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Das Leben der Renée von Catte

Das Leben der Renée von Catte

Reading edition

Roman von Elsa von Bonin

Illustration from Das Leben der Renée von Catte: Roman

Egon Fleischel & Co. Berlin

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1911 by Egon Fleischel & Co., Berlin

Für Dich Toni Schwabe!

Die kleine Renée lag im Bett und horchte auf das Quaken der Frösche unten am See. Der Mond schien herein – jetzt war er auf ihrer Hand, nun auf der Erde. In der Zimmerdecke war auch ein Mond, ein gemalter mit gelben Strahlen – oder vielleicht war es eine Sonne. Er hatte ein Gesicht, und aus seinem Mund hing der Kronleuchter heraus mit sechs Kerzen. Die kleine Renée war ein wenig traurig. Es war, weil die Frösche quakten und weil Uncas nicht mehr lebte. Uncas war ein Hund, aber er hatte die schönsten Augen gehabt – gelb mit blau innen. Und Renée liebte niemanden mehr. Sie dachte daran, wie sie mit ihm auf Froschjagd gegangen war, und er hatte die Frösche in die Luft geworfen und wieder aufgefangen – so lustig, wie das aussah. – Wie Renée so nachdachte, wurde sie immer trauriger, dann fing sie an zu weinen.

Montag vor vier Wochen war Uncas gestorben. Sie sagten: „Er hat sich heiß gelaufen, und dann ist er ins Wasser und hat den Schlag bekommen.“ Sie sagten: „Du weißt doch Renée, Menschen sterben auch davon.“ Renées Papa kam und streichelte sie und sagte: „Weine nicht, mein Kind,“ und Papa sah ganz verstört aus. Und ihre große Schwester nahm sie auf den Schoß. Ja – sie waren alle freundlich zu Renée, als es geschehen war. Ihr fiel ein, wie sie damals geweint hatte den ganzen Tag und ein bißchen in der Nacht. Es war anders gewesen als gewöhnliches Weinen, es hatte wehe getan nahe am Herzen. – Renée dachte: Hätte Papa mich nur mitgenommen auf Jagd, dann hätt’ ich den Uncas schon weggeholt vom Wasser.

Nun gab es niemanden mehr.

Der Mond kroch über die Bettdecke und kam auf den großen Tisch. Renée lag wieder im Dunkeln und sah etwas stehn hinter dem Tisch, das lang und schwarz aussah; es pendelte hin und her mit einem weißen Ding, und das Ding war eine Hand. Renée schrie. –

Es war doch nichts. Es war nur, weil der Mond gerade durch den Ahorn schien, und dann wippten die Blätter hin und her – das weiße Ding war gar nichts –.

Renées Erzieherin konnte nicht ordentlich rechnen. Renée hatte gehört, wie Papa es zu ihrer großen Schwester sagte. Darum kam heute der Kantor. Der Kantor hatte ein fettiges Gesicht und gräßlich viel Pickel. Seine Manschetten rutschten aus dem Ärmel und waren von Gummi. Er nannte Renée ‚na kleines Fräulein‘ und grinste dabei.

Fräulein von Altmann saß am Fenster und häkelte. „Also was macht das nun, ein Halb mal ein Viertel?“ frug der Kantor. Renée sagte: „Zwei.“ Der Kantor grinste und wartete. Es schien also falsch zu sein. Renée sah heimlich nach Fräulein von Altmann, ob die es wohl wußte. „Nun – nun?“ Renée sagte: es wäre wohl vier! „In Groß-Gehren macht es ein Achtel,“ antwortete der Kantor. Fräulein von Altmann lachte, und dabei wußte sie es doch auch nicht und konnte nicht mal ordentlich rechnen. – Manchmal war der Kantor ganz nett. Renée hätte überhaupt lieber ihn gehabt als die Altmann. Renée wäre überhaupt lieber ein Junge gewesen. Und Jungs hatten immer Hauslehrer.

Es gab eine Photographie, auf der Renée aussah wie ein Junge. Sie hatte ihres großen Bruders Kürassiermütze auf und eine Matrosenjacke. Sie zeigte das Bild und sagte: „Es ist mein Vetter Eberhard.“ – Renée hatte sich den ‚Vetter Eberhard‘ ausgedacht. Sie war es selber. Ganz für sich allein. Wenn Papa sie mit dem Ponywagen nach Haus schickte. Sie dachte: Papa setzt Vertrauen in mich. Sie durfte fahren, wenn Papa drin saß. Das war auch ‚Vertrauen‘. Dann vermied Renée sorgfältig die Steine und Baumwurzeln, und wenn Papa ausgestiegen war, unternahm sie Wegebesserung. Sie schleppte Steine zusammen und tat sie in die Löcher und Wagenspuren, und dann kam Sand und Lehm darauf. Wenn sie fuhren, guckte Renée nach dem Wild. Einmal war ein Bock. Renée sah ihn zuerst. Renée zupfte Papa am Ärmel und hielt vor Schreck den Pony an. „Da ist ein Bock!“ – „Fahr weiter – langsam,“ befahl Papa. Dann spannte er den Hahn, kletterte ganz vorsichtig aus dem fahrenden Wagen und stapfte hinterher. – Renée zitterte vor Aufregung, sie hielt den Kopf geradeaus und schielte so gut es ging schräg nach dem Bock hinüber – Herrgott, wenn Papa schoß, wenn der Pony – bumm – Renée fuhr zusammen und riß den Pony ins Maul. Der machte drei Sprünge, schlug einmal seitwärts aus, dann blieb er stehen. „Schöner Blattschuß,“ rief Papa, dann schleppte er den Bock heran. Renée freute sich, ja aber eigentlich tat es ihr doch gräßlich leid.

Papa war ausgestiegen. Renée stand mit dem Pony allein mitten im Wald. Einsam war das. Die großen Kiefern knackten. Renée wartete, man konnte sich ein ganzes Leben ausdenken währenddessen mit vielen traurigen Dingen, und man konnte kleine schwermütige Lieder vor sich hinsingen, ganz leise, während der Pony das Gras abzupfte. Ab und zu schüttelte er ingrimmig den Kopf. Dann rief Renée ihn an und kam und verjagte die Fliegen.

Renée legte den Kopf weit hintenüber und sah in die Kiefernkronen. Kleine Stückchen vom Himmel kamen zum Vorschein, blaue oder schwärzliche. Waren sie schwarz, dann schlug der Pony arg nach den Fliegen wegen der Schwüle. Der Wagen ruckte, das fuhr mitten hinein in Renées Gedanken. Renée dachte: ob man immer so gräßlich allein sein muß. Aber Elisabeth hatte doch Freundinnen, die kamen manchmal zu Besuch im Sommer, und Hannsbabo hatte Freunde, die brachte er mit zu den Jagden; Renée dachte: Ich habe keinen. Sie wurde sehr traurig, das zu denken; auf einmal schien es ihr, als müsse jeder Mensch einen Freund haben, einen ganz für sich allein, und nur Renée hatte keinen.

Renée dachte: Wenn man den hat, der ist immer gut und man ist auch immer gut und verteidigt ihn und gibt sein Leben für ihn. Es war schön, das zu denken, denn das Leben hat doch viel Wert und die Menschen mögen gar nicht gern sterben. – Ob Papa endlich zurückkam? Renée stieg auf den Sitz und hielt Umschau mit dem Feldstecher – ganz weit unten am Graben hinter den drei Birken ging Papa hinter einem Mann her. Renée hatte große Angst. Wenn nun der andere Mann Papa etwas täte? Und die Büchse hatte er im Wagen gelassen –.

Dann winkte Papa. Er winkte, indem er mit dem Arm wie eine Windmühle ringsherum fuhr. Renée zerrte den Pony von seiner Grasweide fort und fuhr los. Als sie ankam, sprach Papa mit dem Mann. Und überhaupt war es der Hofmeier. Sie fuhren nach Haus. –

Renée mußte immer wieder daran denken, daß sie keine Freundin hatte. Und es war doch so ein gutes, liebes Wort. Es wurde einem zärtlich dabei zumute. Sie wollte eine Freundin haben. Ganz gewiß. Schon um die ‚Lange‘ zu ärgern. Fräulein von Altmann sagte: „Natürlich hast du ja auch keine Freundin, weil du so ungezogen bist.“ Das ärgerte doch Renée, das mochte man doch nicht hören. –

Renée stand auf einem Stuhl in der Kutscherstube und nagelte Ansichtskarten an die Wand. Wöhler stand unten und hielt den Stuhl fest. Wenn Renée in die Stadt kam, kaufte sie Karten, auf denen ‚schöne Frauenköpfe‘ waren. Wöhler sagte: „Sone hab ich gern.“ „Fährt Herr General heut aus?“ frug Wöhler. Renée besann sich: – „Nein, heut nachmittag kommt der Mann, der die Wiesen nicht verkaufen will.“ „Er würde schon, er hat man Angst. Die Gemeinde würde ihm kommen, wenn er verkaufte,“ sagte Wöhler. Dann grinste er. „Ich hätt’s schon anders gemacht.“ „Was hätten Sie denn gemacht, Wöhler?“ fragte Renée – gewiß, Wöhler hätte es furchtbar schlau angefangen. „Ach, wenn Herr General mir beauftragt hätte, –“ sagte Wöhler. – Also Papa fuhr nicht aus. Dann konnte doch Renée den Pony mit in die Schwemme reiten. Wöhler hob sie herauf, schon ein bißchen Senkbuckel hatte der Pony. Aber es saß sich gerade sehr gut darauf; – der Pony patschte langsam vorwärts, blieb stehen, schnaufte und steckte die Nüstern ins Wasser – Renée ritt im Kreise vorn, wo es seicht war, und manchmal wurden ihre Schuh ein bißchen naß, und das war so aufregend. Bei Tisch sagte Renées große Schwester: „Renée müßte wirklich mehr mit ihresgleichen zusammenkommen. Das geht nicht so weiter mit dem ewigen Im-Stall-hocken.“ Dann erklärte Elisabeth, daß Papa für Renée eine Cousine einladen wolle. –

Die Cousine war da, und nun versuchte Renée es gleich mit Eifer. Aber dann zeigte es sich, daß es etwas schwierig war. „Soldaten ist ein albernes Spiel,“ sagte die Cousine, „und wenn dein König immer meinen heimlich gefangen nimmt, mag ich nicht,“ sagte die Cousine. Renée dachte: sie ist so pimpelich, und natürlich geht es besser mit Puppen. Es ging auch. Man konnte Papierpuppen spielen. Es war eine wundervolle Sache, wie schön man das konnte. Einer sprach für den Mann und der andere für die Frau, und es gab Eltern und Familien. Und wenn die Eltern nicht die Heirat zugeben wollten, dann erschoß sich der Mann. Aber manchmal sagte die Cousine hinterher, es wäre doch nicht tödlich gewesen. Dann lebte der Mann wieder.

Nun kam die Cousine mit auf die Ponyfahrten. Und wenn Papa ausgestiegen war, hockten sie sich ganz dicht zusammen und spielten das neue Spiel mit den Papierpuppen. Es war schön und wild und traurig und furchtbar geheimnisvoll. Es wurde weitergeführt durch ganze Generationen. Renée zeichnete dafür einen Stammbaum auf einem großen Blatt genau so wie der in der Chronik der Cattes – und es gab Vornamen, die immer wieder der älteste Sohn tragen mußte. So kam es, daß Renée die Dinge, die wirklich waren, ganz vergaß, und darum dachte sie auch nicht mehr an das mit der ‚Freundin‘. Einmal fiel es ihr ein; Papa hatte sie beide mit dem Pony nach Haus geschickt, und sie saßen hinten auf den Kutschersitz geklemmt, während der Wagen leer war. Renée sagte: „Hast du eine Freundin?“ „Nein,“ sagte die Cousine. Renée machte eine Pause – „nämlich die eklige Altmann sagt, es wäre, weil ich ungezogen bin. Sie lügt. Sie will mich bloß ärgern.“ Die Cousine sagte: „Ja.“ „Willst du mit mir Freundin sein,“ frug Renée. Da nickte die Cousine. Renée sagte: „Gib mir also ’n Kuß.“ Sie bemühte sich, daß es recht gleichgültig klingen sollte, sie dachte: es gehört dazu, es muß so gemacht werden – nur sie genierte sich ein bißchen.

Dann sah Renée bald, daß es hübsch war, eine Freundin zu haben. Man war auf einmal zu zweit. Man konnte die Lange doppelt ärgern zu zweit. Man konnte vor Lachen ersticken zu zweit bei Tisch. Renées große Schwester räusperte sich, dann sagte sie tadelnd: „Kinder, seid doch nicht so maßlos albern.“ Daran sahen Renée und die Cousine sich an und pruschten von neuem. Die Lange bekam einen rosa Fleck an der Spitze ihrer Nase und sagte: „Still, Renée, sonst erhältst du keine süße Speise.“ Renée sagte: „Ist mir ganz wurscht!“ Wenn es bei diesem Punkt angekommen war, hob Papa den Kopf und sah Renée an. Seine Augen rollten und waren zweimal so groß als für gewöhnlich – Renée sah eigensinnig gerad in die rollenden Augen hinein. Aber sie schwieg, und sie fühlte ihr Herz klopfen.

