Das dritte Buch (continued 2)
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Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte.
Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist, so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.«
Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus. Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die Feige weisen und das Meinige behalten.«
Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet, zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte.
Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag.
Das elfte Kapitel
Es schicket sich ein Ding auf mancherlei Weise. Des einen Unstern kommt staffelweis und allgemach und einen andern überfällt der seinige mit Haufen. Mein Unstern aber hatte einen so süßen und angenehmen Anfang, daß ich mirs wohl vor das höchste Glück rechnete.
Kaum über acht Tage hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehstand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feuerrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden Abschied nahm. Ich schlich mich glücklich durch, weil mir alle Wege bekannt waren, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich ward von keinem Menschen gesehen, bis ich nachher bei Dütz, so gegen Köln über, diesseits des Rheins lieget, vor den Schlagbaum kam.
In Köln kehrete ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war. Er sagte mir aber gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben gegeben, Bankerott gespielet und ausgerissen wäre. Zwar seien meine Sachen obrigkeitlich verpetschiert und der Kaufmann citiert worden, aber man zweifle sehr an seiner Wiederkunft. Bis nun die Sache erörtert würde, könne viel Wasser den Rhein hinunterlaufen.
Wie angenehm mir diese Botschaft kam, kann jeder leicht ermessen. Ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs! Auch hatte ich über zehn Taler Zehrgeld nicht zu mir genommen, daß ich also auch nicht so lang aushalten konnte, als die Zeit erforderte. So mußte ich auch besorgen, daß ich verkundschaft' würde, weil ich einer feindlichen Guarnison zugetan wäre. Unverrichteter Sache wollte ich aber nicht wieder zurück und das Meinige mutwillig dahinten lassen. So ward ich mit mir selber ein: Ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sache erörtert würde, und die Ursache meines Ausbleibens meiner Liebsten berichten. Verfügte mich demnach zu einem Procurator, der ein Notarius war, und erzählete ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen. Ich wollte ihm neben dem Tax, wann er meine Sache beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Er nahm mich gutwillig an, dann er an mir zu fischen hoffte, und dingte mich auch in die Kost. Darauf ging er des andern Tags mit mir zu denjenigen Herrn, welche die Bankerott-Sachen zu erörtern haben, gab die vidimierte Copie von des Kaufmanns Handschrift ein und legte das Original vor, worauf wir die Antwort bekamen, daß wir uns bis zur gänzlichen Erörterung gedulden müßten, weil nicht alle Sachen, davon die Handschrift sage, vorhanden wären.
Also versahe ich mich des Müßiggangs wieder auf eine Zeitlang. Mein Kostherr war, wie gehört, ein Notarius und Procurator, darneben hatte er ein halb Dutzend Kostgänger und hielt stets acht Pferde auf der Streu, welche er den Reisenden um Geld hinzuleihen pflegte, darbei hatte er einen deutschen und einen wällischen Knecht, die sich beides: zu Führen und zu Reiten gebrauchen ließen. Und weil keine Juden nach Köln kommen dörfen, konnte er mir allerlei Sachen desto besser wuchern.
Mein Notarius zehrete von seinen Kostgängern, doch seine Kostgänger nicht von ihm, er hätte sich und sein Hausgesind reichlich ernähren können, wanns der Schindhund nur darzu hätte angewendet. Aber er mästete uns auf schwedisch und hielt gewaltig zurück. Ich aß anfangs nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nicht viel Geld bei mir hatte. Da satzte es schmale Bißlein, so meinen Magen, der nunmehr zu den westfälischen Tractamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkamen. Kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Methusalem geworden war. Darüber machte dann die Kostfrau eine schwarze, sauere Brühe und überteufelts mit Pfeffer. Da wurden dann die Beiner so sauber geschleckt, daß man alsbald Schachsteine daraus hätte drehen können. Und doch waren sie dann noch nicht recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hiezu verordneten Behalter, und wann unser Geizhals deren eine Quantität beisammen hatte, mußten sie erst kleingehackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden. Nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuhe damit geschmieret. An den Fasttägen, deren mehr als genug einfielen und alle solenniter gehalten wurden, weil der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit stinkenden Bücklingen, versalzenen Polchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen, dann er kaufte alles der Wohlfeile nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was die Fischer auszuschmeißen im Sinne hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und alt, der Trank aber ein dünn, saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen, und mußt doch gut abgelegen Märzbier heißen.
