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Das Leben der Renée von Catte

Das Leben der Renée von Catte (continued 4)

Reading edition

Renée lachte wieder: „Also dann: schon gar nicht. Denn ich bleibe.“

„Ja, das sagst du so.“

„Nein, das tu ich,“ sagte Renée.

Sarah blieb vor ihr stehen. „Ich will dir alle Wünsche erfüllen. Alles sollst du haben, was du magst.“

Renée stand auf, ein wenig ging sie zur Seite. „O, ich habe gar keine Wünsche und will gar nichts.“ Sie ging hinaus, und Sarah sah ihr nach – aber Renée ging.

„Waren Sie vor etwa zehn Tagen in Hauteville?“ frug Doktor von Geldern. Renée nickte. „Und warum fragen Sie?“

„Waren Sie da im Park und sahen Sie eine Dame mit braunem Pelz? Sie hatte eine Dogge neben sich.“

„Ja, gewiß. Aber nun, warum fragen Sie, Herr von Geldern?“

Geldern lachte. „Richtig,“ er schlug die Hände zusammen vor Freude. „Dann stimmt es.“ –

„Was stimmt?“

„Kommen Sie,“ sagte der Doktor. „Wir gehen ein bißchen am See, dann erzähle ich Ihnen.“

„Also,“ begann Doktor von Geldern, „sie war es, die Sie gesehn haben. Sie wohnt in Hauteville.“

„Ihre Kindheits-Freundin, von der Sie neulich sprachen?“

„Ja, natürlich,“ sagte Geldern, „Yvonne Capeller.“

„Wer, sagen Sie?“ Renée erschrak. Sie sah ihn an. Einen Augenblick schwieg ihr Herz. Er wiederholte den Namen.

Renée konnte nichts sagen. Ihr fiel die Zeit ein, wo sie das Gedicht gelesen hatte, diese trostlose, leere Zeit. Ihr fiel die Sehnsucht ein. Ja – wie sehr hatte sie sich gesehnt, diesen Menschen einmal zu sehen.

Geldern frug: „Wissen Sie denn etwas von ihr? Kennen Sie Yvonne Capeller?“

„Nein. Aber ich wünschte einmal sehr intensiv, sie zu kennen.“ – Geldern blieb stehen, er vertrat Renée geradezu den Weg, sah sie an. Dann auf einmal nahm er ihre Hand. Er hielt die Hand einen Augenblick fest. Er sagte: „Das ist schön. Das ist sehr schön.“ – Dann lief er plötzlich fort.

Renée ging allein zurück. Ihr war sonderbar wehmütig, so als wäre ihr etwas gegeben und zugleich genommen worden, aber ihr war ja nichts gegeben.

Sie ging weiter, sah auf den See. Heute konnte man weit sehen. Drüben die kleinen Häuser von Bouveret und dann da hinten die graue Fläche, das war das Rhonetal.

Die Möwen kamen. Renée griff nach ihnen und lachte und neckte sie. Sie horchte auf ihr Schreien. War es nicht eine Art Gelächter? Ja – aber so schön wie bei Menschen konnte es nicht klingen, wenn Vögel lachten – nein. –

„Renée, heut hat mir auch Gräfin Pourtalès gesagt, man sähe dich immerzu mit dem Badearzt. Sie sagt, er wäre aus einer gänzlich verarmten Familie. Renée, meine Verantwortung drückt mich.“

„O, du dumme, dumme Sarah! Sag ihr, der Pourtalès, der langweiligen Person, also sag ihr, am liebsten liefe ich heute nochmals fünf Stunden mit dem Badearzt aus der verarmten Familie – und ließe mir erzählen.“

„My dear,“ sagte Sarah entsetzt. Renée lachte übermütig. Sie sagte: „Er soll ja nicht von sich allein erzählen und außerdem sollst du es ja nur der Pourtalès sagen, punktum!“

Am Abend paßte Renée auf, als Geldern aus dem Speisesaal kam. Sie sagte: „Herr von Geldern, ich will Sie um etwas bitten: Fragen Sie Yvonne Capeller, ob ich sie einmal sehen darf. Sehen Sie, es ist Jahre her, da habe ich einmal ein Gedicht von ihr gelesen. Das war so schön. – Ich bin lange danach umhergegangen, sie einmal sehen zu können. Aber ich wußte ja nichts von ihr. Wollen Sie es mir tun?“

Geldern sagte: „Ja – Sie haben ein Gedicht von ihr gelesen – nicht wahr, wie sie schön sind.“ –

„Wollen Sie nicht?“ frug Renée. Er sah sie an, gut und freundlich. Aber ein wenig hoffnungslos sah er sie an. „Ich will versuchen.“

„Glauben Sie, es geht nicht?“ frug Renée.

Geldern schwieg. Dann gab er Renée die Hand. „Ich muß nun gehen, Fräulein von Catte, und ich will es versuchen, ganz gewiß. Ich will heute noch hingehn. Aber ich weiß ja nicht, ob sie wollen wird. Denn sie ist ein Mensch, der ganz allein lebt, fast wie in einer Entfernung von uns.“

Das war viele Tage her, seit Renée Doktor von Geldern darum gebeten hatte. Es war so lange her. Sie sah ihn bei Tisch weit weg an dem großen Fenster sitzen. Er las.

Und Renée hatte gar keine Hoffnung mehr. Gewiß hatte er den verneinenden Bescheid und wollte es nur nicht sagen. Renée wurde ihm ganz böse.

Dann einmal kam er heran und sagte, Yvonne Capeller fühle sich nicht wohl, und es täte ihm so leid, aber er könnte Renée nicht ja sagen zu ihrem Wunsch.

Renée ging nach Hauteville. Sie dachte: Vielleicht sehe ich sie dort. Gewiß, wo sie neulich vorübergegangen war, da wollte Renée warten.

Sie stand am Anfang der geraden, dunklen Hecke von Taxus. Sie stand, und sie wagte sich nicht weiter. Es schien ihr auf einmal unfein und grob, so mit Gewalt einzudringen, so mit hinterlistiger Gewalt vorzugehen gegen diese fremde Einsamkeit. – Nein, sie wollte es nicht versuchen.

Abends, wie war der See schön, wenn die Lichter der Laternen ein schimmerndes Band waren auf seiner dunklen Fläche.

In der großen Halle des Hotels war Musik. Meist Italiener oder solche, die es vorgaben. Sie spielten und sangen ihre süßen, leichten, traurigen Lieder, mit dem harten, zerbrochenen Ton der Castagnetten.

Renée stand oben auf einer der Galerien und sah in die Halle hinunter. Sie war allein dort, und die Lieder kamen nur zu ihr. Ihre Gedanken verloren sich in eine unbegreifliche Schwere von Sehnsucht.

Sarah war ungehalten. Sarah sagte: „Du läufst immer weg, Renée. Wenigstens zu der Teestunde könntest du doch da sein.“

„Diese ewige Baronin mit ihren Andeutungen und ihrem Okkultismus ist mir so antipathisch.“

„Du besitzt gar keinen Humor,“ sagte Sarah. „Und ich muß dir sagen, Renée, ich kann es höchstens noch eine Woche hier aushalten – höchstens.“

Renée erschrak. Noch eine Woche, und dann würde sie nie mehr hierherkommen – und dann würde es nie geschehn.

Sie saß neben Sarah und dachte. Ihr Denken begleitete dieser kleine Ton, den das kochende Wasser im Teekessel hervorbrachte. Dieses weiche Surren. – Sie dachte: nie wird es sein. Wir werden wieder fortgehen nach Deutschland, und es wird nie sein. – „Willst du den Tee heute überhaupt nicht aufgießen?“ sagte Sarah.

Dann begann sie mit Reiseplänen. Ganz gut konnte man jetzt schon nach Paris gehen, oder vorher erst ein wenig nach Genf.

Renée schwieg dazu und wußte doch, daß sie nicht fort wollte, nicht fort.

Auf der Straße kam ein Mann mit Blumen. Er hatte einen länglichen Korb, darin lagen sie, Schlüsselblumen, Veilchen, in der Mitte Rosen. Die kaufte Renée. Es waren fünf rote Rosen. Solche an langen Stielen, solche von ganz dunkler Farbe und mit einem schweren, süßen Duft.

Sarah sah Renée an, als die Rosen gekauft waren. Sarah sagte: „Für wen denn?“

„Ich will sie fortschicken,“ antwortete Renée. Sie trug die Rosen in ihr Zimmer. Da war ein kleiner Karton gewesen, dahinein legte sie die Rosen und die letzte von ihnen streichelte Renée. Und während sie das tat, dachte sie: nur noch acht Tage bleiben wir, nur noch acht Tage.

Seit einigen Tagen war Doktor von Geldern nicht bei Tisch. Die Baronin d’Auvergnes erzählte, er sei in Genf. Ein sehr reicher Russe habe ihn hinberufen als Konsiliarius. – „Es scheint, er kommt en vogue,“ sagte die Baronin. „Nun, solche Ärzte haben immer ein ganz leidliches Auskommen. Natürlich, angenehm und fashionabel ist ja der Beruf gerade nicht.“

Die Baronin wechselte das Thema, als niemand antwortete. Sie begann weitläufige Erzählungen von Paris, von dem letzten Ball beim russischen Botschafter.

