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.
Ich ging zuforderst hin, meinen Jovem zu besuchen, den ich hiebevor bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit meinen hinterlegten Sachen hätte. Mein Jupiter war aber damals wieder ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht.
»O Mercuri,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster? Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen? Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt? Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket (das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein, Mercuri, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret, was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen, göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.«
Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach, großer Gott, es seufzet aber alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.«
»Ja,« antwortete Jupiter, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet- sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. — Ich fragte neulich einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne. Siehe nun, lieber Mercuri, warum soll ich ihnen dann den Frieden verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im selbigen zu stehlen.«
Weil nun mein Jupiter mit solchen Sachen umging, konnte ich mir leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L.
Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein Schweher samt der Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen.
Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes Standes Simplicius sei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte.
Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß Herr Simplicius viel schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie:
»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen, ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer Weise nach Frankreich prakticiert worden. — Meine Schwester hat ihn kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot, ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal zu seinen Jahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.«
Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was er mit Freuden empfing.
Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam, begehrete ich im Namen des Simplicii den kleinen Simplicium zu küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte. Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden, mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte brechen mögen, doch ich verbarg meine Affecten. Damit man nicht Zeit haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich mich stracks aus dem Staube.
Das vierte Kapitel
Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun.
Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine allergrößte Arbeit und Sorge.
Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres Wegs laufen.
Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren.
Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte, weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattliche Demoiselle sonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber voller Feuer und liebreizender Blicke.
Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber:
»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins Feuer gesetzt.«
Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.
Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe. Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit, dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet hätte, welches mich aber viel verliebter machte.
Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was, gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den besten Baurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten der Bauren schaffen. — Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das Jawort.
Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir nur meine Torheit eingab.
Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck. Dann als ich nunmehr vermeinete mit gutem Wind in Engelland zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht nach Holland. Viel zu spat ward ich erst gewahr, was Ursache mich meine Braut hatte so ungern nehmen wollen. Und ich konnte mein spöttlich Anliegen keinem Menschen klagen. So zahlete ich nach Maß und Billigkeit meine Schulden, was Erkanntnus mich darum doch nichts desto geduldiger, viel weniger frömmer machte. Ich fand mich betrogen und gedachte meine Betrügerin wieder zu prellen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo ich zukommen konnte. Überdas stack ich mehr bei guter Gesellschaft in Sauerbrunn als zu Haus.
Meine Frau war ebenso liederlich. Sie hatte einen Ochsen, den ich ins Haus hatte schlagen lassen, in etliche Körbe eingesalzen; als sie eine Spänsau zurichten sollte, unterstund sie sich solche wie einen Vogel zu rupfen; sie wollte die Krebse am Rost und die Forellen am Spieß braten. Nichts desto weniger trank sie auch das liebe Weingen gern und teilete andern guten Leuten auch mit. —
Einsmals spazierete ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine Gesellschaft im untern Bad zu besuchen. Da begegnete uns ein alter Baur mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte. Und weil mich dünkte, ich hätte ihn mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit der Geiß herkomme.
Er zog sein Hütlein und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli neit sän.«
»Du wirst sie ja nicht gestohlen haben.«
»Nein, ich bring sie aus dem Städtgen im Tal, welches ich eben gegen den Hearrn nit darf nennen, dieweil wir vor einer Geiß reden.«
Solches bewegte die Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich entfärbte, gedachten sie, ich hätte Verdruß, maßen mir der Baur so artig eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken, dann an der großen Warze, die der Baur mitten auf der Stirn stehen hatte, ward ich eigentlich versichert, daß es mein Knän aus dem Spessart war. — Wollte derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbarte.
»Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?«
»Ja, Hearr.«
»Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehen Jahren die Reuter Euer Haus und Hof geplündert und verbrannt?«
»Ja, Gott erbarms, es ist aber noch nit so lang.«
»Habet Ihr nicht zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter und einen jungen Knaben gehabt?«
»Hearr, die Tochter war mein Kind, der Bub nit. Ich hab ihn aber an Kindesstatt aufziehen wollen.«
Hieraus verstund ich wohl, daß ich dieses Knollfinken Sohn nicht sei, welches mich eines Teils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil mir einfiel, ich müßte sonst ein Bankert oder ein Findling sein. Fragte derowegen den Knän, wo er den Buben aufgetrieben.
»Ach, der Krieg hat mir ihn gegeben und der Krieg hat nur ihn wieder genommen.«
Weil ich dann besorgte, es dörfte wohl ein Facit herauskommen, das mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, fragte ich, ob er die Geiß der Wirtin in die Küche verkauft hätte.
»Ach nein, Hearr, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunn badet. Der Doktor Hans in allen Gassen hat etliche Kräuter geordnet, so die Geiß essen muß. Was sie dann vor Milch gibt, die nimmt der Doktor und machet der Gräfin noch so ein Arznei drüber, dann muß sie die Milch trinken. Man seit, es mangle der Gräfin am Gehäng.«
Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weise ich noch mit dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß als die Gräfin. Solches ging er gleich ein, doch mit dem Beding, er sollte der Gräfin zuvor angeben, daß ihm ein Taler mehr darauf geboten, er wollte mir den Handel auf den Abend anzeigen.
Also ging mein Knän seines Wegs und auch ich drehete mich bald von der Kompanie ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand; der hatte seine Geiß noch. Ich führete ihn auf meinen neuen Hof, bezahlte die Geiß und hängte ihm einen halben Rausch an. Sodann fragte ich ihn nach seinem Knaben.
»Ach Herr, der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Nach verlorener Schlacht bei Höchst habe des Mansfelder flüchtig Volk sich weit und breit zerstreuet. Viel seien in den Spessart gekommen, weil sie die Büsche suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod in der Ebene entgingen, hätten sie einen in den Bergen gefunden, dann damalen ginge selten ein Baur in die Büsche ohn sein Feuerrohr, da man zu Haus bei Hauen und Pflügen nicht bleiben konnte. In demselben Tumult habe er nicht weit von seinem Hof in dem wilden ungeheuren Wald eine schöne, junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd getroffen, so er anfänglich vor einen Kerl gehalten, weil sie so mannlich daherritte. Indem sie beides: Händ und Augen zum Himmel aufgehoben und auf wälsch mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott gerufen, habe er sein Rohr sinken lassen und den Hahn wieder zurückgezogen, dann er gesehen, daß sie ein betrübtes Weibsbild wäre. Indem er näher getreten riefe sie ihn an: »Ach, wann Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des jüngsten Gerichtes willen, Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche Hilfe von meines Leibes Bürde entledigen helfen!« Diese Worte hätten ihn samt der holdseligen Aussprache zu solcher Erbärmde gezwungen, daß er ihr Pferd beim Zügel nahm und sie durch Hecken und Stauden an den allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da er selbst Weib, Kind, Gesind und Viehe hingeflüchtet gehabt. Daselbst seie sie ehender als in einer halben Stund des jungen Knaben genesen.
Ich sprach ihm gütlich zu. Da er aber sein Glas ausgeleert hatte, fragte ich wie es darnach weiter mit der Frau gegangen.
Er antwortete, sie habe ihn zum Gevatter gebeten und ihm auch ihres Mannes und ihren Namen genennt, damit sie möchten ins Taufbuch geschrieben werden. Indem habe sie ihr Felleisen aufgetan, darin sie wohl köstliche Sachen hatte, und ihm, seinem Weib und Kind, der Magd und sonst allen geschenkt. Aber indem sie so damit umging und von ihrem Mann erzählete, sei sie unter den Händen der Weiber gestorben. Pfarrer und Schultz hätten ihm darnach befohlen, das Kind aufzuziehen und vor Mühe und Kosten der Fraue ganze Hinterlassenschaft zu behalten, ausgenommen etliche Paternoster, Edelsteine und sonst Geschmeiß. Also sei das Kind von der Bäurin mit Geißmilch auferzogen worden.
»Ihr habet mir,« sagte ich, »eine artliche Geschichte erzählt und doch das Beste vergessen, dann Ihr habet nicht gesagt, weder wie die Frau noch ihr Mann oder das Kind geheißen.«
Er antwortete: die Edelfrau habe Susanna Ramst, ihr Mann Kapitain Sternfels von Fuchsheim geheißen, und weil er Melchior hieße, so habe er den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfels von Fuchsheim nennen und ins Taufbuch schreiben lassen.
Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedels und der Schwester des Gubernators Ramsey leiblicher Sohn gewesen. Aber ach, leider viel zu spat! Dann meine Eltern waren schon beide tot.
Ich deckte meinen Paten vollends mit Wein zu und ließ den andern Tag auch sein Weib holen. Da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten sie's nicht glauben, bis ich ihnen einen schwarzen haarigen Fleck aufgewiesen, den ich auf der Brust habe.
Das fünfte Kapitel
Ohnlängst hernach nahm ich meinen Pflegvater zu mir und tät mit ihm einen Ritt hinunter in Spessart, glaubwürdigen Schein und Urkund meines Herkommens und ehelicher Geburt zu Wege zu bringen, welches ich unschwer erhielt. Ich kehrete auch bei dem Pfarrer ein, der sich zu Hanau aufgehalten, und ließ über meine ganze Histori aus der Zeugen Mund durch einen Notarium ein Instrument aufrichten, dann ich dachte, wer weiß, wo du es noch einmal brauchst. Solche Reise kostete mich über vierhundert Taler, dann auf dem Rückweg ward ich von einer Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also daß ich und mein Knän nackend und kaum mit dem Leben davonkam.
Indessen ging es daheim noch schlimmer zu. Dann nachdem mein Weib vernommen, daß ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nicht allein die große Frau, sondern verliederlichte auch alles in der Haushaltung, was ich, weil sie großen Leibes war, stillschweigend ertrug. Überdas ward mir das meiste und beste Viehe von einer Seuche dahingerafft. Dieses alles wäre noch zu verschmerzen gewesen. Aber, o mirum, kein Unglück allein! In der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd auch Kindbetterin. Das Kind zwar, so sie brachte, sahe mir allerdings ähnlich, das Kind meines Weibes hingegen sahe dem Knecht so gleich, als wanns ihm aus dem Gesicht wäre geschnitten worden. Jedoch es gehet nicht anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben seinen viehischen Begierden folget.
Nun was halfs, ich mußte taufen. Andernteils nahm es mein Weibgen nur auf die leichte Achsel. Doch die Magd mußte aus dem Haus, dann mein Weib argwöhnete, was ich ihretwegen vom Knecht gedachte. Indessen ich ward von dieser Anfechtung heftig gepeinigt, daß ich meinem Knecht ein Kind aufziehen, das Meinige aber von der Magd nicht mein Erbe sein sollte, und daß ich dabei froh sein mußte, weil sonst niemand nichts wußte.
Mit solchen Gedanken marterte ich mich täglich, mein Weib aber delektierte sich stündlich mit Wein, dann sie hatte sich das Kumpen sint unserer Hochzeit dergestalt angewöhnt, das es ihr selten vom Maul kam und sie selbsten gleichsam keine Nacht ohne einen ziemlichen Rausch schlafen ging. Davon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab und entzündete sich das Gehäng dergestalt, daß es ihr bald hernach entfiel und mich wieder zum Witwer machte. Das ging mir so zu Herzen, daß ich mich fast krank darüber gelachet hätte.
Ich befand mich solchergestalt wieder in meiner ersten Freiheit. Mein Beutel war ziemlich geleeret, ich hingegen mit großer Haushaltung vielem Viehe und Gesind beladen. Also nahm ich meinen Paten Melchior vor einen Vater und dessen Frau vor eine Mutter, den Magdsohn aber vor meinen Erben an und übergab den beiden Alten Haus und Hof samt meinem ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien. Ich hatte einen Ekel ob aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft, ich nahm mir vor, mich nicht mehr zu verheiraten.
Diese beiden Alten gossen meine Haushaltung gleich in einen andern Model. Sie schafften vom Gesind und Viehe ab, was nichts nütze und bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug. Sie vertrösteten mich alles Guten und versprachen, wann ich sie nur hausen ließe, so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und so viel verschaffen, daß ich je zu Zeiten mit einem ehrlichen Biedermann eine Maß Wein trinken könnte. Ich spürete es auch gleich. Mein Pate bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Viehe und mit dem Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud und meine Götfrau legte sich auf die Viehzucht und wußte Milchpfennige besser zu gewinnen und zusammen zu halten, als zehen solcher Weiber, wie ich eins gehabt hatte. Auf solche Weise ward mein Baurenhof in kurzer Zeit vor den besten in der ganzen Gegend geschätzet. —
Einsmals spazierte ich in Sauerbrunn, jedoch nicht um mich mit Stutzern bekannt zu machen, dann ich fing an meiner Alten Kargheit nachzuahmen, gleichwohl geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Standes, weil sie von einer seltenen Sache, nämlich vom Mummelsee diskutierten. Der war in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen, unergründlich, und wunderbarliche Fabeln verlauteten von ihm.
Einer sagte, wann man ungrad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas andres in ein Nastüchlein binde und hinein hänge, so veränderte es sich in grad, also auch grad in ungrad. Die meisten aber gaben vor und befestigten es auch mit Exempel, wann man ein oder mehrere Steine hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott gebe wie schön auch der Himmel zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter mir schröcklichem Regen, Schloßen und Sturmwinde. Einer erzählte, daß auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr Viehe bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem andern Rindviehe gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück zu treiben. Auch seie einsmals ein Baur mit seinem Ochsen und etlichen Holzplöchern über den gefrornen See gefahren, ohn einzigen Schaden, als ihm aber sein Hund nachkommen, sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund allein hinunter gefallen und nicht mehr gesehen worden. Noch einer behauptete bei großer Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des Wildes bei dem See vorübergegangen, der hätte auf dem Wasser ein Männlein sitzen sehen, das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt und gleichsam damit gespielet hätte. Und als er nach demselben Feuer geben wollen, hätte sich das Männlein geduckt und gerufen: »Wann du mich gebeten deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich reich genug gemacht haben.«
Solche und andere Historien verlachte ich. Aber es fanden sich Baursleute, und zwar alte, glaubwürdige Männer, die erzählten, wie dann ein regierender Herzog von Württemberg ein Floß machen ließ, die Tiefe zu ergründen. Nachdem die Messenden aber bereits neun Zwirnnetz mit einem Senkel hinunter gelassen und gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floß wider die Natur des Holzes angefangen zu sinken, also daß sie von ihrem Vornehmen abstehen und sich hätten ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutag die Stücke des Flosses am Ufer und zum Gedächtnus dieser Geschicht das fürstlich württembergsche Wappen in Stein gehauen vor Augen sehe.
Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen, vermehrte sich bei mir, als ich von dem Knän verstund, daß er auch dort gewesen und den Weg wisse. Da er aber hörete, daß ich überein auch darzu wollte, sagte er: »Der Herr Sohn wird nichts andres sehen, als das Ebenbild eines Weihers, der mitten in einem großen Walde liegt, und wann er seine jetzige Lust mit beschwerlicher Unlust gebüßet, so wird er nichts andres als Reue, müde Füße und den Hergang vor den Hingang davon haben.«
Da er aber meinen Ernst sahe, meinete er, dieweil die und auf dem Hof weder zu hauen noch zu ernten, wolle er selbst mit mir gehen; dann er hatte mich so lieb und prangte mit mir, weil die Leute im Land glaubten, daß ich sein leiblicher Sohn sei.
Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zum Mummelsee, eh wir sechs Stunden gegangen waren, dann mein Pate war noch so käfermäßig und sowohl zu Fuß als ein Junger. Nachdem wir uns an Speis und Trank erquickt, beschauete ich den See und fand die etlichen gezimmerten Hölzer des Württembergischen Flosses darin liegen. Die Luft war ganz windstill und wohl temperiert, so wollte ich auch probieren, was Wahrheit an der Sagenmär wäre, sintemal ich allbereit die Sage, daß der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers als natürlich zu sein befunden.
Ich ging gegen der linken Hand an dem See hin, da das Wasser wegen der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet und deswegen so förchterlich aussiehet. Daselbst fing ich an große Steine hinein zu werfen, als ich sie nur immer erheben und ertragen konnte. Mein Knän warnete mich und bat, ich aber continuierete meine Arbeit emsig fort, bis ich über dreißig Steine in den See brachte.
