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Das Land unserer Liebe

Das Land unserer Liebe

Reading edition

von

Walter Bloem

46.-65. Tausend Alle Rechte, im besondern das der Übersetzung in fremde Sprachen, von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten Copyright 1924 by Grethlein & Co. in Leipzig Druck von G. Kreysing in Leipzig

Hafis-Ausgabe

signet
signet

Robert Hohlbaum

dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!

1

Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee. Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen.

Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:

»Was hoch und stolz, das fällt im Sturm der neuen Zeit — jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«

Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.

Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen.

»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht —«

»— nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los ist?«

»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«, berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«

Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel ... Diese Zeit — dieses Volk ...

Er straffte sich auf. »Los, Hansen!«

Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten der majestätischen Handelspaläste — zur Linken die im Nebel verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens. Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau — seine kalmückische Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen ... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen, wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke — in verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt, rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den schiefgestülpten Feldmützen ...

»— jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit —«

Stockung — Schreie — geballte Fäuste — — aber schon war's vorüber — ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.

Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier aufgeschlagen hatte. »— die rote Seligkeit — —«

Hatte es Sinn zu arbeiten, — — mit zusammengebissenen Zähnen zu kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!

Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.

Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin — angefüllt mit dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr — man wurde beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.

Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses klaren, in sich gefestigten Gesichts.

»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des ›Altreichskanzlers‹ vorgenommen — das Schiff solle heut nachmittag um drei Uhr in See gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.

Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne stützen. Längst fällige Botschaft — dennoch — unfaßbar — unerträglich!

Das letzte Schiff der H. T. L. — das schönste — und das letzte!

Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel gelaufen — die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft — am ersten August zum Glück im Heimathafen — dann, in ein Kriegsschiff verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee, Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö — nun gemäß den Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer der Welt zurückverwandelt — um als letzter Besitz der einstmals erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu werden.

Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor Mitleid — und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...

Schäm' dich, Antje! —

Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.

Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer, erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?

Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!

Ja — es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben können.

Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit! Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol — diese — — Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins Elend gestürzt hatten?!

Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers« mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie geborsten ...

Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel des Fernsprechers regierte.

»Ah — Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja — — etwa gar Nachrichten von Heinz —?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...

Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:

»Aus Bremerhaven — Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte gestatten. Heinz.«

Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ... Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine, kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen — für wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub eingetroffen — noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen, altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des Emporsteigenden verbunden — und dem heißen Wollerblute des Ringers jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...

Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im Nebeneinander des Alltags — wenn's um Heinz ging, so verstanden sie einer des andern Gedanken.

Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die Gefangenschaft so schwer ertrug — wie wird er die Heimkehr — — die Heimat ertragen?!

»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.

»Weiß sie's schon?« fragte Georg.

»Einstweilen bist du noch der nächste dazu — als Vater ...«

Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an — der zähe Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte, mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben hatte.

»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.

Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der »Altreichskanzler« in See gehe.

Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft und Anpassung, steifer Nacken und — gelegentlich! — krummer Buckel so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben — und um so zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur Unerträglichkeit — fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem Jahrzehnt nicht mehr getan — sie legte ganz leise den Arm um des Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.

Aber schon entwand er sich — er verstand es nicht, sich bemitleiden zu lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.

»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen Verlobten seines Sohnes.

»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir — sie hat eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«

Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...

Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme — den Jubel, der durch die verhaltene Kühle schwang — und sahen einander nicht ...

»Na, nun gib mal her, Johanna — ich muß den alten Carstensen noch sprechen!«

Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen Senators Carstensen — des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende der Linie hindurchgegeben.

»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«

Georg Freimann biß die Zähne zusammen.

»Wir sind nachgerade abgehärtet — wir unglückseligen Deutschen ...«

»Das weiß der Himmel — aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr Junge kommt — da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur — ob er mögen wird —?!«

Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick leise zusammenzuckte — wie unzählige Male zuvor in einem langen Gemeinschaftsleben.

»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren — von ferne noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann — unser Werk — unser zertretenes Land ...«

»Auch ich muß hin —« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also Schluß, lieber Freund — heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ —«

»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns möchte Sie noch sprechen ...«

Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen. Bob Timmermanns — gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer — die rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann Gestalt gewonnen hatten.

