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Sie sprachen: "Laßt der Knappen hüten auf den Wegen 183 Dankwart den kühnen, das ist ein schneller Degen: Wir verlieren desto minder durch Die in Lüdgers Lehn; Laßt ihn mit Ortweinen hie die Nachhut versehn."
"So will ich selber reiten," sprach Siegfried der Degen, 184 "Den Feinden gegenüber der Warte zu pflegen, Bis ich recht erkunde, wo die Recken sind." Da stand bald in den Waffen der schönen Siegelinde Kind.
Das Volk befahl er Hagen, als er zog hindann, 185 Ihm und Gernoten, diesem kühnen Mann. So ritt er hin alleine in der Sachsen Land, Wo er die rechte Märe wohl bald mit Ehren befand.
Er sah ein groß Geschwader, das auf dem Felde zog, 186 Und die Kraft der Seinen gewaltig überwog: Es waren vierzigtausend oder wohl noch mehr. Siegfried in hohem Muthe sah gar fröhlich das Heer.
Da hatte sich ein Recke auch aus der Feinde Schar 187 Erhoben auf die Warte, der wohl gewappnet war: Den sah der Degen Siegfried und ihn der kühne Mann; Jedweder auf den andern mit Zorn zu blicken begann.
Ich sag euch, wer der wäre, der hier der Warte pflag; 188 Ein lichter Schild von Golde ihm vor der Linken lag. Es war der König Lüdegast, der hütete sein Heer. Der edle Fremdling sprengte herrlich wider ihn einher.
Nun hatt auch ihn Herr Lüdegast sich feindlich erkoren: 189 Ihre Rosse reizten Beide zur Seite mit den Sporen; Sie neigten auf die Schilde mit aller Macht den Schaft: Da kam der hehre König darob in großer Sorgen Haft.
Dem Stich gehorsam trugen die Rosse pfeilgeschwind 190 Die Könige zusammen, als wehte sie der Wind; Dann mit den Zäumen wandten sie ritterlich zurück: Die grimmen Zwei versuchten da mit dem Schwerte das Glück.
Da schlug der Degen Siegfried, das Feld erscholl umher. 191 Aus dem Helme stoben, als obs von Bränden wär, Die feuerrothen Funken von des Helden Hand; Da stritt mit großen Kräften der kühne Vogt von Niederland.
Auch ihm schlug Herr Lüdegast manch grimmen Schlag; 192 Jedweder auf dem Schilde mit ganzer Stärke lag. Da hatten es wohl dreißig erspäht aus seiner Schar: Eh die ihm Hülfe brachten, der Sieg doch Siegfrieden war
Mit drei starken Wunden, die er dem König schlug 193 Durch einen lichten Harnisch; der war doch fest genug. Das Schwert mit seiner Schärfe entlockte Wunden Blut; Da gewann König Lüdegast einen traurigen Muth.
Er bat ihn um sein Leben und bot ihm all sein Land 194 Und sagt' ihm, er wäre Lüdegast genannt. Da kamen seine Recken: die hatten wohl gesehn, Was da von ihnen beiden auf der Warte war geschehn.
Er führt' ihn gern von dannen: da ward er angerannt 195 Von dreißig seiner Mannen; doch wehrte seine Hand Seinen edeln Geisel mit ungestümen Schlägen. Bald that noch größern Schaden dieser zierliche Degen.
Die Dreißig zu Tode wehrlich er schlug; 196 Ihrer Einen ließ er leben: der ritt da schnell genug Und brachte hin die Märe von dem, was hier geschehn; Auch konnte man die Wahrheit an seinem rothen Helme sehn.
Gar leid wars den Recken aus dem Dänenland, 197 Als ihres Herrn Gefängniss ihnen ward bekannt. Man sagt' es seinem Bruder: der fieng zu toben an In ungestümem Zorne: ihm war gar wehe gethan.
Lüdegast der König war hinweggebracht 198 Zu Gunthers Ingesinde von Siegfrieds Uebermacht. Er befahl ihn Hagen: der kühne Recke gut, Als er vernahm die Märe, da gewann er fröhlichen Muth.
Man gebot den Burgunden: "Die Fahne bindet an." 199 "Wohlauf," sprach da Siegfried, "hier wird noch mehr gethan Vor Abendzeit, verlier ich Leben nicht und Leib: Das betrübt im Sachsenlande noch manches waidliche Weib.
"Ihr Helden vom Rheine, ihr sollt mein nehmen wahr: 200 Ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar. Da seht ihr Helme hauen von guter Helden Hand: Eh wir uns wieder wenden, wird ihnen Sorge bekannt."
Zu den Rossen sprangen Gernot und Die ihm unterthan. 201 Die Heerfahne faßte der kühne Spielmann, Volker der Degen, und ritt der Schar vorauf. Da war auch das Gesinde zum Streite muthig und wohlauf.
Sie führten doch der Degen nicht mehr denn tausend Mann, 202 Darüber zwölf Recken. Zu stieben da begann Der Staub von den Straßen: sie ritten über Land; Man sah von ihnen scheinen manchen schönen Schildesrand.
Nun waren auch die Sachsen gekommen und ihr Heer 203 Mit Schwertern wohlgewachsen; die Klingen schnitten sehr, Das hab ich wohl vernommen, den Helden an der Hand: Da wollten sie die Gäste von Burgen wehren und Land.
Der Herren Scharmeister führten das Volk heran. 204 Da war auch Siegfried kommen mit den zwölf Mann, Die er mit sich führte aus dem Niederland. Des Tags sah man im Sturme manche blutige Hand.
Sindold und Hunold und auch Gernot 205 Die schlugen in dem Streite viel der Helden todt, Eh sie ihrer Kühnheit noch selber mochten traun: Das musten bald beweinen viel der waidlichen Fraun.
Volker und Hagen und auch Ortwein 206 Leschten in dem Streite manches Helmes Schein Mit fließendem Blute, die Kühnen in der Schlacht. Von Dankwarten wurden viel große Wunder vollbracht.
Da versuchten auch die Dänen waidlich ihre Hand; 207 Von Stößen laut erschallte mancher Schildesrand Und von den scharfen Schwertern, womit man Wunden schlug. Die streitkühnen Sachsen thaten Schadens auch genug.
Als die Burgunden drangen in den Streit, 208 Von ihnen ward gehauen manche Wunde weit: Ueber die Sättel fließen sah man das Blut; So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut.
Man hörte laut erhallen den Helden an der Hand 209 Ihre scharfen Waffen, als Die von Niederland Ihrem Herrn nachdrangen in die dichten Reihn; Die zwölfe kamen ritterlich zugleich mit Siegfried hinein.
Deren vom Rheine kam ihnen Niemand nach. 210 Man konnte fließen sehen den blutrothen Bach Durch die lichten Helme von Siegfriedens Hand, Eh er Lüdegeren vor seinen Heergesellen fand.
Dreimal die Kehre hat er nun genommen 211 Bis an des Heeres Ende; da war auch Hagen kommen: Der half ihm wohl vollbringen im Kampfe seinen Muth. Da muste bald ersterben vor ihnen mancher Ritter gut.
Als der starke Lüdeger Siegfrieden fand, 212 Wie er so erhaben trug in seiner Hand Balmung den guten und da so Manchen schlug, Darüber ward der Kühne vor Zorn ingrimmig genug.
Da gab es stark Gedränge und lauten Schwerterklang, 213 Wo ihr Ingesinde auf einander drang. Da versuchten desto heftiger die beiden Recken sich; Die Scharen wichen beide: der Kämpen Haß ward fürchterlich.
Dem Vogt vom Sachsenlande war es wohl bekannt, 214 Sein Bruder sei gefangen: drum war er zornentbrannt; Nicht wust er, ders vollbrachte, sei der Sieglindensohn. Man zeihte des Gernoten; hernach befand er es schon.
Da schlug so starke Schläge Lüdegers Schwert, 215 Siegfrieden unterm Sattel niedersank das Pferd; Doch bald erhob sichs wieder: der kühne Siegfried auch Gewann jetzt im Sturme einen furchtbaren Brauch.
Dabei half ihm Hagen wohl und Gernot, 216 Dankwart und Volker: da lagen Viele todt. Sindold und Hunold und Ortwein der Degen Die konnten in dem Streite zum Tode Manchen niederlegen.
Untrennbar im Kampfe waren die Fürsten hehr. 217 Ueber die Helme fliegen sah man manchen Sper Durch die lichten Schilde von der Helden Hand; Auch ward von Blut geröthet mancher herrliche Rand.
In dem starken Sturme sank da mancher Mann 218 Von den Rossen nieder. Einander rannten an Siegfried der kühne und König Lüdeger; Man sah da Schäfte fliegen und manchen schneidigen Sper.
Der Schildbeschlag des Königs zerstob vor Siegfrieds Hand. 219 Sieg zu erwerben dachte der Held von Niederland An den kühnen Sachsen; die litten Ungemach. Hei! was da lichte Panzer der kühne Dankwart zerbrach!
Da hatte König Lüdeger auf einem Schild erkannt 220 Eine gemalte Krone vor Siegfriedens Hand: Da sah er wohl, es wäre der kraftreiche Mann. Laut auf zu seinen Freunden der Held zu rufen begann:
"Begebt euch des Streites, ihr all mir unterthan! 221 Den Sohn König Siegmunds traf ich hier an, Siegfried den starken hab ich hier erkannt; Den hat der üble Teufel her zu den Sachsen gefandt."
Er gebot die Fahnen zu senken in dem Streit. 222 Friedens er begehrte: der ward ihm nach der Zeit; Doch must er Geisel werden in König Gunthers Land: Das hatt an ihm erzwungen des kühnen Siegfriedes Hand.
Nach allgemeinem Rathe ließ man ab vom Streit. 223 Viel zerschlagner Helme und der Schilde weit Legten sie aus Händen; so viel man deren fand, Die waren blutgeröthet von der Burgunden Hand.
Sie fiengen, wen sie wollten: sie hatten volle Macht. 224 Gernot und Hagen, die schnellen, hatten Acht, Daß man die Wunden bahrte; da führten sie hindann Gefangen nach dem Rheine der Kühnen fünfhundert Mann.
Die sieglosen Recken zum Dänenlande ritten. 225 Da hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten, Daß man sie loben sollte: das war den Helden leid. Da beklagten ihre Freunde die Gefallnen in dem Streit.
Sie ließen ihre Waffen aufsäumen nach dem Rhein. 226 Es hatte wohl geworben mit den Gefährten sein Siegfried der starke und hatt es gut vollbracht: Das must ihm zugestehen König Gunthers ganze Macht.
Gen Worms sandte Boten der König Gernot: 227 Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot, Wie ihm gelungen wäre und all seinem Lehn: Es war da von den Kühnen nach allen Ehren geschehn.
Die Botenknaben liefen; so ward es angesagt. 228 Da freuten sich in Liebe, die eben Leid geklagt, Dieser frohen Märe, die ihnen war gekommen. Da ward von edlen Frauen großes Fragen vernommen,
Wie es den Herrn gelungen wär in des Königs Heer. 229 Man rief der Boten Einen zu Kriemhilden her. Das geschah verstohlen, sie durfte es wohl nicht laut: Denn Einer war darunter, dem sie längst ihr Herz vertraut.
Als sie in ihre Kammer den Boten kommen sah, 230 Kriemhild die schöne gar gütlich sprach sie da: "Nun sag mir liebe Märe, so geb ich dir mein Gold, Und thust dus ohne Trügen, will ich dir immer bleiben hold.
"Wie schied aus dem Streite mein Bruder Gernot 231 Und meine andern Freunde? Blieb uns nicht Mancher todt? Wer that da das Beste? das sollst du mir sagen" Da sprach der biedre Bote: "Wir hatten nirgend einen Zagen.
"Zuvorderst in dem Streite ritt Niemand so wohl, 232 Hehre Königstochter, wenn ich es sagen soll, Als der edle Fremdling aus dem Niederland: Da wirkte große Wunder des kühnen Siegfriedes Hand.
