Viertes Buch (continued 2)
Reading edition
»So is recht — Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen — rettet ›die‹ Deutschland — seine kleine ›Deutschland‹, und derweil geht das große Deutschland in die Luft — äh — schlappe, versumpfende Nation ...«
»Was soll ich machen?!«
»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor Dämmerung unsere Waffen heran ...«
»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser Senator Carstensen!«
»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der Werft zum Krawall — so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«
Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den Gebeinen. Nein — wenn sie ihm an seine Schiffe wollten — dann hörte die Gemütlichkeit auf.
Und dann — die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.
»Mein lieber Armin — das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal genauer auseinandersetzen.«
Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.
Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.
Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.
9
Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein — alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.
Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll wird da sein ... Und »Anders Niemann« — hahaha! Feine, den wenigstens kriegst du nicht wieder zu sehen — deinen »Heinz«! Der geht mit deinem Schiff in die Luft!!
Nur nicht zu spät kommen! ...
Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn erwarten wollen.
Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ... Aber — warum ging's denn da drüben noch nicht los?!
Horch — ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom — legt zu Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe hinauf — im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle Gesicht des Genossen Dragomiroff.
Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird erwidert ...
»Nun?«
Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du, Scheißkerl — jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«
Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet — kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...
»Allein?!« fragte Tedje heiser.
»Allein —«
»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll — un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«
»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen ... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser —«
»Na — un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«
»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits angezündet — auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ... Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«
»Verdammi ... wat nu, Genosse?«
Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.
»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht, die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir wenigstens alles — ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge ...«
Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch belauscht hatte — und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein Spitzel und Verräter war ...
Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du — das rettet uns vielleicht. Ein Spitzel — ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — das ließe sich ausschlachten ... Laß sehen — laß sehen ... Ich hab's, du Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt. Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar nicht kompromittiert — kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder Heinz Freimann erzählen — und daß der die ganze Sabotagegeschichte angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast du begriffen?«
Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte ihm das Verständnis. Ein Spitzel — der ein Jahr lang auf der Werft gearbeitet hat — den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — und jetzt, wo der Anschlag auf den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas machen.
»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen sei — eines agent provocateur, du weißt wohl, was das ist, nicht wahr?«
»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' —«
»— nur ein Bluff der Weißen ist — ein Mittel, das Bürgertum gegen die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf morgen vereitelt wird — daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken — werden abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen hatte, reißt wieder ab — ein Haupthindernis für das Übergreifen der Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich, Tedje?«
Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also doch noch ...
Aber — wenn man ihn morgen da drüben — wegen seines Attentats auf die Tochter seines Chefs — verhaften ließe?!
»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner ungestraft in den Topf.«
»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken — öberkoken sall dei Supp — dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«
Und ich — hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt — der andere kriegt sie wenigstens auch nicht ...
Hahaha — du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen — mit Clas Mönkebülls Messer zwischen den Rippen —!!
Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist — die H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die Hammonia-Werft mit ...
Und dann — Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...
Sie kommt ja doch — kommt doch — die Diktatur des Proletariats — die Weltrevolution — —!
Die rote Seligkeit — —!!
10
An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.
Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank und Wehmut schwoll ihm das Herz.
»Antje —« sagte er leise — »Antje ... alles hast du gerettet — die ›Deutschland‹, die Werft — die — Linie — meines Vaters Lebenswerk — meine Ilse — mich selber — alles ... Mädchen, Mädchen — wie soll ich dir danken?!«
Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche der Binnenalster kräuselte sich kaum — der Märzsturm, vom starren Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.
In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr — — euch hab' ich alles gerettet — und ich?!
Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht sitzt er hinter Schloß und Riegel — weil er es gewagt hat, Blick und Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt — gottlob — das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert. Nein — diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht — — und morgen früh werden die Eltern alles erfahren — die Kammer der »drei Söhne« wird verödet sein — — für lange Zeit — vielleicht für immer ... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...
Ach, Antje — und dein eigenes Herz?!