Renée hörte nur halb hin, hörte: „Ah, im Bois, im Luxembourg –.“ Renée dachte: Heut früh sind die Rosen angekommen, ganz bestimmt spätestens, und vielleicht reisen wir noch nicht so bald, sonst wären es nur noch sechs Tage – und wenn –

„Waren Sie schon einmal in Paris, Fräulein von Catte?“ frug Baronin d’Auvergnes. – „Nicht? Dann freuen Sie sich gewiß sehr, nicht wahr, oder – oder wird Ihnen der Abschied –“

Hatte es nicht geklopft? Der Kellner war draußen mit einem Brief. Renée nahm den Brief, und einen Augenblick hielt sie ihn fest zwischen den Flächen ihrer Hände – denn es war dies – dies – o, ein Gefühl von Glück kam.

Sie lachte. Es konnte nur Gutes darin stehen. Sarah und die Baronin sahen sie an, und Renée lachte und – was tat sie denn, sie schwenkte den Brief in der Luft.

‚Vielleicht kommen Sie morgen abend zu mir, vielen Dank‘ – das stand darin. Vielleicht kommen Sie –?

Nun also waren es noch vierundzwanzig Stunden. Mindestens so lange. Denn Renée konnte nicht vor sechs oder sieben Uhr hingehen und von morgen früh waren es dann zwölf Stunden, wenn Renée aufwachen würde.

Mit dampfigen Nebeln auf dem See kam der Morgen. Renée sah ihn nun schon lange. Ihr Fenster stand offen. Ein wenig kühl war diese Morgenluft, aber weich, mit einem sanften Geruch von Schilf, so wie manchmal der See roch zu Hause.

Der kleine Brief lag neben Renées Bett. Gerade so, daß sie ihn ansah beim Aufwachen.

Und nun noch fast zwölf Stunden. Renée legte den Kopf wieder auf das große, plustrige Kissen mit dem Spitzenrand. Ganz still lag sie und sah auf die Wand, auf diese sonderbaren Schnörkel in blau und grün; wie Hunde, die sich aufgeregt überkugelten, liefen die Schnörkel über die Wand. Träumte sie nicht ein bißchen? Ein paar Glockentöne kamen über den See, die trug das Wasser. Wie war dieser See klar, man sah tief hinein und sah seinen Grund, vielleicht konnte ein Mensch solche Augen haben und eine stille, stille Stirn.

Träumte sie, hatte denn Yvonne Capeller solche Augen? – ‚In einer Entfernung von uns‘ – Renée dachte den Worten nach, dachte – dachte. Müde war sie. Es war eine ungeduldige Nacht gewesen, es war spät hell geworden.

Ein Geräusch im Zimmer weckte sie.

„Ja, wirst du denn gar nicht aufstehn heut, bist du krank?“ Da stand Sarah über sie gebeugt, war zum Lunch angezogen und tippte mit dem Zeigefinger auf Renées Schulter. Renée fuhr herum und starrte Sarah an. – „Es ist nämlich zwölf,“ sagte Sarah.

Von diesem Augenblick an zog der Tag sich in die Länge wie Kautschuk. Immer war es zwei, wenn man meinte, es wäre Teezeit. Die Sonne verharrte in obstinater Bosheit in der drei Uhr-Gegend; endlich kroch das helle Rot an den Bergen hinauf, fing sich in den Gipfeln. –

Renée stand an derselben Tür, an der sie neulich gestanden hatte, und läutete. Dieselbe alte Hexe fuhr mit dem Kopf aus dem Fenster. Sie sagte mit einem Versuch zum Lächeln: „Im Garten, bitt schön,“ und deutete auf die Gartentür. – Renée kam in den Garten.

In diesem Garten war Licht, denn die Obstbäume blühten. Vor den schwarzen Hecken standen sie in unglaubhafter schimmernder Schönheit. Die Weide über der weißen Bank ließ ganz sacht ihre Zweige hin- und herwehen, hellgrün und ganz fein behangen wehten sie vor dem Helldunkel des Himmels.

Renée stand still. Was geschah ihr? Wie, war es der Garten, waren diese Bäume und diese dunklen Büsche so schön, daß eine so schmerzliche Sehnsucht in ihre Seele kam? –

Yvonne Capeller kam ihr entgegen. Sie kam, und Renée erwartete sie.

„Sind Sie gekommen?“ sagte Yvonne Capeller, „noch habe ich Ihre Rosen.“ Sie gab Renée die Hand. Renée hielt einen Augenblick ihre Hand und schwieg. O, ein so zärtliches Gefühl stieg in ihr auf. Renée konnte nicht die Hand so schnell loslassen.

Sie gingen auf dem Weg, der zu dem kleinen Tempel führt, bei dem Tempel standen sie. Yvonne Capeller lehnte an einer der Säulen, ganz dicht an die Säule lehnte sie den Kopf, so daß die Farbe ihres Haares unterging in dem Schatten auf der Säule, so daß ihr weißes Gesicht vor dem Himmel stand, der dunkel war – vor dem Himmel. Wie schön und still war dies Gesicht. Renée sah sie lange an.

Yvonne Capeller wandte den Kopf, und ihre Augen gingen an Renée vorüber. Sie sagte: „Ich glaube, wir müssen hineingehen, weil es kalt wird.“ Dann: „Sie erzählen mir nichts, Sie reden gar nicht.“

Renée antwortete: „Was soll ich erzählen, Yvonne Capeller?“

„Wie sonderbar Sie meinen Namen aussprechen.“

Warum sollte Renée schweigen? Warum konnte sie nicht sagen: weil es zärtlich macht, an diesen Namen zu denken.

Von den weißen Bäumen kamen Blüten. „Nun ist es schon bald vorbei,“ sagte Yvonne Capeller.

Sie gingen zum Haus. Eine Treppe von wenig Stufen führte in das Haus, dann kam ein kleiner Gartensaal. Ein starker Geruch war im Haus, so wie Tannenduft, nur schärfer. Ein wenig so, wie der Wald riecht in der Sonne.

Einen Augenblick blieb Renée allein. Sie stand am Fenster und sah in den Garten. Der war dunkel gegen die Helle des Zimmers und still. Renée unterschied nichts mehr. Die weißen Bäume starrten kalt und unheimlich heraus aus der weichen Dunkelheit.

Yvonne Capeller kam wieder. Renée hörte sie, wandte sich nicht um.

Wie leise kamen ihre Schritte. Renée rührte sich nicht, sie hörte, daß Yvonne einen Augenblick stehen blieb.

Dann sagte Yvonne: „Kommen Sie. Wollen wir hier sitzen?“ Renée zögerte noch.

Yvonne saß am Tisch. Yvonne hatte ein weißes Kleid. Um ihren Hals war eine Kette von Perlen, eine lange Kette, die auf ihren Knieen lag.

Es waren halbdunkle Bilder an den Wänden, und da standen Möbel von Kirschholz mit blaßlila Bezügen. Eine Geige lag auf dem Tisch unter Renées Rosen.

Renée sah diese Dinge an. Sie dachte: Manchmal des Abends spielt sie auf der Geige, auch wenn Wind ist draußen. Das klingt dann heimatlich und süß.

Yvonne saß sehr still. Man wußte nicht, dachte sie nach oder sah sie vielleicht auf Renée. Vielleicht, ihre Augen sahen auf Renée, und ihr Gesicht war gradaus gewandt. Sie sagte: „Geldern meint, Sie haben ein Gedicht gelesen – sagte er nicht – welches denn?“

Renée stand noch immer am Fenster.

Renée sagte das Gedicht: „Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder –“

Yvonne Capeller senkte den Kopf. Renée sah es deutlich. Sie schwieg. „Werden Sie mir keine andern geben?“ frug Renée.

„Nein, o nein.“

„Dies eine, das ich einmal las,“ sagte Renée, „es traf mich so, und seitdem war der Wunsch nach dem in mir, was heute geschah.“

Renée schwieg plötzlich, wie sprach sie denn – wie sprach sie?

Yvonne Capeller sagte: „Was geschah denn heute?“

Renée antwortete nicht. Was sollte sie tun? Nichts bewahrte sie mehr – da war nur dies hilflose Aussprechen-müssen, dies Unbegreifliche, daß ihre Worte keine Scheu mehr haben wollten – und ihr Mund sprach, als spräche es in ihre eigne Seele hinein.

Sie sagte: „Auf irgend etwas hofft man, wenn man lebt, auf ein Geschehnis oder auf einen Augenblick – einen Augenblick – und man denkt daran, denkt, daß er niemals kommt, daß man alles haben könnte in der Welt, ehe er kommt. Man fühlt die Gleichgültigkeit, fühlt die Wertlosigkeit aller Dinge außerhalb dieses Augenblicks – und dann ist dieser Augenblick da. – Das war mir heute geschehn.“

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Garten.