"Was von den Recken allen im Streit da geschehn, 233 Dankwart und Hagen und des Königs ganzem Lehn, Wie wehrlich sie auch stritten, das war doch wie ein Wind Nur gegen Siegfrieden, König Siegmundens Kind.
"Sie haben in dem Sturme der Helden viel erschlagen; 234 Doch möcht euch dieser Wunder ein Ende Niemand sagen, Die da Siegfried wirkte, ritt er in den Streit. Den Fraun an ihren Freunden that er mächtiges Leid.
"Auch muste vor ihm fallen der Friedel mancher Braut. 235 Seine Schläge schollen auf Helmen also laut, Daß sie aus Wunden brachten das fließende Blut: Er ist in allen Dingen ein Ritter kühn und auch gut.
"Da hat auch viel begangen von Metz Herr Ortewein: 236 Was er nur mocht erlangen mit dem Schwerte sein, Das fiel vor ihm verwundet oder meistens todt. Da schuf euer Bruder die allergrößeste Noth,
"Die jemals in Stürmen mochte sein geschehn; 237 Man muß dem Auserwählten die Wahrheit zugestehn. Die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt, Daß sie vor allen Schanden die Ehre haben bewahrt.
"Man sah von ihren Händen der Sättel viel geleert, 238 Als so laut das Feld erhallte von manchem lichten Schwert. Die Recken vom Rheine die ritten allezeit, Daß ihre Feinde beßer vermieden hätten den Streit.
"Auch die kühnen Tronjer schufen großes Leid, 239 Als mit Volkskräften das Heer sich traf im Streit. Da schlug so Manchen nieder des kühnen Hagen Hand, Es wäre viel zu sagen davon in der Burgunden Land.
"Sindold und Hunold in Gernotens Heer 240 Und Rumold der kühne schufen so viel Beschwer, König Lüdger mag es beklagen allezeit, Daß er meine Herren am Rhein berief in den Streit.
"Kampf, den allerhöchsten, der irgend da geschah, 241 Vom Ersten bis zum Letzten, den Jemand nur sah, Hat Siegfried gefochten mit wehrlicher Hand: Er bringt reiche Geisel her in König Gunthers Land.
"Die zwang mit seinen Kräften der streitbare Held, 242 Wovon der König Lüdegast den Schaden nun behält Und vom Sachsenlande sein Bruder Lüdeger. Nun hört meine Märe, viel edle Königin hehr!
"Gefangen hat sie beide Siegfriedens Hand: 243 Nie so mancher Geisel kam in dieses Land, Als nun seine Kühnheit bringt an den Rhein." Ihr konnten diese Mären nicht willkommener sein.
"Man führt der Gesunden fünfhundert oder mehr 244 Und der zum Sterben Wunden, wißt, Königin hehr, Wohl achtzig blutge Bahren her in unser Land: Die hat zumeist verhauen des kühnen Siegfriedes Hand.
"Die uns im Uebermuthe widersagten hier am Rhein, 245 Die müßen nun Gefangene König Gunthers sein; Die bringt man mit Freuden her in dieses Land." Ihre lichte Farb erblühte, als ihr die Märe ward bekannt.
Ihr schönes Antlitz wurde vor Freuden rosenroth, 246 Da lebend war geschieden aus so großer Noth Der waidliche Recke, Siegfried der junge Mann. Sie war auch froh der Freunde und that wohl weislich daran.
Die Schöne sprach: "Du machtest mir frohe Mär bekannt: 247 Ich laße dir zum Lohne geben reich Gewand, Und zehn Mark von Golde heiß ich dir tragen." Drum mag man solche Botschaft reichen Frauen gerne sagen.
Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid. 248 Da trat an die Fenster manche schöne Maid Und schaute nach der Straße, wo man reiten fand Viel hochherzge Degen in der Burgunden Land.
Da kamen die Gesunden, der Wunden Schar auch kam: 249 Die mochten grüßen hören von Freunden ohne Scham. Der Wirth ritt seinen Gästen entgegen hocherfreut: Mit Freuden war beendet all sein mächtiges Leid.
Da empfieng er wohl die Seinen, die Fremden auch zugleich, 250 Wie es nicht anders ziemte dem Könige reich, Als denen gütlich danken, die da waren kommen, Daß sie den Sieg mit Ehren im Sturme hatten genommen.
Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251 Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen, Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann; Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan.
Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252 Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land. Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal; Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall.
Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253 Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat; Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich. Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich.
Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254 Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen: Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann. Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan."
"Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255 "Solche hohe Geisel gewann kein König mehr. Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut."
"Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256 Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn, Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand.
Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257 Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag. Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein; Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein.
Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258 Blutgefärbter Sättel sah man da genug. Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun. Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun.
Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259 Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll; Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen: Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen!
Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260 Silber ungewogen, dazu das lichte Gold, Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth. Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot.
Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261 Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut. Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn: Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn.
Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262 Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an, Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag: Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag."
Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263 Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt, Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn; Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn.
Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264 So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold Und all seine Freunde, die das mit angesehn, Was da von seinen Händen war im Streite geschehn.
Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265 Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit: Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt. Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land.
Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266 Das that mit gutem Willen mancher junge Degen. Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land.
Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267 Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen, Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an. Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran,
Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268 Ute die reiche vernahm die Märe sagen Von den stolzen Recken, die da sollten kommen: Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen.
Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269 Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid Und viel der jungen Recken aus Burgundenland. Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand.
* * * * *
Fünftes Abenteuer.
Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah.
Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270 Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein Und den Königen zu Liebe kamen in das Land. Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand.
Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271 Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid, Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag: Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag.
Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272 Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da. Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah.
Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273 Zierliche Schilde und herrlich Gewand Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag. Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach.
Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274 Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod; Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen. Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen:
Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275 Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß Hatten alle Leute, so viel man immer fand: Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land.
An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276 Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn, Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen. Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen.
Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277 Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie, Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh.
Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278 Wie wir das Hofgelage am besten stellen an, Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit; Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut."
Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279 "Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein, So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn, Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn.
"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280 Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun? Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn." Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn.
"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281 Alle, die's erfuhren, waren darüber froh. Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön, Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn.
Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282 So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand, Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit. Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid.
Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283 Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr, Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland: Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt.
Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284 Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.
Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285 Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid. Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid.
Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286 Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn, Die alle harrend standen, ob es möchte sein, Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.
Da kam die Minnigliche, wie das Morgenroth 287 Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Noth, Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.
Von ihrem Kleide leuchtete mancher edle Stein; 288 Ihre rosenrothe Farbe gab wonniglichen Schein. Was Jemand wünschen mochte, er muste doch gestehn, Daß er hier auf Erden noch nicht so Schönes gesehn.
Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, 289 Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt, So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut: Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Muth.
Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her; 290 Die hochgemuthen Degen ließen es nicht mehr: Sie drängten, daß sie sähen die minnigliche Maid. Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.
Er sann in seinem Sinne: "Wie dacht ich je daran, 291 Daß ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn; Soll ich dich aber meiden, so wär ich sanfter todt." Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder roth.
Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292 Als wär er entworfen auf einem Pergamen Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand, Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand.
Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293 Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen. Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun: Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun.
Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294 "Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot, Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn.
"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295 Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen: Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen, Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen."
Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296 Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland: "Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn, Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn."
Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297 Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid, Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn. In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön.
Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298 Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da: "Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut." Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth.
Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299 Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth; Mit liebem Blick der Augen sahn einander an Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan.
Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300 In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt. Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan. Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran.
Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301 Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen So viel hoher Wonne, als er da gewann, Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann.
Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302 Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn, Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin." Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin.
Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303 Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr. Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann: Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan.
Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304 "Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund, Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand: Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land."
Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305 Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn. Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn.
Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306 Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun, Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren; Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren.
Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307 Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank, Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug: Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug.
Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308 Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam. Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid, Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit.
"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309 "Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn." Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn.
"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310 "Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen, Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt: Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt."
Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311 Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd, So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn. Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn.
Freude und Wonne und lauten Schwerterschall 312 Vernahm man alle Tage vor König Gunthers Saal, Davor und darinnen von manchem kühnen Mann. Von Ortwein und Hagen wurden Wunder viel gethan.
Was man zu üben wünschte, dazu sah man bereit 313 In völligem Maße die Degen kühn im Streit. Da machten vor den Gästen die Recken sich bekannt; Es war eine Zierde König Gunthers ganzem Land.
Die lange wund gelegen, wagten sich an den Wind: 314 Sie wollten kurzweilen mit des Königs Ingesind, Schirmen mit den Schilden und schießen manchen Schaft. Des halfen ihnen Viele; sie hatten größliche Kraft.
Bei dem Hofgelage ließ sie der Wirth verpflegen 315 Mit der besten Speise; es durfte sich nicht regen Nur der kleinste Tadel, der Fürsten mag entstehn; Man sah ihn jetzo freundlich hin zu seinen Gästen gehn.
Er sprach: "Ihr guten Recken, bevor ihr reitet hin, 316 So nehmt meine Gaben: also fleht mein Sinn, Ich will euch immer danken; verschmäht nicht mein Gut: Es unter euch zu theilen hab ich willigen Muth."
Die vom Dänenlande sprachen gleich zur Hand: 317 "Bevor wir wieder reiten heim in unser Land, Gewährt uns stäten Frieden: das ist uns Recken noth; Uns sind von euern Degen viel der lieben Freunde todt."
Genesen von den Wunden war Lüdegast derweil; 318 Der Vogt des Sachsenlandes war bald vom Kampfe heil. Etliche Todte ließen sie im Land. Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.
Er sprach zu dem Recken: "Nun rath mir, wie ich thu. 319 Unsre Gäste wollen reiten morgen fruh Und gehn um stäte Sühne mich und die Meinen an: Nun rath, kühner Degen, was dich dünke wohlgethan.
"Was mir die Herrn bieten, das will ich dir sagen: 320 Was fünfhundert Mähren an Gold mögen tragen, Das bieten sie mir gerne für ihre Freiheit an." Da sprach aber Siegfried: "Das wär übel gethan.
"Ihr sollt sie beide ledig von hinnen laßen ziehn; 321 Nur daß die edeln Recken sich hüten fürderhin Vor feindlichem Reiten her in euer Land, Laßt euch zu Pfande geben der beiden Könige Hand."
"Dem Rathe will ich folgen." So giengen sie hindann. 322 Seinen Widersachern ward es kundgethan, Des Golds begehre Niemand, das sie geboten eh. Daheim den lieben Freunden war nach den heermüden weh.
Viel Schilde schatzbeladen trug man da herbei: 323 Das theilt' er ungewogen seinen Freunden frei, An fünfhundert Marken und Manchem wohl noch mehr; Gernot rieth es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr.
Um Urlaub baten alle, sie wollten nun hindann. 324 Da kamen die Gäste vor Kriemhild heran Und dahin auch, wo Frau Ute saß, die Königin. Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin.
Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten. 325 Doch verblieb im Lande mit herrlichen Sitten Der König mit den Seinen und mancher edle Mann: Die giengen alle Tage zu Frau Kriemhild heran.
Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held, 326 Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt. Der König hörte sagen, er wolle nun hindann: Geiselher der junge ihn von der Reise gewann.
"Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr? 327 Hört meine Bitte, bleibt bei den Recken hier, Bei Gunther dem König und bei seinem Lehn: Hier sind viel schöne Frauen, die läßt man euch gerne sehn."
Da sprach der starke Siegfried: "So laßt die Rosse stehn. 328 Von hinnen wollt ich reiten, das laß ich mir vergehn. Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land: Davon hat mich Herr Geiselher mit großen Treuen gewandt."
So verblieb der Kühne dem Freund zu Liebe dort. 329 Auch wär ihm in den Landen an keinem andern Ort So wohl als hier geworden: daher es nun geschah, Daß er alle Tage die schöne Kriemhild ersah.
Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb. 330 Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb; Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Noth; Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer todt.
* * * * *
Sechstes Abenteuer.
Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr.
Wieder neue Märe erhob sich über Rhein: 331 Man sagte sich, da wäre manch schönes Mägdelein. Sich eins davon zu werben sann König Gunthers Muth. Das dauchte seine Recken und die Herren alle gut.
Es war eine Königin geseßen über Meer, 332 Ihr zu vergleichen war keine andre mehr. Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft; Sie schoß mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft.
Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang; 333 Wer ihrer Minne gehrte, der muste sonder Wank Drei Spiel' ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren; Gebrach es ihm an Einem, so war das Haupt ihm verloren.
Die Königstochter hatte das manchesmal gethan. 334 Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgethan. Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib. Drum musten bald viel Degen verlieren Leben und Leib.
Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr, 335 Ward es von allen Seiten berathen hin und her, Welche ihr Herr sich sollte zum Gemahl erschaun, Die er zum Weibe wollte und dem Land geziemte zur Fraun.
Da sprach der Vogt vom Rheine: "Ich will an die See 336 Hin zu Brunhilden, wie es mir ergeh. Um ihre Minne wag ich Leben und Leib, Die will ich verlieren, gewinn ich nicht sie zum Weib."
"Das möcht ich widerrathen," sprach Siegfried wider ihn: 337 "So grimmiger Sitte pflegt die Königin, Um ihre Minne werben, das kommt hoch zu stehn: Drum mögt ihrs wohl entrathen, auf diese Reise zu gehn."
Da sprach der König Gunther: "Ein Weib ward noch nie 338 So stark und kühn geboren, im Streit wollt ich sie Leichtlich überwinden allein mit meiner Hand." "Schweigt," sprach da Siegfried, "sie ist euch noch unbekannt.
"Und wären eurer viere, die könnten nicht gedeihn 339 Vor ihrem grimmen Zorne: drum laßt den Willen sein, Das rath ich euch in Treuen: entgeht ihr gern dem Tod, So macht um ihre Minne euch nicht vergebliche Noth."
"Sei sie so stark sie wolle, die Reise muß ergehn 340 Hin zu Brunhilden, mag mir was will geschehn. Ihrer hohen Schönheit willen gewagt muß es sein: Vielleicht daß Gott mir füget, daß sie uns folgt an den Rhein."
"So will ich euch rathen," begann da Hagen, 341 "Bittet Siegfrieden, mit euch zu tragen Die Last dieser Sorge; das ist der beste Rath, Weil er von Brunhilden so gute Kunde doch hat."
Er sprach: "Viel edler Siegfried, willst du mir Helfer sein 342 Zu werben um die Schöne? Thu nach der Bitte mein; Und gewinn ich mir zur Trauten das herrliche Weib, So verwag ich deinetwillen Ehre, Leben und Leib."
Zur Antwort gab ihm Siegfried, König Siegmunds Sohn: 343 "Ich will es thun, versprichst du die Schwester mir zum Lohn, Kriemhild die schöne, eine Königin hehr: So begehr ich keines Dankes nach meinen Arbeiten mehr."
"Das gelob ich," sprach Gunther, "Siegfried, dir an die Hand. 344 Und kommt die schöne Brunhild hieher in dieses Land, So will ich dir zum Weibe meine Schwester geben: So magst du mit der Schönen immer in Freuden leben."
Des schwuren sich Eide diese Recken hehr. 345 Da schuf es ihnen beiden viel Müh und Beschwer, Eh sie die Wohlgethane brachten an den Rhein. Es musten die Kühnen darum in großen Sorgen sein.
Von wilden Gezwergen hab ich hören sagen, 346 Daß sie in hohlen Bergen wohnen und Schirme tragen, Die heißen Tarnkappen, von wunderbarer Art; Wer sie am Leibe trage, der sei gar wohl darin bewahrt
Vor Schlägen und vor Stichen; ihn mög auch Niemand sehn, 347 So lang er drin verweile; hören doch und spähn Mag er nach feinem Willen, daß Niemand ihn erschaut; Ihm wachsen auch die Kräfte, wie uns die Märe vertraut.
Die Tarnkappe führte Siegfried mit hindann, 348 Die der kühne Degen mit Sorgen einst gewann Von einem Gezwerge mit Namen Alberich. Da schickten sich zur Reise Recken kühn und ritterlich.
Wenn der starke Siegfried die Tarnkappe trug, 349 So gewann er drinnen der Kräfte genug, Zwölf Männer Stärke, so wird uns gesagt. Er erwarb mit großen Listen diese herrliche Magd.
Auch war so beschaffen die Nebelkappe gut, 350 Ein Jeder mochte drinnen thun nach seinem Muth, Was er immer wollte, daß ihn doch Niemand sah. Damit gewann er Brunhild, durch die ihm bald viel Leid geschah.
"Nun sage mir, Siegfried, eh unsre Fahrt gescheh, 351 Wie wir mit vollen Ehren kommen über See? Sollen wir Ritter führen in Brunhildens Land? Dreißigtausend Degen die werden eilends besandt."
"Wie viel wir Volkes führten," sprach Siegfried wider ihn, 352 "So grimmiger Sitte pflegt die Königin, Das müste doch ersterben vor ihrem Uebermuth. Ich will euch beßer rathen, Degen ihr kühn und gut.
"In Reckenweise fahren laßt uns zu Thal den Rhein. 353 Die will ich euch nennen, die das sollen sein: Zu uns zwein noch zweie und Niemand anders mehr, Daß wir die Frau erwerben, was auch geschehe nachher.
"Der Gesellen bin ich einer, du sollst der andre sein, 354 Und Hagen sei der dritte: wir mögen wohl gedeihn; Der vierte das sei Dankwart, dieser kühne Mann. Es dürfen Andrer tausend zum Streite nimmer uns nahn."
"Die Märe wüst ich gerne," der König sprach da so, 355 "Eh wir von hinnen führen, des wär ich herzlich froh, Was wir für Kleider sollten vor Brunhilden tragen, Die uns geziemen möchten: Siegfried, das sollst du mir sagen."
"Gewand das allerbeste, das man irgend fand, 356 Trägt man zu allen Zeiten in Brunhildens Land: Drum laß uns reiche Kleider vor der Frauen tragen, Daß wirs nicht Schande haben, hört man künftig von uns sagen."
Da sprach der gute Degen: "So will ich selber gehn 357 Zu meiner lieben Mutter, ob es nicht mag geschehn, Daß ihre schönen Mägde uns schaffen solch Gewand, Das wir mit Ehren tragen in der hehren Jungfrau Land."
Da Sprach von Tronje Hagen mit herrlichen Sitten: 358 "Was wollt ihr eure Mutter um solche Dienste bitten? Laßt eure Schwester hören euern Sinn und Muth: Die ist so kunstreich, unsre Kleider werden gut."
Da entbot er seiner Schwester, er wünsche sie zu sehn 359 Und auch der Degen Siegfried. Eh sie das ließ geschehn, Da hatte sich die Schöne geschmückt mit reichem Kleid. Daß die Herren kamen, schuf ihr wenig Herzeleid.
Da war auch ihr Gesinde geziert nach seinem Stand. 360 Die Fürsten kamen beide; als sie das befand, Erhob sie sich vom Sitze: wie höfisch sie da gieng, Als sie den edeln Fremdling und ihren Bruder empfieng!
"Willkommen sei mein Bruder und der Geselle sein. 361 Nun möcht ich gerne wissen," Sprach das Mägdelein, "Was euch Herrn geliebe, daß ihr zu Hofe kommt: Laßt mich doch hören, was euch edeln Recken frommt."
Da sprach König Gunther: "Frau, ich wills euch sagen. 362 Wir müßen große Sorge bei hohem Muthe tragen: Wir wollen werben reiten fern in fremdes Land Und hätten zu der Reise gerne zierlich Gewand."
"Nun sitzt, lieber Bruder," sprach das Königskind, 363 "Und laßt mich erst erfahren, Wer die Frauen sind, Die ihr begehrt zu minnen in fremder Könge Land." Die Auserwählten beide nahm das Mägdlein bei der Hand:
Hin gieng sie mit den Beiden, wo sie geseßen war 364 Auf prächtgen Ruhebetten, das glaubt mir fürwahr, Mit eingewirkten Bildern, in Gold wohl erhaben. Sie mochten bei der Frauen gute Kurzweile haben.
Freundliche Blicke und gütliches Sehn, 365 Des mochte von den Beiden da wohl viel geschehn. Er trug sie in dem Herzen, sie war ihm wie sein Leben. Er erwarb mit großem Dienste, daß sie ihm ward zu Weib gegeben.
Da sprach der edle König: "Viel liebe Schwester mein, 366 Ohne deine Hülfe kann es nimmer sein. Wir wollen abenteuern in Brunhildens Land; Da müßen wir vor Frauen tragen herrlich Gewand."
Da sprach die Königstochter: "Viel lieber Bruder mein, 367 Kann euch an meiner Hülfe dabei gelegen sein, So sollt ihr inne werden, ich bin dazu bereit; Versagte sie ein Andrer euch, das wäre Kriemhilden leid.
"Ihr sollt mich, edler Ritter, nicht in Sorgen bitten, 368 Ihr sollt nur gebieten mit herrlichen Sitten: Was euch gefallen möge, dazu bin ich bereit Und thus mit gutem Willen," sprach die wonnigliche Maid.
"Wir wollen, liebe Schwester, tragen gut Gewand: 369 Das soll bereiten helfen eure weiße Hand. Laßt eure Mägdlein sorgen, daß es uns herrlich steht, Da man uns diese Reise doch vergebens widerräth."
Da begann die Jungfrau: "Nun hört, was ich sage, 370 Wir haben selber Seide: befehlt, daß man uns trage Gestein auf den Schilden, so schaffen wir das Kleid, Das ihr mit Ehren traget vor der herrlichen Maid."
"Wer sind die Gesellen," sprach die Königin, 371 "Die mit euch gekleidet zu Hofe sollen ziehn?" "Das bin ich selbvierter; noch Zwei aus meinem Lehn, Dankwart und Hagen, sollen mit uns zu Hofe gehn.
"Nun merkt, liebe Schwester, wohl, was wir euch sagen: 372 Sorgt, daß wir vier Gesellen zu vier Tagen tragen Je der Kleider dreierlei und also gut Gewand, Daß wir ohne Schande räumen Brunhildens Land."
Das gelobte sie den Recken; die Herren schieden hin. 373 Da berief der Jungfraun Kriemhild die Königin Aus ihrer Kemenate dreißig Mägdelein, Die gar sinnreich mochten zu solcher Kunstübung sein.
In arabische Seide, so weiß als der Schnee, 374 Und gute Zazamanker, so grün als der Klee, Legten sie Gesteine: das gab ein gut Gewand; Kriemhild die schöne schnitts mit eigener Hand.
Von seltner Fische Häuten Bezüge wohlgethan, 375 Zu schauen fremd den Leuten, so viel man nur gewann, Bedeckten sie mit Seide: darein ward Gold getragen: Man mochte große Wunder von den lichten Kleidern sagen.
Aus dem Land Marocco und auch von Libya 376 Der allerbesten Seide, die man jemals sah Königskinder tragen, der hatten sie genug. Wohl ließ sie Kriemhild schauen, wie sie Liebe für sie trug.
Da sie so theure Kleider begehrt zu ihrer Fahrt, 377 Hermelinfelle wurden nicht gespart, Darauf von Kohlenschwärze mancher Flecken lag: Das trügen schnelle Helden noch gern bei einem Hofgelag.
Aus arabischem Golde glänzte mancher Stein; 378 Der Frauen Unmuße war nicht zu klein. Sie schufen die Gewände in sieben Wochen Zeit; Da war auch ihr Gewaffen den guten Degen bereit.
Als sie gerüstet standen, sah man auf dem Rhein 379 Fleißiglich gezimmert ein starkes Schiffelein, Das sie da tragen sollte hernieder an die See. Den edeln Jungfrauen war von Arbeiten weh.
Da sagte man den Recken, es sei für sie zur Hand, 380 Das sie tragen sollten, das zierliche Gewand. Was sie erbeten hatten, das war nun geschehn; Da wollten sie nicht länger mehr am Rheine bestehn.
Zu den Heergesellen ein Bote ward gesandt, 381 Ob sie schauen wollten ihr neues Gewand, Ob es den Helden wäre zu kurz oder lang. Es war von rechtem Maße; des sagten sie den Frauen Dank.
Vor wen sie immer kamen, die musten all gestehn, 382 Sie hätten nie auf Erden schöner Gewand gesehn. Drum mochten sie es gerne da zu Hofe tragen; Von beßerm Ritterstaate wuste Niemand mehr zu sagen.
Den edeln Maiden wurde höchlich Dank gesagt. 383 Da baten um Urlaub die Recken unverzagt; In ritterlichen Züchten thaten die Herren das. Da wurden lichte Augen getrübt von Weinen und naß.