Da fing die Luft an, den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in welchen ein grausamer Donner gehöret ward, also daß mein Knän, der jenseits des Sees bei dem Auslauf stund, über meine Arbeit lamentierte und mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns Regen und das schröckliche Wetter nicht ergreife. Ich aber antwortete: »Vater, ich will bleiben und des Endes erwarten, sollte es auch Hellebarten regnen.«
Er schmälete noch weiterhin zu mir herüber, ich verwandte aber die Augen nicht von der Tiefe und sahe weit untern gegen den Abgrund etliche Kreaturen im Wasser herumfladern, die mich der Gestalt nach an Frösche ermahneten und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer aufsteigenden Rakete in der Luft herumvagierten. Je näher sie kamen, desto größer und an Gestalt den Menschen ähnlicher schienen sie meinen Augen, weswegen mich dann erstlich eine große Verwunderung und endlich ein Grausen und Entsetzen ankam.
»Ach,« rief ich vor Schröcken so laut, daß es mein Knän wohl hören konnte, »wie seind die Wunderwerke des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!«
Da war schon eins von den Sylphen oben auf dem Wasser und antwortete: »Das bekennst du, ehe du etwas davon gesehen hast, was würdest du wohl sagen, wann du erst selbsten im Centro der Erden wärest und unsere Wohnung, die dein Fürwitz beunruhiget, beschautest!«
Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein, gleichsam wie Tauchentlein hervor. Sie brachten die Steine wieder herauf, worüber ich ganz erstaunete. Der Erste und Vornehmste unter ihnen, dessen Kleidung wie lauter Gold und Silber glänzete, warf mir einen leuchtenden Stein zu, so groß wie ein Taubenei und so grün und durchsichtig, wie ein Smaragd.
»Nimm das Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen wissest.«
Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da ward mir nicht anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken und ersäufen wollen, derhalben ich mich dann nicht länger aufrecht behalten konnte, sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in den See hinunter fiel. Sobald ich aber ins Wasser kam, erholete ich mich wieder und atmete aus Kraft des Steins das Wasser anstatt der Luft. Ich konnte auch gleich sowohl als die Wassermännlein in dem See herumwebern, maßen ich mich mit ihnen in den Abgrund hinunter tät, als wann sich eine Schar Vögel mit Umschweifen gegen die Erde nieder lässet.
Da mein Knän dies Wunder, samt meiner gählingen Verzückung gesehen, trollete er sich von dem See hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf brennte. Daselbst erzählete er den Verlauf. Etliche glaubten ihm, die meisten aber hielten es vor eine Fabel.
Das sechste Kapitel
Der Fürst über den Mummelsee, so mich begleitete, sagte mir, daß wir durch die halbe Erde just neunhundert deutscher Meilen hätten, und wer zum Centro der Erde wolle, der müßte durch einen dergleichen Seen seinen Weg nehmen, deren hin und wieder so viel, als Tag im Jahr seien, in der Welt wären und alle bei ihres Königs Wohnung zusammen stießen. In solchem sanften Abfahren konnte ich mit dem Mummelseeprinzen allerhand diskurieren, dann ich bemerkte seine Freundlichkeit. So fragte ich, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen Weg mit sich nähmen. Er antwortete mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit und in einer Stunde spaziert, er sei nicht gefährlich, dieweil ich in seiner Gesellschaft mit dem überreichten Stein hinabführe, daß er mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei nicht zu verwundern. Darauf bat ich ihn ferner, mir zu berichten, weshalb der gütige Schöpfer so viel wunderbarliche Seen erschaffen.
»Du fragst billig um dasjenige, was du nicht verstehst, diese Seen sind um dreierlei Ursachen willen geschaffen. Erstlich werden durch sie alle Meere gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet, zweitens werden von uns durch diese Seen die Wasser aus den Tiefen des Ozeans in alle Quellen der Erde getrieben, wovon Flüsse und Ströme entstehen, der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides: Mensch und Vieh getränket werden, drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen Gottes darin leben und Gott loben. Wann wir aber aus einer andern Ursache unsere Geschäfte unterlassen müssen, so wird die Welt durchs Feuer untergehen, dann zu dieser Zeit, so alle Wasser verschwinden, wird die Erde von sich selbst durch die Sonnenhitze entzündet.«
Da ich ihn also gleichsam die heilige Schrift anziehen hörete, fragte ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, oder ob sie Geister seien. Darauf antwortete er, sie seien keine Geister sondern sterbliche Leutlein und gab mir folgends eine Genealogia oder Stammtafel aller Kreatur, indem er mir fürderst von der Erschaffung der Engel erzählete und den Sturz derer, so aus Hoffart gefallen, folgends wie Gott die Welt mit allen Kreaturen aus seinem göttlichen Willen hervorgehen ließe und also auch den irdischen Menschen zu solchem End geschaffen, daß er Gott loben und sich vermehren sollte, bis sein Geschlecht so groß sei, die Zahl der gefallenen Engel zu ersetzen. Dann die heilige, entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen hat alle guten Eigenschaften des Engels an sich, der entseelte Leib eines irdischen Menschen aber ist gleich dem andern Aas eines unvernünftigen Tieres. Kam demnach zum Beschluß auf das Geschlecht der Sylphen und sagte: »Uns selbsten setzten wir vor das Mittel zwischen euch und allen lebendigen Kreaturen der Welt. Sintemal obgleich wir wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit unseren Leibern hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes aufs höchste geadelt seid und euch die ewige Seligkeit wiederum erworben ist, aber ich rede und verstehe nichts von der Seligkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig sein. Uns hat der allgütige Schöpfer genugsam in dieser Zeitlichkeit beseeligt, als mit einer guten, gesunden Vernunft, mit Erkanntnus seines heiligen Willens, mit gesunden Leibern, langem Leben und einer edlen Freiheit, mit genugsam Wissenschaft und Kunst und, was das allermeiste ist, wir sind keiner Sünde, dannenhero auch keiner Strafe, ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen.«
Ich antwortete, da sie keiner Missetat und auch keiner Strafe unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedörftig, item wie sie sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König untertan. Darauf sagte er, sie hätten ihren König nicht, daß er Justiz übe, noch daß sie ihm dienen sollten, sondern er dirigiere wie der Weisel im Immenstock ihre Geschäfte. Sie würden ohne Wollust gezeugt und ohne Schmerzen geboren und also stürben sie auch nicht mit Schmerzen sondern gleichsam, wie ein Licht verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe, also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen. Gegen ihre Freiheit aber sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts, dann sie könnten weder getötet noch zu etwas Unbeliebigem genötigt werden. Kein Gefängnus könne sie halten, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohne einzige Mühe und Müdigkeit durchgehen könnten.
Darauf sagte ich: »So ist euer Geschlecht von dem Schöpfer weit höher geadelt und beseeligt als das unsrige.«
»Ach nein,« antwortete der Fürst, »Ihr sündigt, wann Ihr dies glaubt, dann Ihr vergesset der ewigen Seligkeit.«
Ich sagte: »Was haben darum die Verdammten davon?«
Da fragte er: »Was kann die Güte Gottes davor, wann euer einer sein Selbst vergisset und sich der Welt schändlichen Wollüsten ergibet, seinen viehischen Begierden die Zügel schießen lässet und sich dem unvernünftigen Vieh, ja den höllischen Geistern gleich machet?«
Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohn das mehr Gelegenheit hätte von dieser Materia zu hören, als ich mir zu nutz machte, so wollte ich ihn gebeten haben, mir die Ursache zu erzählen, warum ein so groß Ungewitter entstehe, wann man Steine in solche Seen werfe.
»Weil alle Steine, so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher Weise in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben müßten, so schaffen wir sie mit einer Ungestüme wieder hinaus, damit der Mutwille der Menschen abgeschreckt und in Zaum gehalten werden möge. An dieser einzigen Verrichtung kannst du die Notwendigkeit unseres Geschlechtes abnehmen, sintemal wann die Steine von uns nicht wieder ausgetragen würden, so müßten endlich die Gebäude, damit das Meer an die Erde geheftet und befestiget ist, zerstört und die Gänge, durch die die Quellen aus dem Abgrund des Meeres auf die Erde geleitet werden, verstopft bleiben, das dann eine schädliche Konfusion und der ganzen Welt Untergang mit sich bringen könnte.«
Ich bedankte mich dieser Kommunikation und fragte, ob es auch möglich sein könnte, daß er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee nach einem andern Ort der Erde auf die Welt bringen könnte.
