Front matter (continued 4)
Reading edition
"Drei Tag und drei Nächte will ich verwachen dran, 1088 Bis ich mich ersättige an meinem lieben Mann. Vielleicht daß Gott gebietet, daß mich auch nimmt der Tod: So wäre wohl beendet der armen Kriemhilde Noth."
Zur Herberge giengen die Leute von der Stadt. 1089 Die Pfaffen und die Mönche sie zu verweilen bat Und all sein Ingesinde, das sein billig pflag. Sie hatten üble Nächte und gar mühselgen Tag.
Ohne Trank und Speise verblieb da mancher Mann. 1090 Wers nicht gern entbehrte, dem ward kund gethan, Man gab ihm gern die Fülle: das schuf Herr Siegmund. Da ward den Nibelungen viel Noth und Beschwerde kund.
In diesen dreien Tagen, so hörten wir sagen, 1091 Muste mit Kriemhilden viel Mühsal ertragen, Wer da singen konnte. Was man auch Opfer trug! Die eben arm gewesen, die wurden nun reich genug.
Was man fand der Armen, die es nicht mochten haben, 1092 Die ließ sie mit dem Golde bringen Opfergaben Aus seiner eignen Kammer: er durfte nicht mehr leben, Da ward um seine Seele manches Tausend Mark gegeben.
Güter und Gefälle vertheilte sie im Land, 1093 So viel man der Klöster und guter Leute fand. Silber gab man und Gewand den Armen auch genug. Sie ließ es wohl erkennen, wie holde Liebe sie ihm trug.
An dem dritten Morgen zur rechten Messezeit 1094 Sah man bei dem Münster den ganzen Kirchhof weit Von der Landleute Weinen also voll: Sie dienten ihm im Tode, wie man lieben Freunden soll.
In diesen vier Tagen, so hört ich immerdar, 1095 Wol an dreißigtausend Mark oder mehr noch gar Ward um seine Seele den Armen hingegeben, Indes war gar zerronnen seine große Schöne wie sein Leben.
Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096 Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang. Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen. Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen.
Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097 Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann. Eh er bestattet wurde, las und sang man da: Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah!
Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098 Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib, Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß: Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß.
Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099 Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam. "Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin, "Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn.
"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100 Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn," Da bat sie im Jammer so lang und so stark, Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg.
Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101 Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut: Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut.
Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102 Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn. Da lag ohne Sinne das herrliche Weib: Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib.
Als der edle Degen also begraben war, 1103 Sah man in großem Leide die Helden immerdar, Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland: Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand.
Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104 Vor dem großen Leide weder aß noch trank; Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr: Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither.
Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105 Den Tag und den Abend bis an den andern Tag. Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund. Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund.
Kaum daß ihn zur Besinnung zu bringen noch gelang. 1106 Seine Kräfte waren von starkem Leide krank: Das war wohl kein Wunder. Die in seiner Pflicht sprachen: "Laßt uns heimziehn: es duldet uns hier länger nicht."
* * * * *
Achtzehntes Abenteuer.
Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb.
Der Schwäher Kriemhildens gieng hin, wo er sie fand. 1107 Er sprach zu der Königin: "Laßt uns in unser Land: Wir sind unliebe Gäste, wähn ich, hier am Rhein. Kriemhild, liebe Fraue, nun folgt uns zu dem Lande mein.
"Daß man in diesen Landen uns so verwaiset hat 1108 Eures edeln Mannes durch böslichen Verrath, Ihr sollt es nicht entgelten: hold will ich euch sein Aus Liebe meines Sohnes und des edeln Kindes sein.
"Ihr sollt auch, Frau, gebieten mit all der Gewalt, 1109 Die Siegfried euch verstattete, der Degen wohlgestalt. Das Land und auch die Krone soll euch zu Diensten stehn. Euch sollen gern gehorchen Die in Siegfriedens Lehn."
Da sagte man den Knechten: "Wir reiten heim vor Nacht." 1110 Da sah man nach den Rossen eine schnelle Jagd: Bei den verhaßten Feinden zu leben war ein Leid. Den Frauen und den Maiden suchte man ihr Reisekleid.
Als König Siegmund gerne weggeritten wär, 1111 Da bat ihre Mutter Kriemhilden sehr, Sie sollte bei den Freunden im Lande doch bestehn. Da sprach die Freudenarme: "Das könnte schwerlich geschehn.
"Wie vermocht ichs, mit den Augen den immer anzusehn, 1112 Von dem mir armen Weibe so leid ist geschehn?" Da sprach der junge Geiselher: "Liebe Schwester mein, Du sollst bei deiner Treue hier mit deiner Mutter sein.
"Die dir das Herz beschwerten und trübten dir den Muth, 1113 Du bedarfst nicht ihrer Dienste, du zehrst von meinem Gut." Sie sprach zu dem Recken: "Wie könnte das geschehn? Vor Leide müst ich sterben, wenn ich Hagen sollte sehn."
"Dessen überheb ich dich, viel liebe Schwester mein. 1114 Du sollst bei deinem Bruder Geiselher hier sein; Ich will dir wohl vergüten deines Mannes Tod." Da sprach die Freudenlose: "Das wäre Kriemhilden Noth."
Als es ihr der Junge so gütlich erbot, 1115 Da begannen auch zu flehen Ute und Gernot Und ihre treuen Freunde, sie möchte da bestehn: Sie hätte wenig Sippen unter Siegfriedens Lehn.
"Sie sind euch alle fremde," sprach da Gernot. 1116 "Wie stark auch einer gelte, so rafft ihn doch der Tod. Bedenkt das, liebe Schwester, und tröstet euern Muth: Bleibt hier bei euern Freunden, es geräth euch wahrlich gut."
Da gelobte sie dem Bruder, im Lande zu bestehn. 1117 Man zog herbei die Rosse Denen in Siegmunds Lehn, Als sie reiten wollten gen Nibelungenland; Da war auch aufgeladen der Recken Zeug und Gewand.
Da gieng König Siegmund vor Kriemhilden stehn 1118 Und sprach zu der Frauen: "Die in Siegfrieds Lehn Warten bei den Rossen: reiten wir denn hin, Da ich gar so ungern hier bei den Burgunden bin."
Frau Kriemhild sprach: "Mir rathen hier die Freunde mein, 1119 Die besten, die ich habe, bei ihnen soll' ich sein. Ich habe keinen Blutsfreund in Nibelungenland." Leid war es Siegmunden, da er dieß an Kriemhild fand.
Da sprach König Siegmund: "Das laßt euch Niemand sagen: 1120 Vor allen meinen Freunden sollt ihr die Krone tragen Nach rechter Königswürde, wie ihr vordem gethan: Ihr sollt es nicht entgelten, daß ihr verloren habt den Mann.
"Fahrt auch mit uns zur Heimat um euer Kindelein: 1121 Das sollt ihr eine Waise, Frau, nicht laßen sein. Ist euer Sohn erwachen, er tröstet euch den Muth. Derweil soll euch dienen mancher Degen kühn und gut."
Sie sprach: "Mein Herr Siegmund, ich kann nicht mit euch gehn. 1122 Ich muß hier verbleiben, was halt mir mag geschehn, Bei meinen Anverwandten, die mir helfen klagen." Da wollten diese Mären den guten Recken nicht behagen.
Sie sprachen einhellig: "So möchten wir gestehn, 1123 Es sei in dieser Stunde uns erst ein Leid geschehn. Wollt ihr hier im Lande bei unsern Feinden sein, So könnte Helden niemals eine Hoffahrt übler gedeihn."
"Ihr sollt ohne Sorge Gott befohlen fahren: 1124 Ich schaff euch gut Geleite und heiß euch wohl bewahren Bis zu euerm Lande; mein liebes Kindelein Das soll euch guten Recken auf Gnade befohlen sein."
Als sie das recht vernahmen, sie wolle nicht hindann, 1125 Da huben Siegfrieds Mannen all zu weinen an. Mit welchem Herzensjammer nahm da Siegmund Urlaub von Kriemhilden! Da ward ihm Unfreude kund.
"Weh dieses Hofgelages!" sprach der König hehr. 1126 "Einem König und den Seinen geschieht wohl nimmermehr Einer Kurzweil willen, was uns hier ist geschehn: Man soll uns nimmer wieder hier bei den Burgunden sehn."
Da sprachen laut die Degen in Siegfriedens Heer: 1127 "Wohl möchte noch die Reise geschehen hieher, Wenn wir den nur fanden, der uns den Herrn erschlug. Sie haben Todfeinde bei seinen Freunden genug."
Er küsste Kriemhilden: kläglich sprach er da, 1128 Als er daheim zu bleiben sie so entschloßen sah: "Wir reiten arm an Freuden nun heim in unser Land! All mein Kummer ist mir erst jetzo bekannt."
Sie ritten ungeleitet von Worms an den Rhein: 1129 Sie mochten wohl des Muthes in ihrem Sinne sein, Wenn sie in Feindschaft würden angerannt, Daß sich schon wehren solle der kühnen Niblungen Hand.
Sie erbaten Urlaub von Niemanden sich. 1130 Da sah man Geiselheren und Gernot minniglich Zu dem König kommen; ihnen war sein Schade leid: Das ließen ihn wohl schauen die kühnen Helden allbereit.
Da sprach wohlgezogen der kühne Gernot: 1131 "Wohl weiß es Gott im Himmel, an Siegfriedens Tod Bin ich ganz unschuldig: ich hört auch niemals sagen, Wer ihm Feind hier wäre: ich muß ihn billig beklagen."
Da gab ihm gut Geleite Geiselher das Kind. 1132 Er bracht ohne Sorgen, die sonst bei Leide sind, Den König und die Recken heim nach Niederland. Wie wenig der Verwandten man dort fröhlich wiederfand!
Wie's ihnen nun ergangen ist, weiß ich nicht zu sagen. 1133 Man hörte hier Kriemhilden zu allen Zeiten klagen, Daß ihr Niemand tröstete das Herz noch den Muth Als ihr Bruder Geiselher: der war getreu und auch gut.
Brunhild die schöne des Uebermuthes pflag: 1134 Wie viel Kriemhild weinte, was fragte sie darnach! Sie war zu Lieb und Treue ihr nimmermehr bereit; Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild wohl so ungefüges Leid.
* * * * *
Neunzehntes Abenteuer.
Wie der Nibelungenhort nach Worms kam.
Als die edle Kriemhild so verwitwet ward, 1135 Blieb bei ihr im Lande der Markgraf Eckewart Zurück mit seinen Mannen, wie ihm die Treu gebot. Er diente seiner Frauen willig bis an seinen Tod.
Zu Worms am Münster wies man ihr ein Gezimmer an, 1136 Weit und geräumig, reich und wohlgethan, Wo mit dem Gesinde die Freudenlose saß. Sie gieng zur Kirche gerne, mit großer Andacht that sie das.
Wo ihr Freund begraben lag, wie fleißig gieng sie 1137 Sie that es alle Tage mit trauerndem Sinn Und bat seiner Seele Gott den Herrn zu pflegen: Gar oft bejammert wurde mit großer Treue der Degen.
Ute und ihr Gesinde sprachen ihr immer zu, 1138 Und doch im wunden Herzen fand sie so wenig Ruh, Es konnte nicht verfangen der Trost, den man ihr bot. Sie hatte nach dem Freunde die allergrößeste Noth,
Die nach liebem Manne je ein Weib gewann: 1139 Ihre große Treue ersah man wohl daran. Sie klagt' ihn bis zu Ende, da sie zu sterben kam. Bald rächte sie gewaltig mit großer Treue den Gram.
Sie saß in ihrem Leide, das ist alles wahr, 1140 Nach ihres Mannes Tode bis in das vierte Jahr Und hatte nie zu Gunthern gesprochen einen Laut Und auch Hagen ihren Feind in all der Zeit nicht erschaut.
Da sprach von Tronje Hagen: "Könnte das geschehn, 1141 Daß ihr euch die Schwester gewogen möchtet sehn, So käm zu diesem Lande der Nibelungen Gold: Des mögt ihr viel gewinnen, wird uns die Königin hold."
"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142 "Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher, Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht." "Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht."
Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143 Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn, Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind: Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind.
Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144 "Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod. Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen: Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen."
Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145 Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt. Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn! Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin,
"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146 So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib! Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!" Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann.
Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147 Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld: Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld."
"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148 "Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!" "Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot. Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot:
"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149 Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam. Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn: Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn.
Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150 Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das. Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn, So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.
Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151 Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr. Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann: Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.
Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152 Daß die Königstochter den großen Hort gewann Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein: Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein.
Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153 Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot, Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag.
Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154 Alberich der kühne sprach zu den Freunden da: "Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn, Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin.
"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155 Müsten wir nicht leider uns verloren sehn Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal, Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl.
"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156 Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen, Und daß ihm dienen muste all dieses Land." Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand.
Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157 Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand Zu dem Meere bringen an die Schiffelein Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein.
Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158 Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht, Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht.
Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159 Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold, Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth. Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt.
Der Wunsch lag darunter, ein golden Rüthelein: 1160 Wer es hätt erkundet, der möchte Meister sein Auf der weiten Erde wohl über jeden Mann. Von Albrichs Freunden zogen mit Gernot Viele hinan.
Als Gernot der Degen und der junge Geiselher 1161 Des Horts sich unterwanden, da wurden sie auch Herr Des Landes und der Burgen und der Recken wohlgestalt: Die musten ihnen dienen zumal durch Furcht und Gewalt.
Als sie den Hort gewannen in König Gunthers Land, 1162 Und sich darob die Königin der Herrschaft unterwand, Kammern und Thürme die wurden voll getragen; Man hörte nie von Schätzen so große Wunder wieder sagen.
Und wären auch die Schätze noch größer tausendmal, 1163 Und wär der edle Siegfried erstanden von dem Fall, Gern wäre bei ihm Kriemhild geblieben hemdebloß. Nie war zu einem Helden eines Weibes Treue so groß.
Als sie den Hort nun hatte, da brachte sie ins Land 1164 Viel der fremden Recken; wohl gab der Frauen Hand, Daß man so große Milde nie zuvor gesehn. Sie übte hohe Güte: das muste man ihr zugestehn.
Den Armen und den Reichen zu geben sie begann. 1165 Hagen sprach zum König: "Läßt man sie so fortan Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn So manchen Degen bringen, daß es uns übel muß ergehn."
Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut: 1166 Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut? Ich konnt es kaum erlangen, daß sie mir wurde hold; Nicht frag ich, wie sie theilet ihr Gestein und rohes Gold."
Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann 1167 Doch solche Schätze billig keiner Frauen an: Sie bringt es mit Gaben wohl noch an den Tag, Da es sehr gereuen die kühnen Burgunden mag."
Da sprach König Gunther: "Ich schwur ihr einen Eid, 1168 Daß ich ihr nie wieder fügen wollt ein Leid, Und will es künftig meiden: sie ist die Schwester mein." Da sprach wieder Hagen: "Laßt mich den Schuldigen sein."
Sie nahmen ihre Eide meistens schlecht in Hut: 1169 Da raubten sie der Witwe das mächtige Gut. Hagen aller Schlüßel dazu sich unterwand. Ihr Bruder Gernot zürnte, als ihm das wurde bekannt.
Da sprach der junge Geiselher: "Viel Leides ist geschehn 1170 Von Hagen meiner Schwester: dem sollt ich widerstehn: Wär er nicht mein Blutsfreund, es gieng' ihm an den Leib." Wieder neues Weinen begann da Siegfriedens Weib.
Da sprach König Gernot: "Eh wir solche Pein 1171 Um dieses Gold erlitten, wir solltens in den Rhein All versenken laßen: so gehört' es Niemand an." Sie kam mit Klaggebärde da zu Geiselher heran.
Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172 Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein." Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn, Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn."
Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173 Die allerbesten drunter, die man irgend fand; Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß, Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das.
Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174 Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen: Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein. Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein.
Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175 Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark, Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben: So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben.
Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176 Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth. Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod.
Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177 Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann, Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen; Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen.
Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178 Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage, So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage.
Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179 Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr, Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag: Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach.
Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180 Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht: Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht.
Dazu gab auch Kriemhild hernach ein großes Theil 1181 Um Siegfriedens Seele und aller Seelen Heil Gold und Edelsteine mit williger Hand; Getreuer Weib auf Erden ward uns selten noch bekannt.
Seit Kriemhild König Gunthern wieder schenkte Huld 1182 Und dann doch den großen Hort verlor durch seine Schuld, Ihres Herzeleides ward da noch viel mehr: Da zöge gern von dannen die Fraue edel und hehr.
Nun war Frau Uten ein Sedelhof bereit 1183 Zu Lorsch bei ihrem Kloster, reich, groß und weit, Dahin von ihren Kindern sie zog und sich verbarg, Wo noch die hehre Königin begraben liegt in einem Sarg.
Da sprach die Königswitwe: "Liebe Tochter mein, 1184 Hier magst du nicht verbleiben: bei mir denn sollst du sein, Zu Lorsch in meinem Hause, und läst dein Weinen dann." Kriemhild gab zur Antwort: "Wo ließ' ich aber meinen Mann?"
"Den laß nur hier verbleiben," sprach Frau Ute. 1185 "Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da die Gute. "Nein, liebe Mutter, davor will ich mich wahren: "ein Mann muß von hinnen in Wahrheit auch mit mir fahren."
Da schuf die Jammersreiche, daß man ihn erhub 1186 Und sein Gebein, das edle, wiederum begrub Zu Lorsch bei dem Münster mit Ehren mannigfalt: Da liegt im langen Sarge noch der Degen wohlgestalt.
Zu denselben Zeiten, da Kriemhild gesollt 1187 Zu ihrer Mutter ziehen, wohin sie auch gewollt, Da muste sie verbleiben, weil es nicht sollte sein: Das schufen neue Mären, die da kamen über Rhein.
* * * * *
Zwanzigste Abenteuer.
Wie König Etzel um Kriemhilden sandte.
Das war in jenen Zeiten, als Frau Helke starb 1188 Und der König Etzel um andre Frauen warb, Da riethen seine Freunde in Burgundenland Zu einer stolzen Witwe, die war Frau Kriemhild genannt.
Seit ihm die schöne Helke erstarb, die Königin, 1189 Sie sprachen: "Sinnt ihr wieder auf edler Frau Gewinn, Der höchsten und der besten, die je ein Fürst gewann, So nehmet Kriemhilden; der starke Siegfried war ihr Mann."
Da sprach der reiche König: "Wie gienge das wohl an? 1190 Ich bin ein Heide, ein ungetaufter Mann, Sie jedoch ist Christin sie thut es nimmermehr. Ein Wunder müst es heißen, käm sie jemals hieher."
Die Schnellen sprachen wieder: "Vielleicht, daß sie es thut 1191 Um euern hohen Namen und euer großes Gut. Man soll es doch versuchen bei dem edeln Weib: Euch ziemte wohl zu minnen ihren wonniglichen Leib."
Da sprach der edle König: "Wem ist nun bekannt 1192 Unter euch am Rheine das Volk und auch das Land?" Da sprach von Bechlaren der gute Rüdiger: "Kund von Kindesbeinen sind mir die edeln Könige hehr,
"Gunther und Gernot, die edeln Ritter gut; 1193 Der dritte heißt Geiselher: ein Jeglicher thut, Was er nach Zucht und Ehren am besten mag begehn: Auch ist von ihren Ahnen noch stäts dasselbe geschehn."
Da sprach wieder Etzel: "Freund, nun sage mir, 1194 Ob ihr wohl die Krone ziemt zu tragen hier; Und hat sie solche Schöne, wie man sie zeiht, Meinen besten Freunden sollt es nimmer werden leid."
"Sie vergleicht sich an Schöne wohl der Frauen mein, 1195 Helke der reichen: nicht schöner könnte sein Auf der weiten Erde eine Königin: Wen sie erwählt zum Freunde, der mag wohl trösten den Sinn."
Er sprach: "So wirb sie, Rüdiger, so lieb als ich dir sei. 1196 Und darf ich Kriemhilden jemals liegen bei, Das will ich dir lohnen, so gut ich immer kann; Auch hast du meinen Willen mit großer Treue gethan.
"Von meinem Kammergute laß ich so viel dir geben, 1197 Daß du mit den Gefährten in Freude mögest leben; Von Rossen und von Kleidern, was ihr nur begehrt, Des wird zu der Botschaft euch die Genüge gewährt."
Zur Antwort gab der Markgraf, der reiche Rüdiger: 1198 "Begehrt' ich deines Gutes, das ziemte mir nicht sehr. Ich will dein Bote gerne werden an den Rhein Mit meinem eignen Gute; ich hab es aus den Händen dein."
Da sprach der reiche König: "Wann denkt ihr zu fahren 1199 Nach der Minniglichen? So soll euch Gott bewahren Dabei an allen Ehren und auch die Fraue mein; Und möge Glück mir helfen, daß sie uns gnädig möge sein."
Da sprach wieder Rüdiger: "Eh wir räumen dieses Land, 1200 Müßen wir uns rüsten mit Waffen und Gewand, Daß wir vor den Königen mit Ehren dürfen stehn: Ich will zum Rheine führen fünfhundert Degen ausersehn.
"Wenn man bei den Burgunden mich und die Meinen seh, 1201 Daß dann einstimmig das Volk im Land gesteh, Es habe nie ein König noch so manchen Mann So fern daher gesendet, als du zum Rheine gethan.
"Und wiß, edler König, stehst du darob nicht an, 1202 Sie war dem besten Manne, Siegfrieden unterthan, Siegmundens Sohne; du hast ihn hier gesehn: Man mocht ihm große Ehre wohl in Wahrheit zugestehn."
Da sprach der König Etzel: "War sie dem Herrn vermählt, 1203 Sie war so hohes Namens der edle Fürst erwählt, Daß ich nicht verschmähen darf die Königin. Ob ihrer großen Schönheit gefällt sie wohl meinem Sinn."
Da sprach der Markgraf wieder: "Wohlan, ich will euch sagen, 1204 Wir heben uns von hinnen in vierundzwanzig Tagen. Ich entbiet es Gotelinden, der lieben Fraue mein, Daß ich zu Kriemhilden selber wolle Bote sein."
Hin gen Bechelaren sandte Rüdiger 1205 Boten seinem Weibe, der Markgräfin hehr, Er werbe für den König um eine Königin: Der guten Helke dachte sie da mit freundlichem Sinn.
Als die Botenkunde die Markgräfin gewann, 1206 Leid war es ihr zum Theile, zu sorgen hub sie an, Ob sie wohl eine Herrin gewänne so wie eh. Gedachte sie an Helke, das that ihr inniglich weh.
Nach sieben Tagen Rüdiger ritt aus Heunenland, 1207 Worüber frohgemuthet man König Etzeln fand. Man fertigte die Kleider in der Stadt zu Wien; Da wollt er mit der Reise auch nicht länger mehr verziehn.
Zu Bechlaren harrte sein Frau Gotelind 1208 Und die junge Markgräfin, Rüdigers Kind, Sah ihren Vater gerne und Die ihm unterthan; Da ward ein liebes Harren von schönen Frauen gethan.
Eh der edle Rüdiger aus der Stadt zu Wien 1209 Ritt nach Bechlaren, da waren hier für ihn Kleider und Gewaffen auf Säumern angekommen. Sie fuhren solcherweise, daß ihnen wenig ward genommen.
Als sie zu Bechlaren kamen in die Stadt, 1210 Für seine Heergesellen um Herbergen bat Der Wirth mit holden Worten: die gab man ihnen da. Gotelind die reiche den Wirth gar gerne kommen sah.
Auch seine liebe Tochter, die Marfgräfin jung, 1211 Ob ihres Vaters Kommen war sie froh genung, Aus Heunenland die Helden, wie gern sie die sah! Mit lachendem Muthe sprach die edle Jungfrau da:
"Willkommen sei mein Vater und Die ihm unterthan." 1212 Da ward ein schönes Danken von manchem werthen Mann Freundlich geboten der jungen Markgräfin. Wohl kannte Frau Gotlind des edeln Rüdiger Sinn.
Als sie des Nachts nun bei Rüdigern lag, 1213 Mit holden Worten fragte die Markgräfin nach, Wohin ihn denn gesendet der Fürst von Heunenland? "Meine Frau Gotlind," sprach er, "ich mach es gern euch bekannt.
"Meinem Herren werben soll ich ein ander Weib, 1214 Da ihm ist erstorben der schönen Helke Leib. Nun will ich nach Kriemhilden reiten an den Rhein: Die soll hier bei den Heunen gewaltge Königin sein."