Er hielt, er küßte ihre Hand — der Mann, der seit einem Jahr ihres Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank — nur aus Dank — weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn gar nicht — auch nicht im leisesten — was er ihr bedeutete? O doch, er ahnte, nein, er wußte es — mußte es wissen ...
Pah — was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft — aus einem Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag — ein weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung er ein Jahr seines Lebens gesetzt — ein — Studienobjekt ... Was wußte er von ihrer Seele — von ihrer Liebe? Was — verlangte er von ihr zu wissen?!
Heinz wußte von ihr. Alles wußte er — und daß er ihr ewiger Schuldner bliebe — bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende — alles, was zwischen ihnen beiden gewesen war — dies lange, erlebnistiefe, schöne — ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott — zu Ende? War das möglich? Durfte das möglich sein?
Denn jetzt erst — jetzt, da es zu Ende ging — jetzt erst, da dieses Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte — jetzt erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht wie eine Freundin — nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche — ein Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.
War das möglich?! Liebte er denn Ilse — nicht?!
O ja, ja — er liebte Ilse — heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender denn je ... war das — möglich?!
Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold für diese Erde ...
Er mußte wählen — er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog, das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt — dem er so viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte — das mußte er niederzwingen — das durfte sie nicht einmal ahnen.
Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles — für sein Vergehen gegen Ilse — für seinen Anteil an dem — gottlob — vereitelten Plane dieser Nacht — für seine Wühlarbeit auf der Werft. Man wird für ihn sorgen — so daß er sich emporarbeiten kann — er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er — man wird ihn auf den rechten Weg bringen.
Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen. Das machte sie froh — nur helfen konnte er ihr nicht.
In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste. Seine Welt — die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie — sie wird vergessen sein — wenn nicht morgen, dann übermorgen.
Ihre Seele weinte, rang, schrie — er hörte es nicht, sollte es ja auch nicht hören — nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine Verwendung.
Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe — in dem langen, ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei — und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen — in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch so jung — man wird ihn auf das Konservatorium schicken — einen tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann — dann will er selber, Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für die ganze Arbeiterschaft — mit Lichtbildern — die sie in den Sinn des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen Erträgnis der Werft zu beteiligen ...
Er redete — redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort dazwischen: »Ja — das wär' schön —« oder: »Gewiß, das könnte viel Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er gehört der andern — gehört ihr allein.
Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje — — wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!
Die Polizei war hinter ihm drein — pah, sie würde ihn nicht kriegen, des war sie sicher. Aber — was tat er, was plante er sonst?! Er war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's gewollt — sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen, entsetzlichen Plänen aufpeitschen — der Genosse Dragomiroff ...
Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes. Was würden sie aushecken in dieser Stunde — ihr Bruder — und der Russe?!
Es half nichts — sie mußte den Freund warnen ...
Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien — fragte ihn, was er selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück — zum Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen? Nein — das ist vorbei. Nun — sein Elternhaus steht ihm ja offen — aber — dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann — — Und — die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs ungeheuerlichste mißverstehen —?
Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.
»Heinz — bedenk doch — Dragomiroff — und — mein Bruder ...«
»Natürlich — sitzt die Polizei dem auf den Hacken — er ahnt ja nicht, welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne nichts retten, als wenn — als wenn morgen —«
»— alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer. »Alles drunter und drüber — auf der Werft — in ganz Hamburg ...«
Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.
»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«
»Nun gut — so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts vorgefallen — und stelle mich dem Sturm.«
»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht — die Arbeiter! Der leiseste Verdacht — und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein — das darfst du nicht!«
Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach den Wall der Entsagung.
Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden, Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...
O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir zu spielen ...
Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«
»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen halten, bis alles vorbei ist ...«
»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im Einverständnis gewesen sei — werden das Ganze als ein Komplott der Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?! Nein — das ist unmöglich — — ich habe die ganze Verantwortung ... Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen, darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung gehabt haben —«
»— was die Arbeiter aber niemals glauben werden —« warf Antje ein.