Sie sprach: "Viel lieber Bruder, ihr bliebet beßer hier 384 Und würbt andre Frauen: klüger schien' es mir, Wo ihr nicht wagen müstet Leben und Leib. Ihr fändet in der Nähe wohl ein so hochgeboren Weib."
Sie ahnten wohl im Herzen ihr künftig Ungemach. 385 Sie musten alle weinen, was da auch Einer sprach. Das Gold vor ihren Brüsten ward von Thränen fahl; Die fielen ihnen dichte von den Augen zuthal.
Da sprach sie: "Herr Siegfried, laßt euch befohlen sein 386 Auf Treu und auf Gnade den lieben Bruder mein, Daß ihn nichts gefährde in Brunhildens Land." Das versprach der Kühne Frau Kriemhilden in die Hand.
Da sprach der edle Degen: "So lang mein Leben währt, 387 So bleibt von allen Sorgen, Herrin, unbeschwert; Ich bring ihn euch geborgen wieder an den Rhein. Das glaubt bei Leib und Leben." Da dankt' ihm schön das Mägdelein.
Die goldrothen Schilde trug man an den Strand 388 Und schaffte zu dem Schiffe all ihr Rüstgewand; Ihre Rosse ließ man bringen: sie wollten nun hindann. Wie da von schönen Frauen so großes Weinen begann!
Da stellte sich ins Fenster manch minnigliches Kind. 389 Das Schiff mit seinem Segel ergriff ein hoher Wind. Die stolzen Heergesellen saßen auf dem Rhein; Da sprach der König Gunther: "Wer soll nun Schiffmeister sein?"
"Das will ich," sprach Siegfried: "ich kann euch auf der Flut 390 Wohl von hinnen führen, das wißt, Helden gut; Die rechten Wasserstraßen sind mir wohl bekannt." So schieden sie mit Freuden aus der Burgunden Land.
Eine Ruderstange Siegfried ergriff; 391 Vom Gestade schob er kräftig das Schiff. Gunther der kühne ein Ruder selber nahm. Da huben sich vom Lande die schnellen Ritter lobesam.
Sie führten reichlich Speise, dazu guten Wein, 392 Den besten, den sie finden mochten um den Rhein. Ihre Rosse standen still in guter Ruh; Das Schiff gieng so eben, kein Ungemach stieß ihnen zu.
Ihre starken Segelseile streckte die Luft mit Macht; 393 Sie fuhren zwanzig Meilen, eh niedersank die Nacht, Mit günstigem Winde nieder nach der See; Ihr starkes Arbeiten that noch schönen Frauen weh.
An dem zwölften Morgen, wie wir hören sagen, 394 Da hatten sie die Winde weit hinweggetragen Nach Isenstein der Veste in Brunhildens Land, Das ihrer Keinem außer Siegfried bekannt.
Als der König Gunther so viel der Burgen sah 395 Und auch der weiten Marken, wie bald sprach er da: "Nun sagt mir, Freund Siegfried, ist euch das bekannt? Wem sind diese Burgen und wem das herrliche Land?
"Ich hab all mein Leben, das muß ich wohl gestehn, 396 So wohlgebauter Burgen nie so viel gesehn Irgend in den Landen, als wir hier ersahn; Der sie erbauen konnte, war wohl ein mächtiger Mann."
Zur Antwort gab ihm Siegfried: "Das ist mir wohlbekannt; 397 Brunhilden sind sie, die Burgen wie das Land Und Isenstein die Veste, glaubt mir fürwahr: Da mögt ihr heute schauen schöner Frauen große Schar.
"Ich will euch Helden rathen: seid all von einem Muth 398 Und sprecht in gleichem Sinne, so dünkt es mich gut. Denn wenn wir heute vor Brunhilden gehn, So müßen wir in Sorgen vor der Königstochter stehn.
"Wenn wir die Minnigliche bei ihren Leuten sehn, 399 Sollt ihr erlauchte Helden nur Einer Rede stehn: Gunther sei mein Lehnsherr und ich ihm unterthan; So wird ihm sein Verlangen nach seinem Wunsche gethan."
Sie waren all willfährig zu thun, wie er sie hieß: 400 In seinem Uebermuthe es auch nicht Einer ließ. Sie sprachen, wie er wollte; wohl frommt' es ihnen da, Als der König Gunther die schöne Brunhild ersah.
"Wohl thu ichs nicht so gerne dir zu lieb allein, 401 Als um deine Schwester, das schöne Mägdelein. Die ist mir wie die Seele und wie mein eigner Leib; Ich will es gern verdienen, daß sie werde mein Weib."
* * * * *
Siebentes Abenteuer.
Wie Gunther Brunhilden gewann.
Ihr Schifflein unterdessen war auf dem Meer 402 Zur Burg heran gefloßen: da sah der König hehr Oben in den Fenstern manche schöne Maid. Daß er sie nicht erkannte, das war in Wahrheit ihm leid.
Er fragte Siegfrieden, den Gesellen sein: 403 "Hättet ihr wohl Kunde um diese Mägdelein, Die dort hernieder schauen nach uns auf die Flut? Wie ihr Herr auch heiße, so tragen sie hohen Muth."
Da sprach der kühne Siegfried: "Nun sollt ihr heimlich spähn 404 Nach den Jungfrauen und sollt mir dann gestehn, Welche ihr nehmen wolltet, wär euch die Wahl verliehn." "Das will ich," sprach Gunther, dieser Ritter schnell und kühn.
"So schau ich ihrer Eine in jenem Fenster an, 405 Im schneeweißen Kleide, die ist so wohlgethan: Die wählen meine Augen, so schön ist sie von Leib. Wenn ich gebieten dürfte, sie müste werden mein Weib."
"Dir hat recht erkoren deiner Augen Schein: 406 Es ist die edle Brunhild, das schöne Mägdelein, Nach der das Herz dir ringet, der Sinn und auch der Muth." All ihr Gebaren dauchte König Gunthern gut.
Da hieß die Königstochter von den Fenstern gehn 407 Die minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehn Zum Anblick für die Fremden; sie folgten unverwandt. Was da die Frauen thaten, das ist uns auch wohl bekannt.
Sie zierten sich entgegen den unkunden Herrn, 408 Wie es immer thaten schöne Frauen gern. Dann an die engen Fenster traten sie heran, Wo sie die Helden sahen: das ward aus Neugier gethan.
Nur ihrer Viere waren, die kamen in das Land. 409 Siegfried der kühne ein Ross zog auf den Strand. Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen an: Große Ehre dauchte sich König Gunther gethan.
Er hielt ihm bei dem Zaume das zierliche Ross, 410 Das war gut und stattlich, stark dazu und groß, Bis der König Gunther fest im Sattel saß. Also dient' ihm Siegfried, was er hernach doch ganz vergaß.
Dann zog er auch das seine aus dem Schiff heran: 411 Er hatte solche Dienste gar selten sonst gethan, Daß er am Steigreif Helden gestanden wär. Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen hehr.
Es war in gleicher Weise den Helden allbereit 412 Von schneeblanker Farbe das Ross und auch das Kleid, Dem einen wie dem andern, und schön der Schilde Rand: Die warfen hellen Schimmer an der edeln Recken Hand.
Ihre Sättel wohlgesteinet, die Brustriemen schmal: 413 So ritten sie herrlich vor Brunhildens Saal; Daran hiengen Schellen von lichtem Golde roth. Sie kamen zu dem Lande, wie ihr Hochsinn gebot,
Mit Speren neu geschliffen, mit wohlgeschaffnem Schwert, 414 Das bis auf die Sporen gieng den Helden werth. Die Wohlgemuthen führten es scharf genug und breit. Das alles sah Brunhild, diese herrliche Maid.
Mit ihnen kam auch Dankwart und sein Bruder Hagen: 415 Diese beide trugen, wie wir hören sagen, Von rabenschwarzer Farbe reichgewirktes Kleid; Neu waren ihre Schilde, gut, dazu auch lang und breit.
Von India dem Lande trugen sie Gestein, 416 Das warf an ihrem Kleide auf und ab den Schein. Sie ließen unbehütet das Schifflein bei der Flut; So ritten nach der Veste diese Helden kühn und gut.
Sechsundachtzig Thürme sahn sie darin zumal, 417 Drei weite Pfalzen und einen schönen Saal Von edelm Marmelsteine, so grün wie das Gras, Darin die Königstochter mit ihrem Ingefinde saß.
Die Burg war erschloßen und weithin aufgethan, 418 Brunhildes Mannen liefen alsbald heran Und empfiengen die Gäste in ihrer Herrin Land. Die Rosse nahm man ihnen und die Schilde von der Hand.
Da sprach der Kämmrer Einer: "Gebt uns euer Schwert 419 Und die lichten Panzer." "Das wird euch nicht gewährt," Sprach Hagen von Tronje, "wir wollens selber tragen." Da begann ihm Siegfried von des Hofs Gebrauch zu sagen:
"In dieser Burg ist Sitte, das will ich euch sagen, 420 Keine Waffen dürfen da die Gäste tragen: Laßt sie von hinnen bringen, das ist wohlgethan." Ihm folgte wider Willen Hagen, König Gunthers Mann.
Man ließ den Gästen schenken und schaffen gute Ruh. 421 Manchen schnellen Recken sah man dem Hofe zu Allenthalben eilen in fürstlichem Gewand; Doch wurden nach den Kühnen ringsher die Blicke gesandt.
Nun wurden auch Brunhilden gesagt die Mären, 422 Daß unbekannte Recken gekommen wären In herrlichem Gewande gefloßen auf der Flut. Da begann zu fragen diese Jungfrau schön und gut:
"Ihr sollt mich hören laßen," sprach das Mägdelein, 423 "Wer die unbekannten Recken mögen sein, Die ich dort stehen sehe in meiner Burg so hehr, Und wem zu Lieb die Helden wohl gefahren sind hieher."
Des Gesindes sprach da Einer: "Frau, ich muß gestehn, 424 Daß ich ihrer Keinen je zuvor gesehn; Doch Einer steht darunter, der Siegfrieds Weise hat: Den sollt ihr wohl empfangen, das ist in Treuen mein Rath.
"Der andre der Gesellen, gar löblich dünkt er mich; 425 Wenn er die Macht besäße, zum König ziemt' er sich Ob weiten Fürstenlanden, sollt er die versehn. Man sieht ihn bei den Andern so recht herrlich da stehn.
"Der dritte der Gesellen, der hat gar herben Sinn, 426 Doch schönen Wuchs nicht minder, reiche Königin. Die Blicke sind gewaltig, deren so viel er thut: Er trägt in seinem Sinne, wähn ich, grimmigen Muth.
"Der jüngste darunter, gar löblich dünkt er mich: 427 Man sieht den reichen Degen so recht minniglich In jungfräulicher Sitte und edler Haltung stehn: Wir müstens alle fürchten, wär ihm ein Leid hier geschehn.
"So freundlich er gebahre, so wohlgethan sein Leib, 428 Er brächte doch zum Weinen manch waidliches Weib, Wenn er zürnen sollte; sein Wuchs ist wohl so gut, Er ist an allen Tugenden ein Degen kühn und wohlgemuth."
Da sprach die Königstochter: "Nun bringt mir mein Gewand: 429 Und ist der starke Siegfried gekommen in mein Land Um meiner Minne willen, es geht ihm an den Leib: Ich fürcht ihn nicht so heftig, daß ich würde sein Weib."
Brunhild die schöne trug bald erlesen Kleid. 430 Auch gab ihr Geleite manche schöne Maid, Wohl hundert oder drüber, sie all in reicher Zier. Die Gäste kam zu schauen manches edle Weib mit ihr.
Mit ihnen giengen Degen aus Isenland, 431 Brunhildens Recken, die Schwerter in der Hand, Fünfhundert oder drüber; das war den Gästen leid. Aufstanden von den Sitzen die kühnen Helden allbereit.
Als die Königstochter Siegfrieden sah, 432 Wohlgezogen sprach sie zu dem Gaste da: "Seid willkommen, Siegfried, hier in diesem Land. Was meint eure Reise? das macht mir, bitt ich, bekannt."