Da stieg eine Angst in ihr auf, kam an ihr Herz und wollte es anfassen. Sie wußte nicht den Grund; sie legte die Hände auf die Fensterbank, um sich zu stützen, und fühlte immer aus ihren Augen die Tränen auf die Hände fallen. – Langsam kamen sie.

War es nicht schon lange, als sie das letzte Wort gesprochen hatte, o so lange? Sie fühlte, daß Yvonne ihre Schulter anrührte. Yvonne sagte ihren Namen. Yvonne strich, o so sanft, über ihre Schulter.

Yvonne sagte: „Es ist nicht gut, nicht gut.“

Dann – was geschah? Renée saß neben ihr, lange neben ihr, während sie schwiegen, während es ganz dunkel wurde draußen.

Renée sah sie an. Sah ihr weißes Gesicht und die geschlossenen Augen – – Dann stand Renée auf, weil es schon spät war, und ging, ging durch den Garten fort und nahm von den Blüten, die über den Weg hingen, die streichelte sie.

Am nächsten Tag sprach Doktor von Geldern Renée an: „Nun, Ihre Frau Schwägerin erzählte mir, daß Sie gestern in Hauteville waren. – War es schön?“

„Ja,“ sagte Renée und lächelte.

„Wie ging es ihr?“ – „Gut wohl,“ sagte Renée.

Er frug, ob sie im Garten gewesen wären, wie lange Renée da war, und Renée sprach davon, hörte sich zu, hörte ihren glückseligen Worten zu.

„Und nun?“ frug Geldern. Renée sah ihn an, erschrak. Sie sagte: „Ich weiß nicht, ob ich wiederkommen soll.“

„Mögen Sie mich ein Stück begleiten, Fräulein von Catte?“ frug Geldern, „ich gehe eben hinauf nach Hauteville.“

Renée ging mit ihm. – „Ich muß gekränkt sein,“ begann er, „daß Sie nun so ganz ohne meine Vermittlung zu Ihrem Ziel gelangt sind. Ja, wir vermitteln so gerne. Irgend etwas von der Freude dessen, der es uns schuldet, kommt dann auch zu uns. – Es ist dies: Ich kenne keinen Menschen wie Yvonne Capeller. Nein, nein. Denn die Einsamen, die ich kenne, sind einsam auf eine sehr andere Weise. Sind es faute de mieux. Weil das Leben ihnen sich versagte oder weil sie in irgend einem Sinne nicht weiterkommen konnten. Sie nicht. Sie ist mit Willen einsam. Sie ist es in einer stillen und selbstverständlichen Art. So als wären alle andern spielende Kinder und sie der einzige ernste Mensch – aber vielleicht ist das ein sehr dummer Vergleich.“

Renée sagte: „Ja, man fühlt es. Da ist eine Stille und dann diese Einsamkeit, von der Sie reden, die ist um sie herum, und es macht traurig und sehr hoffnungslos. Man fühlt es so, wie sehr anders stark und still und schön sie ist als wir.“

Sie waren nah dem Garten, dort trennten sie sich.

Renée sah, wie Doktor von Geldern hineinging, hörte, wie er die Tür schloß. Er mußte zurückkommen. Gewiß, er würde kommen.

Renée wartete. Manchmal sah sie die Allee herunter. Nichts – niemand. Sie wartete viele Stunden.

Abend war es, als er zurückkam. So tiefer Abend, daß Renée ihn nicht einmal kommen sah, sie hörte seine Schritte, unruhige Schritte. Er kam durch die Allee und bog ein in den Kiesweg draußen – er sah nicht auf.

„Doktor von Geldern.“ – „Sie? Wo kommen Sie her?“ – „Ich wollte Sie fragen,“ antwortete Renée. „Es geht ihr nicht gut,“ sagte Doktor von Geldern. „Ich soll Ihnen Grüße sagen. Sie will einige Tage zu Bett bleiben.“

„Ist es schlimm?“ frug Renée. Doktor von Geldern sah sie an. Ein sonderbar gequälter Ausdruck war in seinem Gesicht, aber er lächelte doch. Er antwortete: „Nein, es ist wohl vorübergehend.“

„Was haben Sie, Doktor von Geldern? Was ist?“

Er wandte den Kopf zur Seite, als er weitersprach.

„Was soll denn sein? – Habe ich irgend etwas gesagt? Nun, das ist, ich bin etwas präokkupiert. Im Kurhaus sind eben ein paar sehr schwere Fälle – ja, das geht einem dann so im Kopfe herum.“ –

„Wir wollen übermorgen abreisen, denke ich,“ sagte Sarah. „Ich meine so: ein paar Tage Genf und dann Dijon-Paris. – Nun, was denkst du, Renée?“

„O, ich möchte noch bleiben.“

Sarah sprach dagegen. Das Essen war so langweilig und schlecht hier. Mein Gott, und diese ewige feuchte Luft. „Meine Erkältung,“ sagte Sarah, „hat sich in letzter Zeit verschlimmert.“

„Aber zuerst tat dir das Klima doch gut,“ meinte Renée, „und gerade Paris!“

Sarah antwortete gereizt. Das könnte sie doch wohl besser beurteilen, da Renée noch niemals in Paris gewesen sei. Sarah sagte: „Wenn du Dinge von mir verlangst, die meiner Gesundheit schaden, dann muß ich dir eben entgegentreten. Ich kann auch das viele Alleinsein nicht aushalten.“

„Aber ich bin doch da.“

Sarah fuhr auf: „Ja – ja, du läufst den ganzen Tag mit diesem faden Doktor um den See herum. – Das ist eben nicht das Richtige für einen Patienten: – das Alleinsein.“

Renée war sehr niedergeschlagen, und sie wußte gar nichts zu entgegnen. Es ging wie über sie und ihren Willen hinweg.

Die Jungfer kniete vor den riesigen Koffern und legte Sarahs Kleider hinein, die in weißen Stoffhüllen staken.

Sarah lag auf dem Sofa mit einem Buch, und manchmal sah sie gelangweilt hinüber zu der Jungfer und den Stoffhüllen.

Renée sagte: „Laß uns dann erst übermorgen fahren. Luise wird bis dahin auch besser fertig.“

„Ich bin noch heute abend fertig, wenn die gnädige Frau befehlen,“ sagte die Jungfer.

Sarah lächelte Renée zu. Sie sagte: „Ich habe im Hotel bereits bestellt.“

„Aber ich mag noch nicht. Ich mag nicht,“ sagte Renée leise und dicht an Sarahs Ohr. Sarah lachte. „Puh, was macht man – muß man da zum lieben Gott beten? Muß man beten: gib, lieber Gott, daß Renée keine Laune bekommt, Amen?“

Renée schwieg. Ihr stieg eine Wut auf gegen diesen Menschen, der nichts ernst nahm, der alles abtat mit spielerischen Worten, ein großer Zorn gegen diese lächerliche Ohnmacht ihrer eignen Situation. Immer wurde alles nichts vor Sarah, alles wurde zu einem kindischen Kram. – –

Renée ging nach Hauteville. Sie wollte Yvonne Capeller noch sehen. Sie konnte so nicht fort. Die alte Frau empfing sie. Renée wartete eine Weile im Gartensaal. Dann kam Yvonne.

Yvonne war blasser als sonst, und sie sprach sehr leise. Manchmal, während sie sprach, stieg das Blut in ihr Gesicht und schwand wieder. Dann war ihr Gesicht ganz weiß.

Renée sagte ihr, daß sie übermorgen fortreisten. „Kommen Sie niemals nach Deutschland?“ frug Renée.

Yvonne Capeller lächelte und schüttelte den Kopf.

„Wo sind Sie im Sommer?“ frug Renée.

„Im Wald oder am Meer.“

Renée sagte: „Doktor von Geldern sagte, daß Sie sich nicht gut fühlten, und nun, wenn ich hier bin, vielleicht greift es Sie an; soll ich lieber wieder gehen?“

Yvonne wandte das Gesicht fort. Renée sah, daß sie errötete.

„Was hat Geldern Ihnen gesagt?“ frug sie.

Renée erzählte. Er hatte nichts Bestimmtes geäußert, nur – Renée fürchtete, es würde ihr zuviel, sollte nicht Renée lieber gehn.

Yvonne antwortete nicht. Sie stand auf und ging langsam zum Fenster und stand eben da, wo Renée den ersten Abend gestanden hatte.

Dann begann sie zu sprechen. Sie sprach leise, Renée konnte sie kaum verstehn. Sie sagte: „Ich weiß es nicht, was Geldern Ihnen gesagt hat. Aber eines muß ich Ihnen nun sagen, und es geht nur langsam, weil ich fühle, dies zu sagen ist schwer.

„Ich will nicht, daß Sie zu mir kommen, ich will nicht, daß Sie irgend ein Interesse an mir nehmen – will nicht! Sie sollen nicht bei mir Halt machen, Sie sollen mich nicht lieb haben.“

O, wie sie sprach, wie stark und fein klang doch jedes einzelne ihrer Worte.

Yvonne sah auf den Boden nieder, und ihre Arme, die sie auf das Fenstersims stützte, bebten, während sie sprach.