"Das wollte Gott!" sprach Gotlind, "möcht uns dies Heil geschehn,1215 Da wir so hohe Ehren ihr hören zugestehn. Sie ersetzt uns Helken vielleicht in alten Tagen; Wir mögen bei den Heunen sie gerne sehen Krone tragen."
Da sprach Markgraf Rüdiger: "Liebe Fraue mein, 1216 Die mit mir reiten sollen von hinnen an den Rhein, Denen sollt ihr freundlich bieten euer Gut: Wenn Helden reichlich leben, so tragen sie hohen Muth."
Sie sprach: "Da ist nicht Einer, wenn er es gerne nähm, 1217 Ich wollt ihm willig bieten, was Jeglichem genehm, Eh ihr von hinnen scheidet und Die euch unterthan." Da sprach der Markgraf wieder: "Ihr thut mir Liebe daran."
Hei! was man reicher Zeuge von ihrer Kammer trug! 1218 Da ward den edeln Recken Gewand zu Theil genug Mit allem Fleiß gefüttert vom Hals bis auf die Sporen; Die ihm davon gefielen, hatte Rüdger sich erkoren.
Am siebenten Morgen von Bechlaren ritt 1219 Der Wirth mit seinen Degen. Sie führten Waffen mit Und Kleider auch die Fülle durch der Baiern Land. Sie wurden auf der Straße von Räubern selten angerannt.
Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein. 1220 Da konnte diese Märe nicht lang verborgen sein: Dem König und den Seinen ward es kund gethan, Es kämen fremde Gäste. Der Wirth zu fragen begann,
Ob sie Jemand kennte? das sollte man ihm sagen. 1221 Man sah die Saumrosse schwere Lasten tragen: Wie reich die Helden waren, ward daran erkannt. Herberge schuf man ihnen in der weiten Stadt zuhand.
Als die Gäste waren in die Stadt gekommen, 1222 Ihres Aufzugs hatte man mit Neugier wahrgenommen. Sie wunderte, von wannen sie kämen an den Rhein. Der Wirth fragte Hagen, wer die Herren möchten sein?
Da sprach der Held von Tronje: "Ich sah sie noch nicht; 1223 Wenn ich sie erschaue, mag ich euch Bericht Wohl geben, von wannen sie ritten in dies Land. Sie wären denn gar fremde, so sind sie gleich mir bekannt."
Herbergen hatten die Gäste nun empfahn. 1224 Der Bote hatte reiche Gewänder angethan Mit seinen Heergesellen, als sie zu Hofe ritten. Sie trugen gute Kleider, die waren zierlich geschnitten.
Da sprach der schnelle Hagen: "So viel ich mag verstehn, 1225 Da ich seit langen Tagen den Herrn nicht hab ersehn, So sind sie so zu schauen, als wär es Rüdiger Aus der Heunen Lande, dieser Degen kühn und hehr."
"Wie sollt ich das glauben," der König sprachs zuhand, 1226 "Daß der von Bechelaren kam in dieses Land?" Kaum hatte König Gunther das Wort gesprochen gar, So nahm der kühne Hagen den guten Rüdiger wahr.
Er und seine Freunde liefen ihm entgegen: 1227 Da sprangen von den Rossen fünfhundert schnelle Degen. Wohl empfangen wurden die von Heunenland; Niemals trugen Boten wohl so herrlich Gewand.
Da rief von Tronje Hagen mit lauter Stimme Schall: 1228 "Nun sei'n uns hochwillkommen diese Degen all, Der Vogt von Bechelaren mit seiner ganzen Schar." Man empfieng mit Ehren die schnellen Heunen fürwahr.
Des Königs nächste Freunde drängten sich heran: 1229 Da hub von Metzen Ortewein zu Rüdigern an: "Wir haben lange Tage hier nicht mehr gesehn Also liebe Gäste, das muß ich wahrlich gestehn!"
Sie dankten des Empfanges den Recken allzumal. 1230 Mit dem Heergesinde giengen sie zum Saal, Wo sie den König fanden bei manchem kühnen Mann. Der stand empor vom Sitze: das ward aus höfscher Zucht gethan.
Wie freundlich dem Boten er entgegengieng 1231 Und allen seinen Degen! Gernot auch empfieng Den Gast mit hohen Ehren und Die ihm unterthan. Den guten Rüdger führte der König an der Hand heran.
Er bracht' ihn zu dem Sitze, darauf er selber saß. 1232 Den Gästen ließ er schenken (gerne that man das) Von dem guten Methe und von dem besten Wein, Den man mochte finden in den Landen um den Rhein.
Geiselher und Gere waren auch gekommen, 1233 Dankwart und Volker, die hatten bald vernommen Von den werthen Gästen. Sie waren wohlgemuth: Sie empfiengen vor dem König die Ritter edel und gut.
Da sprach von Tronje Hagen zu Gunthern seinem Herrn: 1234 "Mit Dienst vergelten sollten stäts eure Degen gern, Was uns der Markgraf zu Liebe hat gethan; Des sollte Lohn empfangen der schönen Gotlinde Mann."
Da sprach der König Gunther: "Ich laße nicht das Fragen: 1235 Wie beide sich gehaben, das sollt ihr mir sagen, Etzel und Frau Helke in der Heunen Land?" Der Markgraf gab zur Antwort: "Ich mach es gern euch bekannt."
Da erhob er sich vom Sitze und Die ihm unterthan 1236 Und sprach zu dem König: "Laßt mich Erlaub empfahn, Daß ich die Märe sage, um die mich hat gesandt Etzel der König hieher in der Burgunden Land."
Er sprach: "Was man uns immer durch euch entboten hat, 1237 Erlaub ich euch zu sagen ohne der Freunde Rath. Die Märe laßt vernehmen mich und die Degen mein: Euch soll nach allen Ehren zu werben hier gestattet sein."
Da sprach der biedre Bote: "Euch entbietet an den Rhein 1238 Seine treuen Dienste der große König mein, Dazu den Freunden allen, die euch zugethan; Auch wird euch diese Botschaft mit großer Treue gethan.
"Euch läßt der edle König klagen seine Noth: 1239 Sein Volk ist ohne Freude, meine Frau die ist todt, Helke die reiche, meines Herrn Gemahl: An der sind schöne Jungfraun nun verwaist in großer Zahl,
"Edler Fürsten Kinder, die sie erzogen hat; 1240 Darum hat im Lande nun große Trauer Statt: Sie haben leider Niemand mehr, der sie so treulich pflegt, Drum wähn ich auch, daß selten des Königs Sorge sich legt."
"Nun lohn ihm Gott," sprach Gunther, "daß er die Dienste sein 1241 So williglich entbietet mir und den Freunden mein. Ich hörte gern die Grüße, die ihr mir kund gethan; Auch wollen sie verdienen Die mir treu und unterthan."
Da sprach von Burgunden der edle Gernot: 1242 "Die Welt mag wohl beklagen der schönen Helke Tod Um manche höfsche Tugend, der sie gewohnt zu pflegen." Das bestätigte Hagen und mancher andre Degen.
Da sprach wieder Rüdiger, der edle Bote hehr: 1243 "Erlaubt ihr mir, Herr König, so sag ich euch noch mehr, Was mein lieber Herre euch hieher entbot: Er lebt in großem Kummer seit der Königin Helke Tod.
"Man sagte meinem Herren, Kriemhild sei ohne Mann, 1244 Da Siegfried gestorben: und sprach man wahr daran, Und wollt ihr ihrs vergönnen, so soll sie Krone tragen Vor König Etzels Recken: das gebot mein Herr ihr zu sagen."
Da sprach König Gunther mit wohlgezognem Muth: 1245 "Sie hört meinen Willen, wenn sie es gerne thut. Das will ich euch berichten von heut in dreien Tagen: Wenn sie es nicht weigert, wie sollt ichs Etzel versagen?"
Man ließ Gemach bescheiden den Gästen allzuhand. 1246 Sie fanden solche Pflege, daß Rüdiger gestand, Er habe gute Freunde in König Gunthers Lehn. Gerne dient' ihm Hagen: ihm war einst Gleiches geschehn.
So verweilte Rüdiger bis an den dritten Tag. 1247 Der Fürst berief die Räthe, wie er weislich pflag, Und fragte seine Freunde, ob sie es gut gethan Däuchte, daß Kriemhild Herrn Etzeln nähme zum Mann.
Da riethen sie es alle; nur Hagen stands nicht an. 1248 Er sprach zu König Gunther, diesem kühnen Mann: "Habt ihr kluge Sinne, so seid wohl auf der Hut, Wenn sie auch folgen wollte, daß ihr doch nimmer es thut."
"Warum," sprach da Gunther, "ließ' ich es nicht ergehn? 1249 Was künftig noch der Königin Liebes mag geschehn, Will ich ihr gerne gönnen: sie ist die Schwester mein. Wir müsten selbst drum werben, sollt es ihr zur Ehre sein."
Da sprach aber Hagen: "Das sprecht ihr unbedacht. 1250 Wenn ihr Etzeln kenntet wie ich und seine Macht, Und ließt ihr sie ihn minnen, wie ich euch höre sagen, Das müstet ihr vor Allen mit großem Rechte beklagen."
"Warum?" sprach da Gunther, "leicht vermeid ich das, 1251 Ihm je so nah zu kommen, daß ich durch seinen Haß Leid zu befahren hätte, würd er auch ihr Mann." Da sprach wieder Hagen: "Mich dünkt es nimmer wohlgethan."
Da lud man Gernoten und Geiselhern heran, 1252 Ob die Herren beide däuchte wohlgethan, Wenn Frau Kriemhild nähme den mächtgen König hehr. Noch widerrieth es Hagen und auch anders Niemand mehr.
Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 1253 "Nun mögt ihr, Freund Hagen, noch der Treue pflegen: Entschädigt sie des Leides, das ihr ihr habt gethan. Was ihr noch mag gelingen, das säht ihr billig neidlos an."
"Wohl habt ihr meiner Schwester gefügt so großes Leid," 1254 Sprach da wieder Geiselher, der Degen allbereit, "Ihr hättets wohl verschuldet, wäre sie euch gram: Noch Niemand einer Frauen so viel der Freuden benahm."
"Daß ich das wohl erkenne, das sei euch frei bekannt. 1255 Und soll sie Etzeln nehmen und kommt sie in sein Land, Wie sie es fügen möge, viel Leid thut sie uns an. Wohl kommt in ihre Dienste da mancher waidliche Mann."
Dawider sprach zu Hagen der kühne Gernot: 1256 "Es mag dabei verbleiben bis an Beider Tod, Daß wir niemals kommen in König Etzels Land. Laßt uns ihr Treue leisten: zu Ehren wird uns das gewandt."
Da sprach Hagen wieder: "Das laß ich mir Niemand sagen; 1257 Und soll die edle Kriemhild Helkens Krone tragen, Viel Leid wird sie uns schaffen, wo sie's nur fügen kann: Ihr sollt es bleiben laßen, das ständ euch Recken beßer an."
Im Zorn sprach da Geiselher, der schönen Ute Kind: 1258 Wir wollen doch nicht alle meineidig sein gesinnt. Was ihr geschieht zu Ehren, laßt uns froh drum sein. Was ihr auch redet, Hagen, ich dien ihr nach der Treue mein."
Als das Hagen hörte, da trübte sich sein Muth. 1259 Geiselher und Gernot, die stolzen Ritter gut, Und Gunther der reiche vereinten endlich sich, Wenn es Kriemhild wünsche, sie wolltens dulden williglich.
Da sprach Markgraf Gere: "So geh ich ihr zu sagen, 1260 Daß sie den König Etzel sich laße wohlhagen. Dem ist so mancher Recke mit Furchten unterthan, Er mag ihr wohl vergüten, was sie je Leides gewann."
Hin gieng der schnelle Degen, wo er Kriemhilden sah. 1261 Sie empfieng ihn gütlich; wie balde sprach er da: "Ihr mögt mich gern begrüßen und geben Botenbrot, Es will das Glück euch scheiden nun von all eurer Noth.
"Es hat um eure Minne, Frau, hiehergesandt 1262 Der Allerbesten einer, der je ein Königsland Gewann mit vollen Ehren und Krone durfte tragen: Es werben edle Ritter: das läßt euch euer Bruder sagen."
Da sprach die Jammerreiche: "Verbiete doch euch Gott 1263 Und allen meinen Freunden, daß sie keinen Spott Mit mir Armen treiben: was sollt ich einem Mann, Der je Herzensliebe von gutem Weibe gewann?"