»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten, muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht eine Tat der Provokation — kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen — komme was wolle!«
»Heinz, Heinz — du bist verloren!«
»Mag sein — Früchte meines Tuns —! Ich hab' eine Maske getragen ein ganzes Jahr lang — ein Dasein geführt, das ein einziger großer Betrug war — und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich bin ein alter Seemann und Soldat — kein Drückeberger ... Ich werde mich dem Schicksal nicht aufdrängen — aber bereit werd' ich mich halten. Ich werde — — jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern. So ist's gut — so mach' ich's.«
Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...
Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten — da lag die gigantische Rotunde des Elbtunnels — und vor ihnen brauste der sturmgepeitschte Fluß — und nun — nun hob sich über die niederen Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da — da lag der Koloß der »Deutschland« — unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft — die goß neuen Glauben in die ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.
Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens, deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei deutsche Menschen — zwei Liebende.
Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.
Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...
Sie lösten sich — sie hielten einander an den Händen. Sie suchten einer des andern Blick — auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.
Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die Kraft zur Entsagung finden würden.
11
Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.
Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde, erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ... Die Regierung entflohen — oder, wie andere wissen wollten, hinter Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...
Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer, der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner Klassengenossen.
»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben Genossen an de Wand stellt!«
Wutschreie — Pfiffe — geschwungene Knüppel ...
Ein anderer wußte noch mehr:
»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«
»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden, dei Swienhund!«
Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege, schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns den'n Spitzel rutgeben!«
»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.
»Ne — Generalstreik! Generalstreik!« —
Das war das Wort der Stunde.
Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.
»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an, mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig. Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten — süß köhnt wie Hungerpooten sugen.«
Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen, der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.
»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol negger bekieken!«
»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden, dei't heurn mag!«
»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«
»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen op de Direkschon — un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll Timmermanns dat Mul stoppen!«
Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen — und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher, eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die »Deutschland« vom Stapel müsse, müsse — damit der Hafen wieder aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten müsse, brüderlich zusammenhalten ...
Umsonst — die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...
»Generolstreik — Generolstreik!«
»Nieder mit die Reakschon!«
»Es lebe das internationale Proletariat!«
»Es lebe die Weltrevolution!«
Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht zu.
»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«
»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«
Einer kam vom Eingang herangestürzt:
»Jungs — Kollegen — weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters — Anders Niemann hett hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei west — Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann — un is en Söhn von den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«
Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf die Schulter:
»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders Niemann is mien Fründ — hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en Johr! Dat sast du mi bewiesen! — Wer hett di dat seggt?!«
Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«
»Lagen is dat — utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«
Umsonst — von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel — ein agent provocateur der Gegenrevolution ... ein Saboteur — ein scheußlicher, schmutziger Spion und Verräter ...
Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt, so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.
Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen, Fragen, Kombinationen.
Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen — Stimmung für den Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!
Aber nein — es war ja geschossen worden auf der Werft — und da standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand, Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel — die Würgengel des Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.
Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik, ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere, ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an Arbeit — die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.
Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft, herrlich die »Deutschland« — ein Werk von Menschenhand, doch nicht leblos, seelenlos — ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen, immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der massigen Schwellung des Hecks trug.
Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches, quälendes Gefühl — eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag ... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim — in ihrem behüteten Bette ... und alles, alles war gut ... sie war gerettet — Heinz war gerettet ... alles — war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die Augen zu öffnen ...
Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung — das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« — großer Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...
Mit einem Ruck richtete sie sich auf — und schau — an ihrem Bette saß in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen zurück.
»Aber ich muß doch zur Werft, Mama —«
»Still, Kind, still — dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr alle zusammen zum Stapellauf — mein Mann, ich, du, die Herren von der Linie, die Amerikaner ...«
Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder betreut zu werden von Mutterhänden ...
Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie nieder.
»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe — fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug ...«
Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden — und dann zog Johanna sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.
Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an — meines und seines — unser Leben ...
Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan — als Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters — mit Stolz und Freude — aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein — wie vor ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres Elternhauses schmückten — wie die Carstensens sie sich im Laufe der Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten, ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...
Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben — sie wird eine Freimann ... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein zwiefach Bewährter — ein Kriegsheld — und hat nun auch im Leben des Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz — vertrau' deiner Ilse ... Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt regieren droben im Kontor — und in prächtigen Villen wohnen ... Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje ist ein Tier — aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen Händen? — Diese Antje — die seine Schwester ist ... und die Heinz Freimann seine Freundin nennt ...
Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen. Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war — was wäre aus ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich, konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen Menschen — ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau' euch.
Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ... vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig Leitung kommt — vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen, gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom — eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...
Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...
Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ... Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen Großreeders Tochter — Bündnis der amerikanischen und deutschen Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer weiß — vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre Freunde müßten darin vorkommen — vor allem er, der ihr so stark, so tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur — der dicke Bobbie ... Ach Himmel — wie mochte es dem wohl ergangen sein heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen — wäre die »Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der ganzen Stadt gehört ...
Ach nein — was Bobbie anfaßt, das glückt ...
Bobbie ... du armer, dummer Hunne — du dicker, grauer Esel zwischen den zwei Heubündeln ...
Es klopfte. »Ich bin's, Bessie — darf ich?«
»Aber gewiß, daddy!«
Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen, versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein: Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«
»Ach, daddy —« lachte Bessie — »was ich dir alles zu erzählen habe —? Du wirst staunen —!«
Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen. Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.
Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors Timmermanns.
»Wer ist am Apparat?«
»Tietgens ...«
»Ach, Sie, liebes Fräulein — nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der ›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«
»— Ein Werftarbeiter?! — Wissen Sie zufällig seinen Namen?«
»Doch — auch das — ein gewisser Mönkebüll ...«
Clas — o Gott — mein armer, armer Clas — nun hast du sie, deine »rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...
Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten, daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen. Noch Fragen?
»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt geworden?«
»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt, daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird — schon um seines würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters — vor allem aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein — seien Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften steht.«
Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie gut ... Vielleicht war er noch zu retten — der arme, wilde, verführte, der geliebte Junge ...
Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...
»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme, den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist nicht auszudenken —«
»Meine Pflicht — Herr Präsident —«
»Ach was, Pflicht — ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich — ich vollends — Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter und — mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind — ich kann nicht anders ...«
Er nahm das Mädchen in seine Arme — er küßte ihre Stirn wie einer lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen Schluchzen.
»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes, liebes, herrliches Mädchen ...«
12
Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.
Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren — daß nichts davon bis zu den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks, an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar, den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge —?!
Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.
Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht — so viel für mich getan — daß ich — daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen zu sagen — daß Sie mit dieser Anordnung — Ihre Kompetenzen denn doch erheblich überschritten haben ...«
»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß —« stotterte der Riese. »Aber bei der Kürze der Zeit — —«
Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn — schnitt jeden Widerspruch ab.
»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun, wo er es verantworten zu können glaubt — ich für meine Person muß Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat — und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich, lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie — — nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«
In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat — daß nicht das mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus Ihrem Munde ...«
»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«
In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.
»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«
Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter gereifte, scharfgeprägte Köpfe — besonnene, erlesene Vertreter ihrer Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte getreue Kranführer Timm Tietgens.
Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«
Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen. Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der angeblich Gefallene — es werde der Name Clas Mönkebüll genannt — sei ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein Kostgänger — ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei, daß er gefallen sei?
»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen — Herr Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert — es ist ihm gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln. Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden. Dann sind Schüsse gefallen — man hat den Arbeiter Mönkebüll sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der ›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«
Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der Übereinstimmung mit dieser Tat ab.
Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen, als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.
Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser Arbeiter — in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei — daß sein Name ein angenommener sei — daß sein Träger in Wirklichkeit ganz jemand anders sei — nämlich — — der Sohn des Präsidenten der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene Kapitänleutnant Heinrich Freimann — —.
Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte. Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da — — und eine zitternde Wut war in ihm — gegen den jungen Mann, dem er die Hand seiner Tochter vertraut hatte — — und der legte nun durch sein phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor — in der gleichen stummen Empörung — ihm schoß das Blut in die Augen, in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...
»Ich weiß das alles —!« sagte Detlev Carstensen. »Aber — ich weiß es erst seit heute nacht.«
»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der Werft?«
»Ja, Herr Generaldirektor.«
Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.
