Das fünfte Buch (continued 2)
Reading edition
Behüt dich Gott, Welt, dann dieweil man dir nachgehet verzehret man die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen, Spielen, die Mannheit mit Pflanzen und Bauen, Sorgen und Klagen, Kaufen und Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen, das Alter in Jammer und Elend, in summa nichts als Mühe und Arbeit bis in den Tod.
Adieu Welt, dann niemand ist mit dir content oder zufrieden. Ist er arm, so will er haben, ist er reich, so will er gelten, ist er veracht, so will er hoch steigen, ist er beleidigt, so will er sich rächen, ist er in Gnaden, so will er viel gebieten, ist er lasterhaftig, so will er nur bei gutem Mut sein.
Adieu Welt, dann bei dir ist nichts beständig. Die hohen Türme werden vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet, das Holz wird von Würmern, das Korn von Mäusen, die Frucht von Raupen, die Kleider von Schaben gefressen. Das Viehe verdirbt vor Alter, der Mensch vor Krankheit.
O Welt, behüt dich Gott, dann in deinem Haus führet man weder ein heilig Leben noch einen gleichmäßigen Tod, der eine stirbt in der Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritt am Strick, der viert am Schwert, der fünft am Rad, der sechst auf dem Scheiterhaufen, der siebend im Weinglas, der acht in Freßhafen, der neunt verworgt am Gift, der zehnt durch Zauberei, der elft stirbt in der Schlacht, der zwölft ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß.
Behüt dich Gott, Welt, dann mich verdreußt deine Conversation! Das Leben, das du uns gibst, ist eine elende Pilgerfahrt, ein unbeständiges, ungewisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines Leben voll Armseligkeit und Irrtum. Du lässest dich der Bitterkeit des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln. Du gibst aus dem goldenen Kelch Lüge und Falschheit zu trinken und machest blind, taub, toll, voll und sinnlos. Du machst aus uns einen finsteren Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkend Aas, ein unreines Geschirr in der Mistgrube voller Gestank und Greuel. Darum, o Welt, behüt dich Gott!
Adieu, o Welt, o schnöde, arge Welt! Anstatt deiner Freuden und Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertigen, verdammten Seelen Hand anlegen und sie in einem Augenblick in den Abgrund der Hölle reißen. Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milderung aus! Und je mehr einer sich bei dir, o arge, schnöde Welt, hat herrlich gemachet, je mehr schenket man ihm Qual und Leiden ein, dann so erforderts die göttliche Gerechtigkeit! Alsdann wird die arme Seele ächzen: Verflucht seist du, Welt, weil ich durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen! Verflucht sei die Stunde, in deren Schoß mich Gott erschuf! Verflucht der Tag, darin ich geboren bin! O ihr Berge, Hügel und Felsen, fallet auf mich und verberget mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl sitzet! Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!
O Welt, du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte, ich versuche, ich ermahne dich und protestiere wider dich, du wollest keinen Teil mehr an mir haben!
Ich habe das Ende gesetzt der Sorge. Lebet wohl, Hoffnung und Glück!
Diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken. Endlich verließ ich die Welt und wurde wieder Einsiedel. Ich hätte gern bei meinem Sauerbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauren in der Nachbarschaft wollten es nicht leiden. Sie besorgten, ich würde den Brunn verraten.
Ich begab mich deshalb in eine andere Wildnus und fing mein spessarter Leben wieder an.
Gott verleihe uns allen seine Gnade, das wir allesamt das von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen: nämlich ein seliges
Ende!
Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt, wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck hergestellt.
Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der Bücherfreunde.