"Viel Dank muß ich euch sagen, Frau Brunhild, 433 Daß ihr mich geruht zu grüßen, Fürstentochter mild, Vor diesem edeln Recken, der hier vor mir steht: Denn der ist mein Lehnsherr; der Ehre Siegfried wohl enträth.
"Er ist am Rheine König: was soll ich sagen mehr? 434 Dir nur zu Liebe fuhren wir hierher. Er will dich gerne minnen, was ihm geschehen mag. Nun bedenke dich bei Zeiten: mein Herr läßt nimmermehr nach.
"Er ist geheißen Gunther, ein König reich und hehr. 435 Erwirbt er deine Minne, nicht mehr ist sein Begehr. Deinthalb mit ihm that ich diese Fahrt; Wenn er mein Herr nicht wäre, ich hätt es sicher gespart."
Sie sprach: "Wenn er dein Herr ist und du in seinem Lehn, 436 Will er, die ich ertheile, meine Spiele dann bestehn Und bleibt darin der Meister, so werd ich sein Weib; Doch ists, daß ich gewinne, es geht euch allen an den Leib."
Da sprach von Tronje Hagen: "So zeig uns, Königin, 437 Was ihr für Spiel' ertheilet. Eh euch den Gewinn Mein Herr Gunther ließe, so müst es übel sein: Er mag wohl noch erwerben ein so schönes Mägdelein."
"Den Stein soll er werfen und springen darnach, 438 Den Sper mit mir schießen: drum sei euch nicht zu jach. Ihr verliert hier mit der Ehre Leben leicht und Leib: Drum mögt ihr euch bedenken," sprach das minnigliche Weib.
Siegfried der schnelle gieng zu dem König hin 439 Und bat ihn, frei zu reden mit der Königin Ganz nach seinem Willen; angstlos soll er sein: "Ich will dich wohl behüten vor ihr mit den Listen mein."
Da sprach der König Gunther: "Königstochter hehr, 440 Ertheilt mir, was ihr wollet, und wär es auch noch mehr, Eurer Schönheit willen bestünd ich Alles gern. Mein Haupt will ich verlieren, gewinnt ihr mich nicht zum Herrn."
Als da seine Rede vernahm die Königin, 441 Bat sie, wie ihr ziemte, das Spiel nicht zu verziehn. Sie ließ sich zum Streite bringen ihr Gewand, Einen goldnen Panzer und einen guten Schildesrand.
Ein seiden Waffenhemde zog sich an die Maid, 442 Das ihr keine Waffe verletzen konnt im Streit, Von Zeugen wohlgeschaffen aus Libya dem Land: Lichtgewirkte Borten erglänzten rings an dem Rand.
Derweil hatt ihr Uebermuth den Gästen schwer gedräut. 443 Dankwart und Hagen die standen unerfreut. Wie es dem Herrn ergienge, sorgte sehr ihr Muth. Sie dachten: "Unsre Reise bekommt uns Recken nicht gut."
Derweilen gieng Siegfried, der listige Mann, 444 Eh es wer bemerkte, an das Schiff heran, Wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand, In die er hurtig schlüpfte: da war er Niemand bekannt.
Er eilte bald zurücke und fand hier Recken viel: 445 Die Königin ertheilte da ihr hohes Spiel. Da gieng er hin verstohlen und daß ihn Niemand sah Von Allen, die da waren, was durch Zauber geschah.
Es war ein Kreis gezogen, wo das Spiel geschehn 446 Vor kühnen Recken sollte, die es wollten sehn. Wohl siebenhundert sah man Waffen tragen: Wer das Spiel gewänne, das sollten sie nach Wahrheit sagen.
Da war gekommen Brunhild, die man gewaffnet fand, 447 Als ob sie streiten wolle um aller Könge Land. Wohl trug sie auf der Seide viel Golddrähte fein; Ihre minnigliche Farbe gab darunter holden Schein.
Nun kam ihr Gesinde, das trug herbei zuhand 448 Aus allrothem Golde einen Schildesrand Mit hartem Stahlbeschlage, mächtig groß und breit, Worunter spielen wollte diese minnigliche Maid.
An einer edeln Borte ward der Schild getragen, 449 Auf der Edelsteine, grasgrüne, lagen; Die tauschten mannigfaltig Gefunkel mit dem Gold. Er bedurfte großer Kühnheit, dem die Jungfrau wurde hold.
Der Schild war untern Buckeln, so ward uns gesagt, 450 Von dreier Spannen Dicke; den trug hernach die Magd. An Stahl und auch an Golde war er reich genug, Den ihrer Kämmrer Einer mit Mühe selbvierter trug.
Als der starke Hagen den Schild hertragen sah, 451 In großem Unmuthe sprach der Tronjer da: "Wie nun, König Gunther? An Leben gehts und Leib: Die ihr begehrt zu minnen, die ist ein teuflisches Weib."
Hört noch von ihren Kleidern: deren hatte sie genug. 452 Von Azagauger Seide einen Wappenrock sie trug, Der kostbar war und edel: daran warf hellen Schein Von der Königstochter gar mancher herrliche Stein.
Da brachten sie der Frauen mächtig und breit 453 Einen scharfen Wurfspieß; den verschoß sie allezeit, Stark und ungefüge, groß dazu und schwer. An seinen beiden Seiten schnitt gar grimmig der Sper.
Von des Spießes Schwere höret Wunder sagen: 454 Wohl hundert Pfund Eisen war dazu verschlagen. Ihn trugen mühsam Dreie von Brunhildens Heer: Gunther der edle rang mit Sorgen da schwer.
Er dacht in seinem Sinne: "Was soll das sein hier? 455 Der Teufel aus der Hölle, wie schützt' er sich vor ihr? War ich mit meinem Leben wieder an dem Rhein, Sie dürfte hier wohl lange meiner Minne ledig sein."
Er trug in seinen Sorgen, das wißet, Leid genug. 456 All seine Rüstung man ihm zur Stelle trug. Gewappnet Stand der reiche König bald darin. Vor Leid hätte Hagen schier gar verwandelt den Sinn.
Da sprach Hagens Bruder, der kühne Dankwart: 457 "Mich reut in der Seele her zu Hof die Fahrt. Nun hießen wir einst Recken! wie verlieren wir den Leib! Soll uns in diesem Lande nun verderben ein Weib?
"Des muß mich sehr verdrießen, daß ich kam in dieses Land. 458 Hätte mein Bruder Hagen sein Schwert an der Hand Und auch ich das meine, so sollten sachte gehn Mit ihrem Uebermuthe Die in Brunhildens Lehn.
Sie sollten sich bescheiden, das glaubet mir nur. 459 Hätt ich den Frieden tausendmal bestärkt mit einem Schwur, Bevor ich sterben sähe den lieben Herren mein, Das Leben müste laßen dieses schöne Mägdelein."
"Wir möchten ungefangen wohl räumen dieses Land," 460 Sprach sein Bruder Hagen, "hätten wir das Gewand, Des wir zum Streit bedürfen, und die Schwerter gut, So sollte sich wohl sänften der schönen Fraue Uebermuth."
Wohl hörte, was er sagte, die Fraue wohlgethan; 461 Ueber die Achsel sah sie ihn lächelnd an. "Nun er so kühn sich dünket, so bringt doch ihr Gewand, Ihre scharfen Waffen gebt den Helden an die Hand.
"Es kümmert mich so wenig, ob sie gewaffnet sind, 462 Als ob sie bloß da stünden," so sprach das Königskind. "Ich fürchte Niemands Stärke, den ich noch je gekannt: Ich mag auch wohl genesen im Streit vor des Königs Hand."
Als man die Waffen brachte, wie die Maid gebot, 463 Dankwart der kühne ward vor Freuden roth. "Nun spielt, was ihr wollet," sprach der Degen werth, "Gunther ist unbezwungen: wir haben wieder unser Schwert."
Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein: 464 Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein, Groß und ungefüge, rund dabei und breit. Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit.
Den warf sie allerwegen, wie sie den Sper verschoß. 465 Darüber war die Sorge der Burgunden groß. "Wen will der König werben?" sprach da Hagen laut: "Wär sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!"
An ihre weißen Arme sie die Ärmel wand, 466 Sie schickte sich und faßte den Schild an die Hand, Sie schwang den Spieß zur Höhe: das war des Kampfe Beginn. Gunther und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn.
Und wär ihm da Siegfried zu Hülfe nicht gekommen, 467 So hätte sie dem König das Leben wohl benommen. Er trat hinzu verstohlen und rührte seine Hand; Gunther seine Künste mit großen Sorgen befand.
"Wer wars, der mich berührte?" dachte der kühne Mann, 468 Und wie er um sich blickte, da traf er Niemand an. Er sprach: "Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein: Du sollst ganz ohne Sorge vor der Königin sein."
(Er sprach:) "Gieb aus den Händen den Schild, laß mich ihn tragen 469 Und behalt im Sinne, was du mich hörest sagen: Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn." Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn.
"Verhehl auch meine Künste, das ist uns beiden gut: 470 So mag die Königstochter den hohen Uebermuth Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist: Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermißt."
Da schoß mit ganzen Kräften die herrliche Maid 471 Den Sper nach einem neuen Schild, mächtig und breit; Den trug an der Linken Sieglindens Kind. Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind.
Des starken Spießes Schneide den Schild ganz durchdrang, 472 Daß das Feuer lohend aus den Ringen sprang. Von dem Schuße fielen die kraftvollen Degen: War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen.
Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. 473 Bald sprang er auf die Füße: da nahm der Degen gut Den Sper, den sie geschoßen ihm hatte durch den Rand: Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand.
Er dacht: "Ich will nicht schießen das Mägdlein wonniglich." 474 Des Spießes Schneide kehrt' er hinter den Rücken sich; Mit der Sperstange schoß er auf ihr Gewand, Daß es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand.
Das Feuer stob vom Panzer, als trieb' es der Wind. 475 Es hatte wohl geschoßen der Sieglinde Kind: Sie vermochte mit den Kräften dem Schuße nicht zu stehn; Das war von König Gunthern in Wahrheit nimmer geschehn.
Brunhild die schöne bald auf die Füße sprang: 476 "Gunther, edler Ritter, des Schußes habe Dank!" Sie wähnt', er hätt es selber mit seiner Kraft gethan Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann.
Da gieng sie hin geschwinde, zornig war ihr Muth, 477 Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut; Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand, Dann sprang sie nach dem Wurfe, daß laut erklang ihr Gewand.
Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit: 478 Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid. Hin gieng der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag: Gunther must ihn wägen, des Wurfs der Verholne pflag.
Siegfried war kräftig, kühn und auch lang; 479 Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang. Ein großes Wunder war es und künstlich genug, Daß er in dem Sprunge den König Gunther noch trug.
Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein: 480 Gunther wars, der Degen, den man sah allein. Brunhild die schöne ward vor Zorne roth; Gewendet hatte Siegfried dem König Gunther den Tod.
Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, 481 Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah: "Ihr, meine Freund und Mannen, tretet gleich heran: Ihr sollt dem König Gunther alle werden unterthan."
Da legten die Kühnen die Waffen von der Hand 482 Und boten sich zu Füßen von Burgundenland Gunther dem reichen, so mancher kühne Mann: Sie wähnten, die Spiele hätt er mit eigner Kraft gethan.
Er grüßte sie gar minniglich; wohl trug er höfschen Sinn. 483 Da nahm ihn bei der Rechten die schöne Königin: Sie erlaubt' ihm, zu gebieten in ihrem ganzen Land. Des freute sich da Hagen, der Degen kühn und gewandt.
Sie bat den edeln Ritter mit ihr zurück zu gehn 484 Zu dem weiten Saale, wo mancher Mann zu sehn, Und mans aus Furcht dem Degen nun desto beßer bot. Siegfrieds Kräfte hatten sie erledigt aller Noth.
Siegfried der schnelle war wohl schlau genug, 485 Daß er die Tarnkappe aufzubewahren trug. Dann gieng er zu dem Saale, wo manche Fraue saß: Er sprach zu dem König, gar listiglich that er das:
"Was säumt ihr, Herr König, und beginnt die Spiele nicht, 486 Die euch aufzugeben die Königin verspricht? Laßt uns doch bald erschauen, wie es damit bestellt." Als wüst er nichts von allem, so that der listige Held.
