Das andere Buch
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Das erste Kapitel

Drei ganzer Stunden, bis das praeludium veneris oder der ehrlich Tanz geendet hatte, mußte ich im Gansstall sitzen bleiben, eh einer herzuschlich und an dem Riegel anfing zu rappeln. Ich lausterte scharf, der Kerl aber machte die Tür nicht allein auf, sondern wischte auch ebenso geschwind hinein, als ich gern heraußen gewesen wäre, und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher gleichwie beim Tanz. Weil ich aber vielen seltsamen Abenteuern an diesem Tag begegnet und mich darein ergeben hatte, fürderhin alles mit Geduld und Stillschweigen zu ertragen, als schmiegte ich mich zu der Tür mit Forcht und Zittern, das End erwartend. Gleich darauf erhub sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, woraus ich entnahm, daß sich der eine Teil über den üblen Geruch des Ortes beklagte, hingegen der ander Teil hinwiederum tröstete: »Gewißlich, schöne Dame, mir ist, versichert, vom Herzen leid, daß uns, die Früchte der Liebe zu genießen, vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber ich kann darneben beteuern, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen verächtlichen Winkel anmutiger machet, als das lieblichste Paradeis selbsten.«
Hierauf hörete ich küssen und vermerkte seltsame Posturen, wußte aber nicht, was es bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still wie eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob und der Gansstall zu krachen anfing, da wußte ich, das sein zwei von denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten. In der Angst ums Leben und dem Tode zu entfliehen, wischte ich aus der Tür mit Mordiogeschrei, warf den Riegel zu und suchte das Haustor.
In meines Herren Quartier war alles still und schlafend, dahero dorfte ich mich der Schildwache, die vorm Haus stund, nicht nähern, und es war schon weit nach Mitternacht. So fiel mir ein, ich sollte meine Zuflucht zu dem Pfarrer nehmen.
Dort kam ich so ungelegen, daß mich die Magd nur mit Unwillen einließ, ihr Herr aber, der nunmehr fast ausgeschlafen hatte, an dem Gekeife unser gewahr wurde. Er rief uns beide vor sich ans Bett und hieß mich niederlegen, da er sahe, daß ich vor Nachtfrost und Müdigkeit ganz erstarrt war. Ich erwarmet aber kaum, dann da es anfing zu tagen, so stund der Pfarrer schon vorm Bette, zu vernehmen, wie meine Händel beschaffen wären. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang bei der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie sie übel geraten. Folgendes meldete ich, daß die Gäste, nachdem er hinweg gewesen, ganz unsinnig wären worden, maßen mein Kamerad mir berichtet, sie wollten dem Haus den Boden eintreten, item in was vor schröckliche Angst ich darüber geraten und auf was Weise ich mich vorm Untergang erretten gewollt, darüber aber in Gänsstall gesperret worden seie. Auch was ich in denselben von den zweien, so mich wieder erlöst, vernommen und welcher Gestalt ich sie wieder eingesperret hätte, berichtet ich dem Pfarrer.
»Simplici,« meinte er, »deine Sachen stehen lausig. Du hattest einen guten Handel, aber ich besorge, es sei verscherzt. Packe dich nur geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht samt dir in deines Herren Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.«
Also mußte ich zum ersten Mal erfahren, wie wohl einer bei männiglich daran ist, wann er seines Herren Gunst hat, und wie scheel einer angesehen wird, wann solche hinket.
In meines Herrn Quartier schlief alles noch steinhart bis auf den Koch und ein paar Mägde; diese putzten das Zimmer, darin man gestern gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlein wieder ein Frühstück oder vielmehr einen Imbiß zu. Das Zimmer lag hin und wieder voller zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, voll Unflat und großen Lachen von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten gleich sahe, darin man hat unterschiedliche Meere, Insuln und fußfeste Länder vor Augen stellen wollen. Es stank viel übler als in meinem Gänsstall. Derowegen machte ich mich in die Küchen, mit Forcht und Zittern erwartend, was das Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte, ferners in mir würken wollte. Darneben betrachtete ich der Welt Torheit und Unsinnigkeit, so daß ich damals meines Einsiedlers dörftig und elend Leben vor glückselig schätzte und ihn und mich wieder in den früheren Stand wünschte.
Das ander Kapitel
Indessen mußten die Diener hin und wider laufen, die gestrigen Gäste zum Frühstück einzuholen, unter welchen der Pfarrer zeitlicher als alle andern erscheinen mußte, weil mein Herr fürderst meinetwegen mit ihm reden wollte, maßen man ihm berichtet, ich sei aus dem Gänsstall ausgebrochen, indem ich ein Loch hinter dem Riegel mit dem Messer geschnitten.
Er fragte ihn ernstlich, ob er mich vor witzig oder vor närrisch hielte, ob ich so einfältig oder so boßhaftig sei, und erzählete ihm, wie unehrbarlich ich mich gehalten, was teils von seinen Gästen übel empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit Fleiß so angestellet worden, item, daß ich nun in der Küchen umgehe wie ein Junker, der nicht mehr aufwarten dörfe. Sein Lebtag sei ihm kein solcher Possen widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler ehrlicher Leute gerissen. Er wüßte nichts anders mit mir anzufangen, als daß er mich lasse abprügeln und wieder vor den Teufel hinjagen.
Derweilen sammelten sich die Gäste. Der Pfarrer aber antwortete, wann ihm der Gouverneur zuzuhören beliebte, so wolle er vom Simplicio eins und anders erzählen, daraus dessen Unschuld zu ersehen sei und alle ungleichen Gedanken benommen würden.
Inzwischen akkordierte der tolle Fähnrich aus dem Gänsstall mit mir in der Küchen, und brachte mich durch Drohworte und einen Taler dahin, daß ich versprach, reinen Mund zu halten.
Die Tafeln wurden gedeckt und mit Speisen und Leuten besetzt. Wermut-, Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras den Säufern ihre Köpfe und Mägen wieder begütigen, dann sie waren schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erst Gespräch war von ihnen selbsten: wie sie gestern einander so brav vollgesoffen ... mit nichten! sie hätten allein gute »Räusche« gehabt, dann keiner säuft sich mehr voll, sintemal die »Räusche« aufgekommen sind. Als sie aber von ihren eigenen Torheiten zu reden und zu hören müde waren, mußte der arme Simplicius herhalten. Der Gouverneur selbst erinnerte den Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen.
