Tristram Shandy
Johann Joachim Christoph Bode translation

Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy
von
Laurence Sterne
Illustriert von Lovis Corinth
1908 Buchverlag fürs Deutsche Haus Berlin-Leipzig

Diese Satiren im kleinen mit ihren köstlichen Wahrheiten sind nur mit den griechischen Klassikern zu vergleichen. Wenn Ihr nicht mit ihm fühlt, mag er Euch oft kleinlich, frivol, gesucht, kindisch erscheinen. Habt Ihr aber sein Genie erkannt, werdet Ihr in ihm einen gewaltigen Lehrer der Menschheit finden.«
Voltaire über Sterne.

Die Welt nannte den Dorfprediger von Sutton und Stillington bei York, Laurence Sterne, nicht anders als den armen Yorick, nach dem Pfarrer, den Tristram Shandy so über alles schätzte, daß er ganz gegen seine Gewohnheit in einem Zuge seine Lebensbeschreibung erzählt, ehe noch Tristram Shandy selbst — in dem Buche natürlich — geboren ist. »Mancher Zug aus dem Charakter dieses Mannes«, sagt Tristram, »kommt, wie mich dünkt, den artigen, lustigen Streichen des unnachahmlichen Ritters la Manche gleich, welchen ich mit all seinen Narrheiten mehr liebe als den größten Helden des Altertums.« Auf niemanden paßt diese Schilderung so gut, wie auf Laurence Sterne selbst. Auch er war ein rechter echter Shandist, ohne welche Eigenschaft er niemals in diesem kuriosesten aller Leben und Meinungen hätte eine Rolle spielen können, am wenigsten die des Autors. Laurence Sterne hat auch seine eigene Biographie geschrieben. In einem Briefe an seine Tochter Lydia, kurz vor seinem Tode, gibt er alle wesentlichen Daten seines Lebens.
Die Jugend nimmt den breitesten Raum dieser Beschreibung in Anspruch, auch darin seinem Tristram Shandy zum mindesten blutsverwandt. Roger Sterne, sein Vater, war Leutnant im irischen Handaside-Regiment. Das bedeutete damals ruheloses Umherziehen von Ort zu Ort, von Land zu Land. Und Frau und Kinder zogen mit durch Wind und Wetter, Sommer und Winter, von Baracken zu Baracken, wenn sie nicht vorübergehend bei mildtätigen Verwandten einen Unterschlupf fanden. Zweimal sind Frau Agnes (sie war die Tochter eines angesehnen Marketenders, »mein Vater hatte Schulden bei ihr, als er sie heiratete«) und ihre Kinder bei der Überfahrt von England nach Irland in Lebensgefahr gewesen und von ihrem Mann schon aufgegeben. Laurence ist das zweite Kind dieser kriegerischen Ehe. Er wurde in Clonmel im Süden Irlands am 24. November 1713 geboren. Von den fünf Geschwistern, zwei Brüdern und drei Schwestern, haben nur noch zwei Schwestern mit ihm dieses entbehrungsvolle Wanderleben ihrer Jugend überstanden.
Die Familie Sterne hatte bessere Zeiten erlebt, als ihr die Leutnantsgage von Sternes Vater bereiten konnte, dessen verschwenderische Güte in Onkel Tobys Zügen verewigt worden ist. »Sie hätten ihn, Madame, an einem Tage zehnmal hintergehen können, wenn es Ihnen mit neunen noch nicht genug ist.« — Roger Sterne war der Enkel eines Erzbischofs von York, und ein Onkel Laurence Sternes war erster Pfarrer in York. Ihm verdankte später der junge Vikar, der auf Kosten eines reichen Vetters und mit einem Stipendiat seines Urgroßvaters in Cambridge studiert hatte, seine erste Pfründe: Sutton. »In York lernte ich deine Mutter kennen und machte ihr zwei Jahre lang den Hof. — Auch sie war mir herzlich zugetan, hielt sich aber wohl nicht für reich genug oder mich für zu arm für eine dauernde Verbindung. Sie ging zu ihrer Schwester nach S., und ich schrieb sehr fleißig. Ich glaube, daß sie wohl halb entschlossen war mich zu nehmen, ohne es mich merken zu lassen. — Nach ihrer Rückkehr wurde sie sehr krank, und als ich eines Abends bei ihr saß — ich war sehr traurig, sie so krank zu wissen —, sagte sie, ›mein lieber Laurey, ich kann nie dein werden, denn ich glaube sicher, daß ich nicht mehr lange lebe! Ich habe dir aber mein ganzes Vermögen zugesprochen.