Da sprach die Königstochter: "Wie konnte das geschehn, 487 Daß ihr nicht die Spiele, Herr Siegfried, habt gesehn, Worin hier Sieg errungen hat König Gunthers Hand?" Zur Antwort gab ihr Hagen aus der Burgunden Land:
Er sprach: "Da habt ihr, Königin, uns betrübt den Muth: 488 Da war bei dem Schiffe Siegfried der Degen gut, Als der Vogt vom Rheine das Spiel euch abgewann; Drum ist es ihm unkundig," sprach da Gunthers Unterthan,
"Nun wohl mir dieser Märe," sprach Siegfried der Held, 489 "Daß hier eure Hochfahrt also ward gefällt, Und Jemand lebt, der euer Meister möge sein. Nun sollt ihr, edle Jungfrau, uns hinnen folgen an den Rhein."
Da sprach die Wohlgethane: "Das mag noch nicht geschehn. 490 Erst frag ich meine Vettern und Die in meinem Lehn. Ich darf ja nicht so leichthin räumen dieß mein Land: Meine höchsten Freunde die werden erst noch besandt."
Da ließ sie ihre Boten nach allen Seiten gehn: 491 Sie besandte ihre Freunde und Die in ihrem Lehn, Daß sie zum Isensteine kämen unverwandt; Einem jeden ließ sie geben reiches, herrliches Gewand.
Da ritten alle Tage Beides, spat und fruh, 492 Der Veste Brunhildens die Recken scharweis zu. "Nun ja doch," sprach da Hagen, "was haben wir gethan! Wir erwarten uns zum Schaden hier Die Brunhild unterthan."
"Wenn sie mit ihren Kräften kommen in dieß Land, 493 Der Königin Gedanken die sind uns unbekannt: Wie, wenn sie uns zürnte? so wären wir verloren, Und wär das edle Mägdlein uns zu großen Sorgen geboren!"
Da sprach der starke Siegfried: "Dem will ich widerstehn. 494 Was euch da Sorge schaffet, das laß ich nicht geschehn. Ich will euch Hülfe bringen her in dieses Land Durch auserwählte Degen: die sind euch noch unbekannt.
"Ihr sollt nach mir nicht fragen, ich will von hinnen fahren; 495 Gott möge eure Ehre derweil wohl bewahren. Ich komme bald zurücke und bring euch tausend Mann Der allerbesten Degen, deren Jemand Kunde gewann."
"So bleibt nur nicht zu lange," der König sprach da so, 496 "Wir sind eurer Hülfe nicht unbillig froh." Er sprach: "Ich komme wieder gewiss in wenig Tagen. Ihr hättet mich versendet, sollt ihr der Königin sagen."
* * * * *
Achtes Abenteuer.
Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.
Von dannen gieng da Siegfried zum Hafen an den Strand 497 In seiner Tarnkappe, wo er ein Schifflein fand. Darin stand verborgen König Siegmunds Kind: Er führt' es bald von dannen, als ob es wehte der Wind.
Den Steuermann sah Niemand, wie schnell das Schifflein floß 498 Von Siegfriedens Kräften, die waren also groß. Da wähnten sie, es trieb es ein eigner starker Wind: Nein, es führt' es Siegfried, der schönen Sieglinde Kind.
Nach des Tags Verlaufe und in der einen Nacht 499 Kam er zu einem Lande von gewaltger Macht: Es war wohl hundert Rasten und noch darüber lang, Das Land der Nibelungen, wo er den großen Schatz errang.
Der Held fuhr alleine nach einem Werder breit: 500 Sein Schiff band er feste, der Ritter allbereit. Er fand auf einem Berge eine Burg gelegen Und suchte Herberge, wie die Wegemüden pflegen.
Da kam er vor die Pforte, die ihm verschloßen stand: 501 Sie bewachten ihre Ehre, wie Sitte noch im Land. Ans Thor begann zu klopfen der unbekannte Mann: Das wurde wohl behütet; da traf er innerhalben an
Einen Ungefügen, der da der Wache pflag, 502 Bei dem zu allen Zeiten sein Gewaffen lag. Der sprach: "Wer pocht so heftig da draußen an das Thor?" Da wandelte die Stimme der kühne Siegfried davor
Und sprach: "Ich bin ein Recke: thut mir auf alsbald, 503 Sonst erzürn ich Etlichen hier außen mit Gewalt, Der gern in Ruhe läge und hätte sein Gemach." Das verdroß den Pförtner, als da Siegfried also sprach.
Der kühne Riese hatte die Rüstung angethan, 504 Den Helm aufs Haupt gehoben, der gewaltge Mann: Den Schild alsbald ergriffen und schwang nun auf das Thor. Wie lief er Siegfrieden da so grimmig an davor!
Wie er zu wecken wage so manchen kühnen Mann? 505 Da wurden schnelle Schläge von seiner Hand gethan. Der edle Fremdling schirmte sich vor manchem Schlag; Da hieb ihm der Pförtner in Stücke seines Schilds Beschlag
Mit einer Eisenstange: so litt der Degen Noth. 506 Schier begann zu fürchten der Held den grimmen Tod, Als der Thürhüter so mächtig auf ihn schlug. Dafür war ihm gewogen sein Herre Siegfried genug.
Sie stritten so gewaltig, die Burg gab Widerhall: 507 Man hörte fern das Tosen in König Niblungs Saal. Doch zwang er den Pförtner zuletzt, daß er ihn band; Kund ward diese Märe in allem Nibelungenland.
Das Streiten hatte ferne gehört durch den Berg 508 Alberich der kühne, ein wildes Gezwerg. Er waffnete sich balde und lief hin, wo er fand Diesen edeln Fremdling, als er den Riesen eben band.
Alberich war muthig, dazu auch stark genug. 509 Helm und Panzerringe er am Leibe trug Und eine schwere Geisel von Gold an seiner Hand. Da lief er hin geschwinde, wo er Siegfrieden fand.
Sieben schwere Knöpfe hiengen vorn daran, 510 Womit er vor der Linken den Schild dem kühnen Mann So bitterlich zergerbte, in Splitter gieng er fast. In Sorgen um sein Leben gerieth der herrliche Gast.
Den Schild er ganz zerbrochen seiner Hand entschwang: 511 Da stieß er in die Scheide eine Waffe, die war lang. Seinen Kammerwärter wollt er nicht schlagen todt: Er schonte seiner Leute, wie ihm die Treue gebot.
Mit den starken Händen Albrichen lief er an, 512 Und erfaßte bei dem Barte den altgreisen Mann. Den zuckt' er ungefüge: der Zwerg schrie auf vor Schmerz. Des jungen Helden Züchtigung gieng Alberichen ans Herz.
Laut rief der Kühne: "Nun laßt mir das Leben: 513 Und hätt ich einem Helden mich nicht schon ergeben, Dem ich schwören muste, ich war ihm unterthan, Ich dient euch, bis ich stürbe," so sprach der listige Mann.
Er band auch Alberichen wie den Riesen eh: 514 Siegfriedens Kräfte thaten ihm gar weh. Der Zwerg begann zu fragen: "Wie seid ihr genannt?" Er sprach: "Ich heiße Siegfried: ich wähnt, ich wär euch bekannt."
"So wohl mir diese Kunde," sprach da Alberich, 515 "An euern Heldenwerken spürt ich nun sicherlich, Daß ihrs wohl verdientet, des Landes Herr zu sein. Ich thu, was ihr gebietet, laßt ihr nur mich gedeihn."
Da sprach der Degen Siegfried: "So macht euch auf geschwind 516 Und bringt mir her der Besten, die in der Veste sind, Tausend Nibelungen; die will ich vor mir sehn. So laß ich euch kein Leides an euerm Leben geschehn."
Albrichen und den Riesen löst' er von dem Band. 517 Hin lief der Zwerg geschwinde, wo er die Recken fand. Sorglich erweckt' er Die in Niblungs Lehn Und sprach: "Wohlauf, ihr Helden, ihr sollt zu Siegfrieden gehn."
Sie sprangen von den Betten und waren gleich bereit: 518 Tausend schnelle Ritter standen im Eisenkleid. Er brachte sie zur Stelle, wo er Siegfried fand: Der grüßte schön die Degen und gab Manchem die Hand.
Viel Kerzen ließ man zünden; man schenkt' ihm lautern Trank. 519 Daß sie so bald gekommen, des sagt' er Allen Dank. Er sprach: "Ihr sollt von hinnen mir folgen über Flut." Dazu fand er willig diese Helden kühn und gut.
Wohl dreißig hundert Recken kamen ungezählt: 520 Von denen wurden tausend der besten auserwählt, Man brachte ihre Helme und ander Rüstgewand, Da er sie führen wollte hin zu Brunhildens Land.
Er sprach: "Ihr guten Ritter, Eins laßt euch sagen: 521 Ihr sollt reiche Kleider dort am Hofe tragen, Denn uns wird da schauen manch minnigliches Weib: Darum sollt ihr zieren mit guten Kleidern den Leib."
Nun möchten mich die Thoren vielleicht der Lüge zeihn: 522 Wie konnten so viel Ritter wohl beisammen sein? Wo nähmen sie die Speise? Wo nähmen sie Gewand? Und besäß er dreißig Lande, er brächt es nimmer zu Stand.
Ihr habt doch wol vernommen, Siegfried war gar reich. 523 Sein war der Nibelungenhort, dazu das Königreich. Drum gab er seinen Degen völliglich genug; Es ward ja doch nicht minder, wie viel man von dem Schatze trug.
Eines frühen Morgens begannen sie die Fahrt: 524 Was schneller Mannen hatte da Siegfried sich geschart! Sie führten gute Rosse und herrlich Gewand: Sie kamen stolz gezogen hin zu Brunhildens Land.
Da stand in den Zinnen manch minnigliches Kind. 525 Da sprach die Königstochter: "Weiß Jemand, wer die sind, Die ich dort fließen sehe so fern auf der See? Sie führen reiche Segel, die sind noch weißer als der Schnee."
Da sprach der Vogt vom Rheine: "Es ist mein Heergeleit, 526 Das ich auf der Reise verließ von hier nicht weit: Ich habe sie besendet: nun sind sie, Frau, gekommen." Der herrlichen Gäste ward mit Züchten wahrgenommen.
Da sah man Siegfrieden im Schiffe stehn voran 527 In herrlichem Gewande mit manchem andern Mann. Da sprach die Königstochter: "Herr König, wollt mir sagen: Soll ich die Gäste grüßen oder ihnen Gruß versagen?"
Er sprach: "Ihr sollt entgegen ihnen vor den Pallas gehn, 528 Ob ihr sie gerne sehet, daß sie das wohl verstehn." Da that die Königstochter, wie ihr der König rieth; Siegfrieden mit dem Gruße sie von den Andern unterschied.
Herberge gab man ihnen und wahrt' ihr Gewand. 529 Da waren so viel Gäste gekommen in das Land, Daß sie sich allenthalben drängten mit den Scharen: Da wollten heim die Kühnen zu den Burgunden fahren.
Da sprach die Königstochter: "Dem blieb ich immer hold, 530 Der zu vertheilen wüste mein Silber und mein Gold Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann." Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann:
"Viel edle Königstochter, laßt mich der Schlüßel pflegen; 531 Ich will es so vertheilen," sprach der kühne Degen, "Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein." Daß er milde wäre, das leuchtete da wohl ein.
Als sich Hagens Bruder der Schlüßel unterwand, 532 So manche reiche Gabe bot des Helden Hand: Wer Einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben, Daß die Armen alle da in Freuden mochten leben.
Wohl mit hundert Pfunden gab er ohne Wahl. 533 Da gieng in reichem Kleide Mancher aus dem Saal, Der nie zuvor im Leben so hehr Gewand noch trug. Die Königin erfuhr es: da war es ihr leid genug.