Dieser bat zuvörderst, man wolle ihm nicht vor ungut halten, dafern er Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel vermerkt werden könnten. Fing darauf an zu erzählen, aus was natürlichen Ursachen ich dem Secretario merkliche Unlust in seiner Kanzlei angerichtet, wie ich sonach das Wahrsagen gelernet und solches schlimm erprobt, wie seltsam mir das Tanzen vorgekommen sei und wie ich darüber in den Gänsstall gelangt wäre. Solches brachte er in einer wohlanständigen Art vor, daß sich die Gäste trefflich zerlachen mußten. Aber von dem, was mir im Gänsstall begegnet, wollte er nichts sagen.
Hingegen fragte mich mein Herr, was ich vor so saubere Künste und Lehren meinem Kameraden gegeben hätte. Ich antwortete: »Nichts«. »So will ich dein Lehrgelt zahlen,« versprach mein Herr und ließ ihn darauf über eine Futtertruhe spannen und allerdings karbaitschen.
Er wollte mich ferner meiner Einfalt wegen stimmen, ihn und seinen Gästen mehr Lust zu machen, dann ich galt mit meinen närrischen Einfällen selbigen Tags über allen Musikanten. Und er fragte, warum ich die Stalltür erbrochen. Ich sagte: »Das mag jemand anders getan haben.« — »Wer?« — »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war aber ein geschwinder Kopf und sahe wohl, wie man mich Lausen müßte. »Wer hat dir solches verboten?« — »Der tolle Fähnrich da.«
Ich merket an jedermanns Gelächter, daß ich mich gewaltig verhauen haben mußte, und der tolle Fähnrich ward so rot wie eine glühende Kohlen.
Darauf gebot mein Herr zu reden und fragte: »Was hat der tolle Fähnrich bei dir im Gänsstall zu tun gehabt?« Ich antwortete: »Er brachte eine Jungfer mit hinein.«
Darüber erhub sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte.
So brachten etliche mehr Possen auf die Bahn, sunderlich meine einfältigen Straf- und Mahnreden, daß man schier denselben Imbiß von nichts, als nur von mir zu reden und zu lachen hatte.
Und das verursachte einen allgemeinen Entschluß zu meinem Untergang: man sollte mich nur tapfer agieren, so würde ich mit der Zeit einen raren Narren abgeben, den man auch den größten Potentaten der Welt verehren und mit dem man die Sterbenden zum Lachen bringen könnte. —
Wie man nun also schlampampte und wieder gut Geschirr machen wollte, meldete die Wacht einen Commissarium an, der vor dem Tor sei. Das eingehändiget Schreiben besagte, er wäre von den schwedischen Kronräten abgeordnet, die Guarnison zu mustern und die Festung zu visitieren. Solches versalzte allen Spaß und das Freudengelag verlummerte wie ein Dudelsackzipfel, dem der Blast entgangen. Die Musikanten und Gäste zerstoben wie Tabakrauch, der nur den Geruch hinter sich läßt. Mein Herr trollete selbst mit dem Adjutanten, der den Schlüssel trug, samt einem Ausschuß von der Tagwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den Plackschmeißer, wie er ihn nannte, selbst einzulassen. Er wünschte, daß ihm der Teufel den Hals in tausend Stücke bräche, ehe er in die Festung käme.
Sobald er ihn aber eingelassen und auf der inneren Fallbrücke bewillkommnete, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht selbst den Steigbügel hielte, seine Devotion zu bezeugen, ja die Ehrerbietung war augenblicklich zwischen beiden so groß, daß der Commissarius abstieg und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein Losament schritt. Da wollte ein jeder zur linken Hand gehen und mehr dergleichen. Ach, gedachte ich, was vor ein Geist regiert die Menschen, indem er je einen durch den andern zum Narren machet!
Wir näherten also der Hauptwache und die Schildwacht rufte ihr Wer-da, wiewohl sie sahe, daß es mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten, sondern dem andern die Ehre lassen, daher stellet sich die Schildwacht mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortete der Commissarius: »Der Mann, ders Geld gibt.«
Wie wir bei der Schildwacht vorbeipassierten, und ich so hinten nachzog, hörete ich den Posten brummen: »Ein Mann ders Geld gibt! Verlogener Kund! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist! Daß dich der Hagel erschlüge, eh du wieder aus der Stadt kommst!«
Also meinete ich, der fremde Herr mit der sammeten Mutzen müßte ein Heiliger sein, weil nicht allein keine Flüche an ihm hafteten, sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebe und alles Gute erwiesen. Er ward noch diese Nacht fürstlich traktieret, blind vollgesoffen und in ein herrlich Bette gelegt.
Folgenden Tags ging es bei der Musterung bunt über Eck her. Ich einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium zu betrügen. Daß ich ihm zu klein vor die Musketen erschiene, staffieret man mich mit einem entlehnten Kleid und einer Trummel aus. Mein Herr ließ in die Rolle meinen Namen einschreiben und nannte mich Simplicius Simplicissimus.
Das dritte Kapitel
Als der Commissarius wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich zu sich in sein Losament kommen und sagte:
»O Simplici, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen, dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt, wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen, Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend, sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle.«
Wie der Pfarrer gesagt, also ging es: Im ersten Schlaf kamen vier Kerl in schröcklichen Teufelslarven, die sprungen herum wie Gaukler. Einer hatte einen glühenden Hacken, der andere eine Fackel. Zween aber wischten über mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten mit mir hin und her, zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber verführete ein jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerforchtsamsten Gebärden erscheinen. Hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einem Handtuch und führeten mich unterschiedliche Umwege, viel Stiegen auf und ab und endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte. Sie banden das Handtuch ab und fingen an, mir mit spanischem Wein und Malvasier zuzutrinken. Ich stellet mich mit allem Fleiß, als wäre ich nun gestorben und im Abgrund der Hölle.
»Sauf zu! Willtu nicht ein guter Gesell sein, so mußt du in gegenwärtiges Feuer!«
Die armen Teufeln wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines Herrn Fourierschützen waren. So trank ich mein Teil, sie aber soffen, weil derlei himmlischer Nectar selten an solche Gesellen kommt. Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich mit Hin- und Hertorkeln, wie ichs gesehen hatte, und wollte endlich gar nicht mehr saufen, sondern schlafen. Sie hingegen jagten und stießen mich mit ihren Hacken, die sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken des Kellers herum. Und wann ich in solcher Hatz niederfiel, so packten sie mich auf, als wann sie mich ins Feuer werfen wollten. Also ging mirs wie einem Falken, den man wacht. Ich hätte zwar Trunkenheit und Schlafes halber ausgedauert, aber sie lösten einander ab. Drei Täge und zwei Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zugebracht. Der Kopf fing mir an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte. Ich warf mich hin und stellet mich tot. Da legten sie mich in ein Leinlach und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alles Eingeweide samt der Seele hätte herausfahren mögen. Wovon ich meiner Sinne beraubt ward und nicht weiß, was sie ferners mit mir gemacht haben.