»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«
»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«
Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein Beamter sollte den Auftrag erhalten — aber die Arbeiter mischten sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den Arbeitern hinauszuschicken — man könne für seine Person nicht bürgen. Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen Tietgens herbeizuschaffen.
Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern saß der alte Herr — folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem Gesicht — nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm, der sein Inneres schüttelte.
Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses, ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung ... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein scheine ...
Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ... Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.
Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war, der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt Ihnen das, meine Herren?«
Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:
»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber — hat auch der Herr Timm — der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«
»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der Werft gearbeitet hat.«
»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder, der is im Krieg Leutnant gewesen — dann hat er mit die Bahrenfelder ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt haben?«
Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause — Sie können ihn fragen.« Das war ihm herausgerutscht — schon bereute er.
Die Arbeiter horchten hoch auf — tuschelten erregt zusammen.
»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«
»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.
»Ja — dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen auf die Werft geschafft sünd — un dat im Keller mehr als hundert Weißgardisten versteckt sünd?!«
In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein Alles gerettet — jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich auf.
»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«
In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen, empfand, verstand diesen Klang.
Da öffnete sich die Tür — und Tedje Tietgens trat ein. Hochaufgereckten Hauptes — polternden Schritts. In seinen verwüsteten Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell — Zerstörer — Dämon.
»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.
Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.
Ja, es sei wahr — Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion sei — und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.
»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie. Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter — wenigstens an die Verständigen unter Ihnen — denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf, Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich, daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser aller gemeinsames Werk, vernichten wollte — daß ihr die nicht weit schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen — und ich hoffe noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis — als auf ein Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird durch innere Zerrüttung — daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung — ihr seid alle viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für Folgen haben wird — für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle, für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht mich allein — euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke Ihnen.«
Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt, verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.
»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd nich dei Arbeiterschaft — ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen — wi lat't uns nich besabbeln! Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«
Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal vor:
»Herr Senator — meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles ... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns — un mit die Waffenkisten — dat gefällt uns nich — un dat eine kann ich Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! — Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren — wer dat verseuken will, dei is unser Feind — un gegen den'n stohn wi all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«
Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen — Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ... In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht. Man würde sie niederhalten müssen — aber überhören durfte man sie nicht mehr.
Gut — aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen, wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.
Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.
»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«
»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten können, an dem Stapellauf festzuhalten?«
»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«
»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ... So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug — wollen sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ... Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie? Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? — Ob Heinz hier draußen ist? Nein — bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut geht, lieber Freimann — so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf — sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund — Ob mir gut ist? Doch, doch, selbstverständlich — meine Stimme — matt? Keine Idee ... Schluß!«
Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...
»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh, daß er da ist. Können ihn mir schicken.«
Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte es. Robert Timmermanns öffnete — Heinz Freimann trat ein in seiner abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.
»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«
Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht. »Verantworte dich.«
Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit Handwink zu bleiben.
In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt — ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht — ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden — deren Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe. Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein. Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen, daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung gehabt — daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein agent provocateur der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher, voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht, beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.
Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.
»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ... Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«
Er winkte gnädig Entlassung.
Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel stattgefunden — mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen, verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt — die Werftleitung habe sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter versprochen — man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den Stapellauf zu hintertreiben — er müsse heut nachmittag um drei Uhr planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit jeder Arbeitsmöglichkeit —
Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert —!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine neue Versklavung des arbeitenden Volkes — der Bolschewismus müsse triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden — die Woge der Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des Erdballs in Nationen zersplittere — dann werde die neue Menschheit erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...
Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden — die Küche war glücklicherweise treulich am Werke geblieben.
Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.
Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und Flandernkämpfer Maschinengewehre.
Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf, einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den alten Carstensen:
»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm auf das Verwaltungsgebäude.«
Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.
»Ihr Bruder schon zurück?«
»Nein, Herr Senator.«
»Gut — ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden Übereilungen zu verhüten wissen.«
»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«
Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen — sie sollten sich blutige Köpfe holen.
Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die Türen — erschrockene Köpfe tauchten auf — Direktoren, Ingenieure, Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah — also doch! Man war verteidigt ...