Ein bißchen unheimlich war Papa überhaupt. Aber er war doch ‚ihr Papa‘, und sie glich ihm im Gesicht. Elisabeth glich ihm nicht. Renée dachte: vielleicht ist Elisabeth gar nicht eine richtige Tochter von Papa. Er hat sie auch nicht besonders lieb. Aber Elisabeth wurde immer gelobt, wenn andere Leute da waren. Die alte Tante aus Pritzwalk hatte gesagt: ‚Elisabeth ist Renée eine zweite Mutter.‘ Aber das ärgerte Renée. Da hing ein Bild von Mama im braunen Zimmer zwischen den Fenstern. Stille, helle Augen hatte Mama gehabt und ein sehr schmales Gesicht. Sie hatte blondes Haar gehabt und einen feinen, anmutigen Mund. Elisabeth sah ganz anders aus. Sie war gar nicht schön, und Mama hatte doch ‚die schöne Frau von Catte‘ geheißen. Renée dachte: gewiß gleicht ihr Hannsbabo, der große Bruder. –

Renée hatte ein blaues Heft, darin standen Nummern – da war Nummer eins Hannsbabo, Nummer zwei Papa, Nummer drei Wöhler und so weiter. Sie änderte es manchmal, aber Wöhler war doch mindestens Nummer drei. Wöhler war ein famoser Kerl. Wenn sie Hechte angelten und Renée wollte immer zu früh herausziehen, als ob Wöhler da nur muckste. Er wartete, bis das Floß ein paar Minuten unsichtbar war, er sagte: ‚he möt erst festseten.‘ Renée war zu dumm – immer riß sie zu früh heraus, und dann ließ das Biest los und hopste wieder ins Wasser. – Renée konnte viele Stunden lang da am See sitzen, dann dachte sie so vor sich hin, und wenn sie wieder hinsah, steckte die Angelrute mit der Spitze im Wasser, als ob das die Fische nicht merkten! Renée angelte – aber manchmal schlief sie ein wenig dabei – wenigstens dachte sie an ganz andere Dinge. – Daß es wirklich Züge gab, die einfach so von Berlin bis nach Palermo fuhren. Palermo war auf einer Insel und man konnte hinkommen, ohne umzusteigen. Den Zug hatte Renée einmal gesehen auf dem Bahnhof, von außen war er braun und innen war er mit Lederwänden und Gold und Spiegeln. –

Renée saß im Kahn und patschte mit dem Ruder. Dieser Kahn hieß Äppelfuhre, und es gab noch ein weißgestrichenes Kielboot außerdem. Die Cousine hielt Renées Angel, und alle zwei Minuten zog sie daran, um zu sehen, ob ein Fisch anbisse. Natürlich biß keiner an. Renée sagte: „Möchtest du Weltreisender werden?“ Die Cousine lachte. „Wieso denn?“ Renée dachte gerade an den Expreß nach Palermo. „Dann reist man immerzu mit Expreßzügen Tag und Nacht durch. Man wohnt richtig darin.“ „Das könnte ich nicht,“ sagte Felicitas. „Weißt du“ – Renée patschte mit dem flachen Ruder auf das Wasser – „weißt du, dein Name ist so dumm. Ich werd dich Fly nennen. Das ist von einem englischen Gedicht. Ich könnte dich auch Fee nennen. Aber so heißt ein Pferd von Hannsbabo. Also geht es nicht.“ – Fly machte ein pikiertes Gesicht. „Übrigens, Hannsbabo ist riesig schick,“ sagte Fly. „Unsinn, er ist viel mehr als so was Dummes,“ sagte Renée, „und ich habe ihn furchtbar lieb.“

Fly war zwei Jahr älter als Renée. Fly trug Hutnadeln. Renée dachte: Wie man es nur macht, daß es nicht in den Kopf geht? –

Am Sonntag kam Hannsbabo. Und Renée durfte ihn von der Bahn abholen. Als der Wagen aus dem Dorf heraus war, stieg Renée auf den Bock und kutschierte. Wöhler hielt bloß die Zügelenden. Sie sprachen von Hannsbabo. Wöhler sagte: „Der Herr Leutnant hat’s schwer, sag ich immer. Herr General hält ihn zu knapp, und das tut nicht gut in so einem feinen Regiment. Ich hab’s zu Herrn General gesagt, der wollte man nicht hören. Herr General, hab ich gesagt, als er ihn bei die Kürassiere brachte, das war zu unsre Zeit eben anders. Bei die Gardekürassiere braucht einer seine zehn- bis zwanzigtausend.“ – Renée war ganz betreten von dem vielen Gelde und ob denn Hannsbabo wirklich so viel brauche. – Wöhler zuckte die Achseln. „Herr General sagt, da täten sechse langen,“ antwortete er, „da soll er man zusehen.“ Irgendwo im Dorf kläffte ein Hund. Der Wallach machte einen Satz, die Stute kniff die Zügel unter den Schwanz und quiekte.

Renée hielt, so fest sie konnte.

Als Wöhler die Füchse wieder zurecht hatte, riß er sie nochmal ingrimmig ins Maul und brummte: „Nich mal besprechen kann man sich bei sone Biesters.“ – Am Bahnhof kam der große Bruder Renée entgegen. Er strich ihr übers Gesicht mit der Hand und zog an ihrem Haar. „Natürlich hast wieder mal ne Mütze auf, du Bub,“ sagte er. „Es drohte doch so mit Regen.“ Hannsbabo lachte. Renée saß sehr stolz neben dem großen Bruder. Sie schielte heimlich nach den Leuten, ob sie ihn auch recht ansahen. „Der Mann im Kolonialwarenladen hat gesagt: Kommt der Herr Leutnant nicht bald mal wieder,“ erzählte Renée „Er sagt: Mir macht’s immer Freude, wenn ich den Herrn Leutnant seh.“ Das erzählte Renée sehr stolz. Der große Bruder lachte. Er sagte: „Der olle Heringsbändiger,“ und dann sagte er noch, solche Leute wären immer ganz futsch, wenn sie zweierlei Tuch sähen. – Während der Fahrt betrachtete Renée ihren Bruder heimlich von der Seite. Sie fand, daß er traurig aussah.

Einmal zog er plötzlich etwas aus der Tasche und zeigte es Renée. Es war die Photographie einer Frau als Page verkleidet. Es gefiel Renée. Sie frug: „Wer ist es?“ aber der große Bruder legte die Finger an die Lippen und antwortete nicht. – Dann erzählte er eine Menge lustiger Geschichten und daß der Kommandeur wohl bald abgesägt würde, so ein Greis der nur gezwungen auf ein Pferd stiege. Und er sagte, daß er jeden Abend in ein und dasselbe Theater ginge, und da sähe er die schöne Frau von der Photographie, und er nähme Renée mit, wenn sie groß wäre.

Am Abend hörte Renée laute Stimmen in Papas Stube. Sie schlich sich an die Tür. Papa lief hin und her im Zimmer, wie er tat, wenn er böse war, und manchmal blieb er stehen und schlug dröhnend auf den Tisch. Und sehr selten dazwischen hörte Renée ihren Bruder sprechen in ruhigen, kurzen Sätzen. – Sie lief in den Garten, wo der große, weiße Mond über dem See war, und als sie da lange gestanden hatte, fing sie an zu weinen. Es kam vom Mond und vom Abend und weil Hannsbabo so viel Kummer hatte.

Hannsbabo fuhr bald wieder fort. Er kümmerte sich um niemanden in den Tagen, er lief nur so im Garten herum oder im Wald. Aber Renée merkte, daß er traurig war.

Dann frug sie Elisabeth: „War Papa schlecht gewesen gegen Hannsbabo?“ Elisabeth sagte: „Bewahre. Es gibt eben manchmal Meinungsverschiedenheiten, und Hannsbabo wird schon einsehen, wenn er einmal reifer geworden ist, wird einsehen, daß Papa recht hat.“ Renée sagte: „Papa ist immer gleich so bös und so laut und das verträgt Hannsbabo nicht. Wenn Mama noch lebte, dann wäre es besser für Hannsbabo.“ Elisabeth zuckte die Achseln. – „Wie du altklug daherredest,“ sagte sie. Sie sagte auch noch, daß es sehr unschicklich sei, derartige Urteile über seinen eigenen Vater zu fällen und daß Renée sich dessen enthalten müsse. Renée sah ihre Schwester an, wie sie während dieser Reden die Oberlippe auf der Unterlippe herumschob, gerade als ob sie kaute, und Renée mußte lachen. Es schien, daß Elisabeth sich sehr darüber ärgerte. –

Fly – eigentlich war Fly etwas langweilig. Sie saß im Kahn und las: ‚Trotzige Herzen‘. Das war gerade eins von den Büchern, die Renée gräßlich ärgerten. Wo immer die Leute sich unsinnig liebten und aus lauter Trotz stumm aneinander vorbeigingen. Fly fand das ‚mystisch‘. Fly sagte: „Ach Gott, sie lieben sich so rasend, und dann sprechen sie es erst auf dem Totenbett aus –“ Renée lachte: „Das ist doch furchtbar albern von ihnen,“ sagte sie, „wenn sie sich lieben, können sie doch den Mund aufmachen.“ Fly meinte: „Ach, Renée, du hast ja gar kein Verständnis für diese, die es immer nicht eingestehen will und zu stolz ist, um sich hinzugeben.“ Renée ärgerte sich, und überhaupt war es Quatsch, was Fly redete. Fly war langweilig und dann war es einsam. Renée lief durch den herbstlichen Garten und weinte, obwohl gar kein Grund war. –

Der neue braune Jagdhund im Stall, der war nicht schön. Er verstand von nichts. Er hopste so dumm an jedem hoch und wedelte, während Uncas sich seine Leute erst angesehen hatte. Was sollte Renée tun den ganzen Tag? Sie saß bei der Angel und sah auf das kleine, rote Floß. Wenn Sonne war, unterschied man deutlich die Fische, und dann hielt Renée ihnen den Köder ganz dicht hin, so daß sie daran stießen. Wenn einer festsaß, dann schrie sie nach der Köchin. Sie konnte keinen Fisch anfassen. Es war furchtbar zimperlich, daß sie es nicht konnte, aber die Fische rochen so ekelhaft. –

„Hannsbabo hat ein Kommando nach Washington bekommen,“ sagte Papa bei Tisch. Renée frug: „Wie lang fährt man da hin?“ Papa sagte: „Acht Tage, mein Kind, mit einem großen Ozeandampfer.“ „Gibt es da auch einen Kaiser?“ „Nein,“ sagte Papa. „Die Vereinigten Staaten haben republikanische Verfassung. Das könntest du auch wirklich wissen.“ – Elisabeth machte ein befriedigtes Gesicht. Sie sagte: „Weißt du, Papa, ich erhoffe mir wirklich Gutes daraus für Hannsbabo.“ Papa sagte: „Ach Unsinn. Zu meiner Zeit trieben sich Kavalleristen nicht mit so albernen Kommandos in der Welt herum. Aber heutzutage ist der Frontdienst ja nicht bequem genug für die jungen Herren, da wollen sie lieber in Amerika Briefmarken aufkleben.“ – „Wieso Briefmarken?“ frug Renée. Papa lachte. „Na – du klebst doch auch so gern Briefmarken,“ sagte er.

Nun war Fly wieder fort. Nicht daß Renée Sehnsucht hatte nach ihr. Bewahre. Aber es war gut, daß Fly dagewesen war. Denn wenn die Altmannsche anfing: „Natürlich hast du keine Freundin ...“ dann sagte Renée: „Das ist nicht wahr, Fly ist meine Freundin.“ „Ich wollte, du nähmest dir dann wenigstens ein Beispiel an Fly,“ entgegnete die Altmann spitzig. Renée haßte ‚Beispiel nehmen‘. Alle Leute wurden einem verleidet damit. Das war das Ganze. Man konnte nachher die ‚Beispiele‘ nicht mehr leiden. –

Hannsbabo kam zum Adieusagen. Er war in Zivil; einen wunderschönen Schlips von lila Seide hatte er und ein goldnes Armband. Renée frug: „Wann kommst du wieder, Hannsbabo?“ Er sagte: „In ein paar Jahren.“ „Dann bin ich schon erwachsen, und dann mußt du auf Bällen mit mir tanzen.“ Hannsbabo küßte Renée. „Ich wollt, ich könnte dich mitnehmen, kleiner Bub Renée. Willst du denn durchaus so was werden, was man eine junge Dame nennt?“ „Ach; so was Affiges werd ich doch nie, Hannsbabo.“ Dann sagte Renée: „Hast du das Bild noch in der Tasche?“ Hannsbabo zog es vor aus seiner Brieftasche und lächelte, während er es ansah. – „Sie wollte nicht mit mir fortgehen, mein kleiner Bub Renée. Ich hätte sie schon gern mitgenommen.“ „Wer ist es denn?“ Hannsbabo stieß einen kurzen Ton aus – wie ein Lachen, das er eigentlich nicht haben wollte. „Es ist eine junge Sängerin,“ sagte er, „ich liebe sie.“ „Heiratet ihr euch nicht, Hannsbabo?“ Hannsbabo sagte: „Nein – nicht.“ –

Sie gingen zusammen zurück zum Haus.

Hannsbabo rupfte Blumen, wo sie vorüber gingen und warf sie zur Seite und spielte mit seinem Armband. Renée frug: „Aber warum heiratest du sie nicht?“ – Die anderen Erwachsenen, – so dachte Renée – würden jetzt sagen: Das verstehst du nicht – was wohl nun Hannsbabo sagen würde. – Hannsbabo streichelte Renées Haar: „Mein kleiner Bub Renée –“

Nach vierzehn Tagen kam eine Karte von Hannsbabo. Es kam von New York und es war eine große Brücke darauf abgebildet. Er schrieb, daß es sehr hübsch sei drüben, und es gäbe Häuser mit dreizehn Etagen. –

Papa hatte einen Brief bekommen. Bei Tisch sagte er zu Renées großer Schwester: „Na, gottlob scheint er sich ja beruhigt zu haben.“ Elisabeth lächelte dazu; sie sagte: „Er wird schon Vernunft annehmen.“ Renée hörte es. Renée dachte: Er hat die Frau doch lieb – – und gewiß hatte Hannsbabo es niemandem gesagt als ihr. –

Als Renée älter war, fiel ihr manchmal dies oder das ein, ein Wort oder ganze Sätze und Geschehnisse. Auf einmal verstand sie das. Es war so, als ob es in der Schublade gelegen hätte, wo nichts herankam, und wenn Renée die Schublade aufzog, dann verstand sie. Die Erwachsenen hatten das Kind gar nicht beachtet, und das Kind wurde groß und beachtete die Erwachsenen und begriff. Renée dachte: Elisabeth tut, was sie will. Sie ist gar nicht so brav, nur sie tut alles hinter Papas Rücken. Als Papa das nicht wissen sollte, daß der Kutscher zu der Köchin eingestiegen war in der Nacht, da hat sie ihm die Kratzen an der Mauer direkt gezeigt – schlau ist sie, dachte Renée – sie hat dann gesagt, Karo wäre immer da hochgesprungen. Aber Karo hatte das noch nicht einmal getan.

Wenn etwas geschehen war, das Papa ärgerte, dann erzählte Elisabeth es so, daß es sich ganz wohlgefällig ausnahm; und dann war so was doch eine Lüge. Eigentlich sicher – dachte Renée. Denn was war lügen? Wie kam es? Man tat es meist aus Angst. Aber dann dachten die Leute auch, man täte es, wenn man es gar nicht tat. Immer wenn sie Renée irgend etwas aufhalsten, was sie nicht schuld hatte, dann glaubten sie, daß Renée löge. Und wenn man sich verteidigte, dann schrieen sie: ‚Sie macht das Verbrechergesicht‘. Und es war doch bloß, weil sie Renée ungerecht beschuldigten. Und dann wurde doch jeder Mensch böse. Manchmal stellte sich Renée vor den Spiegel – sie wollte sehen, wie das aussah, was sie Verbrechergesicht nannten. Sie tat es lange und oft. Aber nur heimlich, wenn niemand dabei war. Denn sonst war es eitel.