»Freilich, warum das nicht? Wann es nur Gottes Wille ist. Dann auf solche Weise haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kanaaneer, die dem Schwert Josuas entronnen und sich aus Desperation in einen solchen See gesprenget, in Amerikam geführet, maßen deren Nachkömmlinge noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre Ureltern anfänglich entsprungen.«
Als ich nun sahe, daß er über meine Verwunderung erstaunete, gleichsam als ob seine Erzählung nicht Verwunderns würdig wäre, fragte ich ihn, ob er dann nicht auch Seltsames und Wunderliches von uns Menschen gesehen.
Hierauf sagte er: »Wir wundern uns an euch nichts mehrers, als daß ich euch, da ihr doch zum ewigen, seligen Leben erschaffen, durch zeitliche und irdische Wollüste, die doch so wenig ohn Unlust und Schmerzen als Rosen ohne Dörner sind, dergestalt betören lasset. Ach, möcht unser Geschlecht an euerer Stelle sein, wir möchten euerer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit Probe besser halten als ihr. Dann das Leben, so ihr habet, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder Tod wird euch erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset. Dannenhero halten wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige das Gold des Menschen probieret.«
Das war das Ende unseres Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einiger Zeit hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache mich über seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepränge, ja aufs Wenigste keinen Kanzler oder geheime Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguarde, sogar keinen Schalksnarren, noch Koch, Keller, Page oder einzigen Favoriten oder Tellerlecker sahe, sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, jedweder in derjenigen Landestracht aufziehend, in welches sich sein See vom Centro der Erde aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tataren und Mexikaner, Samojeden und Moluccenser, ja auch von denen so unter den Polis arctico und antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war; derjenige, so ober den Pilatussee die Obersicht trug, zog mit einem breiten, ehrbaren Bart und ein paar Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so ober den See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides: mit Kleidern und Geberden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eide geschworen hätte, er wäre niemalen aus Sicilia weggekommen.
Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen, dann der König fing selbst an, gut deutsch mit mir zu reden.
»Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilliger Weise so einen Haufen Steine zuzuschicken?«
»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist an einer verschlossenen Tür anzuklopfen.«
»Wie wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen Importunität empfingest?«
»Ich kann mit keiner größeren Strafe beleget werden, als daß ich sterbe. Sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, wie unter Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein Tod vor gar keine Strafe zu rechnen sein.«
»Ach, elende Blindheit! Ihr Menschen könnet nur einmal sterben und ihr Christen sollet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret dann gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert. Aber ich habe vor, diesmal weit anderes mit dir zu reden. Es ist mit bekannt worden, daß ihr Christen euch des jüngsten Tages ehistens versehet, weilen alles, was auf der Erden lebet, den Lastern so schröcklich ergeben seie, also daß der allmächtige Gott nicht lange verziehen werde. Darob entsetzten wir uns nicht wenig, wegen der Nähe solcher erschröcklichen Zeit. Haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwan nach etlichen Wahrzeichen, die euer Heiland für seine Ankunft hiebevor selbsten hinterlassen, vor Sorge oder Hoffnung sein möchte. Ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei, welchen der Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird.«
Ich sagte, das zu beantworten seie mir viel zu hoch. Die Ankunft des Herrn sei Gott allein bekannt.
»Nun wohlan, so sage mir, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus der Welt Untergang absehe. Hingegen will ich dich, wann du mir die Wahrheit bekennst, mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dem Lebtag wirst zu erfreuen haben.«
Als ich nun hierauf schwieg und mich bedachte, fuhr der König fort: »Dran! Dran! Fang am höchsten an und beschließ am niedersten. Es muß doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.«
Ich antwortete: »Wann ich am höchsten anfahen soll, so mach ichs billig bei den Geistlichen, diese seind gemeiniglich alle, sie seien auch gleich, was vor Religion sie immer wollen, rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, geduldig gegen Verachtung, demütig bei ihren Verdiensten, hochmütig gegen die Laster. Und gleichwie sie sich allein befleißen, Gott zu dienen und andere Menschen mehr durch ihre Exempel als durch Worte zum Reiche Gottes zu bringen, also haben die weltlichen hohen Häupter allein ihr Absehen auf die liebe Justitia, welche sie dann ohn Ansehen der Person einem jedweden, Armen oder Reichen, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die Kaufleute handeln nie aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige, Durstende und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben können. Also suchet der Medicus nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines Patienten, wohin dann auch die Apotheker zielen. Die Handwerker wissen von keinen Vorteln, Lügen und Betrug, sondern befleißen sich, ihre Kunden mit dauerhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen. Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Auge wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit arm, daß sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie ein Knäul Garn nachwerfen müßten. Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer nicht zu bezahlen hat, ohn merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld aus freien Stücken. Man spüret keine Hoffart, dann jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich ist. Man merket keinen Neid, dann es weiß und erkennet je einer den andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebt wird. Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, das geschieht aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht. Da findet man keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern mit einem Trunk ehrt, so lassen sich beide nur mit einem christlichen Räuschlein begnügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann ein jeder erzeiget einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allem andern Gott rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund so schwere Kriege auf Erden, weil je ein Teil vermeinet, der andere diene Gott nicht recht. Es gibt keine Geizigen mehr, sondern Sparsame, keine Verschwender, sondern Freigebige, keine Kriegsgurgeln, die Leute berauben und verderben, sondern Soldaten die das Vaterland beschirmen, keine mutwilligen, faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden, sondern vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorglichen künftigen Notfall vor das Volk aufheben und zusammenhalten.«
Das siebente Kapitel
Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, aber der König sagte, er hätte bereits so viel gehöret, daß er nicht mehr zu wissen begehrete, wann ich wollte, so sollten sie mich gleich wieder an den Ort bringen, von wo sie mich genommen. Wollte ich aber eins oder das andere beschauen, so sollte ich in seinem Reiche sicher begleitet sein und alsdann werde ich mit einer Verehrung abgefertigt werden, daß ich zufrieden sein könnte. Da ich mich aber zu nichts entschließen konnte, wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des Mare del Zur sich begaben. »Nehmt ihn mit und bringet ihn bald wieder, damit er noch heut auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir sagte er, ich möchte mich auf einen Wunsch besinnen.
Durch ein Loch, das etliche hundert Meilen lang war, kamen wir auf den Grund des friedsamen Meeres del Zur, darauf standen Korallenzinken so groß wie Eichbäume, von denen sie zur Speise mit sich nahmen, was noch nicht erhärtet und gefärbet war, dann sie pflegten sie zu essen, wie wir die jungen Hirschgeweihe. Da sahe ich Schneckenhäuser so groß als ein Rondell und breit als ein Scheuertor. Item Perlen so dick als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen. Der Boden lag überall mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten und andern Edelsteinen überstreut, gemeiniglich so groß wie Bachkiesel. Da sahe man hier und dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs in die Höhe ragen, die vor das Wasser hinausgingen und lustige Insuln trugen. Sie waren rund herum mit allerhand wunderbarlichen Meergewächsen gezieret und von mancherlei seltsamen Kreaturen bewohnet. Die Fische aber, groß und klein, von unzählbarer Art vagierten über uns im Wasser herum und gemahneten mich allerdings an so vielerlei Vögel, die sich in Frühlingszeit und im Herbst bei uns in der Luft erlustieren.
Als der, in dessen Obhut ich befohlen war, sahe, wie mir alles so wunderbarlich vorkam und ich darüber erstaunete, daß sie als Peruaner, Brasilianer, Mexikaner und Insulaner de los latrones dannoch so gut deutsch redeten, da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprache könnten, die aber alle Völker auf den ganzen Umkreis der Erden in ihrer Sprache verstünden und sie hingegen wiederum, welches daher komme, daß ihr Geschlecht mit der Torheit des babylonischen Turmes nichts zu schaffen hätte.