Sie widersprach es heftig. Da traten zu ihr her 1264 Gernot ihr Bruder und der junge Geiselher. Sie baten sie in Minne zu trösten ihren Mut. Und nehme sie den König, es gerath ihr wahrlich gut.
Bereden mochte Niemand doch die Königin 1265 Noch einen Mann zu minnen auf Erden fürderhin. Da baten sie die Degen: "So laßt es doch geschehn, Wenn ihr denn nicht anders wollt, daß euch der Bote möge sehn."
"Das will ich nicht versagen," sprach die Fraue hehr. 1266 Ich empfange gerne den guten Rüdiger Ob seiner höfschen Sitte: wär er nicht hergesandt, Jedem andern Boten, dem blieb' ich immer unbekannt."
Sie sprach: "So schickt den Degen morgen früh heran 1267 Zu meiner Kemenate. Ich bescheid ihn dann: Wes ich mich berathen, will ich ihm selber sagen." So war ihr jetzt erneuert das große Weinen und Klagen.
Da wünschte sich auch anders nichts der edle Rüdiger, 1268 Als daß er schauen dürfte die Königin hehr. Er wuste sich so weise: könnt es irgend sein, So müst er sie bereden, diesen Recken zu frein.
Früh des andern Morgens nach dem Messgesang 1269 Kamen die edeln Boten; da hub sich großer Drang. Die mit Rüdigeren zu Hofe sollten gehn, Die sah man wohlgekleidet, manchen Degen ausersehn.
Kriemhilde die arme, in traurigem Muth 1270 Harrte sie auf Rüdiger, den edeln Boten gut. Er fand sie in dem Kleide, das sie für täglich trug: Dabei hatt ihr Gesinde reicher Kleider genug.
Sie gieng ihm entgegen zu der Thüre hin 1271 Und empfieng Etzels Recken mit gütlichem Sinn. Nur selbzwölfter trat er herein zu der Fraun; Man bot ihm große Ehre; wer möcht auch beßre Boten schaun?
Man hieß den Herren sitzen und Die in seinem Lehn. 1272 Die beiden Markgrafen sah man vor ihr stehn, Eckewart und Gere, die edeln Ritter gut. Um der Hausfrau willen sahn sie Niemand wohlgemuth.
Sie sahen vor ihr sitzen manche schöne Maid. 1273 Da hatte Frau Kriemhild Jammer nur und Leid. Ihr Kleid war vor den Brüsten von heißen Thränen naß. Das sah der edle Markgraf, der nicht länger vor ihr saß.
Er sprach in großen Züchten: "Viel edles Königskind, 1274 Mir und den Gefährten, die mit mir kommen sind, Sollt ihr, Frau, erlauben, daß wir vor euch stehn Und euch melden, weshalb unsre Reise sei geschehn."
"Ich will euch gern erlauben," sprach die Königin, 1275 "Was ihr wollt, zu reden; also steht mein Sinn, daß ich es gerne höre: ihr seid ein Bote gut." Da merkten wohl die Andern ihren abgeneigten Muth.
Da sprach von Bechelaren der Markgraf Rüdiger: 1276 "Euch läßt entbieten, Herrin, Etzel der König hehr Große Lieb und Treue hierher in dieses Land; Er hat um eure Minne viel gute Recken gesandt.
"Er entbeut euch freundlich Liebe sonder Leid; 1277 Er sei stäter Freundschaft nun euch hinfort bereit Wie Helken einst, der Königin, die ihm am Herzen lag: Ihr sollt die Krone tragen, deren sie vor Zeiten pflag."
Da sprach zu ihm die Königin: "Markgraf Rüdiger, 1278 Wenn meines Herzeleides Jemand kundig war, Der würde mir nicht rathen zu einem zweiten Mann: Ich verlor der Besten Einen, die je ein Weib noch gewann."
"Was tröstet mehr im Leide", sprach der kühne Mann, 1279 "Als freundliche Liebe? Wer die gewähren kann Und hat sich den erkoren, der ihm zu Herzen kommt, Der erfährt wohl, daß im Leide nichts so sehr als Liebe frommt.
"Und geruht ihr zu minnen den edeln Herren mein, 1280 Zwölf reicher Kronen sollt ihr gewaltig sein. Dazu von dreißig Fürsten giebt euch mein Herr das Land, Die alle hat bezwungen seine vielgewaltge Hand.
"Ihr sollt auch Herrin werden über manchen werthen Mann, 1281 Die meiner Frauen Helke waren unterthan, Und viel der schönen Maide, einst ihrem Dienst gesellt, Von hoher Fürsten Stamme," sprach der hochbeherzte Held.
"Dazu giebt euch der König, gebot er euch zu sagen, 1282 Wenn ihr geruht die Krone bei meinem Herrn zu tragen, Gewalt die allerhöchste, die Helke je gewann: Alle Mannen Etzels werden euch da unterthan."
"Wie möchte jemals wieder," sprach die Königin, 1283 "Eines Helden Weib zu werden gelüsten meinem Sinn? Mir hat der Tod an Einem so bittres Leid gethan, Daß ichs bis an mein Ende nimmermehr verschmerzen kann."
Die Heunen sprachen wieder: Viel reiche Königin, 1284 Das Leben geht bei Etzeln so herrlich euch dahin, Daß ihr in Wonnen schwebet, weigert ihr es nicht; Mancher ziere Degen steht in des reichen Königs Pflicht.
"Helkens Jungfrauen und eure Mägdelein, 1285 Sollten die beisammen je Ein Gesinde sein, Dabei möchten Recken wohl werden wohlgemuth. Laßt es euch rathen, Fraue, es bekommt euch wahrlich gut."
Sie sprach mit edler Sitte: "Nun laßt die Rede sein 1286 Bis morgen in der Frühe, dann tretet zu mir ein, Daß ich auf die Werbung euch gebe den Bescheid." Da musten Folge leisten die kühnen Degen allbereit.
Als zu den Herbergen sie kamen allzumal, 1287 Nach Geiselhern zu senden die edle Frau befahl Und nach ihrer Mutter: den Beiden sagte sie, Ihr gezieme nur zu weinen und alles Andere nie.
Da sprach ihr Bruder Geiselher: "Mir ahnt, Schwester mein, 1288 Und gerne mag ichs glauben, dein Leid und deine Pein Wird König Etzel wenden; und nimmst du ihn zum Mann, Was Jemand anders rathe, so dünkt es mich wohlgethan."
"Er mag dirs wohl ersetzen," sprach wieder Geiselher. 1289 "Vom Rotten bis zum Rheine, von der Elbe bis ans Meer Weiß man keinen König gewaltiger als ihn. Du magst dich höchlich freuen, heischt er dich zur Königin."
Sie sprach: "Lieber Bruder, wie räthst du mir dazu? 1290 Weinen und Klagen das käm mir eher zu. Wie sollt ich vor den Recken da zu Hofe gehn? Hatt ich jemals Schönheit, um die ists lange geschehn."
Da redete Frau Ute der lieben Tochter zu: 1291 "Was deine Brüder rathen, liebes Kind, das thu. Folge deinen Freunden, so mag dirs wohlergehn. Hab ich dich doch so lange in großem Jammer gesehn."
Da bat sie, daß vom Himmel ihr würde Rath gesandt: 1292 Denn hätte sie zu geben Gold, Silber und Gewand Wie einst, da er noch lebte, ihr Mann der Degen hehr, Sie erlebe doch nicht wieder so frohe Stunden nachher.
Sie dacht in ihrem Sinne: "Und sollt ich meinen Leib 1293 Einem Heiden geben? Ich bin ein Christenweib; Des müst ich billig Schelte von aller Welt empfahn; Gäb er mir alle Reiche, es bliebe doch ungethan."
Da ließ sie es bewenden. Die Nacht bis an den Tag 1294 Die Frau in ihrem Bette voll Gedanken lag. Ihre lichten Augen trockneten ihr nicht, Bis sie hin zur Mette wieder gieng beim Morgenlicht.
Nun waren auch die Könige zur Messezeit gekommen. 1295 Sie hatten ihre Schwester an die Hand genommen Und riethen ihr zu minnen den von Heunenland. Niemand doch die Fraue ein wenig fröhlicher fand.
Da ließ man zu ihr bringen, die Etzel hingesandt, 1296 Die nun mit Urlaub wollten räumen Gunthers Land, Wie es gerathen möge, mit Nein oder Ja! Da kam zu Hofe Rüdiger: die Gefährten mahnten ihn da,
Recht zu erforschen des edeln Fürsten Muth 1297 Und zeitig das zu leisten; das dauchte Jeden gut; Ihre Wege wären ferne wieder in ihr Land. Man brachte Rüdigeren hin, wo er Kriemhilden fand.
Da bat alsbald der Recke die edle Königin 1298 Mit minniglichen Worten, zu künden ihren Sinn, Was sie entbieten wolle in König Etzels Land. Der Held mit seinem Werben bei ihr nur Weigerung fand.
"Sie wolle nimmer wieder minnen einen Mann." 1299 Dawider sprach der Markgraf: "Das wär nicht recht gethan: Was wolltet ihr verderben so minniglichen Leib? Ihr werdet noch mit Ehren eines werthen Recken Weib."
Nichts half es, was sie baten, bis daß Rüdiger 1300 Insgeheim gesprochen mit der Königin hehr, Er hoff ihr zu vergüten all ihr Ungemach. Da ließ zuletzt ein wenig ihre hohe Trauer nach.
Er sprach zu der Königin: "Laßt euer Weinen sein; 1301 Hättet ihr bei den Heunen Niemand als mich allein, Meine getreuen Freunde und Die mir unterthan, Er sollt es schwer entgelten, hätt euch Jemand Leid gethan."
Davon ward erleichtert der Frauen wohl der Muth. 1302 Sie sprach: "So schwört mir, Rüdiger, was mir Jemand thut, Ihr wollt der Erste werden, der rächen will mein Leid." Da sprach zu ihr der Markgraf: "Dazu bin ich, Frau, bereit."
Mit allen seinen Mannen schwur ihr da Rüdiger, 1303 Ihr immer treu zu dienen, und daß die Recken hehr Ihr nichts versagen wollten in König Etzels Land, Was ihre Ehre heische: das gelobt' ihr Rüdigers Hand.
Da gedachte die Getreue: "Wenn ich gewinnen kann 1304 So viel stäter Freunde, so seh ichs wenig an, Was auch die Leute reden, in meines Jammers Noth. Vielleicht wird noch gerochen meines lieben Mannes Tod."
Sie gedachte: "Da Herr Etzel der Recken hat so viel, 1305 Denen ich gebiete, so thu ich, was ich will. Er hat auch solche Schätze, daß ich verschenken kann; Mich hat der leide Hagen meines Gutes ohne gethan."
Sie sprach zu Rüdigeren: "Hätt ich nicht vernommen, 1306 Daß er ein Heide wäre, so wollt ich gerne kommen, Wohin er geböte, und nähm ihn zum Mann." Da sprach der Markgraf wieder: "Steht darauf, Herrin, nicht an.
"Er ist nicht gar ein Heide, des dürft ihr sicher sein: 1307 Er ist getauft gewesen, der liebe Herre mein, Wenn er auch zu den Heiden wieder übertrat: Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, so wird darüber noch Rath.
"Ihm dienen so viel Recken in der Christenheit, 1308 Daß euch bei dem König nie widerfährt ein Leid. Ihr mögt auch leicht erlangen, daß der König gut Zu Gott wieder wendet so die Seele wie den Muth."
Da sprachen ihre Brüder: "Verheißt es, Schwester mein, 1309 Und all euern Kummer laßt in Zukunft sein." Des baten sie so lange, bis sie mit Trauer drein Vor den Helden willigte, den König Etzel zu frein.
Sie sprach: "Ich muß euch folgen, ich arme Königin! 1310 Ich fahre zu den Heunen, wann es geschehe, hin, Wenn ich Freunde finde, die mich führen in sein Land." Darauf bot vor den Helden die schöne Kriemhild die Hand.
Der Markgraf sprach: "Zwei Recken stehn in eurem Lehn, 1311 Dazu hab ich noch manchen: so kann es wohl geschehn, Daß wir euch mit Ehren bringen überrhein, Ich laß euch nun nicht länger hier bei den Burgunden sein.