Von dem deutschen Knecht vernahm ich, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe, dann da sei das Brot schimmlich, das Fleisch voller Würmer und ihre beste Speise wäre irgends zu Mittags ein paar Rettiche und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem Filz bleibe, da antwortete er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reise sei, und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder als auf seinen Schimmel-Juden bedacht sein müßte. Er getraue seinem Weib und Kindern nicht im Keller, wie er sich selbsten den Tropfen Wein nicht gönne.
Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rinderkutteln heim, das setzte er in seinen Speiskeller. Weil zu seiner Kinder großem Glück das Tagfenster offen stund, banden sie eine Eßgabel an einen Stecken und angelten damit die Kuttelflecke heraus, welche sie also bald in großer Eile verschlangen, dann sie waren gekocht. Darnach gaben sie vor, die Katze hätte es getan, aber der Erbsenzähler wollte es nicht glauben, fing derhalben die Katze, wog sie und befand, daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen.
Weil er dann so gar unverschämt handelte, begehrte ich an gemeldter Studenten Tafel zu essen, es koste was es wolle. Dort ging es zwar etwas herrlicher her, ward mir aber wenig damit geholfen, dann alle Speisen waren nur halb gar, was meinem Kostherrn zwiefach zu baß kam, erstlich am Holz, so er gesparet, und daß wir viel zurück ließen. Über das so dünkte mich, er zählete uns alle Mundvoll in Hals hinein und kratzte sich hintern Ohren, wann wir einmal recht futterten. Sein Wein war gewässert, der Käs, den man am Ende jeder Mahlzeit aufstellete, steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte. Das Obst mußte man wohl so lang auf- und abtragen, bis es mürbe und zum essen tauglich war. Wann dann etwan ein oder der andere darauf stichelte, so fing er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weibe an, daß wirs höreten, heimlich aber befahl er ihr, sie solle nur bei der alten Geigen bleiben.
Einsmals brachte ihm einer seiner Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sahe ich in der Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal Wildpret essen. Aber der deutsche Knecht sagte, daß der Has uns nicht an den Zähnen brennen würde, ich sollte Nachmittags auf den Alten Markt gehen und sehen, ob er nicht dort zum Verkauf hinge. Darauf schnitt ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr. Als wir über dem Mittagsimbiß saßen, und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählete ich, daß unser Geizhals einen Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wann mir einer von ihnen folgen wollte. Jeder sagte ja, dann sie hätten unserm Wirt gern vorlängst einen Schabernack angetan.
Also verfügten wir uns den Nachmittag auf den Alten Markt, da unser Kostherr stund, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er discurierte.
Ich hatte nun einen Kerl angestellt, der ging zu dem Höcker, wo der Hase hing:
»Landsmann, der Has ist mein. Ich nehme ihn als mein gestohlen Gut auf Recht hinweg. Er ist mir heut Nacht von meinem Fenster hinweggefischet worden. Läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine Gefahr und Unrechts Kosten mit dir hin, wo du wilt.«
Der Unterhändler antwortete, er sollte sehen, was er zu tun hätte. Dort stünde ein vornehmer Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen gegeben und ohn Zweifel nicht gestohlen habe.
Als nun die Zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, so unser Geizhals stracks in Acht nahm und hörete, wieviel die Glocke schlug. Winkte derohalben dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen lassen sollte. Mein Kerl aber wußte den Umstehenden das Stück Ohr zu weisen und an dem Schnitte zu messen, daß ihm jedermann recht gab.
Indessen näherte ich mich auch von ungefähr mit meiner Gesellschaft, stund an dem Kerl, der den Hasen hatte und fing an mit ihm zu marken, und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellete ich den Hasen meinem Kostherrn zu mit Bitte, solchen mit sich heimzunehmen und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber gab ich statt der Bezahlung ein Trinkgeld zu zwo Kannen Bier. Also mußte uns der Geizhals den Hasen wider Willen zukommen lassen und dorfte noch darzu nichts sagen. Dessen wir genug zu lachen hatten.