Renée begriff nicht. Renée sah sie an, wie ihre Lippen aufzuckten. Yvonne warf den Kopf zurück, ihre Augen waren geschlossen. Auf ihrer Stirn über den Augen hing Haar, das sich gelöst hatte, einen zärtlichen Schatten warf es auf ihr Gesicht.

„Sie sollen nicht. Ich will nicht mit dem Leben zu tun haben. Was will es von mir? Warum schickt es Sie – Sie – o, alles was Sie tun und jedes einzelne von Ihren Worten greift nach mir. Und ich weiß, daß Sie fortgehn müssen.“

Renée stand auf. Ein Brausen kam in ihre Gedanken, und sie konnte den Sinn der Worte nicht aufnehmen. Da war eine törichte und unbegreifliche Schwäche in ihr. Was sie sagen wollte, klang nicht, wurde nicht laut – blieb zurück in ihrem unruhigen Herzen. Sie ging zu Yvonne. Yvonne schwieg, stand mit geschlossenen Augen, ohne sich zu bewegen, während das Beben von ihren Armen an ihrem Körper entlang kroch.

Dann tat sie die Augen auf. Und Renée sah in ihre Augen. Brannten sie nicht? Sie sahen aus, als ob sie ganz trocken und heiß wären.

Sahen sie nicht starr und verzweifelt wie in den Tod? –

Renée griff nach ihrer Hand. Und hielt sie. Dann fühlte sie, wie diese Hand sich regte, langsam zog Yvonne die Hand zurück. Sie sagte: „Sie müssen gehn – o, Sie müssen gehn.“ –

Warum war Renée gegangen? – Wie – wer konnte sie gehen heißen?

Die graue Allee lag ruhig und halbverdunkelt von den Baumschatten, und Renée ging. Wollte Halt machen, zurücklaufen – ging vorwärts, als trügen sie fremde Füße.

Was war geschehn. – Hatte sie nicht einen Augenblick in irgend einem Spiegel ihr eignes weinendes Gesicht gesehn, als sie vorbeilief – und ihr Gesicht war feucht von Tränen.

Warum ging sie denn auf diesen fremden Füßen, die nicht anhalten wollten. – –

Am kommenden Morgen wollte Sarah reisen mit dem Schnellzug. Zwei Tage würden sie dann in Genf sein. Sarah hatte die Baronin d’Auvergnes und einige andere Hotelgäste zum Tee, und diese Hotelgäste würden morgen an die Bahn kommen und sie würden Blumen bringen natürlich für Sarah. Blumen, die man nachher in der Eisenbahn liegen ließ.

Sarah sprach von Paris, notierte lange Zettel von Besorgungen und sammelte Empfehlungen, wo man dies und das kaufte.

Sollte sie zu Frères Boiseron gehn, wirklich, also dort war die größte Auswahl?

Baronin d’Auvergnes nannte sogar einige befreundete Häuser. Madame François Echelles würde sich glücklich schätzen, wenn Sarah –

Renée saß in der Nähe des Fensters neben einem Neffen der Gräfin Pourtalès und sah gedankenlos auf die Straße. Manchmal redete ihr Nachbar sie an. Sie konnte meist nicht antworten, weil sie zu spät aufgepaßt hatte – dann endlich gab sie sich Mühe und begann aufzupassen, aber nun redete ihr Nachbar sie nicht mehr an, sondern verfolgte mit krampfartigem Grinsen die Unterhaltung der andern.

Doktor von Geldern kam. Er hatte sehr lange gesagt, daß er leider sich nicht würde frei machen können, so lange, bis Sarah gerade einen Sport darin sah, ihn zu zwingen, daß er sich frei machte.

Doktor von Geldern überreichte Sarah Blumen. Er würde leider morgen früh nicht mehr die Ehre haben.

„Na na,“ sagte Baronin d’Auvergnes, indem sie schalkhaft mit dem Finger drohte. Doktor von Geldern sah ihr gerade ins Gesicht. „Frau Baronin sind außerordentlich schelmisch,“ sagte er, „ja wirklich, indessen hier ist es nicht am Platze.“

Baronin d’Auvergnes öffnete den Mund und schloß ihn erst nach einigen Minuten wieder, Gräfin Pourtalès blickte ihren Neffen demonstrativ an und hustete, und Sarah machte das sprachloseste Gesicht, das Renée je von ihr gesehen hatte.

Geldern kümmerte sich nicht darum. Er lächelte verbindlich und setzte sich neben Renée.

Als die Unterhaltung wieder laut wurde, sagte Renée: „Warum sind Sie so grob gewesen, Herr von Geldern?“

„Aber diese Andeutungen sind unverschämt.“

„Alte Damen führen doch immer solche albernen Reden.“

„Zu mir sollen sie sich das eben nicht erlauben,“ sagte Geldern, „ich bin kein solch Firlefanz!“

„Haben Sie Yvonne Capeller heute gesehn?“ frug Renée.

Er errötete und lächelte. – „Yvonne Capeller war krank heut früh. Ich hörte von der Alten, daß Sie da waren gestern. Und nun muß Yvonne unbedingt einige Tage liegen und Ruhe halten, Fräulein von Catte.“

„Aber ich kann auch ruhig bei ihr sitzen, nur ganz kurz, nur eine halbe Stunde.“

„Nein. Nicht. Es wäre ihr schädlich. Nicht wahr, kann sich der Arzt darauf verlassen?“

„Wollen Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen?“

„Weil sie ernstlich erkranken würde und weil es Gefahr für sie hätte. Sie würde ja auch nicht ruhig zu Bett liegen, sie würde nicht.“

„Ich will gewiß nicht hingehn, wenn es so ist,“ sagte Renée.

Geldern nickte. „Sehn Sie,“ sagte er, „Yvonne will so schon niemals liegen. Sie haßt jede Erinnerung an Krankheit und Unvermögen. Und das Leben ist ihr so sehr bedeutungslos.“

„Ist sie sehr krank?“ frug Renée.

Geldern sah sie an, dann wandte er den Kopf – er sagte: „O nein, ich sorge mich nur, ich habe sie sehr lieb, wie Sie wissen.“ –

Graf Pourtalès redete Renée an: Ob Renée Genf bereits kenne. Er empfahl eine Promenade auf der Jetée, am Abend natürlich – ja und das Schloß Rousseaus sei äußerst beachtenswert.

„Sie werden von Ihrem Hotel die Stelle am Kai sehen, wo die unglückliche Kaiserin einer Bubenhand zum Opfer fiel,“ sagte Graf Pourtalès – „Auch das Monument Brunswick dürfte Sie als Deutsche“ – er unterbrach seinen Satz, sprang auf und überreichte Renée eine Karte, die ihm eben der Kellner gegeben hatte. Renée las: Yvonne Capeller – und Geldern sah es. „Wie,“ sagte Geldern, „meint das, sie ist hier?“ Er sprang hastig auf, Renée folgte ihm.

Draußen kam ihr Yvonne entgegen.

Geldern ging voran, er öffnete die Tür zu Renées Zimmer, er schob ihr einen Sessel vor.

„Was tun Sie?“ fragte er, „Yvonne, wie konnten Sie?“

Sie legte langsam die Hand auf seinen Arm, sie sagte nichts. Aber Renée stand an der Tür. Yvonne Capeller wandte die Augen und lächelte Renée zu.

Dann ging Geldern. Er wolle sie erwarten, sagte er.

Einen Augenblick schwiegen sie. Dann – „Ich konnte es nicht,“ sagte Yvonne. „Ich wollte wohl. Habe ich viele törichte Dinge gesagt gestern abend – habe ich –“

Renée kam zu ihr und nahm ihre Hand und küßte sie.

„Ich wollte ausweichen,“ sagte Yvonne, „aber es ergriff mich und brachte mich her – du – du, Renée!“

Yvonne lehnte den Kopf zurück. Still saß sie, und sie sah Renée an mit ihren lächelnden Augen.

Brauchte man gar nicht zu sprechen, konnte man so neben einem Menschen sein und seine Hand halten und ihm in die Augen sehen – so wie Renée jetzt tat – und war dann alles gut? –

„Du hast lächelnde Augen,“ sagte Renée, „von deiner Hand kommt es so gut und warm in meine.“

„Du lachst ja mit den Augen, Renée, du bist es, die lacht.“

Renée sagte: „Siehst du den See? Bald werden die Berge rot drüben. Dann habe ich immer an deinen Namen gedacht.“

„Nicht an mich?“

Renée lachte: „An dich? Aber ich kannte dich ja nicht.“

„Warum also kamst du nicht schon lange? Das ist doch deine Schuld, Renée.“

Renée strich über Yvonnes Hand. – „So weiß ist deine Hand, Yvonne – Yvonne.“

„Ist das ein Gedicht?“

„Nein doch,“ sagte Renée. „Nur deines sind Gedichte. Kein Mensch in der Welt kann Gedichte machen wie du.“

Wie sonderbar fest Yvonne Renées Hand anfaßte.

„Was hast du, Yvonne?“

Yvonne lächelte. „Nichts. Was denn. Ich freue mich wohl.“ –

Sie sahen beide nach den Bergen auf der anderen Seite des Sees. Da – war es nicht schon ein wenig rot? Hell purpurne Streifen sah Renée in den Felsenschluchten drüben, und dann stieg die Glut hoch – so schön – so schön, wie Renée es noch nie gesehen hatte.