"Fünfhundert Mannen hab ich und der Freunde mein: 1312 Die sollen euch zu Diensten hier und bei Etzeln sein, Was ihr auch gebietet; ich selber steh euch bei Und will michs nimmer schämen, mahnt ihr mich künftig meiner Treu.
"Eure Pferdedecken haltet euch bereit; 1313 Was Rüdiger gerathen hat, wird euch nimmer leid. Und sagt es euern Mägdlein, die ihr euch gesellt, Uns begegnet unterwegs mancher auserwählte Held."
Sie hatten noch Geschmeide, das sie zu Siegfrieds Zeit 1314 Beim Reiten getragen, daß sie mit mancher Maid Mit Ehren reisen mochte, so sie wollt hindann. Hei! was man guter Sättel den schönen Frauen gewann!
Hatten sie schon immer getragen reich Gewand, 1315 So wurde des zur Reise die Fülle nun zur Hand, Weil ihnen von dem König so viel gepriesen ward; Sie schloßen auf die Kisten, so lang versperrt und gespart.
Sie waren sehr geschäftig wohl fünftehalben Tag 1316 Und suchten aus dem Einschlag, so viel darinne lag. Ihre Kammer zu erschließen hub da Kriemhild an, Sie Alle reich zu machen, Die Rüdigern unterthan.
Sie hatte noch des Goldes von Nibelungenland: 1317 Das sollte bei den Heunen vertheilen ihre Hand. Sechshundert Mäule mochten es nicht von dannen tragen. Die Märe hörte Hagen da von Kriemhilden sagen.
Er sprach: "Mir wird Kriemhild doch nimmer wieder hold: 1318 So muß auch hier verbleiben Siegfriedens Gold. Wie ließ' ich meinen Feinden wohl so großes Gut? Ich weiß gar wohl, was Kriemhild noch mit diesem Schatze thut.
"Brächte sie ihn von hinnen, ich glaube sicherlich, 1319 Sie würd ihn nur vertheilen, zu werben wider mich. Sie hat auch nicht die Rosse, um ihn hinwegzutragen: Behalten will ihn Hagen, das soll man Kriemhilden sagen."
Als sie vernahm die Märe, das schuf ihr grimme Pein. 1320 Es ward auch den Königen gemeldet allen drein: Sie gedachten es zu wenden. Als das nicht geschah, Rüdiger der edle sprach mit frohem Muthe da:
"Reiche Königstochter, was klagt ihr um das Gold? 1321 Euch ist König Etzel so zugethan und hold, Ersehn euch seine Augen, er giebt euch solchen Hort, Daß ihr ihn nie verschwendet; das verbürgt euch, Frau, mein Wort."
Da sprach zu ihm die Königin: "Viel edler Rüdiger, 1322 Nie gewann der Schätze eine Königstochter mehr Als die, deren Hagen mich ohne hat gethan." Da kam ihr Bruder Gernot zu ihrer Kammer heran.
Mit des Königs Macht den Schlüßel stieß er in die Thür. 1323 Kriemhildens Schätze reichte man herfür, An dreißigtausend Marken oder wohl noch mehr, Daß es die Gäste nähmen: des freute Gunther sich sehr.
Da sprach von Bechelaren der Gotelinde Mann: 1324 "Und gehörten all die Schätze noch Kriemhilden an, Die man jemals brachte von Nibelungenland, Nicht berühren sollt es mein noch der Königin Hand.
"Heißt es aufbewahren, da ichs nicht haben will. 1325 Ich bracht aus unserm Lande des Meinen her so viel, Wir mögens unterweges entrathen wohl mit Fug: Wir haben zu der Reise genug und übergenug."
Zwölf Schreine hatten noch ihre Mägdelein 1326 Des allerbesten Goldes, das irgend mochte sein, Bewahrt aus alten Zeiten: das nun verladen ward Und viel der Frauenzierde, die sie brauchten auf der Fahrt.
Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327 Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark: Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann. Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan.
Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328 Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land? Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand."
Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329 "Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward, Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen, "Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen.
"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330 Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an. Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod." Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot.
Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331 Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand. Ute die reiche und manche schöne Maid Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid.
Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332 Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand. Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder; Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder.
Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333 Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot: Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land; Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt.
Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334 Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein. Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen: Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen.
Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335 Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen. Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land. Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt.
Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336 Ihre schnellen Boten in der Heunen Land, Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr.
Die Boten fuhren schnelle: Eil war ihnen Noth 1337 Um die große Ehre und das reiche Botenbrot. Als sie mit ihren Mären waren heimgekommen, Da hatte König Etzel so Liebes selten vernommen.
Der frohen Kunde willen ließ der König geben 1338 Den Boten solche Gaben, daß sie wohl mochten leben Immerdar in Freuden hernach bis an den Tod: Mit Wonne war verschwunden des Königs Kummer und Noth.
* * * * *
Einundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.
Die Boten laßt reiten, so thun wir euch bekannt, 1339 Wie die Königstochter fuhr durch das Land, Und wo von ihr Geiselher schied mit Gernot; Sie hatten ihr gedienet, wie ihre Treue gebot.
Sie kamen an die Donau gen Bergen nun geritten. 1340 Da begannen sie um Urlaub die Königin zu bitten, Weil sie wieder wollten reiten an den Rhein. Da mocht es ohne Weinen von guten Freunden nicht sein.
Geiselher der schnelle sprach zu der Schwester sein: 1341 "Schwester, wenn du jemals bedürfen solltest mein, Was immer dich gefährde, so mach es mir bekannt, Dann reit ich dir zu dienen hin in König Etzels Land."
Die Verwandten alle küsste sie auf den Mund. 1342 Minniglich sich scheiden sah man da zur Stund Die schnellen Burgunden von Rüdigers Geleit. Da zog mit der Königin manche wohlgethane Maid,
Hundert und viere; sie trugen schön Gewand 1343 Von buntgewebten Zeugen; manch breiten Schildesrand Führte man der Königin nach auf ihren Wegen. Da bat auch um Urlaub Volker der zierliche Degen.
Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344 Da sagte man die Märe, es kämen angerannt Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht,
In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345 Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof: Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland, Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand.
Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346 Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid. Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind. Gute Herberge wies man den Gästen geschwind.
Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347 Das Volk allenthalben ritt auf sie zu. Man gab, was sie bedurften, williglich und froh: Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo.
Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348 Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan, Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen, Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.
Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349 Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja: Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land: Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt."
Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350 Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind. Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut, Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth
Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351 Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war, Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn: Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn.
Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352 Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen, Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch: So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch.
Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353 Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr. Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl, Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl.
Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354 Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt, Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht. Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht.
Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355 Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan. Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran.
Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356 Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held. Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid. Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid.
Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357 Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten. Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten.
Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358 Freundlich den andern. Nun führten sie heran Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah. Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da.
Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359 Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin, Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen. Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen.
Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360 Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt. Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann: Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan.
Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361 Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn: Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug, Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug.
Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362 Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind. Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund. Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund.
Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363 "Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin, Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn: Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn."
"Nun lohn euch Gott," sprach Kriemhild, "viel edle Gotelind. 1364 So ich gesund verbleibe mit Botlungens Kind, Mag euch zu Gute kommen, daß ihr mich habt gesehn." Noch ahnten nicht die Beiden, was später muste geschehn.
Mit Züchten zu einander gieng da manche Maid; 1365 Zu Diensten waren ihnen die Recken gern bereit. Sie setzten nach dem Gruße sich nieder auf den Klee: Da lernten sich kennen, die sich fremd gewesen eh.
Man ließ den Frauen schenken. Es war am hohen Tag; 1366 Das edle Ingesinde der Ruh nicht länger pflag. Sie ritten, bis sie fanden viel breiter Hütten stehn: Da konnten große Dienste den edeln Gästen geschehn.
Ueber Nacht da pflegen sollten sie der Ruh. 1367 Die von Bechelaren schickten sich dazu, Nach Würden zu bewirthen so manchen werthen Mann. So hatte Rüdiger gesorgt, es gebrach nicht viel daran.
Die Fenster an den Mauern sah man offen stehn; 1368 Man mochte Bechelaren weit erschloßen sehn. Da ritten ein die Gäste, die man gerne sah; Gut Gemach schuf ihnen der edle Rüdiger da.
Des Markgrafen Tochter mit dem Gesinde gieng 1369 Dahin, wo sie die Königin minniglich empfieng. Da war auch ihre Mutter, Rüdigers Gemahl: Liebreich empfangen wurden die Jungfrauen allzumal.
Sie fügten ihre Hände in Eins und giengen dann 1370 Zu einem weiten Saale, der war gar wohlgethan, Vor dem die Donau unten die Flut vorübergoß. Da saßen sie im Freien und hatten Kurzweile groß.
Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter noch geschah. 1371 Daß sie so eilen müsten, darüber klagten da Die Recken Kriemhildens; wohl war es ihnen leid. Was ihnen guter Degen aus Bechlarn gaben Geleit!
Viel minnigliche Dienste der Markgraf ihnen bot. 1372 Da gab die Königstochter zwölf Armspangen roth Der Tochter Gotlindens und also gut Gewand, Daß sie kein beßres brachte hin in König Etzels Land.
Obwohl ihr war benommen der Nibelungen Gold, 1373 Alle, die sie sahen, machte sie sich hold Noch mit dem kleinen Gute, das ihr verblieben war. Dem Ingesind des Wirthes bot sie große Gaben dar.
Dafür erwies Frau Gotlind den Gästen von dem Rhein 1374 Auch so hohe Ehre mit Gaben groß und klein, Daß man da der Fremden wohl selten einen fand, Der nicht von ihr Gesteine trug oder herrlich Gewand.
Als man nach dem Imbiß fahren sollt hindann, 1375 Ihre treuen Dienste trug die Hausfrau an Mit minniglichen Worten Etzels Gemahl. Die liebkos'te scheidend der schönen Jungfrau zumal.
Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376 So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut, Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land." Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand!
Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377 Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein, Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein.
Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378 Aus Medelick auf Händen brachte man getragen Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein.
Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379 Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland Gegen Mautaren an der Donau nieder: Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder.
Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380 Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth, Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan. Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann!
An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381 Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit, Bis daß man die Heunen sah reiten über Land: Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt.
Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382 Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt, Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah,
Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383 Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben, Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan. Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann.
König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384 Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.
Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385 So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr. Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug, Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug.
* * * * *
Zweiundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward.
Sie blieb zu Traisenmauer bis an den vierten Tag. 1386 Der Staub in den Straßen derweil nicht stille lag: Aufstob er allenthalben wie in hellem Brand. Da ritten Etzels Leute durch das Oesterreicherland.
Es war dem König Etzel gemeldet in der Zeit, 1387 Daß ihm vor Gedanken schwand sein altes Leid, Wie herrlich Frau Kriemhild zöge durch das Land. Da eilte hin der König, wo er die Minnigliche fand.
Von gar manchen Sprachen sah man auf den Wegen 1388 Vor König Etzeln reiten viel der kühnen Degen, Von Christen und von Heiden manches breite Heer. Als sie die Herrin fanden, sie zogen fröhlich einher.
Von Reußen und von Griechen ritt da mancher Mann; 1389 Die Polen und Walachen zogen geschwind heran Auf den guten Rossen, die sie herrlich ritten. Da zeigte sich ein Jeder in seinen heimischen Sitten.
Aus dem Land zu Kiew ritt da mancher Mann 1390 Und die wilden Peschenegen. Mit Bogen hub man an Zu schießen nach den Vögeln, die in den Lüften flogen; Mit Kräften sie die Pfeile bis zu des Bogens Ende zogen.
Eine Stadt liegt an der Donau im Oesterreicherland, 1391 Die ist geheißen Tulna. Da ward ihr bekannt Manche fremde Sitte, die sie noch niemals sah. Da empfiengen sie gar Viele, denen noch Leid von ihr geschah.
Es ritt dem König Etzel ein Ingesind voran, 1392 Fröhlich und prächtig, höfisch und wohlgethan, Wohl vierundzwanzig Fürsten, mächtig und hehr: Ihre Königin zu schauen, sie begehrten sonst nichts mehr.
Ramung, der Herzog aus Walachenland, 1393 Mit siebenhundert Mannen kam er vor sie gerannt. Wie fliegende Vögel sah man sie alle fahren. Da kam der Fürst Gibeke mit viel herrlichen Scharen.
Hornbog der schnelle ritt mit tausend Mann 1394 Von des Königs Seite zu seiner Fraun heran. Sie prangten und stolzierten nach ihres Landes Sitten. Von den Heunenfürsten ward auch da herrlich geritten.