Sie mochten kommen.
13
Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang, welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter fehlten noch.
Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an, welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe ... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...
Endlich — da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein ... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend ...
»Was meinen Sie — können wir's wagen?«
»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«
»Also gut ... und mein Sohn?«
»— ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«
»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich danke Ihnen. — Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«
»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen, möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen. Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie, Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall am Bismarck vorbei — kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«
»Abgemacht —« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste. Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt, erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.
Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor, den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.
»Enter, please!« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen. Himmel — wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen Augenblick ...
Und — da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...
»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön — Sie wollen kommen zu holen uns ... Nun — was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat nicht ich machen sehr gut mein Sache — diese Nacht?«
»Fräulein Bessie — Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«
»Oh — das freut mich — das freut mich — quite enormously ...«
»Wahrhaftig — Fräulein Bessie?«
»Aber Sie, Mister Bobbie — Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne ...«
»Wie — meinen Sie das — Fräulein Bessie?«
»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht — dann sind Sie noch viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«
»— — Bessie — —!!«
Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein Püppchen an seine breite Brust.
Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte — Elias Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um seine ganze Autorität gebracht haben würde.
Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand und zerrte ihn auf den Deutschen zu.
»Deinen Segen, daddy, schnell — schnell — die Herren warten drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«
Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:
Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert: »Heinz auf der Werft in Sicherheit — Timmermanns ist begeistert von ihm ...«
Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute daddy — aber wann hatte ihm das je etwas genützt?!
Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen — glühend im Glück über so tröstliche Nachricht — und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen auf der Werft?!
Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier Welten — verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...
Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich bescheiden gekleidet — Antje Tietgens ... die Sekretärin — heute von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück, und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten Augenblick ihres Lebens ...
Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte — in seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit. Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit seinem flutenden Verkehr, die drei Türme — zur Rechten der breit ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung — zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und der Musikhalle ...
Und jetzt — jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen« Bunde zusammengezwungen ...
Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen — dorthin, wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...
Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte der andern Arm in stummem Gelöbnis:
Zusammenhalten — — weil wir zusammengehören —!!
14
Sie kamen.
Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze Schattenriß der »Deutschland« — überhöht vom breitgespannten Schirm des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des Deutschen Reiches flatterte.
Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!
Näher — immer näher ...
»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«
Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob er sich mit schwerfälligem Ruck.
»Das — Feuer eröffnen?! Herr Leutnant — wir sind nicht auf dem Schlachtfeld — wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht versucht. Wo ist Heinz Freimann?«
»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«
»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«
Der Greis schritt zur Tür.
»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns verständnislos.
»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten. Geschossen wird nicht.«
»Zu Befehl, Herr Senator.«
Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.
In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp — Studenten, junge Kaufleute —, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage ihres Führers — des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf reißen sollte —. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende Gasse schritt er zum Hauptportal — sah unbeweglich hinaus — der dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen sein Lebenswerk heranschob.
Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz — Armin ...
»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten Sie sich bereit — aber nur für den äußersten Fall.«
Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe hinaus —
Die dunkle Mauer erstarrte — stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde — dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is hei ja — dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«
Detlev Carstensen streckte die Rechte aus — und abermals ward lastende, lauschende Stille.
»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein Spion — kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«
Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten. Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt — ich wehre mich nicht!«
Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte. Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.
Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ t'rügg — Clos Mönkebüll giv mi wedder!«
Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe, sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu stürzen.
Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der Leutnant im Stahlhelm — und auch er schwang im Anlauf über seinem Haupte das Gewehr —.
Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber. Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt, sausten nieder —.
Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker — in weitem Bogen flog des Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.
Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch aufgerichtet — stieren Blicks — das blutige Messer in der langsam sinkenden Hand.
Da — aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes — ein Knall, ein Feuerstrahl — Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das Messer fallen, fuhr nach dem Herzen — und schon sank der mächtige Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.
Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der Hand — —.
Das alles in fünf Sekunden ...
Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen — aber ein Aufschrei nicht der Wut, der Rache — sondern des Entsetzens — des Abscheus vor dem eigenen Tun ...