‹ Damit zeigte sie mir ihr Testament. Diese Großmut überwältigte mich. Es gefiel Gott, sie wieder gesund werden zu lassen, und ich heiratete sie im Jahre 1741. Mein Onkel (Jaques Sterne, Pfründner von Durham, Vorsänger und Pfründner in York, mit dem Wohnsitz in York, Vorsteher der Pfarren in Rise und Hornsey mit Riston, im Ostbezirk der Grafschaft York) und ich standen uns damals sehr gut. Er verschaffte mir sehr bald eine Pfründe in York. — Später kamen wir in Streit, weil ich mich weigerte, Parteiartikel in die Zeitungen zu schreiben. Er war ein eifriger Parteimann, und ich nicht. Ich verachtete diese Art Propaganda und hielt mich für zu schade dazu. Und von da an wurde er mein erbittertster Feind. Durch Vermittelung meiner Frau erhielt ich noch die Pfründe von Stillington. Einer ihrer Freunde hatte ihr versprochen, daß, wenn sie einen Geistlichen in Yorkshire heiratet, er ihr als Zeichen seiner Freundschaft bei der nächsten Vakanz die Pfründe besorgen werde. Fast zwanzig Jahre blieb ich in Sutton und übte mein Pfarramt an beiden Orten aus. Die ganze Zeit erfreute ich mich einer vorzüglichen Gesundheit. Bücher, Malen, Geige spielen und auf die Jagd gehen, das waren meine Zerstreuungen. Mit dem Squire der Pfarrei standen wir uns nicht besonders, dafür verkehrten wir in Stillington mit der Familie C—s, die sehr freundlich gegen uns war, und das war sehr angenehm für uns, innerhalb einer Meile so herzliche Freunde zu haben. 1760 mietete ich ein Haus in York für deine Mutter und dich. Ich selbst ging nach London, für den ersten Band des Shandy einen Verleger zu suchen. Im selben Jahre bot mir Lord Falconbridge die Pfarrstelle in Coxwould an, das gegen Sutton ein lieblicher Wohnsitz genannt werden muß. 1762 ging ich nach Frankreich, noch vor dem Friedensschluß, und ihr beide folgtet mir. Dann bliebt ihr drüben. Ich ging erst wieder zwei Jahre darauf nach Italien, um etwas für meine Gesundheit zu tun. Auf meine dringende Bitte seid auch ihr jetzt nach England zu mir zurückgekehrt und ich habe die unbeschreibliche Freude erlebt, mein Kind wiederzusehen, alles, was ich mir noch wünschen konnte.«
Es ist kurz hinzuzufügen, was von jenem Leben in den Hauptstädten London und Paris, das die letzten acht Jahre fast ausfüllt, der Vater seiner Tochter nicht ausdrücklich hat sagen wollen, aus Zartgefühl gegen ihre Mutter. Die Ehe war keine glückliche. Das Paar, das sich auf so romantische Weise gefunden hatte, wurde einer des anderen herzlich überdrüssig, bevor viele Jahre verflossen waren .. Eine drollige Mischung von Selbstanklage und Überlegenheit liegt in folgendem Shandystischen Stoßseufzer: »Ein verteufeltes Glück für einen Mann, der Herr über die zartesten Vernunftschlüsse ist, ein Weib zu haben, in dessen Kopf er auf keine Weise einen Gedanken einschmuggeln kann, der seine Seele vor der Verdammnis rettet.« — Aber der arme Yorick war der Meinung, daß dieses mühevolle Leben eine trübe und wertlose Sache bleiben muß, »Ihr hättet der Liebe denn ...« »Ich liebte eine oder die andere Prinzessin mein Leben lang. Und ich hoffe, ich werde es so halten bis zu meinem Ende, denn ich bin davon überzeugt, daß, wenn ich je einer häßlichen Tat fähig war, es zu einer Zeit war, die zwischen einer alten und einer neuen Leidenschaft lag.«
So machte er nacheinander Miß Fourmentelle (einer schönen französischen Hugenottin), Frau Garrik, Lady Percy und Eliza Draper (der jungen Frau eines indischen Farmers) den Hof, ohne daß diese Aufzählung Anspruch auf Vollständigkeit machen kann. »L'amour n'est rien sans le sentiment,« sagte Sterne, »Mais le sentiment permet tout,« hätte er hinzusetzen sollen. Zweien von diesen Frauen gegenüber, Miß Fourmentelle und Eliza Draper, versteigen sich seine Empfindungen bis zu dem Ausruf: Möchte Gott uns die Tür zu einem gemeinsamen Leben öffnen. An seine »Dear, dear Kitty« (Miß Fourmentelle) schreibt er: »Ich bin keine Stunde ohne Wunsch, denn ich wünsche immer, mit Dir zusammen zu sein.