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Das Leben der Renée von Catte

Das Leben der Renée von Catte (continued 2)

Reading edition

Gerade als die Musik einsetzte, kam Hannsbabo und stellte Renée fünf Offiziere vor, und die engagierten Renée für alle Tänze. Es war doch nett von Hannsbabo. Sie verabredeten alle fünf das Zusammentreffen auf dem großen Parkettstern in der Mitte vor dem Thron. –

Hannsbabo wollte Renée zur Gavotte. „Du siehst blaß aus, Hannsbabo.“ Er lächelte. – „Nein, nein, das macht mein roter Rock und dann das Ausgehen. Das ermüdet etwas.“ –

Nachher ging Renée zu Sarah. Sarah sah schön aus. Sie hatte ein breites Diadem, Renée dachte: wie eine Städtekrone mit lauter Zinnen. Sie sagte: „Darf ich dir etwas sagen, Sarah?“ Sarah nickte abwesend. – „Hannsbabo muß nicht so viel auf Gesellschaften gehen, er sieht blaß aus.“ Die Schwägerin sah an ihr vorüber. „O, Hannsbabo ist all right,“ sagte sie. „Er wünscht immer, daß ich auf Bälle gehe, und er geht eben mit. Er tut es ganz gern. Du brauchst gar nicht Sorge zu haben.“ –

Die mit dem Schuppenkleid kam auf Renée zu. „Ihr Bruder sieht schlecht aus, Fräulein von Catte,“ sagte sie, „Sie müssen mehr auf ihn achten,“ und dann strich sie wie aus Versehn an Renées Hand vorüber, sah nach dem Thron, als ob sie dort etwas zeigte, und sagte leise mit abgewandtem Gesicht: „Diese Amerikanerinnen verstehen so wenig von Menschen. Sie sind nicht gewohnt darauf zu achten. Sie haben ihn doch lieb. Ich fürchte um ihn – fragen Sie mich nichts und sprechen Sie nicht darüber – bitte“ – –

Von hinten wurde Renée zur Seite geschoben. Sie sah in das indignierte Gesicht der Palastdame von Gagern. „Ihre Majestät kommt.“ – „Sie hätten fast die Kaiserin umgelaufen,“ hauchte ein Kammerjunker. – Renée erschrak – die Kaiserin ging durch die gebahnte Gasse grüßend vorüber. – „Höchstens hätte sie mich umgelaufen,“ murmelte Renée ingrimmig. – Die mit ihr gesprochen hatte, war fortgegangen. – Später erfuhr Renée, daß es die Gräfin Gisczyska gewesen war, die Frau eines österreichischen Attaché. –

Während der Gavotte beobachtete Renée immer ihren Bruder, und darum merkte sie es gar nicht, wie er kein Wort sprach, und sie kümmerte sich nicht darum, daß sie beide die Kürassierkolonne zweimal fast in Verwirrung brachten. – Wie mechanisch und ungewohnt er den Tanz ausführte. Mit so meilenweit fernen Gedanken.

„Kleiner Bub, warum siehst du mich so an?“ –

„Du bist nicht wie sonst, Hannsbabo.“ – „Du auch nicht. Du siehst heute besonders lieb und schön aus,“ sagte er. –

Renée hielt einen kleinen Augenblick seine Hand fest beim Vorübergehen. – „Hannsbabo, willst du mir’s nicht sagen? Oder – sei mir nicht böse – darf ich nicht einmal davon reden mit Sarah?“ – „Nein,“ sagte er, „nicht! Was soll ich mit irgend einem jämmerlichen Produkt deiner Ermahnungen? Was hilft es, wenn Sarah – o nein, so nicht, Renée.“ – – Renée wollte so gern Herrn von Schoenburg fragen. Aber der war so einsilbig, und immer, wenn Renée sich umsah, stand er hinter ihr und sah, den Kopf gesenkt, vorwurfsvoll zu ihr auf. Als Renée ging, sagte er: „Warum haben Sie nicht mit mir soupiert, Fräulein von Catte?“ – „Sie haben mich doch gar nicht gefragt.“ – „Aber Sie wissen das doch ganz gut,“ sagte Schoenburg. Dann begleitete er Renée zur Teufelstreppe, wo Papa auf sie wartete. Er ging auch mit herunter. Unten nahm er dem Diener Renées Cape ab und legte es ihr um. Und er sagte ganz leise: „Kommen Sie gut heim.“ –

Alle Tage ging Renée nun mit der Angst um Hannsbabo und war sehr allein damit. – In den feuchten Vorfrühlingsabenden machte der Dunst von draußen die Zimmer früher dunkel, und wenn man die Fenster öffnete, kam ein scharfer Geruch von Rauch mit der Luft herein. Über den Seen im Tiergarten war den ganzen Tag eine dünne Schicht von Dampf. Es gab auch noch Frost in den Nächten, und die zu bunten Blumen am Luisendenkmal standen verfroren und fremdartig in der kühlen Märzluft.

Renée ging in diesen Tagen viel herum im Tiergarten, und manchmal saß sie lange auf einer Bank und dachte, was man tun könnte für Hannsbabo. Sollte sie nicht mit Papa sprechen? Würde er denn helfen können? – Vielleicht gingen Hannsbabo und Sarah ein wenig auf Reisen. Vielleicht konnte der Wechsel der äußeren Umstände ihm helfen. – Dann wieder wußte Renée ganz gut, das alles half nichts. Es waren alles nur ohnmächtige und sinnlose Gedanken, die niemals das finden konnten, was einzig half. –

Am Sonntag bekam Renée einen Brief. Ein kleiner, grüner Brief war es mit einer fremden Handschrift. Die Unterschrift hieß: Marie Gisczyska. Renée las: Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen und mit mir den Tee nehmen. Ich habe viel mit Ihnen zu denken. –

Dann war es auf einmal eine so große Hilfe für Renée, daß diese ganz fremde Dame mit ihr sprechen wollte von Hannsbabo.

Den Sonntag kam ein Vetter aus dem Kadettenkorps und Viktor natürlich. Und nach dem Essen sagte Papa, nun könnte Renée den Vetter unterhalten, und sie könnte ja auch ein bißchen mit ihm spazieren gehn. „Ich kann doch den langweiligen Jungen nicht den ganzen Tag unterhalten, Papa,“ sagte Renée, „außerdem langweilen wir beide uns dabei. Außerdem bin ich eingeladen zum Tee bei der Gräfin Gisczyska.“

Papa sah erstaunt auf: „So, wie kommst du denn dazu?“ Renée antwortete: „Ich habe sie auf dem Hofball kennen gelernt.“ – „So, na,“ sagte Papa. „Also wann soll denn da die Reise losgehen?“ „Um halb fünf, dachte ich.“ – „Ja – soll denn etwa ich den Bengel unterhalten?“ sagte Papa ärgerlich. „Ach Papa – ich tät ihm einen Taler schenken für den Zirkus,“ meinte Renée; „zum Abendessen bin ich dann schon wieder da!“

Papa lachte. Dann zog er zwei runde Taler aus seinem großen, dunkelroten Portemonnaie: „Da sollst du auch einen haben für deinen Edelmut,“ sagte er. –

Renée nahm ein Auto. Erstens hatte sie ja einen Taler bekommen für nichts und wieder nichts, und zweitens wollte sie recht bald da sein. Dieses Auto raste mit besessener Geschwindigkeit die Hofjägerallee und Charlottenburger Chaussee entlang und bog mit einem fürchterlichen Ruck links ein. Es hielt in der Roonstraße.

Gräfin Gisczyska kam Renée entgegen. Sie führte Renée an der Hand herein und dankte ihr für ihr Kommen und bat um Entschuldigung, daß sie so von heut auf morgen ... „Ja, ist jetzt das eine aufdringliche Person, haben S’ gedacht – gellns,“ sagte sie lachend. – „Aber nicht doch. Ich freue mich so sehr, mit Ihnen sprechen zu dürfen, Gräfin, man kann es nicht alles allein bedenken.“ – „Ja, nicht wahr?“ Gräfin Gisczyska sprang auf und drückte Renée die Hand. – „Aber nun hab ich das Gefühl, daß ich Ihnen erst mal erklären soll, warum eigentlich ich Sie so sans façon zu mir bat und was mir das Recht gibt, von Ihrem Bruder – darf ich sagen, von Hannsbabo – zu sprechen. – Also wir, das heißt mein Mann und ich, waren eine Zeitlang mit Ihrem Bruder in Washington zusammen. Als er zuerst dort war, fühlte er sich natürlich etwas allein, und da mein Mann ihm sympathisch war, so kam er oft zu uns. Da war es, daß ich Ihren Bruder sehr lieb gewann. Wenn er gewollt hätte, – ich wäre mit ihm gegangen auf und davon.“ –

Gräfin Gisczyska lehnte den Kopf ganz weit zurück auf das harte Holz ihres geschnitzten Stuhles – dann sprang sie auf mit einer heftigen Bewegung. – „O, ich hätte es gewollt!“ –

Renée schwieg und sah in das blaue Feuer, das die Gräfin entzündete. Dann bekam Renée den Tee aus einer kleinen, feinen Tasse.

„Wenn ich zu Ihnen offen sprechen darf,“ sagte die Gräfin, „so will ich Ihnen sagen, wie es ist mit Ihrem Bruder. Er liebt die Frau. Aber sie ist nicht eine Frau. Nein, keineswegs. Sie ist ein Geschöpf aus einer schönen Materie, aber von innerlichster Kälte, ohne jede Sensibilität, ohne jedes Begreifen von den Dingen des Gefühls. Sie ist – nun etwas, das man in der Literatur der achtziger Jahre ‚Larve‘ zu nennen pflegte oder ‚Nixe‘ – was weiß ich.“ –

Renée sagte: „Ein Mensch wählt diese Ausdrucksform, ein anderer jene. Es ist nicht immer herzlos, was anders ist als wir, Gräfin.“ –

„Ich merke, Ihre Schwägerin hat es verstanden, die ganze Familie Catte einzustecken. – Ja, darum gerade reden wir doch zusammen, weil wir sehen, daß ein Mann, der uns beiden lieb ist, an ihr leidet! Ich muß Ihnen etwas von der Verlobung erzählen. Gar nicht viel, nur etwas Charakteristisches: Einer ihrer Vettern – sie hat deren ein Dutzend – sagte mir: ‚Sarah will leider keinen von uns heiraten, weil wir sie alle lieben, sagt sie, und weil sie einen Widerwillen bekommt gegen Menschen, die sie lieben. Sie sagt: ein Mann, der eine Frau liebt, spricht immer so heiser, er ist wie ein widerlicher Kater‘.“ –

Renée mußte lachen: „Finden Sie das so herzlos? Es ist doch nur lächerlich. Es ist, daß eine Frau immer die Abwehr hat gegen den Mann als Typus. Aber dann rechnet sie ihren Mann nachher nicht in diesen Typus hinein –“

„Sie sagen zwar sehr kluge Dinge für Ihre Jugend,“ antwortete Gräfin Gisczyska, „aber leider hat Sarah dies gesagt, als sie bereits verlobt war. Und ich würde denken, daß eben aus dieser Tatsache heraus alles, was dort geschieht, begreiflich wird. Ihre Schwägerin gehört zu den Menschen, die suchen, wenn der andere zurückweicht, und zurückweichen, wenn der andere sie sucht. Und Hannsbabo sucht sie sehr eindringlich eben.“ – „Ja.“ – Die Gräfin sprach weiter: „Und eben wenn diese Frau weiß, daß da einer ist, der zu ihr hinstrebt, dann lockt sie ihn ein wenig an, um ihn im nächsten Augenblick mit kühlem Erstaunen zurückzustoßen. – Und immer wieder das gleiche. Und ein Mensch geht zugrunde daran, ein lieber, schöner, stolzer Mensch. – O, es ist ein widerliches, zynisches Spiel.“

„Das – das glauben Sie?“ – Gräfin Gisczyska nahm Renées Hand. – „Es ist so,“ sagte sie, „erschrecken Sie nicht so, kleine Renée, es ist so. Ich habe es gesehn.“ –

Beide schwiegen. Die blaue Flamme unter dem Kessel breitete sich aus, und das Wasser kam in ein leises, gleichmäßiges Surren. –

Renée frug: „Wie haben Sie das gesehn?“ – Gräfin Gisczyska schwieg; einen Augenblick sah sie Renée an. –

„Erinnern Sie sich an den Ball bei Ihrem Bruder?“ fragte sie. – – „Sahen Sie, wie die beiden tanzten? Sahen Sie das Gesicht seiner Frau? Ah – ich sah es. Die widerliche, rohe Sensationslust ihres Gesichts. Niemand hat etwas gesehn. Nein. Nur ich. Ich sah, wie die Blässe ihm ins Gesicht stieg, ganz weiß war sein Gesicht, und dann begann er zu zittern, und dann bebte dieser große, starke Mensch – und eben in diesem Augenblick ließ sie seine Hand los und sah ihn an. Haben Sie das gesehn?“ –

„Wie – wie denn sah sie ihn an?“ frug Renée. „So, als wäre er ein Widerwillen, ein Unflat, ein häßliches und verächtliches Tier in ihrem Weg.“ –

Renée wandte ihr Gesicht weg. Sie stand auf und ging zum Fenster. Da war ein Gefühl brennender Scham in ihr, daß man so reden durfte von ihrem Bruder. –

„Mögen Sie nicht einmal sprechen mit Ihrer Schwägerin?“ sagte Gräfin Gisczyska.

„Mein Bruder will es nicht.“ –

Die Gräfin fuhr auf: „Inwiefern? Hat er seine Frau durchschaut? Hat er ...“

Da auf einmal hatte Renée einen Widerwillen gegen dies Gespräch; sie mochte nicht mehr. Eben als sie überlegte, ob sie noch antworten sollte, kam der Diener herein, er meldete den Prinzen Johann. – Renée verabschiedete sich eilig. –

„Sie müssen bald wiederkommen, vielleicht morgen,“ rief die Gräfin ihr nach.

Renée ging durch den Tiergarten nach Hause. Und immer wieder stieg ihr das Gefühl des Widerwillens auf auch gegen sich selbst. Es war, als hätte sie Hannsbabo etwas Böses getan.