„Yvonne!“ Renée zeigte auf die Berge. Sie sah Yvonne an, aber Yvonne hielt das Gesicht in den Händen.

Geldern kam. Er wollte sie nach Haus begleiten. Renée könnte ja mitkommen. Natürlich würde er einen Wagen holen.

Er sagte das alles halblaut zu Yvonne, er sagte es sehr vorwurfsvoll. Yvonne sah ihn an. Ihre Augen wurden in einer sonderbaren Weise groß und vorherrschend in ihrem Gesicht. „Ich will nicht, daß Sie so zu mir sprechen, Geldern,“ sagte sie. „Ich will nicht, daß Sie so gegen meinen Willen einschreiten, lassen Sie mich!“

Renée wollte reden, sagen, daß Geldern doch recht hatte, daß Yvonne –

Aber wie konnte sie reden. Wie sollte sie vorbeireden an diesen beiden großen Augen.

Geldern ging. Er sah Yvonne nicht an.

„Nun ist dein Berg rot, Renée, nun wird er ganz purpurn, freut dich das?“

„Ja,“ sagte Renée. „Heut tut er es dir zuliebe –.“

„O, Renée, wie bist du gekommen. Wie ein Schirokko bist du mir ins Haus gefahren. Kennst du den Wind? Er macht müde und warm. Ganz warm. Er fühlt sich schmeichelnd an und sanft. Kennst du den? In der Nacht? Dann kommt er mit dumpfen Stößen, so als wäre es ein Beben und gar kein Wind.“

„So bin ich gekommen, sagst du –“

„Ja, so,“ sagte Yvonne leise.

Renée lachte: „Aber gar nicht aus dem Süden. Da war ich noch nie. So dumm und ungebildet bin ich.“

„Wir wollen dahin gehn,“ sagte Yvonne, „du und ich. Da wohnen wir in einem kleinen, weißen Palazzo, wohnen wir – ja – und fahren aus in unserer Gondel jeden Abend, dahin, wo man nichts mehr sieht vor Dunkelheit auf dem Meer.“

Renée streichelte Yvonnes Hände: „Das tun wir, du und ich.“

„Nun will ich gehn, Renée.“

Sie gingen am See.

„Das ist schön. Ich wußte nicht, wie schön,“ sagte Yvonne, „das ist von dieser schmerzlichen Schönheit, die weinen machen kann, aber wir weinen nicht.“

Renée lachte: „O, wir nicht.“

Yvonne sagte: „Du nie mehr, hörst du wohl?“

Renée stand vor Sarah an diesem Abend. „Ich reise nicht,“ sagte sie, „ich tue es nicht.“

„Aber es ist doch alles verabredet.“

Renée lachte bloß.

„Du kannst doch nicht plötzlich hier allein bleiben,“ sagte Sarah, „wie denkst du dir das etwa?“

„Gar nichts denke ich mir – gar nichts.“

Sarah entrüstete sich. – „So und so viele Jahre sind wir zusammen, haben Freud und Leid geteilt, und nun auf einmal willst du mich allein lassen wegen einer wildfremden Person.“

„Rede nicht so. Und mein Gott – wir haben gar nichts miteinander geteilt, gar nichts. Das ist Unsinn.“

„Ich bin aber leidend. Das siehst du doch,“ sagte Sarah. „Und wenn ich gewußt hätte, daß du so auf einmal gehen würdest – Aber so ist dies: Neulich erst hast du mir gesagt, du würdest bei mir bleiben, und dein Bruder wollte es doch.“ Sarah sah Renée an wie ein enttäuschtes Kind; wie ein Kind, das um seine Freude kam, sah sie aus.

„Sarah, sprich nicht so. Du mußt das sehn, ich kann hier nicht fortgehn. Es ist das erste Mal, daß ich nicht kann. Glaube es doch!“

Sarah sprach weiter: „Ich halte es nicht aus allein. Nein, dann macht es mir gar keine Freude, und ich habe mich so fest auf dich verlassen.

„Wir könnten ja die Reise ein bißchen noch aufschieben und dann –“

Renée wollte zusagen. Irgend ein Leichtsinn kam in ihr auf. Es würde sich dann schon irgendwie ergeben. Warum sollte sie denn auf Sarahs tragische Reden eingehn.

„Willst du es denn dann, Renée?“ frug Sarah.

„Nein, Sarah, in Wirklichkeit nicht. Ich kann nicht fortgehn, nicht morgen und auch nicht späterhin. Das ist alles. Ich kann nicht.“

Sarah sah Renée groß an. „O, so,“ sagte Sarah. „Ist es das.“ Dann kam ein affektiertes kleines Lächeln in ihr Gesicht. – „Das muß ja eine Circe sein,“ sagte sie. „Wenn ich mir vorstelle, was dein Vater dazu sagen würde und die liebe Elisabeth – es ist sehr drollig.“

„Kannst du denn nichts auf der Welt ernst nehmen, Sarah, muß alles in dieser unreifen Art abgetan werden?“

Sarah fuhr ihr entgegen. „Unreif! Wie – was erlaubst du dir, Renée. Du bist unverschämt.“

„Ich fange an, die Unterhaltung mit dir satt zu sein,“ sagte Renée. Sie ging zur Tür.

Sarah kam ihr nach, griff ihre Hand: „Renée, laß mich doch nicht so allein. Du kommst nach Berlin. Sag es mir!“

Renée lächelte, und sie streichelte Sarahs Hand. „Nein, Sarah. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Aber nicht zu dir.“ – –

Sarah war abgereist. Und am andern Tag kam ein Brief von Yvonne.

Als Renée die Treppe hinunterging, kam ihr Geldern entgegen. Er lief schnell an ihr vorüber. Dann kehrte er wieder um und sprach sie an: „Gehn Sie zu Yvonne?“

„Ja.“

„Sie liegt zu Bett. Sorgen Sie, daß sie nicht aufsteht,“ sagte Geldern.

„Ja, ich will sie bitten, Herr von Geldern. Aber wenn sie doch will!“

„Aber sie darf nicht. Sie ist sehr krank. Sie ist ja neulich nachts ausgegangen.“

„Aber es war doch so warm.“

„Sie ist seit drei Jahren abends niemals ausgegangen.“

„Was ist es, Herr von Geldern? Sagen Sie es mir doch. Ich habe Furcht.“

„Ach, Sie sehn es ja.“ Geldern riß plötzlich seinen Hut ab und sagte, daß er gehn müsse. Ja, ein Patient erwarte ihn auf Nummer sechsundneunzig. Das hätte er fast vergessen. –

Renée war bei ihr. Immer saß Renée neben ihr und hielt ihre Hand.

Renée sah sie an den ganzen Tag, darüber vergaß man, daß es Menschen gab und Städte und Länder. Man vergaß es gern. Man sah ihre schönen, stillen Hände.

„Renée.“ – „Ja.“ – „Wirst du gar nicht in den Garten gehn heute?“

„Nein, Yvonne.“

„Aber du bist auch gestern nicht gegangen und vorgestern nicht.“

„O, weißt du das?“ sagte Renée.

„Willst du nicht einmal sehn, ob der Flieder schon blüht?“

Renée sagte: „Nein. Das merkt man dann schon.“

„Du wirst müde werden und traurig und beschwert, wenn du immer im Zimmer bist.“

„Du bist ja auch im Zimmer, Yvonne.“

Yvonne lächelte: „Aber seit du da bist, ist es schön. Früher war es nicht sehr schön.“

Renée sagte: „Einmal hat mein Bruder dich prophezeit, Yvonne.“

„Wie?“ – „Ja – dich. Er sagte: Der Mensch, der dir die Erde heimisch werden läßt. – Du, Yvonne.“

„Bin ich das? Sagst du, daß ich das bin?“

Renée nickte, streichelte ihre Hand – immer lag die Hand still auf der Decke, als wäre sie von weißem Stein.

„Aber es ist trotzdem nicht gut,“ sagte Yvonne.

„Was ist nicht gut?“

„Ein anderer Mensch wäre dir besser Renée.“

„Willst du das wissen?“ sagte Renée, „bist du so klug!“ Sie lachte. „Ganz töricht bist du – du!“

Yvonne sagte: „Doch, ein anderer wäre besser. Denn es soll froh machen, sich lieb zu haben.“

„Aber ich bin froh,“ sagte Renée.

„Ah Renée – dieses Unvermögen, dieses kleinliche Unvermögen sollte nicht dabei sein.“

Renée sah sie an. Wie traurig ihr Mund aussah – dieser Mund. – Manchmal war ein Zucken um ihn, das sah zu sehr nach Schmerz aus.