Da kam vom Dänenlande der kühne Hawart 1395 Und Iring der schnelle, vor allem Falsch bewahrt; Von Thüringen Irnfried, ein waidlicher Mann: Sie empfiengen Kriemhilden, daß sie viel Ehre gewann,
Mit zwölfhundert Mannen, die zählte ihre Schar. 1396 Da kam der Degen Blödel mit dreitausend gar, König Etzels Bruder aus dem Heunenland: Der ritt in stolzem Zuge, bis er die Königin fand.
Da kam der König Etzel und Herr Dieterich 1397 Mit seinen Helden allen. Da sah man ritterlich Manchen edeln Ritter bieder und auch gut. Davon ward Kriemhilden gar wohl erhoben der Muth.
Da sprach zu der Königin der edle Rüdiger: 1398 "Frau, euch will empfangen hier der König hehr. Wen ich euch küssen heiße, dem sei der Kuss gegönnt: Wißt, daß ihr Etzels Recken nicht alle gleich empfangen könnt."
Da hob man von der Mähre die Königin hehr. 1399 Etzel der reiche nicht säumt' er länger mehr: Er schwang sich von dem Rosse mit manchem kühnen Mann; Voller Freuden kam er zu Frau Kriemhilden heran.
Zwei mächtige Fürsten, das ist uns wohlbekannt, 1400 Giengen bei der Frauen und trugen ihr Gewand, Als der König Etzel ihr entgegen gieng Und sie den edlen Fürsten mit Küssen gütlich empfieng.
Sie schob hinauf die Binden: ihre Farbe wohlgethan 1401 Erglänzt' aus dem Golde. Da sagte mancher Mann, Frau Helke könne schöner nicht gewesen sein. Da stand in der Nähe des Königs Bruder Blödelein.
Den rieth ihr zu küssen Rüdiger der Markgraf reich 1402 Und den König Gibeke, Dietrichen auch zugleich: Zwölf der Recken küsste Etzels Königin; Da blickte sie mit Grüßen noch zu manchem Ritter hin.
Während König Etzel bei Kriemhilden stand, 1403 Thaten junge Degen wie Sitte noch im Land: Waffenspiele wurden schön vor ihr geritten; Das thaten Christenhelden und Heiden nach ihren Sitten.
Wie ritterlich die Degen in Dietrichens Lehn 1404 Die splitternden Schäfte in die Lüfte ließen gehn Hoch über Schilde aus guter Ritter Hand! Vor den deutschen Gästen brach da mancher Schildesrand.
Von der Schäfte Krachen vernahm man lauten Schall. 1405 Da waren aus dem Lande die Recken kommen all Und auch des Königs Gäste, so mancher edle Mann: Da gieng der reiche König mit der Königin hindann.
Sie fanden in der Nähe ein herrlich Gezelt. 1406 Erfüllt war von Hütten rings das ganze Feld; Da war nach den Beschwerden Rast für sie bereit. Da geleiteten die Helden darunter manche schöne Maid
Zu Kriemhild der Königin, die dort darnieder saß 1407 Auf reichem Stuhlgewande; der Markgraf hatte das So prächtig schaffen laßen, sie fandens schön und gut. Da stand dem König Etzel in hohen Freuden der Muth.
Was sie zusammen redeten, das ist mir unbekannt; 1408 In seiner Rechten ruhte ihre weiße Hand. So saßen sie in Minne, als Rüdiger der Degen Dem König nicht gestattete, Kriemhildens heimlich zu pflegen.
Da ließ man unterbleiben das Kampfspiel überall; 1409 Mit Ehren ward beendet der laute Freudenschall. Da giengen zu den Hütten Die Etzeln unterthan; Herberge wies man ihnen ringsum allenthalben an.
Den Abend und nachtüber fanden sie Ruhe da, 1410 Bis man den lichten Morgen wieder scheinen sah. Da kamen hoch zu Rosse viel Helden ausersehn; Hei! was sah man Kurzweil zu des Königs Ehren geschehn!
Nach Würden es zu schaffen der Fürst die Heunen bat. 1411 Da ritten sie von Tulna gen Wien in die Stadt. In schönem Schmucke fand man da Frauen ohne Zahl. Sie empfiengen wohl mit Ehren König Etzels Gemahl.
In Ueberfluß und Fülle war da für sie bereit, 1412 Wes sie nur bedurften. Viel Degen allbereit Sahn froh dem Fest entgegen. Herbergen wies man an; Die Hochzeit des Königs mit hohen Freuden begann.
Man mochte sie nicht alle herbergen in der Stadt: 1413 Die nicht Gäste waren, Rüdiger die bat, Daß sie Herberge nahmen auf dem Land. Wohl weiß ich, daß man immer den König bei Kriemhilden fand.
Dietrich der Degen und mancher andre Held 1414 Die hatten ihre Muße mit Arbeit eingestellt, Auf daß sie den Gästen trösteten den Muth; Rüdger und seine Freunde hatten Kurzweile gut.
Die Hochzeit war gefallen auf einen Pfingstentag, 1415 Wo der König Etzel bei Kriemhilden lag In der Stadt zu Wiene. Fürwahr so manchen Mann Bei ihrem ersten Manne sie nicht zu Diensten gewann.
Durch Gabe ward sie Manchem, der sie nicht kannte, kund. 1416 Darüber zu den Gästen hub Mancher an zur Stund: "Wir wähnten, Kriemhilden benommen wär ihr Gut, Die nun mit ihren Gaben hier so große Wunder thut."
Diese Hochzeit währte siebzehn Tage lang. 1417 Von keinem andern König weiß der Heldensang, Der solche Hochzeit hielte: es ist uns unbekannt. Alle, die da waren, die trugen neues Gewand.
Sie hatte nie geseßen daheim in Niederland 1418 Vor so manchem Recken; auch ist mir wohlbekannt, War Siegfried reich an Schätzen, so hatte er doch nicht So viel der edeln Recken, als sie hier sah in Etzels Pflicht.
Wohl gab auch nie ein König bei seiner Hochzeit 1419 So manchen reichen Mantel, lang, tief und weit, Noch so gute Kleider, als man hier gewann, Die Kriemhildens willen alle wurden vertan.
Ihre Freunde wie die Gäste hatten Einen Muth: 1420 Sie dachten nichts zu sparen, und wärs das beste Gut. Was Einer wünschen mochte, man war dazu bereit; Da Standen viel der Degen vor Milde bloß und ohne Kleid.
Wenn sie daran gedachte, wie sie am Rheine saß 1421 Bei ihrem edeln Manne, ihre Augen wurden naß; Doch hehlte sie es immer, daß es Niemand sah, Da ihr nach manchem Leide so viel der Ehren geschah.
Was Einer that aus Milde, das war doch gar ein Wind 1422 Gegen Dietrichen: was Botlungens Kind Ihm gegeben hatte, das wurde gar verwandt. Da begieng auch große Wunder des milden Rüdiger Hand.
Auch aus Ungarlande der Degen Blödelein 1423 Ließ da ledig machen manchen Reiseschrein Von Silber und von Golde: das ward dahin gegeben. Man sah des Königs Helden so recht fröhlich alle leben.
Des Königs Spielleute, Werbel und Schwemmelein, 1424 Wohl an tausend Marken nahm Jedweder ein Bei dem Hofgelage (oder mehr als das), Als die schöne Kriemhild bei Etzeln unter Krone saß.
Am achtzehnten Morgen von Wien die Helden ritten. 1425 In Ritterspielen wurden der Schilde viel verschnitten Von Speren, so da führten die Recken an der Hand: So kam der König Etzel mit Freuden in der Heunen Land.
In Heimburg der alten verblieb man über Nacht. 1426 Da konnte Niemand wißen recht des Volkes Macht, Mit welchen Heerkräften sie ritten durch das Land. Hei! was schöner Frauen man in seiner Heimat fand!
In Misenburg der reichen fieng man zu segeln an. 1427 Verdeckt ward das Wasser von Ross und auch von Mann, Als ob es Erde wäre, was man doch fließen sah. Die wegemüden Frauen mochten sich wohl ruhen da.
Zusammen war gebunden manches Schifflein gut, 1428 Daß ihnen wenig schaden Woge mocht und Flut; Darüber ausgebreitet manch köstlich Geleit, Als ob sie noch immer beides hatten, Land und Feld.
Nun ward auch in Etzelnburg die Märe kund gethan: 1429 Da freute sich darinnen beides, Weib und Mann. Etzels Ingesinde, des einst Frau Helke pflag, Erlebte bei Kriemhilden noch manchen fröhlichen Tag.
Da stand ihrer harrend gar manche edle Maid, 1430 Die seit Helkens Tode getragen Herzeleid. Sieben Königstöchter Kriemhild noch da fand; Durch die so ward gezieret König Etzels ganzes Land.
Herrat die Jungfrau noch des Gesindes pflag, 1431 Helkens Schwestertochter, in der viel Tugend lag, Dietrichs Verlobte, eines edeln Königs Sproß, Die Tochter Nentweinens, die noch viel Ehren genoß.
Auf der Gäste Kommen freute sich ihr Muth; 1432 Auch war dazu verwendet viel kostbares Gut. Wer könnt euch des bescheiden, wie der König saß seitdem? Den Heunen ward nicht wieder eine Königin so genehm.
Als der Fürst mit seinem Weibe geritten kam vom Strand, 1433 Wer eine Jede führte, das ward da wohl benannt Kriemhild der edeln: sie grüßte desto mehr. Wie saß an Helkens Stelle sie bald gewaltig und hehr!
Getreulichen Dienstes ward ihr viel bekannt. 1434 Die Königin vertheilte Gold und Gewand, Silber und Gesteine: was sie des überrhein Zum Heunenlande brachte, das muste gar vergeben sein.
Auch wurden ihr mit Diensten ergeben allzumal 1435 Die Freunde des Königs und denen er befahl, Daß Helke nie die Königin so gewaltiglich gebot, Als sie ihr dienen musten bis an Kriemhildens Tod.
Da stand in solchen Ehren der Hof und auch das Land, 1436 Daß man zu allen Zeiten die Kurzweile fand, Wonach einem Jeden verlangte Herz und Muth; Das schuf des Königs Liebe, dazu der Königin Gut.
* * * * *
Dreiundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte.
In so hohen Ehren, das ist alles wahr, 1437 Wohnten sie beisammen bis an das siebte Jahr. Eines Sohns war genesen derweil die Königin: Das schien König Etzel der allergröste Gewinn.
Bis sie es erlangte, ließ sie nicht ab davon, 1438 Die Taufe must empfangen König Etzels Sohn Nach christlichem Brauche: Ortlieb ward er genannt. Darob war große Freude über Etzels ganzem Land.
Der Zucht, deren jemals zuvor Frau Helke pflag, 1439 Fliß sich Frau Kriemhild darauf gar manchen Tag. Es lehrte sie die Sitte Herrat die fremde Maid; Die trug noch in der Stille um Helke schmerzliches Leid.
Vor Heimischen und Fremden gestanden allesamt 1440 Beßer und milder hab eines Königs Land Nie eine Frau beseßen: das hielten sie für wahr. Des rühmten sie die Heunen bis an das dreizehnte Jahr.
Nun wuste sie, daß Niemand ihr feindlich sei gesinnt, 1441 Wie oft wohl Königinnen der Fürsten Recken sind, Und daß sie täglich mochte zwölf Könge vor sich sehn. Sie vergaß auch nicht des Leides, das ihr daheim war geschehn.
Sie gedacht auch noch der Ehren in Nibelungenland, 1442 Die ihr geboten worden und die ihr Hagens Hand Mit Siegfriedens Tode hatte gar benommen, Und ob ihm das nicht jemals noch zu Leide sollte kommen.
"Es geschäh, wenn ich ihn bringen möcht in dieses Land." 1443 Ihr träumte wohl, ihr gienge bei Etzel an der Hand Geiselher ihr Bruder; sie küsst' ihn allezeit In ihrem sanften Schlafe: das ward zu schmerzlichem Leid.
Der üble Teufel war es wohl, der Kriemhilden rieth, 1444 Daß sie in Freundschaft von König Gunther schied Und ihn zur Sühne küsste in Burgundenland. Aufs Neu begann zu triefen von heißen Thränen ihr Gewand.
Es lag ihr an dem Herzen beides, spat und fruh, 1445 Wie man mit Widerstreben sie doch gebracht dazu, Daß sie minnen muste einen heidnischen Mann: Die Noth hatt ihr Hagen und Herr Gunther angethan.