Sie sprach auch nicht mit Papa. Es schien ihr, als dürfe man überhaupt nicht davon sprechen. –

Einmal aber – es war gegen den Frühling – einmal faßte Renée sich ein Herz. Sie ging zu Hannsbabo, als Sarah gerade fort war. Und sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie sah ihm in die Augen: „Hannsbabo,“ sagte sie, „ich weiß es, du bist sehr unglücklich, und nun sagst du mir nichts, und ich kann dir nicht helfen. Du bist immer sehr gut gewesen zu mir, gar nicht wie ein gewöhnlicher Bruder, vielmehr wie ein Freund. Früher hattest du Vertrauen zu mir, du hast mir viel von dir gesagt, obwohl ich noch ein Kind war, und nun –“

Hannsbabo schwieg lange. Renée sah dem Zeiger der Uhr nach, die am Spiegel stand auf zwei schlanken Säulchen von Alabaster – manchmal sah Renée zu ihm herüber. Sie hielt noch seine Hand. „Es ist ja nicht so leicht, davon zu sprechen,“ sagte Hannsbabo dann. „Sie meint es nicht schlecht, sie hat mich sogar ein wenig lieb, glaube ich, aber siehst du, das ist nichts, was das Einsamkeitsgefühl nähme. Im Gegenteil. Und dabei weiß ich, sie ist der Mensch, mit dem ich hätte heimisch werden können auf der Erde. –“

Renée kamen die Tränen in die Augen von dem Gefühl des Nicht-helfen-könnens. – Er nahm nun ihre Hand und legte sein Gesicht hinein. Renée zog ihn an sich – sie saßen still beieinander. –

„Ich mag nicht mehr leben,“ sagte Hannsbabo. Renée weinte. Ihr Bruder hob sein Gesicht zu ihr auf, und sie hörte ihn sanft sprechen. – „Weine nicht, mein kleiner Bub Renée – weine nicht!“ –

Was konnte Renée tun? Sie hätte ihn nehmen mögen, ihren Bruder, und mit ihm fortgehn. Weit fort. Vielleicht nach Italien – vielleicht war da die weiche, süße Luft, die er brauchte. „Ich bin zu müde,“ sagte Hannsbabo, „das Reisen macht so viel Beschwerde.“ –

Renée sprach mit Sarah. Sie tat es gegen alles eigene Gefühl, sie tat es gegen Hannsbabos ausgesprochenen Willen. Sie tat es gedrängt von ihrer Liebe für ihn.

Sie sagte: „Was ich tue, Sarah, was ich dir jetzt sage, das mußt du so gut und so fein und so schön aufnehmen, wie du kannst – du mußt weich und gut sein, damit ich an dich heran kann mit meinen Worten.“ – –

„O,“ sagte Sarah, „was ist es, was für eine lange Vorrede, darling –“ Renée fühlte so, als käme ein Strom von Glut ihr den Rücken herauf – und schließlich preßte es die Kehle zusammen. –

Sie ballte die Hände. – „So wirst du es nicht abtun. So nicht! Ich rede von Hannsbabo. Ich rede von meinem Bruder, den ich liebe, hörst du, den ich tausendmal mehr liebe als du, als so ein kalter, kalter Mensch wie du, begreifen kannst.“ –

Sarah wurde ganz blaß, fast bis in die Spitzen ihrer Finger – ihre grauen Augen starrten in Renées Gesicht. –

„Du bist mit ihm hergekommen. Du hast ihn geheiratet. Das ist ein Geschehnis, verstehst du, wenn ein Mensch wie Hannsbabo dich liebt, wenn ein so stolzer, schöner, vornehmer Mensch dich liebt – du. – Ich sage dir, du, ich lasse es nicht geschehen, daß du ihn umbringst mit der widerwärtigen Kälte deines Wesens. Ich lasse es nicht zu! Hüte dich vor mir, denn ich werde es sagen, allen Menschen werde ich es sagen, ausschreien will ich es, wenn du noch einmal, noch ein einziges Mal tust, was du getan hast bis heute, wenn du ihn quälst.“ – –

Sarah warf den Kopf zurück, eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht – und die großen Tränen. –

Renée ging.

„Elisabeth bittet um deinen Besuch recht bald,“ sagte Papa. „Sie fühlt sich nicht recht wohl und bekommt Besuch von Viktors Mutter und Schwester. Am Ende könntest du gleich morgen fahren.“ –

Renée hatte nicht die geringste Lust. Nein. Aber natürlich würde kein Widerstreben helfen. Wenn jemand in einer Familie verheiratet war, so war das Grund genug, um sämtliche unverheiratete Schwestern und Cousinen in Tätigkeit zu setzen. –

Das Landratsamt war ein großer quadratischer Kasten, an den man ein Rechteck angeflickt hatte. In diesem Rechteck befand sich eine Loggia und darüber das Gastzimmer. Im Eßzimmer entdeckte Renée ein Bild von Groß-Gehren, das sie von zu Hause kannte. – In Elisabeths Wohnzimmer standen die beiden bronzenen Leuchter aus der Groß-Gehrener Halle, und über Viktors Schreibtisch prangte das Bild des jungen Katte, der zu Küstrin erschossen worden ist. Das hatte früher bei Renées Mutter gehangen, denn es war einer von ihrer Linie gewesen. Von denen, die der große König später zu Grafen gemacht hatte. –

Elisabeth sagte: „Papa hat es mir geschenkt.“ – Und gerade das hätte Renée so gern behalten – gerade das. –

Überall wo Viktors umfangreiche Mutter sich bewegte, entstand ein Geräusch von Seide. Sie war stets in starrer, schwarzer Seide und trug auf dem Kopf einen künstlichen Aufbau weißen Haares. Während sie von Elisabeth in den Räumen umhergeführt wurde, sagte sie: „Das freut mich, liebes Kind, ganz hübsch, ganz hübsch.“ Sie sagte es, als ob sie in einem Laden die Auslage betrachtete. – Sie war eine unausstehliche Person, fand Renée. Elisabeth benahm sich förmlich demütig gegen sie. Und Elisabeth nannte sie ‚Mamachen‘.

In diesem Haus kam Renée gar nicht zum Nachdenken. Wenn sie in ihrem Zimmer war, dann hörte sie das Gekeif und Gelärm der Leute auf der Straße und das Rasseln der Wagen auf den holprigen Pflastersteinen. Und war sie nicht in ihrem Zimmer, dann gab es immer von irgendwoher die pfeifende, gellende Stimme der Frau Amélie von Horwitz, die erzählte von der Prinzeß Clementine, die immer zu ihr gesagt hatte ...

Renée kam dort in einen Zustand haltloser, psychischer Apathie. Kein Weiterkommen, kein Weiterwollen, keine Abwehr. Alles, was dort gesprochen wurde, hielt sich jenseits jeder Möglichkeit von Gefühl und Empfindung. Und alles war entsetzlich leer.

Renée suchte Ruhe. Es gab keine Ruhe. Diese Menschen hasteten umher und warfen die Albernheiten ihres engen Lebens wirr und sinnlos durcheinander – und es gab keine Ruhe. –

An diesem Abend lief sie nach Groß-Gehren, – den Wiesenweg, der an der Mühle vorbeiführt. Hinter dem dunklen Rand des Forstes stieg ein großer, rötlicher Mond auf. Stieg feierlich auf, und vor ihm her war die Helligkeit seines Lichtes – – allmählich fing sich das Licht in den Nebeln auf der Wiese. –

Renée ging schnell, sie fühlte die Feuchtigkeit der Grashalme, die ihr Kleid streiften. Man konnte nicht weit sehn wegen des Nebels; auf einmal tauchten die schwarzen Flügel der Mühle vor ihr auf – ganz unorganisch und sonderbar aus dem Grau heraus. –

Sie fand die Gartentür abgeschlossen und lief bis an das Ende des Gartens, wo sie als Kind durchgekrochen durch das Loch in der Hecke. –

Wie ein riesiger See ohne Land lag es vor ihr. Die Fläche des Wassers ins Unendliche erweitert durch diese Ebene von Nebel über den Wiesen.

Auf dem Wasser flackerte in goldnen Schlangen der Mondschein. –

O, hier bleiben können – lange oder immer – wie schön und traurig war das Wasser und der große Mond. –

Unten auf den Stufen, die ins Wasser führen, auf der dritten Stufe, die der See überspült, wenn er unruhig ist, saß Renée. – O, der große Mond. –

Renée mußte weinen; sie dachte nicht an ein bestimmtes Geschehnis – es war nichts – es war vielleicht etwas, was kam. An wen dachte Renée? An keinen Menschen – nur – wenn einmal eine süße und geliebte Stimme zu ihr sprechen, wenn einmal eine Hand sehr sanft sie berühren würde, – o eine sanfte Hand – daran dachte Renée. – –

Es war nach Mitternacht, als sie zurückkam. Viktor machte ihr auf. – Sie hätten sich alle so gesorgt. Es sei aber auch unrecht von Renée, weil Elisabeth sich doch in dieser Zeit nicht aufregen dürfe, wo denn Renée nur gewesen sei? –

„In Groß-Gehren!“ – „Aber wir konnten doch mal hinfahren, wenn du wolltest,“ sagte Viktor mit sanftem Vorwurf.

Renée hörte eine Woche lang alles geduldig an. Es war unpassend gewesen, überspannt, lächerlich, sentimental. – Was sollte Johann denken, er hatte natürlich gehört, daß Viktor Renée nachts hereinlassen mußte. –

„Ihr könnt ja Johann ins Vertrauen ziehn, vielleicht findet Johann es auch überspannt,“ sagte Renée.

Elisabeth begann zu weinen. Man tröstete sie. Und Renée hörte Frau Amélie von Horwitz leidenschaftlich versichern: „Deine liebe Schwester hat es ja gar nicht so böse gemeint, Elisabethchen, nein, wirklich, sie hat es ja völlig eingesehn.“ –

In der Umgegend gab es ein Kränzchen. Im Winter las das Kränzchen, im Sommer spielte es Tennis. Es gehörten ihm die jungen Mädchen des Kreises an. Aber Renée weigerte sich teilzunehmen. – Elisabeth sagte: „Viktor ist der Ansicht, daß ein verheirateter Landrat die Pflicht hat, die passenden Elemente des Kreises zusammenzuhalten. Ich habe das Kränzchen zum Sonntag eingeladen. Natürlich muß ich mich momentan etwas zurückhalten.“ fügte Elisabeth hinzu.

Elisabeth ging nur gegen Abend aus. Dann trug sie ein Cape von riesigen Dimensionen. Sie genierte sich vor dem Diener, vor dem Kutscher, vor dem Gärtner. –

Es muß ein fürchterlicher Zustand sein, dachte Renée. Elisabeth tat ihr leid. Sie versuchte, ihrer Schwester gut zu werden. „Du mußt mehr spazieren gehn,“ sagte Renée, „wir könnten jeden Morgen nach dem königlichen Forst hinausfahren, und da könnten wir spazieren gehn, und dann holt der Wagen uns mittags wieder ab.“ – „Ach, Renéechen, ich darf doch momentan nicht fahren,“ antwortete Elisabeth kläglich. – „Aber dann könnten wir zusammen in den Stadtforst gehn.“ – „Ach, ich sehe so aus,“ antwortete Elisabeth. „Da geniere ich mich doch.“ – Renée nahm ihre Hand: „Gar nicht hast du dich zu genieren. Warum denn etwa? Es geht doch alles natürlich zu in der Welt. Und bis jetzt wird es noch nicht als Schande aufgefaßt, wenn eine Frau ein Kind bekommt, sollte ich meinen.“ – Elisabeth sagte: „Du redest so, Renée! Junge Mädchen sollten ...“

„Meinst du mal wieder, ‚junge Mädchen‘ müßten immer erst warten, bis ein Mann kommt, sie zu verderben?“ – Renée lachte: „Denn das ist’s doch in Wahrheit. ‚Unverdorben und mit Schmelz‘ und als ‚unbeschriebene Blätter‘ und so’n Quark sollen sie dem Mann überliefert werden, damit er sie um so besser verderben kann.“ – „Du führst furchtbare Reden, Renée,“ sagte Elisabeth.

„Ich begreife nicht, wie man Kinder bekommen mag, wenn man das Wissen um die Geschehnisse ihres Ursprungs als ‚verdorben werden‘ bezeichnet.“ –

Elisabeth begann abzulenken: „Ich glaube, wir werden uns hierin doch nie verständigen.“ –

„Nein – das glaub ich auch nicht.“ –

Frau Amélie von Horwitz trat ein. Sie rauschte in schwarzer Seide. Auf den hügeligen Dimensionen ihrer Brust thronte eine Brosche aus Amethysten sowie eine Kette aus schwarzen Jett-Perlen. –

„Marie wird heute abend eintreffen,“ sagte sie. „Mit dem Schnellzuge.“ – Dann wandte sie sich zu Renée: „Meine Tochter ist allerdings älter als Sie, Fräulein Renée, aber ich glaube, Sie werden dennoch Freude haben an ihrem Hiersein. Meine Tochter ist nämlich Schriftstellerin. Sie hat bereits einen sehr geachteten Namen in unserer Literatur gewonnen.“ – „So?“ sagte Renée. – Frau von Horwitz setzte sich behaglich nieder: „Ja,“ antwortete sie, „ihr erstes Buch ‚Aus Neuland‘ hatte sogar einen sehr bedeutenden Erfolg – es ist der Frau Prinzessin Clementine zugeeignet. –“ Renée bekam einen gelinden Schauder. –

Marie von Horwitz, die Schriftstellerin, war in bezug auf Dimensionen das Ebenbild ihrer Mutter. Sie trug ebenfalls schwarze Seide. Am Morgen nach ihrer Ankunft eröffnete sie mit Renée ein Gespräch, sie sagte: „Ich hoffe, Sie werden noch recht lange bei unserer lieben Elisabeth bleiben! Ich habe nämlich nur eine Woche Zeit. Ich werde bei Wedels in Schönau erwartet. – Kennen Sie die Gräfin Wedel?“ – Renée verneinte das.