Yvonne sagte: „Wir wollen ausdenken, was alles man tun kann. Ich denke so gerne aus.“

„Der Palazzo,“ sagte Renée, „wird im Herbst bezogen. Und wir müssen ihn wunderschön einrichten, weil er doch nur ein ganz kleiner Palazzo ist, können wir das. Und dann wohnen wir dort Jahr für Jahr, außer wenn es so sehr heiß ist.“

Yvonne lachte: „Sagst du Jahr für Jahr. Und nie wo anders?“

„Nie wo anders.“

„Erzähle weiter, Renée.“

Renée sagte: „Manchmal bei ruhiger See fahren wir ganz weit ins Meer hinein nach irgend einer Insel zu, und dann haben wir Essen und Wein im Boot, und wenn wir zurückkommen, ist es schon Nacht. – Ich glaube, auf dem Wasser ist die Nacht sehr schön.“

„Ja,“ sagte Yvonne.

„Ich glaube, man könnte draußen bleiben, bis es Tag wird, wenn man Kissen mitnähme und Decken. – Du liegst dann im Boot, und ich mache dir von Decken und Kissen ein ganz ordentliches Lager, ganz so schön wie dein Bett.“

„Ach, viel schöner als mein langweiliges Bett,“ sagte Yvonne.

Renée lachte. „Natürlich. O, ich kann es mir so schön ausdenken: über dir stehen die Sterne.

„Dann sollst du auch deinen Kopf in meinen Schoß legen oder in meine Hände.“

„In deine Hände, Renée?“

„Vielleicht wäre dir das gar nicht so bequem, wie ich eben dachte,“ sagte Renée.

„O, es wäre gewiß wunderschön.“

Immer sah Renée ihre schönen, stillen Hände – aber manchmal bewegten sich doch ihre Hände. Wenn es schon dämmrig war. Und einmal, als Renée zufällig hinsah, da bebten sie – nur ganz wenig, aber so, daß Renée es sah.

„Was hast du? Hast du Schmerzen?“

Yvonne schüttelte den Kopf. „Nein, keine Schmerzen. Es ist nur Ungeduld.“

„Warum liegst du so viel im Zimmer? Das ist dir nicht gut, glaube ich, Yvonne.“

„Bald stehe ich auf,“ sagte Yvonne.

Alle Tage kam Geldern. Renée sah ihn nie. Sie wartete immer auf ihn und wollte ihn sprechen, fragen – aber er lief mit einem Gruß und wenigen Worten davon. Wie sonderbar er war. Renée dachte: Ob er mir irgendwie böse ist? – Einmal traf sie ihn, als er ging. Sie sagte: „Sie dürfen mir nicht fortlaufen, Herr von Geldern. Ich muß einmal sprechen mit Ihnen.“

Er stand vor ihr und schwieg. Renée meinte, daß er sie sonderbar ansähe. Denn er hatte das Gesicht halb weggewandt, und dennoch blickten seine Augen auf Renée.

„Was ist es, was hat Yvonne?“

Geldern sah vor sich nieder. Er stieß seinen Stock auf die Spitze seines Schuhs nieder, immer wieder mit einem kleinen, irritierenden Laut stampfte er den Stock nieder.

„Ich weiß, daß Sie mir dabei etwas verstecken, Herr von Geldern. Ich sehe, daß sie krank ist.“

Er lachte auf: „Sehn Sie das wirklich? Sahn Sie das auch, als Sie es zuließen, daß Yvonne am Spätabend vom Hotel nach Hauteville ging?“

„Nein. Ich wußte ja nichts. Aber nun sehe ich es doch.“

„Gut dann. Warum fragen Sie mich noch?“

„Ich werde Yvonne selber fragen.“

Geldern griff nach ihrer Hand, er sprach in großer Erregung: „Sie dürfen das nicht, Fräulein von Catte, versprechen Sie es mir. – O, Sie dürfen nicht.“

„Dann sollen Sie es mir sagen.“ Geldern nickte. Sie gingen den Wiesenweg, der zum Bahnhof führt.

„Yvonne will nicht, daß Sie es erfahren. ‚Sie sollen Renée die Freude nicht verderben‘, sagt sie. ‚Denn Renée denkt es sich gerne aus. Renée denkt sich so gerne Märchen aus von dem Leben. Sie sieht doch bald genug, wie es ist. Renée soll Freude haben, Renée soll nicht beschwert werden.‘

„Yvonne sagt: ‚Wenn ich sterbe, darf Renée nicht hier sein. Nein. Sie würde das schwer vergessen, weil es sehr schrecklich aussieht. – Sie soll es auch nicht gleich erfahren. – Man soll es ihr zusammen mit irgend einer großen Freude sagen. Man muß eine Freude finden für sie.‘“

Geldern schwieg, dann kam ihm das Schluchzen und Tränen.

Renée weinte nicht. Sie ging fort.

Schnell ging sie. Im Wald stand sie still. Dann kam es, daß sie wankte und daß ihre Füße begannen zu zittern, als verschöbe sich der Boden, auf dem sie stand – sie griff nach den Baumstämmen, irgend ein großer Stamm hielt sie auf.

„Wenn ich sterbe“ – Renée sprach es sich vor. Es klang, aber es wollte nicht hinein in ihr Herz. Ihr Herz hörte es nicht, es lächelte dazu, es lächelte zärtlich, ihr Herz. –

Sie mußte es auffassen, sie mußte es richtig überdenken, eins nach dem andern. Sie dachte, wie weiß und still Yvonnes Hände waren. War das, weil sie sterben würde?

Waren ihre Augen so weich und schön, weil sie sterben würde – und sprach sie darum so sanft und leise?

O, war all diese süße Schönheit vom Sterben gekommen?

„Bist du müde, Renée?“

Renée sah sie an. Renée war bei ihren um ruhigen Gedanken. „Nein,“ antwortete sie.

„Erzähle, Renée, wo werden wir im Sommer sein?“

Renée versuchte zu lächeln, sie konnte lächeln, ihr Herz glaubte es ja gar nicht.

„Gehn wir am Ende da in meine Heimat,“ sagte Renée. „Dann nehmen wir irgend ein Haus, das an einem See steht, weißt du, das tun wir wegen der Abende. Denn da geht die Sonne unter ganz rot wie von Feuer und schöne, feurige Lichter kommen auf die Kiefern. Die Stämme können aussehn wie Fackeln, wenn die Sonne so untergeht –.“

„Das ist schön, wenn die Bäume Fackeln sind.“

„Willst du das sehn – ja – o, schön ist es,“ sagte Renée, und wieder lächelte sie, denn ihr Herz war leicht und zärtlich.

„Und warum sollten wir nachts in das Haus gehn. Wir haben da einen offenen Balkon am See, – da schlafen wir. Und ehe man einschläft, sieht man nichts als Sterne, denn man liegt und hat das Gesicht nach dem Himmel gewandt.

Und morgens, wenn man aufwacht, dann ist der Himmel weiß-blau und ein wenig dunstig noch – und seitwärts verblaßt ein weißer Mond.“

„O, wie schön du sprichst, Renée. Ich liege mit geschlossenen Augen und denke deinen Worten nach, ich lebe in ihnen, so als wäre ich blind und nur du sähest.“ Yvonne lächelte. „So weit geht diese wunderliche Täuschung, daß ich die Luft solcher Sommernächte spüre.“

„O, die ist gut und weich,“ sagte Renée, „die spürt man kaum. Gar kein Schirokko ist da, der diese dumpfen Stöße tut.“

„Nein, die Winde in Deutschland sind nicht böse und unheimlich. Sie kommen groß dahergefegt und machen es kalt und wirbeln mit trockenen Blättern. – Und wenn sie sich warm anfühlen, dann ist es, weil die Sonne so warm ist,“ sagte Yvonne.

Renée schwieg. Renée wollte doch weiter erzählen von zu Hause, von Groß-Gehren, das sie Yvonne zeigen würde, sie hatte doch weiter sprechen wollen, und nun schwieg sie, warum schwieg sie? – Eine Angst stieg auf in ihrem Herzen, eine unruhige Angst. Ihr Herz wollte weinen.

Renée stand auf und ging zum Fenster. Sie stand dort. Nicht daß sie weinte, richtige Tränen waren es nicht, nur sie fühlte, daß ihre Augen zitterten, und gewiß sah ihr Gesicht traurig aus, obwohl sie das gar nicht wollte.

Eine Regenzeit kam. Eine Zeit, wo der See unten schwarz aussah oder grau mit weißen Schaumkämmen. Tag und Nacht raschelten die Bäume im Garten ihre Zweige aneinander, Tag und Nacht klapperte der Regen auf der Steinterrasse, rauschte der Regen. –

Yvonne lag unruhig. Sie stützte den Kopf in die Hand und sah hinaus, immer hinaus, so, als müsse sie einem Dinge nachsehen, das draußen verginge in den Kronen der großen Bäume.

Geldern war bei ihr. Er ging nicht mehr fort. Er war in ihrer Nähe. Er stapfte hin und her vor der Terrasse im Regen. Das Wasser prasselte auf seinen Hut und Mantel.

Manchmal stand er still und sah auf das Haus.

„Erzähle mir, Renée, sag etwas, du sprichst nicht.“

Renée sah sie an und versuchte zu lächeln. „Schliefest du nicht?“

„Nein.“ sagte Yvonne. „Ich sah dich an.“

„Wovon soll ich erzählen?“ frug Renée.