»Hier Timmermanns ...«

»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns — der ›Altreichskanzler‹ —?!«

Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes Portemonnaie — die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«

»Tun Sie's nicht, Timmermanns — Sie springen den Burschen ins Gesicht ... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«

»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick — einen Schwur, den der Himmel erhören soll ... oder die Hölle — je nachdem —!«

2

Der Berlin-Hamburger D-Zug schnob durch die kahlen Marschen von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier Waggons dritter Klasse angehängt — für einen Trupp heimkehrender Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.

Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen — und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport nach Deutschland ab. Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der lang entwöhnten Berufsarbeit — das alles wirkte und wühlte wohl im innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des Proletariats.

In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten, verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft, dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine Zukunftspläne.

»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt und denn sozialisert ...«

Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib, dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.

Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach, die am Gepäcknetz verstiebten.

»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend ... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«

»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje. »Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt — un brukst jem nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! — denn hest du s' all, as sei wussen sünd ...«

Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.

»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«

Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:

»Kiekt, Jungs — de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol — wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«

Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden — hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet, das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre Arbeitsstätte vor ihnen auf — nun fröstelte jählings in ihren Seelen die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des Daseins abgrub.

Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:

»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten Vaterlande!«

Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen — man sehnte sich nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und der Hafen so leer ... Woher sollte da — —

Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...

Musik zur Stelle — es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste, klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum Alsterbecken hinüber:

»Wir bluteten vier Jahr in Schlamm und Glut und Graus für Krone, Thron, Altar — nun ist die Knechtschaft aus! Was hoch und stolz, das fällt im Sturm der neuen Zeit — nun bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«

Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ... Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt. Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand als natürliche Kriegsfolge empfunden — sein Fortbestehen nach dem Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen ... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen — und nur ein tiefes Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen, nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten — aller tiefsten Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.

Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte etwas — jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der Schiffahrt entboten hatte — das vieldutzendstimmige Heulen der Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte? Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während der Kriegsjahre so gewesen. Aber — war denn jetzt nicht Friede? Nur wogende Menschenmassen — alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch, an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne, nach der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen — schmetterte marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten Seligkeit« ...

Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand — ein Matrose, die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa stramm, als des Offiziers Auge ihn traf — den erstaunten Blick des Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden Grinsen ...

Ach so ...

Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit frechem, verwüstetem Gesicht:

»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«

Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten Bengel herab — ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen — aber schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche, Pfiffe.

»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n Liew!«

Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte, parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm, rissen ihm die Waffe von der Seite — die Krone vom Ärmel, die Achselstücke von den Schultern — vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient — Püffe regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt, wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über die Augen fiel ...

Da stand er, taumelnd, gebrochen — ein Blutrinnsel tropfte ihm übers Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren starrten ihn an ...

Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten — das war der erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort — fort — sich verkriechen ...

Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu. Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ... Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend —

Und stob plötzlich auseinander — spritzte nach rechts und links, gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß ... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen — taumelte verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends überfahren.

Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet, beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der feindlichen Flagge.

Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt, sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos durch die Massen des besiegten Volkes dahinrasend, zur Strecke gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.

»Beg your pardon, Sir —« sagte der Herr des Wagens zu seinem Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort: »Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich bringen Sie?«

Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:

»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«

Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu dürfen, daß er den captain nach Hause fahre.

»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine collision mit Ihre countrymen ...«

»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«

Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der Amerikaner. Er ging ins Englische über:

»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«

Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am Wasser entlang ...«

Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine Verbindlichkeit. »O — Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«

»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.

»Oh — ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch« — und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich, daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt — damals — in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«

In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an: Patterson-Konzern — natürlich, eine der führenden amerikanischen Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre — die hatten von der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos ausgelöscht ...

»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in Haltung.

»Ich weiß nicht genau« — wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß meine Sendung nicht ganz uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht böse sein — Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche Geschäft vorüber ist — vielleicht machen wir dann noch ein privates ...«

Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt seiner Gattin beraten ließ.

Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.

»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann ... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den abscheulichen Empfang vergessen!«

Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen werden so — nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das besudelte Ehrenkleid ...

Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:

»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit —«

Aufschreien hätte er mögen — aufschreien ...

Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan, eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen, leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete Vaterland entgegen.

Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der Ehrenzeichen bemerkt und — in diesem instinktiven Wissen um das Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.

»Mein Junge du — mein Junge ... Still — bist bei mir — nun wird alles gut ...«

Und da — da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.

»Charlie — sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer — Bad, frische Wäsche, Zivil ...«

Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles gleichgültig — er war da, war frei — lebte — es hatte ihn nicht behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte droben ein gnädiger Hüter ...

Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge überragte.