Weil sich nun meine Begleitung genugsam verproviantiert hatte, kehrten wir in das Centrum der Erde zurück. Auf dem Wege sagte ich, die Wunder, die ich bisher gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, sie wollten mir raten, was ich von dem König begehren sollte. Meine Meinung wäre, von ihm einen Gesundbrunnen auf meinen Hof zu erbitten, wie derjenige wäre, der neulich von sich selbst in Deutschland entsprungen sei. Mein Führer antwortete mir, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen. Darauf fragte ich nach Ursach dessen und er antwortete: »Es befinden sich hin und wieder in der Erde leere Stätten, die sich nach und nach mit allerhand Metallen ausfüllen, schläget sich zu Zeiten durch die Spälte aus dem Centro, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser darzu, welches dann um und zwischen den Metallen viel hundert Jahr sich enthält und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschaften an sich nimmt, und suchet es endlich durch seinen starken Trieb einen Auslauf, so wird das Heilwasser nach so und soviel hundert Jahren zum allerersten ausgestoßen und tät alsdann in denen menschlichen Körpern die wunderbarliche Wirkung, die man an solchen neuen Heilbrunnen siehet. So es aber in schnellem Lauf durch die Metalle passieret, vermöchte es keine Tugenden oder Kräfte von den Metallen an sich nehmen.« Wann ich die Gesundheit, sagte er, so sehr affectiere, so sollte ich den König ersuchen, daß er mich dem König der Salamander, mit welchem er in Korrespondenz stünde, in eine Kur empfehle. Derselbe könne die menschlichen Körper durch einen Edelstein begaben, daß sie in keinem Feuer verbrennen mögen. Wenn man solche Menschen wie eine schleimige, alte, stinkende Tabakspfeife mitten in das Feuer setze, da verzehrten sich dann alle bösen Humores und schädlichen Feuchtigkeiten, und komme ein Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen hervor, als wann er Elixir Theophrasti eingenommen hätte.
Ich wußte nicht, ob mich der Kerl foppte oder ob es ihm ernst war, doch bedankte ich mich der vertraulichen Communication und sagte, ich besorge diese Kur sei mir als einem Cholerico zu hitzig. Mir würde nichts Lieberes sein, als wann ich meinen Mitmenschen eine heilsame, rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zu Nutz, dem Könige im Centro der Erden zur Ehre, mir aber zu einem unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf mußte ich hören, daß der König im Centro der Erden der Ehre oder Schande, so ihm unter den Menschen zugelegt werde, gleichviel achte.
Mithin kamen wir wiederum vor das Angesicht des Königs, da bemerkte ich, wie die Sonne einen See nach dem andern beschiene und ihre Strahlen bis in diese schröckliche Tiefe herunter warf, also daß den Sylphis niemalen kein Licht mangelte. Man brauchte zum Imbiß weder Wein noch stark Getränke, aber anstatt dessen tranken sie Perlen, als welche noch nicht erhärtet waren, aus; die gaben ihnen treffliche Stärke.
Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte, derhalben befahl der König, ich sollte meinen Wunsch tun. Da antwortete ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wann er mir einen rechtschaffenen medicinalischen Sauerbrunn auf meinen Hof würde zukommen lassen.
»Ist es nur das? Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragde mit dir nehmen. Jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.«
Mithin reichte er mir einen Stein von seltsam wechselnden Farben und sagte: »Diesen stecke zu dir. Wo du ihn auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfahen, das Centrum wieder zu suchen und die bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir unsretwegen eine herrliche Sauerbrunnquelle zuschicket, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns verdienet hast.«
Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee wieder in sein Geleit. Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also daß ich auf dritthalbtausend wohlgemessener deutscher Meilen rechnete. Auch redete ich mit meinen Begleitern nichts. Im übrigen war ich in meiner Phantasie mit meinem Sauerbrunn so reich, daß alle meine Gedanken und Witz genug zu tun hatten zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und wie ich mir ihn zu Nutz machen wollte. Da hatte ich allbereits meine Anschläge wegen der ansehnlichen Gebäude, die ich dazusetzen mußte, damit die Badegäste auch rechtschaffen accomodiert seien und ich ein großes Losamentgeld aufheben möchte. Ich ersann schon, durch was vor Schmiralia ich die Medicos dahinbringen wollte, daß sie meinen neuen Wundersauerbrunn allen andern, ja gar den Schwalbacher vorziehen und mir einen Haufen neuer Badegäste zuschaffen sollten. Ich machte schon ganze Berge eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen mühsamen Weg beschwereten. Ich dingete schon verschmitzte Hausknechte, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägde, wachsame Stallknechte, saubere Bad- und Brunnenverwalter und sann auch allbereits einen Platz aus, auf welchem ich mitten im wilden Gebürge, bei meinem Hof einen schönen, ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächse darin ziehen wollte, damit die fremden Herren Badegäste mit ihren Frauen darin spazieren, sich die Kranken erfrischen, die Gesunden mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mußten mir die Medici, doch um die Gebühr, einen herrliche Tractat von meinem Brunn und dessen köstliche Qualität zu Papier bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstich, darin mein Baurenhof im Grundriß entworfen, wohl drucken lassen konnte, aus welchem ein jeder abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte. Ich ließ bereits meinen Sohn von L. holen, doch dorfte er mir kein Bader werden, dann ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen obzwar nicht den Rücken, so doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.
Mit solchen reichen Gedanken und überseligem Phantasiehandel erreichte ich wiederum die Luft, maßen mich mein Prinz allerdings mit trockenen Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land satzte. Doch mußte ich das Kleinod, so er mir anfänglich gegeben, stacks von mir tun, dann ich hätte sonst in der Luft ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder in das Wasser stecken müssen. Da er den Stein wieder zu sich genommen, beschirmten wir einander als Leute, die einander nimmer wieder zu sehen würden bekommen. Er duckte sich und fuhr wieder mit den seinigen in den Abgrund. Ich aber ging mit meinem Quellenstein voll Freuden davon.
Aber ach, meine Freude währete nicht lang! Indem ich noch immerfort Kalender machte, wie ich den köstlichen Wunderbrunn auf meinen Hof setzen und mir darbei einen geruhigen Herrenhandel schaffen möchte, stund ich, eh ich meiner Verirrung gewahr ward, mitten in einer Wildnus wie Matz von Dresden beides: ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedörftig gewesen wäre. Geduld, Geduld, dein Stein wird dich aller überstandenen Not wiederum ergetzen! Gut Ding will Weile haben! Vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohn Schnaufens und Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunn zuwege bringen.
Ich trat tapferer auf die Sohlen. Der Vollmond leuchtete mir zwar fein, aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, doch kam ich soweit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr ward. Etliche Waldbauren saßen darbei, die mit Harz zu tun hatten.
Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allezeit zu trauen, so zwang mich doch die Not zu ihnen. Ich hinterschlich sie unversehens und sagte: »Guten Abend, ihr Herrn!«
Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schröcken zitternd. Dann weil ich einer von den Längsten bin, noch schwarze Trauerkleider anhatte, zumalen einen schröcklichen Prügel in den Händen trug, auf welchem ich mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor. Endlich erholete sich einer.
»Wer ischt dann der Hair?«
Da hörete ich, daß er schwäbischer Nation sein müßte, die man zwar (aber vergeblich) vor einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme.
»Oho,« antwortete einer, »jetzt glaube ich, Gottlob, daß ich den Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder anfangen zu reisen.«
Das achte Kapitel
Also kamen wir ins Gespräch und ich genoß so vieler Höflichkeit von ihnen, daß sie mich hießen zu Feuer niedersitzen und mir ein Stück schwarz Brot und magern Kühkäs anboten, welches ich gern annahm. Endlich wurden sie so verträulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Da fing ich an einem nach dem andern auf seine Hand hin aufzuschneiden, was ich meinete, daß es ihnen wohl gelegen sei. Sie begehreten weiterhin allerhand fürwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den künftigen Tag, und begehrete, daß sie mich ein wenig ruhen wollten lassen. Legte mich also beiseits, mehr zu horchen als zu schlafen. Je mehr ich nun schnarchte, je wachsamer sie sich erzeigeten. Sie stießen die Köpfe zusammen und fingen an zu beraten, wer ich sein möchte. Vor keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und vor keinen Bürgerskerl konnten sie mich schätzen, weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müßte dannoch ein lateinischer Handwerksgeselle sein, der verirrt wäre, oder ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen konnte.
