Das Land unserer Liebe (continued 2)
Reading edition
Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick auf das Gesicht seines Sohnes.
Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine Prüfung.
»Mein Sohn — du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um deine Meinung.«
Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf die Probe stellen wollte — daß eine Entscheidung über mehr noch als über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt wurde.
Oh — wer jetzt den Glauben hätte — diesen kindlichen, phrasenseligen Glauben jenes Timmermanns — der als Techniker ein Genie des Verstandes und Wissens war — und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland zu begraben — und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den deutschen Menschen aufzubauen?!
»Vater — — ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste Erwägung zu ziehen.«
Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten. Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:
»Ich bin anderer Auffassung.«
Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die Stirn.
»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben — sonst — würde ich — — Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte — der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T. L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren, Herr Patterson — tot ist er noch nicht — der gerupfte, wehrlose Adler.«
Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte Hansegeist.
Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um seine schmalen Lippen.
»Well, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich werde zurückfahren über den großen Teich — und abwarten. Entweder Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem Vaterlande — dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten — dann kann ich Ihnen vielleicht in — na, sagen wir in einigen Monaten — einen anderen Vorschlag machen — einen Vorschlag, der Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird — ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu kränken. Inzwischen — good bye, Mister Freimann — good bye, captain!«
Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz wortlos das Arbeitsgemach — mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen ... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.
Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber — ohne eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.
Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen hinüber — halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?! Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin? und wozu? Und Ilse —? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!
Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin auf und schaute hinaus. Aha — wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler. Meinetwegen weg damit — nur, daß in der Regel dabei auch die Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die kannte sie.
Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt — ein anscheinend betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen. Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft — zur Arbeit zurückgekehrt wähnte.
Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht? Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.
»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«
Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.
»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre lang für Kaiser und Reich geschlagen — nun reißt er mit eigenen Händen das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren Feinden in den Kot zu zerren!«
»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.
»Ihr — verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie —«
»— ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie und ... Ihre Klasse es angefangen hat — so freilich nicht.«
Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...
»Also, was haben wir falsch gemacht?«
»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten. Schönheit — Seele —! Sehen Sie den da — ein schöner, starker Bursch, tüchtig zum Leben und Schaffen — und hat seit seinem vierzehnten Jahre nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«
»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig? Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß — tun, weil er nichts anderes gelernt hat — hat der darum das Recht, sich dem Suff und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten — unzählige seinesgleichen haben's vermocht — sie waren Proletarier, sie wurden Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des Aufstiegs zu finden.«
»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht — so wenig wie die Tausende von uns, die ewig drunten bleiben müssen — in der trostlosen Tiefe. Dann hat er in den Krieg gemußt — für das Vaterland, das ihm nicht mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden — hat er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem Leibe gefressen hat?!«
Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge — war es Haß — oder verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.
»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie abschließend. »Ich — will darüber nachdenken.«
Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten. Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.
»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter Ferne.«
»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen — die Herrschaft des Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt — sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der Presse, der Politik — damit Raum für den Retter werde.
»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«
»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben — also mit allen.«
»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen. »Ich war selber Défaitist — und heute bin ich im Begriff, etwas zu werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist —«
»Ich — verstehe nicht ...«
»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte eine verabschiedende Verneigung.
Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige Verachtung im Blick.
Armes Deutschland! dachte Heinz.
9
Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie hinter einer Eiswand.
Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer Mithelfer seiner Pläne werden — das sei Sohnespflicht — nicht mehr und nicht weniger.
Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen, was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht — wieviel weniger konnte er sich andern erklären.
Ach — und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns — das war ihr drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt — Bob Timmermanns würde in diesem Falle sagen — —
»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«
»Und wohin soll der führen, Heinz?«
»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues muß werden — neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle — neue Ideale mit einem Wort ...«
»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze —«
»— sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.
Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren — hatte sie schon verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte aufschauen zum Manne — Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.
Sie hatte verglichen — und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...
Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit — das war das Zauberwort, das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen. Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu dienen ...
Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe — Schiffe — Schiffe ... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...
Eine andere Stimme war ihm erklungen — auch eine Mädchenstimme. Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind — aber sie hatte das Wort Arbeit ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...
Und ihre Lebenslosung — wie hatte die gelautet? Schönheit — Freude — Seele ...
Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit — und eine aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden — die forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren — und für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...
Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies Hamburg, dies Deutschland — zwei Welten, zwischen denen es keine Gemeinschaft mehr gab — keine mehr geben konnte. Die Welt von Harvestehude — und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen — zwischen ihnen gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen, in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.
Und Heinz war heimatlos geworden — in jener der beiden Welten, aus der sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!
Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel — — vielleicht eine Aufgabe — eine Mission ...
Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte, je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser seiner Welt zu verschwinden — und in die andere hineinzutauchen ... in jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:
»Freude — Schönheit — Seele — alles habt ihr uns versagt ...«
Aber — war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende nur die eines einzelnen Herzens — eines Herzens, das herausgewachsen war aus der Sphäre seiner Abkunft — ohne in der andern Wurzel fassen zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der Arbeit genannt hatte — war sie vielleicht derselbe Fall wie er — nur umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern — weil jene andere, jene da oben, sich an ihr versündigt hatte — oder hatte jener andere recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!
Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor — ein Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten — der aber für den Sohn des Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes bedeutete. Wie — wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich frostiger ausschied — wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ... verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten, scheinbar ungegliederten — — Unterwelt?!
Wer wird ihn vermissen — sich um ihn bangen — nach ihm forschen, ihn zurücksehnen?!
Ach — fast blieb nur noch die Mutter — und auch die mehr aus Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen — sondern der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!
Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen, Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit, der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte bangte ...
Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft — ein Abtrünniger — ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet — gebrochen — »mit den Nerven zusammengebrochen« — im günstigsten Fall ein Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden — oder man mußte ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu rasch aufgestiegenen Familien — die ließ man laufen, und wenn sie's gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.
Heinz durchschaute sie alle — alle, seine nächsten, seine liebsten Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.
Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.
Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer, die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit bewährte sich — man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu veranlassen.
In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten sie Ilse bestellt — sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.
Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung, Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns ... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren, bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft der neuen Pläne.
»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut abend gehört er doch eigentlich dazu!«
»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an — ohne Bob Timmermanns geht's nicht!«
Schon war sie von dannen.
Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten, geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus, lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten Festschmaus teilzunehmen — des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut vorbei, die ihn gar nicht bemerkte — und stieg zu seinem Zimmer hinan. Ihm war, er hätte alles verloren — Elternhaus und Liebe.
Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken — verschwinden aus dem Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war — untertauchen in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte er längst übersonnen.
Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg. Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte! Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.
Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag, auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden, wenn er fortgegangen war ...
Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse — — ich habe dich geliebt — geliebt als das Lichte und Klare in einem dunklen, verworrenen Leben ...
Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's gefunden. Bei einem anderen gefunden — — vorbei —
Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend — es war keine Wehmut drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut — abgestorben, schmerzlos.
Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der Stradivarius — die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere Welt ... Aber ohne Geige — nein. Die war seines besten Wesens ein Stück.
Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte. Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen, seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:
»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach, das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«
Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa, auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus — es goß in Strömen. Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden Alster — nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...
Elternhaus — Liebe — ade ...
Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.