9 Jena
Reading edition
Es war bei der Aufführung von Wallensteins Lager im Königlichen Theater zu Berlin.
Auf der Bühne stimmte der Kürassier sein Lied an:
„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
da wird das Herz noch gewogen!
Da tritt kein anderer für ihn ein!
Auf sich selber steht er da ganz allein!“
So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmäßiger Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch ließen sich aber auch aus dem hintersten Parkett etliche rüstige Männerstimmen hören, die mit Nachdruck und Überzeugung den Kehrreim über die Köpfe der ahnungslosen Zuschauer herausbrüllten.
Es waren Leute vom Unterbefehl des Kürassierregiments Gensd’armes, dessen Offiziere heute außergewöhnlich zahlreich anwesend waren und Logen und Ränge füllten.
Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten Schillerschen Stückes, beneideten die Musketiere, Jäger und Kürassiere auf der Bühne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Mißfallens wurde laut, und das gab den noch Zaghaften unter den Marssöhnen Mut. Beim nächsten Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein:
„Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,
der Soldat allein ist der freie Mann!“
[pg 105]
So sangen sie mit, daß es im Hause dröhnte. Und die eleganten Damen in den Logen und Rängen blickten zu den jungen Offizieren hinüber, ihre Augen glühten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der heiß über sie hinbrauste, als überall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das Lied laut in den Saal hinausschmetterten:
„Der Reiter und sein geschwindes Roß,
sie sind gefürchtete Gäste.
Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloß,
ungeladen kommt er zum Feste.
Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold,
im Sturm erringt er den Minnesold!“
Als aber auf der Bühne die Soldaten sich die Hände gaben, einen großen Kreis bildeten und gemeinsam die Schlußstrophe anstimmten, in die das Lied wie in einem großen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr das angefeuerte Publikum zurück.
Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte Übergriff der Franzosen bekannt geworden war – die Entrüstung über sein freches Unterfangen, preußische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich festgelegten Zugeständnisse an Preußen zu ignorieren –, der ganze beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, mußte Luft haben, mußte sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war das Schillersche Soldatenstück mit seinem frisch pulsierenden Blut und seinem heißen, vorwärtsstürmenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des kühlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der Gefühle erhob sich das ganze Haus von den Plätzen, die jungen Offiziere eilten an die Brüstung, zückten die Schwerter, ließen die Klingen im Takt mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, [pg 106]von dem übrigen Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tüchern angefeuert.
„Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezäunt,
die Brust im Gefechte gelüftet!
Die Jugend brauset, das Leben schäumt!
Frisch auf! Eh der Geist noch verdüftet.
Und setzt ihr nicht das Leben ein,
nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
„Und setzt ihr nicht das Leben ein,
nie wird euch das Leben gewonnen sein!“
So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer wieder vor nie enden wollenden Beifallsstürmen. Das Tücherschwenken und Winken galt aber den Soldaten draußen im Theater noch mehr, als denen auf der Bühne. Und als ein junger Offizier an die Brüstung trat und den König hochleben ließ, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume Zeit, ehe sich das Haus leerte.
Vor dem Theater aber staute sich die Masse der draußen Wartenden mit dem durch die vielen Ausgänge herausströmenden Publikum zu einem undurchdringlichen Knäuel, in dessen Mitte sich allmählich die Offiziere als fester Kern zusammenfanden.
Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der Zeit wäre, daß die Jugend jetzt das Heft in die Hand nähme und gutmachte, was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesündigt hätte! Endlich wollte man den Franzosen zeigen, daß Preußen noch da sei und in der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurückweichen vor welscher Anmaßung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert müsse jetzt gutmachen, was die Feder unfähiger Staatsmänner gesündigt! Die Tage der Schmach hätten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott wäre, wer sich da noch feige um die Pflicht herumdrücke, Leben und Blut für die beleidigte Nationalehre einzusetzen, oder wer gar noch [pg 107]daran dächte, den Franzosen die Hand zur Versöhnung zu bieten! –
„Nieder mit den Franzosen!“ schrien sie alle. „Nach der Botschaft! Nach der französischen Botschaft!“
Wie von einem Gedanken getrieben, stürzten sie vorwärts, lehnten sich mit unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge und eilten, die gezückten Waffen über den Köpfen schwingend, auf das Haus der französischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her wälzte sich eine tausendköpfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend.
Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustürmte und den ganzen Platz davor füllte – da huschten rasch ein paar Schatten auf den Balkon hinaus und bogen sich über das Geländer, blickten herab und zogen sich dann schnell zurück.
Kein Schlag gegen das Haustor dröhnte, kein Zeichen von Gewalt war zu bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Geräusch, wie wenn Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen, und dann die Stille, in die das wüste Lärmen allmählich überging.
Wieder huschten sie vor und blickten hinunter.
Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten ihre Säbel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs.
Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend ihre Waffen gegen die französische Fahne da oben am Mast und riefen wie aus einem Munde:
„Hie Preußen allewege! Tod den Franzosen!“
Und jubelnd stimmte die tausendköpfige Menge in den Ruf ein:
„Tod den Franzosen!“
[pg 108]
Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne flatterte stolz und breitete und blähte sich im Winde.
*
König Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien ärgerlich über irgendeine Begebenheit, von der er überrascht worden war, und die ihn jäh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschluß zu fassen. Am liebsten überließ er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit, als aus übergroßer Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die ihn, trotz seiner siebenunddreißig Jahre, noch beherrschte.
Jetzt aber galt es, durch einen persönlichen Akt die Würde seiner Stellung zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten!
Die Revolte gegen die königliche Autorität – denn nur so faßte sie der König auf – mußte schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf das übrige Land übergreifen konnte!
Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurückgedrückt – das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen – die vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart mäßig beschattet – die Wangen vom Backenbart eng umrahmt – die Augen trüb melancholisch blickend, so schritt er bedächtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal – blieb vor dem Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinüber, der mit devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhöchsten Schreibtisch, das Resultat der königlichen Erwägungen abwartete.
Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Königs auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die Hacken zusammen, daß seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine kohl[pg 109]schwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Höhlen hervor, bereit, dem gnädigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und ihn so der Mühe zu überheben, ihm Worte zu verleihen.
Der König sah es, ließ die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme anzusehen, und sagte mit sichtbarer Mühe:
„Junge Offiziers maßregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat für strikte Durchführung und für Beruhigung der Stadt zu sorgen!“
Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend.
Der König wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu hören, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es ihm, sichtlich dadurch belästigt, allein reden zu müssen.
„Lesen!“ befahl er.
Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu den Unterschriften ab.
Dort blieben sie hängen, unter emporgezogenen Brauen, während die Lippen sich mühten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden.
„Nun?“ fragte der König ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hören.
Beyme ließ das Dokument bis zur Höhe seines Bauches sinken, zuckte fast unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann einmal nach links, tat die Lippen auf – schloß sie aber wieder, senkte die Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld.
„Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!“ sagte der König ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam.
[pg 110]
Beyme blickte auf mit einem rührenden Augenaufschlag, seufzte aus der Tiefe eines gekränkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so alleruntertänigst andeutend, daß er sich in das Unabwendbare finden würde, wenn’s sein müßte. Aber er erwiderte keine Silbe.
„Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken – Unseren Minister Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!“
„Majestät!“ sagte der Angeredete mit einem gequälten Seufzer. „Dero alleruntertänigstem Knecht würde es wenig ziemen, irgendeine Meinung über ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fünfer Prinzen des königlichen Hauses stehen – der beiden Prinzen Brüder, des Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!“
„Da stehen auch andere Namen!“
„Namen von Männern, die sich des allerhöchsten Vertrauens erfreuen dürfen, als welche die Generäle Rüchel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein –“
„Seine Unterschrift ist Uns allein hier maßgebend“, sagte der König langsam. „Die Prinzen und die Generäle sind nichts als Mitläufer. So meint Er doch auch?“
Beyme hob das Dokument wieder zur Höhe seiner Augen und rollte es noch einmal rasch mit den Blicken ab.