»Ja,« fing einer an, »er hat darum doch nicht alles gewußt. Etwan ist er ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die Schliche im Wald auszukunden. Ach, daß wir es wüßten, wir wollten ihn schlafen legen, daß er das Aufstehen vergessen sollte!«
Indessen lag ich dort und spitzte die Ohren. Ich gedachte: werden mich diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras beißen.
Demnach nun diese ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte, ward mir gähling, als ob ein Bettnässer bei mir läge, dann ich lag unversehens ganz naß. O mirum! Da war Troja verloren! Alle meine trefflichen Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, daß es mein Sauerbrunn war. Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, daß ich mich beinahe mit den sechs Bauren eingelassen und herumgeschlagen hätte.
»Ihr gottlosen Flegel! An diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lagerstätte hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei! Es wäre kein Wunder, ich strafe Euch alle, daß euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse Gedanken traget.«
Machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, daß sie sich alle vor mir entsatzten. Doch kam ich wieder zu mir selber und dachte, besser den Sauerbrunn als das Leben verloren, gab ihnen derhalben gute Worte und sagte: »Stehet auf und versuchet den herrlichen Sauerbrunn, den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnus meinetwegen zu genießen haben werdet.«
Sie sahen einander an wie lebendige Stockfische, bis sie merkten, daß ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tät. Da stunden sie nacheinander vom Feuer auf, besahen das Wunder, versuchten das Wasser und begannen zu lästern: Sie wollten, daß ich mit meinem Sauerbrunn an einen andern Ort geraten wäre, dann sollte ihre Herrschaft dessen inne werden, so müßte das ganze Amt Dornstädt fröhnen und Wege darzu machen.
»Dahingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu genießen. Eure Hühner, Eier, Butter, Viehe und alles könnet ihr besser ans Geld bringen.«
»Nein, nein,« riefen sie, »nein! Die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und Stege erhalten und werden keinen Dank darzu haben!«
Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunn behalten, vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen. Weil aber nunmehr Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, sagte ich, wann sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen bayersbrunner Tal rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten sie mir alsobald den Weg in Seebach weisen. Sie gaben mir zwei mit, maßen sich einer allein bei mir forchtete.
Also schied ich von dannen und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren. — Nach vieler Mühe und Arbeit kam ich gegen Abend wieder heim auf meinen Baurenhof und sahe, daß mein Knän mir wahrgesagt hatte: nichts als müde Beine und den Hergang vor den Hingang würde ich von dieser Wallfahrt haben.
Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, meine größte Freude und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir dann viel beischaffte, so von allerhand Sachen handelten, sonderlich die eines großen Nachsinnens bedörfen. Aber Grammaticam und Arithmeticam, Mathematicam und Geometriam auch Astronomiam warf ich bald von mir, teils sie mir gar bald erleidet und ich ihrer überdrüssig ward, teils sie mich zwar trefflich erlustigten aber mir endlich auch falsch und ungewiß vorkamen, also, daß ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte. Bei der Lullischen Kunst befand ich viel Geschrei und wenig Wolle. Ich machte mich hinter die Kabbala der Hebräer und Hieroglyphicas der Egypter, fand aber als Allerletztes von allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß keine bessere sei als Theologia.
Nach derselben Richtschnure erfand ich vor die Menschen eine Art zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte. Es sollte sich meines Davorhaltens eine Gesellschaft zusammen tun beides: von verehelichten als ledigen so Manns- als Weibspersonen, die auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt zu gewinnen und sich die übrige Zeit mit dem Lob und Dienst Gottes und um ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen. Ich hatte hiebevor in Ungarn auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen und vor das seligste in der ganzen Welt geschätzet, dann sie kamen mir in ihrem Tun und Leben allerdings für wie die jüdischen Essäer. Sie hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber keineswegs verschwendeten. Kein Fluch, Murmelung, noch Ungeduld ward bei ihnen gespüret, ja, man hörete kein unnützes Wort. Da sahe ich Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt hätten. Ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle seine leiblichen Kinder gewesen wären. Nirgends sahe ich Manns- und Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegend Arbeit verrichten. Ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden. Andere sonderbare Säle standen voll Wiegen mit Säuglingen, die von andern Weibern, das waren Witwen, beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht um sie bekümmern durften, als wann sie täglich zu dreien gewissen Zeiten kamen, ihnen ihre mildreichen Brüste zu bieten. Anderswo sahe ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander antraf. Da war eine die Wäscherin, die andere die Bettmacherin, die dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die sechste hatte das weiße Zeug zu verwalten und also auch die übrigen alle wußten eine jede, was sie tun sollten. Und gleichwie die Ämter unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also wußte auch unter den Männern und Jünglingen ein jeder sein Geschäft. Die Kranken hatten Wärter und Wärterin und stund ihnen ein allgemeiner Medicus und Apotheker bei, wiewohl sie wegen löblicher Diät und guter Ordnung selten erkrankten. Sie hatten ihre gewissen Stunden zum Essen und Schlafen, aber keine einzige Minute zum Spielen noch Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präceptor jedesmal nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde spazierte. Da war kein Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine Sorge um Zeitliches, keine Hoffart, keine Reue. Kein Mann sahe sein Weib, als wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselben in seiner Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtetes Bette und sonst nichts darbei als einen Wasserkrug und weißen Handzwilch fand, damit sie mit gewaschenen Händen schlafen gehen und des Morgens an die Arbeit aufstehen möchten. Und alle hießen einander Schwester und Bruder, und war doch solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache unkeusch zu sein. Ein solches seliges Leben, wie diese Wiedertäuferischen Ketzer führten, hätte ich gern auch aufgebracht. Und hätte als ein anderer Dominicus oder Franciscus einer solchen vereinigten Christengesellschaft meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter denselben ein Mitglied zu sein. Aber mein Knän profezeite mir stracks, daß ich wohl nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde.
Das neunte Kapitel
Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, deswegen dann jedermann sich selbst samt seinem Viehe und besten Sachen in die hohen Wälder flüchtete. Ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich leer stehen, in welches ein reformierter schwedischer Obrister logieret ward. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, dann ich in der Eil nicht alles hinwegbringen konnte, und unter andern einzige mathematische und geometrische Abrisse, auch etwas vom Fortifikationswesen. Er schloß deshalben, daß sein Quartier keinem gemeinen Bauren zuständig sein müßte, fing derowegen an, sich um meine Person zu erkundigen und ihr nach zu trachten, maßen er selbsten durch courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohworte mich dahin brachte, daß ich mich zu ihm auf meinem Hof begab. Mit großer Freundlichkeit brachte er zu Wege, daß ich ihm mein Geschlecht und Herkommen und alle meine Beschaffenheit vertraute. Er verwunderte sich, daß ich mitten im Kriege meine Gaben, die mir Gott verliehen, hinter dem Ofen und beim Pflug verschimmeln lasse. Wenn ich schwedische Dienste annehmen würde, so wüßte er, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald hoch bringen würden. Ich ließ mich hiezu kaltsinnig an. Aber er drang weiter in mich, maßen ihm von Torstensohn ein Regiment versprochen sei, wann er ein solches erhalten würde, woran er dann gar nicht zweifle, so wolle er mich alsbald zu seinem Obrist-Leutnant machen. Mit dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig und weilen noch schlechte Hoffnung auf den Frieden war und ich deswegen sowohl fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins unterworfen, resolvierete ich mich wieder um mitzumachen, sofern er mir seine Parola halten und die Obrist-Leutnantstelle geben wollte.
Also ward die Glocke gegossen, ich ließ meinen Knän holen, derselbe war noch mit meinem Viehe zu Bayrischbrunn, verschrieb ihm meinen Hof vor Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod der Magdsohn erben sollte, weil kein ehelicher Erbe vorhanden. Folgends holete ich mein Pferd und was ich noch an Geld und Kleinodien hatte. Da ward die Einquartierung plötzlich aufgehoben und wir mußten, ehe wir uns dessen versahen zur Hauptarmee marschieren.