„Noch einmal von dem See, wo wir wohnen werden.“

„Ja, der See. Wir werden viel rudern,“ sagte Renée. „Wenn wir auf dem Wasser sind des Abends, wird es dunkel, und wir müssen dann nach dem Licht zu fahren, das angezündet ist in unserem Haus. Denn es ist so dunkel draußen.“

„Wie dunkel, Renée?“

„So dunkel, daß ich nur dein Gesicht sehn kann, Yvonne.“

„Wie du schön erzählst,“ sagte Yvonne. „Was dann?“

„Wenn wir zurückkommen in den Garten, zünden wir Lichter an in kleinen, bunten Lampions, die brennen unter den Bäumen. Das tut man so im Sommer.“

„Das ist noch lange hin,“ sagte Yvonne.

„Nicht sehr lange. – Der See ist still. Nur sehr von fern hört es sich an, wenn manchmal der Wind Geräusche herüberträgt. Ganz allein sind wir dann, du und ich. So allein, daß nur Töne, kaum noch die Töne zu uns herüber können von fern. Ja – wenn wir dann wieder zurückgegangen sind ins Haus, dann liest du mir vor, Yvonne.“

Yvonne frug: „Was lese ich?“

„Die schönen Gedichte.“

„O, lese ich die – das müßte gut sein, Renée.“

Renée schwieg nun. In ihr war etwas, das wehrte sich gegen das Sprechen. Das wollte nichts wissen von all diesen freundlichen Dingen, das wollte nicht – und dann ein anderes. – Sie sagte: „Wir werden abends am See sitzen, Yvonne. Weißt du, es gibt einen Ton, den liebe ich. Wie ich ihn liebe. Das ist zu Haus immer gewesen am Wasser.“

„Das liebst du?“

„Ja, und es gibt nichts, was so traurig macht und so wehmütig.“

„Was ist denn das? Ist es eine Musik?“ frug Yvonne.

„Nein, gar nicht.“

„Ist es Gesang also?“

„Nein,“ sagte Renée „Es kommt nicht einmal von Menschen. Es ist das Quaken der Frösche in den Frühsommernächten.“

„Und dann ist Renée immer traurig geworden?“

Renée lächelte. Yvonne sagte: „Ganz wehmütig ist die kleine Renée geworden. Sag mir, werden wir nun alle beide traurig, wenn sie da bei uns quaken am See in der Nacht?“

„Nein,“ sagte Renée. „Wir gar nicht. Wir natürlich nicht. Man wird es nur, wenn man allein ist.“

„Du sollst nicht allein sein, Renée.“

„Du bist ja bei mir.“

„Ja, ich bin bei dir,“ sagte Yvonne.

„Sag mir, Renée, gibt es Pappeln dort?“

„Ja, freilich gibt es. Sie stehn am Ufer entlang oder zu beiden Seiten der Fahrstraßen. Sie haben grausilberne Blätter, und wenn Wind ist, der rieselt durch die runden Blätter gerade wie Regen.“

„Tut er das, Renée?“

Renée lachte. „Du, wart, du lachst mich aus, wenn ich erzähle.“

„Gar nicht. Nur ich stelle es mir vor, und dann muß ich so sehr in das hineindenken, was du erzählst, so daß ich mich sehne nach deinen Pappeln – und nach dem süßen, sanften Frühling.“

„Und wir haben doch gerade Frühling.“

„Nein,“ sagte Yvonne, „der ist nicht sanft, der nicht.“

„Aber im Garten ist er. In deinem Garten ist er schön, Yvonne. Wo die Weide ganz dünne, hellgrüne Büschel herunterhängt.“

Yvonne sagte: „O, sprich nicht davon.“

Yvonne schloß die Augen. So lag sie lange. Renée saß neben ihr und sah sie an. Sah, wie dies fremde, schmerzliche Zittern in ihr Gesicht kam. Sah, wie das Gesicht wieder still wurde und unbewegt.

Sie streichelte Yvonnes Hände.

„Geh, Renée, laß mich eine kleine Zeit allein.“

„Yvonne!“

Yvonne lächelte: „O, geh doch.“

Draußen war Geldern. Er ging leise an die Tür, als Renée herauskam, und öffnete. Dann kam er wieder. „Sie will allein sein,“ sagte er.

Renée frug ihn, wollte wissen, wollte Antwort.

Er sagte: „Lassen Sie, es ist nicht Yvonnes Wunsch.“

Die Nächte waren still und sanft und hatten süße Gerüche. O, die Nächte waren schön – die Nächte.

Yvonne lächelte doch, wenn sie den Himmel sah, den besternten Himmel. Sie sagte: „Gut tut die Dunkelheit. Man kann ausruhen. Alle Dinge geschehen, die geschehen müssen. Aber man weiß es nicht.“

Dann lachte sie: „Renée, ich möchte tanzen mit dir. Ich möchte einmal tanzen. Das müßte ganz wild gehn nach einer tollen Melodie.“

Renée sagte: „So, daß wir gar nicht wieder aufhören könnten. Das ist das Schönste.“

„Tanzt du gern?“ frug Yvonne.

„Ja, früher schon,“ sagte Renée, „ganz gern.“

„In den Garten wollen wir viele Rosen hineintun, Renée, fast nur Rosen. Dann schneidest du manchmal große Sträuße von Rosen. Die sollst du neben mich stellen.“

„Du sollst mit mir schneiden, du sollst gar nicht so faulenzen,“ sagte Renée.

„Ich darf faulenzen.“

„Gar nicht faulenzen darfst du. Sonst bekommst du keine Rosen.“

„Du gibst sie mir noch, Renée.“

Yvonne sprach nicht. Sie sagte nicht mehr: Erzähl mir, Renée. Sie sprach nicht mehr von all den süßen Dingen, die Wind heißen oder Frühling oder Rosen. Renée saß bei ihr. Am Tage schien die Sonne hinein und es war warm draußen. Die Sonne machte es grell im Zimmer. Da war nichts von dem sanften Grau, das die Schatten der Gegenstände bekommen bei der Dämmerung. Hart und unvermittelt standen sie da vor der Wand. Die Wand war grell weiß.

Dann saß Renée den ganzen Tag und sah Yvonne an. Aber ihr Herz war leer und ihre Seele war leer. Sie konnte nichts fassen von allem, was vor ihr geschah. Sie konnte es nicht fassen, daß Yvonne fortgehn würde.

Sie suchte auszudenken, was der Tod war. Sie suchte diese Erkenntnis ihrem Herzen aufzuzwingen. Aber das wehrte sich – wehrte sich.

Es kam ein Brief von Elisabeth. Renée mußte sich richtig besinnen, wer es war, und was man von ihr wollte. Eine ganze Weile las sie daran, daß Papa empört sei, weil Renée die kranke Sarah so im Stich gelassen und sich zu dieser fremden Dame begeben habe, um sie zu pflegen. Außerdem fürchte Papa die Ansteckung für Renée, denn wie sie durch Sarah erfahren hätten –

So lange las Renée, ohne daß es an sie herankam. Und dann einen kurzen Augenblick fühlte sie ein kleines Stechen im Herzen. Das ging vorbei.

Am Schluß standen ein paar Phrasen, wie Elisabeth sich sorgte um Renée.

Nein, das konnte nicht an sie heran. Das war aus einer fernen, fremden Welt, in die weder Schmerz noch Glück sie zurückbringen konnten.

„Renée, hast du nicht Sehnsucht nach zu Haus?“ sagte Yvonne.

„Nein, gar nicht.“

„Sagen sie nicht, du sollst kommen und sind dir böse darum?“

„Nein,“ sagte Renée. „Sie brauchen mich nicht. Ich ginge auch nicht.“

„Aber du solltest gehn, Renée.“

Renée erschrak, sah sie an. Warum sagte Yvonne das? Warum sprach sie mit dieser traurigen, stillen Stimme – ja, Renée erschrak. –

„Gingest du doch, Renée. Soll ich wissen, daß ich dich – o, dich so sehr beschwert habe.“

Renée sagte: „Nicht doch – wie redest du. Ohne dich zu sein ist schwer und mit dir ist es leicht.“

Yvonne sah sie an. Ihre Augen waren eine lange Zeit groß und fragend auf Renée gerichtet.

Renée lächelte. Renée fühlte einen zitternden, kleinen Schmerz. Sie hielt ganz fest die Lippen zusammen, damit es keinen Laut gäbe – und lächelte.

Yvonne streichelte ihre Hände.

„Es ist nicht leicht für dich,“ sagte Yvonne. Dann zog sie Renée an sich.

Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.

Danach war es gut. So gut. Renée war nicht mehr allein mit diesem entsetzlichen Wissen. Nein, nicht mehr. Sie brauchte nicht mehr Scherze zu machen und kleine, leichtsinnige Reden.

Sie brauchte nicht mehr zu lächeln, wenn sie so sehr traurig war. –

Ein Tag kam, der wieder warm war und Sonne hatte. Durch das Fenster kam der Erdgeruch herein, den der Regen gebracht hatte, und alle Blumen rochen so gut. Aber am süßesten war der Geruch des Flieders.