« Ein Jahr darauf hat er sich kopfüber in ein anderes Gefühl gestürzt, er liegt in den Banden der Lady Percy, deren Abenteuer London genug Gelegenheiten zu Klatschereien gaben. »Ihre Augen und Lippen haben einen Mann zum Narren gemacht, den die ganze Stadt für einen sehr geistreichen Menschen hält.« Laurence Sterne war über fünfzig und seine Nerven trotz der italienischen Reise äußerst angegriffen, als er sich zum letzten Male mit dem gewohnten Erfolg in den Glauben versetzte, daß er liebe. Eliza Draper war fünfundzwanzig Jahre alt und wohnte, weil sie das Klima in Indien nicht vertragen konnte, bei Freunden in London. Sie gehörte zu jenen interessanten Frauen, die eine körperliche Anfälligkeit dem Manne nur noch sympathischer macht, weil sie ihm Gelegenheit gibt, in seiner Zärtlichkeit unermüdlich zu sein. Ganz London wußte von dieser neuen Liaison des armen Yorick, und irgendein Fant beeilte sich auch, Frau Sterne in Toulon davon zu unterrichten. Ich will davon nichts wissen, soll sie geantwortet haben. Später hat sie aber ihrem Gatten die Rolle des »Braminen«, die er bei der jungen Dame aus Indien spielte, von all seinen Abenteuern am wenigsten verzeihen können. Als sie mit Lydia nach York zurückkehrte, war Eliza Draper schon auf der Fahrt nach Bombay.
Als wollte sich das Schicksal des armen Yorick wirklich seines Autors bemächtigen, so starb auch Sterne, »ob er gleich dem Anscheine nach bis auf den letzten Augenblick den Mut nicht sinken ließ, vor Kummer und Gram. Seine unvorsichtige Scherzhaftigkeit hatte ihn in solche Schlingen verwickelt, daraus ihn kein Nachwitz losmachen konnte.« Der Mann, der in Coxwould ein Haus und in York eine Wohnung hatte, dessen Familie nach fünf Jahren aus Frankreich eben erst zurückgekehrt war, der vergötterte Liebling der Pariser und Londoner Salons (aber ebenso hartnäckig von seinen Feinden verfolgt), starb am 16. März 1768 in einem möblierten Zimmer in der Bondstreet in London. Es lockte ihn der Ruhm der Großstadt, die Lorbeern der sentimental Yourney sollten ihn seinen Kummer vergessen machen. Aber er mußte erfahren, daß auch der berühmteste Witzbold in dem Augenblick von seinen Freunden vergessen wird, wenn ihn Krankheit abhält, regelmäßig ihre Abendgesellschaften mit seinen cervantischen Einfällen zu würzen. Nicht einmal die geizige Vermieterin war bei dem Sterbenden. Und als ein Diener seiner Freunde sich nach dem Befinden des Herrn Sterne zu erkundigen kam, fand er einen Toten im Lehnstuhl. Leichenräuber gruben ihn am Tage seiner Beerdigung aus (es heißt, die Wirtin habe von dem Erlös ihren Mietzins abgezogen) und verkauften ihn an die Universität Cambridge, wo ein Professor den armen Yorick wiedererkannte.
Das achtzehnte Jahrhundert hat seine besten Kinder am stiefmütterlichsten behandelt. Es gab ihnen die Süßigkeiten eines ungebundenen (wir sagen galanten) Lebens. Der Kern aber war eine bittere Mandel.
Diese Ausgabe bringt die berühmte Übersetzung von Bode, die in Deutschland unter den vielen Übersetzungen, die sofort auf die englische Ausgabe folgten, als die bei weitem beste die größte Verbreitung hatte und an verschiedenen Orten mit und ohne Erlaubnis nachgedruckt wurde. Ich habe zum besseren Verständnis der kräftigen Ausdrucksweise, die auch der deutsche Text so gut getroffen hat, die Interpunktion und einige nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke, die dem Gesichtskreis des modernen Lesers ganz entschwunden sind, geändert. Im ganzen aber ist der altmodische Stil gewahrt, der die Eigenart des achtzehnten Jahrhunderts und die unserer Prüderie bisweilen gefährliche Derbheit bewahrt und rechtfertigt. Den ganzen Text zu bringen ist uns hier unmöglich. Die zahlreichen längeren Abschweifungen, die sich Sterne erlaubt, haben es leicht gemacht, dennoch den Charakter des Ganzen wie im einzelnen zu bewahren sowie die anschauliche Kraft der Shandystischen Meinungen.
W. M.
Das Leben und die Meinungen von Herrn Tristram Shandy