Es erfolgte nunmehr eine lange Erzählung über die Reize der Gräfin. Dann kam eine Auseinandersetzung, wie Fräulein von Horwitz letzthin in Sankt Moritz beim Ski verunglückte – dann zog sie einen Packen Bücher vor. „Es sind Rezensionsexemplare,“ sagte sie, „ich bekomme deren zahllose. Es gibt ja jetzt so viele Skandinavier und Deutsche, die es nachtun. Aber ich kann ihnen die Palme des Sieges wirklich nicht zuerkennen. Diese sogenannte Stimmungskunst ist so gänzlich ohne Saft und Kraft.“ –

„Was meinen Sie eigentlich mit ‚Saft und Kraft‘?“ Fräulein von Horwitz sah indigniert auf: „Das ist doch nicht zweifelhaft. A propos, kennen Sie mein ‚Neuland‘? Da sage ich einmal: Stimmung ist Lässigkeit der Psyche. Das möchte ich hier wiederholen.“ – –

„Meinen Sie das? Ja nun. Vielleicht ist Stimmung vielmehr Subtilität der Psyche,“ antwortete Renée. Fräulein von Horwitz verneinte das. „Keineswegs! Dies ganze Getue entspringt nur der Schwäche,“ sagte sie kategorisch. „Durch die Produktion unserer Jüngeren geht dies ewige Resignieren. Erst stellen sie in lächerlich maßloser Weise Forderungen auf. Dann fallen sie mitsamt ihren Forderungen.“ –

„Das ist gerade das Großartige, das Umfallen mit den Forderungen, mit den unerfüllten.“ –

„Ich kann es durchaus nicht großartig finden, wenn ein Mensch nicht imstande ist, mit der Umwelt ins reine zu kommen,“ sagte Fräulein von Horwitz.

„Kein großer Mensch kann das!“ –

„Und warum etwa?“ frug die Horwitz herausfordernd. Renée sagte: „Das Große ist ungewöhnlich, nicht wahr? Und die Umwelt ist gewöhnlich. Ich denke, – die Antwort wäre einfach.“ –

Frau von Horwitz erschien. – „Ah, eine interessante Unterhaltung. Nun, Fräulein Renée?“ – Marie von Horwitz lächelte überlegen. Sie zog eins der Bücher hervor: „Sehen Sie, Fräulein von Catte, diese Anthologie bietet die beste Möglichkeit der Beweisführung,“ sie gab Renée das aufgeschlagene Buch. „Nun,“ sagte sie triumphierend, „sehen Sie hier eine Vertreterin dieser berühmten Stimmungskunst. –“

Am Ende eines Gedichts las Renée:

‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder, Treibst mich nach jenem Land, wo keiner frägt, Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder Zu seinem Ursprung trägt. – Fern, wo der Tag sich hebt, verhallen deine Lieder.‘ –

Wie gut und sanft diese Worte sie berührten. – „Wer ist es, der dies geschrieben hat, wer ist es?“

„Yvonne Capeller. Eben eine dieser Allzujungen,“ sagte Fräulein von Horwitz gereizt, „die immer bereits mit zwanzig Jahren mit der Welt abgeschlossen haben. Ich schätze ihre Produktion sehr wenig. – Aber natürlich hat auch sie ihre Bewunderer gefunden.“ –

„Das begreife ich durchaus,“ sagte Renée.

Sie ging in ihr Zimmer. Sie mochte nicht mehr reden. Sie sprach die schönen Worte vor sich hin und dachte: daß ein Mensch so süße, traurige Dinge sagen kann, so süße, süße Worte. –

– – Die Schriftstellerin schien keine Neigung mehr zu haben zu Gesprächen mit Renée. Sie gab ihrem steifen, geraden Oberkörper einen Ruck, wenn sie Renée erblickte, und ihre dumpf gurgelnde Stimme sprang über in ein giftiges Flöten, wenn sie etwas zu Renée sagte. –

Indessen war es schon lange Mai geworden. Papa war in Groß-Gehren, und jeden Abend ging Renée zum Kanal, wo die großen Kähne durchgeschleust wurden, und sah zu und sehnte sich mitzufahren – und immer, wenn sie das weich bewegte Wasser sah am Abend, auf dem die Lichter der Laternen flackerten – immer wenn sie das sah, die Dunkelheit des Wassers und darüber Lichter, dann dachte sie an die süßen, traurigen Worte des Gedichts. –

Als die Zeit näher rückte, wo nach allgemeiner Annahme das Kind kommen sollte, ging Renée nach Groß-Gehren zurück. – Papa hatte sich noch mehr an das Alleinsein gewöhnt als zuvor. Abends saß er auf der Veranda und summte Töne vor sich hin, deren Zusammenhang Renée nicht finden konnte.

Einmal saß sie an dem offenen Fenster ihres Zimmers und hörte vom Wasser her das altgewohnte Quaken der Frösche und fühlte einen süßen Geruch, der wohl aus den Beeten kommen mußte, wo die Levkojen standen und die Verbenen – einmal dachte sie an ihren Bruder – so lange hatte sie ihn vergessen. Was tat er wohl – sie brachte ihre Gedanken mit Mühe hinein in das letzte Erlebnis mit Sarah – was tut er wohl jetzt? –

Sonderbar, wie das Lärmen der Frösche seine Melodie hatte, sein Auf und Ab. Es gab eine haltlose Traurigkeit, dem zuzuhören, eine Last auf der Seele – etwas, das immer wieder da sein würde, wo man den Ton auch hörte. –

‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder.‘ – Gibt es denn dies, sich in Worte verlieben – in ihren Zusammenklang, in ihren Sinn – oder eine Vorstellung lieben. –

‚Das Unerfüllte wieder zu seinem Ursprung trägt.‘ – O ja, man konnte Worte lieben. –

Es war ein ‚gesunder Junge‘ geboren. Er war prädestiniert für den Namen ‚Wilhelm‘. „Viktor verehrt unsern geliebten Kaiser so, weißt du,“ sagte Elisabeth. – Er war prädestiniert als Stolz der Familie. Er sollte in Groß-Gehren getauft werden. Und natürlich mußte Hannsbabo zu der Feier kommen. –

Hannsbabo – sonderbar verändert war er. Er hielt sich fern von Renée. Sarah war nicht mitgekommen. Er stand immer still auf einem Fleck – und dann mischte er sich plötzlich aufgeregt in irgend eine Unterhaltung, die man um ihn her führte – er aß in einer hastigen und gedankenlosen Weise. –

Renée ging zu ihm. Es war des Abends, das Essen vorüber und die Gäste fortgefahren. Hannsbabo saß an seinem Schreibtisch. – „Hannsbabo, warum vermeidest du es, mit mir zu sprechen? Siehst du, ich komme trotzdem. Ich dränge mich an dich heran. Ich lasse mich nicht fortschieben. Sage mir, was du hast, Hannsbabo! Ist es das Alte?“

Er sprang hastig auf – und er schob den Schreibtischsessel mit einem plötzlichen Ruck zwischen sich und Renée – „Laß mich,“ sagte er. Er war aufgeregt, er schüttelte den Stuhl auf und nieder in seiner Hand. – „Was hast du damals gesprochen mit Sarah? Ich habe vom Diener erfahren, daß du bei ihr warst. Was hast du dort getan, als du da warst am zehnten April?“ – „Am zehnten April?“ – „Ja, nicht wahr, du weißt es gar nicht mehr. Aber ich, o ich weiß es. –“

Er stampfte in gleichmäßigen Stößen mit dem Stuhl auf die Erde. – „Du sagst es mir. Du – Sarah will es nicht sagen. Kann ich sie etwa zwingen? Oh nein. Ich könnte nicht einen Finger ihrer Hand anrühren, um ihr wehzutun. Nein, leider nicht. – Also sie will es nicht sagen. Ich mußte versprechen, dich nicht zu fragen – siehst du – aber ich frage dich nun“ – seine Stimme sprang über in ein zorniges Gurgeln – „nun – sag es, du – du kommst nicht aus dem Zimmer ohne das“ – –

Hannsbabo warf den Stuhl beiseite. Renée fühlte seine Finger um ihre Handgelenke. – Sie fühlte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie riß ihre Arme zurück. –

Hannsbabo setzte sich langsam wieder an seinen Schreibtisch. Er warf mit einer stürmischen Bewegung die Arme auf den Tisch und legte den Kopf hinein – so sprach er, schnell mit langen Pausen – und wieder schnell, als ob es drängte zu irgend einem vorbestimmtem letzten Ende:

„Nachdem du damals dagewesen bist, hat Sarah mir gesagt, sie wolle mit mir ein paar Tage verreisen. Sie ist sofort mit mir zum Kommandeur gefahren wegen des Urlaubs. Dann sind wir gereist. Ich weiß nicht mehr, wo wir alles waren. Irgendwo in Italien. Es wird wohl Venedig gewesen sein. Ich merkte viel Buntes und Musik und Kauderwelsch um mich herum. – Wir sind jede Nacht auf dem Meer gefahren viele Stunden, und dann habe ich sie geküßt die ganzen Stunden aller Nächte. O, ich bin so sonderbar erfüllt davon – wie fein und weiß, wie schmal und süß sind die Gelenke ihrer Hände – o, ich fühle sie in meiner Hand, diese feinen, weißen Säulen. Sie ist leicht – leicht, als ob der Wind sie trüge oder die Luft, denn meine Arme spürten sie kaum, spürten keine Last, spürten nur die Kühle ihrer Haut und das leise, leise Rieseln, mit dem ihr kühles Blut durch die Adern geht unter der Haut.“

Renée ging zu ihm und rührte seine Schultern an. „Sprich nicht weiter,“ sagte sie. Er hob den Kopf. Renée sah sein Gesicht, sein blasses, lächelndes Gesicht. –

Später sagte Hannsbabo: „Ich habe laut geträumt.“ Sie sprachen wenig mehr zusammen, Renée und ihr Bruder. – Er frug sie nicht mehr. –

Dieses unausstehliche Baby. Es kam in Eile zu Besuch nach Groß-Gehren, weil es in der Stadt zu heiß wurde. Es mußte eine Kuh trocken gestellt werden für das Baby. –

Bill, das Baby, hatte dünnes, rotes Haar und wasserblaue Augen. Es war ein kleines Scheusal. Trotzdem standen alle umher und bewunderten es, es wurde bewundert bis zu den fetten Spitzen seiner krebsroten Finger.

Auch Elisabeth war in Groß-Gehren. Renée konnte ihrer Zeit nicht Herr werden. Immer gab es etwas zu tun für Elisabeth oder für das Baby. – Das Baby hatte eine Kinderfrau. Jeden Abend um sieben Uhr rief die Kinderfrau nach Renée. Dann ging sie essen. Dann durfte Renée Bills Schlaf bewachen. Es sollte eine halbe Stunde sein, es wurde aber meist eine Stunde und länger. Dann saß Renée in dem kleinen Vorzimmer, das früh dämmrig wurde, weil die großen Linden davor standen, saß und hörte die Knechte nach Feierabend in den Hof reiten – dann pumpten sie Wasser für die Pferde und schwatzten noch, und zuletzt gingen sie pfeifend über den Hof nach Haus. Um neun Uhr machte der Hofmeister das Tor zu. –

Sonderbar – immer stiller wurde das Leben, je tiefer man hineinging in die Zeit. Unbemerkt lösten sich liebgewordene Dinge von der Seele. Sie ließen diese Seele in schmerzlichem Entbehren zurück. –

Es muß einen Menschen geben, ein Lebendiges, der mir den Sinn meines Daseins gibt – dachte Renée. Ich muß während meines Lebens in einem beliebigen Augenblick mit diesem anderen Menschen zusammentreffen, und er und ich müssen die Notwendigkeit, das Absolut-zu-fordernde dieses Zusamentreffens wissen oder wissen lernen. Garnicht sofort, gar nicht diese romanhafte Liebe ‚auf den ersten Blick‘ muß es sein. – Renée dachte: Wie kann so etwas geschehen? Natürlich – es ist nicht gebunden an Ort und Zeit – vielleicht könnte es sogar geschehn durch ein Hörensagen von den Handlungen oder den Worten oder dem Fühlen des andern Menschen. Und dies, wenn es auch irgend ein gleichgültiger Mund ausspräche, dieses könnte dann das Bewußtwerden sein, das Zusammenströmen – – –

Wie nutzlos und ganz gleichgültig war alles, was man tat – ob Renée las oder schrieb, ob sie froh war oder traurig – wer frug danach? – Es war ja dieselbe verlorne Einsamkeit, in der sie lebte, wie damals, als sie ein Kind war. – Nur kam doch damals manchmal Hannsbabo. – Warum war Hannsbabo ihr fremd geworden?

Renée dachte: Ich fühle, daß er sich ganz umgeben hat mit einer Abwehr des Gefühls – er will nicht mehr davon sprechen – oder er spricht davon in einer wilden, aufgeregten Art, und jedes Wort, das er sagt, entfernt ihn von mir. –

Renée frug bei der Buchhandlung an, ob es denn gar kein Buch gäbe von Yvonne Capeller. Aber es gab keins. Sie wußten nichts von ihr.

Und Renée hatte nur dies eine Gedicht. Dies, das so schön war, daß man sehnsüchtig wurde, wenn man es vor sich hinsprach – das so betörend schön war.

Renée dachte: Nun ist es geschehn. Durch ein Hörensagen, ist ausgesprochen von irgend einem gleichgültigen Mund – ist ausgesprochen. –

„Was soll denn das vorstellen?“ sagte Papa, „warum willst du denn absagen bei Arnims?“ – Er hielt den Brief: ‚Renée von Catte dankt verbindlichst und bedauert lebhaft‘ ... drohend in der Hand. – „Ich mag nicht mehr auf Bälle laufen,“ sagte Renée. – „Wieso?“ – „Ich langweile mich so gräßlich dabei.“ – „Unsinn.“ Papa warf den Brief zornig vor Renée auf die Tischplatte. „Ich wünsche, daß du hingehst.“

„Aber Papa, du kannst doch nicht verlangen, daß ich hinlaufe und mich stundenlang langweile, es kann dir doch ganz egal sein.“ Papa erklärte, es sei ihm durchaus nicht egal. Keineswegs. Es sei einmal Usus so. Und sonst gäbe es ein Gerede, und die Leute wunderten sich. –

Diesmal wollte Renée durchaus nicht nachgeben. Sie sagte: „Ich gehe überhaupt nicht aus diesen Winter.“ – Papa schien bedeutend zu erstaunen. – „Ja, was willst du denn anfangen den ganzen Winter?“ – Gott sei Dank, nun war es soweit. Nun kam das Positive. Das Positive verteidigt sich viel leichter als das Negative. – „Ich will Vorträge hören.“ – „Vorträge, wo denn? Du willst doch nicht unter die Studenten gehn? Blödsinn.“ – Papa schien sehr aufgebracht. – Renée spielte den Trumpf aus: „Ach wo, Papa. Es ist nur für Damen im Viktoria-Lyceum.“ – „Was ist denn das?“ frug Papa. Renées letzter Trumpf besiegte sein Mißtrauen völlig: „Es ist doch unter dem Protektorat der Kaiserin,“ sagte Renée. „Exzellenz von Kleist ist auch immer da mit ihrer Tochter.“ – „So. Na meinetwegen,“ sagte Papa. Er wandte sich seiner Arbeit wieder zu. –

Renée suchte sich Vorträge aus. Sie nahm einen über die ‚Entstehung des Menschen‘, einen kunstgeschichtlichen und einen über ‚Sokrates‘. – Das Glück wollte, daß der ‚Sokrates‘ zuerst an die Reihe kam. Renée hatte sich’s nicht einmal so schön gedacht. Der alte Herr mit den sicheren, klugen Augen, in die ein sonderbares Flackern kam, während er sprach, der alte Herr mit dem edel geformten Mund sagte seine Dinge mit dem Ton leidenschaftlichen Begreifens. Er sprach von den letzten Stunden des Sokrates, von dieser ruhigen, lächelnden Gebärde, mit der Sokrates gestorben sei.