Als ich zu mir selber kam befand ich mich in einem schönen Saal unter den Händen dreier alter Weiber, die vor eine treffliche Arznei wider die unsinnige Liebe hätten dienen mögen, so garstig waren sie. Ich erkannte wohl, daß die eine unsere Schüsselwäscherin, die andern zwo aber zweier Fourierschützen Weiber waren. Da stellete ich mich, als wann ich mich nicht zu regen vermöchte, wie mich dann in Wahrheit auch nicht tanzerte, als die ehrlichen Alten mich auszogen und mich wie ein klein Kindlein säuberten. Doch tät mir solches trefflich sanft. Sie bezeugten unter währender Arbeit große Geduld und Mitleiden, also daß ich ihnen beinahe offenbaret hätte, wie gut mein Handel noch stünde. Zum Glück gedachte ich: Nein, Simplici, vertraue keinem alten Weibe! — Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich Bette, darin ich ungewiegt entschlummerte. Meines Davorhaltens schliefe ich in einem Satz länger als vierundzwenzig Stunden. Da ich erwachte stunden zween schöne, geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit weißen Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte ein vergöldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und anderm Konfekt, der ander aber einen göldnen Becher in Händen. Diese Engel wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das Fegfeuer so glücklich überstanden. Derohalben sollte ich nur begehren, was mein Herz wünsche. Mich quälte der Durst, mich verlangete nur nach einem Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet wurde. Es war aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk.
Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schliefe ich noch heute), befand mich aber nicht mehr im Bette noch im vorigen Saal, sondern in meinem Gänskerker und überdas trug ich ein Kleid von Kalbsfellen, daran das rauhe Teil nach auswendig gekehrt war. Die Hosen waren auf polnisch oder schwäbisch, der Wams auf närrisch gemacht. Oben am Hals stund eine Kappe wie eine Mönchsgugel, die war mir über den Kopf gestreift und mit einem Paar großer Eselsohren gezieret. Ich mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich an Nest und Federn sahe, was ich vor ein Vogel sein sollte. Ich bedachte mich aufs beste und satzte mir vor, mich so närrisch zu stellen, als mir immer müglich sei, darneben mit Geduld zu verharren.
Das vierte Kapitel
Weil ich ein Narr sein sollte, der nicht so witzig ist, von sich selbst herauszugehen, achtet ich des Loches, das der tolle Fähnrich in die Tür geschnitten hatte, nicht, sondern blieb und stellte mich als ein hungrig Kalb, das sich nach der Mutter sehnet. Mein Geplärr ward auch bald von zween Soldaten gehöret, die darzu bestellt waren. Sie fragten mich, wer da sei. Ich antwortete: »Ihr Narren, höret ihr dann nicht, daß ein Kalb da ist?« Sie nahmen mich heraus und verwunderten sich wie neugeworbene Komödianten, die nicht wohl agieren können, daß ein Kalb rede. Sie beratschlagten, mich dem Gubernator zu verehren, der ihnen mehr schenken würde, als der Metzger vor mich bezahlt hätte. Sie fragten mich, wie demnach mein Handel stünde.
»Liederlich genug,« antwortete ich.
»Warum?«
»Darum, dieweil hier Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu sperren.«
Sie führten mich gegen des Gouverneurs Quartier zu und uns folgte eine große Schar Buben nach, die ebensowohl als ich, wie Kälber schrien.
Also ward ich dem Gouverneur präsentiert, als ob ich von denen Soldaten erst auf Partei erbeutet worden wäre. Er versprach mir die beste Sach. Ich sagte: »Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren, dann wir Kälber können solches nicht erdulden, wann wir anders wachsen und zu einem Stück Hauptviehe werden sollen.«
Er vertröstete mich eines besseren und dünkte sich gar gescheit zu sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemachet hätte. Hingegen gedachte ich: Harre mein, lieber Herr, ich habe die Probe des Feuers überstanden.
Indem trieb ein geflüchteter Baur sein Viehe zur Tränke. Ich sahe es und eilete mit einem Kälbergeplärr den Kühen zu, so sich vor mir ärger entsatzten als vor einem Wolf, ja, sie wurden so schellig und zerstoben von einander, daß sie der Bauer am selbigen Ort nicht mehr zusammenbringen konnte. Im Hui war ein Haufen Volk darbei, das der Gaukelfuhre zusahe. Mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen, und meinte endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert!« Ich aber gedachte, eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest.
Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte, also nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen Namen. In summa mich schätzte männiglich vor einen ohnweisen Toren und ich hielte jeglichen vor einen gescheiten Narren. Dieser Brauch ist meines Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz zufrieden und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen.
Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber daneben seltsame Sachen auf die Bahn, und, als ich essen sollte, konnte niemand menschliche Speise oder Trank in mich bringen. Ich wollte kurzum nur Gras haben, was zur selbigen winterlichen Zeit zu bekommen unmüglich war. So ließ mein Herr zweien kleinen Knaben frische Kalbfell überstreifen, diese satzte er zu mir und traktierte uns mit Wintersalat. Ich aber sahe so starr drein, als wann ich mich darüber verwunderte.
»Jawohl,« sagten sie, weil sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist nichts Neues, daß Kälber Fleisch, Fisch, Käse, Butter und anders fressen. Sie saufen auch zu Zeiten einen guten Rausch.«
Ich ließ mich desto ehender überreden, als ich hiebevor schon selbst gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schweine, geiler als Böcke, neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als Schlangen und Kroten waren, so dannoch allesamt menschlicher Nahrung genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren.
Gleichwie meine beiden Schmarotzer mit mir zehreten, also mußten sie auch mit mir zu Bette, wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß ich im Kühestall schliefe. Der grundgütige Gott gab mir so viel Witz vor meinen Stand, als er einem jeden Menschen zu seiner Selbsterhaltung verleihet, dannenhero ich erkannte: Doktor hin, Doktor her, was bildet ihr euch ein, allein witzig zu sein und Hans in allen Gassen. Hinter den Bergen, da wohnen auch noch Leute.
Gegen Mittag so mußte ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer bei meinem Herren war, den neuen Narren zu hören und zu sehen. Ich erschiene und stund da wie ein Stummer. Dahero diejenige, so ich hiebevor beim Tanze erdappet hatte, Ursach nahm zu sagen, sie hätte gehört, daß dieses Kalb könne reden, nunmehr verspüre sie aber, daß es nicht wahr sei.
Ich antwortete: »So habe ich vermeint, die Affen können nicht reden, höre aber wohl, das dem auch nicht so sei.«
»Wie,« sagte mein Herr, »vermeinst du dann, diese Damen seien Affen?«
»Sein sie es nicht,« gab ich entgegen, »so werden sie es bald werden. Wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen, ein Kalb zu werden, und bins doch.«
Da fragte mein Herr, woran ich sehe, daß diese Damen Affen werden sollten.
