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Das Land unserer Liebe

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung unter den Genossen geschehen ...

Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich: Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war, hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben, während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da war Antje gekommen — schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte Clas bescheiden gefragt ... Ach — es sei nur, daß sie sich so sehr auf die Musik gefreut habe ... Ei — da könne ihr geholfen werden ... ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck — Clas bebte bei der bloßen Erinnerung.

Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden — »die Welt wird schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an die Zukunft des Menschengeschlechts — an den neuen Erdentag — dessen erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut — mit dem Vortrage des Genossen Dragomiroff ...

Ob sie auch kommen würde — sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie, ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin, rot bis in den innersten Winkel der Seele — sie, die Verkörperung der roten Seligkeit ...

Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.

Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge, die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse, weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die harrende Masse gewirkt — dämpfend, beschämend, stimmungmordend ... Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen — Leib an Leib ringsum an den Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf, Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:

»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«

Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.

In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel an der Wand klebte:

»Clas — späl 'n Lütten op!«

Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel, der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte der Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug begeistert in die Tasten — aufbrandete sein Leiblied ...

Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse wurden heruntergesungen:

»Der alte Haß sei tot, die Liebe sei befreit — aus unsern Herzen loht die rote Seligkeit —!«

Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse Dragomiroff ...

Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:

»Musik! Mehr Musik!«

Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf. Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg — ein Sang von der Schmach und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden, seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung — seinem Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat — vom Triumph der Freiheit — jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt — den Männervölkern.

Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige Freiheitslied — kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont —?!

Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats — nein, den Sieg eines brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!

Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit aus ...

Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner braunscheiteligen Freundin sandte — der funkelte geheime Ironie ... Es war der Blick eines Wissenden — eines Liebenden, der hoch über dem Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und eine Ahnende erwiderte ihn ...

Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen — trotz allem — du und ich — ihr und wir?!

Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern — und in Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die — die uns allen, allen einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche, wenn wir — Menschen bleiben wollen?

Die Republikanerin, die Revolutionärin, die — Proletarierin fühlte in dieser Sekunde ganz als Deutsche ...

Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden, deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten — die er nun kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen Ideal, einer neuen Seelenheimat — einem neuen — freien — großen — nach innen und außen großen — wiedergeborenen — Vaterland —

Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...

»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.

Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.

Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...

Die Bestie wachte plötzlich auf — aus dem Abgrunde der Jahrtausende brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die Urnacht ...

Tedje Tietgens schwang die Klingel:

»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«

12

Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der Gastgeber konnte sich's leisten.

Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot nicht herankönnen — solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der Üppigkeit dieses Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen geworden waren.

Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie- und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und Vereinsamung ...

Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale, beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein glänzendes Yankeegesicht ...

Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...

Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte. Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic Lines zu feiern — aber die Herzen der Deutschen feierten das erste Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.

Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch blendender Stein- und Perlenschmuck — die Frackaufschläge der Herren wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der Eisernen Kreuze.

Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers, thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes — nun blieben ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja auch ...

Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen. Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe, alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg bereitgestellt werden.

»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das war eine dumme Frage — vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch ... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«

Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere einander heute wieder die Hand zu reichen wagten —

Lusitania — die Argonnenschlacht — die Vierzehn Punkte.

Dennoch — man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne — es wurde wieder heller in der Welt — die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu zerflattern ...

Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T. L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise einmal abgeschlagen — Robert Timmermanns saß heute, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel — inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft. Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.

Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug, seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H. T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev Carstensen, sein Glas leerte.

Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde — bei diesen Führern deutschen Schaffens war sie wohl aufgehoben.

Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das Kaiserreich gelegt habe.

»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs, der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg, der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien, auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des Präsidenten Wilson — es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«

Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte kein Nerv.

»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit, welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle, welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«

Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter, die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen, Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen, unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer, ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und Empfindens — kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über Staubgeborene verhängt werden können.

Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher Hoffnung.

Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung, ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit aufgefordert haben — vor allem für Sie, Freund Elias Patterson — der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind. Seefahrt ist not — ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen, die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen, daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser Land verbindet, durchqueren soll — daß dies stolze Schiff, dessen Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst, den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen ›Deutschland‹.«

Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung — es klang wie erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.

In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel ...

Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme wieder den alten Vollklang:

»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind dieses Tages, die United Transatlantic Lines — wir begrüßen das freie Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns auftut — wir grüßen die Zukunft — die Zukunft unseres Volkes, die Zukunft des Menschengeschlechts.«

Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch — in stummem, feierlichem Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe der Stunde.

13

Und endlich forderte die Freude doch ihr Recht.