„Wenn ich meine Ansicht alleruntertänigst vorbringen darf, so zeigt das Schriftstück allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine Verachtung einer jeglichen höfischen Form! – Auch Seine Königliche Hoheit, der Prinz Louis Ferdinand, würde wohl nicht ermangeln, seine Geringschätzung für das Althergebrachte darzutun – jedoch mit mehr Eleganz und nicht ganz so unverhohlen und schroff.“
„Daß der Freiherr vom Stein das Schriftstück abgefaßt hat, daran zweifeln Wir nicht und halten es auch für sehr wahrscheinlich, daß er es geradezu veranlaßt hat“, sagte der [pg 111]König langsam. „Das ist aber nichts denn Meuterei!“ rief er dann plötzlich mit erhobener Stimme und schlug so heftig auf den Tisch, daß der kleine Kabinettsrat zitternd zurückwich.
In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor dem Schreibtisch stand und wieder trübe ins Leere blickte.
„Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!“ sagte der König schließlich und zeigte auf die Tür.
Der Kabinettsrat eilte zur Tür und winkte hinaus.
Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der Minister Freiherr vom Stein wäre zur befohlenen Audienz erschienen.
„Vorlassen!“ beschied ihn der König und wandte sich zum Kabinettsrat, der inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurückgelegt hatte.
„In der Nähe bleiben!“ befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief. „Brief des Generalleutnants von Blücher! Lesen! Antwort entwerfen!“
Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem Portefeuille in ein Nebenzimmer zurück. Der König ging langsam durchs Zimmer, stellte sich mit dem Rücken gegen den Kamin, blieb dort in soldatischer Haltung stehen, die Hände gerade an den Seiten hängend, den Blick auf die Tür des Audienzzimmers gerichtet.
Die Tür öffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien auf der Schwelle.
Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der König den ehrerbietigen Gruß des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das auf dem Schreibtisch liegende Dokument.
„Haben gelesen!“ sagte er mürrisch. „Er hat sich Freiheiten genommen. Er ist Unser Minister für Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser Präzeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere Brüder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und [pg 112]Generäle noch weniger! Es sei denn, daß Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!“
„Majestät wollen gnädigst gestatten –“, fing der Freiherr an.
„Aufrührerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! – Er hat die Prinzen und Generäle veranlaßt, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!“
„Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber für jedes Wort darin auf, als hätte ich es getan!“ sagte Stein bestimmt. „Es enthält nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die Befürchtungen wieder, die jeden vaterländisch gesinnten Mann heute bewegen: daß die Politik der Kabinettsräte und vor allem des Grafen Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst Abstand davon genommen wird.“
„Die Kabinettsräte führen nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat große Verdienste um die Krone und hat überdies viele Geschicklichkeit bewiesen. Daß er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er offen seine Meinung!“
„In der Tat“, sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze Gestalt erlaubte. „Ich würde schlecht mein Amt als Berater der Krone versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz verdient in keinem Falle das große in ihn gesetzte allerhöchste Vertrauen. Er treibt hinter dem Rücken Eurer Majestät seine eigene Politik, für die die Krone nachher die Verantwortung tragen muß. Eurer Majestät bestimmten Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhöchstdero Kriegserklärung zu überbringen, führte er nicht aus, zögerte erst drei Wochen, ehe er ins französische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann statt des Krieges den Bündnisvertrag mit Napoleon zurück!“
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„Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer Verbündeten bei Austerlitz!“
„Österreich und Rußland hatten sich wohl eben nichts Ersprießliches vom Bündnis mit uns erwarten können. Sonst hätten sie lieber auf uns gewartet, als zu früh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens feige, unentschlossene Neutralitätspolitik hat die Krone Preußens so allmählich um alles Ansehen bei den anderen Mächten gebracht und hat das Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch Feind. Und so müssen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestät schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen.“
„Meine Armee wird ihm die gebührende Antwort darauf geben!“