Ich antwortete: »Der Affe trägt seinen Hintern bloß, diese Jungfer allbereits ihre Brüstlein, dann andre Mägde pflegen sonst solche zu bedecken.«
»Schlimmer Vogel,« sagte mein Herr, »so redest du? Diese lassen billig sehen, was sehenswert ist, der Affe aber gehet aus Armut nackend. Geschwind bringe ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich mit Hunden in den Gänsstall hetzen!«
Hierauf betrachtete ich die Dame so steif und lieblich, als hätte ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl der Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört, unten am Rock stehen lassen, darum schleift es so weit hinten nach. Man soll dem Hudler die Hand abhauen. Jungfer, schafft ihn ab, wann er Euch nicht so verschänden soll und sehet, daß ihr meiner Meuder, des Ursele und der Ann Schneider bekommt, die haben Röck gehabt, so nicht im Dreck geschlappt wie Eurer.«
Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann und Ursele schöner gewesen als diese Jungfer.
»Ach wohl nein,« sagte ich, »diese Jungfer hat ja Haare so gelb, als kleine Kindlein die Windlen zeichnen, und sie sein so hübsch zusammengerollt, als hätte sie auf jeder Seite ein paar Pfund Lichter oder ein Dutzend Bratwürst hangen. Wie hat sie so eine schöne glatte Stirn, weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen. Jammerschad ist, daß ihre zarte Haut durch den Puder bemackelt wird, als habe die Jungfer den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe. Wie zwitzern doch ihre funkelnden Augen, vor Schwärze klärer als meines Knäns Ofenloch. Und die zwei Reihen Zähne, so in ihrem Maul stehen, schimmern so schön, als wann sie aus einem Stück von einer weißen Rübe geschnitzelt wären worden. O Wunderbild, ich glaube nicht, daß es einem wehe tut, so du einen damit beißest! Wie ist ihr Hals schier so weiß, als eine gestandene Sauermilch und ihre Brüstlein sein von gleicher Farbe und ohn Zweifel so hart, als eine Geißmämm, die von übriger Milch strotzet. Ach Herr, sehet ihre Hände und Finger so subtil, so lang, so gelenk, so geschmeidig und so geschickt, damit sie einem in den Sack greifen können, wann sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihren ganzen Leib, den ich zwar nicht sehen kann. Ist er nicht so zart, so schmal und anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle Katharina gehabt hätte?«
Hierüber erhub sich eine solch Gelächter, daß man mich nicht mehr hören, noch ich mehr reden konnte. Ging hiemit durch wie ein Holländer und ließ mich, solang mirs gefiel, von andern vexieren.
Das fünfte Kapitel
Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe, ward noch darzu ausgelacht.
Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der Secretarius, dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man der Menschen ersten Vater titulieret hätte.
»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt, die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.«
»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien, ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.«
»Ha,« rief der Secretarius, »wann es damit wohl ausgericht sein wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.«
»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre habe.«
»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch Tugend edel machen. Wann aber — so folget, daß man die Kinder der Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wer wollte in Alexandri Magni Nachkömmlingen, wann anders noch einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen, hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht Quintus Curtius, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem, sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? — Da könnte ich auch den Julium Cäsarem und Pompeium anführen, deren der eine fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien 876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem Lucio Siccio Dentato, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre, deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.
Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden. Was findet sich für Geschicklichkeit am Zeuxis, welcher mit seinen Schildereien die Vögel in der Luft betrog, item am Apelles, der eine Venus so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein verliebten. Plutarchus schreibet, daß Archimedes ein großes Schiff mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches 200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht genießen konnte.«
Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die göttliche Allmacht zu erkennen.«
Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.« Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte. »Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.« Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«
»Wieso, wieso, du Kalb!«
»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld, Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, in summa fast alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«
»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«
»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist? Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer verargeten dem Scipioni das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte. Des Julii Cäsaris spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren Catonem, weil es zu gierig auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen Demosthenes sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend gejagt haben. Dem Sokrati ist mit Gift vergeben worden. Hannibal hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen. Lykurg ward gesteiniget. Solo wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn. Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein böses Gewissen davon.«
Das sechste Kapitel
Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein Herr aber sagte:
»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.«
Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl, wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden. Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will? Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange, daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln, wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir euer Meinung wieder.«
Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der Secretarius hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor vernünftig und witzig gelten müssen.
Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.«
Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte.
Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!«
Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue.
»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«
»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen. Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen. »Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«
Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte, konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren selbst stunden die Augen voll Wasser.
Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet, so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt, der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich, als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten Simplicio auch wieder geholfen werden.«
»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«
»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein, doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins Gehirn gefaßt hat.«
Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung, das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.
Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.
Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.
Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen, in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte. Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.
Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon.
Das siebente Kapitel
Obzwar nun die Hanauer gleich Lärm schlugen, sich zu Pferd heraus ließen, so mochten sie doch denen Kroaten nichts abgewinnen. Diese leichte Ware ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern daselbst die gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlenen Pferde und andere Beute verkauften. Von dannen brachen sie wieder auf und gingen schnell durch den Büdinger Wald auf Stift Fulda zu. Sie nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts, dann sie konntens machen wie der Teufel, maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beute ankamen. Das ward alles partiert, ich aber fiel dem Obristen Corpes zu.
Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor. Die hanauischen Schleckerbissen hatten sich in schwarzes Brot und mager Rindfleisch verändert, Wein und Bier war mir zu Wasser geworden, so schlief ich bei den Pferden. Anstatt Lautenschlagen mußte ich zu Zeiten gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und mich von Sporen stechen lassen. Vor das hanauische Herumterminieren mußte ich Pferde striegeln. Mein Herr hatte kein Weib, keinen Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reutknechte und Jungen. Er schämete sich nicht, sein Roß zu satteln und ihm Futter fürzuschütten. Er schlief auf der bloßen Erde und bedeckte sich mit seinem Pelzrock, daher sahe man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete, sondern noch darzu lachte, wann ihm jemand einen herablas. Er trug kurze Haupthaar und einen Schweizerbart, welcher ihm wohl zustatten kam, weil er zuweilen selbst auf Kundschaft ging. Von den Seinen und andern, die ihn kannten, ward er geliebt, geehrt und geförchtet.
Dies Leben schmäckte mir ganz nicht, dann wir waren niemals ruhig. Mit den Burschen konnte ich nicht reden, mußte mich stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen. Die größte Kurzweil, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf deutsch singen und eins vorblasen mußte. Ich kriegte alsdann so dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernach ging. Zuletzt lernte ich das Kochen und meines Herrn Gewehr sauber halten, darauf er viel hielt. Das schlug mir so vortrefflich zu, daß ich endlich seine Gunst erwarb, maßen er mir ein neues Narrenkleid aus Kalbsfellen mit viel größeren Eselsohren machen ließ. Ich trachtete Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier wieder ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlanget hatte.