Der Champagner löste die Lippen, beschwingte die Hoffnungen, machte die Augen der Frauen leuchten, entrunzelte die Stirnen der Männer. Die starre, zusammengeraffte Haltung der Deutschen lockerte sich. Man stand in Gruppen, man fand sich zu immer neuer Begrüßung zusammen.

Um Johanna Freimann, um Ilse Carstensen bildeten sich dichte Kreise der Verehrung, der Huldigung. War's nicht fast, als hielten zwei Fürstinnen der Vergangenheit Cercle?

Die Jugend von hüben und drüben drängte sich um den kleinen Wildfang von der Third Avenue. Bessie aber schaute unzufrieden in der Runde der bartlosen, geschniegelten Jünglinge umher, die sie umdrängten ... Sie spähte nach ihrem Lehrmeister — dem Riesen mit dem struppigen blonden Bart ...

Natürlich — da stand er inmitten des Kreises, der sich um Ilse Carstensen drängte ... Um fast seines ganzen Strudelkopfes Länge ragte er aus dem Schwall.

Da schoß ein toller Einfall durch Bessie Pattersons Hirn. »Machen Sie Platz, Gentlemen!« befahl sie und brach sich mit einer Art Schwimmbewegung durch die Fräcke Bahn. Und schon saß sie am Flügel. Sie präludierte im Rhythmus einer Jazz-Band ... Aber dann kam plötzlich ein marschfester Takt in ihr Spiel. Und mit einem munteren Krähstimmchen begann sie zu singen.

Ihre deutschen Verehrer, auf deren Brust fast überall das Eiserne Kreuz prangte, verstummten und erblaßten vor Entsetzen. Aus dem kecken Bubenmündchen der kleinen Yankeemaid klangen Töne und Worte, die sie — — kannten — —

»Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn? Uäß nutzet mich eine schöne Mäddchen, uänn andre mit spätziere gehn — und kussen ihr die Schönheit äbb, und kussen ihr die Schönheit äbb — —

Mit triumphierendem Rundblick ersättigte sich das kleine Ungeheuer an der sprachlosen Verblüffung seiner Hörer — strahlte vor Wonne, als die Gruppe, die sie umdrängte, aus dem ganzen Saale Zuzug erhielt ...

Und plötzlich lachte sie mitten im Liede schallend auf: Ihr Gewaltmittel hatte geholfen — hinter der vier- und fünffachen Reihe staunender, lächelnder, fassungsloser Jünglinge, Männer, Greise, verhalten entsetzter alter und überlegen und abschätzig naserümpfender junger Hamburgerinnen tauchte der blonde Dickschädel ihres Lehrmeisters auf — auch in seinen wasserblauen Augen stand ein humoristisches Grausen ...

Schmetternd trällerte Klein-Bessie:

»Darän ich meine, so gänz alleine, darän ich meine Freude häbb — Darän ich meine, so ganz alleine, darän ich meine Freude häbb —!«

Da klang in ihr tolles Krähen eine empörungbebende Stimme:

»Bessie, finish, please —!«

Elias Patterson, mit entgeistertem Gesicht, drängte sich durch die Menge und klappte mit einem Ruck den Deckel der Klaviatur zu.

Da wirbelte Bessie sich vier-, fünfmal auf dem Klavierstuhl herum, patschte in die Hände wie ein Schulmädel und lachte, lachte, lachte ...

Inmitten des verlegenen Entsetzens, das die Familienszene umgab, klang da ein schmetterndes Echo. Eine Baßstimme, dröhnend wie ein barbarisches Siegesgeheul ... Der Bann war gebrochen — Hamburgs kühle Reserve, die Korrektheit der Ingenieure und Kaufleute aus Pattersons Stabe — das alles ward hingerissen in einen Ozean lang aufgestauter Fröhlichkeit ...

Selbst Papa Patterson entrann seinem Schicksal nicht ... Er mußte wieder einmal vor Klein-Bessie kapitulieren. Es hielt ihn nicht: er lachte mit.

Aber — — was — war denn — das — —?!

In die aufschäumende Heiterkeit derer, die im Lichte wohnen, drang plötzlich ein Grollen aus der Tiefe ...

Gegen die geschlossenen Rolläden krachten Steinwürfe — vieltausendstimmiges Gebrüll brandete von der Alsterpromenade herauf:

»Nieder mit dem Kapitalismus!«

»Licht aus — Messer 'raus!«

»Es lebe die Weltrevolution!«

Erblassen — Entsetzen — starres Verstummen — fieberndes Lauschen — —

Nun kam ein stampfender, knirschender Rhythmus in das formlose Getöse, das den Hotelpalast umbrandete ...

Gesang — schrecklicher, sturmtoller, Vernichtung dräuender Gesang:

»Die Guillotine saust, der Rachejubel schreit, es flammt in unsrer Faust die rote Seligkeit!«

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