Er sprach wie von einem Freund, dem einzigen, geliebtesten Freund – und dann fing auch Renée an, den Sokrates zu lieben. Ob man nicht die Sprache lernen könnte; wenn es nur nicht so fürchterlich schwer wäre.

Renée hätte so sehr gerne mehr davon gewußt. –

Bei den anderen Vorträgen ging es nicht so zu. Man hörte zu – ja man behielt einige Dinge, um sie bald wieder zu vergessen oder durcheinander zu bringen, aber es war so ohne jede Besonderheit.

Der eine jonglierte herum auf seinem Katheder, war einmal oben und einmal unten mit seinem kleinen, gelben Gesicht, ein anderer bewegte sich in einer gezogenen und langsamen Weise, während er redete, und seine Sprechweise war ebenso gezogen und ölig: „Ich bedaure, Ihnen auch noch diese geistige Anstrengung zumuten zu müssen, meine Damen“ – so ungefähr redete er. Er verleidete einem die Materie, er begoß alles mit einer langweiligen Farblosigkeit, dann war es ebenso grau wie seine Lichtbilder.

Und die Anatomie-Vorträge. – „Nun passen Sie einmal auf, meine Damen,“ sagte der Dozent und führte pfiffig grinsend den Finger an die Lippen, – die Damen paßten auf – er zeigte ein Glas, in dem ein kleiner, brauner Fötus saß. – „Nun passen Sie einmal auf.“ –

Als die Kurse gegen das Ende gingen, sah Renée die völlige Zwecklosigkeit ein. Es war alles Mögliche durcheinander geredet worden, man hatte eine Weile das befriedigende Gefühl eines Nutzens herumgetragen. –

In Wahrheit war es völlig sinnlos – in Wahrheit blieb nur das, was der alte Herr gesagt hatte, weil er es aus einem übervollen Herzen heraus gesagt hatte – das von dem lächelnden Sokrates. –

„Ich finde es sehr sonderbar,“ sagte Papa, „daß sich weder Sarah nach Hannsbabo bei mir sehen lassen. Geh doch einmal hin, Renée, und erkundige dich.“ – „Vielleicht wollen sie ein wenig für sich sein, Papa.“ – Papa sagte: „Unsinn, geh nur hin.“

Um fünf ging Renée hin. Dann ritt Hannsbabo meist und Sarah war vielleicht auf Besorgungen in der Stadt. –

Der Diener sagte, die gnädige Frau wäre zu Hause. Mit einem sonderbar peinlichen Gefühl trat Renée ein, sie hatte ihre Schwägerin so lange nicht gesehen.

Sarah stand am Fenster ihres Zimmers und wandte sich langsam um, als Renée eintrat. –

„So lange bist du nicht gekommen, kleine Renée, fast ein Jahr.“ – „O – war es so lang!“ sagte Renée. „Es kommt, weil ich bei Elisabeth sein mußte und ...“

„Hat es sogar Gründe?“ sagte Sarah, „das ist mehr, als ich erwartete.“ – „Sei doch nicht bös zu mir, Sarah. Ich wollte bloß sehen, wie es euch geht.“ Sarah antwortete: „Mir geht es gut. Er ist in keinem guten Zustande.“ – „Warum oder inwiefern?“ – „Er hat unangenehme Dinge im Dienst. Er möchte fort oder sich versetzen lassen, und dann wieder möchte er es nicht, weil er nicht in die Provinz will.“ –

„Papa könnte doch zu Manteuffel gehen und es ihm besorgen,“ sagte Renée. „Ja eben; es wäre ganz leicht zu machen,“ antwortete Sarah. „Schließlich nimmt ihn Reischach auch gern als Brigadeadjutant – aber er will eben allerlei und niemals etwas Bestimmtes.“

„Was sind es denn für Unannehmlichkeiten?“ – Sarah ging hin und her – sie antwortete nicht – dann blieb sie vor Renée stehen. – „Er hat Stubenarrest gehabt wegen einer Affäre mit Prinz Johann.“ – „Das ist doch ganz egal, so was!“ – „Ihm ist es eben nicht egal,“ sagte Sarah. –

„Papa frug, ob ihr nicht einmal kommen würdet?“

Sarah lachte. „Rückt der Diplomat nun endlich damit heraus? – Ja nun. Er wird nicht wollen.“

„Warum denn nicht?“ frug Renée. – „Ach, so – er redet nicht gerne, und er sagt, Menschen ärgerten ihn nur und machten ihn nervös. –“

„Ja, aber Papa – –“ sagte Renée indigniert. Sarah zuckte die Achseln: „Er wird wohl warten müssen.“ –

„Aber, Sarah, könntest denn du ihn nicht veranlassen? Wenn du ihn nun bätest.“ – „O – ich bitte ihn nie, um nichts. Und nun – wechseln wir das Thema, kleine Renée.“ – „Aber so komm du doch wenigstens,“ wagte Renée noch einzuwenden. Sarah schüttelte energisch den Kopf. „Ich hasse es, ausgefragt zu werden,“ sagte sie.

Nebenan die kleine Uhr auf den Alabastersäulen schlug. Sarah sagte: „Tu mir den Gefallen und geh. Er wird in einer halben Stunde zurückkommen vom Tattersall, ich möchte nicht, daß er dich eben jetzt bei mir träfe.“ – Renée zögerte, wunderte sich. – „Geh bitte, sei nicht bös, es ängstigt mich.“ – Renée ging. Sie sah ganz von weitem schon Hannsbabos Dogcart und lief schnell um die Ecke.

Renée bekam eine Anzeige, daß ihre frühere Schule einen Lateinkurs eingerichtet habe. Sie meldete sich an.

Als Renée kam, waren sie schon mitten drin. Eine spitzige Lehrerin nahm daran teil, eine blasse, sehr blonde Person und ein Zwillingspaar, Renée war die fünfte. Die sehr Blonde sagte nach der ersten Stunde, sie müsse Renée schon irgendwo einmal gesehen haben. Ihr Name sei Margit Roeren. – Renée wußte nichts davon – sagte: „Vielleicht in der Tanzstunde oder auf irgend einem Ball.“ – „Ich habe niemals Bälle und dergleichen aufgesucht,“ antwortete Margit Roeren mit fühlbarer Ablehnung. –

Sie gingen eben am Ufer entlang, als sie sprachen, und Renée sah die andre einen Augenblick an, sah, daß sie Trauer trug. – Margit Roeren schien es zu bemerken. – „Ich habe seit fünf Jahren unablässig Trauer,“ sagte sie, „meine Brüder haben die Gewohnheit sich zu erschießen, einer nach dem andern. – Hingegen ich werde zuverlässig von dieser Gewohnheit abweichen.“ –

Renée kam ein unsympathisches und bedrückendes Gefühl, so ganz ohne Grund eingeweiht zu werden in diese Geschehnisse – sie schwieg und vermied es, die andere anzusehen. – Die frug gleichgültig: „Eigentlich warum nehmen Sie teil an diesem lächerlichen Lateinkurs?“ –

„Ich weiß es in Wahrheit nicht. Ich glaube aus Langeweile,“ meinte Renée. – Margit Roeren ereiferte sich: „Nicht wahr, ja gerade aus eben diesem Grunde tue ich es auch. Aber ich finde, es ist noch langweiliger als Langeweile.“ – „Man lernt so langsam,“ sagte Renée, „und man ärgert sich so an sich selbst. Diese verflixten Deponentia! Ich werde sie mein Leben lang als Passiva gebrauchen.“ – „Ach, es kommt noch ganz anders,“ sagte Margit Roeren, „wenn erst die Syntax losgeht.“ – „Sagen Sie, was ist das eigentlich genau genommen?“ Die andere lachte: „Genau genommen ist gut! Es ist so Satzlehre. Was für Casus die Wörter haben und ob mit Conjunctiv oder ohne – solches Zeugs eben.“

Nach einer Pause – nun waren sie schon an der roten Brücke angelangt – sagte Margit Roeren: „Ich habe eine Frage an Sie, übel nehmen tue ich eine Abweisung nicht. Wollen Sie mit mir verkehren?“

„Ich will es gern.“ Margit Roeren lächelte auf einmal in einer sehr scheuen Art, sie sagte: „Sie werden nachher doch nicht mehr mögen. Aber – es freut mich sehr.“ Sie gab Renée die Hand und lief quer über das Trottoir gerade noch vor einem Wagen hin. Renée sah sie in eins der Häuser gehen. –

In einer der nächsten Lateinstunden lud sie Renée ein. Renée hatte erst einen Kampf mit Papa. „Man geht nicht so ohne weiteres zu irgend welchen unbekannten Damen,“ sagte er. „Sieh wenigstens mal im Adreßbuch nach.“ – Margit war dort nicht aufzufinden, es gab auch keinen dazugehörigen Vater noch Mutter. – „Immer diese obskuren Bekanntschaften,“ brummte Papa. Aber dann ließ er Renée doch gehen.

Margit Roeren hatte ein weiches, seidnes Kleid an von der Farbe ihres Haares. Sie brachte Renée in eine Ecke des Zimmers, wo bereits mehrere Leute saßen, dann ging sie in die Mitte, und während nebenan die Musik einsetzte – Harfe und Flöte – begann sie zu tanzen. – Sie hatte einen schweren, goldenen Stab in der Hand, den sie mit wirbelnden Gesten um den Kopf schwang. Sie stieß den Stab auf den Boden und sprang mit einem katzenartigen Aufbäumen daran hoch – dann sank sie nieder mit einem leisen Aufschrei –

Renée hatte eine instinktive Bewegung gemacht, um zu helfen – ein Mann neben ihr legte mit warnendem Ernste die Hand auf ihren Arm. –

Margit sprang auf – in einem wilden Wirbel taumelte sie an die Wand – dann sah sie um sich mit rasenden Augen – der goldne Stab lag in der Mitte des Zimmers. –

Margit sprang vor, sie warf den Stab in die Luft und fing ihn wieder auf ihren ausgestreckten Armen – sie warf ihn von neuem – fing ihn auf – wieder – sie ließ sich niederfallen, sie fing ihn auf mit ihrem Körper – sie seufzte, als er aufschlug. –

Die Leute neben Renée standen auf. Der Herr winkte ihr und deutete nach nebenan. Dann schloß er die Türen. Kaum war das geschehen, so begann er aufgeregt auf Renée einzureden: „Ist es nicht wundervoll, ist es nicht offenbarend? Sie tanzt in Trance. Sie fühlt keinen Schmerz. Natürlich, Sie haben das bemerkt. Es ist ein ganz außerordentlicher Fall von Medialität – haben Sie das Hervortreten der Augen beobachtet und die vergrößerten Pupillen?“ – Dann verbeugte er sich: „Sie verzeihen, ich vergaß der Sitte nachzukommen. Ich heiße Tschernikoff, Dr. med., das heißt, jetzt widme ich mich lediglich dem Studium okkultistischer Phänomene. Dem übersinnlichen.“

Renée frug: „Tanzt Margit Roeren oft?“

„Gewiß, ja gewiß! Aber sie führt noch anderes aus. Zum Beispiel der Versuch der sogenannten Kraftprobe.“ –

„Was ist das?“ – Doktor Tschernikoff begann leidenschaftlich zu gestikulieren: „Also man stellt die Dynamik, – das will sagen die Kraftmöglichkeiten eines Menschen fest bei normaler psychischer Verfassung. So und so viel kann er heben, tragen und so weiter, mehr nicht. Dann versetzt man ihn in Hypnose. Nun zeigt sich die Differenz aufs eklatanteste. Wir können es heute machen.“ –

„Ach, lieber nicht“ sagte Renée erschreckt, „sie ist schon so ermüdet.“

Der Doktor lachte verächtlich. „Nein, keineswegs. Das tut ja auch gar nichts zur Sache. In Trance fühlt sie keine Müdigkeit, keine Anstrengung, keinen Schmerz. Sie werden sehn“ – der Doktor lief hinaus. –

Die anderen Leute redeten Russisch. Sie bedeuteten Renée, daß sie leider nur Russisch könnten, indem sie mit Gesten äußerster Hilflosigkeit sich auf die Lippen klappten und die Achseln zuckten.

Der Doktor riß die Tür auf und rief etwas Unverständliches. Er führte Margit an der Hand herein – in der Mitte des Zimmers lagen mehrere eiserne Gegenstände – altertümliche Waffen, es hingen eiserne Kugeln von verschiedener Größe daran. Margit hob eine, eine zweite, die dritte und vierte war zu schwer. Der Doktor versuchte sich daran und die anderen Russen. Sie schienen ziemliche Mühe zu haben – Renée bekam Lust. – Renée hob mit äußerster Anstrengung die dritte. „Dann ist diese selbstverständlich zu leicht, wenn eine Frau im normal psychischen Zustande sie heben kann,“ sagte Doktor Tschernikoff. „Wir werden also die vierte nehmen.“ – Renée versuchte die vierte. Sie brachte sie nicht vom Boden.