Wie sie das rächen möchte, dachte sie alle Tage: 1446 "Ich bin nun wohl so mächtig, wem es auch missbehage, Daß ich meinen Feinden mag schaffen Herzeleid: Dazu wär ich dem Hagen von Tronje gerne bereit.
"Nach den Getreuen jammert noch oft die Seele mein; 1447 Doch die mir Leides thaten, möcht ich bei denen sein, So würde noch gerochen meines Friedels Tod. Kaum kann ich es erwarten," sprach sie in des Herzens Noth.
Es liebten sie Alle, die dem König unterthan, 1448 Die Recken Kriemhildens; das war wohlgethan. Ihr Kämmerer war Eckewart: drum ward er gern gesehn: Kriemhildens Willen konnte Niemand widerstehn.
Sie gedacht auch alle Tage: "Ich will den König bitten," 1449 Er möcht ihr vergönnen mit gütlichen Sitten, Daß man ihre Freunde brächt in der Heunen Land. Den argen Willen Niemand an der Königin verstand.
Als eines Nachts Frau Kriemhild bei dem König lag, 1450 Umfangen mit den Armen hielt er sie, wie er pflag Der edeln Frau zu kosen, sie war ihm wie sein Leib, Da gedachte ihrer Feinde dieses herrliche Weib.
Sie sprach zu dem König: "Viel lieber Herre mein, 1451 Ich wollt euch gerne bitten, möcht es mit Hulden sein, Daß ihr mich sehen ließet, ob ich verdient den Sold, Daß ihr meinen Freunden wäret inniglich hold."
Da sprach der mächtge König, arglos war sein Muth: 1452 "Des sollt ihr inne werden: was man den Helden thut Zu Ehren und zu Gute, mir geschieht ein Dienst daran, Da ich von Weibesminne nie beßre Freunde gewann."
Noch sprach zu ihm die Königin: "Ihr wißt so gut wie ich, 1453 Ich habe hohe Freunde: darum betrübt es mich, Daß mich die so selten besuchen hier im Land: Ich bin allen Leuten hier nur als freundlos bekannt."
Da sprach der König Etzel: "Viel liebe Fraue mein, 1454 Däucht' es sie nicht zu ferne, so lüd ich überrhein, Die ihr da gerne sähet, hieher zu meinem Land." Sie freute sich der Rede, als ihr sein Wille ward bekannt.
Sie sprach: "Wollt ihr mir Treue leisten, Herre mein, 1455 So sollt ihr Boten senden gen Worms überrhein. So entbiet ich meinen Freunden meinen Sinn und Muth: So kommen uns zu Lande viel Ritter edel und gut."
Er sprach: "Wenn ihr gebietet, so laß ich es geschehn. 1456 Ihr könntet eure Freunde nicht so gerne sehn, Der edeln Ute Kinder, als ich sie sähe gern: Es ist mir ein Kummer, daß sie so fremd uns sind und fern."
Er sprach: "Wenn dirs gefiele, viel liebe Fraue mein, 1457 Wollt ich als Boten senden zu den Freunden dein Meine Fiedelspieler gen Burgundenland." Die guten Spielleute ließ man bringen gleich zur Hand.
Die Knappen kamen beide, wo sie den König sahn 1458 Sitzen bei der Königin. Da sagt' er ihnen an, Sie sollten Boten werden nach Burgundenland. Auch ließ er ihnen schaffen reiches herrliches Gewand.
Vierundzwanzig Recken schnitt man da das Kleid. 1459 Ihnen ward auch von dem König gegeben der Bescheid, Wie sie Gunthern laden sollten und Die ihm unterthan. Frau Kriemhild mit ihnen geheim zu sprechen begann.
Da sprach der reiche König: "Nun hört, wie ihr thut: 1460 Ich entbiete meinen Freunden alles, was lieb und gut, Daß sie geruhn zu reiten hieher in mein Land. Ich habe noch gar selten so liebe Gäste gekannt.
"Und wenn sie meinen Willen gesonnen sind zu thun, 1461 Kriemhilds Verwandte, so mögen sie nicht ruhn Und mir zu Liebe kommen zu meinem Hofgelag, Da meiner Schwäger Freundschaft mich so sehr erfreuen mag."
Da sprach der Fiedelspieler, der stolze Schwemmelein: 1462 "Wann soll euer Gastgeber in diesen Landen sein? Daß wirs euern Freunden am Rhein mögen sagen." Da sprach der König Etzel: "In der nächsten Sonnenwende Tagen."
"Wir thun, was ihr gebietet," sprach da Werbelein. 1463 Kriemhild ließ die Boten zu ihrem Kämmerlein Führen in der Stille und besprach mit ihnen da, Wodurch noch manchem Degen bald wenig Liebes geschah.
Sie sprach zu den Boten: "Ihr verdient groß Gut, 1464 Wenn ihr besonnen meinen Willen thut Und sagt, was ich entbiete heim in unser Land: Ich mach euch reich an Gute und geb euch herrlich Gewand.
"Wen ihr von meinen Freunden immer möget sehn 1465 Zu Worms an dem Rheine, dem sollt ihrs nie gestehn, Daß ihr mich immer sähet betrübt in meinem Muth; Und entbietet meine Grüße diesen Helden kühn und gut.
"Bittet sie zu leisten, was mein Gemahl entbot, 1466 Und mich dadurch zu scheiden von all meiner Noth. Ich scheine hier den Heunen freundlos zu sein. Wenn ich ein Ritter hieße ich käme manchmal an den Rhein.
"Und sagt auch Gernoten, dem edeln Bruder mein, 1467 Daß ihm auf Erden Niemand holder möge sein: Bittet, daß er mir bringe hierher in dieses Land Unsre besten Freunde: so wird uns Ehre bekannt.
"Sagt auch Geiselheren, ich mahn ihn daran, 1468 Daß ich mit seinem Willen nie ein Leid gewann: Drum sähn ihn hier im Lande gern die Augen mein; Auch will ich all mein Leben ihm zu Dienst verpflichtet sein.
"Sagt auch meiner Mutter, wie mir Ehre hier geschieht; 1469 Und wenn von Tronje Hagen der Reise sich entzieht, Wer ihnen zeigen solle die Straßen durch das Land? Die Wege zu den Heunen sind von frühauf ihm bekannt."
Nun wusten nicht die Boten, warum das möge sein, 1470 Daß sie diesen Hagen von Tronje nicht am Rhein Bleiben laßen sollten. Bald ward es ihnen leid: Durch ihn war manchem Degen mit dem grimmen Tode gedräut.
Botenbrief und Siegel ward ihnen nun gegeben; 1471 Sie fuhren reich an Gute und mochten herrlich leben. Urlaub gab ihnen Etzel und sein schönes Weib; Ihnen war auch wohlgezieret mit guten Kleidern der Leib.
* * * * *
Vierundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten.
Als Etzel seine Fiedler hin zum Rheine sandte, 1472 Da flogen diese Mären von Lande zu Lande: Mit schnellen Abgesandten bat er und entbot Zu seinem Hofgelage; da holte Mancher sich den Tod.
Die Boten ritten hinnen aus der Heunen Land 1473 Zu den Burgunden, wohin man sie gesandt Zu dreien edeln Königen und ihrer Mannen Heer: Daß sie zu Etzeln kämen; da beeilten sie sich sehr.
Zu Bechlaren ritten schon die Boten ein. 1474 Ihnen diente man da gerne und ließ auch das nicht sein: Ihre Grüße sandten Rüdger und Gotelind Den Degen an dem Rheine und auch des Markgrafen Kind.
Sie ließen ohne Gaben die Boten nicht hindann, 1475 Daß desto sanfter führen Die Etzeln unterthan. Uten und ihren Söhnen entbot da Rüdiger, Ihnen so gewogen hätten sie keinen Markgrafen mehr.
Sie entboten auch Brunhilden Alles, was lieb und gut, 1476 Ihre stäte Treue und dienstbereiten Muth. Da wollten nach der Rede die Boten weiter ziehn; Gott bat sie zu bewahren Gotlind die edle Markgräfin.
Eh noch die Boten völlig durchzogen Baierland, 1477 Werbel der Schnelle den guten Bischof fand. Was der da seinen Freunden hin an den Rhein entbot, Davon hab ich nicht Kunde; jedoch sein Gold also roth
Gab er den Boten milde. Als sie wollten ziehn, 1478 "Sollt ich sie bei mir schauen," sprach Bischof Pilgerin, "So wär mir wohl zu Muthe, die Schwestersöhne mein: Ich mag leider selten zu ihnen kommen an den Rhein."
Was sie für Wege fuhren zum Rhein durch das Land, 1479 Kann ich euch nicht bescheiden. Ihr Gold und ihr Gewand Blieb ihnen unbenommen; man scheute Etzels Zorn: So gewaltig herrschte der edle König wohlgeborn.
Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein, 1480 Gen Worms in die Veste, Werbel und Schwemmelein. Da sagte mans dem König und seinen Mannen an, Es kämen fremde Boten; Gunther zu fragen begann.
Da sprach der Vogt vom Rheine: "Wer macht uns bekannt, 1481 Von wannen diese Gäste ritten in das Land?" Davon wuste Niemand, bis die Boten sah Hagen von Tronje: der begann zu Gunthern da:
"Wir hören Neues heute, dafür will ich euch stehn: 1482 Etzels Fiedelspieler die hab ich hier gesehn; Die hat eure Schwester gesendet an den Rhein: Ihres Herren Willen sollen sie uns willkommen sein."
Sie ritten ohne Weilen zu dem Saal heran: 1483 So herrlich fuhr wohl nimmer eines Fürsten Fiedelmann. Des Königs Ingesinde empfieng sie gleich zur Hand; Herberge gab man ihnen und bewahrte ihr Gewand.
Ihre Reisekleider waren reich und so wohlgethan, 1484 Sie mochten wohl mit Ehren sich so dem König nahn; Doch wollten sie nicht länger sie dort am Hofe tragen. "Ob Jemand sie begehre?" ließen da die Boten fragen.
Da waren auch bedürftige Leute bei der Hand, 1485 Die sie gerne nahmen: denen wurden sie gesandt. Da schmückten mit Gewanden so reich die Gäste sich, Wie es Königsboten herrlich stand und wonniglich.
Da gieng mit Urlaube hin, wo der König saß 1486 Etzels Ingesinde: gerne sah man das. Herr Hagen gleich den Boten vom Sitz entgegen sprang, Sie freundlich zu begrüßen: des sagten ihm die Knappen Dank.
Da hub er um die Kunde sie zu befragen an, 1487 Wie Etzel sich gehabe und Die ihm unterthan. Da sprach der Fiedelspieler: "Nie beßer stands im Land, Das Volk war niemals froher, das sei euch wahrlich bekannt."
Er führte sie dem Wirthe zu; der Königssaal war voll: 1488 Da empfieng man die Gäste, wie man immer soll Boten freundlich grüßen in andrer Könge Land. Werbel der Recken viel bei König Gunthern fand.
Der König wohlgezogen zu grüßen sie begann: 1489 "Willkommen, beide Fiedler, die Etzeln unterthan, Mit euern Heergesellen: wozu hat euch gesandt Etzel der reiche zu der Burgunden Land?"
Sie neigten sich dem König. Da sprach Werbelein: 1490 "Euch entbietet seine Dienste der liebe Herre mein Und Kriemhild eure Schwester hieher in dieses Land: Sie haben uns euch Recken auf gute Treue gesandt."
Da sprach der reiche König: "Der Märe bin ich froh. 1491 Wie gehabt sich Etzel," der Degen fragte so, "Und Kriemhild meine Schwester in der Heunen Land?" Da sprach der Fiedelspieler: "Das mach ich gern euch bekannt.
"Beßer wohl gehabten sich Könge nirgend mehr 1492 Und fröhlicher, das wißet, als die Fürsten hehr Und ihre Degen alle, Freund und Untertan. Sie freuten sich der Reise, da wir schieden hindann,"
"Nun Dank ihm für die Dienste, die er mir entbeut, 1493 Ihm und meiner Schwester: gern erfahr ich heut, Daß sie in Freuden leben, der König und sein Lehn; Meine Frage war nach ihnen in großen Sorgen geschehn."