Sie sprach zu dem König: "Des hätt ich gerne Rath, 534 Daß nichts mir soll verbleiben von meinem Kleiderstaat Vor euerm Kämmerlinge: er verschwendet all mein Gold. Wer dem noch widerstände, dem wollt ich immer bleiben hold.
"Er giebt so reiche Gaben: der Degen wähnet eben, 535 Ich habe nach dem Tode gesandt: ich will noch leben Und kann wol selbst verschwenden meines Vaters Gut." Nie hatt einer Königin Kämmerer so milden Muth.
Da sprach von Tronje Hagen: "Frau, euch sei bekannt: 536 Der König vom Rheine hat Gold und Gewand Zu geben solche Fülle, daß es nicht Noth ihm thut, Von hier hinweg zu führen einen Theil von Brunhilds Gut."
"Nein, wenn ihr mich liebet," sprach sie zu den Herrn, 537 "Zwanzig Reiseschreine füllt ich mir gern Mit Gold und mit Seide: das soll meine Hand Vertheilen, so wir kommen heim in der Burgunden Land."
Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. 538 Der Frauen Kämmerlinge musten zugegen sein: Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Unterthan. Gunther und Hagen darob zu lachen begann.
Da sprach die Königstochter: "Wem laß ich nun mein Land? 539 Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand." Da sprach der edle König: "So rufet wen herbei, Der euch dazu gefalle, daß er zum Vogt geordnet sei."
Ihrer nächsten Freunde Einen die Jungfrau bei sich sah; 540 Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da: "Nun laßt euch sein befohlen die Burgen und das Land, Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt."
Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mann, 541 Die mit ihr fahren sollten gen Burgund hindann Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland. Sie schickten sich zur Reise: man sah sie reiten nach dem Strand.
Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, 542 Dazu wol hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun. Sie säumten sich nicht länger, sie eilten nun hindann: Die sie zu Hause ließen, wie Manche hub zu weinen an!
In höfischen Züchten räumte die Frau ihr Land, 543 Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand. Mit gutem Urlaube kamen sie aufs Meer; Ihres Vaters Lande sah die Jungfrau nimmermehr.
Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; 544 Aller Kurzweile hatten sie da viel. Auch hob sich zu der Reise der rechte Wasserwind. Sie fuhren ab vom Lande: das beweinte mancher Mutter Kind.
Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt: 545 Ihre Kurzweil wurde bis in sein Haus gespart Zu Worms in der Veste zu einem Hofgelag, Dahin mit ihren Helden sie fröhlich kamen hernach.
* * * * *
Neuntes Abenteuer.
Wie Siegfried nach Worms gesandt wird.
Da sie gefahren waren voll neun Tage, 546 Da sprach von Tronje Hagen: "Nun hört, was ich sage. Wir säumen mit der Kunde nach Worms an den Rhein: Nun sollten eure Boten schon bei den Burgunden sein."
Da sprach König Gunther: "Ihr redet recht daran; 547 Auch hätt uns wohl Niemand die Fahrt so gern gethan Als ihr selbst, Freund Hagen: nun reitet in mein Land, Unsre Hofreise macht Niemand beßer da bekannt."
"Nun wißt, lieber Herre, ich bin kein Bote gut: 548 Laßt mich der Kammer pflegen und bleiben auf der Flut. Ich will hier bei den Frauen behüten ihr Gewand, Bis daß wir sie bringen in der Burgunden Land.
"Nein, bittet Siegfrieden um die Botschaft dahin: 549 Der mag sie wohl verrichten mit zuchtreichem Sinn. Versagt er euch die Reise, ihr sollt mit guten Sitten Bei eurer Schwester Liebe um die Fahrt ihn freundlich bitten."
Er sandte nach dem Recken: der kam, als man ihn fand. 550 Er sprach zu ihm: "Wir nahen uns schon meinem Land; Da sollt ich Boten senden der lieben Schwester mein Und auch meiner Mutter, daß wir kommen an den Rhein.
"So bitt ich euch, Herr Siegfried, daß ihr die Reise thut, 551 Ich wills euch immer danken," so sprach der Degen gut. Da weigerte sich Siegfried, dieser kühne Mann, Bis ihn König Gunther sehr zu flehen begann.
Er sprach: "Ihr sollt reiten um den Willen mein, 552 Dazu auch um Kriemhild, das schöne Mägdelein, Daß es mit mir vergelte die herrliche Maid." Als Siegfried das hörte, da war der Recke bald bereit.
"Entbietet, was ihr wollet, es soll gemeldet sein: 553 Ich will es gern bestellen um das schöne Mägdelein. Die ich im Herzen trage, verzichtet' ich auf die? Leisten will ich Alles, was ihr gebietet, um sie."
"So sagt meiner Mutter, Ute der Königin, 554 Daß ich auf dieser Reise hohes Muthes bin. Wie wir geworben haben, sagt meinen Brüdern an; Auch unsern Freunden werde diese Märe kund gethan.
Ihr sollt auch nichts verschweigen der schönen Schwester mein, 555 Ich woll ihr mit Brunhild stäts zu Diensten sein; So sagt auch dem Gesinde und wer mir unterthan, Was je mein Herz sich wünschte, daß ich das Alles gewann.
"Und saget Ortweinen, dem lieben Neffen mein, 556 Daß er Gestühl errichten laße bei dem Rhein; Den Mannen auch und Freunden sei es kund gethan, Ich stelle mit Brunhilden eine große Hochzeit an.
"Und bittet meine Schwester, werd ihr das bekannt, 557 Daß ich mit meinen Gästen gekommen sei ins Land, Daß sie dann wohl empfange die liebe Traute mein: So woll ich Kriemhilden stäts zu Dienst erbötig sein."
Da bat bei Brunhilden und ihrem Ingesind 558 Alsbald um den Urlaub Siegfried, Sigmunds Kind, Wie es ihm geziemte: da ritt er an den Rhein. Es könnt in allen Landen ein beßrer Bote nicht sein.
Mit vierundzwanzig Recken zu Worms kam er an; 559 Ohne den König kam er, das wurde kund gethan. Da mühten all die Degen in Jammer sich und Noth, Besorgt, daß dort der König gefunden habe den Tod.
Sie stiegen von den Rossen und trugen hohen Muth; 560 Da kam alsbald Herr Geiselher, der junge König gut, Und Gernot, sein Bruder, wie hurtig sprach er da, Als er den König Gunther nicht bei Siegfrieden sah:
"Willkommen, Herr Siegfried, ich bitte, sagt mir an: 561 Wo habt ihr meinen Bruder, den König, hingethan? Brunhildens Stärke hat ihn uns wol benommen; So wär uns sehr zu Schaden ihre hohe Minne gekommen."
"Die Sorge laßt fahren: euch und den Freunden sein 562 Entbietet seine Dienste der Heergeselle mein. Ich verließ ihn wohlgeborgen: er hat mich euch gesandt, Daß ich sein Bote würde, mit Mären her in euer Land.
"Nun helft mir es fügen, wie es auch gescheh, 563 Daß ich die Königin Ute und eure Schwester seh; Die soll ich hören laßen, was ihr zu wißen thut Gunther und Frau Brunhild; um sie beide steht es gut."
Da sprach der junge Geiselher: "So sprecht bei ihnen an; 564 Da habt ihr meiner Schwester einen Liebesdienst gethan. Sie trägt noch große Sorge um den Bruder mein: Die Maid sieht euch gerne: dafür will ich euch Bürge sein."
Da sprach der Degen Siegfried: "Wo ich ihr dienen kann, 565 Das soll immer treulich und willig sein gethan. Wer sagt nun, daß ich komme, den beiden Frauen an?" Da warb die Botschaft Geiselher, dieser waidliche Mann.
Geiselher der junge sprach zu der Mutter da 566 Und auch zu seiner Schwester, als er die beiden sah: "Uns ist gekommen Siegfried, der Held aus Niederland; Ihn hat mein Bruder Gunther her zum Rheine gesandt.
"Er bringt uns die Kunde, wie's um den König steht; 567 Nun sollt ihr ihm erlauben, daß er zu Hofe geht: Er bringt die rechten Mären uns her von Isenland." Noch war den edeln Frauen große Sorge nicht gewandt.
Sie sprangen nach dem Staate und kleideten sich drein 568 Und luden Siegfrieden nach Hof zu kommen ein. Das that der Degen williglich, weil er sie gerne sah. Kriemhild die edle sprach zu ihm in Güte da:
"Willkommen, Herr Siegfried, ein Ritter ohne Gleich. 569 Wo blieb mein Bruder Gunther, der edle König reich? Durch Brunhilds Stärke, fürcht' ich, gieng er uns verloren: O weh mir armen Mägdelein, daß ich je ward geboren!"
Da sprach der kühne Ritter: "Nun gebt mir Botenbrot, 570 Ihr zwei schönen Frauen weinet ohne Noth. Ich verließ ihn wohlgeborgen, das thu ich euch bekannt: Sie haben mich euch beiden mit der Märe hergesandt.
"Mit freundlicher Liebe, viel edle Herrin mein, 571 Entbeut euch seine Dienste er und die Traute sein. Nun laßt euer Weinen: sie wollen balde kommen." Sie hatte lange Tage so liebe Märe nicht vernommen.
Mit schneeweißem Kleide aus Augen wohlgethan 572 Wischte sie die Thränen; zu danken hub sie an Dem Boten dieser Märe, die ihr war gekommen. Ihr war die große Trauer und auch ihr Weinen benommen.
Sie hieß den Boten sitzen: des war er gern bereit. 573 Da sprach die Minnigliche: "Es wäre mir nicht leid, Wenn ich euch geben dürfte zum Botenlohn mein Gold. Dazu seid ihr zu vornehm: so bleib ich sonst denn euch hold.
"Und würden dreißig Lande," sprach er, "mein genannt, 574 So empfieng' ich Gabe doch gern aus eurer Hand." Da sprach die Wohlgezogne: "Wohlan, es soll geschehn." Da hieß sie ihren Kämmerer nach dem Botenlohne gehn.
Vierundzwanzig Spangen mit Edelsteinen gut 575 Gab sie ihm zum Lohne. So stund des Helden Muth: Er wollt es nicht behalten: er gab es unverwandt Ihren schönen Maiden, die er in der Kammer fand.
Ihre Dienste bot ihm die Mutter gütlich an. 576 "Ich soll euch ferner sagen," sprach der kühne Mann, "Um was der König bittet, gelangt er an den Rhein: Wenn ihr das, Fraue, leistet, er will euch stäts gewogen sein.
"Seine reichen Gäste, das ist sein Begehr, 577 Sollt ihr wohl empfangen; auch bittet er euch sehr, Entgegen ihm zu reiten vor Worms ans Gestad. Das ists, warum der König euch in Treun gebeten hat."
"Das will ich gern vollbringen," sprach die schöne Magd: 578 "Worin ich ihm kann dienen, das ist ihm unversagt. Mit freundlicher Treue wird all sein Wunsch gethan." Da mehrte sich die Farbe, die sie vor Freude gewann.
Nie sah man Fürstenboten beßer wohl empfahn: 579 Wenn sie ihn küssen durfte, sie hätt es gern gethan; Minniglich er anders doch von der Frauen schied. Da thaten die Burgunden, wie da Siegfried ihnen rieth.
Sindold und Hunold und Rumold der Degen 580 Großer Unmuße musten sie da pflegen, Als sie die Sitze richteten vor Worms an dem Strand: Die Schaffner des Königs man sehr beflißen da fand.
Ortwein und Gere säumten auch nicht mehr, 581 Sie sandten nach den Freunden allwärts umher, Die Hochzeit anzusagen, die da sollte sein; Der zierten sich entgegen viel der schönen Mägdelein.
Der Pallas und die Wände waren allzumal 582 Verziert der Gäste wegen; König Gunthers Saal Ward herrlich ausgerüstet für manchen fremden Mann; Das große Hofgelage mit hohen Freuden begann.
Da ritten allenthalben die Wege durch das Land 583 Der drei Könge Freunde; die hatte man besandt, Die Gäste zu empfangen, die da sollten kommen. Da wurden aus dem Einschlag viel reicher Kleider genommen.