Derhalben nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, fern hinweg zu schleifen, damit sie keinen so üblen Geruch machten. Solches ließ sich der Obrist gefallen. Zuletzt aber blieb ich gar aus und entwischte in den nächsten Wald.
Das achte Kapitel
Allein ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, so erhascheten mich etliche Schnapphahnen, die mein närrisch Kleid in der finstern Nacht nicht sahen und mich durch zween von ihnen an einen gewissen Ort im Walde führen ließen. Als wir dort waren, wollte der eine Kerl kurzum Geld von mir und legte Handschuh und Feuerrohr nieder, um mich zu visitieren. Sobald er aber mein haarigs Kleid und die langen Eselsohren an meiner Kappe begriff, davon helle Funken stoben, fuhr er vor Schröck ineinander. Solches merkte ich gleich, derowegen striegelte ich mein Kleid, daß es schimmerte, als wann ich inwendig voller brennenden Schwefels gestocken wäre. Ich schrie ihn mit schröcklicher Stimme an: »Ich bin der Teufel und will dir und deinem Gesellen die Hälse abdrähen!«
Da rannten alle beide durch Stöcke und Stauden, als wann sie das höllische Feuer gejaget hätte. Ich aber lachte unterdessen förchterlich, daß es im ganzen Wald erschallete.
Als ich mich abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr und da ich weiterschritte, stieß ich auch an einen Knappsack, daran unten eine Patronentasche, mit Pulver, Blei und Zugehör wohlversehen, hing. Das nahm ich alles an mich, weil ich mit dem Geschoß umzugehen bei den Kroaten wohl gelernet hatte, und verbarg mich unweit davon in einem dicken Busch.
Sobald der Tag anbrach kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz und suchte das verloren Feuerrohr samt Knappsack. Ich aber hielt mich stiller als eine Maus.
»Pfui, ihr feige Tropfen,« sagte einer, »daß ihr euch von einem einigen Kerl erschröcken, verjagen und das Gewehr abnehmen lasset!«
Jedoch der eine schwur, der Teufel solle ihn holen, wann es nicht der Teufel selbst gewesen sei, er hätte die Hörner und seine rauhe Haut wohl begriffen. Der Anführer antwortete: »Was meinest du wohl, daß der Teufel mit deinem Ranzen und Feuerrohr machen wollte. Ich dörfte meinen Hals verwetten, wo nicht der Kerl beide Stücke mit sich genommen!«
Diesem hielt ein andrer Widerpart und sagte: es könne wohl auch sein, daß seither etlich Bauren dagewesen wären.
Zuletzt glaubten sie den grausamen Flüchen der beiden, so meine funkelnde Haut gesehen hatten, daß es der Teufel gewesen sei, und nahmen ihren Weg weiters.
Ich aber machte den Ranzen auf zu frühstücken und langte mit dem ersten Griff einen Säckel heraus, in welchen dreihundert und etliche sechzig Dukaten waren. Viel mehr erfreuete mich aber, daß ich den Sack mit Proviant wohl gefüllet befand. Also zehrete ich bei einem lustigen Brünnlein fröhlich zu morgen.
Solang mein Proviant währete, blieb ich im Wald, als aber mein Ranzen leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser. Da kroch ich bei Nacht in Keller und Küchen, nahm, was ich fand, und schleppte es mit mir dahin, wo es am allerwildesten war. Noch stund der Sommer im Anfang und ich konnte mit meinem Rohr Feuer machen.
Unter währendem diesem Herumschweifen haben mich unterschiedliche Baursleute angetroffen, die seind aber allezeit vor mir geflohen. Also ward ruchbar, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend umher. Derowegen mußte ich sorgen, der Proviant möchte mir ausgehen. Ich wollte wieder Wurzeln und Kreuter essen, deren war ich aber nicht mehr gewohnt.
Einsmals hörete ich zween Holzheuer. Ich ging dem Schlag nach, und als ich sie sahe, nahm ich eine Handvoll Dukaten, schlich nahe zu ihnen, zeigte ihnen das anziehende Geld und sagte: »Ihr Herren, wann ihr meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.«
Aber sobald sie mich und das Gold sahen, gaben sie Fersengeld und ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs- und Brotsack liegen. Den nahm ich, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, wieder einmal unter Menschen zu kommen.
Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich meinen Schatz zu sichern, derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren zwei Armbinden, gesellete darein meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten und arrestieret die Armbänder oberhalb den Ellbogen um meine Arme. Sodann fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat, was ich bedurfte und erschnappen konnte, jedoch so, daß ich niemals wieder an denselbigen Ort kam.
Als ich zu Ende Mai wieder in einen Baurenhof geschlichen war, kam ich in die Küche, merkte aber bald, daß noch Leute auf waren. Blieb demnach mausstill sitzen und wartete. Unterdessen nahm ich einen Spalt gewahr, den das Küchenschälterlein hatte. Ich schlich hinzu und sahe anstatt des Lichts eine schweflichte, blaue Flamme auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänke schmierten und nach einander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich wunderte mich schröcklich und empfand großes Grauen, weil ich aber größerer Schröcklichkeiten gewohnt war, verfügte ich mich, nachdem sie alle abgefahren, in die Stube und bedachte, wo ich etwas finden sollte. Satzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgesessen, da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus und ließ meinen Ranzen und Feuerrohr vor den Schmierlohn und die künstliche Salben dahinter.
Ich kam in einem Nu zu einer großen Schar Volkes, diese tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen. Sie hatten sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit zusammengekehrten Rücken, also, daß sie die Angesichter hinauswarts kehrten. Ein Ring tanzte um den andern links, der ander rechts herum und würblete dermaßen, daß ich nicht sehen konnte, was sie in der Mitte stehen hatten. Gleich seltsam war die Musik, welche eine wunderliche Harmoniam abgab. Meine Bank hatte mich bei den Spielleuten niedergelassen. Die hatten anstatt Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien nichts anderes als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie lustig daherpfiffen. Etliche geigten auf Roßköpfen, andere schlugen Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen. Einer hatte eine Hündin am Arm, deren leierte er am Schwanz und fingerte an den Dütten. Darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im ganzen Wald erschallete. Wie der Tanz bald aus war, fing die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll wären.
In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar und hatte eine ungeheuere Krote unterm Arm, der waren die Därme ausgezogen und wieder zum Maul hineingeschoppt.