Yvonne sagte: „Ich will in den Garten. Ich muß in den Garten.“

Renée wollte sie nicht lassen. Sie sagte: „Du wirst kalt haben, weil es schon Abend ist. Und dann hat Geldern es doch verboten. Tu es nicht, Yvonne.“

Yvonne schüttelte den Kopf. Sie nahm Renée an der Hand. „Geh du in den Garten.“

Renée sagte: „Nein, er mag mich nicht ohne dich, und ich mag ihn nicht ohne dich.“

„Tragt mich hinaus, Renée.“

Renée wollte nicht. Renée wehrte sich den ganzen Tag.

„Renée.“ – „Ja.“ – „Blüht auch der weiße Flieder?“

„Ja, der auch,“ sagte Renée.

„Blühen die Kastanien?“ – „Ja.“

„Ach, die sind schön dies Jahr,“ sagte Yvonne. „Sind sie nicht wie große Weihnachtsbäume? Sind da Kastanien an dem See, von dem du erzählst?“

„Ich denke. Und Linden sind da,“ sagte Renée, „und sieben Pappeln oder fünf, ich weiß nicht.“

„Muß man die zählen? Und sag, ist Flieder da?“

Renée nickte.

„Renée, glaubst du, daß es Menschen gibt, die niemanden lieb haben?“

„Nein, wie sollte es das geben?“

„Glaubst du nicht?“

„Nein,“ sagte Renée. „Sie würden gar nicht leben mögen vor lauter Sinnlosigkeit.“

Yvonne sah so sehnsüchtig hinaus in den Garten. „Mach doch die Fenster weiter auf. Es ist zu heiß, Renée.“

Renée ging zu den Fenstern. Die Luft kam schwer und warm mit dem süßen Geruch der Blumen. Zum See hinunter war es dunkel, und der See war stahlgrau. „Es wird Gewitter kommen,“ sagte Renée.

Gegen Nacht war es da.

Erst fuhr der Wind ruckweise surrend durch die Zweige und Blätter – dann lag er breit über den Blumen, schwenkte sie herum und riß die Blüten ab.

Dann jagte er auf den Wegen mit Blüten und Blättern. Es wurde Sturm. Man konnte die Schaumkämme auf dem See sehen, wenn Blitze waren, und der See wurde eins mit den Wolken – wie groß und unheimlich waren die Wolken.

Renée richtete sich auf im Bett und sah hinaus. Der Baum neben ihrem Fenster fuhr hin und her und schlug klatschend seine Zweige an die Mauer.

Renée spürte den Wind in ihrem Gesicht. Ihr Gesicht war feucht und sie hatte doch geschlafen.

Sie dachte: Ich weiß es, wenn ich schlafe; aber wenn ich wache, kann ich von Leben und Zukunft sprechen.

Sie dachte – an den Tod, der das Ende war.

Wie ist das, wenn ich tot bin, während das Leben weiter geht. Irgend jemand tut einen in den Sarg, und man wird begraben, so wie es Sitte ist, wie auch Hannsbabo begraben wurde.

Grauen kam, kam an ihr Herz. Sie fühlte die Kälte des Windes, als wäre es in ihr und machte ihr Herz vereisen – langsam so kalt werden, daß es nichts mehr fühlte.

Der Baum schleuderte fortwährend seine Zweige gegen die Mauer. Renée fuhr auf. Immer noch spürte sie den Wind im Gesicht, und sie fühlte eine fremde Last auf ihrem Herzen. Das machte sie schwer und mühsam atmen.

Es war, als käme keine Luft. Dann fühlte sie ihr Herz klopfen, und einen Augenblick fühlte sie es nicht mehr. Sie begann zu laufen, schnell die Treppe hinunter durch den Gartensaal. – „Yvonne!“

Yvonne war am Fenster. Sie saß und sah hinaus und dann lächelte sie Renée zu. –

Am andern Tag sah Renée Doktor von Geldern, als er aus Yvonnes Zimmer kam. Und sie sah, daß er weinte, oder hörte es nur vielleicht. Renée ging leise hinein.

Yvonne – sah Yvonne sie nicht? Renée ging ganz leise auf den Fußspitzen, und dann saß sie am Bett, dann faßte sie Yvonnes Hand und hielt sie fest.

Renée horchte auf die Tropfen des Regens, die vor dem Fenster auf das Steinpflaster fielen. Horchte und atmete ganz leise, so als dürfte man nicht das Geräusch der Tropfen stören.

Wußte sie es nun, war es nun ganz in ihr Herz eingedrungen? – Ihr Herz war still. Warum weinte sie nicht. Warum sollte sie weinen? –

Renée dachte: Worauf habe ich doch so lange gewartet, habe ich nicht auf dich gewartet, weil ich meines Lebens Ziel suchte?

Bist das nun du?

Ist es meines Lebens Ziel, daß ich mit dir gehe, wohin du gehen wirst?

So dachte Renée.

Leicht war ihr Herz.

Sie dachte: Müßte ich dich zurücklassen, dann würde ich weinen.

Es ist süß, mit dir gehn. –

Der Abend machte es still im Garten. Renée hörte nicht mehr den Regen.

Renée hielt Yvonnes Hand, und immer sah sie in das weiße Gesicht. Das schien zu lächeln unter den Schmerzen.

Und Renée fühlte in dem zitternden Schauer, der ihren Körper durchlief und bei ihrem Herzen zurückblieb – fühlte sich dem äußersten Erleiden so nahe, als müßte sie selber fort mit diesem so geliebten Leben.

Wußte sie nun alles? – O, es gab nichts Größeres als diesen Menschen. Und Yvonne – sie litt nicht, wie andere Menschen leiden.

Nichts rührte sie an von jenen grauenvollen Häßlichkeiten, als ginge sie still geworden in die Sonne hinein, in die Sonne, die ihres Herzens große Wärme aufnehmen würde.

Die sanfte Hand berührte Renée. Die so geliebte Stimme sprach: „Bist du nun doch bei mir bis in das Letzte hinein, Renée? Nehme ich denn nicht deine liebe Jugend mit fort, wenn du alles dieses ansiehst?“

Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.

Renée umfaßte sie mit dem Gefühl von Nie-lassen-wollen.

„Laß – ich bleibe bei dir, Renée. Du nimmst mich überall hin auf der Erde, wenn ich auch gestorben bin.“

Renée sah die Qual in ihren Augen, und sie fühlte, wie ihr eigner Körper schlaff wurde und zuckte, und ihre Kniee ließen nach, so daß sie niedersank neben dem Bett.

„Nein – nein, du gehst ganz fort! Nichts bleibt bei mir. Du kamest, damit ich dich verlieren sollte. Nichts wird sein als diese jämmerliche Erde, wo du nicht bist.“

Die sanfte Hand berührte Renée.

„Nein – nein. Ich will nicht! Soll ich leben, um jeden Tag zu fürchten, der kommt und mich wissen macht, daß du nicht lebst. Soll ich das Leben, auf das ich mich so freute, soll ich es gehn lassen mit dir?“

Yvonnes Hand tastete nach Renée. Und dann kamen Laute wie die eines gehetzten Tieres und ein Aufwärtswollen.

Es kam das Grauen.

Aber es gab doch den Tod. Es gab, was ein Ende macht. Es stand neben dem Bett, ganz nah. Wenn man es trank –

Yvonne streckte ein wenig die Hand aus. Renée schob das Glas beiseite, nach dem sie die Hand ausstreckte.

„Aber ich lasse dich nicht! Du mußt noch bleiben.“

Renée fühlte eine Starrheit des Willens über ihre Seele gleiten.

Es war, als fühlte sie nur noch diesen Willen. – „Ich will dich behalten,“ sagte sie.

Groß öffnete Yvonne die Augen. Sie lächelte, und mit einer fremden, stillen Stimme sagte sie: „Renée, ich will es leiden um dich!“ –

Also kam das Leben zurück.

Es würde aufstehn über dem Tod – der große Wille hatte den Tod beiseite geschoben. –

O, das Leben war noch da. Man konnte die Sonne draußen sehn, die hinglitt über die Blumen im Garten und über den Rasen. – Das Leben war noch da. Das, von dem man nicht lassen kann, weil es so schön ist und noch so unbekannt.

Wer hatte den Tod rufen wollen – o Torheit.

Renée zog Yvonne an sich und küßte ihr Gesicht. Yvonne lächelte, lächelte mit zitternden Lippen. Sie sagte: „Ich will warten, bis du mir den Tod schenkst – – laß es bald sein.“ –

Renée fühlte den Willen nicht mehr, fühlte nur Zärtlichkeit in ihrer Seele –

Sie küßte Yvonne die Augen,

Und ließ sie trinken. –

Dann trank auch sie.

O, wie süß ist es, so einzuschlafen – – –

Illustration from Das Leben der Renée von Catte: Roman

Die Verse auf Seite 95 sind einem Gedicht von Toni Schwabe entnommen.

Buchdruckerei Roitzsch Albert Schulze, Roitzsch

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

... ungern allein.“ – „Aber ich konnte doch mitkommen.“ ... ... ungern allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ ...

... was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinsky. ... ... was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. ...

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