Der Doktor lächelte und nickte befriedigt vor sich hin. „Margit wird sie in der Trance heben,“ sagte er. Er führte Margit hinaus. Einer der Russen begann Flöte zu spielen. –

Dann kam Margit – sie ging mit steifen Schritten, deren Rhythmus sich dem des Flötenspiels sonderbar anschloß. – Renée war in großer Erregung. Sie wollte dazwischentreten und es verbieten – sie ging auf die Russen zu und sagte ihnen auf Französisch, sie müßten den Doktor zurückhalten. Es sei Wahnsinn, und Margit würde sich schaden, krank werden, sich ruinieren, wenn sie diese Kugeln hob. – Sie lächelten töricht, klappten sich auf die Lippen, zuckten die Achseln. –

Margit faßte das lange Ding an mit der großen, eisernen Kugel, sie brachte es nicht vom Boden. Der Doktor trat neben sie, er faßte sie bei den Schultern und sprach zu ihr mit einer leisen, monotonen Stimme – Margit versuchte es von neuem. Sie faßte es an – dann kam ein Beben in ihre Glieder, sie sagte: „Ich kann nicht.“ Der Doktor redete auf sie ein – sie warf die Hände vors Gesicht und weinte. – Die Türen wurden geschlossen.

Renée wollte warten, wollte Margit beruhigen, ihr irgendwie helfen. Sie blieb. Die Russen gingen, sie verbeugten sich ungeschickt an der Tür. –

Nach einer langen Zeit, es mochte eine Stunde sein, kam Margit. Sie trug wieder Schwarz und sah wieder blaß aus.

Sie kam langsam auf Renée zu, die aufgestanden war. – „Was haben Sie mir getan? Wenn Sie es doch nicht getan hätten.“ – „Was denn?“ Margit lehnte sich ans Fenster. Sie stützte die Arme auf das Brett. „Warum haben Sie das gesagt, ich sollte dies unmögliche Ding aufheben?“ – „Ich – ich wollte nur selbst versuchen, ich habe doch gar nichts gesagt! Ich wollte sehen, wieviel Kraft Sie hätten in der Trance.“

Margit lachte höhnisch: „Ich sage Ihnen, es ist Unsinn. Ich kann das andere heben mit der größten Anstrengung – dieses nicht, dieses ist viel zu schwer, nie kann ich das.“ –

„Aber Doktor Tschernikoff sagte doch, in der Hypnose ...“

Margit lachte – wie das Schreien von irgend einem Vogel klang es. –

„Ja – gewiß. Er meint das. Ich lasse ihn dabei. Aber es ist Unsinn.“ –

„Warum sagen Sie ihm das nicht einfach?“ – Margit stieß einen harten Laut aus, lachte: „Sagen? Dann ginge er fort! Dann – ginge er fort –.“ Ihre Worte klangen wie ein Wimmern. –

„Ich verstehe es alles nicht,“ sagte Renée. Margit trat vor sie hin; während sie sprach, stand sie ganz nah und schüttelte die Fäuste vor Renées Gesicht – immer dicht vor Renées Augen. –

„Er liebt mich nicht,“ schrie sie, „nicht mich. Nur das Mediale. Nur diesen Unsinn, das Hirngespinst, die Qual. Das liebt er. Und wenn ich es ihm nicht tue, geht er fort – geht fort.“ –

Sie trat zurück ans Fenster, sie sprach weiter, ihre Sprache wurde lauter, heller, schließlich gellend – schließlich schrie sie: „Er geht fort. Nur dies hielt ihn noch!“ ... Sie weinte. –

Renée streichelte ihr Haar, ihre Hände, in dem verzweifelten Bemühen zu trösten. „Sie müssen nicht weinen, Margit. Sehn Sie, das lassen Sie nun alles und trennen sich von diesem Menschen. Sehn Sie, Sie können, Sie dürfen diese Dinge nicht mehr tun. Es sind ja Wahnideen von ihm.“

„Nein,“ schrie Margit. „Ich kann nicht. Ich kann ihn nicht lassen.“ –

Renée wußte ihr nicht zu helfen. Es grauste ihr, und eigentlich fand sie alles maßlos und wahnsinnig – und eigentlich wäre sie am liebsten fortgelaufen, ohne sich auch nur umzusehen. –

„Ich merke, nun kommt Ihnen der Ekel vor der ganzen Bagage,“ sagte Margit Roeren.

Renée schämte sich ihres Gedankens und schämte sich, verstanden worden zu sein. – „Reden Sie doch nicht so,“ sagte sie. „Es ist nur, ich möchte helfen und weiß nicht wie, und ich meine, Sie sollten diese Dinge nicht weiter tun.“ –

Margit Roeren sah Renée mißtrauisch an. „Am Ende tun Sie besser, sich nicht mit diesen Dingen zu befassen, Fräulein von Catte,“ sagte sie. Renée überhörte das. Sie nahm Margits Hand. Sie sagte: „Sie müssen sich von diesem Menschen trennen, Sie dürfen diese furchtbare Komödie nicht weiter aufführen. Und dann – ich muß Ihnen sagen, ich glaube, dieser Russe ist verrückt, geisteskrank.“ –

Margit Roeren schüttelte den Kopf. „Sie Unschuld – o Sie Unschuld!“ Sie lachte, sie wollte gar nicht aufhören mit Lachen. – Es war ein so widerliches, ein so widerlich-überlegenes Lachen. – Renée ging eilig fort. –

Als sie auf der Straße war, fiel ihr allerlei ein:

Ein peinlich penetranter Geruch war in den Räumen gewesen von Parfüm und Räucherwerk wohl, und es war so eine exotische Einrichtung mit lauter Fellen und Waffen. –

Und wie diese Russen sich immer auf den Mund schlugen, wie blöde sie grinsten. –

Dann, als Renée nach Hause kam, hatte sie richtig ein schlechtes Gewissen gegen Papa. Papa hatte es doch gleich gesagt. Dann dachte sie: Das arme Ding! Muß ich ihr nicht helfen? Ist es nicht eines Menschen Pflicht? Und wiederum war sie nicht so ganz sicher in dieser Auffassung. –

Eines Abends kam Sarah. Renée war in ihrem Zimmer und las; manchmal sah sie über das Buch weg auf die Straße, wie die Straße glitzerte vom Regen. Im feuchten Asphalt spiegelten sich die Flammen der Laternen und die Bogenlichter vor den Läden. – Jemand öffnete leise und sagte ihren Namen. –

„Wie ist das schön, daß du ein wenig kommst, Sarah. Und wie geht es Hannsbabo?“ – „Es ist nichts Neues mit ihm.“ Sarah setzte sich auf die Bank hinter Renées Schreibsessel. – „Ich sehe ihn wenig. Und du – was tust du, Renée?“ –

Renée lachte: „Was eigentlich? Nichts. Ich sitze so da und habe ein Buch vor der Nase. Und nun freue ich mich, daß Sarah da ist.“

Sarah betrachtete das Buch. – „Geschichte,“ sagte sie. „Oh dear.“ Dabei zog sie ein ganz klein bißchen den rechten Mundwinkel herunter. „Ist das nun sehr langweilig?“ –

„Hast schon recht, Sarah. Außerdem behält man nichts. Man hat immer am Ende den Anfang vergessen.“ Sarah faßte das Buch an beiden Seiten und klappte es zu: „Bumms! Ich möchte mit dir was sprechen, kleine Renée. Sag mir, glaubst du, dein Vater ist böse auf deinen Bruder?“ –

„Ich weiß nicht.“ – „Und sage mir, weiß dein Vater von der Sache mit dem Prinzen?“ –

Renée wußte das nicht. Renée wollte sich gleich erkundigen, wenn Sarah wünschte. – Sarah begann hin und her zu wandern im Zimmer. Sie redete in kurzen Sätzen, indem sie die Worte langsam aussprach mit einer gewissen Bedenklichkeit. –

„Es ist dies geschehn,“ sagte sie. „Der Prinz hatte sich sehr mit Hannsbabo angefreundet. Ich weiß nicht, was sie so aneinander fesselte. Aber er kam fortwährend. Man wurde ihn gar nicht los. Hannsbabo brachte ihn mit vom Dienst, vom Reiten um sechs, und um Mitternacht saß er noch da. Und nun das Sonderbarste. Hannsbabo war bei aller Freundschaft in irgend einer Weise eifersüchtig auf ihn.“ –

Sarah hob ein wenig den Kopf beim Gehen, nur sehr wenig, und sah nach Renée. – „Er hatte keinerlei Grund,“ sagte sie. „Der Prinz also kam jeden Tag. Und dann war bis in die Nacht hinein ein großes Gelärm. – Dann paßte es mir nicht mehr. Ich ging um zehn zu Bett und sagte, ich wäre sehr müde. Der Mensch blieb. Er war noch nicht müde. Er saß mit Hannsbabo bis zwei. Sie tranken. Sie tranken ohne Ende. Dann verbot ich das. Hannsbabo versprach: ‚Morgen schick ich ihn um elf weg‘.

„Um Mitternacht gab es einen großen Lärm vor der Tür meines Zimmers. Und dann schimpften und rauften sie und forderten sich. – Dies ist widerwärtig. Es genügt, was ich erzählt habe. – – Ja, was ich wissen wollte, ist dies: In welcher Form ist die Sache an seinen Vater gelangt?“ –

„Ich glaube nicht, daß Papa davon weiß.“

„Ich wünsche, daß er es weiß,“ sagte Sarah.

„Aber Sarah, warum denn? Laß es doch. Nachher wird Papa nur böse gegen Hannsbabo und Hannsbabo wird böse – o, es ist so furchtbar, wenn die beiden aneinanderkommen.“ –

Sarah stand einen Augenblick still. –

Sie betrachtete Renée. Sie lächelte – fast nur mit den Lippen – dann warf sie den Kopf zurück mit dieser sonderbar schroffen Bewegung. –

„Ich konnte mir das denken, daß du viel zu sehr ihn lieb hast, um diese Sache irgendwie einzusehn,“ sagte sie. „Ich werde nicht mehr davon mit dir reden.“ Sarah ging hinaus.

„Sei doch nicht bös, Sarah, hör doch.“ – Renée lief ihr nach.

Sarah nickte ihr lächelnd zu. Sarah warf ihren großen braunen Pelz um. Kaum hörbar schloß sie die Tür. –

Was konnte nur geschehen sein? Renée wurde die ganze Zeit das drückende Gefühl eines Unrechts gegen ihren Bruder nicht los. Sie hätte ihn warnen müssen, falls Papa es doch erfuhr. Damit er vorbereitet war. Damit er nicht so erschrak. Nicht überrascht wurde. Und dann wieder – Sarah war zu ihr gekommen aus Vertrauen. Nun sollte sie vorgreifen – sollte das, was Sarah gesagt hatte, ausbeuten zu einer eignen ‚guten Tat‘. –

Papa schien doch irgend etwas zu wissen. Er studierte das Militärwochenblatt so genau. –

In den Lateinstunden saß Margit Roeren Renée gegenüber, ohne sie anzusehn. Und wenn Margit Roeren aufsah, so war es ein scheuer, trauriger Blick. Renée fühlte sich gequält, hilflos, weil sie nicht helfen konnte. –

Es war wie eine Befreiung, als sie mit Papa nach Groß-Gehren übersiedelte. Es war frei und gut, in dem großen Garten mit den graden Buchsbaumwegen umherzugehn. –

Nun sah sie wieder das dunkle, dunkle Wasser, und gegen den Juni begann das einförmige Quaken der Frösche an den warmen Abenden. Und alles dies machte ruhig, gab eine weiche Müdigkeit. – –

Im Sommer kam Elisabeth. Sie brachte das Baby mit. Bill wurde in das große, weiße Zimmer einquartiert, das Renée als Kind gehabt hatte. Elisabeth sorgte viel um ihn. Renée sah sie kaum in der ersten Zeit.

An einem Sonntag kam Viktor herüber. – Am Abend dieses Tages fand Renée Elisabeth sonderbar verstört und erregt. Elisabeth wartete nicht, bis Papa seine abendliche Zigarre geraucht hatte; schon als Papa vom Tisch aufstand, zog sie Renée in den Garten.

„Was Viktor erzählt hat,“ begann sie, „diese Skandalgeschichte von Sarah. Ich sage dir –“

Renée wußte erst gar nicht – „Skandal, was denn?“ Elisabeth hatte sie unter den Arm gefaßt. – „Denke dir, was angefangen hat sie mit Prinz Johann; Hannsbabo hat ihn gefordert.“ –

Renée fuhr auf. „Es ist unwahr,“ sagte sie, „das ist eine ganz gemeine Lüge.“ – Sie erzählte, was sie von Sarah wußte. Elisabeth unterbrach sie nicht. Elisabeth munterte sie auf durch Fragen – Zwischenreden. –

Zum Schluß sagte Elisabeth: „Recht gewandt hat sie sich herausgelogen.“ –

Renée war außer sich, rief Elisabeth irgend ein Schimpfwort nach und lief ins Haus. –

Sie wartete gar nicht auf Entgegnungen und Erklärungen. Sie schrieb an Hannsbabo. Als sie zur Post ging, daß der Brief noch mitkam, fiel es ihr irgendwie auf die Seele, daß sie vielleicht anders hätte schreiben sollen – ruhiger – vorsichtiger. –

Vor der Postagentur traf sie den Boten, der nahm ihren Brief mit. –

Elisabeth sagte, es sei empörend, welche ungehörige Ausdrucksweise Renée habe; natürlich könnte man nichts mit Renée ruhig besprechen. Dieses ewig auffahrende, heftige Wesen, das sie bereits in der Kindheit zur Schau getragen hätte. –

„Als Kind hattest du vierzehn Erzieherinnen, da auch niemand es mit dir aushielt,“ sagte Elisabeth. Sie murmelte dann etwas von Unreife.

Von Hannsbabo kam die Antwort:

„Du tust mir unrecht, wenn du glaubst, ich sei lässig, Sarahs Ehre, die die Meine ist, gegen jedermann hochzuhalten. Ich danke dir. Ich habe an Elisabeth geschrieben.“

Am Abend rief Papa Renée zu sich. „Es ist durchaus indiskret von dir,“ so sagte er, „daß du Elisabeths natürlich unter vier Augen geäußerte Dinge weitergegeben hast. – Du wirst nun sorgen müssen, daß wenigstens die Version, die ich jetzt, um die Spitze abzubrechen, der Sache gegeben habe, aufrecht erhalten bleibt, auch von dir aus,“ – Papa betonte das, – „nämlich daß Elisabeth es nicht von Viktor gehört hat, sondern von irgend einer alten Dame, deren sie sich nicht genau erinnert und daß –“

„Pfui, ist der Viktor ein feiger Kerl!“

„Rede doch nicht immer so unreifes Zeugs,“ donnerte Papa. „Glaubst du etwa, ich habe Lust, mir Sohn und Schwiegersohn aneinanderhetzen zu lassen von eurem albernen Weibergewäsch.“ –

Renée wurde wütend: „Ich kann nichts dafür, und daß ich indiskret wäre, laß ich mir auch nicht sagen und überhaupt gehört das für Elisabeth, dein Schelten.“ –

„Na ja, es ist sehr töricht von Elisabeth,“ sagte Papa einlenkend.