»Sieh hin, Simplici, ich weiß du bist ein guter Lautenist, laß doch ein Stückgen hören!«
Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit meinem Namen nannte. Ich sahe ihn mit seiner Krot steif an und er zog seinen Nase aus und ein. Endlich stieß er mir vor die Brust, daß ich bald davon erstickte, derowegen rief ich überlaut zu Gott. Im Hui war es stockfinster und mir so förchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel und wohl hundert Kreuz vor mich machte.
Das neunte Kapitel
Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden sich etliche finden, die sagen, Simplicius schneide hier mit dem großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte.
Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern, daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben ward, auf St. Petri Gebet wieder heruntergefallen. Weiters Nicolaus Remigius, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen, erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war, im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen. Majolus setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was Torquemadus in seinem Hexamerone erzählet, mag bei ihm gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori genugsam bekannt.
Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich, doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.
Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts, als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, item daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte, daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren wären.
»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir nicht übel anstehen.«
Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen. Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen.
Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig, wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen, überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden. Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen, indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen Musterschreiber dienete.
In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte, daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf Physiognomiam verstund.
Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte; wollte auch meiner Unschuld versichert sein.
Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem einsamen Ort und sagte:
»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann, dein Vertrauen setzen willst.«
Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle, so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst Chiromantia sehe, daß mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er wollte mein treuer Freund und Vater bleiben.
Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren, Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe oft gewaltig geflickt wurden.
Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch, denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte. Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken, andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben, teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab.
Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja, es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.«
Ich fragte: »Liebster Herr, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?«
Er antwortete: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer selbst mitmachen, sondern es geschiehet, weils die Soldaten nicht mehr lassen wollen, ja, auch nicht lassen können. Dann wer sich dem Spielen einmal ergeben, der wird nach und nach, er gewinne oder verspiele, so verpicht darauf, daß er's weniger lassen kann als den natürlichen Schlaf. Man siehet etliche die ganze Nacht durch und durch raßlen und vor das beste Essen und Trinken hineinspielen und sollten sie auch ohn Hemd davongehen. Es ist zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstrafe verboten und auf Befehl der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden, aber das half alles nichts. Also daß man, der Heimlichkeit zu wehren, das Spielen wieder offentlich erlauben und gar diesen eigenen Platz darzu widmen mußte, damit die Hauptwacht bei der Hand wäre. Ich versichere dich, Simplici, daß ich willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zur Ruhe komme. Da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit Spielen unnütz verbringet, nicht weniger will ich die grausamen Flüche, mit welchen man Gott lästert, und die Scheltworte erzählen, mit denen einer den andern antastet, viel schröckliche Exempel und Historien einbringen, die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen. Und will nicht vergessen der Duell und Totschläge, des Geizes, Zorns, Neides, Eifers, der Falschheit, des Betrugs und Diebstahls und beides: der Würfel- und Kartenspieler unsinnige Torheiten mit ihren lebendigen Farben abmalen und vor Augen stellen, daß jeder Leser ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen soll, als wann er Säumilch gesoffen hätte, welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt.«
Das zehent Kapitel
Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor, so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich als närrisch fielen.
So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte.
Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer sei, sagte er:
»Er ist der Herr Dicis-et-non-facis, das ist auf deutsch soviel als ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit ihm in Umgang kommen.«
Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er ausgelacht, ich aber selber gebaumölt.
Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen, Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles glaubte, so ein dummer Narr war ich.
Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns, der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen großen bevorstehenden Spott.
Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete, wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, damit er sich vor dem Judas vorsehe. —
Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle, der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.
Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit. Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich vielleicht einer davon versehen hätte.
Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte, sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen, diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte. Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.
Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:
»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem Secretario des morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«
Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.
Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß, daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war, versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will dir hundert Dukaten geben!« — »Bist du ein rechter Narr und scherzest in unserer äußersten Trübseligkeit?«
Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem kranken Vater aufwarten.«
Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß sie mich um diese Summam samt dem Interesse hinwiederum mit großem Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in ihre beständige Freundschaft befahl.
Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum vom Simplicio den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.«
Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter gebrauchen.
Das elfte Kapitel
Keiner schickte sich besser, dem alten Herzbruder abzuwarten, als ich, so ward mir auch solches Amt von dem Obristen aufgetragen. Es besserte sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. Julii fast wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte. Doch wollte er sich noch inhalten und krank stellen, bis vermeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsatzte, vorbei wäre.
Indessen besuchten ihn allerhand Offizierer von beiden Armeen, die ihr künftig Glück von ihm wissen wollten, dann weil er ein guter Mathematicus und Nativitätensteller, benebens auch ein vortrefflicher Physiognomist und Chiromanticus war, ging seine Aussag selten fehl. Er nannte sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschahe, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige Zeit, einen gewalttätigen Tod zu erleiden, angedroht war.
Dem falschen Olivier, der sich gar däppisch bei ihm zu machen wußte, sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müsse, und daß ich seinen Tod rächen werde, weswegen mich Olivier folgender Zeit hochhielt. Auch mein zukünftiges Leben erzählete er mir, welches ich aber wenig achtete.
Als nun der 26. Julii eingetreten war, vermahnete er mich und einen Fourierschützen, den mir der Obrist auf sein Begehren denselben Tag zugegeben hatte, ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt lassen. Er lag allein darin und betete. Da es aber Nachmittag ward, kam ein Leutenant aus dem Reuterläger dahergeritten, welcher nach des Obristen Stallmeister fragte. Er ward zu uns und gleich darauf wieder von uns abgewiesen. Er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müßte. Weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an zu fluchen, mit Donner und Hagel dreinzukollern und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, so sollte er abermal die Ehre nicht haben, nur ein einzig Wort mit ihm zu reden? Stieg darauf ab, ließ sich nicht verwehren, das Zelt selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihm in die Hand biß und eine dichte Maulschelle davor bekam.
Sobald er meinen Alten sahe, sagte er:
»Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit gebrauche, ein Wort mit ihm zu reden.«
»Wohl,« antwortete der Stallmeister, »was beliebt dann dem Herrn?«
»Nichts anders,« sagte der Leutenant, »als daß ich den Herrn bitten wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen.«
Der Stallmeister entgegnete: »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir vergeben, daß ich demselben vor diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren kann. Weil diese Arbeit viel Rechnens brauchet, wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können. Wann er sich aber bis morgen zu gedulden beliebet, will ich ihm verhoffentlich genugsame Satisfaction tun.«
»Herr,« sagte hierauf der Leutenant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand.«
»Mein Herr,« antwortete der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gern tun, was der Herr von mir begehret.«
Der Leutenant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vater vors Bette, streckte ihm die Hand dar und sagte:
»Herr, ich bitte nur um ein paar Worte, meines Lebens Ende betreffend mit Versicherung, wann solches etwas Böses sein sollte, daß ich des Herren Rede als eine Warnung von Gott annehmen will, um mich desto besser vorzusehen. Darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir die Wahrheit nicht verschweigen!«
Der redliche Alte antwortete ihm hierauf kurz und sagte: »Nun wohlan, so sehe sich der Herr dann wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehängt werde.«
»Was, du alter Schelm,« schrie der Leutenant, »solltest du einen Kavalier solche Worte vorhalten dörfen!« Zog damit vom Leder und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bette zu Tode.