„Ich befürchte nein. Denn wie sind wir für den Kampf gerüstet? Ohne Geld, mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil vom Bedarf leisten. Wir haben es versäumt, uns beizeiten aus England und Österreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzügen besteht zum größten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen geführt, die bei aller Rüstigkeit doch nicht über die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muß, muß also schnell geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestät um eine Entscheidung zu bitten, die Allerhöchstdieselbe doch früher oder später treffen müssen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir verlangen die Entfernung der Kabinettsräte Lombard und Beyme, die sich zwischen die Krone und ihre Berater gedrängt haben und die nur verhin[pg 114]dern, daß Eure Majestät von der wahren Sachlage der Geschäfte gebührend unterrichtet werden!“
„Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsräte dartun wollte, Er hätte es nicht besser tun können als durch das, was Er soeben vorbrachte. Fürwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu gewinnen, wenn Uns in solch ungebührlicher Weise, wie jetzt von Ihm, Wünsche, Bitten und Vorschläge vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise zu nahen. So müssen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren Untertanen in den Kram paßt oder nicht. Er hat sich zu fügen und Uns zu vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um Unsere Entschließungen zu kümmern. Und wagen sie’s, offen dagegen zu revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betrübnis vorgekommen ist, auf offener Straße dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen, Unsere Autorität zu wahren!“
„Wollen Eure Majestät in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere sich erlaubt haben, das mag ungewöhnlich sein, eine Revolte ist es aber nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Königs Majestät irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung. Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Bedürfnis, die Ehre des Landes zu wahren!“
„Die Ehre des Landes wahrt der König!“
„Der König und das Volk. So muß es sein. So wird es kommen. Und daß die Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestät Hauptstadt zum erhebenden Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestät zu beglückwünschen. Ich flehe zum Himmel, daß sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin beschränken möchte. An jene Kundgebung müssen Eure Majestät anknüpfen, von da aus alles umgestalten, [pg 115]dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich geschämt, als die Franzosen Hannover überfielen und das hannoversche Volk den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit beantwortete, daß es alle waffenfähige Jugend außer Landes schickte. Und überdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht schleunigst Kanonen und Ausrüstung dem Feind überlieferte, damit der Krieg nur aufhöre. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer wieder die Frage vorgelegt – und immer wieder antworten müssen – ja, es waren Deutsche – aber deutsche Knechte, denen jedes Gefühl der Teilnahme für das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und mitgesungen, als das große, heilige Gefühl, für die Ehre des Landes das Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Mängel und Schäden im Staate sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung beizutragen. Wird das ungnädig aufgenommen und gar als Ungebühr gerügt, so bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um meinen Abschied zu bitten!“
Der König hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehört. Er mochte nicht zeigen, wie sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte auch nicht das, was er als Ungebühr bezeichnen mußte, dadurch sanktionieren, daß er irgendwie auf dessen Ausführungen einging.
Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin zurück und sagte, ohne Stein anzusehen [pg 116]und ohne die Stimme irgendwie zu erhöhen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen abzuweichen:
„Werden Ihm Unsere Entscheidung bezüglich seines Abschiedsgesuchs zukommen lassen!“
Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet.
Der Freiherr verbeugte sich steif und nicht mehr als nötig, machte kehrt und ging.
„Beyme!“ rief der König, und der kleine Kabinettsrat kugelte aus dem Nebenzimmer herein, den Brief Blüchers und das Antwortschreiben in der Hand.
„Hergeben!“ sagte der König und setzte sich an den Schreibtisch.
Er ließ sich den Antwortsentwurf von Beyme vortragen, nahm dann, ohne ein Wort des Beifalls oder Mißfallens zu äußern, Blüchers Brief vom Schreibtisch und las ihn, noch einmal prüfend, durch.