Die torstensohnischen Promessen, mit denen sich der Obrist auf meinem Hof breit gemachet, waren bei weitem nicht so groß, als er vorgeben, er ward vielmehr nur über die Achsel angesehen. Und demnach er argwöhnete, daß ich mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er Briefe, als wenn er in Livland, allwo er zu Haus war, ein frisch Regiment zu werben hätte, und überredete mich, daß ich gleich ihm zu Wismar aufsaß und mit nach Livland fuhr. Allein er hatte kein Regiment zu werben und war auch sonsten ein blutarmer Edelmann.
Obzwar nun ich mich hatte zweimal betrügen und so weit hinweg führen lassen, so ging ich doch auch das dritte Mal an, dann er wiese mir Schreiben vor, die er aus Moskau bekommen, in welchen ihm hohe Kriegschargen angetragen wurden. Und weil er gleich mit Weib und Kindern aufbrach, dachte ich, er wird ja um der Gänse willen nicht hinziehen. — An der reußischen Grenze begegneten uns aber unterschiedliche abgedankte deutsche Soldaten, vornehmlich Offizierer, also daß mir anfing zu graueln.
»Was Teufels machen wir! Wo Krieg ist ziehen wir hinweg, und wo es Friede und die Soldaten abgedankt werden, da kommen wir hin?«
Er gab mir immer gute Worte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wüßte besser, was zu tun sei.
Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau angekommen, konferierte mein Obrist täglich mit den Magnaten und vielmehr noch mit dem Metropoliten. Endlich gab er mir bekannt, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre, und daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte, wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zaren Majestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und vortrefflichen Qualitäten, die würden gnädigst belieben, sofern ich mich fügen wollte, mich als einen Kavalier mit einem stattlichen Gut und vielen Untertanen zu begnadigen.
Ich ward hierüber ganz bestürzt, deswegen ich dann, eh ich mich auf eine Antwort resolvieren konnte, lange stillschwieg. Endlich brachte ich vor, ich wäre gekommen ihrer zarischen Majestät als ein Soldat zu dienen, seien nun dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörftig, so könnte ich nichts ändern, daß aber dieselbe mir eine so hohe zarische Gnade allergnädigst widerfahren zu lassen geruhten, wäre mir mehr Pflicht zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu acceptieren, weil ich mich meine Religion zu ändern noch zurzeit nicht entschließen könnte, wünschete vielmehr, daß ich wiederum im Schwarzwald auf meinem Baurenhof säße.
Hierauf antwortete er: »Der Herr tue nach seinem Belieben, allein ich hätte vermeinet, wann Ihn Gott und das Glück grüßeten, so sollte Er beiden billig danken. Wann Er sich ja nicht helfen lassen und Er gleichsam wie ein Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, Er werde davor halten, ich habe an Ihm das Meinige nach äußersten Vermögen zu tun keinen Fleiß gesparet.«
Daraufhin machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und ließ mich dort sitzen, ohn daß er zulassen wollte, ihm nur bis zur Tür das Geleite zu geben.
Als ich nun ganz perplex dasaß und meinen damaligen Zustand betrachtete, hörete ich zween reußische Wägen vor unserm Losament. Sahe darauf zum Fenster hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit seinen Söhnen in dem einen und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in den andern einstieg. Es waren großfürstliche Fuhren und Livrei zumalen etliche Geistliche dabei, so diesem Ehevolk gleichsam aufwarteten und allen guten, geneigten Willen erzeugeten.
Das zehent Kapitel
Von dieser Zeit an ward ich zwar nicht offentlich, sondern heimlich durch etliche Strelitzen verwachet und mein Obrister oder die Seinigen kamen mir nicht ein Mal mehr zu Gesicht. Damals satzte es seltsame Grillen und viele graue Haare auf meinem Kopf. Ich machte Kundschaft mit den Deutschen, die sich von Kauf- und Handwerksleuten in Moskau ordinari aufhalten, und klagte ihnen mein Anliegen. Sie gaben mir Trost und Anleitung, wie ich wieder mit guter Gelegenheit nach Deutschland kommen könne. Sobald sie aber Wind bekamen, daß der Zar mich im Land zu behalten entschlossen sei und mich dazu drängen wollte, wurden sie alle zu Stummen an mir, ja sie entäußerten sich meiner und es ward mir schwer, auch nur vor meinen Leib Herberge zu bekommen; Pferd und Sattelzeug war bereits verzehret. Als ich dann alle Dukaten aus meinen Kleidern getrennt, fing ich an, meine Ringe und Kleinodien zu versilbern. Indessen lief ein Vierteljahr herum, nach welchem oftgemeldter Obrister samt seinem Hausgesind umgetauft und mit einem ansehnlichen Gut und vielen Untertanen versehen ward.
Damals ging ein Mandat aus, daß man wie unter den Einheimischen so auch unter den Fremden keine Müßiggänger bei hoher unausbleiblicher Strafe leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brot vor dem Maul wegfressen. Was von Fremdem nicht arbeiten wollte, das sollte in einem Monat das Land verlassen. Also schlugen sich unserer bei fünfzig zusammen, der Meinung den Weg nach Deutschland miteinander zu machen. Wir wurden aber nicht zwei Stunden weit von der Stadt von reußischen Reutern eingeholet mit Vorwand, daß ihre zarische Majestät ein groß Mißfallen hätte, daß wir uns frevelhafter Weise unterstanden, in so starker Anzahl zusammen zu rotten und ohn Paß dero Land durchzögen. Auf unserm Rückwege erfuhr ich, wie mein Handel beschaffen war, dann der Führer sagte mir ausdrücklich, daß die zarische Majestät mich nicht aus dem Land lassen würden, sein treuherziger Rat wäre, ich sollte mich in dero allergnädigsten Willen fügen, zu ihrer Religion übertreten, sonst ich wider Willen als ein Knecht dienen müßte. Einen so wohlerfahrenen Mann wolle ihre zarische Majestät nicht aus dem Lande lassen.
Ich verringerte mich bescheidentlich ob meiner Tugend und Wissenschaften mit Versicherung, daß ich an meinem äußersten Vermögen nichts verwinden lassen würde, sofern ich in einzigerlei Wege ihrer zarischen Majestät ohn Beschwerung meines Gewissens und ohne meine Religion zu ändern, dienen könnte.
Ich ward von den andern abgesondert und zu einem Kaufherrn logiert, allwo ich nunmehr offentlich verwachet, hingegen aber täglich mit herrlichen Speisen und köstlichem Getränk vom Hof aus versehen wurde. Hatte auch täglich Leute, die mir zusprachen und mich hin und wieder zu Gast luden, sonderlich einer. Dieser diskurierte mehrenteils mit mir von allerhand mechanischen Künsten, item Kriegs- und anderen Maschinen, vom Fortifikationswesen und der Artollerei mit freundlichen Gesprächen, dann ich konnte schon ziemlich reußisch reden. Als er unterschiedliche Mal auf den Busch geklopft und keine Hoffnung fassen konnte, daß ich mich im geringsten ändern würde, so bat er mich, ich sollte doch dem großen Zar zu Ehren ihrer Nation etwas von meinen Wissenschaften mitteilen, ihr Zar würde meine Willfährigkeit mit hohen kaiserlichen Gnaden erkennen. Darauf antwortete ich, meine Affection wäre jederzeit dahin gestanden.
Als er nun solche Offerten verstund, sagte er, daß ihre zarische Majestät allergnädigst bedacht wären, in dero Landen selber Salpeter zu graben und Pulver zurichten zu lassen, weil aber niemand unter ihnen wäre, der damit umgehen könnte, würde ich der zarischen Majestät einen angenehmen Dienst erweisen, wann ich mich des Werks unterfinge, sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen. Er vor seine Person wolle mich aufs aufrichtigste gebeten haben, ich sollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweilen sie bereits genugsam Nachricht hätten, daß ich mich auf diese Sachen trefflich wohl verstünde. Darauf sagte ich mit courtoisen Worten zu, soferne ihre zarische Majestät gnädigst geruhten, mich in meiner Religion passieren zu lassen. So ward dieser Reuße trefflich lustig, also daß er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein Deutscher.