Renée antwortete nicht. Sie lief ärgerlich fort und ließ Papa allein. Draußen stolperte sie fast über Bill, der sich brüllend auf der Erde herum rollte. –

Sie mußte lachen auf einmal. – Da war der Cattesche Hartschädel auch schon in dem winzigen Kerl. –

„Na, ein Gutes haben solche Geburtstage doch,“ sagte Papa eines Morgens. „Die zerspaltenen Familienmitglieder sammeln sich.“ – Elisabeth horchte auf. –

„Also Hannsbabo und Sarah werden am achten hier eintreffen und eine Zeit seines Urlaubs hier verleben.“ –

Elisabeth beugte sich vor, aber da Papa bereits den Brief wieder zu sich steckte ... „Wer schreibt?“ frug sie. „Sarah schreibt,“ sagte Papa, „und Hannsbabo schließt sich mit Grüßen an.“ –

Nach dem Kaffee konnte Elisabeth es doch nicht aushalten. So herrlich und ersprießlich auch Bills Gesellschaft war, über Sarah und Hannsbabo konnte man nicht mit ihm reden, unmöglich. – Elisabeth mußte also mit Renée vorlieb nehmen. –

„Warum, glaubst du, kommen sie?“ frug Elisabeth. Renée sagte: „Ich ahne es nicht.“

„Ach, Renéechen, sei doch nicht immer so muffig.“ – Renée schwieg. „Ob Sarah wieder einen besseren Eindruck hervorrufen will in der Familie?“ – –

Renée holte sie von der Bahn. Wie sie so dastand und den Zug von weitem kommen sah, den winzigen, schwarzen Punkt neben der hellen Rauchflocke – wurde ihr ein wenig angst. Wie würde Papa ihn empfangen, und Elisabeth – wenn sie nun wieder ihre taktlose ‚Offenheit‘ hervorkehrte! – – Hannsbabo stieg aus. – Renée sah es gleich, wie blaß er war – nach ihm kam der Machnower Arnim – dann stieg Sarah aus. Herr von Arnim hatte ihr die Hand gereicht. Renée begrüßte sie, nahm Sarah den Schirm ab. – Hannsbabo ging voran. Während der Fahrt mußte Renée sich Mühe geben, ihn nicht immer anzusehen. Ein sonderbarer, kleiner Zug war um seinen Mund von Überdruß. –

Sarah frug nach Papa, nach Elisabeth, nach dem Baby. Sie sprach schnell und aufgeregt. Nicht einmal richtete sie das Wort an Hannsbabo. –

Nach dem Abendbrot saß man auf der Veranda draußen. Papa rauchte, neben ihm saß Sarah. Hannsbabo ging hin und her auf dem Platz am Wasser, und manchmal blieb er stehn – vielleicht hörte er zu, was sie sprachen. –

Auch Elisabeth war da. Sie saß Sarah gegenüber mit irgend einer Näharbeit für Bill. Alle schwiegen. Papa sah ab und an zu Hannsbabo hinüber, nur so mit den Augen, ohne eigentlich den Kopf zu bewegen. Er sah müde aus, und Renée fand, man merkte auf einmal etwas von seinem Alter. Plötzlich hörte Renée Sarah sprechen – sie wandte sich um. –

Sarah hielt den Oberkörper ein wenig vorgebeugt und stützte die Hände auf die Platte ihres Stuhles. Sie hielt die Lider der Augen halb geschlossen und sprach. –

„Du hast, Elisabeth,“ sagte sie, „es für richtig befunden, einen unverschämten Klatsch, welchen irgend einer deiner Freundschaft dir hinterbracht haben mag, über mich zu verbreiten. Ich mache dich aufmerksam, daß ich derlei nicht zulassen kann,“ – sie machte eine Pause. – Elisabeth hielt ihr Nähzeug in der Hand und betrachtete mit starrem Entsetzen Sarah. –

Papa – ein ganz bißchen lächelte er – hielt seine Zigarre steif vor dem geöffneten Munde und betrachtete erstaunt Sarah. Sarahs Gesicht blieb unbewegt. Kaum daß sich unter den Lidern ein wenig die Augen hoben. –

„Ich erwarte,“ fuhr Sarah fort, „daß du mir den Brief zeigst, den du zur Regelung der Sache an den Urheber augenblicks schreiben mußt, ich werde dann den Brief abschicken. Ich denke, nach dem wirst du dich bei mir entschuldigen. – Dann würde ich die Sache für erledigt erachten.“ –

Renée sah genau Sarahs Gesicht. Eben jetzt kam das heimliche Lächeln, das Sarah manchmal hatte, das nur von den Lippen herrührte. – Sarah sagte: „Andernfalls wird dein Bruder die Angelegenheit mit dir und deinem Manne zu erörtern haben.“

Hier mischte sich Papa hinein. Er beugte sich vor, klopfte mit einer besonders ruhigen Art die Asche von seiner Zigarre und sagte: „Oho, Sarah. Nur nicht gleich so tragisch. Müssen denn immer die Männer wegen solcher Lappalien auf die Beine gebracht werden?“ – Sarah wandte sich herum – eigentlich fuhr sie herum – und sah Papa ins Gesicht.

„Das ist nicht ‚Lappalien‘,“ sagte sie. „Das ist die Hauptsache.“ Sie erhob sich, sie sagte: „Ich überlasse das Weitere deinem Sohne.“ Dann ging sie zur Tür. – Renée sprang auf, im selben Augenblick erhob sich Papa. – „Aber Sarah, bleib mal hier, nicht wahr, und laß uns die Sache ruhig besprechen – schließlich –“

„Ich werde hierbleiben,“ antwortete Sarah. „Aber ich muß an dem festhalten, was ich bereits sagte. Wenn es dir recht ist,“ – Sarah sah mit einem außerordentlich zuvorkommenden Lächeln zu Papa hinüber – „wenn es dir recht ist, so gehe ich ein wenig mit Renée in den Garten so lange. Würdest du mir meine Jacke geben, Renée?“ –

Als Renée mit der Jacke zurückkam, fand sie Sarah und Hannsbabo am Wasser. Sie standen nebeneinander. Es schien, sie sprachen nicht. – Sarah schob ein wenig ihren Arm unter Renées Arm beim Gehen.

Sie waren schon eine ganze Weile gegangen, dann frug Sarah: „Warum sagst du nichts?“ –

„Dieses Ganze bedrückt mich so,“ antwortete Renée. „Ich weiß nicht eigentlich den Grund.“ – „Was ist es? Meine Angelegenheit mit Elisabeth? Aber –“ „Nicht eben das, Sarah. Aber sage mir, wie kommt es, daß diese Sache überhaupt geredet worden ist?“ – Sarah machte ein hochmütiges Gesicht. „Weil sich dein Bruder außerordentlich taktlos verhalten hat,“ sagte sie.

Renée dachte daran, wie sie Hannsbabo heute wiedergesehen hatte, mit diesem Überdruß im Gesicht. –

„Oh. Sarah. Wie ungerecht du bist. Er leidet nicht weniger, weiß Gott, als du.“ – „Ich leide nicht darunter,“ antwortete Sarah. – Renée sah sie an, erstaunt, sah Sarahs ruhiges, gleichmütiges Gesicht. „Mir ist es völlig einerlei,“ sagte Sarah. „Nur – es paßt mir nicht, das Odium irgend einer Handlung auf mich zu nehmen, die ich weder getan habe, noch die zu tun mir irgend eine Annehmlichkeit bedeuten könnte.“ –

„Es paßt dir nicht? Aber du begreifst gar nicht, Sarah. Es ist Hannsbabo, der leidet – und nicht du. Ein Mensch will doch niemals denjenigen, den er liebt, leiden machen. Ich glaube, hassen müßte man alle, die ihn leiden machen. – Oh, und selbst einer zu sein von denen, die ihn quälen – entsetzlich ist das –“

Sarah wandte sich um. – „Kleine Renée,“ sagte sie, „du phantasierst!“ –

„Sag mir doch, Sarah, fühlst du das nicht?“ – „Es gibt viel mehr Versionen der sogenannten Liebe, als du es ahnst,“ antwortete Sarah. – „Aber wenn man doch sieht, daß der andre Mensch leidet – leidet. Wenn man sieht, daß jede Freude, jedes Glück, jedes Lächeln von ihm genommen wird – und bleibt nichts als Bitterkeit.“ –

Sarah und Renée gingen weiter; sie schwiegen beide; auf einmal blieb Sarah stehn, faßte Renée den Armen. – „Meinst du mich?“ sagte sie mit einem bösen, schroffen Ton. „Dich? – ich weiß nicht – ich meine niemand.“

Sarah wandte sich zum Gehen. – „Solltest du mich meinen,“ sagte sie, „so irrst du dich einigermaßen. Du wirst das wohl selber bald einsehn.“ –

Sie gingen zum Haus zurück. –

Als Renée nach einer Stunde etwa zur Veranda kam, war niemand mehr da. Sie fand Papa in seinem Zimmer.

„Es ist eine verteufelte kleine Person, diese Sarah,“ sagte er, „Donnerwetter, die ist dazwischen gefahren! – Und den Jungen hat sie an der Strippe.“ –

„Was ist denn noch gewesen,“ sagte Renée. „Na, sie hat ja nicht so ganz unrecht,“ sagte Papa. „Elisabeth wird fernerhin ihren Mund etwas hüten müssen. Der Viktor ist eben ein bißchen schlapper Kerl. Na – hat Sarah dir sonst noch was anvertraut?“ –

„Nein,“ sagte Renée, „gute Nacht, Papa.“ Sie küßte Papas Stirn. „Gute Nacht, mein Kind.“ –

Elisabeth war von sanfter Güte von nun an gegen die Schwägerin. Es zeigte sich schon am andern Morgen, es zeigte sich vornehmlich darin, daß sie Partei ergriff gegen Hannsbabo. –

Elisabeth und Renée saßen am Kaffeetisch. – Hannsbabo kam. Er sagte kein Wort. Er setzte sich schweigend. – Elisabeth markierte ein verzeihendes Lächeln. – „Kommt Sarah auch schon?“ frug sie. – „Ich weiß nicht“ – „Nun, du hättest doch wirklich einmal nach ihr sehen können, ehe du heruntergingst, ich finde –“

„Laß das alberne Geschwätz,“ sagte Hannsbabo. – Er sah nicht um sich. Er nahm vom Brotteller, was er gerade zu fassen bekam, und fing an es zu essen. – Renée reichte ihm die Butter, er nahm es nicht an, er sagte: „Laß mich in Ruh!“ –

Dann kam Sarah. Elisabeth lief ihr aufgeregt entgegen – dann ging sie hinaus. Man hörte sie Toast bestellen für die gnädige Frau, daß sie ja recht heiß hereinkämen.

Hannsbabo sah gar nicht auf. – Sarah trat an den Tisch, einen Augenblick blieb sie stehn, sah ihn an. Hannsbabo wandte ihr langsam die Augen zu – bewegte nur die Augen. –

Renée fühlte eine atemlose Angst plötzlich – was würde geschehn. Sie murmelte irgend etwas von Schokolade, die Johann wieder vergäße, und lief hinaus. –

Später sah sie Hannsbabo auf dem Balkon sitzen, da wo man ganz weit hinsehen kann über die Fläche des Wassers. Er saß still gegen den hellen Himmel. –

Eine Weile betrachtete ihn Renée. Sie war gar nicht weit, aber er sah sie nicht. Er nahm den Blick nicht weg vom Wasser. Gerade in den Horizont sah er hinein, da wo Wasser und Himmel in einem sanften Grau zusammenkamen. –

Was dachte er wohl? Dachte er an früher? Dachte er jetzt an seine Kindheit – wie Renée es eben tat – seine Kindheit, die mußte viel schöner gewesen sein, als damals, wo Renée klein war.

Für Hannsbabo gab es noch die Mama, die sie die ‚schöne Frau von Catte‘ nannten, die blond war und die so schöne Märchen erzählte. Wenn Renée nachdachte – wie wenig eigentlich wußte sie von der Mama. Glücklich war sie nicht gewesen und so früh gestorben. – – –

Renée dachte: Glückliche Menschen sterben spät, aber wenn Menschen sehr traurig sind, die denken so sehr an den Tod, bis er da ist. Ob solche Menschen lächeln, wenn sie sterben? Ob das möglich war, das Ende aller Dinge anzunehmen mit Lächeln? –

Renée ging durch den Garten. Von dem großen Strauch an der Gartentür nahm sie ein paar Rosen mit. Still war der Kirchhof unter der mittaglichen Glut. Über den ältesten Gräbern standen schöne Steinkreuze, vom Regen gedunkelt, und manchmal waren Feuerlilien darauf gepflanzt – dicht standen sie an so einem verdunkelten Kreuz. Aus einem steilen Hügel ohne Stein stieg ein Lebensbaum auf, tief und schwarz.

Hinter der Kirche lagen die Gräber der Cattes. Eine Weide stand darüber und hing ihre Zweige tief hinunter, breitete ihre silbernen Zweige aus über dem Efeu der Gräber. Renée nahm einen dürren Kranz fort und legte ihre Rosen hin, wo geschrieben stand: ‚Ursula Elisabeth Renée von Catte‘. –

Sie legte die Rosen auf ihren eignen Namen da auf dem Stein. – Hier war nur wenig Raum. Renée dachte: Man muß dann das Gitter größer machen, wenn wir da liegen sollen, dann wird mehr Platz unter dem Flieder – das schöne, feine Gitter mit den gekreuzten Pfeilen. –

Was bedeutete das denn – vielleicht Schmerzen, wenn einer jung sterben mußte. –

Ach, nicht doch. –

Hannsbabo ließ sich selten sehn. Er kam nur zu den Mahlzeiten. Dann sprach er kein Wort, löffelte hastig das Essen hinein, sagte nichts, ging wieder. Eine bedenkliche Stimmung entstand zwischen ihm und Papa. Papa sagte: „Hannsbabo, willst du deiner Frau einschenken?“ – Hannsbabo fuhr hoch mit dem Kopf. Dann aß er weiter. Papa stieg der Zorn ins Gesicht, eine richtige, ehrliche Entrüstung. Renée sah es. – „Hannsbabo,“ donnerte er. Der rührte sich nicht. Da rührte Sarah seine Hand an, sie sagte seinen Namen, leise mit einer haarscharfen Stimme – er hob die Augen. Dann gab er Sarah, was sie verlangt hatte, reichte ihr umständlich alles an, legte ihr auf den Teller, wenn der Diener anbot; aber Renée bemerkte, daß Sarah nicht aß, was er ihr gab. –

Man hörte so viel Papa und Hannsbabo miteinander streiten. Man hörte Lärm aus Papas Zimmer und das Herumstoßen von Möbeln. Sie schrieen beide so laut, daß man die Stimmen nicht mehr entwirren konnte – es wurde wie ein Brausen in den Ohren. Bei Tisch saß Papa stumm da, und Hannsbabo saß stumm; es wurde immer unerträglicher. Zu Sarah war Papa zuvorkommend und höflich. –

Elisabeth war mit Bill fortgefahren. Das Fehlen des Kindes machte sich in unvorhergesehener Weise bemerkbar. Das Baby war ausfüllend gewesen für Verlegenheitspausen. Auch hatte es Papa manchmal erheitert.