Der General schrieb unter anderem:
„aufgefordert durch die täglich immer bedenklichere Lage und gefährlicher werdenden Schritte, welche Frankreich sich in militärischer Rücksicht hier gegen Eurer Königl. Majestät Grenzen erlaubt, muß ich endlich mein Herz zu Füßen des Königs, meines Herrn, ausschütten; muß ich als treuer und grau gewordener Diener von Höchstdero erhabenem Hause meine Ansichten unserer Lage Frankreich gegenüber zum ersten und zum letzten Male Euer Majestät zu Füßen legen. – – – – – Frankreich meint es mit keiner Puissance redlich und gut, am allerwenigsten mit Euer Königl. Majestät, als der einzigen Macht, die seinem Eroberungs- und Unterjochungssystem in Deutschland noch allein im Wege steht. Es verbirgt sogar seine Ansicht nicht; denn wenngleich es mitunter süße Vorspiegelungen macht, so widersprechen alle seine Handlungen gegen Eure Majestät diesen geradezu. Die Invasion von Hannover, der letzte gewaltsame Durchmarsch durchs Ansbachsche, und die räuberische Besetzung von Essen und Werden, sowie der ganze arrogante Ton, den der französische Monarch sich erlaubt, beweisen Euer Königl. Majestät mehr als genug, was ich zuvor gesagt habe. Alle [pg 117]treuen Untertanen Eurer Königl. Majestät, alle echten Preußen, und die Armee besonders, haben das Herabwürdigende dieser französischen Demarchen tief empfunden, und fühlen es noch, und alles wünscht die gekränkte Nationalehre bald – recht bald – blutig zu rächen.
Wer das Betragen Euer Königlichen Majestät aus einem anderen Gesichtspunkt darstellt – –“
Der König sah bei diesem Passus vom Briefe auf und blickte Beyme lange an. Dann las er weiter:
„– – wer Eurer Königlichen Majestät zu fortwährendem Nachgeben, zum Frieden mit dieser Nation rät, der ist entweder sehr, sehr gutmütig, sehr kurzsichtig, oder er ist mit französischem Golde gekauft –“
Hier unterbrach der König das Lesen und warf den Brief auf den Tisch. Er nahm dann das Antwortschreiben Beymes aus dessen Händen entgegen, zerriß es, ohne es zu lesen, langsam und bedächtig, zum Entsetzen des Kabinettsrats und ließ die Fetzen in den Papierkorb fallen.
„Wollen dem verdienten General nicht seine soldatische Offenheit strafen! Wollen aber auch ihm keine unerbetene Einmischung verstatten – ziehen es vor, ihn ohne Antwort zu lassen.“
Beyme verbeugte sich schweigend.
„Hörte Er vorhin, was der Freiherr vom Stein Uns zu erzählen wußte?“
„Der Baron war sehr laut – –“
„Er hat Uns seinen Abschied nahegelegt!“
Der König blickte Beyme fragend an. Und dieser glaubte aus der veränderten Absicht des Königs dem General Blücher gegenüber schließen zu dürfen, daß er doch nicht mehr so unempfindlich gegen die Vorstellungen Steins war, wie vorhin. Er fand es also klüger, einzulenken und demnach zu raten.
„Der Freiherr verdient zweifelsohne eine Maßregelung ob seines dreisten Tones“, sagte er zögernd. „Er hat aber im Amte viel Eifer und Tüchtigkeit bewiesen. Will er jetzt zurücktreten, so tut er es nur, um sich der Verantwortung [pg 118]zu entziehen – wenn das Unglück, das er prophezeit, wirklich eintreten sollte! Und da verdient er eben seinen Abschied nicht zu bekommen!“
Der König merkte wohl, worauf sein lieber Beyme hinauswollte, sagte aber nichts, sondern blieb sitzen wie vorhin und blickte geradeaus.
Ein Minister, der mit seinem Rücktritt drohte – das war ihm neu!
Sonst pflegten diese Herren an ihren Ämtern zu kleben. Neun Zehntel ihres Strebens ging darauf aus, sich die Gunst zu erhalten. Sie waren fleißig, enthielten sich eines jeden Widerspruchs, machten ihre Dummheiten mit größter Diskretion, glatt, delikat unter Wahrung der Form, blieben trotz etwaiger Fußtritte auf ihrem Platz, maßten sich keine Verantwortung zu, die ihnen nicht zukam, und belästigten niemals mit Ansichten und unerbetenen Ratschlägen!
Und nun dieser Stein!
Ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, ein fleißiger Arbeiter, aber schroff, steifnackig, eigenwillig, geradeheraus und herrisch! Er stellte gar Bedingungen! Entweder du tust meinen Willen oder ich gehe!