Wie sah sie aus: ihre Augen waren groß und rund, von graugrüner Farbe, hatten lange Wimpern und breite dunkle Brauen. Ihre Nase war ein wenig klein: ‚die kleine, dumme Nase‘, sagte Hannsbabo manchmal. In die Stirn fiel ihr eine Strähne Haar. Das gefiel Renée. Wenn nur ihr Haar ein bißchen lockig wäre wie das von Fly, wenn es nicht so ganz hart und grob wäre. –

Im Winter kam Renée in die Schule.

Man brauchte sich doch gar nicht weiter zu fürchten vor der Schule. Die andern wußten auch nicht viel mehr als Renée. Und die Lehrerin schimpfte abwechselnd, so daß sie schließlich die Reihe herum kam. Sie sagte: „Setz nicht immer ein so impertinentes Gesicht auf, Renée von Catte.“ „Das tu ich gar nicht“ Die Lehrerin schrie: „Du tust es wohl, du tust es mit Absicht.“ Anscheinend ärgerte die Lehrerin sich recht. Natürlich konnte man nun oft das Gesicht machen, damit sie sich ärgerte. –

Fly war da. Papa hatte sie eingeladen für den Winter. Fly war schon sehr erwachsen, und Renée fand, sie trug so affige Kleider, daß sie gar nicht mehr nett aussah. Und immerzu redete Fly von Männern. „Weißt du,“ sagte Fly, „mein Marinefähnrich ist goldig. Du müßtest ihn sehen. Übrigens sagt er, Hannsbabo hätte riesige Schulden, darum ginge er nach Amerika.“

Beinah kamen Renée die Tränen. Sie ärgerte sich. Wie dumm und empfindsam sie war. „Dein Fähnrich ist ein ganz alberner, grüner Bengel,“ schrie sie, „Hannsbabo war’s zu langweilig hier, und darum ist er fort nach Amerika. Du bist eine Gans.“ Fly sagte: „Gott, Renée du bist immer gleich so ausfallend.“ „Na ja, aber seitdem du für Männer schwärmst, quatschst du so viel,“ antwortete Renée. Fly lächelte. Renée aber beschloß, es wäre nun aus mit dieser Freundschaft. –

Die Schule war fein. In den Stunden mit der Altmann war es gräßlich langweilig gewesen. Man hatte verschlafen nach dem Gekräh der Hähne gehört – und stundenlang war da diese trockene, quietschende Stimme von Fräulein von Altmann. Renée erinnerte sich so genau. In der Schule mußte man aufpassen, und außerdem konnte man schwätzen oder Zettel schreiben und sowas, wenn man nicht aufpassen wollte. Schlafen brauchte man deshalb noch lange nicht. In den Pausen gingen zwei und zwei zusammen herum, bis es klingelte. Aber erst stand Renée immer allein, denn sie genierte sich so. Aber mit einer wäre Renée gern gegangen. – Sie war blond und sah sehr stolz aus. Renée schwärmte für sie, so wenigstens nannten es die andern. Edelgard hielt sich ein wenig fern von den andern, aber sie war sehr geachtet und wurde immer zu Rate gezogen, wenn es irgend etwas gab. Wenn Renée zur Schule ging morgens, dann wartete sie immer an der Brücke: dort mußte Edel vorüber. Renée sah den Weg herunter, und wenn sie Edel kommen sah – wie leicht sie Edel erkannte – dann kam eine Unruhe über sie, und auch ihr Herz begann zu klopfen. Grade wie ‚schlechtes Gewissen‘ fühlte das sich an. – Und wenn sie Edel auf der Straße begegnete, dann war es auch so und eigentlich noch mehr, und Renée wurde dunkelrot und neigte den Kopf ganz tief beim Vorübergehen. –

Was war das nun? Ob es dasselbe war wie mit Flys Marinefähnrich? Renée würde Fly einmal ausfragen. – Fly sagte: „Weißt du, ich nehm dich einfach mit, wo wir uns treffen.“ „Wo ihr euch trefft?“ Fly lachte überlegen. – „Allerdings. Aber dein Ehrenwort, daß du nicht petzt.“ „Nein, das tu ich bestimmt nicht.“ Fly sah sich vorsichtig um. – „Also morgen hab ich Kunstgeschichte im Museum. Da kommt er um zwei hin. Es fängt nämlich erst um drei an. Da merkt es doch kein Mensch. Man sieht nie jemand Bekannten im Museum.“

Sie fuhren zum Museum. Sie sollten zwar eigentlich gehen, weil es gesunder war, aber so sparte man Zeit. Renée ging hinter Fly her in das große Tor hinein. Ob nun Fly dies hatte, was vom Schwärmen kam – die Unruhe und das Klopfen? Fly ging seelenruhig auf den Marinefähnrich los, und der küßte Fly die Hand und überreichte ihr ein Veilchensträußchen. Und dabei wurde er dunkelrot. Fly wurde auch schließlich rot. Aber lange nicht so sehr. – Es war doch noch anders als mit Edel, fand Renée.

Renée machte ein Gedicht. Es war in der französischen Stunde. Dort ging es am besten, denn Monsieur kümmerte sich nicht darum, was man tat. Das Gedicht fing an: ‚Die Sonne küßt dein goldenes Haar‘. Wenn man doch Edel einmal küssen könnte. O, wie schön das wäre. Am besten, ohne daß sie es merkte. Aber das ging nicht. Oder ob Renée Edel bitten konnte? Nein, nie konnte sie so etwas tun. –

An den Abenden saß Renée am Fenster, sah den roten Schein vom Sonnenuntergang und dachte sich Geschichten aus. Meist kam Edel darin vor. Und es war irgend ein Unglück. Dann kam Renée und rettete Edel und mußte daran sterben. Sie konnte den ganzen Tag ihre Gedanken damit ausfüllen.

Zu Haus war man Edel nicht sonderlich wohlgesinnt. Elisabeth sagte: „Dies ewige überspannte Gequatsch von der Edel.“ Papa schalt über das viele Auslaufen. Aber Renée ließ sich gar nicht davon abbringen. Bewahre! Wenn es ihr doch Freude machte! Sie stand früher auf morgens, und holte Edel ab zur Schule, und sie brachte Edel heim, und sprang schnell auf eine fahrende Elektrische, um zeitig zurückzukommen. Und es war ein sonderbar unruhiges Gefühl dabei. Weil es ein bißchen gefährlich war, auf fahrende Bahnen zu springen. Aber zu Haus merkte es niemand, und Gefahr war sehr gut, wenn man jemanden lieb hatte.

Einmal stand Renée in der Garderobe und zog ihren Mantel an. Sie hörte hinter sich Edel sprechen. Renée stand ganz still. Edel also lud eine von den andern ein zum Sonntag um vier Uhr. Renée wartete. Dann trat Edel neben sie. „Willst du Sonntag um vier zu mir kommen?“ frug Edel. Renée nickte. Sie konnte nichts sagen. Sie konnte nicht – aber Edel schien auch nichts weiter zu erwarten. – Und nun ging es so langweilig langsam bis Sonntag.

Bei Edel gab es sehr viel Kuchen und nachher Sekt. Es war furchtbar fein, fand Renée, denn Elisabeth gab immer bloß so was, was Kinderbowle hieß und gräßlich schmeckte. Nachher tanzten sie. Natürlich hätte Renée Edel gern aufgefordert. Aber sie konnte nur als Dame tanzen. Zu dumm. Aber auch das konnte sie eigentlich recht schlecht. Und sie genierte sich. So kam es, daß sie immer bloß herumstand. Dann kam Edel. Sie sagte: „Wollen wir tanzen?“ „Aber ich kann gar nicht.“ Edel sagte: „Ach, das wird schon gehen.“ Dann tanzten sie. Sie hörten ziemlich bald wieder auf. –

Zu Hause sagte Renée: „Papa, ich möchte Tanzstunden haben.“ Papa murmelte irgend etwas, ob denn etwa der Blödsinn jetzt bereits losgehen solle. Elisabeth sagte: „Ach, Papachen, es wäre eigentlich sehr gut. Renée ist zu tollpatschig.“ Also erlaubte Papa. Seinetwegen könnten sie aufstellen, was sie wollten, – ihm sei die ganze Affäre zuwider. –

Renée sehnte sich – vielleicht nach Hannsbabo –

Der hatte immer mit ihr gesprochen wie mit einem erwachsenen Menschen. Er hatte nie gesagt: ‚Das verstehst du nicht!‘ Er hatte auch nie Französisch gesprochen, damit Renée es nicht verstände. Und Renée sehnte sich nach ihm. Sie dachte: wie taktlos sind immer die Erwachsenen gegen die Kinder. So unbedacht. Und solange man Kind war, fühlte man immer, daß man den Erwachsenen im Wege war bei ihren Dingen. Darum war man so einsam. Wenn sie doch einmal gut mit einem gesprochen hätten.

Wenn Mama noch lebte, dachte Renée, sie hätte sicher gut mit mir gesprochen. Sie hätte gesagt: ‚Komm zu mir, meine kleine Renée‘, wenn Renée traurig war. Ja, so etwas hätte Mama dann wohl gesagt. –

Wenn man ein Kind war, verteidigte einen niemand. Der Geographielehrer hatte gesagt, daß Renée gelogen hätte, und als sie es zu Hause erzählte, kümmerte sich niemand darum. Und sie hatte doch gesagt, sie würde es schon ihrem Papa sagen. Und Papa hatte sich gar nicht darum gekümmert. Die Tanzlehrerin hatte Renée einen ‚unabgeführten Jagdhund‘ genannt. Das war lange nicht so schlimm. Aber eigentlich mochte Renée nun nicht mehr. –

Edel sollte in Pension kommen. Edel erzählte es Renée. „Es wäre doch fein, wenn du auch dahin kämest,“ sagte Edel. „Kannst du es nicht so drehen?“ „Ich werd schon. Ich möchte wahnsinnig gern.“ Edel sagte: „Soll ich mal meine Mutter zu euch schicken, daß sie’s der Elisabeth einredet?“ „Ach ja, Edel!“ „Na, bin ich gut, Renée?“ frug Edel, und sie sah Renée an, so ein bißchen schief von der Seite. „Ach, Edel, süß bist du.“ Renée murmelte noch was hinterher. Das sollte Edel nicht hören. Es war: „Ich hab dich gräßlich lieb.“

Renée quälte ihre Schwester den ganzen Tag. Sie wollte in Pension. Elisabeth sollte es Papa sagen. Renée würde furchtbar vernünftig werden in der Pension. Sie versprach die unausführbarsten Dinge. Sie arbeitete daran. Sie setzte alles ein. Wenn Papa sagte: „Renée ist noch so kindisch“, oder wenn Elisabeth Renées Unordnung tadelte, immer fuhr Renée heraus: „Ja, wenn ich in Pension wäre.“ Allmählich wurde es eine feste Redensart: In der Pension wird Renée ...

So wurde es. Und dann endlich war es so weit.

Eine alte, unangenehme Dame empfing Renée. Sie drückte Renée furchtbar die Hand und sagte: „Ich freue mich so, mein liebes Kind, daß dein verehrter Vater dich uns anvertraut hat.“ – Renée antwortete: „O ja.“ Die alte Dame hatte etwas Lähmendes. Wenn man eben aufgeregt über irgend etwas sprach, dann verstummten alle, sobald sie sichtbar wurde, man legte Messer und Gabel hin, wenn man merkte, daß sie einen ansah. Was war es? Renée frug Edel, und Edel meinte, solche Empfindungen hätte sie allerdings nicht, aber es sei eine widerwärtige, alte Katze. Und die englischen Mädel, die da waren sagten: ‚Oh yes, that’s it!‘ Aber vielleicht sagten sie es nur aus Höflichkeit. –

Renée und Edel waren in einem Zimmer und zwischen ihnen stand das Bett einer Engländerin. Es war die einzige, die Deutsch konnte. Die anderen lernten es niemals. Renée mochte sie alle gern. Aber manche waren richtig schön. Manche waren so schön, daß man sie ganz lange ansah: Aber keine hatte so dichtes, goldenes Haar wie Edel. Nein, natürlich nicht.

Gar noch nicht lange war Renée da. Da bemerkte sie etwas sehr Ungewohntes. Es war dies: die anderen hatten sie gern – sehr gern. Und Renée erfuhr es so: Als sie eine Woche da war, hatte die Lehrerin sie gescholten. Renée machte ein böses Gesicht natürlich. Alle sahen es. Die Lehrerin sagte: „Ich verbitte mir das Gesichterschneiden, wenn ich dir eine Rüge erteile.“ Renée sah sie noch böser an und sagte: „Ich schneide nicht Gesichter.“ Auf einmal hörte sie die anderen murmeln und zustimmen. Die Lehrerin ignorierte das. – Renée war begeistert. Sie hatten ihr geholfen. Sie standen zu ihr. –

Am Abend, als sie die Schulstube aufräumten, hielt Renée eine richtige Ansprache und dankte für den Beistand. Sie sagte: „Es ist anständig, wenn wir einander immer helfen und beistehen.“ Und die andern schrieen Beifall.

Nach einer Woche wurde Renée zur Vorsteherin gerufen. Die Vorsteherin redete. Sie redete eine ganze Weile, ohne daß Renée richtig aufmerkte. Dann frug sie, ob Renée Süßes gegessen hätte, als sie schon zu Bett gegangen waren. Sie hatten natürlich. Wem die Süßigkeiten gehört hätten? Die Süßigkeiten hatten Edel und der Engländerin gehört. Renée hatte überhaupt nur ein Praliné gegessen. Die andern hatte sie aufbewahrt. Edel hatte drei Stück Kuchen gegessen und Alice sieben. „Es gehörte mir und Alice,“ antwortete Renée. „Ihr solltet euch schämen, solch eine Ungezogenheit,“ keifte die Vorsteherin, und schließlich schnappte ihre Stimme über. Renée durfte wieder gehen. Am Abend kamen alle zu ihr und bedauerten sie und küßten Renée zur Nacht. Es waren recht viele. Edel küßte Renée nicht. Und Renée hätte doch viel besser schlafen können. –

Wieder war Renée heruntergerufen worden. Die Vorsteherin saß in einem winzigen rosa Sessel und redete und knüllte ein Papier in den Händen. Sie sagte, Renée verdürbe den Ton unter den Zöglingen und die Disziplin, und sie sagte, daß Renée die Herrschaft an sich risse. Renée hörte zu. Sie hörte alles, was sie getan haben sollte, ohne sich darum zu kümmern. Es war ihr auch nachher, als hätte sie es gar nicht gehört. – Sie dachte an Edel.