Die beiden jungen Könige waren auch gekommen, 1494 Die hatten diese Märe eben erst vernommen. Geiselher der junge die Boten gerne sah Aus Liebe zu der Schwester; gar minniglich sprach er da:
"Ihr Boten sollt uns beide hochwillkommen sein; 1495 Kämet ihr geritten nur öfter an den Rhein, Ihr fändet hier der Freunde, die ihr gerne möchtet sehn. Euch sollte hier zu Lande wenig Leides geschehn."
"Wir versehn uns alles Guten zu euch," sprach Schwemmelein; 1496 "Ich könnt euch nicht bedeuten mit den Worten mein, Wie minnigliche Grüße euch Etzel hat gesandt Und eure edle Schwester, die da in hohen Ehren stand.
"An eure Lieb und Treue mahnt euch die Königin 1497 Und daß ihr stäts gewogen war euer Herz und Sinn. Zuvörderst euch, Herr König, sind wir hieher gesandt, Daß ihr geruht zu reiten zu ihnen in der Heunen Land.
"Es soll auch mit euch reiten euer Bruder Gernot. 1498 Etzel der reiche euch Allen das entbot, Wenn ihr nicht kommen wolltet, eure Schwester sehn, So möcht er doch wohl wißen, was euch von ihm war geschehn,
"Daß ihr ihn also meidet und auch sein Reich und Land. 1499 Wär euch auch die Königin fremd und unbekannt, So möcht er selbst verdienen, ihr kämet ihn zu sehn: Wenn ihr das leisten wolltet, so wär ihm Liebes geschehn."
Da sprach der König Gunther: "Nach der siebten Nacht 1500 Will ich euch bescheiden, wes ich mich bedacht Hab im Rath der Freunde; geht derweilen hin Zu eurer Herberge und findet gute Ruh darin."
Da sprach wieder Werbel: "Könnt es nicht geschehn, 1501 Daß wir unsre Fraue, die reiche Ute, sehn, Eh wir müden Degen fragten nach der Ruh?" Da sprach wohlgezogen der edle Geiselher dazu:
"Das soll euch Niemand wehren; wollt ihr vor sie gehn, 1502 So ist auch meiner Mutter Will und Wunsch geschehn, Denn sie sieht euch gerne um die Schwester mein, Frau Kriemhilde: ihr sollt ihr willkommen sein."
Geiselher sie brachte hin, wo er Uten fand. 1503 Die sah die Boten gerne aus der Heunen Land Und empfieng sie freundlich mit wohlgezognem Muth. Da sagten ihr die Märe die Boten höfisch und gut.
"Meine Frau läßt euch entbieten," sprach da Schwemmelein, 1504 "Dienst und stäte Treue, und wenn es möchte sein, Daß sie euch öfter sähe, so glaubet sicherlich, Wohl keine andre Freude auf Erden wünschte sie sich."
Da sprach die Königin Ute: "Dass kann nun nicht sein. 1505 So gern ich öfter sähe die liebe Tochter mein, So wohnt zu fern uns leider die edle Königin: Nun geh ihr immer selig die Zeit mit Etzeln dahin.
"Ihr sollt mich wißen laßen, eh ihr von hinnen müßt, 1506 Wenn ihr reiten wollet; ich sah in langer Frist Boten nicht so gerne, als ich euch gesehn." Da gelobten ihr die Knappen, ihr Wille solle geschehn.
Zu den Herbergen giengen Die von Heunenland. 1507 Der reiche König hatte die Freunde nun besandt. Gunther der edle fragte Mann für Mann, Was sie darüber dächten? Wohl Manche huben da an,
Er möge wohl reiten in König Etzels Land. 1508 Das riethen ihm die Besten, die er darunter fand. Hagen nur alleine, dem war es grimmig leid. Zum König sprach er heimlich: "Mit euch selbst seid ihr im Streit.
Ihr habt doch nicht vergeßen, was ihr von uns geschehn: 1509 Vor Kriemhilden müßen wir stäts in Sorge stehn. Ich schlug ihr zu Tode den Mann mit meiner Hand: Wie dürften wir wohl reiten hin in König Etzels Land?"
Da sprach der reiche König: "Meiner Schwester Zürnen schwand. 1510 Mit minniglichem Kusse, eh sie verließ dieß Land, Hat sie uns verziehen, was wir an ihr gethan, Es wäre denn, sie stände bei euch, Herr Hagen, noch an."
"Nun laßt euch nicht betrügen," sprach Hagen, "was auch sagen 1511 Diese Heunenboten: wollt ihrs mit Kriemhild wagen, Da verliert ihr zu der Ehre Leben leicht und Leib: Sie weiß wohl nachzutragen, dem König Etzel sein Weib!"
Da sprach vor dem Rathe der König Gernot: 1512 "Ihr mögt aus guten Gründen fürchten dort den Tod In heunischen Reichen; ständen wir drum an Und mieden unsre Schwester, das wär übel gethan."
Da sprach zu dem Degen der junge Geiselher: 1513 "Da ihr euch, Freund Hagen, schuldig wißt so sehr, So bleibt hier im Lande, euer Heil zu weisen; Nur laßt, die sichs getrauen, mit uns zu den Heunen fahren."
Darob begann zu zürnen von Tronje der Held: 1514 "Ich will nicht, daß euch Jemand sei bei der Fahrt gesellt, Der an den Hof zu reiten sich mehr getraut als ich: Wollt ihrs nicht bleiben laßen, ich beweis' es euch sicherlich."
Da sprach der Küchenmeister Rumold der Degen: 1515 "Der Heimischen und Fremden mögt ihr zu Hause pflegen Nach euerm Wohlgefallen: da habt ihr vollen Rath; Ich glaube nicht, daß Hagen euch noch je vergeiselt hat.
"Wollt ihr nicht Hagen folgen, so räth euch Rumold, 1516 Der ich euch dienstlich gewogen bin und hold, Daß ihr im Lande bleibet nach dem Willen mein Und laßt den König Etzel dort bei Kriemhilden sein.
"Wo könntet ihr auf Erden so gut als hier gedeihn? 1517 Ihr mögt vor euern Feinden daheim geborgen sein, Ihr sollt mit guten Kleidern zieren euern Leib, Des besten Weines trinken und minnen manches schöne Weib.
"Dazu giebt man euch Speise, so gut sie in der Welt 1518 Ein König mag gewinnen. Euer Land ist wohl bestellt: Der Hochzeit Etzels mögt ihr euch mit Ehren wohl begeben Und hier mit euern Freunden in guter Kurzweile leben.
"Und hättet ihr nichts Anderes davon zu zehren hier, 1519 Ich gab euch Eine Speise die Fülle für und für, In Oel gesottne Schnitten. Das ist, was Rumold räth, Da es gar so ängstlich, ihr Herrn, dort bei den Heunen steht.
"Hold wird euch Frau Kriemhild doch nimmer, glaubet mir; 1520 Auch habt ihr und Hagen es nicht verdient an ihr. Und wollt ihr nicht verbleiben, wer weiß, wie ihrs beklagt: Ihr werdets noch erkennen, ich hab euch Wahrheit gesagt.
"Drum rath ich euch zu bleiben. Reich ist euer Land: 1521 Ihr könnt hier beßer lösen, was ihr gabt zu Pfand, Als dort bei den Heunen: wer weiß, wie es da steht? Verbleibt hier, ihr Herren: das ist, was Rumold euch rath."
"Wir wollen nun nicht bleiben," sprach da Gernot. 1522 "Da es meine Schwester so freundlich uns entbot Und Etzel der reiche, was führen wir nicht hin? Die nicht mit uns wollen, mögen bleiben immerhin."
"In Treuen," sprach da Rumold, "ich will der Eine sein, 1523 Der um Etzels Hofgelag kommt nimmer überrhein. Wie setzt' ich wohl das Beßre aufs Spiel, das ich gewann? Ich will mich selbst so lange am Leben laßen, als ich kann."
"So denk ichs auch zu reiten," sprach Ortwein der Degen: 1524 "Ich will der Geschäfte zu Hause mit euch pflegen." Da sprachen ihrer Viele, sie wollten auch nicht fahren: "Gott woll euch, liebe Herren, bei den Heunen wohl bewahren."
Der König Gunther zürnte, als er ward gewahr, 1525 Sie wollten dort verbleiben, der Ruhe willen zwar: "Wir wollens drum nicht laßen, wir müßen an die Fahrt; Der waltet guter Sinne, der sich allezeit bewahrt."
Zur Antwort gab da Hagen: "Laßt euch zum Verdruß 1526 Meine Rede nicht gereichen: was auch geschehen muß, Das rath ich euch in Treuen, wenn ihr euch gern bewahrt, Daß ihr nur wohlgerüstet zu dem Heunenlande fahrt.
"Wenn ihrs euch unterwindet, so entbietet euer Heer, 1527 Die Besten, die ihr findet und irgend wißt umher, Aus ihnen Allen wähl ich dann tausend Ritter gut: So mag euch nicht gefährden der argen Kriemhilde Muth."
"Dem Rathe will ich folgen," sprach der König gleich. 1528 Da sandt er seine Boten umher in seinem Reich. Bald brachte man der Helden dreitausend oder mehr. Sie dachten nicht zu finden so großes Leid und Beschwer.
Sie ritten hohes Muthes durch König Gunthers Land. 1529 Sie verhießen Allen Ross' und Gewand, Die ihnen geben wollten zum Heunenland Geleit. Da fand viel gute Ritter der König zu der Fahrt bereit.
Da ließ von Tronje Hagen Dankwart den Bruder sein 1530 Achtzig ihrer Recken führen an den Rhein. Sie kamen stolz gezogen; Harnisch und Gewand Brachten viel die schnellen König Gunthern in das Land.
Da kam der kühne Volker, ein edler Spielmann, 1531 Mit dreißig seiner Degen zu der Fahrt heran. Ihr Gewand war herrlich, ein König mocht es tragen. Er wollte zu den Heunen, ließ er dem Könige sagen.
Wer Volker sei gewesen, das sei euch kund gethan. 1532 Es war ein edler Herre; ihm waren unterthan Viel der guten Recken in Burgundenland; Weil er fiedeln konnte, war er der Spielmann genannt.
Hagen wählte tausend, die waren ihm bekannt; 1533 Was sie in starken Stürmen gefrommt mit ihrer Hand Und sonst begangen hatten, das hatt er oft gesehn: Auch alle Andern musten ihnen Ehre zugestehn.
Die Boten Kriemhildens der Aufenthalt verdroß; 1534 Die Furcht vor ihrem Herren war gewaltig groß: Sie hielten alle Tage um den Urlaub an. Den gönnt' ihnen Hagen nicht: das ward aus Vorsicht gethan.
Er sprach zu seinem Herren: "Wir wollen uns bewahren, 1535 Daß wir sie reiten laßen, bevor wir selber fahren Sieben Tage später in König Etzels Land: Trägt man uns argen Willen, das wird so beßer gewandt.
"So mag sich auch Frau Kriemhild bereiten nicht dazu, 1536 Daß uns nach ihrem Rathe Jemand Schaden thu. Will sie es doch versuchen, so fährt sie übel an: Wir führen zu den Herren manchen auserwählten Mann."
Die Sättel und die Schilde und all ihr Gewand, 1537 Das sie führen wollten in König Etzels Land, War nun bereit und fertig für manchen kühnen Mann. Etzels Spielleute rief man zu Gunthern heran.
Da die Boten kamen, begann Herr Gernot: 1538 "Der König will leisten, was Etzel uns entbot. Wir wollen gerne kommen zu seiner Lustbarkeit Und unsre Schwester sehen; daß ihr des außer Zweifel seid."
Da sprach der König Gunther: "Wißt ihr uns zu sagen, 1539 Wann das Fest beginnt, oder zu welchen Tagen Wir erwartet werden?" Da sprach Schwemmelein: "Zur nächsten Sonnenwende da soll es in Wahrheit sein."
Der König erlaubte das, war noch nicht geschehn, 1540 Wenn sie Frau Brunhilden wünschten noch zu sehn, Daß sie mit seinem Willen sprächen bei ihr an. Dem widerstrebte Volker: da war ihr Liebes gethan.
"Es ist ja Frau Brunhild nun nicht so wohlgemuth, 1541 Daß ihr sie schauen möchtet," sprach der Ritter gut. "Wartet bis morgen, so läßt man sie euch sehn." Sie wähnten sie zu schauen, da konnt es doch nicht geschehn.