»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen Vaterland ...«

»Still, still, Georg —« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's, ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«

Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut versenken — und dämmern — schweigen — leben — —

Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg — grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl — und doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen — breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche — warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...

Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen sie einander in die Augen — die feuchteten sich, es zuckten die Lippen ... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...

»Mut, liebste Mama —« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten — »Mut! Wir werden arbeiten — Heinz an seines Vaters Seite — wir kommen wieder hoch — wir kommen hoch!«

Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn — das Erbteil eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar Atterdag das Fürchten lehrten.

Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil, der den Geschmack des weiland Schirmherrn deutscher Handels- und Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...

Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten Weltmächte in den Ozean hinaus.

Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des letzten Trösters ...

3

Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans, den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich, von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier — und die Holländer — die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ... die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden sie sich wieder beleben?

Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran — der hatte Augen im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab — wenn keine Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten — dann ging's allen an den Kragen — den Kapitalisten natürlich — den Eigentümern, den Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ... den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der Mietkasernen — die Kollegen, die — Genossen! — mit Weib und Kind und Schlafburschen ... Und all das lebte — vom Hafen ... Hatte während des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ... Aber nun —?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel — wenn das so bliebe — was dann?!

Oh — Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen — hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien — oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe — wo man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte — geschweige denn nachdenken. Natürlich — man war seit Jahrzehnten ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! — jedes Wort ein Evangelium — aber — man hatte auch auf der Werft eine Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand — so ein Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein Kopf — viele Köpfe — und nicht bloß ein paar hundert oder tausend stramme Fäuste. Kopf und Hand — nur zusammen konnten sie es schaffen. Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen ruhigen klaren Hirnkasten — und die sicheren Augen darin als die nicht minder verläßliche Hand?

Freilich — man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf — der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf — die hielten zusammen wie Pech und Schwefel — da mußten auch die Fäuste zusammenhalten, sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, — als was das »eherne Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich — leben will doch auch der Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh ... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten, Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige Organisation —! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten — Ausrottung der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?! Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf seiner blickweiten Höhe.

Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein sauber aufgestelltes Riesenspielzeug — bis an den breit hinfließenden Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen, Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war sein ... sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug ihn zur Erde hinab — und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung ... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.

Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen — tjä, da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber dann mußte man einen Kopf haben etwa wie jener Bob Timmermanns ... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft ... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als Arbeitsaufseher vorgesetzt — und eine Dienstwohnung in einem der schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun — in der vollgepramsten Dampffähre — und dann die halbe Stunde tippeln bis zum Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige, barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen, diese Behausung — damals, als in ihr drei stramme Buben und ein hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich verscharrt — einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine »Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen, hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen Bureaus der Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste. Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte sie bei Vadder und Mudder — und hatte immer ein paar Mark übrig, um den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.

Ja, Antje —! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus gefunden haben müßte —? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener, hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben — und es nicht einmal zum Kranführer bringen — oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen, wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte ...

So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige, altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen, glückseligen Lächeln:

Ja, meine Antje —!

Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang still: Das war — Tedje —!

Er sprang die letzten Stufen hinan — riß die Tür auf und — hal mi de Düwel — dei Jung —!

Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...

Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie knackten.

»Junge, wo sühst du ut — as 'n Russ' — mit 'n groten Bort ...«

»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder — ick bring dei grote Heilslehre ut'n Osten mit — Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme sang er den Trutzgesang des Radikalismus:

»Jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«

Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...

»Na nu? Wat's dit —?!«

Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte, war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich ... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn sich neigen mußte ...

»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus — Clos Mönkebüll heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft — öber freuher hebbt wi uns nich kennt ...«

Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen — und in der Regel auch im Leben zusammenhält.

Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen, fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer ... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.

Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen — ihr schlug das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun — war es möglich, dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte — war's nicht noch ein viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig, übungsentwöhnt und hart das Spiel — es strömte dennoch von da drinnen eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich nicht entziehen konnte.

In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang waren die Lauscher im Bann — dann schloß Antje dem Bruder von hinten mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.

Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der damenmäßigen Erscheinung der Schwester — dann glühte in seinem Blick etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:

»Gottverdammi — Antje — Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie — aufatmend machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und scheu.

»Willkamen, Tedje — endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder hebben!«

Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an — doch ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein Kamerad — aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge — eine kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen — und die Rechte, die er schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte, diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein Heiligtum.

4

Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt, ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...

Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter. Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich unbewegt — nur seine fest zusammengekniffenen Lippen, von tausend Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.

Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe« angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.

Und nun geschah's:

Die schwarz-weiß-rote Fahne sank — und an ihrer Statt stiegen die Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht von Siegestrunkenheit — Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger Selbstgefälligkeit sich spreizend — und im Schutze der drei Gewaltigen das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des nackensteifen Belgien — sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch — die Farben des Reiches waren erloschen.

Der »Altreichskanzler« war verloren — das letzte Schiff der deutschen Handelsflotte — das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und Wagemutes.

Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie — der weiland ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?

Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein Lebenswerk war zerbrochen — und mit ihm sein Leben.

Ein einziges Mal schluchzte er auf — kurz und trocken. Da löste sich das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des Schwiegervaters zuckenden Nacken.

»Mut, Papa — Mut — wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe — Heinz ist da ...«

Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er weiterschlummern — der Genesung, der Zukunft entgegen.

Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die Übernahme war vollzogen.

Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war — kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder zuzustreben — und schwebte von dannen — immer ferner, ferner — ins Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche Traum von Größe und Weltgeltung.

Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete auf ihrem weißen Gesicht, in ihren blauen Nordlandsaugen. Immer höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß des entschwebenden Schiffes — er maß die breite Fläche des schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.

Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung — die Gewißheit der Wiedergeburt.

Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse, welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der »Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang — am Fuße der Treppe stehend schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor — das ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines Chefs.

Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht. Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen, seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu pflegen.

Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten war ...

Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung. Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.

Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes, voll gemessener Zurückhaltung — und doch auch er gebannt von diesem herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum Deiche hinan — und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des Augenblicks.

»Good evening, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«

Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson auf mancher bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork, Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft zertrümmert.

Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe seiner Verzweiflung entgegen.

»Herr Patterson — Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«

»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe, »ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen. Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet — ich möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie erlauben — auf Wiedersehen morgen früh!«

Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem »Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb, um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.

»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte — der söffe jetzt Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H. T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen Mitarbeiter vertraulich die Rechte entgegen — er drückte sie, daß das Mädchen lachend ächzte.

»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«

»Danke, Timmermanns —« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«

»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in Auftrag geben wird.«

Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande. »Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme. »Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will — ich passe.«

»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte a conto Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert — das Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott — wie das Reich.«

»Aber das ist ja bankrott?«

»Solange es noch eine Notenpresse gibt« — grinste Timmermanns — »solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes gelten — solange ist das Reich nicht bankrott.«

»Das Reich — wer ist das Reich?«

»Die provisorische Regierung.«

»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«

»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der Futterkrippe herausholen müssen.«

»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen dazwischen.

»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden. Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und meinen Dampfer?«

Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen — heute abend ... Aber nicht im Bureau — speisen Sie mit uns — Sie, Freund Carstensen, und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns — im Wagen ist Platz.«

Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich in Villa Freimann melden.

Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.

Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns — so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die Hansa-Transatlantik-Linie?

Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der Konkurrent von drüben ...

Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das Sternenbanner Platz.

Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.

Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder niederzuholen.«

Es war niedergeholt — aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es eingerafft.

5

Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein tiefes Dunkelgrün — nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf — jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün — und sieh — da entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche — versank noch einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels — und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum überstiebt — bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«

Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die Vergangenheit — das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart — die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft — über allem die Gnadensonne: Ilse ...

Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel, der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe — seiner Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer entgegengebrodelt hatte — würde sie nicht höher, immer höher steigen, unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem unglückseligsten aller Länder?!

Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen feindlicher Handelsschiffe versenkt — hatte nicht gezagt, wenn das dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war das möglich?!

Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen — aber es reichte nicht. Was — wollten diese Menschen? Was wünschten, was erträumten sie sich?!

Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was — liebten diese Menschen?!

Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war unsauber, geistlos, eintönig — aber sie gab ihnen doch Nahrung, und sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht — oder wenigstens nicht mehr — sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem letzten Kampfe — der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott, Heiland, jenseitiges Leben — liebten weder Engel noch Heilige, nicht die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen, ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!

Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde, die ihn am Morgen bespien und entehrt — auch in ihr erkannte er die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg — war oft von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls« getadelt worden — und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich. Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse — und die linkischen Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm — ihm mußte solches Willkommen geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll — das wollte studiert, erkannt, begriffen sein ...

Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage. Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war — in diesen Abgrund würde er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...

Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein. Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen Kriegsmaschine. Aber — Dame war sie geblieben, Tochter aus altem Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht. Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten — über diesem schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich — seine Ilse?! Er konnte nur ahnen — und hoffen.

Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden, überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...

Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl — der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten — ein Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der Braut Gruß an den Erwachenden ...

Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine Lippen, legte sie auf sein Knie — und dann hob er voll Andacht das herrliche Instrument an sein Kinn — führte mit prüfendem Strich den Bogen über die Saiten — sogar gestimmt war sie! — und dann schwollen Töne durch die stummentrückte Kammer — die Geigenstimme des Adagio aus jenem Beethovenschen Streichtrio ...

Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen — setzte sich still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz und Auge.

Ja — das war noch da — das lebte — das hatten sie uns nicht nehmen können, konnten es nicht ...

Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine Flotte gegeben hatte — das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk zerstoben, der stolze Traum verweht war ...

Das war ewiges Deutschland ...

Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna — schwebte heran wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt — und zog des Sohnes zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.

»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ — der Vater, Papa Carstensen, deine Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen — und dann werden wir glücklich sein ...«

»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene, zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein — das ist vorbei ...«

»Still — still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben — ist das nicht Glückes genug?!«

Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz — nein, du gütiges Mutterherz — für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk — der kann nicht leben ohne Vaterland ...

Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den Wänden grüßten kostbare Bilder — Meisterwerke der Oswald Achenbach, Trübner, Kalckreuth — sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten: ungleich verteilt seien des Krieges Lasten — der Reiche habe sich noch immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...

»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen Worte lieh.

Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink — die legte die Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn — schon griff er zu Geige und Bogen — und bald entschwebten die Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument, um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der Rheingauberge.

Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte. Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses — durfte er in dieser Stunde tändeln?!

Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches Arbeitsgemach führte — zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne, seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt — darunter ein »Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte Wogen hinausstürmt ...

Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.

Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte jetzt das erste Wort.

Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen Handelsschiffsbaues — denn etwas anderes komme ja — vorläufig! — nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) — durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ... Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe, keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche. Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik, deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei. Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen — und der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das zwinge von vornherein zur Beschränkung.

Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich, daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.

Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit, doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg Freimanns Züge getreten.

»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen. Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt, Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«

»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.

»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft entgegensehen lassen. Aber — — wir halten Rat — er musiziert.«

»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.

Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:

»Gestatten Herr Präsident, daß ich —«

Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger — und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da nicht aus dem Felde schlagen sollte ...

Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür auf und platzte mitten ins Spiel hinein:

»Herr Kapitänleutnant — Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«

Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.

»Gut — entschuldige, Ilse.«

»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt — auch sie war durch vier Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen. Und nur Frau Johanna blieb zurück — einsam, verstört, von wirren Ahnungen und Ängsten bedrängt.

Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.

Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen« auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte »Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen — Tanks, deren Inneres mit dem Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.

Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit, Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »democratic ship« ...

Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.

Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen hingen an Georg Freimann.

Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.

»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen. Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie — die Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen Haar ein Jüngling — an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes, und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu beantworten, ist an dir.«

Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.

»Vater — ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ — eigentlich sogar —« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war — »eigentlich sogar deren vier. Aber — wo ist Ihre Armee, meine Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so empfängt?!«

»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk — bei uns — und übrigens in aller Welt. In Dock nehmen — gründlich überholen — das Verrostete in den Schrott — neue Teile einsetzen! Frisch lackieren — und das Schiff wird wieder flott!«

»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank — ist morsch bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft? Es muß von innen aufgebaut werden — ganz neu. Es ist ein Haufen Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache — keine Nation. Was helfen uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu — aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk nicht verstehen — nicht kennen — und darum nicht führen können — die Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«

»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer Volksversammlung — oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt haben?!«

Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer — ein Tatsachenmensch. Dein Vater braucht einen Mitarbeiter — und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst — und du stellst dich nicht an deines Vaters Seite — und kämpfst, solange du einen Atemzug in der Brust hast?!«

»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen, wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«

»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«

»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ... Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe gestanden hat — damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie nichts schaffen können — die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem Kriege da — er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt geworden — eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer Höllenglut emporgeschürt — die kommende Not wird ihn zu noch weit gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen — eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins — daß eine einfache Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden — nicht neue Schiffstypen — neue Menschentypen tun uns not.«

»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren. Was beabsichtigt die Linie zu tun?«

Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung — und später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns, entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren — und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle mich ein wenig angegriffen — Sie werden das verstehen — nach den tragischen und — na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«

Heinz hatte Ilses Auge gesucht und — nicht gefunden. Es blieb auch abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.