Die Vorsteherin hatte gesagt, nun müsse Edel sorgen, daß Renée und Alice nicht mehr diese häßlichen Heimlichkeiten trieben. Das hatte sie gesagt. Und Edel hatte geschwiegen. Und daran dachte Renée.

Am Abend entstand ein großer Aufruhr. Die allerbesten und allerbravsten, die genau so sanft waren, wie es die Vorsteherin von ihnen erwartete, wurden ganz wild und böse. Und eine sagte: sie wollten heruntergehen und für Renée eintreten und Renée reinwaschen. Renée sagte: „Geht lieber nicht, jetzt ist sie zu giftig.“ – Und Edel hatte nicht gehen wollen, um für Renée zu sprechen. –

Es kam ein Brief mit einer amerikanischen Marke, Hannsbabo schrieb: ‚Liebe, kleine Schwester! Hannsbabo hat sich verlobt mit einer sehr schönen und eleganten Amerikanerin, die bald mit ihm zu Euch hinüberkommt. Sie heißt Sarah Mc Lean und grüßt Renée, von der ich ihr viel erzählt habe. Schönen Gruß, lieber Bub Renée.‘ – Wie gute Briefe konnte Hannsbabo schreiben. Gerad so, als ob er da wäre. Gerad so – und Renée schrieb ihm einen langen und umständlichen Glückwunschbrief und Grüße für Sarah. – In Wahrheit war sie traurig; denn nun würde Hannsbabo sich gewiß nicht mehr um sie kümmern, wo er eine Frau bekam. Und er hatte die andere Frau auf der Photographie doch nicht so lieb, wie Renée geglaubt hatte. –

Ostern kam Renée aus der Pension.

Die Trennung war gar nicht so schlimm, wie Renée dachte. Denn nun freute man sich doch, daß man erwachsen war und tun konnte, was man wollte, und daß es ein Ende hatte mit dem Herumkommandiertwerden. Nur von Edel fortgehn, war ein wenig schwer. Es war ein besonderes Leid dabei und eine Bitterkeit. –

Zu Haus war ein Zimmer für sie allein gerichtet worden. Der Garten war noch sehr öde, und Renée fühlte sich allein, weil es niemanden gab, dem sie hätte erzählen können. Sie fühlte dies ‚Erwachsensein‘, auf das man sich so freute, als etwas Fremdes und Lästiges. Und fremd waren ihr die umgeräumten Zimmer, in denen sie auf einmal wohnen sollte. Und dies: sie sah diejenigen, die ihr früher Autorität gewesen waren, anders an. Sie hatte etwas Revolutionäres mitgebracht. Elisabeth war enttäuscht, in der heimkehrenden kleinen Schwester einen Menschen mit eignem Wollen und eignen Gedanken zu entdecken; der konnte wohl möglich mehr vom Leben verlangen, als es Elisabeth recht war. Und darum machte Renées Auftreten ihre Schwester mißtrauisch. Papa war, wie er immer gewesen. Er kümmerte sich nicht um die Entwicklungsphasen seiner Töchter. Ihre Anpassung an seinen Willen, der sich in ‚ich wünsche, daß ...‘ ausdrückte, schien ihm selbstverständlich.

Einmal hatte Renée doch ein Gespräch mit Papa. Ein richtiges Gespräch, wo beide Teile Ansichten äußerten. Nicht bloß Papa. –

Renée wollte nicht zum Abendmahl am Karfreitag. Sie hatte es lange bedacht. Und dachte, ich kann es nicht. Papa suchte sie umzustimmen. Er wanderte im Zimmer hin und her, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen blieb er am Fenster stehen mit dem Rücken gegen das Zimmer. Renée saß auf einer Sessellehne. „Es frägt ja niemand, was du dir denkst,“ sagte Papa. „Es gibt eben gewisse Verpflichtungen, denen man nachzukommen hat, und ein junges Mädchen aus unseren Kreisen muß soviel Takt besitzen“ – Wieviel Takt Renée besitzen sollte, erfuhr sie leider nicht. Weiter sagte Papa, Renée müsse die kirchlichen Gebräuche mitmachen wegen der Leute im Dorf, die das eben erwarteten. „Wenn man die Vorzüge und Annehmlichkeiten einer Lebensstellung genießen will, so muß man auch die damit verbundenen Pflichten auf sich nehmen,“ fuhr Papa fort, „und ich hoffe, daß du fernerhin dein Leben mehr von diesem Standpunkte aus betrachten wirst.“ Renée sagte: „Ich will ja gar nicht die Vorzüge und Annehmlichkeiten deiner Lebensstellung genießen, Papa, ich werde mir –“ „Unsinn,“ donnerte Papa. „Das ist unreifes Zeug. Du bist eben hineingeboren in diese Lebensstellung und damit basta.“ – Renée versuchte es nochmals. Sie holte ganz tief Atem. Sie sagte: „Aber ich bin doch alt genug, Papa, und wenn es gegen mein Gewissen geht, wenn es mir doch eine Komödie ist und ich mich geniere –“ „Ich weiß nicht, Renée, du hast seit einiger Zeit eine so überspannte, aufgebauschte Art zu urteilen und zu reden. Ich wünschte, du kehrtest etwas zu deiner früheren, einfachen Ausdrucksweise zurück. Im übrigen wünsche ich –“ Papa betonte – „daß du an der Sache teilnimmst!“ – Renée ging hinaus. Während sie die Treppe hinaufstieg, ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte wieder nicht den Mut, etwas gegen Papas Willen zu tun. Da war diese dumme Kinderfurcht. Und Renée war doch siebzehn Jahr.

Was wurde aus dem Leben? Zog es sich so ohne Sinn in die Länge, eine nutzlose Reihe von Tagen, an denen man aufstand und schlafen ging? Wo immer alles ganz anders geschah, als man wußte und fühlte, daß es geschehen müsse. Und wo man feige dabeistand und mittat! –

Die Tage im Herbst waren so lang. Manchmal noch fuhr Papa mit Renée in den Wald. Aber sie fand, daß wenig Spaß dabei war. Papa sprach kaum jemals ein Wort. Höchstens über den Pächter oder über Wachstum und Wildstand. Man hätte doch viel bessere Dinge mit Papa reden können, wenn er nur gewollt hätte. –

Elisabeth begann sich mit Renée zu beschäftigen. Es fing an mit Auseinandersetzungen, wie man sich gegen die ‚Herren‘ zu benehmen hätte. Daß man einem jungen Herrn nicht gleich beim ersten Vorstellen die Hand entgegenstrecken dürfe. Daß man es vermeiden solle, irgendwo an Wänden, Ecken oder Pfeilern allein zu stehen. „Denn,“ sagte Elisabeth, „das fällt auf, und man muß das Auffallende vermeiden in jeder Hinsicht.“

Renée hätte ganz gern gehabt, wenn Elisabeth mitgegangen wäre auf die Bälle und vor allem zu Hof. Da traute sie sich nicht recht allein. Elisabeth wollte nicht. „Weißt du, es ist so dumm und geschmacklos, wenn man mit den viel jüngeren Leuten umherspringt unter all den grünen Gänsen und mit einstimmt in die Kalberei. Außerdem langweilt es mich. An den Festlichkeiten im Hause werde ich natürlich teilnehmen. Im übrigen“ – dies sagte Elisabeth mit einem etwas hämischen Lächeln, – „im übrigen wird ja Hannsbabo mit seiner jungen Gattin im Winter wieder beim Regiment sein, und du wirst dann an Sarah eine Stütze haben. Hoffentlich geben sie dir einen recht schönen Ball, da sie ja Geld genug besitzen –“ „Hat Sarah soviel Geld?“ Elisabeth lächelte wiederum. „Und ob,“ antwortete sie, „ihr Vater war irgend so ein Petroleumkönig. Weißt du,“ – Elisabeth lehnte sich erhaben in ihren Sessel zurück – „gerade sehr feudal, wie man sagt, ist ja diese Partie nicht. Freilich die Kröten kann Hannsbabo brauchen!“ Elisabeth war so recht im Fahrwasser. „Damals, ehe er rüberging, hätte er sich beinah hier festgenagelt. Er hatte da so eine Tingeltangeleuse beim Wickel, die er absolut heiraten wollte. Na, Papa hat ihm heimgeleuchtet, Gott sei Dank –“ Elisabeth lachte. „Wie komische Ausdrücke du hast,“ sagte Renée „Und außerdem war es eine Sängerin.“ „Das sind dann immer Sängerinnen, kennimus,“ antwortete Elisabeth überlegen.

Elisabeth häkelte für arme Kinder. „Dreimal – viermal,“ zählte sie vor sich hin; dann: „Du, Renée, woher weißt du denn eigentlich davon?“ – „Oh nur wenig von Hannsbabo selbst. Und dann hörte ich Papa schelten damals. Du selber sagtest auch mal bei Tisch, es sei gut, daß Hannsbabo nun in Washington wäre.“

Elisabeth sah auf: „Was so ein Kind nicht alles aufschnappt.“ Renée mußte lachen. – „Ja, da hättet ihr euch eben mehr vorsehen müssen!“ – „Eigentlich warst du immer furchtbar schweigsam, Renée.“ „Mag sein.“ – „Und,“ fuhr Elisabeth fort mit einem kleinen, affektierten Lächeln, „mich konntest du, glaub ich, überhaupt nicht leiden?“ Renée wunderte sich. „Ach doch,“ sagte sie.

Manchmal fing Elisabeth nun mit ihr Gespräche an. Renée mochte es nicht sehr gern, aber es war immerhin amüsanter als das schweigende Herumsitzen. Zuweilen kam Elisabeth auf das Heiratsthema. „Weißt du, Renée, man muß jung heiraten,“ sagte sie. „Sonst fügt die Frau sich nicht mehr ein. Am besten gleich von der Pension in die Ehe hinein. Das ist das beste.“ „Ich glaube doch, eine Frau könnte ein wenig älter und reifer sein, ehe sie heiratet.“ Elisabeth lachte wegwerfend. „Reifer – nein, das ist höchst überflüssig und kommt außerdem von selbst. Und zum Beispiel du. Du bist doch eben aus der Pension. Kommst du dir zu unreif vor zum Heiraten?“ Renée lachte: „Eine recht verfängliche Frage. Aber ich will gar nicht heiraten.“ „Na weißt du, das sagen alle.“ Renée fand solche Unterhaltungen langweilig. Sie wollte abschneiden. „Ich wüßte wirklich nicht, warum ich es sagen sollte. Es ist eben meine Ansicht.“

Eine Weile schwieg Elisabeth. Renée vertiefte sich in die ‚Natürliche Schöpfungsgeschichte.‘ – „Renée!“ – „Ja.“ – „Weißt du,“ sagte Elisabeth, „eine Frau braucht die Liebe. Du kannst das noch nicht so beurteilen. Und für eine anständige Frau ist eben ‚Liebe‘ gleichbedeutend mit ‚Ehe‘.“ – „Die bedauernswerte!“ sagte Renée. „Gott, Renée, was du immer redest.“ Renée bekam auf einmal eine sonderbare Bekennerlust. Und sie hörte selbst verwundert das nie noch ausgesprochene Bekenntnis. Sie sagte: „Heiraten. Ich möchte wohl. Denn ich glaube, das Wundervollste des Lebens ist dies Beisammensein zweier Menschen, die so viel Vertrauen ineinander haben, daß es wird wie ein Glauben, der Berge versetzen kann. Ich möchte – oh ja. Aber mit einer Frau möchte ich Freund sein –“ „Warum denn nicht mit einem Manne? Eben darin besteht doch die Ehe,“ sagte Elisabeth erregt. „Ach, tut sie das? Meinetwegen. Aber Männer sind unfein. Sie sind grobgeboren, sie können’s nicht ändern –“ „So,“ sagte Elisabeth höhnisch, „und der teure Hannsbabo?“ Renée zögerte, dann antwortete sie: „Hannsbabo ist nicht unfein. Nur etwas gedankenlos ist er.“ Elisabeth erhob sich zu ganzer Länge. „Herrgott,“ rief sie, „Renée, du kramst ja da einen schönen Unsinn aus. Laß das bloß nicht die Herren mal hören, sonst ist dein Ruf fertig und –“ „Du sollst mich in Ruh lassen, Elisabeth, hörst du, ich will gewiß nie wieder mit einer so plumpen Person von meinen Dingen reden.“ Elisabeth schimpfte. Renée lief hinaus und warf hinter sich krachend die Türe zu. „Dies unanständige Türenschmeißen!“ hörte sie Elisabeth hinterdrein rufen. –

Renée lief in den Garten. Ekel war in ihr. Wie konnte – oh wie konnte sie ihre schönen und guten Hoffnungen dieser widerlichen Banalität preisgeben. So wenig konnte sie schweigen. Mußte alles ausschwatzen, damit ja einer es nehmen konnte und herunterreißen. Sie hatte einen namenlosen Widerwillen. –

Elisabeth verhielt sich eine Woche lang feindlich. Teils unschuldig beleidigt, teils unschuldig beleidigend. Elisabeth umsorgte Papa mit besonderer Zärtlichkeit und frug in seiner Gegenwart mehrmals Renée, ob sie beim Johannisbeer-Auskernen helfen würde. Renée haßte Einmachen. –

Auf der Veranda saß Elisabeth. Sie kernte Johannisbeeren aus mit einer Haarnadel. Neben ihr rechts stand eine Kiepe voll Beeren, links ein Topf, wo die ausgekernten hineinkamen. Renée setzte sich dazu und fing an. Man brauchte fünf Minuten für eine Beere. Am Schluß war von der Beere nur noch die Haut übrig. Sie warf es ärgerlich fort. „Ich begreife nicht, wie ihr ein so albernes Kompott machen könnt.“ Elisabeth steckte eine Beere in den Mund. „Wenn dein Vater wünscht, daß dieses Kompott bei den Exzellenzendiners gegeben wird, so wird das wohl nicht albern sein,“ sagte sie. Renée hatte Streitlust. „Red’ doch nicht so einfältig. Das ist doch Papa total einerlei. Und außerdem Exzellenzendiners“ – sie wiederholte das mit umständlicher Aussprache – „Als ob der olle Gagern und der olle Pressenthin nicht ebensogut Appelkompott essen könnten.“ – „Die Leute erwarten eben, daß es in einem vornehmen Hause etwas Anständiges zu essen gibt.“ Renée lachte. Sie sagte: „Na dann täuschen sie sich halt.“ – Elisabeth beharrte in Schweigen. –

Im Laufe des Sommers gab es zwei Ereignisse: Der neue Landrat machte Besuch, und es kam eine Einladung zum Essen nach Waldburg. –

Der neue Landrat fuhr eines Tages mit einem Schimmel-Tandem und einem rot lackierten Wagen vor, der mit rotem Leder ausgeschlagen war. Er bewies dadurch Eleganz und Wohlhabenheit. Renée wurde das Ereignis gewahr, als sie Elisabeth dröhnend ins Schlafzimmer laufen hörte, wo sie ihre Haare zu brennen begann. „Luise, meinen schwarzen Rock!“ tönte es durchs Haus. Renée weigerte sich hinunterzugehen.

Der Besuch saß also mit Papa und Elisabeth auf der Veranda. Renée guckte ein bißchen aus dem Fenster heraus und hörte jemanden mit einer näselnden Stimme in abgerissenen Sätzen reden. „Jawohl, Herr General – ganz recht. Die Geselligkeit in unserem Kreis ist etwas – hm – latent.“ – Renée zog schnell den Kopf zurück und lachte ins Zimmer hinein. War das ein Scheusal! –

Nach einer halben Stunde kam Elisabeth befriedigt herauf. „Herr von Horwitz ist ein angenehmer Mensch,“ sagte sie, „mit vornehmen, gediegenen Ansichten.“ „Gott segne ihn.“ antwortete Renée. –

Den Herrn mit den gediegenen Ansichten traf man auf dem Diner in Waldburg. Dieses Diner war Renées ‚erstes Auftreten‘. Aber man nahm sie noch nicht ganz für voll. Sie hatte einen Tischnachbar von ausgesprochener Jugendlichkeit. Er war Student. Er befand sich im zweiten Semester. Er vertraute Renée an, daß er durchaus für das Frauenstudium eingenommen sei und daß er nur jeder Dame dringend dazu raten könne. Die männlichen Kommilitonen wären von zuvorkommendster Höflichkeit, und es sei doch auch sehr interessant. Renée hörte die Schwierigkeiten der Gymnasialbildung, und es sei eben ganz was anderes als diese löcherige Mädchenschulbildung, und Renée versprach ebenfalls Medizin zu studieren, wenn es dazu käme, und sich nicht durch hochmütige Vorurteile von Verwandten davon abhalten zu lassen.

„Arzt sein, Menschenhelfer, das ist der einzige vornehme Beruf,“ sagte der Student. Er sagte: „Mein Gewissen würde nicht ruhn, wenn ich einen so unsozialen Beruf ergriffe, wie etwa den des Juristen oder des Theologen.“ – Renée wandte ein, von seinem Standpunkt aus habe auch der Theologe einen sozialen Beruf. Aber sie mußte hören, das sei – pardon, ohne ihr zu nahe zu treten – Unsinn. Der Student redete noch, als man von Tisch aufstand und redete weiter durch drei Zimmer hindurch. Renée dachte: Wenigstens viel gegessen hab ich, und er hat fast gar nichts gegessen. –

Der Student bot ihr eine Zigarette an. „Der verehrten Kommilitonin in spe,“ sagte er. Renée paffte lustig in die Luft.

Die alte Gräfin Arnim schlich vorbei am Arm ihres Schwiegersohnes und wedelte sich mit dem Fächer den Rauch aus dem Gesicht. –

Auf der Rückfahrt sagte Papa: „Renée, du hast dich, wie ich höre, höchst unmanierlich dort betragen. Ein junges Mädchen muß mehr Haltung besitzen. Merke dir das!“ – „Das Rauchen wünscht Papa auch nicht,“ sagte Elisabeth.

Hannsbabo war gekommen mit der Schwägerin. Sie war von sehr zierlicher Gestalt, sie lächelte viel, während sie zum allgemeinen Entzücken ihr Kauderwelsch redete, und sie nannte Renée: ‚Darling‘. Es war ihrem Kommen schon allerhand vorangegangen:

Elisabeth sagte: „Sie hat vier Koffer, schreibt Hannsbabo, das wird wohl die Ponykarre kaum schaffen.“ Und Elisabeth stand eine halbe Stunde dabei, als die Mädchen die Zimmer herrichteten. Außerdem waren ein Baumkuchen aus Salzwedel und mehrere Pakete aus Berlin angelangt. Ja, die Schwägerin nannte Renée: ‚Darling‘. Sie zog dabei den einen Mundwinkel schief und bekam ein Grübchen am Kinn. Hannsbabo war mit einer müden Dienstfertigkeit um sie herum. Sie empfing jeden seiner Dienste mit einem leisen, halb bedauernden ‚Oh‘ – meistens stand Hannsbabo an der Verandatür und trommelte gegen die Scheiben.

Eigentlich waren alle Leute sonderbar, während die Schwägerin zu Besuch war. Papa sprach mit einer gemäßigten Stimme, so als habe er immer ein weinendes Kind zu beruhigen, und Elisabeth erzählte mit aufflammender Begeisterung von den Reizen der Hoffeste. „Ich tue das, damit sie die Vorteile ihrer Heirat sieht,“ erklärte sie Renée. Indessen hatte die Schwägerin nur geantwortet: „Wir werden ja sehn; wir werden diesen Winter den Hof besuchen.“ Überhaupt – nun, Elisabeth würde es nochmals probieren.

Abends ging Renée mit Hannsbabo durch den Garten. Und als sie an das große, runde Rosenbeet gekommen waren, da sagte Renée: „Hannsbabo, liebst du Sarah?“ Hannsbabo wandte ihr einen kurzen Augenblick das Gesicht zu – dann lächelte er – dann legte er den Arm um ihre Schulter. „Du kleiner Bub Renée,“ sagte er. Renée schwieg. –

Als sie den Weg an der Weinmauer zurückgingen, war es dämmrig, so dämmrig, daß man nur an ihrem Duft die Rosen spürte auf dem runden Beet. – Nach dem Abendbrot erfuhr Renée, daß die Schwägerin Elisabeth eingeladen habe nach Berlin, und sie würden im Bristol wohnen, und Elisabeth strahlte. Die Schwägerin sprach den Abend hindurch und lachte und nannte Papa einen schönen alten Herrn, während Hannsbabo in den Zimmern umherging und die Bilder betrachtete, die er doch von Kind auf kannte.

In der Nacht dachte Renée vielerlei, und es fiel ihr ein, daß Hannsbabo ihr einmal die Photographie einer Frau in Pagenkleidern gezeigt hatte, und von dieser Frau träumte sie. –

So war jener Besuch verlaufen. Renée hörte Papa bei Tisch sagen, daß Sarah eine reizende kleine Frau sei, und Renée erinnerte sich nicht, solcherlei oft von Papa gehört zu haben. Papa hatte das Lob der Nachbarn geerntet. Papa hatte Genaueres erfahren über Sarahs Gelder und deren Anlage. Papa war befriedigt.

Im Herbst gab es die Vorbereitungen für den Winter, das Anprobieren, die Besuche, die Tanzstunden, und gegen den Dezember kamen Papa und Renée nach Berlin. Eigentlich ging eine ganz neue Art von Leben an. Beständig war in einer selbstverständlichen Art von Renée und ihren Bedürfnissen die Rede, und Renée sah sich als Mittelpunkt einer Anzahl von Geschäftigen; und während sie mit der undankbaren Gleichgültigkeit dessen, der nun endlich zu seinem Recht kommt, alles geschehen ließ, dachte sie an die schöne sonderbare Zukunft. –

Renée ging mit Papa die Schloßtreppe hinauf. Vor ihr und hinter ihr stiegen Frauen mit glitzernden Kleidern von schwerem Stoff, und Männer, die sich kaum regen konnten vor Goldbesatz und Troddeln. Die Treppe war viermal so breit als gewöhnliche Treppen, und an jedem Absatz standen zwei haushohe Grenadiere, regungslos wie in Castans Panoptikum. Nebenher lief in ungeheuerlichen Windungen die steile Auffahrt, auf der des Kaisers Vorfahren, Gott mag wissen wie, mit achten heraufgefahren sind. Renée hielt sich eng an Papa, der die goldstrotzenden Männer begrüßte und ab und an einer von den Frauen die Hand küßte. Er tat, als ob er sie alle genau kennte, obgleich er gleich darauf Renée mit dem Ellbogen puffte und fragte, wer es gewesen sei. –

Oben ging Papa hinter Renée her, und in einem großen Zimmer mit schwatzenden, jungen Mädchen trat er auf einen freundlichen, alten Herrn zu, dem der goldne Schlüssel auf dem linken Frackschoß klebte, und sagte, hier bringe er seine Tochter. Der alte Herr sagte: „Oh, sehr erfreut,“ und dann gab er Renée die Hand und teilte ihr mit, daß sie zwischen der Komtesse Itzenplitz und Fräulein Frida von Roeder zu gehen käme.

Als Papa fort war, sagte der alte Herr, Renée solle sich ja nicht beunruhigen, es werde ja sicher alles tadellos gehen und er werde sich nachher erlauben, den Damen noch einige Winke zu geben – dann rief ihn ‚die Pflicht des Dienstes‘. So stand Renée allein in den Elisabethkammern, hielt die große Schleppe noch genau so, wie sie ihr zu Haus über den Arm gelegt worden war und betrachtete ihren Schleier und den ganzen sonderbaren Aufputz im Spiegel gegenüber.

Man wartete ein bis zwei Stunden, währenddes gab der Kammerherr ihnen die Winke: nicht zu tief, weil sie sonst nicht wieder hoch kamen, und vor allem recht ruhig und mit einer gewissen Feierlichkeit. Von diesem Moment an sah man die Neu-Vorzustellenden würdevoll aufeinander zuschreiten und auf den Erdboden versinken. Sie erhoben sich mühsam.

Ab und zu guckten ein paar Damen und Herren durch die Tür und betrachteten die ‚Neuen‘. – –

Renée erwachte aus einem Halbschlaf, als das Schleppenende vor ihr sich in Bewegung setzte. Sie ging hinterher durch die Reihen der Pagen und Lakaien und behielt den rundlichen Rücken der Komtesse Itzenplitz fest im Auge. Dann riß man ihr die Schleppe vom Arm, die sorglich ausgebreitet wurde und von nun an wie ein wundervoller weißer Schweif hinter ihr drein kam.

Im Rittersaal hob ein Kammerherr beschwichtigend und Einhalt gebietend die Hand, und Renée wartete ab, bis die rundliche Komtesse vor den Majestäten versunken und wieder erstanden war, worauf auch sie in würdevoller Haltung sich zum Thron begab. „Fräulein Renée von Catte,“ sagte die Oberhofmeisterin vernehmlich, und während Renée den viel probierten Knix ausführte, sah sie der Kaiserin, die freundlich lächelte, gerade ins Gesicht. Der Kaiser hatte mehr ein vorwurfsvoll freundliches Aussehen. So wie: ‚Warte du, draußen lacht ihr doch!‘

Draußen lachte Renée wirklich. Sie lachte durch die sieben oder acht Gemächer und rannte mit der wohlverpackten Schleppe, so schnell sie konnte. Draußen gab es Sekt und Büfett. Aber leider wollte Papa so schnell weg mit Renée. Sie konnte nur von weitem ihre schöne Schwägerin ansehen, die eine große Krone von Diamanten auf dem Kopfe trug. – Als Papa seine Mütze aufsetzte, sagte er: „Gott sei Dank, das wäre erledigt.“ –

Bei Sarah sollte die erste Tanzstunde sein. Sarah wollte es Papa abnehmen. Diese Tanzstunden gingen die Reihe herum, und es war genau verabredet, was es zu essen geben würde. Damit man sich nicht aus Versehen übertrumpfte.

Wenn die Tanzstunde bei Major von Cramer war, dann gab es stets acht Damen mehr als Herren. Ja. Dort gab es so wenig zu essen. Hingegen bei Sarah waren die Herren komplett und brachten noch Freunde mit. Denn Sarah machte einen großen Ball daraus. Bei Sarah ging es erst los, wenn es eigentlich aus war. –

Renée bewunderte Sarah. Renée dachte: Sie ist ganz anders als die meisten Frauen, viel kleiner und so fein und so zart. Manchmal war es, daß Renée ganz böse wurde gegen ihren Bruder, weil er sich so wenig kümmerte um Sarah. Manchmal war sie ihm böse. – Also sehr prächtig war die erste Tanzstunde. Es kam dieselbe Lehrerin, die Renée einmal Jagdhund genannt hatte; sie war diesmal milde gegen Renée, und sie war böse und kampfbereit gegen die Herren, und manchmal stieg sie auf einen Stuhl, um sich verständlich zu machen.

Renée tanzte mit einem von Hannsbabos Regiment. Er hieß Schoenburg. Er war mittelgroß und blond und hatte sanfte, stahlgraue Augen. Er gefiel Renée. Renée sagte, die Tanzlehrerin sei so grob. Aber er lachte und meinte, sie sei nicht so schlimm. Er sagte: „Sie ist so grundbrav. Man wird ihr gut darum. Man muß sie gern haben, wenn man ihr zusieht.“ Dann lächelte er. „Wir sind Freunde, Frau König und ich.“ – Einmal als Frau König gar nicht durchdringen konnte, drehte Schoenburg das Licht aus. Dann erschraken alle. Dann waren sie ruhig. Frau König sagte: „Ja Herr von Schoenburg, wenn ich Sie nicht hätte.“ – Das war hübsch. Das gefiel Renée. Der wurde einer von ihren ‚guten Freunden‘. Dann gab es noch zwei. Da war der kleine Wachenhusen. Er war von den Kasseler Husaren nach Berlin kommandiert und sein hellblauer Attila sah genau aus wie seine hellblauen Augen. Er war klein und fix und lustig, und am Ende jedes Balles sagte er zu Renée: „Wir bleiben doch gute Freunde!“

Einmal hatte Renée eine ganze Weile gestanden und hatte eine sehr schöne und sehr prächtige Frau angesehen, um die drei oder vier Herren herum waren. Die also sah Renée an, und da auf einmal kam der kleine Wachenhusen zu ihr. Er sagte: „Warum sehen Sie die Gräfin Lynar so viel an, gnädiges Fräulein?“ Renée wurde ein ganz wenig verlegen, dann sagte sie sehr bestürzt: „Glauben Sie, sie hat es gemerkt?“ Der Wachenhusen lachte: „Nein, aber ich habe es gemerkt!“ – „Sie gefällt mir so gut,“ sagte Renée. „Mir auch.“ – „Sie hat eine so sonderbar spielende Art zu sprechen,“ sagte Renée. „Ja, das hat sie.“ – Sie waren beide sehr einig über die Gräfin Lynar. – Manchmal stritten sie auch. Einer sagte: „Sie war viel schöner neulich bei Wedels, als sie das goldene Kleid hatte“ und der andere: „Nein, sie ist schöner in ganz matten Farben.“ –

Renée fand es sehr lustig mit dem kleinen Wachenhusen.

Der dritte gute Freund war Rodeck. Zuerst mochte Renée ihn nicht. Er hat eine zimperliche Art von Frauen zu reden, dachte Renée. Es ist immer, als wären sie von Glas. Und immer sollen sie ihren Fuß an keinen Stein stoßen. Wenn nun der Rodeck einmal verheiratet war, gewiß lief er dann immer mit Halstüchern hinter der Frau her. Hinter der unglücklichen Frau von Rodeck. – Also erst mochte Renée ihn nicht. Dann geschah einmal etwas: Rodeck hielt eine Ansprache. Rodeck sagte: „Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, wie ich es eigentlich wage, mich mit einer großen Bitte an gnädiges Fräulein zu wenden. Mit einer Bitte, die mir viel bedeutet. Seien Sie nicht böse, wenn ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme, denken Sie nicht, ich sei unbescheiden – bitte, bitte!“ – Als die Ansprache so weit gediehen war, machte Rodeck eine Pause. Aber er sah Renée so gut und warm an, und seine putzigen, runden Augen hatten so etwas Geängstigtes, – Renée sagte: „Ja, ich will so gerne alles tun.“ Dann zog Rodeck mit beiden Händen seinen Waffenrock glatt und drehte seinen Hals ein paar Mal in dem hohen, mit Eichenlaub gestickten Kragen herum, dann sprach er weiter: „Es ist – ich habe die Ehre, wie gnädiges Fräulein wissen, am fünften bei Ihrer Frau Schwägerin und Ihrem Herrn Bruder zum Diner erscheinen zu dürfen, ja – und ich wollte sagen, ich meine, ich wollte fragen, ob die Tischordnung –“ Weiter kam die Ansprache nicht. Es kam kein Ton mehr. Und Rodecks Augen waren nahezu am Herausfallen vor Geängstetsein –

Renée wurde auf einmal von einem Redetaumel ergriffen. Sie wüßte ja und sie verstünde ihn vollkommen und selbstverständlich wolle sie allen ihren Einfluß aufbieten – und während sie sprach, wurden die Augen ihr gegenüber wieder kleiner und selbstsicherer, und als sie schwieg, sahen die Augen sie lustig und verschmitzt an. „Ich möchte so gerne Fräulein von Treskow zu Tisch führen.“ – „Ich werde es zuverlässig besorgen,“ sagte Renée.

Als sie nach Haus fuhr, küßte Rodeck ihr die Hand. –

So lernte Renée den Herrn von Rodeck kennen.

Am andern Morgen ging sie zu Sarah. Sie fand Sarah noch zu Bett unter lauter Spitzen und Schleifen. Ringsum lagen die Listen für das Diner. Renée wußte nicht recht, wie sie es anbringen sollte. –

„Nun, Renée,“ sagte Sarah und streckte Renée ihre Hand mit den vielen bunten Ringen hin, „nun, Renée!“

„Hast du schon die Listen gemacht,“ frug Renée, „darf ich mal sehen?“

Sarah lachte: „Gewiß wolltest du irgend etwas Besonderes dabei, und was ist es denn?“ Dann gab Sarah ihr die Listen hinüber. „So, nun geh damit an den Tisch, darling, und was dir anders besser gefällt, das änderst du –“

Renée sagte: „So gut bist du, Sarah.“ – Sie setzte sich an Hannsbabos großen Schreibtisch und malte die Tafeln auf ein Papier, daran wurden alle Namen geschrieben, so wie die Leute zu Tisch zu sitzen kamen. Und neben Fräulein von Treskow stand Rodecks Name. Renée hatte das Gefühl einer guten Tat. –

Sarah öffnete ein wenig die Tür, steckte den Kopf herein und sagte: „Bist du noch da?“ Dann kam sie. Ein Gewirr von Seide war um sie herum und ein starker Duft von Vervein. Sie setzte sich in den großen Ledersessel neben dem Rauchtisch. „Nun, darling, wen hast du zu Tisch?“ – „Schoenburg.“ – „Oh ich weiß, das ist der mit den Stahlaugen von Dohnas Schwadron. – Ist es schön, jung zu sein, Renée?“ „Das weißt du doch ebensogut!“ – Sarah nahm aus dem kleinen goldnen Kasten eine Zigarette und bot Renée an, dann lachte sie: „Meinst du, ich weiß es? Nein. Ich war viel zu sozial, um jung zu sein.“

„Was tatest du denn?“ – „Ach so langweilige ‚Women-Klubs‘ und ‚Women Kongregations‘ und dergleichen. Ich mag Amerika nicht. Ich mag lieber Europa.“ Renée staunte. „Aber dort ist’s doch viel freier und selbständiger für Frauen.“

Sarah sagte: „Ich liebe nicht die Selbständigkeit.“ Sie kroch ganz tief in eine Ecke des großen Sessels. „Es ist langweilig, frei zu sein.“ – „Ach,“ machte Renée.

„Ja, es ist langweilig. Es ist keinerlei Sensation oder Gefahr dabei.“ – „Aber Sensationen sind etwas Abscheuliches,“ sagte Renée.

Sarah sprang auf aus dem tiefen Sessel mit einem einzigen, elastischen Sprung. „Ich lebe nur in der Sensation,“ sagte sie. „Huh, machst du große, entsetzte Augen, Renée! Ist das so schlimm?“

Renée mußte lachen. „Nein, nur neu – und ich denke, was wohl Elisabeth sagen würde –“ „Plagt dich das,“ sagte Sarah. „Darum tät ich mich nicht kümmern. Du bist doch viel klüger als Elisabeth.“ Renée frug: „Glaubst du?“ – „Elisabeth ist eine Null auf zwei Beinen, eine altjüngferliche und aufgeblasene Person. Du Renée –“ „Was bin denn ich, sag doch,“ bettelte Renée. Sarah lachte: „A silly little girl.“

Draußen war Säbelgerassel. Dann flog die Tür auf, voran ein Rosenstrauß, dann Hannsbabo. „Wo bist du, Queen Mab,“ rief er. Sarah ging ihm entgegen. Er sah Renée gar nicht. Er breitete seine Arme aus – Sarah bückte sich – da – huschte sie unter seinen Armen durch wie eine kleine, schnelle Katze. – „Sag doch Renée guten Tag, du grober Bruder,“ rief sie. Dann war sie aus der Tür. Er legte die Rosen beiseite und gab Renée die Hand. „Ich freue mich, daß du Sarah besuchst, kleiner Bub.“

Renée fuhr es so heraus: „Was hat denn Sarah?“ Dann erschrak sie und dachte: Wie taktlos frage ich. – Hannsbabo wandte ein wenig den Kopf zur Seite, er seufzte ganz leise, wie ein angestrengtes Atmen klang es. Dann sagte er: „Bleibst du nicht zu Tisch, Renée?“ – „Nein, ich danke dir, aber Papa –“ „Könnten wir denn nicht telephonieren?“

„Ach nein, Hannsbabo.“ – „Wenn es mir nun gerade sehr viel wert wäre?“ „Also gehe ich telephonieren,“ sagte Renée. Hannsbabo nickte. – – Als Renée wieder hereinkam, meldete der Diener das Essen. Im Eßzimmer kam ihnen Sarah entgegen in einem weißen Kleid. Sie legte Hannsbabos Rosen neben sich bei Tisch. Sarah sprach und erzählte, und auch Hannsbabo sprach, und immer, während sie gleichgültige Dinge redeten, sah Renée, wie ihres Bruders Augen schmerzlich an Sarah hingen. Und es quälte sie. –

Der Ball, den Sarah und Hannsbabo gaben, sollte im Esplanade stattfinden. Zahllose Cousinen vom Lande waren gerade zufällig in Berlin und besuchten Sarah und wurden eingeladen. Zahllose Väter und Mütter teilten Renée mit, daß sie und ihre Töchter von Sarahs Liebreiz entzückt wären. Auch sie wurden eingeladen. – Man sprach von diesem Fest in der aufgeregtesten Weise. Der Kronprinz würde kommen, ebenso Erbprinz August. Prinzessin Sophie hatte ihr Erscheinen zugesagt – ja sogar der Kaiser würde möglicherweise – –

Wenn man Sarah davon erzählte, amüsierte sie sich. „Sie sollen sich nur immer freuen,“ sagte sie. „Bei mir werden sie nicht mit Schellfisch und Truthahn abgefuttert.“ – Renée lachte: „Wieso Schellfisch und Truthahn?“ – „Ich habe hier fünfundzwanzig Bälle mitgemacht, und jedesmal gab es Schellfisch und Truthahn. Hast du es noch nicht gemerkt, Renée?“ – –

Renée kam etwas vor der Zeit ins Esplanade. – Schon in der Garderobe, wo Sarahs Jungfer, ganz in Weiß, waltete, wurde Renée von zahllosen Schwarzgekleideten ehrfurchtsvoll empfangen. Die Jungfer, die von den anderen Bedienten ‚Miß Adelaide‘ genannt wurde, hängte Renées Cape in einen Schrank. „Die gnädige Frau haben es so befohlen für die Sachen der gnädigen Frau und des gnädigen Fräuleins,“ sagte sie. –

Am Eingang zu den Empfangsräumen stand der Kammerdiener Joel Smith. Auch dieser verbeugte sich würdevoll. – Endlich war Renée drinnen. Es ging durch drei Räume, in deren zweitem Hannsbabo stand. An jeder Tür waren zwei Diener in Goldlivreen mit weißen Perücken. – „Ich habe Gott sei Dank keine weiße Perücke,“ sagte Hannsbabo. „Sarah will dir noch etwas Wichtiges mitteilen. Sarah sieht so schön aus, daß ich am liebsten die Leute ausladen möchte. Also geh zu Sarah. Ich möchte auch viel lieber. Aber Sarah sagt, daß es sich gehört, daß der Herr des Hauses im zweiten Zimmer steht und die Frau im vierten. Ich habe ferner den Auftrag, Damen von Distinktion am Arme hineinzuschleifen, da sich das auch gehört. Vom Herannahen prinzlicher Equipagen werde ich durch Telephon von einem im Hotel Bristol postierten Unteroffizier benachrichtigt.“ –

„Herrgott,“ sagte Renée, „das ist ja wie eine Detektiv-Geschichte!“ – „Bitte – bitte, es gehört sich so. Und nun geh in den Saal und sieh selbst!“ –

Im Vorzimmer war mattes Licht, und der Lichtglanz des Saales blendete Renée in die Augen. In der Tür in einem sonderbaren Helldunkel stand Sarah. Sie stand in dem metallenen Glanz ihres Kleides, das ganz mit Silber übergossen war in vielen kleinen Schuppen. –

Sie hatte eine lange Perlenkette und eine Schulterkette von Smaragden. Sie trug eine Perle auf der Stirn, die hing an einem dünnen Faden von Silber.

Renée stand und sah sie an. Ihre Schönheit war verwirrend – es war so prächtig alles – Renée sah, wie in Sarahs Gesicht ein kühles, schönes Lächeln kam. – Renée begrüßte ihre Schwägerin flüchtig und fing an, den Saal zu betrachten. Dann sagte sie: „Hannsbabo steht gar nicht so gern an der Tür, hat er gesagt.“

Sarah lachte: „O, er will immer alles mögliche.“ –

Gäste kamen. Renée fand sich bald in einer vielstimmigen Unterhaltung – dann holte Schoenburg sie, weil die Prinzessin käme. Renée wurde vorgestellt. Die Prinzessin war gar nicht so langweilig, wie Renée erwartet hatte; sie sagte, daß Renées Schwägerin eine sehr schöne Frau sei und daß Renées Bruder so glücklich aussähe. Sie scherzte mit ihrer Hofdame und versicherte, sie könne jeden Abend mindestens zwanzig Namen behalten und Fräulein von Zitzewitz eben nur neun. Der Kronprinz gefiel Renée, aber Erbprinz August nicht. Wie sollte er! Er ging mit einem blasierten Gesicht herum und stand immerzu neben seinem Adjutanten. –

Schoenburg sagte: „Nun kann ich gnädiges Fräulein nicht zu Tisch führen, der Erbprinz soll es!“ Renée ärgerte sich. „Ich möchte viel lieber den Kronprinzen,“ sagte sie. Schoenburg sah sie ingrimmig an. „So – ach,“ sagte er. „Ich meine doch natürlich lieber als den Erbprinzen –,“ aber das versöhnte Schoenburg nicht. „Der Kronprinz wird Ihre Frau Schwägerin führen. Wollen wir also den Blumenwalzer nehmen und den ersten Lancier.“ Er schrieb seinen Namen ein.

Beim Essen saß Schoenburg auf der anderen Seite neben ihr. „Ich hab die Rosi Solms mit Harrach neben den Erbprinzen gesetzt,“ flüsterte er, „die werden ihn schon unterhalten.“

Es sprach sich gut mit Schoenburg. Er wußte von allen Dingen und er dachte gern nach. Manchmal wenn einer von beiden ein Buch gelesen hatte, das ihm gefiel, las es der andere auch, und sie sprachen davon. Nur liebte Schoenburg andere Bücher als Renée. Er liebte die ‚starke Frau von Gernheim‘, und er sagte, man müsse diese Frau anbeten. Er sagte: „Das ist wahre Größe.“ – „Aber ich mag es nicht, daß sie bei diesem Mann bleibt,“ sagte Renée. „Das soll eine Frau nicht tun.“ – „Aber sie tut es im Gedanken an eine Liebe, die größer war als sie selber. Sie tut es immer noch, obwohl diese Liebe vergangen ist. Sie hängt daran, weil es das Glück ihres Lebens ist.“ „Ja,“ sagte Renée, „wohl – dennoch! Sie sollte das Gedenken an diese Liebe nicht mehr in Verbindung bringen mit jenem Menschen, der sie gemein macht. Oh, ich glaube dieser Sache fehlt eben ein kleiner Zug der Größe, dieser: Das Gelebte loslösen können von der Realität, um es ganz zu eigen zu nehmen“ – „Sie sprechen das schön aus,“ sagte Schoenburg, „es ist auch wahr, was Sie sagen. Aber, Fräulein von Catte, ich kann nicht davon ab. Für mich liegt eine geradezu heilige Schönheit in diesem starken, schweigenden Verzichten.“ –

„Und der Schmerz des Verzichtens?“ so frug Renée. – „Eben der,“ sagte Schoenburg, „bleibt verschwiegen. Darin liegt die Größe.“

„Nur Stärke liegt darin, Herr von Schoenburg.“ – „Gehen gnädiges Fräulein gern auf Bälle?“ ließ sich Erbprinz August vernehmen. – Renée konnte vor Schreck nichts antworten und sah verdutzt in des Erbprinzen fragendes Gesicht. „Dies ist mein dritter Ball ...“ flüsterte Schoenburg von hinten – beinahe hätte Renée es wirklich wiederholt. – „Ja, ich tanze sehr gern,“ sagte sie.