Am andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die ein endlichs mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein köstlich reußisch Kleid verehreten. Also fing ich gleich etliche Tage hernach an, Salpetererde zu suchen und meinen Leuten zu lernen, wie sie dieselbe von der Erde separieren und läutern sollten. Mithin verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere die Kohlen brennen, daß wir also in ganz kurzer Zeit sowohl des besten Pirsch- als des groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität verfertigten, dann ich hatte Leute genug und darneben auch meine sonderbaren Diener, die mir aufwarteten, oder besser zu sagen, die mich hüten und verwahren sollten.
Ich war einsmals geschäftig auf den Pulvermühlen, die ich hatte außerhalb Moskaus an den Fluß bauen lassen, da ward unversehens Alarm, weilen sich die Tataren bereits vier Meilen weit auf hunderttausend Pferde stark befanden, das Land plünderten und also immerhin fortavancierten. Wir mußten uns an Hof begeben, allwo wir aus des Zars Rüstkammer und Marstall montiert wurden. Ich zwar ward anstatt des Kürasses mit einem gesteppten seidenen Panzer angetan, welcher jeden Pfeil aufhielt, aber vor keiner Kugel schußfrei sein konnte; Stiefeln, Sporen, und eine fürstliche Hauptzier mit einem Reiherbusch, samt einem Säbel, der Haar schur, mit lauter Gold beschlagen und Edelsteinen versetzt, wurden mir dargegeben. Von des Zaren Pferden ward mir ein solches unterzogen, dergleichen ich zuvor mein Lebtag keines gesehen, geschweige geritten. Ich und das Pferdzeug glänzten von Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen. Ich hatte eine stählerne Streitkolbe angehangen. Mir folgte eine weiße Fahne mit einem doppelten Adler, welcher von allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschneiete, also daß wir eh zwei Stunden verzogen bei vierzig und nach vier Stunden bei sechzigtausend Pferde stark waren.
Es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen, ich will allein dies sagen, daß wir die Tataren, so mit müden Pferden und vielen Beuten beladen anzogen, urplötzlich in einem ziemlich tiefen Gelände antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahen. Im ersten Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern in reußischer Sprache: »Nun wohlan, es tue jeder wie ich!«
Solches schrieen sie einander zu. Dem ersten, welcher ein Mirsa war, schlug ich den Kopf entzwei. Die Reußen folgten meinem heroischen Exempel, so daß die Tataren sich in allgemeine Flucht wandten. Ich tät wie ein Rasender oder wie einer, der aus Desperation den Tod sucht und nicht finden kann. Was mir vorkam, schlug ich nieder, es wäre gleich Tatar oder Reuße gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren, drangen mir so fleißig nach, daß ich allezeit einen sichern Rücken behielt. Die Luft flog voller Pfeile, als wann Immen geschwärmt hätten, wovon mir dann einer in Arm zu teil wird. Eh ich den Pfeil auffing, lachte mein Herz in meinem Leib an solcher Blutvergießung, da ich aber meine eigen Blut fließen sahe, verkehrete sich das Lachen in unsinnige Wut. Demnach sich aber diese grimmigen Feinde in eine hauptsächliche Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des Zaren befohlen, ihrem Kaiser die Botschaft zu bringen, ich hatte hundert Pferde zur Nachfolge. Da ritt ich durch die Stadt der zarischen Wohnung zu und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung empfangen. Sobald ich aber von dem Treffen Bericht erstattet, mußte ich meine festlichen Kleider wieder ablegen, welche wiederum in des Zaren Kleiderbehaltnus aufgehoben wurden, wiewohl sie samt dem Pferdgezeug über und über mit Blut besprengt und besudelt waren und also fast gar zunicht gemachet waren. Sie sollten mir zum wenigsten samt dem Pferd als Ehrengabe überlassen worden sein.
Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich traktieret. Ich ging in einem Schlafpelz von göldenem Stück mit Zobel gefüttert, wiewohl der Schade weder tötlich noch gefährlich war, und ich habe die Tage meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen genossen als eben damals. Solches aber war alle meine Beute, die ich von meiner Arbeit hatte, ohn das Lob, so mir der Zar verliehe.
Als ich gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Wolga hinunter nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in Moskau eine Pulvermacherei anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, diese Grenzfestungen allezeit von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver zu versehen. Ich ließ mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach Verrichtung solchen Geschäftes wiederum in Holland fertigen und mir, meinen Verdiensten gemäß, ein namhaftes Stück Geld mitgeben.
Als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über Nacht in einer Pulvermühle befand, ward ich von einer Schar Tataren diebischenweise gestohlen und aufgehoben, weit ins Land hinein verschleppt und endlich um etliche chinesisch Kaufmannswaren den niuchischen Tataren vertauscht, welche mich nachher dem König von Korea als ein sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert gehalten, und weil ich dem König lehrete, wie er mit dem Rohr, auf der Achsel liegend und mit dem Rücken gegen die Scheibe gekehrt, dannoch ins Schwarze treffen könnte, schenkte er mir die Freiheit und fertigte mich durch Japonia nach Makao zu den Portugesen. Etlich Kaufleute nahmen mich mit ihren Waren nach Alexandria in Egypten, und von dort kam ich nach Konstantinopel. Weil aber der türkische Kaiser eben damalen etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete, mußten viel türkische Kaufleute ihre christlichen Sklaven um bare Bezahlung hergeben, worunter ich mich dann als ein junger, starker Kerl auch befand. Also mußte ich lernen rudern. Aber solche schwere Dienstbarkeit währete nicht über zween Monat, dann unsere Galeere ward in Levante von denen Venetianern ritterlich übermannet und ich aus der türkischen Gewalt erlediget.
Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken.
Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde gewachsen war.
Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine Arbeit und Ergetzung war.
Das elfte Kapitel
Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert würden, zur Antwort gabe: »Nosce te ipsum«, das ist: Es soll sich jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu mir selbst:
Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt, geehrt und veracht gewesen — aber nun du, meine arme Seele, was hast du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht?
Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt. Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich erfreuet, ich bin mir selber feind.
Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt vollends zu verleiten.
Diese lauten also:
Adieu Welt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine Stunde leben.
Adieu Welt, dann du nimmst uns gefangen und läßt uns nicht wieder ledig, du bindest uns und lösest uns nicht wieder auf, du tötest ohne Urteil, begräbst ohne Sterben. Bei dir ist keine Freude ohne Kummer, kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Ruhe ohne Forcht, keine Fülle ohne Mängel, keine Ehre ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, keine Freundschaft ohne Falschheit.
Adieu Welt, dann in deinem Palast dienet man ohn Entgelt, man liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu fällen, man ehrt, um zu schänden, man straft ohn Verzeihen.
Behüt dich Gott, Welt, dann in deinem Haus werden die großen Herren und Favoriten gestürzet, die Unwürdigen herfürgezogen, Verräter mit Gnaden angesehen, Getreue in Winkel gestellet, Unschuldige verurteilet, den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, den Ungeschickten große Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubet, und Aufrichtige und Redliche haben keinen Kredit. Ein jeder tut, was er will, und keiner, was er soll.
Adieu Welt, dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen genennet, den Vermessenen nennt man kühn, den Verzagten fürsichtig, den Ungestümen emsig, den Nachlässigen friedsam, ein Verschwender wird herrlich genannt, ein Karger eingezogen. Einen hinterlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man beredt, den Stillen einen Narren oder Phantasten, einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennt man einen Buhler, einen Unflat nennt man Hofmann, einen Rachgierigen eifrig, einen Sanftmütigen einen Phantasten.
Adieu Welt, dann du verführest jedermann: den Ehrgeizigen verheißest du Ehre, dem Unruhigen Veränderung, dem Hochtragenden Fürstengnade, dem Nachlässigen Ämter, Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, Feinden Rache, Dieben Heimlichkeit.
Adieu Welt, dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt, wer dir trauet, betrogen, wer dir folget, verführt. Du betreugst, stürzest, schändest, besudelst, drohest, vergissest jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert, klaget und verderbt jedermann und jedermann nimmt ein Ende. Bei dir siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen, bitten bis zum Betrügen, sündigen bis zum Sterben.