Kainstat hüben, Kainstat drüben ...
Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei — Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern der Opfer des Wahns — breitete die Arme gegen seine Kameraden aus: »Über mich dies Blut — schlagt mich tot!«
Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor — des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann, unhemmbar, unsühnbar ...
Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz, schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz — trat vor ihn hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje Tietgens neben ihr — auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums zu decken gegen ihre Klassengenossen ...
Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben senkten sich — mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten — Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines Volkes ...
Da hob Ilse die Rechte — wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand sie da.
Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...
Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter, Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder — und dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt, wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe! Laßt uns zusammenhalten — wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit und Kapital, Bürger und Proletarier —! Das hat er mich gelehrt, er, mein Freund, unser Freund — glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da, mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...« Ihre Stimme wollte brechen — aber noch einmal raffte sie sich auf: »Versöhnung! Brüder — Kameraden — Versöhnung!!«
Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der todbereite Mann stand — geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen, die ihn verstanden.
Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand der alte Mann — in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide — hoch in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn — sie zwang die Tausende in ihren Bann.
Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.
Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.
Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des Bruderkrieges zu zertrümmern — schon zersplitterte Kolben um Kolben, flog Schaft um Schaft zuhauf — nun stürmten Dutzende heran, dem Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen — zu Hunderten jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der Klassen, der Brüder ...
Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich türmten inmitten — da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu, die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.
Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen und freien Volkes — inmitten seiner staunenden Landsleute vom Patterson-Konzern — und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden — sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen, dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...
Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.
Mehr noch — mehr noch — immer mehr — alle — alle — —
In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen, freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid — schwören ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der Versöhnung, der Wiedergeburt.
Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen, der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich wälzt.
Und jetzt — jetzt ist es getan — in erhabener Ruhe setzt die lastende Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des Deutschen Reiches ...
Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm schweren Wandel der Riesin —
Schneller, immer schneller —
Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum — nun heben sich zu jubelndem Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie bauten — die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...
Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre jüngste Bezwingerin ...
Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz, ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:
den Namen des Landes unserer Liebe.
Walter Bloem Romane
Hafis Ausgabe

10 Ganzleinenbände in Kassette M. 32.50 10 Halblederbände in Kassette M. 48.—
Jeder Band ist einzeln lieferbar in Ganzleinen M. 3.25, in Halbleder M. 4.80
Inhalt
Band 1: Das eiserne Jahr
Band 2: Volk wider Volk
Band 3: Die Schmiede d. Zukunft
Band 4: Das verlorene Vaterland
Band 5: Der krasse Fuchs
Band 6: Das jüngste Gericht
Band 7: Brüderlichkeit
Band 8: Das lockende Spiel
Band 9: Sonnenland
Band 10: Das Land unserer Liebe
Walter Bloem steht seit langem in der ersten Reihe jener Erzähler, deren Werke dem deutschen Volke ans Herz gewachsen sind. Mit dem Studentenfrohsinn des »Krassen Fuchses« stürmte er übermütig hervor; dann klärte der gärende Most sich zum Edelwein in den vaterländischen Romanen, der Trilogie »Das eiserne Jahr«, »Volk wider Volk« und »Die Schmiede der Zukunft«, Schilderungen aus der gewaltigen Zeit des Krieges 1870/71 voll packenden Lebens und begeisterter Gesinnung. Ihre hellen Flammen wurden vom Sturmhauch des Weltkrieges zu düsterer Glut angefacht, im »Verlorenen Vaterland« am heißesten lodernd, um dann voll tiefen Gefühls in »Brüderlichkeit« und dem »Land unserer Liebe« das Unglück des jüngsten Jahrzehnts zu beleuchten.
Alle diese Romane — und nicht minder die hier unerwähnten — können beste, jedem Leser zuträgliche Geisteskost genannt werden. Geschieht nun durch billigsten Preis das Möglichste, um diese in Hunderttausenden von Exemplaren verbreiteten Dichtungen einem noch viel größeren Kreise zugänglich zu machen, so darf dies als ein wahrhafter Dienst an unserem Volke gelten.