Es verstand sich so prächtig mit Papa.

Nun wurde Papas Aussehn noch böser, und – was das schlimmste war – manchmal sah er traurig aus. Dann wußte man gar nicht, was tun.

Renée versuchte mit ihrem Bruder zu sprechen. Aber man konnte ihn niemals finden, und wenn man ihn gefunden hatte, dann wies er jede Anrede schroff ab: „Laß mich in Ruh.“ Oder manchmal – ganz selten war das – dann sagte er auch:

„Wenn ihr mich doch nicht so quälen wolltet.“ –

Renée aber begriff nicht und kam ihm nicht nah, mit allem besten Wollen nicht. –

Sie ging zu Sarah. Sie sagte: „Was hat Hannsbabo? Bitte sag es mir, bitte. Denke nicht, ich will mich hineinmischen, Sarah. Ich frage ja aus Angst. Was hat er? Ist etwas geschehn zwischen euch?“

„Ich weiß nicht. Ich sollte nicht mit dir sprechen,“ sagte Sarah. „Denn du wirst doch stets nur mich mit der Schuld belasten.“ – „Nein, Sarah. Nein. Ich rede gar nicht von Schuld. Ich will ja nur, daß man ihm hilft. Daß du es tust!“ – Sarah schwieg, sah wieder auf ihre Hände, während sie hastig die blitzenden Ringe an ihren Fingern hin und her wandte – sie wandte sie so, daß das Licht hineinfiel.

„Willst du gar nicht davon sprechen, Sarah?“

„Nein,“ antwortete Sarah, „gar nicht.“ –

Wenn nur nicht zu allem noch diese Stürme gekommen wären in den Nächten. Sie klapperten an den Läden und sausten lärmend durch die Tannen vor Renées Fenstern. Und wie sie an den großen steifen Pappeln tobten und sie herunterzerren wollten.

Als Renée klein war, riß der Sturm einmal in der Nacht vier von den Pappeln nieder, nun gab es nur noch zwei, die waren lange nicht so hoch wie die andern.

Die andern hatte man sehn können von der Bahn aus, die standen hoch über dem großen Wald, der dazwischen war. Knack tat es draußen – schztt – ein dumpfes Brummen und Knattern folgte: ob der Sturm in die Pappeln gefahren war? – Renée sprang auf und lief zum Fenster.

Aber die Pappeln standen noch.

Woher nur diese sonderbare Angst kam? Von der Nacht nahm Renée sie mit hinüber in den Tag – und immer gingen die Stürme. –

Endlich kam ein ruhiger Abend.

Die Sterne waren wieder am Himmel und der große Mond. Kein noch so leiser Windstoß ging draußen, vielmehr standen die Bäume grade und dunkel gegen diesen besternten Himmel. – Draußen war es sehr still.

Renée lag im Bett und hatte ein Fenster offen, so daß sie gerade ein Stück Sternhimmel sehen konnte. Manchmal schwebten von dem Ahorn vor ihrem Fenster ein paar gelbe Blätter nieder – die sah sie, denn der Mond war hell. Nun kamen wohl schöne, klare Herbsttage. –

War da nicht ein Schritt – Renée horchte – ihr Herz klopfte. – „Ich bin noch wach,“ sagte sie. – Hannsbabo öffnete die Tür, er kam sehr leise, kam ohne Licht; jetzt stand seine Gestalt vor dem besternten Himmel.

„Kleiner Bub,“ sagte er, „bist du wach?“ –

Renée streckte ihm die Hand entgegen. Er kam und stand an ihrem Bett.

„Liegst du mit offenen Augen und siehst in die Sterne, kleiner Bub, ist das schön?“ – Renée streichelte seine Hand. – „Es ist gut, Hannsbabo, daß du einmal kommst. Ganz scheu und fremd hast du mich gemacht.“

Es schien, daß er lächelte. – „Fremd sagst du? Und ich glaubte, du wärest am wenigsten fremd von allen Menschen.“ – Er setzte sich auf den Bettrand. „Nimm dir einen Stuhl herüber, Hannsbabo, dann sitzt du bei mir, willst du?“ Er schüttelte den Kopf. „Wie es ist, gerade so ist es gut. Ich bleibe auf deinem Bett sitzen, bis du schlafen willst.“ –

Renée hielt seine Hand, während sie sprachen. – Sie sagte: „Bist du mir denn noch gut, Hannsbabo? Du siehst immer so grimmig aus, und dann traut man sich gar nicht an dich heran, siehst du. – Manchmal denke ich, früher, wo ich ein Kleines war, hast du viel besser mit mir sprechen mögen.“

Jetzt lachte er: „Besser nicht, aber weißt du, du warst ein kluges ‚Kleines‘. Damals, wie ich dir das Bild zeigte, weißt du noch – das war eine sonderbare, kleine Person. Was nun wohl aus ihr geworden ist? Sie lief am liebsten immer in Bubenkleidern.“

„Mochtest du denn die Bubenkleider?“

Er sagte: „Schon. Einmal hab ich ihr einen ‚Jünglingsanzug‘ gekauft, und hab sie mitgenommen auf die Straße – da war sie stolz. Und niedlich hat sie ausgesehn!“ – Er schwieg, dann legte er den Kopf in die Hände. – „Wie ich daherrede – wie das sonderbar ist, daß mir jetzt, eben jetzt die Leichtigkeit jener Dinge wiederkommt.“ – „Ein wenig mehr von deiner alten Leichtigkeit solltest du wohl haben, Hannsbabo,“ sagte Renée.

„Manchmal denke ich mir dein künftiges Leben aus, kleiner Bub,“ sagte Hannsbabo. „Ich denke, ob du heiraten wirst, oder bei Papa bleiben, oder hinausgehn mit irgend einem unbekannten Ziel – so wie ich ...“

Renée lachte: „Heiraten – höre, das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist für mich etwas ganz Leeres, ein gläserner Begriff, ein Wort.“

„Wieso kannst du dir’s nicht vorstellen?“

Renée sagte: „Das siehst du nicht ein. Zum Beispiel so: kannst du dir vorstellen, Maschaschu, die Frau eines Negerhäuptlings, zu sein?“ – –

„Herrgott nein. Wer ist denn das?“

„Sie trat voriges Jahr bei Busch auf,“ sagte Renée. Er lachte: „Wenn ich nur begriffe, wieso dieser dein Vergleich ein Vergleich ist?“ –

„Ebensowenig wie du dich hineindenken kannst, ebensowenig kann ich mich eben in das andere hineindenken.“

„Also,“ sagte Hannsbabo, „das Heiraten fällt weg. – Oh mein kleiner, armer Bub. Sicher wirst du eines Tages mit tollpatschiger Begeisterung in irgend eine Leere hineinstürzen. Ich fürchte, das wirst du tun – und dann nicht mit heiler Haut davon kommen.“

„So böse Dinge glaubst du für mich?“

„Ich wünsche sie nicht,“ sagte Hannsbabo. „Ich ahne sie nur. Nein, ich – ich wünsche dir etwas anderes, etwas auserlesen Schönes: – Werde heimisch auf der Erde!“ –

„Lieber Hannsbabo ...“

„Weißt du denn schon, was ich meine, mein kleiner Bub Renée. Papa ist heimisch und Elisabeth und Viktor – die alle sehr sogar – freilich. Aber das meine ich nicht. Werde es in einem Menschen. Denke an mich! – Siehst du, ich bin es nie gewesen, aber es muß wundervoll sein.“ –

Hannsbabo stützte den Arm auf Renées Bett und lehnte sich ein wenig vor. Renée sah gerade in sein Gesicht, das war erhellt vom Monde.

Hannsbabo sagte: „Das muß schön sein, wenn man einen Menschen hat, der ist wie die Heimat, die einen immer aufnimmt, einer, der alles aufnimmt, das Gute und das Böse und Glück und Leid und Sünde.“

„Sünde, Hannsbabo?“

Er fuhr auf und lachte: „Oh ja. Alles. Auch die Sünde.“ –

„Glaubst du, das kann es geben?“

Hannsbabo zog seine Hand aus Renées Hand und richtete sich gerade auf. Ganz hell war nun sein Gesicht. – Renée konnte sehn, wie er lächelte, und um seinen Mund war ein sanfter, schöner Zug – und ganz wenig nur bewegten sich nun, als er sprach, seine lächelnden Lippen.

„Wer nicht die Sünde aufnimmt, der ist kein Heiland, kleiner Bub Renée.“ –

„Ein Heiland, sagst du“ – frug Renée.

„Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht, Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht ...“

„Das ist das Lied aus unserem Märchenbuch,“ sagte Renée.

„Ja – das ist es!“ –

Hannsbabo stand auf. Er beugte sich nieder zu Renée und küßte ihr Gesicht. –

Dann ging er. –

Renée wachte auf. Es war schon spät und es war kühl. Weiße, kalte Sonne kam herein durch das geöffnete Fenster. – Auf dem Rasen war Reif. Eine dünne, weiße Decke von Reif. –

Renée konnte nur schwer ihre Gedanken zusammenholen. Was war doch gewesen?

Sie eilte sich fertig zu werden, weil es schon spät war, griff nach ihren Sachen, hatte dabei fortwährend zu denken: wie war es gewesen?

Sie ging eilig hinunter, Papa liebte es gar nicht, wenn man spät kam zum Kaffee. –

Als sie herunter kam, lief eben die Köchin vorüber, sie warf polternd die Flurtür zu, aus dem Flur hörte man ein Pusten und Schnaufen – alle Türen standen offen. –

Renée erschrak; sie fühlte, wie zögernd ihre Füße gingen. –

Aus Papas Zimmer kam ihr Sarah entgegen. – Sie nahm Renée bei der Hand, oh wie kalt waren Sarahs Hände. –

„Ich glaube, ich soll es dir sagen, Renée,“ sagte Sarah. „Er ist nicht mehr da, er ist nicht mehr am Leben.“ –

Renée fühlte nichts, nur eine schmerzhafte Schwäche ging von ihrem Herzen aus, dann wankte sie – sie hörte jemanden leise schreien. –

Später, viel später fühlte sie etwas Weiches auf ihrem Herzen und schlug die Augen auf – und sah in Sarahs Augen – und auf ihrem Herzen lag Sarahs Hand.

Renée hob die Arme und stieß sie fort.

Dann stand sie auf. Mit allem Willen trieb sie das Wanken und die Schwäche aus ihren Gliedern und ging an Sarah vorbei. – Sie kam die Treppe herunter, ihre Füße stiegen steif und gerade – sie kam in Papas Zimmer. –

Dort saß jemand, der stand auf, öffnete ihr ein paar Türen, dann sprach er halblaut in ein Zimmer hinein – aber in diesem Zimmer lag Hannsbabo – mit einem Mantel war er zugedeckt. –

Renée sah sein weißes, weißes Gesicht. –

Sie merkte, daß Papa neben ihr stillstand, weil sie stillstand, und wo Hannsbabo lag, das war noch so weit. –

Dann führte Papa sie nahe zu ihm heran. – Da sah Renée, daß sein Gesicht von Schmerz erfüllt war, und um seinen Mund lag jener kleine Zug von Überdruß.

„Er ist früh um fünf mit dem Förster ausgegangen. Der hat ihm einen Bock zeigen sollen, der am Birkmoor steht, dann hat er den Förster weggeschickt an einen anderen Stand. Nach einer Weile hörte der Förster seinen Schuß, dann ist er hin, um behilflich zu sein – da lag der Junge ein paar Schritt weiter –“

Papa sagte noch etwas, aber Renée verstand nicht, weil er so leise sprach.

Dann ging ein wildes Schütteln durch seinen Körper – er ließ Renées Hand los und wandte sich ab – weinte Papa. – –

Renée wollte zu ihm. Er wies sie fort. –

Draußen fand sie den Arzt.

„Es ist wohl besser, Sie lassen Ihren Vater eine Zeitlang allein,“ sagte er. „Und – es handelt sich hier um einen Jagdunfall, wie ich höre, ja nicht wahr, Sie verstehen mich?“ –

Renée nickte. – „Ich fahre nun nach der Stadt, um das Weitere zu erledigen. Ihr Herr Schwager ist telephonisch benachrichtigt. Er hat die Anzeigen und so weiter übernommen. Er wird übrigens gleich eintreffen. Ja. Darf ich Sie um eins bitten – wollen Sie etwas acht haben auf Ihre Frau Schwägerin.“ –

„Ich? ja nachher,“ sagte Renée. Der Arzt sah sie eindringlich an. – „Nein, bitte gleich,“ sagte er. Dann zog er etwas heraus. – „Hier ist ein Brief Ihres Bruders für Sie, gnädiges Fräulein, ich fand es in seiner Tasche.“ – –

Renée hielt den Brief in der Hand; es stand ihr Name darauf in einer schönen, klaren Schrift.

– – ‚Nun weißt du schon, kleiner Bub Renée, warum dein ‚großer Bruder‘ gestern bei dir war, nun hat er dir das Herz ein wenig schwer gemacht, nicht wahr? Wenn du nur nicht gar zu sehr erschrocken bist. Aber vielleicht hat irgend jemand es dir langsam und gut gesagt. –

Du sollst mir eine Liebe tun, kleiner Bub – denn ich lasse einen auf der Erde zurück, um den mich das Sterben reuen könnte. – Ich weiß, wenn ein Unglück geschieht, suchen die Menschen einen, der die Schuld trägt. Aber du darfst ihr keine Schuld geben. Weil du mich lieb hast, mußt du sie lieb haben, denn ich hasse ihre Feinde. –

Alles Gute von dir in all den Jahren wäre mir nichts mehr wert, wenn du ihr ein Böses tust.