Ich und der Fourierschütz riefen alsbald Lärmen und Mordio, also daß alles dem Gewehr zulief. Der Leutenant aber machte sich unverweilet auf seinen Schnellfuß und wäre auch ohn Zweifel entritten, wann nicht eben persönlich der Kurfürst von Sachsen mit vielen Pferden vorbei gekommen wäre und ihn hätte einholen lassen. Als derselbe den Handel vernahm, wandte er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte nichts andres als dieses:
»Das wäre eine schlechte Disciplin in einem kaiserlichen Läger, wann auch ein Kranker im Bette vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!«
Das war ein scharfer Sentenz und genugsam, den Leutenant um das Leben zu bringen, gestalt ihn unser General alsbald an seinem allerbesten Hals aufhängen ließ.
Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle Wahrsagungen zu verwerfen sein, wie etliche Gecken tun, die gar nichts glauben können. Allein ich habe oft gewünscht und wünsche es noch, daß mein lieber alter Herzbruder zu mir geschwiegen hätte. Dann der Mensch kann sein vorausgesetztes Ziel schwerlich überschreiten, also auch ich die unglücklichen Fälle, so er mir angezeiget, habe niemals umgehen können. Was half mir, daß der alte Herzbruder hoch und teuer schwur, ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von niemand anders wußte, als von meinen Knän und meiner Meuder! Item was halfs dem Wallenstein, Herzog von Friedland, daß ihm profezeit ward, er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönt werden. Weiß man nicht, wie er zu Eger ist eingewieget worden?
Das zwölfte Kapitel
Meine beiden Herzbrüder hatte ich verloren, das ganze Läger vor Magdeburg war mir verleidet, ich ward meines Standes so müd und satt, als wann ich's mit lauter eisernen Kochkesseln gefressen hätte.
Olivier, der Secretarius, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein Hofmeister geworden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage zu reuten. Als wir nun einsmals in ein großes Dorf kamen, darin etliche den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wider in die Häuser ging, zu suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte. Aber ich mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen, zog es an und warf den Narrenhabit in ein Secret. In diesem Aufzuge ging ich über die Gasse etlichen Offiziersweibern entgegen und machte enge Schrittlein. Ich war aber kaum außer Dach, da mich etliche Fouragierer sahen und besser springen lehrten. Sie schrieen: Halt! Halt! — ich lief zu den obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie und bat, meine Jungfernschaft vor diesen geilen Buben zu schützen. Da ward ich von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei welcher ich mich auch beholfen, bis Magdeburg von den unseren eingenommen ward.
Die Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib, daß sie mir endlich nach lang gehabter Mühe und vergeblicher, umschweifender Weitläufigkeit nur allzu deutsch zu verstehen gab, wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber, damals noch viel zu gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte und ließ keine anderen Anreizungen erscheinen, als solche daraus man eine fromme Jungfer urteilen mochte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen an derselben Kränke wie die Rittmeisterin, dahero befahl er seinem Weibe, sie sollte mich besser kleiden, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels nicht schämen dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und putzte mich heraus wie eine franzsche Poppe, welches das Feuer bei allen dreien noch mehr schürete. Ja, es ward endlich bei ihnen so groß, daß Herr und Knecht eifrigst von mir begehreten, was ich ihnen nit leisten konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Und weil die Rittmeisterin mich noch endlich zu überwinden verhoffte, verlegte sie dem Manne alle Pässe und liefe ihm alle Ränke ab, also daß er vermeinete, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals stund der Knecht vor dem Wagen, darin ich alle Nacht schlafen mußte, klagte mir seine Liebe mit heißen Tränen und bat andächtig um Gnade und Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als Stein und gab ihm zu verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehstand bewahren wollte. Da er mir die Ehe wohl tausendmal anbot, und ich ihm stets versicherte, daß es unmöglich sei, verzweifelte er endlich gar, dann er zog den Degen aus, satzte die Spitze an die Brust, den Knopf an den Wagen und tät nicht anders, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich sprach ihm zu und gab ihm Vertröstung auf morgen frühe. So ward er content und ging schlafen, ich aber wachte desto länger. Und ich befand, daß meine Sache mit der Zeit nicht gut tun würde. Die Rittmeisterin ward je länger, je importuner mit ihren Reizungen, der Rittmeister verwegener mit seinen Zumutungen, der Knecht verzweifelter in seiner Liebe. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen, nur darum, daß ich ihre Alabasterbrüstlein sehen und ihren zarten Leib genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut hatte, zu ertragen stets schwerer fallen wollte. Ließ mich die Frau zufrieden, so quälete mich der Rittmeister, und wann ich von diesen beiden Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht. Also kam mich das Weiberkleid zu tragen viel sauerer an, als meine Narrenkappe. Ich steckte würklich in derjenigen Gefängnus, auch Leib- und Lebensgefahr, als mein alter Herzbruder wahrgesaget hatte. Was sollte ich tun? Ich beschloß endlich, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde, dann ich dachte, seine Liebesregungen werden sich alsdann legen.
Mein Hans ließ es gleich nach Mitternacht tagen, sein Jawort zu holen, und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben am allerstärksten schlief. Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ah, mein Schatz, stehet auf und haltet mir Euer Versprechen!« Also weckte er den Rittmeister eher als mich, weil der sein Zelt am Wagen stehen hatte. Ihm ward vor Eifersucht grün und gelb vor den Augen, doch kam er nicht heraus, sondern stund nur auf zu sehen, wie der Handel liefe. Zuletzt weckte mich der Knecht. Ich schalt ihn, er aber nötigte mich mit seiner Importunität, aus dem Wagen zu kommen, oder ihn einzulassen. Wie ich nun mit meinen aufgestreiften Ärmeln herabstieg, ward mein Hans durch meine weißen Arme so heftig inflammieret, daß er mich mit Küssen anfiel. Solches vermochte der Rittmeister nicht zu erdulden, sondern sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber den Fang zu geben, aber der ging durch und vergaß das Wiederkommen.
»Du Bluthur, ich will dich lernen ...« mehrers konnte der Rittmeister vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wann er unsinnig wäre. Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen Alarm erregte, dann beide Armeen, die sächsische und die kaiserliche, lagen damals gegeneinander, weil sich die schwedische unter dem Panier näherte.
Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide Armeen aufbrachen. Das war nun ein Schwarm von Lumpengesind, und dahero die Hatz desto größer und erschröcklicher. Sie eileten mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden zu sättigen, wie dann diese Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild dergestalt übergeben wird. So folgten ihnen auch sonst viel Bursche nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen auch mein Hans war. Der ließ mich nicht aus den Augen. Er wollte mich mit Gewalt erretten, und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil er sagte, ich sei seine versprochene Braut. Solches war den Reuterjungen, die ein besser Recht auf mich zu haben vermeineten, allerdings ungelegen. Da fing man an Stöße auszuteilen, der Zulauf ward je länger, je größer, ihr Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als sie mir die Kleider vom Leibe gerissen und gesehen hatten, daß ich kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er mehr geförchtet ward als der Teufel selbst. Er informierte sich der Sache kurz und nahm mich gefangen, weil es ein ungewöhnlich und fast argwöhnisch Ding war, daß sich ein Mannsbild in Weiberkleidern sollte finden lassen.
Ich ward zum General-Auditor geführt, der fing an mich zu examinieren. Da erzählete ich meine Händel, wie sie waren, es ward mir aber nicht geglaubt. Auch konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen Narren oder einen ausgestochenen Bösewicht vor sich hatte. Frage und Antwort fiel so artlich und der Handel an sich selbst war seltsam.
Er hieß mich, eine Feder nehmen und schreiben, ob etwa meine Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus abnehmen möchte. Ich ergriff Papier und Feder geschicklich und fragte, was ich schreiben sollte. Der General-Auditor, der vielleicht unwillig war, weil das Examen sich verzog, antwortete.
»Hei, schreib: deine Mutter, die Hur!«
Ich satzte ihm diese Worte hin, und sie machten meinen Handel nur desto schlimmer, dann der General-Auditor glaubte jetzt erst, daß ich ein rechter Vogel sei. Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert, der Profos antwortete: nein, dann mich der Rumormeister gleichsam nackend eingebracht hätte. Aber ach, das half nichts, der Profos mußte mich besuchen und fand meine beiden Eselsohren mit den Dukaten.
Da hieß es: was bedörfen wir ferner Zeugnus; dieser Verräter hat ohn Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten. Warum sollte sich sonst ein Gescheiter in ein Narrenkleid oder ein Mannsbild in Weiberkittel verstellen, zu was End wäre er sonst mit einem so ansehnlichen Stück Geld versehen? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der Lauten schlagen? Was mag er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige Praktiken gesehen haben! Der nächste Weg ist, daß man ihn auf die Folter bringe!
Wie mir damals zu Mut gewesen, kann sich ein jeder leicht einbilden.
Aber eh man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk satzte, gerieten die Schweden den Unsrigen in die Haare. Gleich anfänglich kämpften die Armeen um den Vortel und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen die Unsrigen stracks verlustig wurden.
Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinter der Battaglia, gleichwohl waren wir unserer Brigade so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen konnten. Und als eine schwedische Eskadron auf die unsrige traf, waren wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todesgefahr, dann in einem Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre gegeben worden. Davon duckten sich die Forchtsamen, als ob sie sich in sich selbst hätten verbergen wollen, diejenigen aber, so Courage hatten und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche unverblichen über sich hinstreichen. Im Treffen selbst suchte jeder seinem Tode mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vor zu kommen. Das gräuliche Schießen, das Gekläpper der Harnische, das Krachen der Piken, das Geschrei beider: der Verwundeten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschröckliche Musik. Da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, als wolle er die Abscheulichkeit der Verwundeten und Toten bedecken. In demselben hörete man ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken. Die Pferde selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zur Verteidigung ihrer Herren je länger, je frischer würden, so hitzig zeigten sie sich in dieser Schuldigkeit. Deren sahe man etliche unter ihren Herren tot darniederfallen, voller Wunden, die sie unverschuldet in getreuem Dienste empfangen hatten, andere fielen auf ihre Reuter und wurden so von ihnen getragen, die sie bei Lebzeiten hatten tragen müssen, wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert hatte, entladen worden, ließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei, rissen aus und suchten im weiten Feld ihre einstige Freiheit.
Die Erde, die sonst alle Toten deckt, war damals selbst mit Toten überstreut. Köpfe und Leiber lagen getrennt, etlichen hing in grausamer und jämmerlicher Weise das Ingeweid heraus, andern war der Kopf zerschmettert und das Hirn zerspritzt. Da sahe man die entseelten Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen Lebendige mit fremdem Blute begossen. Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel, die, obwohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer geworden waren. Da sahe man verstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Todes, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa summarum da war nichts anderes als ein elender, jämmerlicher Anblick.
Die schwedischen Sieger trieben die Unsrigen, um sie mit ihrer schnellen Verfolgung vollends zu zerstreuen. Mein Herr Profos ergriff die Flucht und nötigte uns, samt ihm durchzugehen. Da jagte der junge Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer Pistole:
»Siehe da, du alter Hund, ist es noch Zeit junge Hündlein zu machen? Ich will dir deine Mühe bezahlen!«
Aber der Schuß beschädigte den Profosen so wenig wie einen stählernen Ambos.
»Oho, bist du der Haare,« rief mein Herzbruder, »ich will nicht vergeblich dir zu Gefallen herkommen sein. Du mußt sterben und wäre dir deine Seele angewachsen!«
Er befahl darauf einen Musketierer von des Profosen eigener Wacht, ihn mit der Axt niederzuschlagen.
Ich aber ward erkannt, meiner Ketten und Bande entlediget und auf ein Pferd gesatzt, das mein Herzbruder durch einen Knecht in Sicherheit führen ließ.
Das dreizehnte Kapitel
Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte gebrauchen lassen.
Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, es mochte aber wenig erklecken.
Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses Rencontre zu Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte, wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant chargierten, bis sie endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.
Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife.
Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen, ward er aber auf Convoi, Partei oder sonst einen Anschlag kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.
Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte Paradeis, einem Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen. Dort sollte er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen frommen und stillen Kerl gebeten.
»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!« Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.
Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch, daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen Salvaguardi-Sold und montierte sich damit aufs beste.
Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter. Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm Bescheid zu tun, wann er wollte.
Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte. Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker sein.
Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam, daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen, hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben. Ich machte ihm die Grabschrift:
Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat, Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.
Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt, daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.
Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen wollte. Er schickte nach mir und sagte:
»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«
»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«
»Dein Bart ist noch viel zu klein.«
»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist. Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch aestimieret werden.«
»Wann die Courage so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich passieren lassen.«
»Das kann in der nächsten Occasion probiert werden,« gab ich zu verstehen. Und er ließ mich bleiben.
Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern suchte auch meine Freundschaft.
Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.