Bald brachte man die Kunde, daß man schon reiten sah 584 Brunhilds Gefolge: Gedränge gab es da Von des Volkes Menge in Burgundenland. Hei! was man kühner Degen da zu beiden Seiten fand!
Da sprach die schöne Kriemhild: "Ihr, meine Mägdelein, 585 Die bei dem Empfange mit mir wollen sein, Die suchen aus den Kisten ihr allerbest Gewand: So wird uns Lob und Ehre von den Gästen zuerkannt."
Da kamen auch die Recken und ließen vor sich her 586 Schöne Sättel tragen von rothem Golde schwer, Daß drauf die Frauen ritten von Worms an den Rhein. Beßer Pferdgeräthe konnte wohl nimmer sein.
Wie warf da von den Mähren den Schein das lichte Gold! 587 Viel Edelsteine glänzten von den Zäumen hold; Die goldenen Schemel auf lichtem Teppich gut Brachte man den Frauen: sie hatten fröhlichen Muth.
Die Frauenpferde standen auf dem Hof bereit, 588 Wie gemeldet wurde, für manche edle Maid. Die schmalen Brustriemen sah man die Mähren tragen Von der besten Seide, davon man je hörte sagen.
Sechsundachtzig Frauen traten da heraus, 589 Die Kopfgebinde trugen; zu Kriemhild vor das Haus Zogen die Schönen jetzt in reichem Kleid; Da kam in vollem Schmucke auch manche waidliche Maid,
Fünfzig und viere aus Burgundenland: 590 Es waren auch die besten, die man irgend fand. Man sah sie gelblockig unter lichten Borten gehn. Was sich bedingt der König, das sah er fleißig geschehn.
Von kostbaren Zeugen, den besten, die man fand, 591 Trugen sie vor den Gästen manch herrlich Gewand. Zu ihrer schönen Farbe stand es ihnen gut: Wer Einer abhold wäre, litte wohl an schwachem Muth.
Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand. 592 Da schmückte sich gar Manche den Arm und auch die Hand Mit Spangen auf der Seide, die sie sollten tragen. Es könnt euch dieß Befleißen Niemand wohl zu Ende sagen.
Viel Gürtel kunstgeschaffen, kostbar und lang, 593 Ueber lichte Kleider die Hand der Frauen schwang Um edle Ferransröcke von Zeug aus Arabia, Wie man sie besser in aller Welt nicht ersah.
Man sah in Brustgeschmeide manch schöne Maid 594 Minniglich sich schnüren. Die mochte tragen Leid, Deren lichte Farbe das Kleid nicht überschien. So schönes Ingesinde hat nun keine Königin.
Als die Minniglichen nun trugen ihr Gewand, 595 Die sie da führen sollten, die kamen unverwandt, Die hochgemuthen Recken in großer Zahl daher; Man bracht auch hin viel Schilde und manchen eschenen Sper.
* * * * *
Zehntes Abenteuer.
Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt.
Jenseits des Rheins sah man dem Gestad 596 Mit allen seinen Gästen den König schon genaht. Da sah man auch am Zaume leiten manche Maid: Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit.
Als bei den Schiffen ankam von Isenland die Schar 597 Und die der Nibelungen, die Siegfried eigen war, Sie eilten an das Ufer; wohl fliß sich ihre Hand, Als man des Königs Freunde jenseits am Gestade fand.
Nun hört auch die Märe von der Königin, 598 Ute der reichen, wie sie die Mägdlein hin Brachte von der Veste und selber ritt zum Strand. Da wurden mit einander viel Maid' und Ritter bekannt.
Der Markgraf Gere führte am Zaum Kriemhildens Pferd 599 Bis vor das Thor der Veste; Siegfried der Degen werth Durft ihr weiter dienen; sie war so schön und hehr. Das ward ihm wohl vergolten von der Jungfrau nachher.
Ortwein der kühne führte Ute die Königin, 600 Und so ritt mancher Ritter neben den Frauen hin. Zu festlichem Empfange, das mag man wohl gestehn, Wurden nie der Frauen so viel beisammen gesehn.
Viel hohe Ritterspiele wurden da getrieben 601 Von preiswerthen Helden (wie wär es unterblieben?) Vor Kriemhild der schönen, die zu den Schiffen kam. Da hub man von den Mähren viel der Frauen lobesam.
Der König war gelandet mit fremder Ritterschaft. 602 Wie brach da vor den Frauen mancher starke Schaft! Man hört' auf den Schilden erklingen Stoß auf Stoß. Hei! reicher Buckeln Schallen ward im Gedränge da groß!
Vor dem Hafen standen die Frauen minniglich; 603 Gunther mit seinen Gästen hub von den Schiffen sich: Er führte Brunhilden selber an der Hand. Wider einander leuchtete schön Gestein und licht Gewand.
In höfischen Züchten hin Frau Kriemhild gieng, 604 Wo sie Frau Brunhilden und ihr Gesind empfieng. Man konnte lichte Hände am Kränzlein rücken sehn, Da sich die Beiden küssten: das war aus Liebe geschehn.
Da sprach wohlgezogen Kriemhild das Mägdelein: 605 "Ihr sollt uns willkommen in diesem Lande sein, Mir und meiner Mutter, und Allen, die uns treu Von Mannen und von Freunden." Da verneigten sich die Zwei.
Oftmals mit den Armen umfiengen sich die Fraun. 606 So minniglich Empfangen war nimmer noch zu schaun, Als die Frauen beide der Braut da thaten kund, Frau Ute mit der Tochter: sie küssten oft den süßen Mund.
Da Brunhilds Frauen alle nun standen auf dem Strand, 607 Von waidlichen Recken wurden bei der Hand Freundlich genommen viel Frauen ausersehn. Man sah die edeln Maide vor Frau Brunhilden stehn.
Bis der Empfang vorüber war, das währte lange Zeit, 608 Manch rosigem Munde war da ein Kuß bereit. Noch standen bei einander die Königinnen reich: Das freuten sich zu schauen viel der Recken ohne Gleich.
Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher, 609 Man hab also Schönes gesehen nimmermehr Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug. Man sah an ihrer Schöne auch nicht den mindesten Trug.
Wer Frauen schätzen konnte und minniglichen Leib, 610 Der pries um ihre Schöne König Gunthers Weib; Doch sprachen da die Kenner, die es recht besehn, Man müße vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn.
Nun giengen zu einander Mägdelein und Fraun; 611 Es war in hoher Zierde manch schönes Weib zu schaun. Da standen seidne Hütten und manches reiche Zelt, Womit man erfüllt sah hier vor Worms das ganze Feld.
Des Könige Freunde drängten sich, um sie zu sehn. 612 Da hieß man Brunhilden und Kriemhilden gehn Und all die Fraun mit ihnen hin, wo sich Schatten fand; Es führten sie die Degen aus der Burgunden Land.
Nun waren auch die Gäste zu Ross geseßen all; 613 Da gabs beim Lanzenbrechen durch Schilde lauten Schall. Das Feld begann zu stäuben, als ob das ganze Land Entbrannt wär in der Lohe: da machten Helden sich bekannt.
Was da die Recken thaten, sah manche Maid mit an. 614 Wohl ritt mit seinen Degen Siegfried der kühne Mann In mancher Wiederkehre vorbei an dem Gezelt; Der Nibelungen führte tausend Degen der Held.
Da kam von Tronje Hagen, wie ihm der König rieth; 615 Der Held mit guter Sitte die Ritterspiele schied, Daß sie nicht bestaubten die schönen Mägdelein: Da mochten ihm die Gäste gerne wohl gehorsam sein.
Da sprach der edle Gernot: "Die Rosse laßt stehn, 616 Bis es beginnt zu kühlen, daß wir die Frauen schön Mit unserm Dank geleiten bis vor den weiten Saal; Will dann der König reiten, find er euch bereit zumal."
Das Kampfspiel war vergangen über all dem Feld: 617 Da giengen kurzweilen in manches hohe Zelt Die Ritter zu den Frauen um hoher Lust Gewinn: Da vertrieben sie die Stunden, bis sie weiter sollten ziehn.
Vor des Abends Nahen, als sank der Sonne Licht 618 Und es begann zu kühlen, ließ man es länger nicht: Zu der Veste huben Fraun und Ritter sich; Mit Augen ward geliebkost mancher Schönen minniglich.
Von guten Knechten wurden viel Pferde müd geritten 619 Vor den Hochgemuthen nach des Landes Sitten, Bis vor dem Saale abstieg der König werth. Da diente man den Frauen und hob sie nieder vom Pferd.
Da wurden auch geschieden die Königinnen reich. 620 Hin gieng Frau Ute und Kriemhild zugleich Mit ihrem Ingesinde in ein weites Haus: Da vernahm man allenthalben der Freude rauschenden Braus.
Man richtete die Stühle: der König wollte gehn 621 Zu Tisch mit den Gästen. Da sah man bei ihm stehn Brunhild die schöne, die da die Krone trug In des Königs Lande: sie erschien wohl reich genug.
Da sah man schöne Sitze und gute Tafeln breit 622 Mit Speisen beladen, so hörten wir Bescheid. Was sie da haben sollten, wie wenig fehlte dran! Da sah man bei dem König gar manchen herrlichen Mann.
Des Wirthes Kämmerlinge im Becken goldesroth 623 Reichten ihnen Wasser. Das wär vergebne Noth, Sagte wer, man hätte je fleißgern Dienst gethan Bei eines Fürsten Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran.
Eh der Vogt am Rheine hier das Wasser nahm, 624 Zu Gunthern trat da Siegfried, er durft es ohne Scham, Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zu Pfand, Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland.
Er sprach zu ihm: "Gedenket, mir schwur eure Hand, 625 Wenn wir Frau Brunhild brächten in dieß Land, Ihr gäbt mir eure Schwester: wo blieb nun der Eid? Ihr wißt, bei eurer Reise war keine Mühe mir leid."
Da sprach der Wirth zum Gaste: "Recht, daß ihr mich mahnt. 626 Ich will den Eid nicht brechen, den ich schwur mit Mund und Hand, Ich helf es euch fügen, so gut es mag geschehn." Da hieß man Kriemhilden zu Hof vor den König gehn.
Mit ihren schönen Maiden kam sie vor den Saal. 627 Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Thal: "Nun heißt wiederkehren diese Mägdelein: Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein."
Hin brachten sie Kriemhilden, wo man den König fand: 628 Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land. In dem weiten Saale hieß man sie stille stehn; Frau Brunhilden sah man eben auch zu Tische gehn.
Sie hatte keine Kunde, was da im Werke war. 629 Da sprach König Dankrats Sohn zu seiner Mannen Schar: "Helft mir, daß meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann." Sie sprachen einhellig: "Das wäre gar wohl gethan."
Da sprach der König Gunther: "Schwester, edle Maid, 630 Bei deiner Zucht und Güte löse meinen Eid. Ich schwur dich einem Recken, und nimmst du ihn zum Mann, So hast du meinen Willen mit großen Treuen gethan."
Die edle Maid versetzte: "Lieber Bruder mein, 631 Ihr sollt mich nicht flehen, ich will gehorsam sein. Wie ihr mir gebietet, so soll es sein gethan: Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann."
Von lieber Augenweide Ward Siegfrieds Farbe roth: 632 Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot. Man ließ sie mit einander in einem Kreise stehn, Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn?
Scheu, wie Mädchen pflegen, schämte sie sich ein Theil; 633 Jedoch war Siegfrieden so günstig Glück und Heil, Daß sie nicht verschmähen wollte seine Hand. Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Held von Niederland.
Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, 634 Ein gütlich Umfangen war da alsbald bereit Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart: Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart.
Sich schied das Gesinde. Als das geschah, 635 Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah, Mit Kriemhilden sitzen; da dient' ihm mancher Mann. Man sah die Nibelungen mit ihm den Sitzen sich nahm.
Der König saß zu Tische bei Brunhild der Maid. 636 Da sah sie Kriemhilden (nichts war ihr je so leid) Bei Siegfrieden sitzen: zu weinen hub sie an, Daß ihr manch heiße Thräne über lichte Wangen rann.
Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637 Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein? Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann."
"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638 "Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid. Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein: Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein."
Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639 Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will, Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben. Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben."