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Das Leben der Renée von Catte

Das Leben der Renée von Catte (continued 3)

Reading edition

‚Der Mensch, der es uns heimisch macht auf der Erde.‘

Er sagte: ‚Ich bin nie heimisch gewesen.‘

Renée dachte: Vielleicht war er sehr einsam. –

Nach einer langen Zeit kam Sarah zurück. Renée hörte sie sprechen draußen, fragen. Der Diener riß die Tür auf. „Gnädiges Fräulein sind im Herrenzimmer,“ berichtete er nach draußen. –

Sarah kam: „O, Prinz Ernst war da. Er war so nett. Er sprach viel von Amerika. Und die Prinzeß lud mich nach Schottland ein für den Sommer.“ – „Wo waren denn die?“ – Sarah errötete flüchtig. – „O, bei der Hatzfeldt,“ sagte sie. Renée dachte: Ob es Hannsbabo nicht kränken würde – ob er nicht sehr traurig sein würde. –

„Bist du böse, Renée?“ Sarah kam, stand vor Renée. Sie war ganz niedergeschlagen. Renée antwortete nicht. –

Es gab auch Nachmittage, an denen Sarah zu Haus blieb.

Dann setzte der Diener einen riesengroßen silbernen Samowar vor sie hin, und Sarah konnte so schön Tee machen. In kleine, chinesische Täßchen, die sich sehr zerbrechlich anfaßten, kam er hinein. Sarah schob es vor Renée hin, und dann bekam Renée eine Zigarette und hatte es eigentlich sehr gut.

Sarah sagte: „Ich könnte ihn gar nicht entbehren ohne dich. Die ersten Tage wäre ich fast gestorben. O, es war so einsam! Ich wußte gar nicht, wie ich es aushalten sollte.“

Dann hatte Renée ein sonderbares Gemisch von Gefühlen – Mitleid und Widerwillen auch, wenn sie dachte, daß Hannsbabo schneller vergessen war als irgend eines von Sarahs seidnen Kleidern.

Und auf einmal wurde es mehr als Widerwillen, wurde Ekel – Wut – und: „Nie wieder redest du mir von meines Bruders Tod – oder ich will keinen Augenblick mehr in deinem Hause sein. – Du hast nicht auf ihn geachtet, o, du hattest ihn nicht lieb.“

„Aber ich hatte ihn lieb!“

„Schweig,“ sagte Renée „es ist widerlich.“

Sarah starrte Renée an, dann warf sie sich mit einem plötzlichen Ruck aufs Sofa nieder und weinte.

Renée wurde weich. Gewiß, er war niemals so zu Sarah gewesen. Sie dachte: viel besser war er als ich – und er liebte Sarah. Vielleicht würde er hingegangen sein zu Sarah, würde ihren Kopf in seine Hände nehmen, seine sanften, klugen Hände. –

Sarah hörte auf zu weinen. Sie sah Renée an, sie sagte: „Es ist, ich bin sehr nervös und zerfahren seitdem und pflege mich sonst nicht aufzuregen in dieser Weise.“ –

„O, Sarah, verzeih mir.“

„Laß nur, kleine Renée. Ich weiß schon!“ Renée schämte sich eigentlich etwas. –

Am Sonntag waren sie bei Papa. Nach dem Essen nahm Papa Renée in sein Zimmer. „Hör mal, Renée,“ sagte er, „du bist ja ein verständiges Mädchen“ – diese Art von Einleitungen kannte Renée – „also es handelt sich um Sarah. – Mir ist erzählt worden, daß sich die Damen beim Kriegsminister neulich sehr mokiert hätten, daß Sarah, nachdem ihr Mann kaum ein halbes Jahr unter der Erde ist, bereits wieder auf Empfängen herumliefe. Wie ist denn das nun?“

„Herrgott, diese albernen Tanten müssen auch überall widerwärtige Reden führen.“ – Papa runzelte die Stirn. „Du hast immer noch diese absprechende Art,“ sagte er tadelnd.

„Ja aber, Papa, was soll sie schließlich den ganzen Tag anfangen?“

Papa begann ungeduldig zu werden, er wanderte hin und her. „In einer Stadt wie Berlin gibt es genügend Unterhaltungen,“ sagte er, „Konzerte, Museen, Vorträge.“ – Renée mußte lachen. – „Es ist doch sonderbar, wenn man auf einmal Kunstinteresse bekommen soll, weil man Trauer hat,“ sagte sie.

Papa überhörte das. „Du solltest,“ so fuhr er fort, „deinen Einfluß darauf wenden, daß Sarah nicht derartige Taktlosigkeiten begeht.“

„Sarah ist älter als ich, Papa, und außerdem, bitte, nenne sie doch nicht taktlos.“ – Auch dies überhörte Papa.

„Ich habe vorhin mit Elisabeth darüber gesprochen. Sie ist vollkommen meiner Ansicht, und“ – Papa machte eine wirkungsvolle Pause, – „du solltest deine vielgerühmte Anhänglichkeit an deinen verstorbenen Bruder lieber –“

„Ich habe mich niemals dergleichen gerühmt, denke ich.“

„Es ist zum Verzweifeln mit deinen unreifen Ansichten“ donnerte Papa. –

Als sie wieder zu Haus waren, sagte Sarah, sie werde nicht mehr an irgend einem Sonntag zu Papa gehen, Renée könne allein gehen. Renée war sehr bestürzt, frug nach dem Grund. „O, Elisabeth ist eine abscheuliche Person,“ sagte Sarah, „sie stichelt immerzu wegen Hannsbabo.“

Es tat Renée so leid, und sie fühlte beinahe etwas von Verantwortung. – „Laß uns ein wenig verreisen, bis Elisabeth wieder heimfährt,“ sagte sie.

Aber sie reisten nicht. Sarah mochte nicht fort von Berlin. Sarah hatte noch so viel Einkäufe. Und die Kleider waren noch nicht fertig. Die Direktrice brauchte absolut noch vierzehn Tage. „Nachher sind es dann doch drei Wochen,“ sagte Sarah. Und Sarah hatte doch auch keinen anständigen Hut.

Wenn alle diese Hüte und Kleider mit dazu passenden Schleiern und Schirmen ankamen, dann mußte Renée es bewundern, und Sarah erklärte, wozu alles gebraucht würde.

Dann sah der Salon aus wie der Packraum eines Warenhauses. Mit ungeheuern Summen, die es ‚bloß‘ kostete, warf Sarah herum. Manchmal ekelte es Renée um all den törichten Plunder, und dann wieder hatten diese Dinge einen sonderbaren Charme wie fremdländische Menschen. Zu solchen Zeiten feierte Sarah Triumphe. Renée wurde in einen großen Sessel gesetzt, recht bequem, weil es lange dauerte, und dann trug Sarah die neuesten schönen Kleider an ihr vorüber, die für ‚wenn die Trauer vorbei war‘, mit den dazu passenden Hüten, Schleiern und Schirmen. – Es war wie ein fremdartiger Tanz, es fehlten nur noch schwarze Kerle, die auf Trommeln schlugen.

Renée saß dabei und träumte.

Sie dachte: Will denn das Leben niemals zu mir kommen, ich suche es doch. Ist es, weil ich nicht allein bin? Muß ein Mensch ganz allein sein, damit er findet.

Sie dachte: Wie wirst du aussehen, du, um den ich lebe.

„Und nun kommt das allerschönste Kleid,“ sagte Sarah. – –

In dieser Zeit kam Renée die Sehnsucht, allein zu sein. Ganz allein, wie früher in ihrer Kindheit. Nicht mehr neben andern gleichgültigen Leuten zu leben, deren Nahesein ihr das Leben fremd und kalt machte. Und ihre eigene Seele fremd machte.

Allein sein, still und für sich und ganz einsam, bis der einmal da war, von dem Hannsbabo gesprochen hatte.

Aber sie mochte nicht davon reden zu Sarah.

Dann war ein Abend, der war weich und sanft. Der war voll von dieser schweren Sehnsucht, die im Frühling die Menschen überfällt.

Renée ging durch die Stadt. Sie konnte sich gar nicht durchfinden durch die vielen geraden Straßen, die sich alle rechtwinklig schnitten, wie auf einem Schachbrett. Aus all diesen Straßen kam ein nebliger Dunst, wenn man um die Ecke bog, und so ein Rest von Sonne strömte schwer und warm aus dem Asphalt. Da tauchte die Säule auf mit der großen, goldnen Göttin, es mußte spät sein, die Wagen, die vor dem Theater die Runde machten, kamen schon zum Abholen. Ein weicher Regen rieselte, man spürte ihn wie Nachttau auf den Kleidern.

Renée mochte noch nicht zurück. Sarah war in irgend einem Konzert, und Sarah würde spät wiederkommen.

Renée stand am Wasser still, sah wie die kleinen Tropfen des Regens in das breite, dunkle Wasser des Flusses hineintanzten, sah die Lichter der Friedrichsbrücke, von denen das Wasser plötzlich aufleuchtete neben seinen dunkelsten Stellen – eine verzweifelte Mutlosigkeit war in Renées Herz, die von gar nichts kam und in nichts seinen Grund hatte. Wohin wollte sie denn?

Sie dachte, wenn es doch einen gäbe, zu dem ich die Hand ausstrecken könnte, der hülfe. Einen Gott. Wie gut es die Leute haben, die sich einen Gott ausdenken können. Sie brauchen niemals einsam zu sein, dachte Renée.

Sie hörte neben sich ein paar Worte, sie sah ganz dicht neben sich einen Mann, der sich lächelnd verbeugte.

Sie erschrak nicht. Sie merkte es eigentlich gar nicht. Sie ging nach Haus. Der Mann folgte ihr. An der Haustür versuchte er sie anzusprechen.

Oben ging ein Fenster auf. –

„Kommst du endlich.“ – Renée sah hinauf. Sarah winkte ihr zu. Sarah war freundlich und gut und ein ganz bißchen beleidigt. So lange hatte sie nun schon gewartet, und Renée sollte doch etwas essen. Ein warmes, gutes Gefühl kam Renée.

Sie dachte: Ein bißchen wartet sie doch auf mich, wenn auch nur sehr wenig. –

So oft fand Renée, daß sie am Fenster ihres Zimmers saß und hinaussah und trotzdem gar nichts sah draußen, also träumte sie wohl; aber eigentlich war es ein stumpfer, regloser Zustand der Seele. Die Seele wußte keine Herkunft und kein Ziel.

Die Tage waren ganz leer. Die Freuden waren leer. Und einen eigentlichen Schmerz gab es nicht – wo sollte er herkommen. Da war nur stumpfe Gedankenlosigkeit; nein, nicht einmal bis zu einem Schmerz reichte es aus. –

Aber man konnte sich beschäftigen, irgend etwas tun, was nützlich aussah.

Wo war der Sinn für solches Tun? Man mußte einsehen, daß es völlig zwecklos war, sich mit dem Inhalt dicker Bücher das Gehirn vollzustopfen, Italienisch zu lernen, sich in Wohltätigkeit zu betätigen. War sie, Renée, einundzwanzig Jahre umhergegangen, um ausgerechnet eine Stunde täglich einer erblindeten Näherin vorzulesen?

Unsinn war das. Renée dachte: ich lasse mich nicht täuschen. Man soll mir doch nicht weismachen, daß derlei Zeug einen Sinn hat. – Und bei Sarah sein! Warum? Weil Hannsbabo es von ihr gewollt hatte. Konnte ein Mensch von dem andern wollen, daß er auf eigne Perspektiven verzichtete?

Früher konnte ich träumen, dachte Renée. Ich sah hinaus in die Sonne oder in die Nacht, gleichviel was eben gerade am Himmel stand. Wie war es nur möglich, daß ein Mensch so maßlos allein sein konnte, niemanden hatte. –

Sie dachte an ihre Schulfreundinnen: Fly, Edel – Edel! Sie wußte kaum, was aus der geworden war. Sie war in irgend eine Fremde hineingegangen mit Bällen und Verlobungen und Heiraten. Wenn Renée einmal eine von ihnen traf, dann wußte man kaum anderes zu reden als die alten Späße aus der Schule: als Edel zu der englischen Lehrerin sagte – –

Manchmal war es Renée, als sei sie alt geworden, so alt. Dann lachte sie, dann wurde sie wieder froh und dachte an das kleine, liebe Studentenlied, das sie irgendwo gehört hatte:

‚Noch ist die blühende, goldene Zeit, Noch sind die Tage der Rosen – –‘

So ein liebes, kleines Lied.

„Ich finde, du machst immer so ein bekümmertes Gesicht, kleine Renée, was hast du nur?“ Sarah sagte das ganz eindringlich und besorgt mit einer drolligen Besorgnis.

„Ich weiß nicht, Sarah.“

„Hast du jemanden lieb?“ frug Sarah.

„Nein – eben nicht.“ – Sarah lachte: „Also warum bist du dann bekümmert?“

„Weißt du, wenn ich dir das sagen sollte. Nein Sarah, ich brauchte vier Tage mindestens und dann sähest du es doch nicht ein.“

Sarah antwortete sehr gekränkt. Das könnte Renée nicht wissen, und überhaupt hätte gerade sie das meiste Interesse für Renée.

Wie es Renée verführte. O, sie mußte sich Mühe geben, damit sie nicht alles sagte, was da war und ihr das Herz abdrückte. Aber sie wußte ja gar nicht einmal, wie sie es hätte sagen sollen. –

Eines Abends kam Schoenburg. Er kam mit einer Cousine, und diese Cousine setzte sich neben Sarah, sprach und sprach und sprach. –

Schoenburg ging in den Zimmern umher, und einmal blieb er stehn in dem kleinen Wohnzimmer und sagte zu Renée, ob sie sich nicht ein wenig in Hannsbabos Zimmer setzen wollten.

Ob denn Gräfin Saurma Sarah Geheimnisse anzuvertrauen hätte, frug Renée. Schoenburg lachte, er sagte: „Das hoffe ich, lange und intensive und zeitraubende Geheimnisse.“ Dann: „Fräulein von Catte, fühlen Sie sich hier wohl? Ist dies Leben bei Ihrer Frau Schwägerin nun das, was Sie froh macht im Innersten? Seien Sie nicht böse wegen meiner Frage. Sie wissen doch, wir wollten gute Freunde sein.“

Renée fühlte ihr Erröten, fühlte es mit einer peinigenden Sicherheit und wußte nichts zu sagen.

„Ich frage Sie,“ fuhr Schoenburg fort, „weil Sie, wie ich fürchte, hier eine Art von Selbstaufopferung treiben, die – ich kann es Ihnen nicht verhehlen – mir ein wenig gefährlich scheint.“

„O nein,“ antwortete Renée, „o nein.“

Er schien das nicht zu beachten. „Es klingt vielleicht etwas absurd und zum mindesten recht unritterlich und unliebenswürdig, wenn ich Ihr Leben bei Frau von Catte so als etwas für Sie Verwerfliches betrachte – klingt es sehr schrecklich?“

„O nein, Sie beurteilen es ungut,“ sagte Renée. Schoenburg sah sie gut und freundlich an. „Wollen Sie mich einmal nicht unterbrechen, wollen Sie einmal Ihre Verneinungen lassen. – Ich sage ja nicht, Ihre Schwägerin hat einen verwerflichen Einfluß. Ich sage nicht, Sie werden mißhandelt, brutalisiert, ausgenutzt. Nein, nein, Fräulein von Catte. Sie sind jung und stehen noch an ‚des Lebens goldnem Tor‘, und Sie sollen hineingehn und zwar dahin, wohin Sie mögen, und nicht, wohin irgend eine Pietät, irgend ein Sentiment der Pflicht und der Devotion Sie führt. – Verstehen Sie mich?“

Schoenburg griff nach einem der Bilder von Renées Bruder, er hielt es vor Renée hin. „Ich hatte ihn sehr lieb,“ sagte er, „sehr, das wissen Sie. Aber er würde es niemals gewollt haben, daß Sie auf ein eignes Schicksal verzichteten, um sein trauriges, trauriges Schicksal auf Ihre Schultern zu laden. Nein, so unfein und so lieblos war Hannsbabo nicht.“

„Warum sagen Sie diese Dinge?“ antwortete Renée. „Ich weiß es. Aber Sarah hindert mich nicht an dem Erleben meines Schicksals.“

Schoenburg sagte: „Das wissen Sie nicht.“

„Doch, Herr von Schoenburg. Sie hält mich von nichts zurück. Sie würde mir geben, was ich verlangte.“

Schoenburg lächelte: „Sie wissen gar nicht, was Sie verlangen. Und – Sarah kann es Ihnen keineswegs geben. Außerdem, daß sie sich gar nicht die Mühe nimmt.“

Er sagte: „Sie werden zugrunde gehn an Sarahs unbeweglicher Liebenswürdigkeit, eben wie er.“

„Nein. Denn er liebte sie, während ich – nun ich mag sie gern.“

„Sie wissen das nicht,“ sagte Schoenburg.

Aber Renée lachte – lachte.

Schoenburg sah sie vorwurfsvoll an. „Mir scheint, ich reize Ihre Lachmuskeln ungeheuer. Ich bin ein wenig gekränkt, Fräulein von Catte.“

Renée beruhigte ihn. Gar nicht sollte er gekränkt sein. Im Gegenteil. Und sie wisse ihm allen Dank.

„Nur eigentlich was ist das Positive an Ihren Worten?“ frug Renée. „Sehen Sie,“ antwortete er, „so ist es gut. Ich sage: gehen Sie fort, ein wenig in die Welt, suchen Sie sich einen Beruf, eine Arbeit, eine Nützlichkeit.“

Eigentlich traute Renée ihren Ohren nicht recht.

„Das sagen Sie, ein Gardekürassier-Oberleutnant, ich glaube gar, nun dringt die Zersetzung schon in die obersten Schichten.“

„Ja ja, ich sage es. Und sage es, weil ich merke, daß Sie sich bei der gewöhnlichen Art des tatenlosen Herumsitzens, wie es die jungen Mädchen bei uns tun, nicht wohl fühlen und weil Sie sehr bald daran unglücklich sein werden – – und weil ich dann auch sehr unglücklich wäre.“

Renée hob ein wenig die Augen und sah in sein helles, gutes Gesicht.

Sie gab ihm die Hand. Sie sagte: „Es ist recht und klug und sehr freundschaftlich von Ihnen, Herr von Schoenburg. Ich will alles überdenken.“

Schoenburg zog ein Druckheft aus seinem Ärmelaufschlag. Er sagte: „Wenn ich Ihnen dies einmal hinterlassen darf. Es ist der Jahresbericht des Frauen-Gymnasiums.“ Er schlug das Heft auf und tippte mit dem Finger auf einen Namen: „Hier – Johanna von Ramin, genannt Nana, ist meine Cousine. Sie ist ein sehr, sehr tüchtiger kleiner Kerl.“

„Kann ich sie nicht kennen lernen?“

Schoenburg strahlte. Ganz blinkend wurden seine Augen. „Also morgen komme ich mit ihr zum Tee. Paßt es?“

„Das ist hübsch, ich –“

„Also begleitest du deine Cousine nun hübsch anständig ins Esplanade?“ rief Gräfin Saurma von nebenan.

Schoenburg verabschiedete sich. Er küßte Renée die Hand und sagte: „Auf Wiedersehn morgen zum five o’clock.“ –

Sarah war unzufrieden. Sarah sagte: „Diese Saurma schwätzt so viel. Was geht es mich an, was der Kronprinz zu ihr gesagt hat. Mir ist es ganz egal. In Amerika gibt man nicht so viel auf die Äußerungen junger Leute.“

„Huh, sei doch nicht so grimmig, Sarah. Es ist doch ein solch schicker und eleganter ‚junger Mann‘, der Kronprinz.“

„Nonsense,“ sagte Sarah. „Übrigens, Renée –“

„Ja was denn?“ – Sarah kam und legte die Hände auf Renées Schulter. „Ich möchte auch ins Esplanade!“

„Wart doch noch ein bißchen, Sarah.“

Sarah machte Fäuste. Ganz fest kniff sie die Finger zusammen. – „O, ich möchte vergehn,“ sagte sie.

Renée lachte: „Ganz so wie Hedda Gabler.“

Sarah sah sehr böse aus. „Was, Hedda Gabler,“ sagte sie zornig. „Ich langweile mich gräßlich.“

Sie war böse – böse. Nein. Sie wollte keinen Ton mehr reden mit Renée. Sie bestellte das Auto und fuhr in den Grunewald.

Renée wartete mit dem Abendessen.

Erst wurde es warm gestellt. Dann wurde es kalt gestellt. Die Mamsell schimpfte draußen, und der Diener kam alle zwei Minuten und frug, ob er nicht lieber doch für das gnädige Fräulein servieren solle. – Nach einundeinhalb Stunden – Sarah hätte längst zurück sein müssen, selbst wenn sie bis nach Wannsee und wieder zurückgefahren wäre – nach einundeinhalb Stunden bestellte Renée das Essen. Etwas kam herein, was einmal ein Beefsteak gewesen war. Der Diener reichte es mit verlegenem Grinsen. Es wurde nicht besser davon.

Sehr spät am Abend kam Sarah. Sie kam ohne Auto. Sie warf die Türen. Als Renée in ihr Schlafzimmer ging, hörte sie den Chauffeur mit der Jungfer klatschen: „Direkt an einen Baum ist sie jejondelt kurz vorm Stern. Wir beiden sind in einen Jrasjraben jeflogen – wie die Champagnerproppen.“ – Die Jungfer kicherte: „Und blaue Flecke wird’s morjen jeben – na, gut Nacht, Karlchen.“ –

Karlchen war Emmas Neigung.

Am andern Morgen war Sarah sanft und freundlich. Ein wenig blaß sah sie aus. Renée kam zu ihr: „Guten Morgen, du hast mich warten lassen gestern, Sarah; so groß wie eine Briefmarke war das Beefsteak, als ich es endlich bekam.“ –

„Ja, o entschuldige. Ich hatte eine Panne mit dem Auto. Saß total fest. Mußte mit der Bahn zurückfahren.“ Sarah verschwieg den Grasgraben. „Ja, bist du denn so toll gefahren?“ frug Renée. – „Manchmal möchte ich am liebsten bums gerade gegen eine Mauer sausen mit dem Ding.“

„Und da hast du dir gewiß gestern diese Sehnsucht erfüllt.“

Sarah lachte. Renée erzählte von Schoenburg. Er wollte also samt Cousine zum Tee kommen. –

„Diesmal kannst du die Cousine unterhalten,“ sagte Sarah.

„Ja, so war es auch vorgesehn!“ –

Eine kleine, schlanke, hastige Person war Schoenburgs Cousine. Sie hatte wolliges, kurzes Haar, einen Umlegekragen und einen riesigen, roten Schlips. Sie brach in unverhohlene Bewunderung aus über Sarahs goldene Teegeräte. „Na sowas,“ sagte sie, „mein Himmel, das ist ja schweres Gold!“ Ihr Vetter lachte.

Dann sprachen Sarah und Schoenburg über die Sommerreise nach Schottland. Er würde die Züge aussuchen. Selbstverständlich. Sie brauchte nur zu befehlen, ob über Hook van Holland oder Vlissingen.

„Mein Vetter hat schon zahllos oft von Ihnen gesprochen, Fräulein von Catte,“ sagte Nana. „Er muß Sie recht gut kennen. Er schilderte Sie genau so, wie Sie mich beeindrucken.“

„O ja. Wir kennen uns beide. Außerdem ist Herr von Schoenburg klug, glaube ich.“

Nana lachte: „Das wann er hörte. Er läßt sich nämlich so gern loben. Gerade darum hab ich ihn gern. Solche Menschen geben sich wenigstens Mühe um ihren Nächsten. – Er sagt, Sie wollen studieren.“

Renée staunte: „Ich, wieso? Ich habe doch gar kein Examen gemacht.“

„Na ja natürlich, wenn Sie das haben.“

„Ich hab aber gar nicht Lust,“ sagte Renée. Nana sah Renée starr an. „Nicht Lust?“ frug sie. „Hoho, Sie werden schon bekommen.“ – „Ich meine, ich hätte schon Lust, nur ist es so schwer und ich bin so faul,“ sagte Renée.

„Sie sollen faul sein? Das glaub ich im Leben nicht. Außerdem Faulheit ist nur so beim ersten Ruck hinderlich. Nachdem kommt’s von allein. Was ist da weiter. Wenn Sie einundeinhalb Jahr wahnsinnig büffeln oder zwei Jahr ordentlich oder drei Jahr mit Zwischenpausen und Seelenruhe, dann haben Sie’s. Nachher brauchen Sie gelegentlich mal ein Jahr sich hinzusetzen, bauen Ihren Dr. phil. und sind ein gemachter Mann. Ist das nun so schlimm?“

„Ja, Sie! Sie können natürlich alles schon,“ sagte Renée.

Nana lachte höhnisch. „Ja,“ sagte sie, „noch nix kann ich. Sie sollten mich mal hören, wenn mein Dr. math. mir Pyramiden und Zylinder aus Kartoffeln ausschneidet, damit ich mir so einen Querschnitt in meinem Krautkopf vorstellen kann. Ja.“

Renée mußte lachen. Sie fing bald an, Lust zu bekommen.

„Erklären Sie mir mal was davon.“

„Dank schön,“ sagte Nana, „nee – nachher werden Sie wütend, wenn ich mich verheddre.“

„Ach, tun Sie’s doch.“

„Mir scheint, sie streiten bereits,“ sagte Schoenburg. Sie stritten doch gar nicht, sie vertrugen sich doch so schön. –

Nana und Renée verabredeten gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge, Lädenbummel. Und jedes Mal sagte Nana: „Eigentlich habe ich gar keine Zeit.“

Schoenburgs Cousine gefiel Sarah nicht sonderlich. „Sie hat eine so lärmend fröhliche Art. Gerade wie eine aufgezogene Uhr.“

Jedesmal wenn Renée mit Nana zusammen war, wurde vom Studieren gesprochen und vom Examen. Und von einem Mal auf das andere bekam Renée mehr Lust. Sie dachte: Es muß hübsch sein, etwas vor sich zu bringen.

Aber sie wollte durchaus nicht so viel Zeit vertun. Mehr als zwei Jahre wollte sie keinesfalls anwenden.

Nana redete ihr zu. Nana hatte schon feste Pläne: Renée nahm erst Privatunterricht und zum Schluß ging sie aufs Gymnasium. Oder sie machte alles privat.

Als die Ferien anfingen, ging Nana zu Verwandten aufs Land. Renée brachte sie zur Bahn und stand und sah dem Zuge nach, und als Nanas Lockenkopf zuletzt sichtbar wurde neben dem eifrig wehenden Tuch, dachte Renée: eigentlich kennen wir uns noch gar nicht, haben immer nur von diesen äußerlichen Dingen gesprochen. –

Renée sprach zu Sarah von ihrem Plan. Sarah sagte nichts dawider, sie sagte vielmehr: „Ja, ganz gut. Ich finde es sehr verständig.“ Aber Sarah wurde sehr still, nachdem sie davon gesprochen hatten. – Ob Sarah dagegen sei? „Nein,“ sagte Sarah. „Ich habe ja gar kein Recht, dagegen zu sein. Ich will dich durchaus nicht beeinflussen in deinen Entschlüssen. Nur ich fürchte dich zu verlieren. Nur du hast viel Ähnliches mit deinem Bruder, und das ist zuweilen gut für mich“ – so sagte Sarah.

Renée schwieg. Ihr kam das Erinnern an Hannsbabo; sehr intensiv war dies Erinnern, es war, als fühlte sie seine Hand – –

„Renée,“ sagte Sarah. Das Rückerinnern verging.

„Ich will ja gar nicht fortgehn, Sarah; ich will nur etwas tun, etwas Nützliches anfangen.“

„Nein, nicht allein deswegen. Seit einer ganzen Zeit schon bist du bekümmert und traurig. Ich sehe es dir an schon seit einer ganzen Zeit.“

Fast war Renée ihr dankbar. Wenigstens ein Mensch achtete auf sie.

Renée sagte: „Arme fröhliche Sarah, hast du einen so griesgrämigen Menschen um dich, hast du’s mit einer so schwerblütigen, langweiligen Renée zu tun.“

„Ich bin gar nicht immer fröhlich.“

Renée lachte: „Doch, freilich bist du’s. Gott, das ist etwas so Gutes.“ – Sarah sah ganz bekümmert aus: „Du hast gewiß doch einen lieb – etwa den Schoenburg mit den geschwätzigen Cousinen?“

„Nein, nein. Ich habe nur ein wenig das, was man bei euch ‚heimatskrank‘ heißt, seelisch hab ich das. Wir sagen dazu Heimweh.“

„Ja,“ sagte Sarah, „Hannsbabo sagte drüben manchmal, er hat Heimweh nach dem kleinen Bub Renée.“

„O, der liebe – ja, er verstand diese Dinge,“ sagte Renée.

Also in vierzehn Tagen würde Sarah zur Prinzeß Johann reisen nach Schottland. Nun hatte man fieberhaft zu tun. Sarah blieb kaum fünf Minuten unbeschäftigt, aber sie konnte doch in Redcliff Castle nicht ankommen wie eine ‚Frau vom Lande‘.

Dies war für Sarah der Superlativ für Uneleganz. Wenn Renée gegen das viele Anprobieren redete, weil Sarah kaum mehr zum Schlafen und zum Essen käme, dann hieß es: „Du kannst doch nicht denken, daß ich dort auftreten soll wie eine ‚Frau vom Lande‘!“

Renée frug: „Also was ist das genau genommen?“

„O, mit diesen entsetzlichen, ovalen Hüten, auf denen Straußenfedern sind, und grauen Kleidern, die nicht sitzen, und diesen billigen Korsetts.“

Renée mußte lachen; wirklich, Sarah hatte recht.

Der Diener meldete den Wagen. „Komm doch mit, Renée,“ sagte Sarah. Sie fuhren den Linden zu.

Vor dem Tor stand es schwarz von Menschen. Um diese Zeit ritt der Kaiser vorbei. Man hatte die gelbe Standarte gesehen auf dem Schloß. Er war also in Berlin. Die Leute standen geduldig und ließen sich die Hüte versengen. Renée fiel ein, wie sie als Kind stundenlang auf ihn gewartet hatte. Und sie hatte sich immer auf den Straßenübergang gestellt, wo er sein Pferd Schritt gehen lassen würde.

Dann hatte er ganz allein für Renée gegrüßt zuweilen. – „Ich werd’s ihm erzählen, wenn ich Flügeladjutant geworden bin,“ sagte Hannsbabo. – –

Sarah kaufte ganz Berlin auf. Und überall wurde sie mit ausgesuchtester Höflichkeit behandelt. Überall stürzte schon am Eingang ein Extra-Herr auf sie zu, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, ihr alle ‚Neuheiten‘ zeigte und sie Frau Baronin nannte.

Dieser Herr geleitete sie auch wieder zum Wagen.

Renée machte es Spaß, denn sie genoß einen Abglanz dieser Devotion. Auch ihr wurden ‚Neuheiten‘ vorgelegt.

Manchmal neigte Sarah den Kopf zu ihr herüber. Sie sagte: „Renée, gefällt dir dies, möchtest du es nicht haben, sag doch, Renée!“ – Dann sah Renée sie an und lachte und sagte: „Nein, Sarah, bitte nicht.“ Dann sah Sarah enttäuscht aus. Aber Renée wollte nicht die vielen, teuren Geschenke.

Zum Schluß mußte Renée das Reisenecessaire bewundern. Alles darin war von schwerem Silber, und darauf prangte das Catte-Wappen – ganz verschüchtert saß das kleine Wappen-Tier auf all dieser Herrlichkeit.

Renée fand, man würde mindestens einen Gepäckträger extra dafür benötigen.

„Aber schließlich kann ich doch nicht mit Nickelgegenständen herumreisen,“ antwortete Sarah.

„Aber dein tägliches Gebrauchszeug?“

Sarah sagte: „Das ist Elfenbein. Elfenbein ist nicht mehr Mode.“ – Renée lachte sehr: „Natürlich,“ erklärte sie, „du brauchst es!“ – Was nur Frauen tun, die keine Amerikanerinnen sind, dachte Renée. Was sie nur tun?

Sarah fuhr ab. Drei riesengroße Rohrplattenkoffer begleiteten sie. Der Diener bewachte ebensoviele Hutkoffer, ein Gepäckträger folgte mit dem Rest. Sarahs Jungfer trug das Necessaire.

Wenn Renée alle Kleider und Zubehöre bedachte, so wunderte sie sich eigentlich, wie es alles in den Koffern untergekommen war. Allerdings – der Träger hatte noch fünf Handgepäcke.

Sarah war zuletzt ganz richtig traurig. Und Renée sollte oft schreiben und sie ein bißchen entbehren.

Sarah winkte noch aus dem Fenster heraus.

Zu Haus wurde Renée schon erwartet. Es war Elisabeth. Elisabeth befand sich auf der Rückreise und wollte nach Groß-Gehren, sie hatte gedacht, am Ende käme Renée gleich mit.

Man könnte den Koffer einfach auf den Wagen stellen, der Kutscher hätte doch noch angespannt.

Renée lachte: „Erstens dürfen auf Sarahs Wagen keine Koffer und zweitens kann ich gar nicht.“

„Du kannst doch unmöglich für länger hier in der Wohnung so allein hausen.“

„Findest du?“ – „Papa findet es,“ antwortete Elisabeth spitzig. – „Na, beruhige dich nur, Elisabeth, das will ich ja gar nicht. Ich komme bald nach Groß-Gehren und dann reise ich etwas.“

„Reisen, wohin denn?“ – „Vielleicht nach München.“ – „Was willst du denn da?“ – Renée amüsierte sich, Elisabeth zu chokieren. „In Italien soll es ja im Sommer auch wundervoll sein.“ – „Was für eine verrückte Idee,“ sagte Elisabeth scharf. Sie ereiferte sich. Papa fände, daß das Reisen ins Blaue hinein lächerlich sei. Er habe keineswegs Geld für sowas übrig. Ja, er habe es geradeheraus gesagt, als Renée im letzten Brief davon geredet hätte.

„Warum bist du denn nicht mit der holden Sarah gefahren?“ – „Du drückst dich wirklich recht gewählt aus,“ sagte Renée, „indessen mich lockt weder die Prinzessin noch Schottland.“ – „Sarah versteht es wirklich ausgezeichnet, sich in die exklusivsten Kreise hineinzubringen,“ sagte Elisabeth. Gewiß war sie recht neidisch. „Du könntest wirklich lieber in Groß-Gehren Papa etwas behilflich sein. Papa hat eine neue Köchin, dort wäre am Ende dein Platz.“

Renée ermüdete schon. Wozu? Was denn eigentlich hatte sie gewollt? Alleinsein – wissen, wer man ist.

„Schließlich hat die Familie doch wohl auch Anrechte auf dich.“ – „Niemand hat Anrecht auf mich,“ das schrie Renée ganz zornig. „Niemand, dem ich es nicht gab.“

„Dieser moderne Quatsch, es ist fürchterlich,“ sagte Elisabeth.

Nach wenig Tagen fuhr Renée.

Da war der Turm von Groß-Gehren und die breiten Kronen der Linden, zwischen denen das Haus stand, da war der weiße Kirchturm.

Nun über die Bahnschienen mit der Warnungstafel und den Weg hinunter über den kleinen Berg, so ein märkischer Kaninchenhügel, und auf der Dorfstraße die Kinder mit dem weißblonden Haar und den dunkelbraunen Gesichtern.

Da die ziegelrote Schule und die schöne Kirche und der Hof.

Auch heute sprang ein brauner Jagdhund – wie mochte wohl dieser heißen – auf den Wagen zu und kläffte.

Da rasselte der Wagen über die holprigen Hofsteine, das altgewohnte Geräusch.

Renée ging in den Zimmern herum, wo dieser herbe Geruch war aus der Kindheit – nach Lavendel und ein wenig dumpf, weil immer die Läden geschlossen wurden vor der Sonne.

Draußen floß das weiche, graue Wasser, das die langen Kähne vorübertrug; die wurden schöne, weiße Segel, wenn Wind war.

Sie ging in das Zimmer, wo sie als Kind gewohnt hatte. Es war durch eine bunt tapezierte Wand in zwei Räume geteilt, es waren fremde, plustrige Polstermöbel darin und Bills Spielsachen. Großvaters riesengroßer Schreibtisch, auf dem Renée als Kind mit ihren Spielsachen herumgeklettert war, stand nicht mehr an seinem Platz.

Renées Puppenhaus und die Festung mit der Zugbrücke und das Theater, alles stand auf der Erde in diesem Zimmer, und in der Mitte thronte Bill, vor ihm lag ein Haufen Bleisoldaten, auf die er mit einem Holzhammer loshackte. Renée fuhr auf ihn los; es ergab sich, daß es ihre alten Bleisoldaten waren, – Bill fing an zu heulen. Renée raffte das ganze Zeug in ihren Rock und trug es fort.

Als sie in ihrem Zimmer die kleinen blauen und roten Männer ansah, kam sie sich sonderbar vor, lächerlich, kindisch, aber es blieb trotzdem ein Kummer, ein dummes, kindisches Leid. Sie schüttete den ganzen Kram in die Kommode, das meiste war ohne Kopf und Beine.

Erst wollte sie es Papa sagen, man hätte nicht einfach ihre Spielsachen dem ekligen Bengel zu geben. Ihr gehörten die Sachen, sie könnte sie selber schon verschenken, wenn sie wollte.

Dann dachte sie: Gewiß ist es dumm, ich sehe ja die Sachen doch nicht an, gewiß ist es gar kein guter Charakterzug, daß ich sie dem Bill nicht gönne.

Sie würde dem Bill doch einmal alles gönnen müssen, Haus und Hof und Feld.

„Ich höre, du willst reisen,“ sagte Papa.

„Ach nein, Papa, ich will es eigentlich gar nicht.“ – „So so – na,“ sagte Papa, „das ist ja schön, denn da du schon so lange weg warst, so hofften wir, du würdest dich mal hier nützlich machen.“

„Freilich,“ sagte Renée, „wenn ich was helfen kann.“

„Du könntest etwas auf die neue Köchin achten,“ meinte Papa. „Sie ist eine ganz untaugliche Person, und der Diener ist auch ein furchtbar dämlicher Kerl.“

„Wie bist du denn mit dem Förster zufrieden?“ – „Nichts versteht er,“ antwortete Papa.

Demnach schien Papa wenig Glück gehabt zu haben bei seiner Wahl.

„Na, wie gefällt dir denn Bill?“

„Gott, er ist doch erst zwei Jahr,“ meinte Renée.

„Eine Schönheit wird er nicht werden,“ sagte Papa. „Er hat gerade die blöden Augen wie sein Vater.“

Renée sah ihren Vater erstaunt an. Papa sah ganz ernst aus. Geradezu bekümmert. – „Nichts von unserer Familie hat er,“ fuhr Papa fort. „Der ollen Horwitz gleicht er – na –“ damit erhob sich Papa und ging in den Garten.

„Papa entbehrt dich recht oft,“ sagte Elisabeth.

Renée schwieg. Sie fing an nachzudenken. Damals, als Papa täglich mit ihr ausfuhr, als sie immer die Rehböcke für ihn erspähte – besonders in der Seradella standen sie gern. Wenn sie am Vorwerk vorbeikamen, sagte Papa manchmal: Hier müßte man das Pächterhaus hinbauen, damit man sie los wäre vom Hof, und hier käme dann der ganze Wirtschaftshof hin, wenn man’s demnächst mal alles herüberlegte.

Wenn Papa solche Dinge sprach, dann war Renée sehr geehrt gewesen, daß er seine Pläne mit ihr redete.

Renée dachte daran.

„Papa findet, deine Pflicht wäre es, ihn zu unterstützen und nicht Sarah,“ sagte Elisabeth.

Richtig, Elisabeth!

„Vor kurzem warst du doch sehr einverstanden, daß ich zu Sarah ginge,“ antwortete Renée.

„Nun ja, eben zeitweise. Aber so gehst du ja der übrigen Familie verloren – außerdem,“ Elisabeth machte eine kurze Pause, „außerdem wo soll es hinführen? Sieh mal, das wirst du doch selber einsehn, neben einer hübschen, jungen, so reichen und so koketten Frau wie Sarah kommst du nie zu deinem Recht.“

„Wieso? Wie meinst du das?“

Elisabeth lächelte diskret: „Na, Renéechen, weißt du.“

Renée ärgerte sich, diese albernen Diminutive.

„Ich meine ganz einfach,“ fuhr Elisabeth fort, „Sarahs kokettes und reifer entwickeltes Wesen sticht den Reiz deiner harmloseren Jugend aus bei den Herren.“

„So etwas Geschmackvolles also meinst du.“ Renée lachte. „Das kann ich überstehn.“

„Du wirst schon sehn, wenn erst die Trauer vorbei ist und ihr seid in Gesellschaft.“

„Nein,“ antwortete Renée energisch. „Fällt mir nicht ein, in Gesellschaften zu gehn.“

Elisabeth sagte: „Nun, dann hat doch der Aufenthalt bei Sarah überhaupt gar keinen Sinn.“

Papa war nicht sonderlich erbaut von dem Plan mit dem Gymnasium. Daß Renée nun auch von dieser modernen Idee sich anstecken ließe. Überhaupt wäre es eine Albernheit, daß Renée immer bei Sarah herumsäße. Sarah sollte sich nur wieder verheiraten. Es war sehr, ja sehr töricht, wenn Frauen sich nicht verheirateten, fand Papa. –

Sarah schrieb kurze, vergnügte Briefe. Bereits im dritten Brief berichtete sie, daß der junge Landsdown ihr einen Antrag gemacht hätte – o, zu drollig – einen ganz richtigen mit Liebe und Verzweiflung ‚wenn nicht‘ und funkelnden Augen. Und nun sei er entrüstet abgereist. – Prinzeß Alison war reizend zu Sarah und nannte sie ‚sweet‘ und hatte versprochen, das nächste Mal mit dem Prinzen bei Sarah abzusteigen in Berlin, und wahrscheinlich würde Sarah in der Nähe der prinzlichen Güter in Schlesien irgend ein Schloß ankaufen.

Und es falle ihr nicht im mindesten ein, sich wieder zu verheiraten, obwohl sie es ihr alle rieten. Keine Spur. Die Männer wären doch viel netter, wenn man sie in jedem Moment wieder laufen lassen könnte, sobald man wollte. –

Renée war nicht wohl zumute bei diesen Briefen. Sie waren so sehr Sarah. Sie gaben zu sehr ihr Wesen preis.

Und Renée dachte: eigentlich sollte ich wirklich nicht mit ihr zusammen sein.

Im Herbst kam Sarah zurück. Renée sah sie wenig. Renée begann eben mit den Stunden. Sarah war müde und abgehetzt. Sie lag zu Bett, oder sie war in der Stadt und ordnete ihre Wintergarderobe. Und wenn sie zu Haus war, – irgendwie kam es, daß Renée und Sarah einander aus dem Wege gingen. Es hatte keinen besonderen Grund, nicht daß Mißhelligkeiten gewesen wären oder Streit. Mit Sarah gab es keinen Streit. Sie hatte eine bewegungslose Ruhe in allen Dingen, sie lächelte freundlich, wenn man ihr widersprach, und tat nach ihrem Belieben. Alles Rechten mit ihr war doch nur ein sinnloser Kraftaufwand.

Wenn sie keine Erwiderung wußte, lachte sie und wechselte das Thema.

Sehr oft mußte Renée an ihren Bruder denken. Dies und das der täglichen Geschehnisse, ja der ganz unwichtigen täglichen Kleinigkeiten ließ sie verstehn, was ihn aus dem Leben gejagt hatte. Sie dachte: Er ist zerbrochen daran, ist müde geworden und hilflos und arm. – Sie dachte, wie das wohl alles geschehen war.

Das Nachdenken über diese Dinge machte sie schroff und abweisend gegen Sarah. Ja, es stieg eine Härte in ihr auf.

Und oft gingen ihre Gedanken diesen Weg, sehr oft.

Manchmal mitten in einem Gespräch, wenn Renée aufblickte und Sarah ansah, dann fand sie einen unguten Zug, der in Sarahs Gesicht war.

Und Sarah lächelte ihn weg, wenn Renée hinsah. –

Das Arbeiten brachte Renée in eine gute, gleichmäßige Angespanntheit. Es gab ein Maß für die Tage, für die Wochen, für die Monate. Sie kam sich versorgt vor, wie jemand, der endlich eine passende Anstellung gefunden hat. Es war angenehm, zu wissen, was man am Morgen tun würde. Man fühlte die Stille und die Freude der Sonntage.

Manchmal kam Renée mit Nana zusammen. Dort traf sie Nanas Kolleginnen; tüchtige, frohe Menschen waren es. Manche – so fand Renée – hätten nicht so witzig zu sein brauchen, sie sagten: „Tableau“ – „So ist die Kiste“ – „Fertig ist die Laube“ – aber sie waren brav und ordentlich und auch klug zuweilen. Man überhörte eben die Witze.

„Wirst du denn nur immerzu so arbeiten?“ sagte Sarah.

„Freilich, bis ich fertig bin.“ – „Und dann?“ – „Dann arbeite ich weiter.“ – „Es wundert mich, daß dies Schulmädchenleben dich befriedigt,“ sagte Sarah.

Eigentlich mußte Renée lachen. Nun ja – was sie betrieb, waren ja nicht eben gerade Probleme der Wissenschaft. Aber Sarah – wenn sie sich Sarah über der griechischen Formenlehre dachte oder bei den ekligen Dreieckskonstruktionen.

„So lange ich die Dinge noch nicht kann, befriedigt es mich eben, sie zu lernen,“ antwortete Renée. Sie dachte: Dieser kleine Überfall mag ruhig hingehn.

Sarah sagte: „Mir ist es aber langweilig.“

Renée wurde böse: „Es steht dir jederzeit frei, dir eine lustigere Gesellschafterin zu nehmen.“ Diesmal lief Renée hinaus. Diesmal warf Renée die Türen. –

Renée und Nana waren im Grunewald. Sie saßen da an einem Waldgraben mit dem Rücken gegen den Weg. „Ich möchte ein wunderschönes Buch geschrieben haben,“ sagte Nana plötzlich, „möchte Dr. h. c. werden, möchte ein wahnsinniges Geld verdienen.“

„Ich denke, du wolltest den Krebserreger entdecken.“ – „Ja ja, das wäre gar nicht uneben. Aber das Geld, das ich dann hätt. Ach Unsinn.“

„Na, also dann irgend eine andere Medicinae Großtat.“

Nana schüttelte die Locken auf ihrem runden Kinderkopf: „Studieren werd ich schon, aber entdecken werd ich nix, das kannst du glauben.“

„Wie bist du denn eigentlich darauf verfallen?“

Nana legte sich lang in den Graben hinein und kugelte sich behaglich hin und her.

„Man verdient am meisten. Ich habe nämlich ein Vorerbe von Großmama. Das reicht gerade so zur Ausbildung und Anschaffung der Instrumente. – Nachher muß ich verdienen. Ich habe keine Lust, arm zu leben und zu sterben.“

Nana machte eine Pause, sie zupfte Gräser ab, die sie in den Mund steckte. „Überhaupt ist es sehr ungut, arm zu sein. Man dreht jeden Groschen in der Hand herum. Man wird geizig und kleinlich gegen sich und andere. Es verdirbt den Charakter, ebenso wie ungute Liebe.“

„Eine eigenartige Zusammenstellung,“ sagte Renée.

Nana lächelte: „Nein, das ist auch Armut, so eine ärmliche Liebe. Weißt du, Renée, ich finde, die Männer haben es maßlos gut.“

„Ach – findest du.“

„Ja“ – ganz eifrig wurde Nana – „denke nur: Frau und Kinder können sie haben und ernähren und kleiden. Alles kommt vom Mann. Jeden Groschen hat er verdient, und nun kann er der Frau und den Kindern alles geben, jedes einzelne ist seine Arbeit, was er ihnen gibt, und ein Stück von ihm. Und dadurch nimmt er sie alle ganz zu eigen, und sie hängen ganz von ihm ab.“

„Das sagst du ja ganz verklärt, Nana.“

Nana richtete sich halb auf: „Es ist das Schönste,“ sagte sie, „wenn der Mensch, den man liebt, ganz von einem abhängt in allen Dingen.“

„So ein Vampir bist du!“

Nana wurde bös: „Renée, du lachst, du ulkst über mich.“

Renée streckte ihr die Hand hin. „Nein, Nana,“ sagte sie. „Ich lache ja nicht. Nur darüber hab ich noch nie nachgedacht, ob eben dies so schön ist.“

„Nun also, was ist denn schön?“

„O, ich weiß es nicht,“ sagte Renée, „ich weiß nicht, ich denke: lieben.“ –

„Dieser Ausspruch ist nicht gerade neu,“ antwortete Nana.

„Nun ja, lieben an sich ist nichts Besonderes, aber so – so, daß eben der eine Mensch den Sinn gibt für alles andere – und dann –.“

„Was noch, Renée?“

Ein wenig noch zögerte Renée. Dann sagte sie: „Wenn man liebt, so muß es sein, um es nie wieder zu vergessen. Gar nichts auf der Welt, was auch geschehen könnte, muß dies ungeschehen machen können, daß man diesen einen Menschen über alles liebte – und wäre es schon ein ganzes Leben her.“

„Dann dürfte jeder Mensch nur einmal lieben.“

Renée schwieg. Sie hatte noch niemals daran gedacht. Und eigentlich konnte man sicher nur einmal lieben – aber dann wieder dachte sie an Hannsbabo.

Sie standen auf, um zurückzugehen.

„Heute mag ich überhaupt nicht heraus aus dem Grunewald,“ sagte Nana. „Morgen gibt es sicher Regen und übermorgen Schnee und die nächste Woche Winter. Dann ist’s aus mit dem Grunewald.“

Sie gingen nach Hundekehle.

Nana wollte absolut Punsch trinken. Renée redete dagegen. „Ich stoße dich auf ein paar Glas,“ sagte Nana, „und nun bist du still.“

Am See war es kühl. Sie mußten sich den Tisch extra heraussetzen lassen. Man servierte eigentlich nicht mehr draußen. Darum lag draußen alles voll gelber Blätter, die knisterten, wenn man darüberging.

Renée sollte immer noch mehr Punsch trinken. Sie hatte einen richtigen Kampf mit Nana.

Endlich saßen sie in der Elektrischen. Die Leute neben ihnen stapften mit den Füßen auf den Boden vor Kälte. Siebenmal hörte Renée, wie einer dem andern Schnee prophezeite. Die Bahn quietschte und klagte in den Schienen. Das versprach Kälte.

„Ich kann noch nicht nach Haus“ sagte Nana. „Ich kann nicht so früh allein sein heute, laß uns irgendwas unternehmen.“

„Komm mit zu mir, magst du?“

„Nein,“ sagte Nana, „dank schön. Ich gehe nicht gern in die Nähe deiner Schwägerin. Tu mir den Gefallen, laß uns was unternehmen.“

„Vielleicht könnten wir ins Theater gehn,“ sagte Renée.

Nana war einverstanden. Ja, sie würden in ein Lustspiel gehn. „Nur nicht etwas mit Emotionen,“ sagte Nana.

Es war ein furchtbar dummes Stück. Renée bedauerte ihre sechs Mark. Man hätte viel hübschere Dinge damit haben können. Renée ärgerte sich über die albernen Leutnants auf der Bühne, die wie Friseure aussahen, und die ‚Gräfinnen‘ benahmen sich so Münchnerisch ordinär. Natürlich saßen die Berliner und gröhlten vor Wonne.

Nana zupfte Renée am Ärmel bei jedem Witz und lachte und schlug sich auf die Kniee vor Vergnügen. Nachher, als sie heimgingen, war Nana ganz aufgeräumt. Sie sagte, Renée sei ein lieber Kerl, daß sie mitgekommen wäre. „Manchmal,“ so sagte Nana, „da denk ich an meine gräßliche einsame Bude, und dann bin ich wie ein Hund, den sein Herr mit dem Kopf ins Wasser getitscht hat.“

Renée sagte: „Dann sagst du mir’s immer, nicht wahr? Und wir sind gute Freunde und dann helfen wir einander schon aus.“

Dann nahm Nana Renées Hände und drückte sie ganz fest – und sie sagte: „Du kannst das wissen: du sollst keine Minute warten, wenn du einmal meine Hilfe brauchst, Renée.“ – –

Als Renée einschlief, fielen ihr Nanas gute, warme Worte ein. So kam es, daß sie ruhig und froh aufwachte den andern Morgen. –

Wie Renée sich plagte. Wollte denn die elende Geometrie nie in ihren Kopf? Manchmal saß sie drei Stunden über ein und derselben Aufgabe, und in der vierten Stunde fiel ihr so ein elender Lehrsatz ein. – Dann war es gelöst. Wenn sie es nicht herausbrachte, dann peinigte sie diese Zeichnung den ganzen Tag. Fast hätte sie, wen sie auf der Straße traf, angeschrieen: „Wenn a + b gegeben ist und der Winkel.“

Sarah betrachtete es mit Kopfschütteln.

Mit den Sprachen konnte sich Renée besser helfen. Und an dem Griechisch hatte sie Freude. O, man konnte zuweilen ganz berauscht werden von dem weichen, von diesem geheimnisvollen Zusammenklingen der Vokale.

Und immer gingen die Worte dieser Sprache dem Geschehen nach; klangen süß und sanft, wenn gute Dinge geschahen, klangen absurd und gellend und wie Schreie, wenn ein Unglück kam.

Renée konnte ein oder das andere Wort vor sich hersprechen, drei-, viermal – und wurde wehmütig dabei. –

Einmal sprach Sarah von Nana. Nein, ihr gefiel diese Nana nicht. Immer war sie in einer so sonderbaren Weise präokkupiert, wenn Sarah mit ihr sprach. Und sie hatte ein Benehmen wie ein Realschüler. – „Wirklich, du solltest dich nicht so mit ihr liieren,“ sagte Sarah. – „Sie ist der feinste und beste und ehrlichste Mensch, den ich kenne,“ antwortete Renée.

„Also du wirst bestimmt irgendwann peinliche Erfahrungen mit ihr machen.“

„Nein, nein.“ Renée lachte übermütig. Sarah überhörte das: „Von jener Person, die Margit Roeren hieß, hast du mir auch immer so vorgeredet.“ – „Ich glaube, ich kann trotzdem Unterschiede machen, Sarah!“

Sarah sagte: „So. Nun aber du absentierst dich absichtlich von mir, Renée. Und dann – ich halte den Einfluß dieser Leute nicht für geeignet.“

„In manchem hast du recht. Aber nicht hier. Nana ist nur gut für mich. Vielleicht indessen ist es ungut, daß wir zusammen sind, Sarah, daß wir es noch sind, denn das, was uns zusammenbrachte – das hält uns nicht mehr.“

Sarah schien erstaunt zu sein. Renée sah ihr so sehr an, wie wenig sie dergleichen erwartet hatte zu hören.

„Ich glaube es darum,“ fuhr Renée fort, „weil sich auf die Dauer und je älter ich werde, Gegensätze verschärfen werden, die dir wie mir zuerst ganz unwichtig erschienen und – weil du gewohnt bist, die Dinge aus einer andern Optik zu betrachten, als ich es tue. – Ich aber kann es nicht haben, daß herabsetzende Dinge gesagt werden über Menschen, denen ich gut bin.“

„So schweige ich also!“

Renée sagte: „Nein, nicht. Das würde wenig helfen. Sei mir nicht böse, Sarah, es ist dies: Du hast die Tendenz intellektueller Freiheitsbeschränkung. Aber ich kann keine Beschränkung ertragen.“

Sarah stand auf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht und ging – aber zögerte sie nicht einen kurzen Augenblick an der Tür? –

Bei Sarah begannen die Feste. Es kamen die, zu denen Sarah mit der langen Schleppe ging und dem Schleier und jene, zu denen sie goldne Kleider trug und silberne Roben, an denen zuvor Brillanten festgenäht wurden.

Schön sah Sarah aus. Aber Renée sah sie an und dachte an ihren Bruder. Dachte: früher war sie schöner, als Hannsbabo neben ihr stand und sie immer ansah. –

Abends, wenn Sarah zurückkam, legte Renée ihre Bücher fort, über denen sie gesessen hatte, und setzte sich zu Sarah.

Dann erzählte Sarah. Die Leute hätten gesagt, Sarah wäre schön, so schön wie eine Königin, sie sähe wiedermal am vorzüglichsten aus von allen. Dann lachte Renée und sang:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste allhier ...“

„Gar nicht ist Schneewittchen schöner,“ sagte Sarah.

„Nein, gar nicht,“ antwortete Renée.

Das mochte Renée gern, so abends mit Sarah sein. Die Dinge, die sie Tag und Nacht über eingepaukt hatte, tanzten ihr immer noch ein wenig im Kopf herum, während Sarah erzählte – und dann tanzten Sarahs bunte Geschichten dazwischen.

Wenn Renée zu Bett ging, nahm sie die Bücher noch einmal mit. Sie befaßte sich von neuem ernsthaft mit jedem einzelnen Stoff.

In der Mathematik erlebte sie Enttäuschungen: Immer war es abends so herrlich richtig. – Am nächsten Morgen hingegen war es falsch. Und Renée hatte doch gerade dem Mathematiklehrer auseinandersetzen wollen, wie einfach und unzweideutig diese Lösung wäre. –

Die Zeit verging gleichmäßig. Es war, als ob man in langsamem Tempo einen Berg heraufkäme.

Einen Berg mit einer leidlich bequemen Straße. Renée konnte die Arbeiten beiseite tun ein paar Stunden oder ganze Tage.

Aber dann wußte sie, es war immer da, bereit, zur Verfügung. Sie brauchte nur eins der Bücher zu nehmen.

Eine komische, kleine Kraft hatten die Bücher. Waren sie nun eine Schanze oder waren es Waffen? Oder war es ein Haus, ein Schneckenhaus, in das man hineinkriechen konnte?

Es war auch ein Sport dabei. Viel fixer als bei andern sollte es gehn – mußte es gehn. –

Renée sah Nana wenig diese Zeit. Nana sagte: „Nein, so ochse ich nicht. Keineswegs. Bei uns in der Penne läßt man sich Zeit.“

Manchmal kam sie, wollte Renée helfen, irgend etwas erklären. Aber es lief nie gut aus. Renée verteidigte wie ein Evangelium, was sie einmal gehört und verstanden hatte. Nana hingegen suchte immer nach neuen und folglich besseren Methoden. –

Einmal, gegen den Sommer, kam Nana aufgeregt angelaufen. Sie fuchtelte mit den Armen und schrie schon von weitem: „Du mußt in die Pension kommen heut abend. Gräfin Isowska gibt ein Atelierfest.“ – „Aber ich hab keine Zeit.“

Nana ergriff Renée aufgeregt bei den Armen und schüttelte sie. „Du mußt absolut, es wird famos, und überhaupt hab ich dich schon angemeldet. Es ist alles besorgt – hier ist die Karte.“ Sie zog einen Zettel aus dem Portemonnaie. „Es ist für eine ‚polnische Waise‘. Aber wir glauben alle, die Isowska ist selbst die ‚polnische Waise‘.“ Nana erstickte vor Lachen. „Es kostet fünf Mark,“ stieß sie keuchend hervor.

Renée zahlte. „Aber was muß man anziehn?“

„Ist schon erledigt,“ sagte Nana. Sie lief hinaus und schleppte einen Karton herbei. „Da, nimm,“ sagte sie mit einer verschwenderischen Geste, „es ist von Edda Osten. Es ist Napoleon auf der Brücke von Lodi.“

„O,“ sagte Renée, „soll ich das darstellen – aber –“

„Es kommen nur Damen.“ Nana richtete sich in ganzer Größe auf, „es wird sehr dezent, und die Gräfin Isowska hat sich extra Atelier-Requisiten dazu verschafft.“

Nana begann den Karton auszupacken – das geschah, indem sie den zu unterst liegenden Gegenstand herauszerrte. Dadurch fielen die andern mit.

„Das Kostüm kannst du ruhig tragen. Edda Osten ist meine Cousine. Sie ist sehr sauber.“

Renée lachte: „Bitte, das erstere genügt mir völlig.“

Aus dem Karton kam ‚Napoleon auf der Brücke von Lodi‘. – Renée begann den Napoleon anzuziehn. Wenigstens den Waffenrock und die schwarzen Stulpenhandschuh.

Sarah klopfte, sie kam eilig herein.

Nana fuhr auf mit einer kleinen, drolligen Verbeugung. – „Es ist Napoleon,“ sagte Nana. – „O sieh da. Gibt es einen Maskenball?“ – Nana erzählte eilfertig die Geschichte von der polnischen Gräfin.

Nun wollte Sarah mit. Und Renée merkte, daß Nana keine rechte Lust dazu hatte. – „Sie werden mich doch mitnehmen?“ sagte Sarah – sie lächelte Nana zu, als ob es gälte, jemanden aus dem Gefängnis herauszulächeln.

Nana wurde verlegen. – „Natürlich,“ sagte sie, „wenn Sie es mögen.“

„Also gut, gut, ich mag. Fahren Sie schleunigst zu der polnischen Gräfin. Sagen Sie ihr, ich stiftete hundert Mark für das Waisenkind.“ – Nana sah Renée an, und dann sah sie Sarah an. Sie verabschiedete sich eilig und ging. „Heut abend auf Wiedersehn,“ rief ihr Sarah nach.

„Ah, sie wollte mich nicht haben, die alberne, kleine Person,“ sagte sie. „Wollte absolut nicht. Hast du so etwas Ungezognes schon gesehen?“

„Ich würde nicht gehn, wo man mich nicht wollte.“ – „Ach wie lächerlich.“ Sarah lachte demonstrativ. „Gerade – und außerdem bezahle ich ja genug.“ – Dann fuhr Sarah in die Stadt wegen des Kostüms.

Renée freute sich. Sie hatte noch niemals so etwas mitgemacht. Und hatte sich noch niemals verkleidet.

Und gewiß waren sehr viele Leute da mit schönen Kleidern. –

Sarah hatte ein hellgrünes Kleid. Sie hatte einen weißen Turban mit Perlenketten und einen großen bunten Paradiesvogel.

Am Eingang wurde Sarah von der Gräfin Isowska empfangen. Die Gräfin überreichte ihr einen Strauß weißer Lilien und sagte, es sei ein Glück und eine Ehre für ihr harmloses Fest – und Sarah lächelte das reizendste Lächeln, das sie aufbringen konnte.

Dann machte die Gräfin eine weitausladende Handbewegung, mit der sie die Bahn freigab und sagte: „Napoléon et Joséfine.“ –

Ein allgemeines Ah ging durch die Versammlung. Renée fühlte sich allseitig angestarrt und wäre am liebsten in die Erde gekrochen. Sie hatte gar nicht gemerkt, daß Sarah Josefine darstellte – aus irgend einer Ecke schoß Nana hervor, sie hatte eine riesige Guitarre auf dem Rücken.

Einige zufällig in Empiretracht erschienene Damen begannen drängelnd hinter Sarah herzulaufen und sagten, sie seien der Hofstaat.

Nana stand neben Renée „Es sind eine Menge ulkige Leut hier,“ sagte sie kichernd. „Wart, ich zeig sie dir.“ – Nanas Finger fuhr hoch in der Richtung einer umfangreichen Dame mittleren Alters. – „Siehst du, das ist die Lamproth, die mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ – ich glaube, sie hat immer noch keins“ – eben ging die Betreffende vorüber, Renée hätte ihr beinah ins Gesicht gelacht.

Nana zeigte auf eine große Dame in Schwarz. – „O, das ist die liebe, schöne Reichner-Wengersky.“ – „Schön? Herrgott,“ sagte Renée.

Nana lächelte. „Nein, nicht das landläufige ‚schön‘. Ich weiß wohl, und dann ist sie auch schon alt, aber ich habe ihre Bücher so maßlos geliebt, als ich sehr jung war.“

Renée dachte an eins dieser Bücher, dachte: daß ein Mensch ein so großes, gutes Herz haben kann, irgend eine kleine Rührung kam ihr. – „Also das ist sie“ – sagte Renée, „das ist sie.“

Plötzlich machte eine dicke Dame vor ihr Halt. Diese Dame hielt den Kopf ein wenig schief und lächelte fatal, indem sie die Augen zusammenkniff. Wo – richtig, es war ja die Horwitz, Viktors furchtbare Schwester. – „Sie hier, Fräulein Renée?“ – „Sie auch,“ antwortete Renée. Die Horwitz sagte, man hätte sie so sehr dringend aufgefordert.

„Sie werden viel berühmte Damen hier sehn,“ begann die Horwitz milde, „ich werde Sie ein wenig orientieren.“ – Renée erschrak; nun mußte sie mit der gräßlichen Horwitz herumlaufen. – Aber schon hatte Fräulein von Horwitz sie im Schlepptau. Mit der gleichen schiefen Kopfhaltung wie zuvor an Renée trat sie an eine der Umstehenden. Sonderbar, auch diese drehte den Kopf schief. Es war Henriette Estner, wie Renée vernahm, ‚eine unsrer Bedeutendsten‘. – Die Bedeutende lächelte steif und selbstverständlich. Sie hatte eine Stimme wie ein zerstoßner Blechtopf – aber sie wurde sehr geehrt. Renée schob sich schnell durch zwei Dahinterstehende und verschwand von der Seite der Horwitz. –

„Sieh dir doch lieber die jungen, hübschen Bedeutenden an,“ sagte Nana.

Es kamen einige Vorführungen. Sie waren nichtssagend. Aber man konnte wenigstens feststellen, daß auch junge und hübsche Damen auf diesem Fest waren.

Das war beruhigend. Es gab Theater. Tingeltangel, Kabarett, dumme Auguste und Cleo. Es war alles sehr echt. Besonders der Tingeltangel! Nachher tanzte man.

Zwischen den Tänzen sang Nana. Nana war Troubadour. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster und sang: „Il y avait une fois un pauvre gare –“

Sie sang mit einer feinen, traurigen Stimme, und manchmal, sonderbar unvermittelt, griff sie leidenschaftlich und hart in die Saiten ihres Instruments.

Kleine, liebe Nana – was tanzt denn so in deinem Herzen! –

Sarah stand inmitten der Hervorragendsten. Hinter ihr waren die in Empiretracht. Neben ihr stand ein großer, schlanker ‚Theodor Körner‘. Er hielt den Lilienstrauß. Er wandte sich zu Nana und sagte: „Diese kleine Josefine ist reizend.“ – Nana drehte ihm den Rücken. „Es ist die Dr. med. von Saldern,“ sagte sie wegwerfend.

Sarah schien sich zu verabschieden. – „Ich werde sehr Freude haben, wenn Sie kommen zu mir,“ sagte sie mit einem allerliebsten Lächeln.

Sie spricht doch sonst viel besser Deutsch, dachte Renée. ‚Theodor Körner‘ reichte die Lilien in den Wagen. „Ihr Wagen hat nicht einmal ein goldenes Dacherl,“ rief er hinterdrein. –

Im Wagen lachte Sarah, zehn Minuten lang ununterbrochen. „Es ist das Komischste, was es gibt, o, es ist so komisch“ – ganz außer sich war Sarah.

„Was ist denn nur?“ – Sarah lachte – lachte. Der Paradiesvogel auf ihrem Kopf lachte.

„Sie waren so furchtbar alt und häßlich,“ sagte Sarah, „sie machten mir so entsetzliche Komplimente; o, sie waren alle ganz verliebt in mich. – Ich habe sie sämtlich eingeladen.“ – –

Die Damen mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ kamen. Sie sprachen sehr viel von dem ‚versagten Glück der Mutterschaft‘, das allen Frauen zugänglich gemacht werden müsse. Sie sagten: „Es ist das Recht des Weibes, Mutter zu sein.“ Dr. med. von Saldern schwieg und lächelte. Dann sagte sie: „Es ist das Recht der Frau, reizend zu sein.“ Die mit dem ‚Schrei nach dem Kind‘ rückten von ihr ab.

„Es ist durchaus unwichtig, ob dieser rein physiologische Zustand vorhanden gewesen ist oder nicht,“ sagte die Dr. med. Die Bedeutende mit der Blechstimme trat ihr entgegen. „Die Mutterschaft reift die Frau zu ihren höchsten Möglichkeiten!“ sagte sie.

Renée ging zwischen ihnen herum und reichte die Teetassen. Und als sie zum fünften Mal hörte, daß es das heiligste Recht sei, Mutter zu sein und daß niemandem dieses Recht verkürzt werden dürfe, da bekam sie eine Riesenlust, in all das banale und aufgeblasene Zeug hineinzufahren, das sich so maßlos wichtig gebärdete.

„Wenn man nun gar nicht Lust hat auf dies ‚heilige Recht‘?“ sagte sie.

Die Damen betrachteten sie indigniert. „Nicht Lust,“ sagten fünf herausfordernde Stimmen. Renée mußte lachen. Es schien, sie hatten alle sehr Lust. – „Ich habe gar keine Lust zum Beispiel,“ sagte sie freundlich.

Die Gesichter der Damen röteten sich – die Dr. med. sagte: „Recht so!“

„Noch vorgestern sagte der Herr Kultusminister im Abgeordnetenhaus, daß die Frau vor allem auf ihren herrlichen Beruf als Frau und Mutter erzogen werden müsse,“ hub eine Dame an. „Natürlich für diejenigen, die dieses höchsten Glückes leider nicht teilhaftig sind – –“

Renée unterbrach sie: „Ich las es. Dieser Mann betrachtet alles weibliche Künstlertum, Studium, Arbeit nur als Ersatz, als Notbehelf für die versagten Babies mit Lutschpfropfen.“

Einige der Jüngeren lachten. Sarah lächelte. Sie sagte: „Ich bin erstaunt, Renée.“

Renées Gegnerinnen zogen sich darauf zurück, von jugendlicher Unreife zu reden. Sie sagten: „Jedes Vollweib fühlt in sich diesen Drang.“ –

„Unter diesen Umständen ziehe ich vor, ein Halbweib zu sein,“ sagte die Dr. med.

Die Unterhaltung bekam eine bedenkliche Wendung.

„Immerhin werden Sie es doch begreifen, daß manche Frauen sich sehnsüchtig ein Kind wünschen, Fräulein von Catte,“ sagte eine der Jüngeren.

Sarah versuchte auf der andern Seite ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Nein, nein, ich begreife das nicht,“ antwortete Renée, „ich finde es – nun – fatal im höchsten Grade, wenn Frauen umherlaufen und sich nach einem Kinde sehnen, als nach dem ‚Ding an sich‘ – es ist abstoßend, roh, denn hier wird die Voraussetzung der Liebe ausgeschaltet, hier drängt die Frau in den primitiven Urzustand zurück, sie wirft die Vergeistigung der Erotik über den Haufen und macht die Liebe zur Funktion – – und es bleibt nichts als ein lächerlicher, geiler Lärm.“

Nach den Gesichtern, die Renée erblickte, schien es, daß sie sich sehr unpassend ausgedrückt hatte. Es entstand Schweigen. Die Dr. med. von Saldern sagte: „Recht so.“

Sarah erhob sich: „Ich habe Ihnen noch gar nicht meinen Obolus zur Sammlung für das Waisenkind erstattet,“ sagte sie; Gräfin Isowska erhob sich stürmisch. Sarah entnahm ihrem Schreibtisch Geld.

„O, wie edeldenkend,“ sagte die Polin, „zweihundert Mark!“ Sie breitete die Scheine mit spitzen Fingern aus.

Die Unterhaltung floß ruhiger. Renée beschäftigte sich beim Teetisch. – –

„Ich finde, du hast taktlose Dinge getan,“ sagte Sarah später. Renée ärgerte sich. Sie fand, Sarah hatte vielleicht nicht so ganz unrecht. Sie sagte: „Ich kann diese widerwärtigen Mutterschaftsreden nicht leiden. Sie diskreditieren damit nur die Frauenbewegung.“

„Aber du bist etwas jung, Renée.“

Renée lachte: „Du bist nicht so sehr viel älter.“

„Die Leute waren sehr wütend auf dich, sie meinten, es sei unnatürlich.“

„Ja,“ sagte Renée, „gewiß, meinetwegen. Ich schreie nicht nach dem Kinde, meinetwegen mag das unnatürlich sein. Hast denn du jemals danach geschrieen?“

Sarah spielte mit ihrer Uhrkette, an der ein paar Edelsteine hingen.

„God save me,“ sagte sie halblaut.

War denn wirklich schon wieder Winter gewesen und Frühling und Sommer? Hatte es Schnee gegeben und dann Blüten und Blumen?

Da ging Renée durch den Tiergarten und sah, daß die Bäume leer waren und daß Pfützen auf den Wegen standen und daß der Wind das knisternde, braune Laub herumwirbelte.

Was war es für ein Leben, das Renée lebte. – Eigentlich hatte sie die ganze Zeit nur nach dem Examen abgerechnet: In sieben Monaten, in fünf Monaten, in einem Monat. Und dann war es da.

Immer schon war Renée an dem großen roten Kasten vorbeigegangen und hatte gedacht: Einmal stehe ich darin und weiß keine Antwort. Und werde ohne Ende gefragt und weiß absolut keine Antwort. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie aussehen würden, der Regierungskommissar und der Direktor und die Lehrer.

Und natürlich würden die Jungens ihr keine Silbe vorsagen, weil sie ja nicht wußten, ob sie sollten. Aber man konnte sie doch unmöglich auffordern.

Die schriftlichen Tage vergingen ziemlich sorglos. Man war noch ein wenig getragen von dem Gefühl der herrlichen Dinge, die einem vor Beginn gesagt worden waren. Gewissermaßen in einer feierlichen Stimmung war man. Dann kam ja auch zuerst der Aufsatz, da würde man sich schon irgendwie durchgraben.

Die Mathematik machte Renée ohne sonderliche Angstzustände. Und gerade davor hatte sie sich so gefürchtet – aber man hatte so lange Zeit. Und irgendwo aus einem versteckten und verstaubten Gehirnwinkel kamen auf einmal Dinge, die der Mathematik-Doktor gelegentlich geäußert hatte.

Die Tage bis zum Mündlichen verbrachte Renée zwischen Säulen von Büchern.

Endlich drei Tage vorher kam Nana. – „Reizend,“ sagte sie, „ist dieser Anblick! Reizend – wie du dasitzt, wie du mich anglotzt mit ganz stieren Augen.“

„Was redest du denn nur?“

Nana lachte höhnisch. „Wenn du so fortfährst, so fällst du durch,“ erklärte sie kategorisch. Dann flogen Renées Bücher in den Schreibtisch. „So ein Unfug. Ochst sie da Literaturgeschichte – und Zahlen. Fünf Bogen Zahlen – ja –“ Nana stemmte die Arme in die Seiten und baute sich gerade vor Renée hin. „Meinst du etwa, die behältst du bis übermorgen?“

Renée sah sie starr an, und eigentlich war sie froh, herauszukommen. Es war, als ob nun Nana die Verantwortung übernommen hätte.

Am Abend vorher kam Nana noch einmal. Sie nahm Renées Bücher und frug alles ab, ein Fach nach dem andern – und Renée sagte die Dinge herunter eins nach dem andern und wurde ruhig und vergnügt dabei.

Dann war es wirklich vorüber. Sie war wirklich durch.

Unten stand Nana; die kleine, frohe Nana sah blaß und erregt aus, und dann strahlte ihr Gesicht. Sie fiel auf einmal Renée um den Hals. Was Renée gefragt worden war? Was denn nur in den fünf langen Stunden? Eigentlich wußte Renée es gar nicht mehr. Ob sie denn Griechisch gut gekonnt hätte? Wie ging denn Homer? An welche Ode war Renée gekommen im Horaz? Und Cicero? Nana stolperte alle diese Fragen heraus, als ob sie aufgeschichtet, parat gelegen hätten.

„Ich glaube, es war alles ganz leidlich,“ sagte Renée. „Bloß Geographie ahnte ich nichts.“ – „Das tut nichts,“ sagte Nana. – „Weißt du Negerstämme aus unseren Kolonien?“ – „Ich? Nein,“ antwortete Nana. „Ich wußte sie auch nicht. Sie heißen Baku oder Taku oder so was.“ – „Ach, wo, Renée, Taku sind die Forts vom Chinesenkrieg.“

„Sie heißen aber so ähnlich. Der Direktor hat es selbst gesagt,“ beteuerte Renée. –

Ob denn Religion gegangen wäre? Hatte auch Renée keine Angst? – Renée hielt Nana den Mund zu. „Man kann nicht alles beantworten, was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. Obwohl es auch bei Sarah am Abend noch ein Festessen geben sollte. –

Renée war so vergnügt! Sie ging ordentlich gehoben herum. Sie dachte: Dieser Zuwachs geht mir nicht mehr verloren. Nun bin ich mindestens Studentin. Und ich kann ja auch mehr werden – natürlich – ich kann den Doktor machen. Vielleicht doch Medizin, dachte Renée. Dann fing sie an auszudenken, wie hübsch es sein würde, wenn sie alles erst war.

Jemand redete sie an, gerade an der Brücke. Es war Schoenburg. „Darf ich Ihnen gratulieren, gnädiges Fräulein? Nana hat mir natürlich erzählt. Sie ist ganz außer sich vor Freude, die kleine Nana.“

„Ja, sie hat mir so geholfen.“ – „War es schwer?“ frug Schoenburg, „schön?“ – Renée lachte: „Freilich, schön. Wenn einem gesagt wird, man hat’s bestanden, dann fällt plötzlich ‚der Stein vom Herzen‘, und einen Augenblick ist man ganz wie erlöst und ganz froh.“ – „Nur so kurz ist man froh?“ – „O ja,“ sagte Renée, „froh ist man niemals sehr lange.“ – „Haben Sie Nana gern, Fräulein von Catte?“ – „Ja, sehr, sehr gern. Sie ist der allerbeste Kamerad und –“ – „Und? Warum sprechen Sie nicht weiter?“ – frug Schoenburg. „Ich spreche ja. Nur müssen Sie es nicht falsch verstehen, oder vielmehr ich fürchte mich, daß es recht sentimental klingen könnte.“ – „Nein, nein, ich bin nicht solch ein Plebejer.“

„Es ist dies,“ sagte Renée: „von Nana habe ich das bestimmte Gefühl, daß sie mir irgendwann einmal helfen, daß sie mir etwas tun wird, was sehr schön und sanft und stark sein wird, zu tun.“

Schoenburg ging neben Renée her und schwieg. Einmal, als sie über den Straßendamm gingen, wandte er ihr das Gesicht zu – er wollte sie zurückhalten – ein Auto kam – da sah Renée in sein Gesicht, sah, wie er traurig aussah und enttäuscht. – Er bemerkte, daß sie es sah, und lächelte und sagte: „Nun haben Sie auch noch dies für einen andern zu tun aufgehoben.“

Am Wilhelmsplatz trennten sie sich. Renée dachte an diese Dinge, als sie nach Hause ging. Dachte: Wie herzensroh ist ein Mensch, der nicht liebt, wie sehr billig im Vorteil. –

Es kamen unruhige Nachrichten aus Groß-Gehren. Bill war krank. Bill hatte Diphterie. Papas Cousine, das alte Fräulein von Rochow, die den Haushalt führte seit kurzem, schrieb.

Sie schrieb von der großen Angst, in der sie alle lebten, von der verzweifelten Sorge, mit der Renées guter Vater jeden Atemzug des geliebten Enkelkindes bewache. Sie ließ philosophische Betrachtungen einfließen, sie sprach außerdem von dem Sonnenstrahl des Hauses, der letzten Hoffnung der Familie.

Renée wußte nicht so recht, was sie daraus machen sollte.

Als Sarah diesen Brief las, lachte sie. Sie lachte in einer sonderbaren Art und sah Renée an. – „Was sollen nur diese Redensarten von Tante Klara?“ frug Renée.

Sarah lachte, sie klimperte mit den Fingern auf der Tischplatte. – „Was? Er soll doch Groß-Gehren erben, der Wurm! Er soll es kriegen, und ihr kriegt nichts.“ –

„Wieso?“

„Nun ja, eben wie ich dir sage. Es war so bestimmt, im Falle daß Hannsbabo kinderlos starb.“

„Woher willst du das wissen?“ Sarah zuckte die Achseln. „Er hat es einmal gesagt, er war böse darüber.“ – Warum? Sarahs Augen gingen an Renée vorüber, sie antwortete nicht.

„Wann hat er es gesagt?“ – „Wenige Wochen ehe er starb. O ja, ich erinnere mich deutlich. Er ging mit mir die Treppe der Veranda hinunter, und er sah dich von weitem – du standest am Wasser, kleine Renée, und du sahst in deinen Mond, den du immer so liebst – – und er sah dich und sagte: ‚Ich mag es nicht, daß Renée sich so sehr an dieses hier hängt.‘ – Er antwortete nicht, als ich ihn frug. Er ging zu dir und küßte dich – weißt du noch?“

„Ja, ich weiß es.“

„Später erklärte er es mir,“ sagte Sarah. „Er hat gesagt: ‚Diese widerliche Horwitz-Sippe, dann wollen sie noch ihren scheußlichen Romannamen anhängen an unser gutes, altes Catte.‘“

Renée wurde traurig. Was denn? Entging ihr etwas? Nein – sie hatte niemals daran gedacht. Nur irgend eine Abwehr war in ihr gegen diese fremden, gedankenlosen Leute – so als müßte man ein Kind hergeben, und das käme nun in fremde Pflege. –

Bill wurde gesund, und Renée fuhr hin, damit Elisabeth sich etwas erholen konnte von der Pflege.

Sie fand ihren Vater elend und angegriffen. Er ging ermüdet durch die Stuben, immer mit einem halb abwesenden Ausdruck – so war er nicht gewesen, als Hannsbabo starb.

Renée mußte so viel an ihren Bruder denken. Sie mußte daran denken, wenn sie die Glocken zum Feierabend hörte; die beiden Glocken, die brummende und die mit dem fröhlichen Geklingel, zwangen ihre Gedanken zu dem Kirchhof damals, wo sie ihren Bruder hinaustrugen – und da lagen sein Helm und sein Pallasch und Sarahs Rosen. –

Renée ging über die Dorfstraße. Ein paar Kinder liefen hin und her mit Gießkannen und gossen die Blumen auf den Gräbern der vielen kleinen Geschwister.

Renée ging durch die Kreuze und Steine. Die neuen waren häßlich. Da standen Kreuze in Gestalt eines Baumstammes, aus Stein natürlich. Sie hatten einen runden Schild mit der Photographie des Verstorbenen auf Porzellan. Nein, sie waren nicht schön. Aber darauf hingen Papierkränze, die die Schulkinder machten – die hingen auch in der Kirche, von roten, blauen und grünen Rosen, die kannte Renée so lange schon.

Der Efeu auf Hannsbabos Grab war dicht und dunkel. Renée zog die jungen Ranken fort von den Buchstaben.

Hannsbabo Friedrich-Wilhelm von Catte Kgl. Pr. Oberleutnant.

Er lag da neben Mama.

Renée mußte sonderbare Dinge denken: Einmal lieg ich da auch, vielleicht neben Hannsbabo – oder da rechts auf der Seite.

Sie mußte so sehr an den Tod denken – war es denn mit Furcht? Hatte sie Furcht? Es mußte doch einmal sein. Natürlich noch lange hin. Man wurde zuerst alt, dann wurde man krank, dann schließlich starb man – so war es doch – warum an den Tod denken.

Hannsbabo war so jung gestorben. – –

„Gottlob, ja wirklich, nun geht es dem lieben Kind ja wieder gut,“ sagte Tante Klara bei Tisch. „Nun sollst du selber auch mehr auf deine Gesundheit sehen, Wilhelm.“

Renées Vater sah auf, als die Tante ihn anredete. „Ist ja auch ein Blödsinn, den Jungen so einfach mit den Dorfkindern rumlaufen zu lassen,“ sagte er ärgerlich. „Ich wünsche nicht, daß das wiederholt wird!“ – „Da hast du ja völlig recht, lieber Wilhelm,“ sagte die Tante, „aber Elisabethchen meinte doch, daß Viktor –“

„Unsinn,“ erwiderte Papa. „Ich verbiete es hiermit! Der Müller hat einen ganz netten Jungen, der kann im Garten spielen mit Bill. Übrigens ist ja nun Renée da. Die kann sich etwas um den Jungen kümmern.“ – „Ja schon,“ sagte Renée, „außerdem spielen so kleine Kinder doch gewöhnlich allein. Er müßte eben anstatt dieser uralten, wackligen Kinderfrau eine Junge bekommen, vielleicht aus dem Lettehaus.“

„Aber die Alte ist dringend nötig für das Kind. Laß ja nichts dergleichen laut werden,“ sagte Tante Klara und sah sich ängstlich um nach dem Diener. Papa streifte die Tante mit einem ärgerlichen Blick. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du dich etwas der Sache annähmest, solange Elisabeth fort ist,“ sagte er. „Der Junge hat so alberne Klein-Mädchen-Angewohnheiten. Natürlich – er wird ja geradezu darauf hingeleitet.“ – „Das arme Kind,“ sagte Tante Klara. – „Ja eben, das arme Kind. Das ist ganz meine Meinung,“ sagte Papa.

Renée mußte lachen. Dies schien also schon seit einer Weile im Gange zu sein. – „Aber jetzt, wo er so erholungsbedürftig ist, kann man doch nicht auch noch seine Gewohnheiten –“ erwiderte die Tante. – Papa unterbrach sie: „Na hör mal – Gewohnheiten ist gut! Ein vierjähriger Knirps, das ist großartig.“ – Tante Klara zuckte die Achseln. „Was sind denn das für Gewohnheiten?“ frug Renée.

Der Diener begann das Obst herumzureichen. – „Na, zum Beispiel spielt der Bengel nur mit Puppen –“ begann Papa. – „Prends garde le domestique,“ sagte Tante Klara eindringlich. Papa ignorierte das. „Ach, lächerlich ist es. Neulich hat ihm sein Vater ’nen Pappküraß und Helm geschenkt, und als er’s anziehen sollte, heulte der Kerl.“ – „Nun ja, er kennt eben so etwas noch nicht,“ sagte die Tante entschuldigend. – Papa gab es auf. „Na ja, natürlich, ihr seid einig gegen meine Ansichten,“ sagte er gekränkt resigniert und erhob sich. –

Tante Klara wollte sich aussprechen. „Es ist wirklich ein so reizendes Kind,“ sagte sie zu Renée, als Papa in sein Zimmer gegangen war. „So zartfühlend und sanft und bescheiden. Du solltest hören, wie niedlich und poetisch er sich manchmal ausdrückt.“ Renée sagte, das sei wirklich erstaunlich.

Dies schien die Tante anzufeuern. „Wir lassen ihn auch bestimmt nicht Offizier werden. Gegen Pensionen bin ich auch sehr. Bill ist viel zu fein und zartfühlend, um unter diesen rohen Jungens –“ – „Aber schließlich – er ist doch selber ein Junge.“ – „Nun ja,“ sagte die Tante. „Ich meine, wir werden ihn zu Haus erziehn, und natürlich braucht er dies ganz unnötige Abiturexamen, oder wie es heißt, nicht zu machen. Wozu, er erbt ja Groß-Gehren. Ich denke doch auch bestimmt, daß Sarah ihn bedenken wird, und mein kleines Vermögen wird natürlich auch Bill –“

Renée staunte: „Sarah – mein Gott, wie käme denn die dazu?“ – „Nun,“ meinte die Tante, „das ist doch – ich dachte, da du doch –“ – Renée lachte: „Ach so!“ Ausgelassen lachte Renée. „Du meinst, ich soll bei Sarah die Erbschaft für Bill ersitzen.“ Dagegen verwahrte sich Tante Klara entrüstet. Sie hätte nur gemeint – Elisabeth hätte einmal geäußert – –

Also Renée erfüllte Papas Wunsch und kümmerte sich um Bill. Sie baute mit ihm Baukasten-Häuser auf, in die er dann hineintreten durfte. Sie zog Puppen an, als deren Mutter sich Bill betrachtete. Diese Puppen waren nur und durchaus Mädchen, wie Bill versicherte. Auf Söhne legte Bill keinen Wert. – Bill war niedlich, ja, aber eigentlich sah er etwas dumm aus mit seinen erstaunten hellgrünen Augen. – Er hatte das rötliche Haar vom Vater und dessen winzige runde Kindernase, und er hatte eine große Vorliebe für Mädchenkleider. –

Weihnachten war vorüber. Der kleine Bill hatte zwei Tische voll Spielsachen bekommen. Einen von den Eltern und einen vom Großpapa. Während er diese Sachen betrachtete, hatte die ganze Familie hinter ihm gestanden, seine Bewegungen und Äußerungen waren vom einen dem anderen mitgeteilt worden – so kamen sie schließlich zu Renée. – „Bill hat gesagt, das weiße Wollschäfchen wäre ein Mutterschaf,“ berichtete Tante Klara begeistert. „Er will das Seidenkleidchen gleich heute anziehn, ach Gott, er will es mit ins Bett nehmen.“

Elisabeth kniete auf der Erde neben Bill und erlauschte seine Äußerungen. Viktor holte eben dorthin einen Stuhl für Papa, damit Papa besser verstünde, was Bill sagte. Es war das erste Mal seit lange, daß Papa im Winter nicht nach Berlin gegangen war. –

Weihnachten war vorüber, mit den Schulkindern, die beschert worden waren und nachher Kaffee und Kuchen bekamen; mit den Mädchen, die verlegen in den Schürzen und Kleiderstoffen herumstocherten und immer ‚aus Versehen‘ das Kuvert mit dem Geld liegen ließen. Der Hof war verschneit und der Garten und die Dorfstraße. Renée hatte es alles noch niemals im Schnee gesehn und es war doch so still und so wunderlich weiß.

Warum hatte sie es nie gesehn? Es war wie ein unwahrscheinliches Erlebnis, daß man auf einmal quer über den vereisten See gehn konnte zu den Wiesen auf der anderen Seite.

Steif und reglos stand das Rohr im Eise, und wo die großen Weidenzweige überhingen, da war eine dunkle Laube, die hatte ein Dach von Schnee.

Wenn man abends aus dem Fenster sah, dann glaubte man, es wäre nur sehr weißer Sand und gar nicht Schnee, was da so sonderbar schimmerte. – ja, man konnte sogar meinen, der vereiste See wäre frei von Eis und nur so ganz ohne Bewegung stände das silberne Wasser.

Bill hatte einen kleinen Schlitten, und Renée lief mit ihm über das Eis und zeigte ihm, wie das Haus aussähe von der anderen Seite.

„Siehst du, Bill,“ sagte sie, „das mußt du einmal sehr, o furchtbar lieb haben das Haus, wenn du groß bist. Willst du mir das versprechen?“ Bill sah sie an mit seinen hellen Augen, die keinerlei Ausdruck hatten, und sagte: „Ja.“ – Renée küßte ihn. Renée dachte: Es ist dumm, er ist ja noch zu klein, es wird nichts helfen.

Aber Tante Klara verbot diese Ausflüge. „Herrgott, wenn ihr nun an eine Stelle kämet, wo das Eis dünn ist. Herrgott, es könnte dem Kind etwas zustoßen.“ – „Du scheinst dich jedenfalls nicht zu ängstigen, ob mir was zustößt.“ – „Du kannst dir doch allein helfen,“ sagte Tante Klara gereizt.

Nun ging Renée allein. Sie ging abends. Irgendwo hatte der Förster ein Loch in das Eis gehauen für die Fische. Aber es war ja hell, und Renée wollte nicht weit gehn. Sie ging vorsichtig und sehr langsam vorwärts. Das Eis war glatt, aber dann hatte es auch Ungleichheiten – da waren allerlei Dinge mit eingefroren, die die Kinder hingeworfen hatten, Steinchen, Kalmus und Holzstücke.

Renée blieb manchmal stehen und sah sich um nach dem Haus. Da brannten schon ein paar Lichter in der grünen Stube – vielleicht war es Papa.

Renée stand wohl ganz lange auf einem Fleck, sie merkte es gar nicht, sie begann nachzudenken, sich zu erinnern. Es kam ihr vieles zurück – damals als Hannsbabo fortging. Sie dachte daran, wie er wiederkam mit Sarah. Sie dachte, wie er bei ihr am Bett gesessen hatte in seiner letzten Nacht. Damals war Herbst.

Sie sah nach der Richtung, wo eben die Lichter der Stadt zu flimmern begannen, sie dachte daran, wie sie einmal von Elisabeths Haus hergelaufen war aus Heimweh, ganz allein. Ja, auf der Treppe der Veranda hatte sie gesessen damals, weil das Haus verschlossen war.

Wie weiß der Garten aussah und wie still. Es war so ungewohnt, daß man dem Haus entgegengehn konnte über das Wasser hin, so wie Renée es jetzt tat. Es war, als träumte sie das – oder noch anders: es war wie eine Wiederkehr Gestorbener. Sie dachte:

‚Treibst mich zu jenem Land, wo keiner frägt Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder Zu seinem Ursprung trägt ...‘

– – Nach jenem Land, wo keiner frägt. –

Renée blieb stehen. Sie dachte den Worten nach. Sie dachte: das ist, wenn man stirbt.

Sie dachte: Ob ich das kann, jenen einen Satz denken, wenn ich sterbe – ganz später, wenn ich alt genug bin?

Ein sonderbarer Schreck überfiel sie. Wie, schwankte das Eis unter ihren Füßen – knisterte das Eis?

Dann war es vorüber. Sie wollte nach Haus gehn. Renée sah sich um, damit sie nicht fehlginge, wenn sie etwa in der Nähe des Wasserlochs war.

Nein, es war ein ganz dummer Schreck gewesen, es war nichts. Das Eis hielt. –

Bill war wieder fort, bei seinen Eltern. Tante Klara jammerte den ganzen Tag. Man hörte sie die leidenschaftlichsten Reden halten. In ihren Augen war weder Viktor das Recht der Vaterschaft zuzugestehen, noch konnte Elisabeth die Stelle der Mutter ausfüllen. Nein. Nur Tante Klara verstand und liebte Bill genügend. Sie erging sich in Verwünschungen. „Ich wollte, Viktor müßte an der Inspektionsreise nach den Ostmarken teilnehmen, – ich wollte er bekäme ein Billett für die Auguste-Viktoria-Fahrten.“

Renée dachte: Wenn es nicht so unchristlich wäre, gewiß wünschte Tante Klara den armen Viktor zum Hades. Aber es half alles nichts. Viktor und Elisabeth sagten, schließlich wäre Bill doch ihr Kind.

So fuhr die Tante dreimal in der Woche in die Stadt. Und während der Kutscher die Besorgungen erledigte, um derentwillen Tante Klara hingefahren war, – währenddes saß sie bei Billchen. Dann erzählte sie bis zur nächsten Fahrt, was Billchen, der liebe Junge, gesagt, gemeint, geglaubt hatte. –

Renée saß oft bei Papa. Sie sah ihm zu, wenn er Briefe schrieb, sie saß auf dem Sessel beim Tisch oder am Fenster, von wo man den Hof übersehen konnte.

Einmal – es war Dämmerung und die Lampe war noch nicht gebracht worden, es war still, weil niemand mehr über den Hof ging, einmal sprach Papa von Hannsbabo. Er tat es in seiner eigentümlich kargen Art, er sprach nur ganz kurze Sätze.

„Sag mal, mein Kind,“ so begann er, „was war das damals mit Hannsbabo?“

Renée erschrak. Sie fühlte, da war eine Pflicht, zu antworten und da war auch eine Gebundenheit, zu schweigen. Sie erschrak und sah ihren Vater an.

Er saß ein wenig abgerückt vom Schreibtisch und sah vor sich nieder auf den Boden.

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Hof. – „Hannsbabo war sehr unglücklich,“ sagte sie.

Papa stand auf und ging hin und her im Zimmer. Er ging genau in der Mitte des Läufers, der von einer Tür zur andern führte.

„Unglücklich – nun ja. Aber warum?“ Renée erschrak wieder, als ob diese Frage nicht selbstverständlich gewesen wäre nun. Sie sagte: „Ach laß es doch ruhn, Papa.“ Ihr Vater blieb vor ihr stehn. „Ich denke, du wirst mir das sagen, Renée,“ sagte er. „Ich werde wohl wissen dürfen, warum mein Sohn sich ’ne Kugel in den Kopf schießt, das wirst du mir wohl nicht vorenthalten.“

Ja, dachte Renée, ich muß es ihm sagen, muß es sagen.

„Er liebte Sarah so sehr. Und diese ewige Trennung, die in der großen Verschiedenheit der Psychen lag, ertrug er nicht. Dann verzweifelte er daran.“

Papa verstand nicht: „Verzweifelte – was? Erschoß sich, weil er seine eigne Frau liebte – was – was ist das für überspanntes Zeug?“ Renée lächelte. Ja wirklich, sie merkte, daß sie lächelte. Sie wollte es ja so gern Papa erklären. Aber wie? Sie sagte: „Die Menschen empfinden sehr verschieden, nicht wahr; du faßt all diese Dinge in der äußerlichen Form auf und du achtest nur die Beschaffenheit der Realität. Er aber – die Beschaffenheit der Idee.“

Gott im Himmel – was redete sie denn? Papa hielt nun auch noch seine jüngste Tochter für halb verdreht offenbar. Und Papa tat Renée leid in diesem Moment. – O, sie wäre gern zum ihm herangekommen und hätte ihn gestreichelt. – Was würde Papa dazu sagen.

Papa fuhr auf. „Unsinn ist es. Eben dieses überspannte moderne Zeug ist es, mit dem ihr euch die Köpfe verdreht. Wenn irgend so ein Unglückswurm, der seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, der ausgestoßen ist oder wird aus dem Kreise seiner Herkunft, wenn so einer sich erschießt, na ja. Der tut ganz vernünftig daran. Aber Hannsbabo! Ein junger, gesunder Mann in der denkbar besten Lage, mit den besten Aussichten für die Zukunft – das ist durchaus unnatürlich und verdreht!“

Renée antwortete gar nicht mehr. Wozu denn? Sie hatte auch das Gefühl nicht mehr, als solle sie dafür eintreten. Nein, sie würde dies nicht zu einem Streit werden lassen.

Die Dinge, die ihr Vater sagte, waren so wenig neu. Man hatte sich schon sehr oft gegen sie empört, gegen solche Auffassungen empört, man brachte doch nichts fertig dagegen.

Renée dachte: Jemand tut den freiwilligen Tod seines Sohnes damit ab, daß er ein paar Worte herauspoltert: ‚Unnatürlich und verdreht‘, – wenn ein Mensch wie Hannsbabo starb, ein mutiger, stolzer Mensch. Sie dachte: Und Papa hat ihn doch auch daliegen sehn, dachte Papa denn gar nicht, wie jung, wie jung er war!

Renées Vater nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Renée sagte: „Glaubst du, Papa, wenn ein Mensch sich Monate und Wochen und dann jeden einzelnen Tag herumquält mit dem Leben und endlich hält er es nicht mehr aus und tötet sich – glaubst du, das darf man dann mit solchen Worten abtun?“

Papa schwieg. Dann sagte er: „Ein Mensch hat Pflichten zu erfüllen im Leben. An die hätte er sich halten müssen. Diesen Pflichten einfach auszuweichen, ist bequem, aber unrecht!“ – „Welche Pflichten?“ – „Er hat Pflichten gegen Eltern und Familie, jawohl.“ Papa gab dem letzten Wort besonderen Nachdruck.

„Aber ein erwachsener Mensch hat doch zunächst einmal das Recht auf Leben und Tod. Er ist doch frei, nicht wahr? Er gehört der Familie als Glied an, aber nicht als Gegenstand, nicht wahr? Und –“

„Das gehört nicht zur Sache. Rechte schaffen noch lange nicht Pflichten aus der Welt,“ donnerte Papa.

„Nein, gewiß nicht. Aber zuerst – zuerst kommt die Pflicht gegen die eigene Existenz und dann kommt alles übrige. Und darum hat kein Mensch gegen Eltern die Pflicht, sein Leben weiter zu schleppen, wenn ihm das Leben zum Ekel geworden ist.“

„Ja,“ sagte Papa, „du stehst auf einem recht bedauerlichen Standpunkt in diesen Dingen – leider.“ Er erhob die Stimme: „Aber ich hoffe, daß sich das ändern wird, daß du einsehen wirst, daß die von Gott auferlegten Verpflichtungen nicht mit diesen modernen Redensarten von ‚Pflicht gegen eigne Existenz‘ abgetan werden können. Kinder haben eben gegen ihre Eltern Pflichten. Sie sollen den alternden Eltern Stütze und Freude sein.“

„Sind die Kinder denn gar nicht um ihrer selbst willen da?“

Papa überhörte das. Papa sagte: „Es kommt dann einmal der Augenblick, wo es zu spät ist, und wo keinerlei Reue das Versäumte wieder gut macht.“

Papas letzte Worte liefen in eine Drohung aus.

Renée wurde es kalt ums Herz. Sie sagte: „Warum wohl Eltern niemals auf die Idee kommen, daß ihre Kinder eher sterben könnten als sie. Gerade als ob nur Eltern stürben und Kinder ewig lebten.“

„Nun, gewöhnlich pflegen eben die alten Leute zu sterben,“ sagte Papa.

„Ja freilich. Aber ich werde doch auch einmal alt und sterbe, was ist da Besonderes?“

„Wer aber dem Tod nahe steht?“

Renée sagte: „Wer kann das wissen. Vielleicht steht er mir nahe oder vielleicht auch dir. – Wer kann das wissen. Warum das Sterben nur immer so als Trumpf ausgespielt wird.“ –

Renée war wieder in Berlin.

Sarah fühlte sich etwas angegriffen von den winterlichen Freuden. Es war eben ein bißchen zu viel gewesen diesmal. Bei der Rodelei in Oberhof hatte Sarah sich erkältet.

Als Prinz Manfred steuerte, war die Rodel in den Schnee gekippt. Es war eine eklige Kurve, ja, aber der gute Prinz war eben auch ungeschickt. Sein Adjutant hatte Sarah gleich gewarnt. Ah – aber reizend war es in Oberhof.

Ja, so kam Sarah zurück. Und nun wollte sie ein bißchen nach dem Süden. Renée hatte die Bädeker von Italien, Schweiz und Österreich vor sich und machte Vorschläge.

„Was meinst du zu Meran?“ – Sarah schüttelte den Kopf. „Österreich nicht,“ sagte sie, „das ist mir zu fad.“ – Der Bädeker von Österreich, Süd-Bayern flog beiseite.

„Und das Engadin? Moritz, Pontresina, Arosa?“ – „Da fällt man höchstens von neuem in den Schnee,“ sagte Sarah.

Renée suchte weiter: „Ajaccio, Levante, Ponente – die Seen sind wohl erst fürs Frühjahr?“ – „Es ist alles nichts,“ sagte Sarah gelangweilt. „Aber der Genfer See?“ frug Renée. „Auf dem Rückweg im Frühjahr geht man dann ein bißchen nach Paris. Dann lohnt es doch. Dann kaufst du dir deine Frühjahrsneuheiten dort.“

Sarah ließ sich bewegen. „Nun, man könnte ja mal sehn,“ meinte sie, „vielleicht ist es ganz nett. Und das mit Paris wäre ja natürlich sehr praktisch.“ Sarah sagte auch, in Berlin wäre ja doch alles nur second hand und in Paris wäre es bei alledem noch billiger.

Ja wirklich, man sparte geradezu in Paris.

Nun gingen wieder die Vorbereitungen an. Kleider, Pelze, Hüte. Zum Schluß war Sarah so elend, daß sie wirklich eine Erholung brauchte.

Renée war froh, als sie endlich im Zuge saßen. Im Luxuszug natürlich. Auch die Jungfer fuhr mit. Sie mußte das Necessaire bewachen.

Renée trug nur einen Gegenstand. Es war die Tasche mit Sarahs Schmuck. Alle Frauen tragen den Schmuck in Extrataschen. Diese Taschen sind von feinstem Juchten. Sie dulden keinen Überzug. Sie sagen: ‚Meine Herrschaften, ich enthalte etwas von Wert!‘ –

Eine Nacht fuhr man und einen Tag. Dann wurde der Wagen umgehängt, dann war man da.

Es war schon dunkel. Der See war nicht zu erkennen, aber man wußte ihn, wenn man aus den Fenstern sah.

Da unten mußte er liegen, wo es ganz schwarz aussah. Dieser tiefe Abgrund, in den das Land hineinstürzt, war der See. –

Der Direktor des Hotels empfing sie. Es war ein kleiner, magerer Mann. Er hatte einen tadellosen Zylinder, einen tadellosen Anzug, ein tadelloses Auftreten.

Sarah würde also im Gesellschaftszimmer warten, während Renée die Zimmer ansah. – Renée fuhr im Lift hinauf mit dem Direktor. Der Direktor sagte: „Frau Baronin haben auch einen Salon befohlen, und neben dem Salon soll ich ein Zimmer für Sie geben, Fräulein.“ Der Direktor hielt Renée für eine bessere Jungfer, wie es schien. Es ergab sich, daß der Salon dreißig Francs kostete – es gab hingegen auch vollständige Appartements, sehr elegant eingerichtet.

Sarah nahm ein vollständiges Appartement. „Es ist billig, fünfundsiebzig,“ sagte sie befriedigt. „In Cannes kostete es für mich allein achtzig am Tag – oh dear, I am tired.“ –

Am Morgen ging Renée an den See. Es war noch früh. Da stand der Nebel – oder war es Dampf – ganz nahe über dem Wasser. Renée lehnte sich über die Brüstung der Mauer.

Manchmal schoß eine Möve an ihr vorüber, umkreiste Renée mit aufgeregtem Flattern, sie waren wohl gewohnt, Futter zu bekommen.

Auf der anderen Seite kamen allmählich die Umrisse der Berge. Renée sah eine kleine Insel. Auf der stand ein weißes Haus. Der See hatte blaue Färbung mit weichen Tönen von lila nach der Ferne zu.

Als Renée in das Hotel zurückkam, traf sie den Arzt. Er war eben bei Sarah gewesen. Er sagte: „Es liegt bei Frau von Catte zu ernster Besorgnis kein Grund vor. Ich habe sie eingehend untersucht. Sie hat wohl etwas auf ihre Gesundheit losgearbeitet, Ihre Frau Schwägerin. Da haben wir dann die Reaktion. Ruhe und Spaziergänge werden bald alles beseitigt haben. Von Caux – Ihre Frau Schwägerin erwähnte es – rate ich allerdings ab. Dort ist mehr Möglichkeit zur Unruhe als zur Ruhe und Erholung vorhanden.“

Renée frug, wann er wiederkäme. Doktor von Geldern lächelte. „Das ist wirklich unnötig,“ sagte er. „Aber wenn Sie mich brauchen, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Ich esse im Hotel.“ Er grüßte und ging. Von der Treppe her wurde bereits nach ihm gerufen.

Sarah wäre eben viel lieber nach Caux gegangen. Sie sagte: „Hier sieht es so langweilig aus. Es sind nur alte Leute im Speisesaal. Und oben zu essen ist noch langweiliger.“

Renée redete ihr zu. Man konnte rudern, Tennis spielen, Ausflüge machen.

Des Morgens, wenn man aufwachte und sich ganz wenig aufrichtete im Bett, dann lag der See vor den Fenstern ausgebreitet, und des Abends manchmal kam das feierliche Glühen auf die Berge von der vergehenden Sonne.

Da waren die Möwen und die flinken, schwarzen Wasserhühner. Die gab es auch zu Haus. Manchmal hatte Renée auch Möwen gesehn zu Hause. Die kamen von den großen Seen.

Renée sagte: „Die Luft ist sehr sanft hier.“

„Findest du? Ich finde nicht.“ Sarah sagte das. Ja – hatte Renée denn laut gesprochen? – Renée lachte über sich selbst.

„Ich finde es fürchterlich langweilig hier, und ewig geht diese dumme ‚Bise‘. Man muß fortwährend den Hut halten.“

„Nimm ihn doch ab!“ – „Wie kann ich das,“ antwortete Sarah entrüstet.

Renée ging über den Markt, weiter durch einen kleinen Wald. Sie wollte nach dem Schlößchen. Im Bädeker stand: ‚Unweit des Bahnhofes liegt das reizende Schlößchen Hauteville, im Rokokostil erbaut, mit schönem Park.‘

Man mußte doch das ‚reizende Schlößchen‘ ansehn.

Eine gerade, geschnittene Hecke von Taxus führte zum Portal. Renée trat heran. Es war ein wunderhübsches, kleines Schloß, hellgetönt mit weißen Fenstern. Es war mit lila Vorhängen dicht verhangen nach der Hofseite. Auf dem Dach standen Figuren. Renée ging zum Eingang. Sie wollte es doch sehn von innen. Natürlich wollte sie. Sie klingelte drei-, viermal. Die Tür blieb verschlossen. Ein Fenster klappte, eine dicke, alte Frau steckte den Kopf heraus. „Nix da, lassen Sie das Klingeln,“ schrie die Alte. „Hier ist zu.“

„Ich wollte gern das Schloß sehen.“ – „Das is nu mal nicht zu sehen,“ zeterte die Alte. Dann warf sie das Fenster zu. Renée schimpfte draußen nach der Richtung hin, wo sie herausgesehn hatte, und ging in den Garten. Der Garten war vielleicht auch nicht zu sehen, aber da er offen war –

Ein so schöner Garten! Er hatte gerade Hecken von Tuja, die in Rosengänge hineinführten. Er hatte ein kleines Wasser mit Trauerweiden darüber; die Weiden waren noch kahl. Und er hatte eine große Platane, unter der stand eine runde, weiße Bank. Renée setzte sich. Warum etwa sollte sie das nicht? Es war ja niemand da, und der alten Hexe konnte es doch ganz gleich sein, außerdem merkte sie es ja gar nicht. Um die Bank herum lagen noch die Herbstblätter. Es war ja fast noch Winter, aber der Rasen sah bunt aus. Da waren Anemonen und Krokus, und da waren Veilchen.

Renée ging weiter, ging auf einen Hügel zu. Da stand ein kleiner kreisrunder Tempel mit einem Dach auf sechs Säulen, und daneben war ein riesiger Busch von dunklem Bux.

Renée stand unten am Hügel und sah es an und fand, es war sehr schön.

Lange saß sie auf den Stufen des kleinen Tempels.

Als sie zurückging, kam ihr jemand entgegen. Wer das wohl war? Eine junge Frau, die einen braunen Pelzmantel trug. Sie stützte sich auf einen weißen Stock, und neben ihr ging langsam und würdevoll ein großer Hund. Sie hatte dunkles Haar.

Renée sah sie kommen, blieb an der Wegseite und ließ sie vorbei. Der Hund wandte ein wenig den Kopf nach Renée, die Frau zog ihn am Halsband an sich. Sie sah mit einem Lächeln an Renée vorüber, Renée blieb stehn, sah ihr nach.

Bei Tisch war Sarah ganz lustig: „Ich habe jemanden entdeckt, mit dem es ganz nett werden kann,“ sagte sie. Sie zeigte Renée eine schwarzgekleidete Dame, die allein saß. „Ich habe sie heut kennen gelernt. Sie ist begeisterte und natürlich überzeugte Spiritistin.“

Nach einer Weile fuhr Sarah fort zu reden: „Wir wollen eine Séance halten heut nachmittag, natürlich tust du mit – du, Renée, hörst du denn nicht?“ Renée fuhr aus irgendwelchen Gedanken: „Ich? Ach, ich würde dir abraten, Sarah. Es ist so peinlich. Und siehst du, ich möchte so ungern damit zu tun haben.“

„Gott, wieso denn peinlich?“ Sarah lachte. „Ich denke es mir komisch. Ich lasse sie ruhig machen, und innerlich amüsier ich mich fein.“

„Ja schon. Aber das ist eigentlich nicht fair, wenn die Leute es doch einmal ernst nehmen.“

Sarah sagte: „Ach, nonsense.“ –

Um fünf kam der Tee. Die schwarze Dame erschien. Sie hieß Baronin d’Auvergnes, war Witwe und besaß ein Palais in der Nähe des Luxembourg. Dies erzählte sie im Anschluß an die Nennung ihres Namens. Die Baronin begann mit Tischrücken.

Man nahm einen dreibeinigen Tisch, man legte sämtliche Fingerspitzen darauf. Als man müde wurde, die Handgelenke in der Schwebe zu halten, begann der Tisch zu kippeln.

Baronin d’Auvergnes sagte dazu das Alphabet. Dieser Tisch hatte eine Vorliebe für Konsonanten: ‚stkl‘ kam heraus.

„Beginnen wir nochmals,“ sagte die Baronin. Diesmal hielt sie den Tisch fest, wenn er zu den Konsonanten wollte. Renée merkte es deutlich: Es kam also – stakl. – „Ja natürlich meine liebe alte Freundin Stakelberg!“ sagte die Baronin entzückt. – Sarah betrachtete sie mit ernsten Augen.

„Was – wie – ich soll ihr schreiben?“ frug die Baronin den Tisch, der Tisch machte: päng! Renée lachte, dann verschluckte sie das Lachen erschreckt und hustete.

Die Baronin wurde ungehalten über den Tisch. Er wäre faul, kindisch, er stäke voller Tücke.

„Vielleicht wenn man einen Konkurrenztisch holen würde,“ sagte Sarah. Dann blieb Sarah allein mit der Baronin. Die Baronin fürchtete, der Geist könne von Renées Lachen zu schüchtern geworden sein.

„Die Geister – mimosenhaft empfindlich sind sie,“ sagte die Baronin. –

Renée ging zur Seepromenade. Da waren wieder die gierigen Möwen, die streiften fast Renées Gesicht mit ihren Flügeln. Manchmal schrieen sie – frech klang es und unheimlich.

Sie begegnete Doktor von Geldern. Er ging ein Stück mit ihr. „Wie mir Ihre Frau Schwägerin sagt, sind Sie angehende Medizinerin. Also sind wir Kollegen, Fräulein von Catte.“ – „Ja,“ sagte Renée. „Ich werde wohl Medizin studieren.“ – „Ist es ein Spezialgebiet, zu dem Sie hin wollen?“ „Ja, Psychiatrie.“

Doktor von Geldern wandte ein wenig das Gesicht zu ihr hin: „Sind Sie durch irgend einen speziellen Anlaß dazu gekommen?“

„Nein,“ antwortete Renée. „Nur ich glaube, das wäre das einzige Lohnende. Mich interessieren physische Leiden nicht.“

Er lächelte. „Wie wollen Sie das nun trennen? Die Krankheiten der Psyche sind Krankheiten der Physis. Es handelt sich da höchstens um eine Verschiedenheit in den Symptomen, und auch da ist die Verschiedenheit nur auf der Oberfläche.“

„In diesem Sinn interessiert es mich schon. Nur nicht in der eigentlichen Form. Mir scheint, es muß eine lästige und abgehetzte Sache sein, der Beruf eines praktischen Arztes.“

Geldern lachte: „Ja freilich. Ich hatte mich mal in Hannover niedergelassen. Erst kein Patient, nachher kam ich weder zum Schlafen noch zum Essen. Wie das so geht. Dann war ich einmal Schiffsarzt – nun bin ich hier.“

„Mögen Sie denn die Kurpraxis?“

Er lachte: „Nein, das weniger. Ich bin aus persönlichen Gründen hergekommen.“

Dann schwieg er. Sie gingen weiter. Geldern sagte: „Es ist eine Dame, die in der Kindheit mit mir freund war und wie eine kleine Schwester – man sagt dazu ‚Nachbarskinder‘, glaube ich – sie wohnt hier. Sie ist leidend – ja und dann –“

Renée sagte: „Wie schön, jemanden zu haben, mit dem man die Kindheit erlebte.“

Geldern sah sie lächelnd an. Ganz froh sah er aus. „Ja, nicht wahr, das ist doch schön!“ sagte er.

Sie sprachen dann weiter nichts mehr. Es war auch nahe am Hotel.

„Ich finde, du bist immerzu mit Geldern,“ sagte Sarah. „Gefällt er dir so gut?“ Renée sah auf – Sarah lächelte.

„Geh, Sarah. Fang du nicht auch noch mit derlei Reden an. Verzeih. Aber es ist zu geschmacklos!“

Sarah streichelte Renées Hand: „Pst – pst – nur nicht gleich so böse sein. Du mußt wissen: der Tisch mit den drei Beinen regt sich so auf. Der Tisch hat heute Andeutungen gemacht, o –!“

„Ich finde, diese Person mit ihrem Tisch ist eine ganz unverschämte Schwindlerin.“

„O je – ereifere dich nicht. Es amüsiert mich doch so schön,“ sagte Sarah. „Was, bitte, sollte ich den ganzen Tag tun. Früher war Renée viel braver. Früher war Renée fast so galant wie ein Kavalier.“

Renée lachte: „Woran fehlt es denn?“

Sarah sprang auf und begann durch das Zimmer zu wandern hin und her – das war ein Zeichen von Unruhe. – „Mir fängt diese Art von Leben an langweilig zu werden. Maßlos langweilig. Und also überlege ich: Soll ich heiraten? Lieber nicht. Wenn ich wüßte, du bliebest da, schon gar nicht – aber das eben – –“

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