Sei bei ihr, damit sie nicht so allein ist. – Nimm alles von ihr, was sie beschweren könnte. –

Sage ihr, daß mir das Sterben schwer war, weil es ein Fortgehn ist von ihr.‘ – – –

So hatte Hannsbabo geschrieben, und so mußte Renée tun, genau so, denn sie hatte ihn ja lieb. –

Jemand klopfte an Renées Tür. Es war Sarah. Sie sagte: „Ich möchte, daß du deinen Vater veranlassest, mir die Tür zu öffnen, er hat das Zimmer zugeschlossen.“

Renée stand auf. „Ich gehe sofort,“ sagte sie. „Leg dich hier aufs Sofa, willst du? Dann hole ich dich.“

Papa saß bei seinem Schreibtisch. „Papa, gib mir den Schlüssel für Sarah.“

„Ich wünsche nicht, daß jemand jetzt hineingeht.“

„Aber Sarah!“ – „Es kann ja nachher geschehn.“

„Papa, sie hat das erste Recht, denn Hannsbabo liebte sie am meisten.“ –

Renée legte Hannsbabos Brief vor Papa auf den Tisch, und er las.

„Nimm also den Schlüssel,“ sagte Papa dann.

Renée ging zu Sarah. Sarah nahm den Schlüssel, sie sagte: „Ich danke dir. Ich gehe allein. Willst du so gut sein, mich zu avertieren, wenn deine Schwester kommt. Ich möchte mit niemandem zusammentreffen.“ –

Am Abend dieses Tages ging Renée zu Sarah, saß bei ihr die ganze Nacht. Denn Sarah weinte. –

– – – Die Glocken läuteten schon den ganzen Tag, die brummende Glocke und die mit dem hellen Geklingel – läuteten, läuteten. Auf dem Hof standen die Leute vom Kriegerverein und warteten.

Der große Saal, in dem Hannsbabo lag, war schwarz von allem Flor, und dieser schwere Geruch war darin von Lichtern und Blumen.

Der Sarg war weiß, der Helm lag darauf und der Pallasch – darin war Hannsbabo. Renée sah diesen weißen Sarg an, die ganze Zeit, während der Pastor sprach, und dachte – darin ist Hannsbabo. – Der Pastor sagte: „In der Blüte seiner Jahre“ – er sagte: „Der Stolz und die Hoffnung seines alten Vaters.“ – Der Pastor sagte: „Von den Seinen innig geliebt und heiß beweint.“ –

Neben dem Sarg stand Schoenburg mit dem Kranz des Regiments.

War das nun Hannsbabos Sarg – und trug man ihn gleich fort in die Erde – – in die Erde –

In die Stille hinein fuhren die Glocken. –

Sarah stand unter ihrem großen schwarzen Schleier, einen Strauß roter Rosen hielt sie in der Hand, und diese roten Rosen legte sie auf den Sarg – neben seinen Helm. –

Dann trugen sie ihn fort.

Als sie mit diesem Sarg durch die Haustür gingen, war es das letzte Mal, dann würde Hannsbabo nie wiederkommen. –

Die Glocken – die Glocken – sie wollten nicht Ruhe geben. –

– – Am andern Tage sagte Sarah: „Ich reise heute fort.“ Renée wollte es nicht, noch nicht gleich.

Sarah sah sie an. – „Glaubst du, daß es erträglich ist, wie ein Mörder behandelt zu werden?“

„Sarah, warum redest du so? Wer –“

Sarah lachte. „Ach, wer? Alle, die dieser Familie angehören. – – Diese Elisabeth – wenn ich denke, wie wenig, wie sehr wenig dein Bruder sie leiden konnte. Es ist absurd. Ich will fort.“

Renée sagte: „Ja, wenn du nicht hier sein magst, dann ist es recht und gut, daß du reisest.“

„Nein, ich mag durchaus nicht hier sein. Es ist widerlich hier zu sein.“

„Aber vorher doch nicht,“ sagte Renée. Sarah antwortete: „Immer! Ich bin mit ihm hergekommen, weil er es so wünschte. Er wollte es von mir. Sprechen wir nicht weiter davon.“

„Nein,“ sagte Renée „Aber von etwas anderem möchte ich sprechen – darf ich? – Er hat einen Brief für mich geschrieben und –“

Sarah wandte ihre Augen Renée zu – sie sagte: „Wo ist der Brief? Ich will es lesen.“ – Renée erschrak: „Oh nein – nein.“

„Ich will. Wo ist es?“ – „Nicht. Sarah, bitte nicht“ Sarah warf den Kopf zurück, diese kleine, hochmütige Bewegung. Sie sagte: „Wenn du es mich nicht lesen läßt, Renée, so rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Dann wandte sie sich um und wollte gehn.

„Sarah!“ – Renée kam ihr nach.

„Steht denn wirklich kein gutes Wort für mich darin,“ sagte Sarah. – „Oh Sarah, er liebte dich sehr.“ – Sarah wollte fortgehn. Aber Renée nahm sie bei der Hand und holte sie zurück.

„Darf ich mit dir sprechen, Sarah? In seinem Brief steht davon, daß er glaubt, du würdest mir erlauben, bei dir zu sein und mit dir zunächst, weil – damit du nicht allein bist und damit du Gesellschaft hast. – Natürlich wenn du lieber jemand andern bei dir haben wolltest – ich weiß ja nicht.“ – Sarah schwieg. Renée fuhr fort: „Und wenn du dann lieber mit jemand anderem sein willst, dann brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Brauche ich es nur zu sagen! ... Und wenn du nun lieber mit jemand anderem sein möchtest!“ sagte Sarah. – „O, ich“ – Renée hatte gar nicht daran gedacht: „Ich will schon nicht.“

Sarah lächelte nur wenig: „Renée, Renée, also versuchen wir’s.“ Das sagte Sarah, dann küßte sie Renée auf die Stirn – das spürte man kaum – nickte ihr zu und ging.

Renée dachte nach, was wohl zu tun sei und wie sie es am besten anfinge – und sie mußte nun doch erst Papas Einwilligung haben.

Ob das wohl leicht gehn würde oder schwer. –

Als Papa es hörte, sagte er: „Ich habe gar keine Veranlassung, nun auch noch meine Tochter ihr als Gesellschafterin zu geben. Unsinn. Daraus wird nichts.“

„Aber es ist doch Hannsbabos letzter Wunsch, Papa, er hat ihn doch ganz klar und deutlich ausgesprochen.“

„Na ja, mein Kind, deine Anhänglichkeit an deinen Bruder ist sehr gut, gewiß, und ich bin durchaus der Ansicht, daß wir uns um seine Witwe zu kümmern haben. Selbstverständlich. Sie gehört zur Familie, solange sie selbst sich zugehörig betrachten will. – Aber du bist jung und leicht zu beeinflussen. Ich habe durchaus nicht die Neigung für Einflüsse von seiten solcher Frauen, wie Sarah ist. Nein. Punktum! Im übrigen, wenn Sarah will, so kann sie hier bei uns leben. Angenehm wär’s mir ja nicht gerade. Aber ich halte es für meine Pflicht, es ihr anzubieten. Selbstverständlich stehe ich in jeder Beziehung für sie ein nach außen hin. – Sage ihr das!“

„Nein, Papa. So nicht. Hannsbabo hat es anders gewollt. Und ich muß es tun und werde es tun. Erlaub es doch, Papa. Ich muß tun, was er mir geschrieben hat –“

Papa stand auf und begann umherzuwandern. – Er sagte: „Hannsbabo ist nun tot. Man muß an die Lebenden denken.“

„Aber wenn er lebte.“

„Er ist tot,“ sagte Papa. „Es liegt keine Veranlassung vor, die Lebenden im Interesse der Toten zu schädigen.“

Renée sah ihren Vater an. Er sagte das ganz ruhig. Wie man eben seine ehrliche Überzeugung sagt, und dies, dies Grauenhafte, war seine ‚ehrliche Überzeugung‘.

Renée konnte nichts erwidern. Sie ging hinaus.

Zu denken, daß es so etwas geben konnte. Nicht einmal über vier Tage hinweg sollte ein Mensch dauern. Er war tot, er konnte nicht mehr die Hand heben. – O, dieser grauenhafte Ekel.

Renée dachte: wenn ich nun tot wäre, und da wäre ein Mensch, den ich lieb hätte, und ich hätte alles genau aufgeschrieben und wäre ruhig im Sterben – und dächte: nun habe ich für ihn gesorgt über den Tod hinweg, und dann kämen sie und sagten: Renée ist tot. Und Tote haben keinen Willen. Sie haben gar kein Recht zu einem Willen.

Später ging Renée nochmals hinunter zu Papa und sagte ihm, daß sie doch mit Sarah gehn würde. Papa antwortete nicht.

Sarah fuhr fort am folgenden Tag. Renée sollte nachkommen. Renée telegraphierte an Schoenburg, er sollte Sarah an der Bahn empfangen, er sollte bleiben bis zum Abend, wo Renée kam.

Aber als Sarah abfuhr, sagte sie: „Ich gehe nicht gleich nach Berlin, nein, ich mag nicht. Ich gehe fort, mache eine Reise – ich weiß noch nicht.“ – Renée erschrak ein wenig. „Wohin, Sarah? Willst du nicht warten? Soll ich nicht mitkommen?“

„Es ist besser, du kommst später. Bis dein Vater ruhiger ist. Vielleicht kommt dann späterhin Elisabeth zu ihm.“ –

Sarah schrieb aus Cannes. Sie wollte erst gegen das Frühjahr wiederkommen, die warme Luft täte ihr gut. –

Allmählich gewann die Aussicht, daß Renée zu Sarah gehen sollte, feste Gestalt. Renée sprach nicht davon und dachte nicht daran. Sie hatte in jener ersten Zeit einen großen Aufwand von Gefühl und Willen darum gemacht, damals als Papa es nicht zugeben wollte; nun hatte sie es halb vergessen, es sah ihr so unwahrscheinlich aus, und nun – „Ich finde, es wäre sehr gut und wünschenswert für dich mit Sarah,“ sagte Elisabeth. „Viktor meint es auch. – Und dann im Sommer hat Papa doch uns in der Nähe. Im Winter bist du ja in derselben Stadt wie er, dann kannst du täglich hingehen.“ „Ja,“ sagte Renée – „Viktor meint – natürlich nach der Trauerzeit – könnte doch Sarah auch viel mehr für dich tun, Renéechen, in bezug auf Geselligkeit und Bekanntschaften. Wir freuen uns ja natürlich auch sehr darauf, dich oft bei uns zu haben, aber unsere Wohnung ist eben doch etwas beengt, und wir haben auch so wenig tanzbare Herren.“ –

„Ja, die kann ich gar nicht brauchen,“ sagte Renée. Elisabeth redete noch eine ganze Weile. Es schien nichts Idealeres zu geben, als daß Renée fortging von Groß-Gehren – fortging – ach es war dumm und sentimental. Sie ging ja gar nicht ganz fort. Und es war doch für Hannsbabo.

„O, wie gut, daß du bei mir bist, Renée,“ sagte Sarah. Dann seufzte sie, dann beseitigte sie einen großen, schwarzen Schleier an ihrem Hut. –

„Ich wüßte gar nicht, was tun ohne dich! – Meinst du übrigens, ich sollte einmal zur Hatzfeldt gehn? Sie hat mir so lieb geschrieben damals.“

Renée sagte: „Vielleicht tust du es lieber später.“ – „O ja,“ antwortete Sarah. Sie wollte ausfahren. Sie hatte eine Jacke von Persianer und einen riesengroßen Tellerhut, um den war der Schleier gedreht; sie wollte eigentlich gleich fort, aber sie setzte sich noch ein bißchen zu Renée.

„War es schön in Cannes?“ – „Ach, nicht doch,“ sagte Sarah. „Es war staubig und ermüdend. Es sind dort zu viel Palmen und Agaven. Agaven und Palmen hängen aus jedem Garten, man hält es nicht aus.“ – „Hattest du nicht Lust auf Sizilien?“ – „Ach nicht doch. Außerdem reise ich ungern allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ – „Ja, und zu Weihnachten?“ frug Sarah. – „Da wären wir eben zu Papa gegangen.“ –

Sarah lachte kurz. – „Ich liebe nicht die Festlichkeiten in dieser Familie,“ sagte sie.

„So mußt du nicht sprechen, Sarah.“

„Nun, also verzeih, kleine Renée.“ So sagte Sarah, dann zog sie Renée am Haar, sagte, der Wagen solle sie um fünf Uhr bei Gerson holen, da der Chauffeur heute frei habe, und ging.

Renée setzte sich an Hannsbabos Schreibtisch. Da standen viele Bilder von ihm: Bilder in Uniform mit und ohne Küraß im weißen und im blauen Koller. – Renée sah ein Bild an, sah ihres Bruders Gesicht, das liebe, stolze Gesicht, dies kleine, leichte Lächeln, das er gehabt hatte, ehe er fortging nach Amerika, früher. – Nun saß sie an seinem Schreibtisch. Gerade da hatte er oft gesessen. Hatte diese Dinge gesehn, dieselben, die sie sah, jetzt sah. Draußen, da war der verschneite Königsplatz, hinter dem die Bäume des Tiergartens unter dem Nebel standen. Vom Bahnhof kam das langgezogene Pfeifen. –

Die große Säule, an der die eroberten Kanonen staken, und die goldne Göttin darauf waren ganz verschneit.

Das alles hatte er auch gesehn, wenn er hinausschaute.

Wie sehr Renée an ihn dachte.

Nun nannte sie niemand mehr ‚kleiner Bub Renée‘. – Warum nur hatte Hannsbabo gewollt, daß Renée bei Sarah bleiben sollte. Und warum liebte er Sarah so sehr. – Renée dachte: Sie hat ein kühles und gleichmütiges Herz, nicht wie seines. Sein Herz war heiß und war unruhig. Was hatte er nur mit ihr zu tun gehabt, mit Sarah. – Renée wurde traurig und sehnsüchtig und dachte, was Hannsbabo gesagt hatte:

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