Dieser Ball war schöner als die anderen. Es war alles viel prächtiger. Es gab viel mehr Licht. Es sah aus wie große Blumenbeete, die hin und her vom Wind bewegt wurden zuletzt.

Dann sollten Hannsbabo und Sarah zusammen tanzen.

Sie riefen es von allen Seiten, und auf einmal kam der Kommandierende auf Sarah zu, bot ihr den Arm und führte sie in die Mitte des Saales. „Oberleutnant von Catte,“ rief er dröhnend – dann stand Hannsbabo vor Sarah. Und er sah sie einen Augenblick an, und Sarah sah ihn an, dann lächelte sie – – Sie tanzten – Sarah mit ihrem sonderbar blassen Gesicht in dieser Wolke von Silber. Hannsbabo mit seiner schönen, stolzen Gestalt. In der rechten Hand über ihrer Schulter hielt er einen großen Busch roter Rosen und immer strichen die Rosen vorüber an Sarahs Gesicht. –

Sie tanzten allein – rings im Kreise standen die Menschen und klatschten in die Hände – und auf einmal faßten die Herren sich an und rasten im Kreise mit wildem Hurrageschrei um die Tanzenden. – Renée drehte sich alles vor den Augen – irgend ein wahnsinniges Bild von Tod kam ihr; von einem atemlosen Tod, der – sie hörte einen sonderbaren Laut neben sich. Schoenburg durchbrach die Kette der Tanzenden – es hörte auf – sie bliesen das Halalila.

Renée sah ihren Bruder mit Schoenburg hinausgehen. Schoenburg stützte ihn. – Renée sah sich um. Keiner schien es bemerkt zu haben, oder keiner wollte es bemerken – Sie ging Hannsbabo nach. –

Er lag auf dem Sofa in einem der Nebenräume. Schoenburg ließ Renée herein. „Bitte nicht Frau von Catte zu rufen,“ flüsterte er. Renée blieb allein mit Hannsbabo. Sie streichelte seine Hände, die waren ganz kalt. Sein Gesicht brannte in einem dunklen Rot. Er atmete überhastet. – „Lieber Hannsbabo.“ Er begann zu sprechen: „Renée, sag es keinem Menschen, versprich mir, auch ihr nicht“ – dann: „Sie hat es gewußt. Sie hat es so genau gewußt.“ Renée verstand ihn nicht. Renée frug, was meinte er denn, was war es? Aber er sagte nichts. Er schickte Renée fort – aber sie wollte nicht gehn. – „Hannsbabo, hab ein bißchen Vertrauen, sag es mir!“ – Er sah so sonderbar ins Leere – oh, sein Gesicht anzusehen machte trauriger als traurig. – Er sagte: „Ich liebe sie so sehr, daß es mir eine Qual ist, ihr nah zu sein –“ Weiter sagte Hannsbabo nichts. Renée ging. Nach kurzer Zeit sah sie ihn wieder im Saal.

Sarah nahm die Abschiedscour entgegen. Hinter ihr standen Graf Solms und der kleine Schulenburg, bewaffnet mit Sarahs Blumensträußen. Hinter Renée zählten zwei junge Mädchen ihre Buketts aus. „Ich habe doch zwanzig,“ hörte Renée. „Lida Arnim hat bloß dreizehn!“ „Da sieh mal, Frau von Catte.“ – „Na ja die!“ –

– Was sind es doch für Gänse! dachte Renée.

„Am Sonntag wird Herr von Horwitz mit uns essen,“ sagte Papa. „Ich erwarte, daß du etwas liebenswürdiger sein wirst als sonst, Renée. Ich schätze Herrn von Horwitz durchaus.“ – „Ich habe gar nichts gegen ihn. Er ist nur so komisch, Papa.“ – „Es wäre Zeit, diese Kindereien aufzugeben,“ sagte Papa gereizt. –

Am Sonntag kam Herr von Horwitz. Es gab Sekt, es gab Austern, auf dem Tisch waren Blumen. Elisabeth war in einem hellila Kleid mit Spitzen. Das hatte doch irgend etwas zu bedeuten. Renée merkte bald, was es zu bedeuten hatte. Herr von Horwitz trat mit einem Maiglockenstrauß an und küßte mit ernster Devotion Elisabeths Hand. Er nannte sie: ‚Verehrtes, liebes gnädiges Fräulein‘. Also so weit war es schon. Fast kam Herr von Horwitz Renée noch komischer vor als vordem, sie hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht. Auch der Gedanke, daß Elisabeth extra für ihn das hellila angezogen hatte, war so unausbleiblich komisch. –

„Das Landratsamt wird nämlich jetzt ausgebaut,“ sagte Herr von Horwitz – „und der Kreisbauinspektor meinte, im Juni würde der Anbau beziehbar sein.“ – Über Elisabeths Gesicht ging eine flüchtige Röte, dann sah sie heimlich so von der Seite zu Renée hinüber. –

Nach dem Essen ging Renée in ihr Zimmer. Sie setzte sich ans Fenster, da wo man die ganze endlose Straße hinuntersehen konnte. Da kamen aus der linken Seitenstraße die vielen Straßenbahnen und ratterten um die Ecke. Im Sommer, wenn der Asphalt trocken war, taten sie das mit einem gellenden Stöhnen. Im Winter klirrte es vom Frost. –

Wenn Renée vorm Schreibtisch saß, sah sie alles, was auf der Straße geschah. Sah die Menschen, die aufgeputzt in den Tiergarten zogen, und die Bahnen und Droschken, die vollgestopft dem Kurfürstendamm und dem Grunewald zurollten. Der Grunewald – Renée dachte an die Seen, die stillen – und besonders an den mit dem Jagdschloß. – –

Ganz leise öffnete jemand die Tür. –

„Wie geht’s, kleiner Bub?“ – „Hannsbabo du?“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „so sehr wunderst du dich? Ich hab den Dogcart unten und wollte dich ein bißchen abholen. Magst?“ – „Ob ich mag. Fahren wir nach dem Grunewald, bitte, bitte.“ Er lachte: „Wohin denn sonst, kleiner Bub?“ –

Renée erzählte, daß sie gerade an das Jagdschloß gedacht hätte. „Also fahren wir dahin,“ sagte Hannsbabo. –

Auf dem Kurfürstendamm war es kaum zum Durchkommen. Hannsbabo mußte seinen Fuchs mehrmals scharf zurückhalten, auf der Halenseer Brücke stand man fünf Minuten. – In Hundekehle spannte der Groom aus. Renée und Hannsbabo bogen links ab. –

„Wo ist Sarah?“ frug Renée. – „Sie hat Teebesuch von einer Landsmännin. Und sie fährt nicht gern mit Pferden. Es geht ihr zu langsam. Es ist ein dummer Zeitverlust mit Pferden – sagt Sarah. Auto ist besser. Kennst du Sarahs Auto? Es ist grün mit Silber.“

Renée kannte es noch nicht. Aber ob sie nicht lernen dürfe es zu lenken? So gern wollte sie das. Hannsbabo lachte. „Wie das den Frauen im Blut steckt. Ich glaube, Sarah tut nichts lieber. – Sarah hat einmal das Chauffeurexamen gemacht, und seit wir in Deutschland sind, hatte sie schon fünf Strafmandate wegen zu schnellen Fahrens.“ – „Daß sie das kann.“ Er sah Renée erstaunt an. – „Warum?“ – „Sie sieht so zart aus und so weich.“

„Sie ist stärker als wir beide zusammen, kleiner Bub Renée. Bei ihr ist Gefahr eine Leidenschaft. Es reißt sie fort. Es wirft alle anderen Dinge in ihr um.“ – „Physische Gefahr?“ – „Jede Gefahr, auch psychische,“ sagte Hannsbabo. – Er stieß einen kleinen Stein mit dem Fuß vor sich her während dem Gehen – manchmal blieb er unvermittelt stehen. – Renée sah Blässe und Röte jäh wechseln auf seinem Gesicht. Sie setzte sich an den Waldrand. – „Bist du müde, Hannsbabo?“ – Er streichelte Renées Hand. – „Bist du krank?“ frug Renée – „Nein, nein. Es ist nur, nur manchmal ermüde ich plötzlich. Das ist ein vorübergehender Schwächezustand. Hinterher bin ich ganz wie sonst, das überfällt mich so manchmal.“ – „Warum gehst du nicht mal auf Urlaub, damit du dich erholen kannst, Hannsbabo?“

„Sarah mag nicht.“ –

„Ohne Sarah dann,“ sagte Renée. –

„Oh – ohne Sarah.“ – – – –

Hannsbabo legte das Gesicht in die Hände. „Ich kann nicht von ihr fort,“ sagte er. „Hannsbabo, warum bist du nicht glücklich?“ Er nahm Renées Hand und hielt sie fest. „Es ist gut, daß du mich einmal fragst, Renée, denn ich glaube, ich müßte ersticken, wenn ich es nie jemandem sagen könnte.“ –

Immer wieder streichelte Renée seine Hand. – Er sagte: „Ich liebe Sarah! Siehst du, Renée, ich kann nicht ohne sie sein. Ich bin ganz ohne Gefühl und ohne Interesse für alles andere. Und Sarah – Sarah hat mich gern. Sie hat es gern, daß ich um sie bin und ihr alles tue. Sie sucht mich nicht. Und ich suche sie den ganzen Tag.“ – –

„Aber Sarah liebt dich doch, Hannsbabo.“ Renées Bruder legte sich nieder auf den Waldboden und schloß die Augen – so lag er die ganze Zeit, während er weitersprach, und ein Lächeln, das einen sehr schmerzlichen Zug hatte, kam auf sein Gesicht.

„Damals als wir uns verlobten, war es noch nicht so. – Erst dachte ich, es müßte ganz gut sein in einem gleichgültig ruhigen Zusammenleben; sie geht ihre Wege und ich meine. Dann – wollte ich mit ihre Wege gehn – das ließ sie zu. Dann wollte ich sie an mich nehmen zu mir – das ließ sie nicht zu, – nein das nicht!“

„Vielleicht muß sie mehr Zeit haben dazu,“ sagte Renée. Er lachte. Ein böses und hoffnungsloses Lachen: „Es wird nie anders sein. Und wenn ich ihr Zeit ließe bis in die letzte Stunde meines Lebens.“ – Er sprang auf. – „Da wird immer diese Distance sein, kleiner Bub, die, an der ich mich kurz und klein reibe. – Laß uns zurückgehn, Renée.“ –

Renée konnte nicht vergessen, was Hannsbabo gesagt hatte. Nicht bei der Heimfahrt und nicht zu Haus beim Abendessen und in der Nacht auch nicht. Sie lag diese Nacht lange, ehe sie einschlief, und dachte, was sie tun könnte, um Hannsbabo zu helfen. Und wie sie über ihn nachdachte, dann wußte sie es, daß er müde war und krank und daß er einen brauchte, der ihm half. Dann verfolgten ihre Gedanken ihn in allen seinen Worten und seinen Gebärden von dem Augenblick an, da sie ihn wiedergesehen hatte in Groß-Gehren, als er Sarah brachte, und sie dachte: damals ging er immer umher und sah die alten Bilder an in den Zimmern. –

Am Morgen war Papa böse, denn Renée wäre so lange weggeblieben, und nun hätte er die ganze Zeit sich dazu setzen müssen. –

„Aber Papa – Elisabeth ist doch alt genug.“ – „Unsinn,“ sagte Papa, „es gehört sich so.“ – Elisabeth aber kam zu Renée. Elisabeth schloß ihre Schwester in die Arme und sagte mit sanft melancholischer Stimme: „Ich möchte, daß du teilnimmst an meiner Freude, Renéechen, ich habe mich gestern abend verlobt!“ – Renée sagte: „Ach.“ Dann erschrak sie recht, und gleich darauf hörte sie sich eine wohlgesetzte Glückwunschrede halten. –

Nun kam immerzu Viktor, so hieß der Landrat. – Es gab seine Leibgerichte, er wurde mit Sekt bewirtet. Viktors Ansichten wurden proklamiert. Man hörte ein ewiges: ‚Viktor meint, Viktor findet‘ – im Haus.

Papa ignorierte das und hielt sich in seinem Zimmer. – Renée wurde mitgeschleppt auf allen Spaziergängen und Einkäufen. In die Ausstellungen mußte Renée, in den Zoo, ins Theater. Und immer sah sie eine sanft strahlende Elisabeth neben sich und Viktor mit den hellgelben Glacés.

Sarah hatte für den neuen Schwager keine Sympathieen. Sarah sagte: „Er ist ein unausstehlicher Mensch. Wenn ich schon den geölten Scheitel sehe.“ – Aber es sollte ein Besuch gemacht werden bei Sarah, und Renée war vorher abgesandt. – Renée sollte Sarah freundlich stimmen. Renée sollte sagen, wie herrlich Viktor wäre und daß Elisabeth ihn so liebe und daß Viktor sehr wohlhabend und gut angeschrieben wäre. So war es Renée aufgetragen worden. – „Es muß aber doch ein fürchterlicher Tropf sein,“ sagte Sarah, „wenn er Elisabeth heiratet. Ich begreife es nicht. Elisabeth ist eine so widerlich knöcherne Person.“

„Laß sie doch gehn,“ sagte Renée, „sie hat dir doch nichts getan.“ – „Ich werde wohl meine Ansicht äußern können. Du wirst mir gar nicht so in die Rede fallen,“ sagte Sarah geärgert. „Du bist sehr ungezogen.“ –

Elisabeth wurde auf das Sofa gesetzt, Viktor kam auf einen Klaviersessel ohne Lehne. Dann lehnte sich Sarah in einen großen Ledersessel und betrachtete den auf dem Klavierpuff. Sie betrachtete ihn ungeniert und lächelte ein wenig dazu. – Viktor – ja, unbegreiflicherweise war es so – Viktor fühlte sich dadurch ermuntert zum Reden und erzählte, daß das Landratsamt bald beziehbar sei.

Nach einer Viertelstunde erhob sich Sarah. Sie wollte von Hannsbabos Schreibtisch einen türkischen Dolch zeigen. Als sie an Renée vorüberkam, neigte sie ein klein wenig den Kopf zu Renée hinüber: „Schaff diese Leute weg,“ sagte sie. –

Als Papa und Elisabeth nach Groß-Gehren gingen, durfte Renée noch in Berlin bleiben. Sie kam zu Hannsbabo und Sarah. – Einmal nach dem Essen, als sie Kaffee tranken in Hannsbabos Zimmer, sagte Sarah: „Renée, was würdest du sagen, wenn wir ein schönes Schloß kauften?“ –

„Hannsbabo bekommt doch Groß-Gehren,“ antwortete Renée. Sarah lachte: „Ach, das ist ein altes, unelegantes Ding – nein – ich meine ein feudales, großes Schloß mit Park und Teichen und weiten Rasenflächen.“ – „Eigentlich wäre das schön.“ – Sarah tippte mit einem Finger auf Hannsbabos Ärmel. „Siehst du, my boy – siehst du, Renée tut mit. Es ist viel schöner als das dumme Leutnant-sein.“ –

„Sarah behauptet, es ist dumm, ‚Leutnant-sein‘,“ sagte Hannsbabo, er rückte seinen Stuhl näher an den Sarahs – „und bitte, ist es auch dumm, ‚Rittmeister-sein‘?“

Sarah lachte: „O, es ist überhaupt lächerlich, wenn ein gutsituierter Mann Offizier ist. Wenn er aus einer guten Familie ist. Was gewinnt er denn etwa? Irgend ein schnauzbärtiger alter Herr läuft herum und hat einem zu befehlen. O, derselbe alte Herr wird von Wachs und Honig sein, wenn er eingeladen wird bei uns Hirsche schießen auf dem Schloß.“ –

„Sie kennt die Verhältnisse,“ sagte Hannsbabo lachend. „Man kann ihr nichts vormachen, Renée.“ –

Sarah holte einen Packen Briefe aus dem Schreibtisch: „Hier ist das Schloß, was man kaufen muß,“ sagte sie. „Das wird Hannsbabos Flügel und das meiner, und da kommen die Gäste hin.“ – „In ein Schloß mit Flügeln gehe ich überhaupt nicht.“ – „Du gehst mit, wo ich gehe,“ sagte Sarah, „denn es stehet geschrieben, der Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen.“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „das ist ein sehr schöner Spruch.“ – –

Es war so hübsch, bei Hannsbabo zu sein. Sie hatten immer etwas vor, Gäste oder Theater oder Grunewaldfahrten. Dann kam man spät nach Haus mit dem Auto über den stillen Kurfürstendamm.

Abends – wie waren die Seen so schön. Bei Mond, der dann als eine silberne, zitternde Säule auf dem Wasser war – oder auch bei dunklen Nächten, wenn zerrissene Wolken über dem Wasser hingen – und plötzlich brach das Licht des Mondes durch ihre Schwärze. Die Kiefern standen wie ein undurchdringliches Dunkel zwischen Wasser und Himmel. –

Schön war es bei Hannsbabo. Renée durfte sich einladen, wen sie wollte. Renée durfte ein Abendessen geben nach dem Tennis. – Nun saßen sie bei der Bowle auf der großen Veranda. –

Hannsbabo ging mit Renée im Garten. Da war Halbdunkel – so richtig gut zum Reden, und Hannsbabo sagte: „Wenn du einmal einen Menschen liebst, Renée, dann mußt du an mich denken, an heute abend. Du sollst es gut haben, kleiner Bub. Ganz eins werden mit ihm, so daß man alles gemeinsam fühlt, so daß es nie mehr eine Einsamkeit gibt.“ –

„Hannsbabo, denkst du niemals an das kleine Bild, das du mir einmal zeigtest?“ – Er lächelte, schüttelte den Kopf. „Nein, Renée, ich glaube nicht. – Ich habe diese einmal tanzen sehn, als ich in Paris war mit Sarah.“

„Wußte Sarah davon?“ – „Ich hab es ihr erzählt, als wir sie sahen,“ antwortete Hannsbabo. – „Aber was sagte Sarah?“

Er wandte sich um nach der erhellten Veranda, wo die Leute lachten und schwatzten, und stand eine Weile schweigend. – „Ich höre ihre Stimme nicht,“ sagte er. – –

„Wie kann man das in dem Lärm,“ sagte Renée.

„Auch du wirst einmal unter vielen eine Stimme unterscheiden lernen, kleiner Bub.“ –

Sie gingen weiter. – „Was Sarah tat? O, sie tat mir eine Freude. Sie sagte: ‚Wenn du noch einmal dieses bunte Etwas mit dem Glas ansiehst, so fahre ich sofort zurück nach Washington.‘ – ‚Wie kann es schaden, wenn ich sie ansehe, da Sarah neben mir sitzt‘, sagte ich. Darauf sie: ‚Du bist ein Schwätzer.‘ – O, Sarah wußte ganz gut.“ – –

Renée sagte: „Wenn es so war, dann liebt dich Sarah doch, warum glaubst du es nicht, Hannsbabo?“ –

„Nein. Das ist kein Beweis. Das ist, weil eine Frau ihren Mann eben als Besitz betrachtet. – Sarah liebt überhaupt nicht. Sarah sieht nicht ein wozu. Es macht ihr kein Vergnügen.“ –

Sie gingen weiter. „Ich höre sie,“ sagte Hannsbabo.

Sarah rief ihn im Garten. Sarah kam zu ihm – sie lehnte sich an ihn und wandte ihr Gesicht gegen den Himmel, sie sagte: „Eben hatte ich ein wenig Furcht ohne dich.“ –

Es war eine sanfte, warme Nacht. –

Über der Gartenmauer standen die schimmernden Kerzen der Kastanien. –

Der ganze Sommer war eine Vorbereitung von Elisabeths Hochzeit. Der ganze Sommer war ein unablässiges Durcheinander von Geschäftskatalogen und ankommenden Paketen. Elisabeth probierte Hemden mit Spitzeneinsätzen und band Dutzende von Tischwäsche in blaue Bändchen. – Die Pferde waren fortwährend auf dem Weg zum Landratsamt.

Außerdem bemerkte Renée etwas Sonderbares: Einige Dinge, die bisher immer auf bestimmten Schränken, Kommoden und Tischen gestanden hatten, waren verschwunden. Und man hätte diese Gegenstände doch im Schlaf auf eben dieser Stelle gesucht. –

„Du mußt irgend eine Aufführung in die Wege leiten,“ sagte Papa, „es ist so Sitte, und außerdem füllt es den Tag aus.“ – „Aber was denn nur?“ frug Renée verzweifelt. – „Na, das kannst du dir doch wohl ausdenken; dann kannst du deine Talente endlich mal nützlich anwenden,“ brummte Papa.

Renée schrieb Briefe: an Sarah, an sämtliche Cousinen, dann auch eine Karte an Schoenburg. Er würde ihr schon helfen. Er hatte immer so gute Ideen. –

So war es. Schoenburg antwortete, er erlaube sich einen ländlichen Tanz mit Huldigung für das Brautpaar vorzuschlagen. Denn zu einem Tanz brauchte man keine weiteren Vorbereitungen und für das Kostüm sorgten die Damen selbst. Den Herren könne man es wohl vom Königlichen Theater verschaffen. Und Renée würde dann wohl den Brautkranz überreichen, vielleicht in dem Kostüm einer Myrte. Renée wollte nicht Myrte sein. Es war albern und anzüglich, fand sie. – Ferner schlug Schoenburg auch noch ein Brautgedicht vor, es begann: ‚Du stehest heut an einer ernsten Grenze.‘ – Es kamen noch ‚Blumenkränze‘ und ‚stilles Glück‘ vor. –

Diese Hochzeit verlief ganz ohne Störung. Die guten, alten Glocken der Groß-Gehrener Kirche läuteten. Die brummende Glocke und die mit dem fröhlichen Geklingel, und auf Läufern, die über die Dorfstraße führten und auf Tannenreisern und auf Blumen gingen die Hochzeitsleute.

Renée ging mit Schoenburg. Schoenburg war sonderbar schweigsam, als ob er immerzu an anderes dächte, und Renée neckte ihn. Als sie in die Kirche eintraten, nahm Schoenburg eine von den kleinen, weißen Myrtenblüten auf, die auf der Schwelle lagen. Die steckte er zu sich. –

Der Tanz war vorüber und das Essen. Elisabeth und Viktor waren abgefahren, Elisabeth nicht ohne Tränen, Viktor mit Versicherungen seiner Ehrenhaftigkeit an Papa. – Papa hatte dann noch lange mit den Herren gesessen bei Bier und Zigarren. Es war erst gegen Morgen Ruhe geworden im Haus. –

An diesem Morgen kam Herr von Schoenburg und brachte Renée Rosen an den Kaffeetisch. – Er sagte: „Darf ich heute abend mit Ihnen ein wenig in den Garten gehen, Fräulein von Catte?“ – „Ja,“ sagte Renée, „aber erst müssen Sie mir furchtbar helfen. Elisabeth hat zwar als letzte Tat eine Stütze mit guten Zeugnissen engagiert – aber nun muß ich doch all die herrlichen Dinge tun, die Elisabeth tat.“ –

Schoenburg half. Er räumte die Konfekts mit weg und machte Obstschalen und Blumenvasen zurecht für den Tisch. Und immer währenddessen sagte er: „Aber heute abend – wenn wir fertig sind ...“ – – Dann war es Abend. Sie gingen im Garten. Renée fühlte die Last des Schweigens, aber alles, was sie vielleicht hätte sagen können, fand die Form des Wortes nicht. Und so ging sie immer tiefer in den dämmerigen Garten hinein mit dem Gefühl einer Schuld, die jeden Augenblick anwuchs. Die Schuld war, daß sie schwieg. –

Dann sprach Schoenburg: „Ich weiß nicht, ob Sie es fühlen können, so wie ich es fühle, Fräulein von Catte, dies: daß ich nicht mehr zurückhalten kann mit meinen Worten. Sie haben mir keine Erlaubnis dazu gegeben, aber ich glaube Sie so weit zu verstehen. Und ich denke, ein Mensch, wie Sie es sind, würde jedes An-seinem-Willen-vorbei-ihn-zu-gewinnen-suchen schlecht achten.“ –

Er schwieg, er strich mit der Hand über die Rinde des Nußbaumes am Weg – dann sagte er: „Ich liebe Sie; ich wünschte, Sie kämen zu mir und vertrauten mir Ihr Leben an. Wie ich Ihnen das meine vertrauen möchte –“

Renée ging es sonderbar, das Gefühl der Unruhe verging. Sie wurde ganz ruhig – ganz klar. „Ich kann es nicht.“ – „Ist es, daß Sie mich gar nicht lieb haben?“ – „O ja, Herr von Schoenburg. Ich habe Sie lieb, ein guter und lieber Kamerad sind Sie mir. Aber es kann einmal der Mensch kommen, den ich liebe –“

„Wer ist das?“ – „Niemand noch. Ich weiß nicht, ob es diesen Menschen geben wird. Ich habe noch nie einen Menschen geliebt.“ –

Sie gingen zurück, während es schon ganz dunkel war. –

Renée hatte den Menschen neben sich lieb. Sie fühlte seine Anwesenheit als etwas Warmes und Freundliches. Sie wollte ihm so gern Gutes tun. Sie wollte ihm so gern die Einsamkeit verstellen.

„Ich möchte mit Ihnen Freund sein,“ sagte sie. Er stand neben ihr still und lächelte. –

„Es ist Ihr großes, warmes Herz, eben das Herz, das ich so gern besessen hätte. – – Sie sollen wissen, daß ich für Sie immer da sein werde, Fräulein von Catte. Und ich darf Ihnen eine Bitte sagen: lassen Sie dies zwischen uns allein geschehen sein und – bitte lassen Sie es bleiben zwischen uns, wie es war.“ –

Renée nickte. Sie gingen zusammen in das Haus zurück.

Papa und Renée saßen im Wagen. Der Wagen stand in einer langen Reihe von Wagen vorm Schloßportal, stand und rückte und rührte sich nicht. Alle fünf Minuten ruckte es ein klein wenig, dann fuhr man zwei Meter weiter. Die Wagenreihe stand bis über die Schloßbrücke.

„Selbstverständlich muß man entweder ganz früh oder ganz spät fahren,“ sagte Papa geärgert. – „Ich wollte ja noch warten, aber du riefst doch.“ – Papa sagte: „Nun ja, eben immer diese Bummelei.“ –

Ein Polizeioffizier lief zeternd vorüber. Man stand eine Viertelstunde, eine halbe Stunde – Papa riß die Wagentür auf. –

„Könntest du wohl die paar Schritte hinüber zu Fuß gehen?“ frug er zweifelnd. – Renée raffte kurz entschlossen die Kleider zusammen – wie ein Storch kam sie sich vor, als sie mit langen rosa Strumpfbeinen herausstieg. Vierzig Wagen vor ihnen und ebensoviel dahinter – sogar die Ministerwagen mit den Vorreitern stoppten. –

Eilig stieg Renée die Treppe hinauf. Auf den Treppenabsätzen stauten sich die Damen vor den Spiegeln.

Ein unbestimmtes Drängen hinter ihr schob Renée vorwärts. Dann stand sie im Weißen Saal ganz allein in dem schimmernden Gewoge.

Es war, als gingen weiche Luftwellen an den weißen Riesenwänden empor und fingen sich oben in den goldenen Ornamenten. –

Dann kam der Kaiser – er trug die Uniform von Hannsbabos Regiment, und er grüßte zu denen im Saal, und die Kaiserin, die er am Arm führte, senkte langsam und würdevoll den Kopf mit dem schönen, weißen Haar. Sehr viel Glanz war um sie von den Krondiamanten.

Jemand hinter Renée flüsterte: „Sie sind ja ganz versunken!“ Es war Hedi Bassewitz. Sie stand mit drei andern hinter Renée. Eine von denen gefiel Renée. Sie hatte ein blaues Kleid an, das ganz eng anschloß und über und über mit glänzenden Schuppen benäht war. Ihre Augen waren blau.

„Jetzt ist die Kaiserin gleich durch,“ sagte die Bassewitz, „sie macht viel fixer als der Kaiser.“ Die in dem Schuppenkleid lächelte Renée zu. „Sie waren wohl noch nicht hier?“ sagte sie. „Nein, nur bei der Cour.“ –

Die Bassewitz erzählte, daß rechts die Botschafterinnen säßen und links vom Beschauer die Fürstinnen und hinten die Exzellenzendamen; daß kein Sterblicher tanzen dürfte, wenn etwas Prinzliches tanzte und daß, wer Walzer tanzte, rausgeworfen wird. „Nur Galopp ist erlaubt.“ –

„Aber sie machen doch Walzermusik,“ sagte Renée. – Die Bassewitz stieß ein überlegenes Prusten aus. „Man muß sich eben die Ohren zuhalten und einfach irgendwie herumspringen,“ antwortete sie.

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