»Ilse —!«

»Du bist müd', Heinz — das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen — der gemeinsame Zug dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen — den Erben der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter Johanna und flüsterte ihr zu:

»Gib acht auf Papa, Muttchen — ich hab' Angst um ihn ...«

Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt — überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da drinnen saß ein Einsamer — und der war ihr Lebensgefährte ... sie hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte — seinem Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!

Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus innersten Tiefen sprach: Schuldig — du bist schuldig!

Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte — so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und berufen war — — das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...

Daß der da drinnen einsam war — einsam in dieser Zeit, die den Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege über sein aufrechtes Haupt beschworen — das war ihre, das war der Gattin Schuld ...

Nein, Georg — einsam sollst du nicht länger sein ...

Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und schrieb — oder hatte wenigstens geschrieben — eine einzige Zeile nur ... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau trat behutsam näher — der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten Gang zur Unhörbarkeit.

Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.

»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih, verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht ... Komm — wollen alles zusammen tragen — alles zusammen ...«

6

Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern, Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten, durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.

»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag, wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«

»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...« brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als eure Komplotte gegen die Republik — die übrigens auch von mir aus der Teufel holen kann.«

»Na also — in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«

»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in Unkosten gestürzt hättest.«

»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«

Aus der Hülle entschälte sich — ein vom Kriege stark mitgenommener Karabiner ...

»So — und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit S-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«

»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben, um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige U-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du willst die alten niederknallen!«

Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das — der einstige U-Bootwüterich?«

Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh aufzusuchen.

»Na — und dein Dank für das da?«

»Ach so — bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht. Wieviel brauchst du mal wieder?«

»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein kostbares Leben erhalten!«

»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ... Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ... Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«

»Immerhin — du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin. »'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«

»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate, dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein Jungeken — das ist der beste Wiederaufbau!«

Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer — der Ingenieur in seinem Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.

Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert — dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt — oder ich, der ich mit dir und für dich arbeite und schaffe?!

7

Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten, bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.

Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare Patrizierin.

»Sie wünschen?«

»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht! Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat Richtige op de Duer ...«

»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.

»Du —?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd, dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog, du smucke Vagel, du!«

Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock beiseitegezerrt:

»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«

Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:

»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand —!«

Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:

»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«

Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck erstarrten.

Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.

»Respekt, du Lümmel!«

Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn, dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den Faulen und Unfähigen war — und der Sohn des Kranführers, dem der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die Fortbildungsschule.

»Och — Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin: »Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken, wen du vor di hest ...«

Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen schwelte der Pariagrimm.

»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«

»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein —«

»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich mehr ... Mien Kam'roden in Rußland —«

»— haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung — öber wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien Knoken tau Mus, versteihst mi?!«

Ilse lachte.

»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens — hör' ich — der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch mir willkommen — ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie sie recht schön von mir ...«

Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt — die Feine, die Aristokratin — die ... verdammt — die Schöne —?

Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns mit ihr gehen — ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken Tedje — den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.

Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.

»Mien Kam'roden in Rußland — — Verdammi —!« brüllte er plötzlich auf und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe zum Bureauhaus hinanschritt.

»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen zuckende Schultern. »Nix vör uns.«

»Verdammi, Jung — doch!« knirschte Tedje Tietgens.

Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem verblüfften Portier vorbei — und wandte der Werft den Rücken.

Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.

»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r Arbeit?«

»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi — un du mit — versteihst mi?!«

8

Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten. Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »— zur Sicherheit gegen Rückfälle!«

Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht — gestärkt vom Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte. Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie, erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.

Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T. L.-Gebäude.

»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«

Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...

Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.

Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's minder glänzend aus:

Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...

Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation — wie dies ganze zertrümmerte Deutschland ...

Lloyd George hatte recht behalten. Den knock out hatten sie weg, diese zähen Burschen.

»Good morning, Freimann — ah, auch der captain ... nun, Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«

Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.

»— Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer — die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder die Alten sein miteinander?!«

»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich aus.«

»Gut — also, Herr Freimann — die H. T. L. hat ihre sämtlichen Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie besitzt noch Werte — für die sie selber keine Verwendung mehr hat. Vor allem diesen Bureaupalast — er ist wundervoll ausgefallen, Herr Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle — und das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais — ich habe sie mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles müßten Sie nun einzeln — liquidieren — wie wär's, wenn Sie das Ganze in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus. Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung einen Mindestpreis festsetzen.«

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