Das ginge nicht! Das dürfte nicht sein! Er sollte bleiben! Er müsse sich aber ducken, müsse sich an die Trense gewöhnen. Nachher ließe sich schon gut mit ihm fahren!
Der König blickte Beyme an, der noch in gespannter Aufmerksamkeit wartete.
„Wollen Uns die Sache noch überlegen!“ sagte er kurz. „Seinen Verweis hat der Freiherr! Die anderen werden ihrem Teil auch nicht entgehen! Er aber sorge dafür, daß uns der Straßenpöbel mit aufrührerischen Kundgebungen nicht noch einmal inkommodiere! Dulden Wir das, so steht das ganze Volk auf und will mitregieren!“
„Gestatten, Majestät – auf der Straße gibt es immer Leute, die mitschreien, wo es zu schreien gibt. Sie sind nicht das Volk. Das Volk ist froh und zufrieden, eine weise Regierung zu haben, die ihm den Frieden sichert, damit es in [pg 119]Ruhe seinem Erwerb nachgehen kann. Die Neutralitätspolitik von Euer Majestät Regierung hat das bewirkt und einen noch nicht dagewesenen Wohlstand erzeugt. Man ist überglücklich und zittert nur vor dem einen: in den allgemeinen Kriegsstrudel hineingezogen zu werden. Man will den Krieg nicht –“
„Aber man schreit auf den Straßen und sucht ihn zu provozieren. Ob Krieg oder Friede, haben Wir nach Unserem Ermessen zu entscheiden. Wir wollen den Krieg nicht. Das merke Er sich, Beyme. Er kann gehen!“
Der Kabinettsrat verbeugte sich, so tief es seine kugelrunde Statur erlaubte, und ging.
Der König rief seinen Generaladjutanten und Kabinettsrat für militärische Angelegenheiten, den Oberst von Kleist, und verfügte kurz:
„Den königlichen Prinzen ist zu befehlen, sich sofort zur Armee, zu ihren respektiven Truppenteilen zu verfügen. Haben zuviel Freiheit gehabt, müssen sich wieder an Disziplin gewöhnen!“
*
Der korsische wilde Jäger ließ seine Meute los. In der Urheimat der alten Germanen, im Thüringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute weit auseinander zerstreut in Süddeutschland, von Passau und Memmingen, südlich der Donau, über Ansbach und Würzburg bis Frankfurt am Main. Dann nahmen sie die Fährte auf und stöberten vorwärts aus allen den verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und Fichtelgebirge einerseits mit dem Thüringer Wald, andererseits in stumpfem Winkel zusammenstoßen, sich wie eine schützende Barriere vor Norddeutschland legen und nur durch einige Pässe im Quellengebiet der Saale bequemen Durchlaß gewähren.
Dort wollte der wilde Jäger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem rechten Saaleufer vorwärts treiben und so die preußische Armee, die sich nördlich vom Thüringer [pg 120]Wald aufgestellt hatte, überflügeln und von ihren rückwärtigen Verbindungen abschneiden. – Inzwischen tastete die preußische Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thüringer Wald herum, unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder, in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der Flankenstellung hinter der schützenden Saale erwarten sollte.
Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt.
Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfürsten von Mainz und Großkanzlers des jetzt zertrümmerten Heiligen Römisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdrücklich zu wissen, daß es zum Range einer Hauptfestung des großmächtigen Königreichs Preußen erhoben worden war.
Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein.
Tag und Nacht herrschte in den Straßen ein reges Treiben. Kanonen, Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten dröhnend über das Pflaster, daß die Hauswände zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter, Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte, Geräusche aller Art schwirrten durch die Luft.
In den Straßen und auf den Plätzen drängten sich Neugierige jeden Standes und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die Hühneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der berühmtesten preußischen Regimenter zeigten sich überall, auf dem Anger, im Karthäusergarten und in den Läden auf der „Krämerbrücke“. Zopf und Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen Straßen der Altstadt war ein Gedränge und Getriebe wie seit Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gäßchen ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch nebenbei staunend zu den Kloster[pg 121]mauern hinauf, hinter denen vor dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, als er dorten als Mönch eintrat.
Sächsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverfälschtes „Balinsch“ kämpften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem königlichen Salut einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die altberühmte „Maria gloriosa“ des Domes mit ehernen Stimmen die Majestät des Königs von Preußen begrüßten und so Preußen über alles zur Losung machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen konnte.
Am fünften Oktober sollte beim König Kriegsrat abgehalten werden.
Kriegsrat, das heißt für gewöhnlich Bestätigung und Vermehrung der Ratlosigkeit bei der Führung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten ein Dutzend oder mehr Köpfe das Unmögliche vollbringen, sich um einen Entschluß zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei’s aus Alters- oder Charakterschwäche, aus höfischen Rücksichten oder um sich einer ihm lästigen Verantwortlichkeit zu entziehen.
Tüchtigkeit und besondere Befähigung allein sind leider nicht immer bei Besetzung eines Amtes an dieser Stelle maßgebend. Es gibt höfische Rücksichten, die da mitreden, Rücksichten auf Familie, Verwandtschaft, Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden der Sache, an führende Stelle verhelfen und verhindern, daß die rechte Person auf den rechten Platz kommt.
So kam es, daß der Herzog von Braunschweig, als ältester Feldmarschall und berühmtester Heerführer Preußens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine siebzig Jahre waren kein Hindernis.
Aber – auch der General Fürst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprüche auf ein selbständiges Kommando, und man [pg 122]hatte geglaubt, ihm mindestens die Führung einer Armee geben zu müssen. Man schuf also, statt einer einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich unabhängig. Denn der Herzog, voll weltmännischer Courtoisie, nahm jede Rücksicht und ließ dem Fürsten Hohenlohe seinen Kopf für sich.
Dieser Kopf Hohenlohes hieß von Massenbach, Oberst und Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando.
Der Fürst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da das nicht der Herzog war – gehorchte er also, wenn auch unbewußt, seinem Generalstabschef Massenbach.
Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten können.
Er hatte Ideen – strahlende Ideen – tiefe Ideen – unfaßbar geniale Ideen, die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner Vollkommenheit ebenso fest überzeugt, wie von der gänzlichen Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstäbler. Er war aus Schwaben, war apoplektisch, kahlköpfig, hatte rosige, blühende Wangen und redete wie ein Wasserfall.
Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen über die nimmermüden Lippen herausließ, dann betäubte er sein Auditorium – aber auch sich selbst, so daß er jeden auch noch so begründeten Einwand überhörte. Denn er überzeugte weder, noch ließ er sich überzeugen. Er konnte nur sich selbst reden hören und behielt, seiner Meinung nach, deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war maßlos erstaunt und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und tat alles, um es zu hintertreiben.
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Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpaßt wo es große Entschließungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender Einfluß eingeräumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar.
Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivpläne der verschiedenen Armeeleitungen – obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber, aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und mußte.
Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen den Thüringer Wald zu überschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im Bayreuthischen zu postieren, um die Pässe zu besetzen und zu verteidigen, und drei Divisionen rechts vom Thüringer Wald auf der Straße nach Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten.
Wäre dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als Überfall ausgeführt worden, dann hätte man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt.
Auch wenn die Überrumpelung nicht gelang – wenn der Feind schneller sein würde und der Bewegung der preußischen Armee zuvorkäme, dann vereinfachte dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal entgegenzutreten, wenn er über den Thüringer Wald oder von der Frankfurter Straße käme, und wäre durch die Saale geschützt, wenn er durchs Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So hätte man die Rückzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen Umständen die Elblinie und Berlin gedeckt.
Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Fürst Hohenlohe, hatte sich aber von seinem übergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen Plan ausklügeln lassen, überwältigend, versteht sich, aber verwirklicht, unklar und unpraktisch.
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In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements auf der Eisenacher Straße und Patrouillen durch den Thüringer Wald. Unter gänzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Rücken unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem König diesen Plan.
Es gelang ihnen wohl nicht, dessen förmliche Annahme durchzusetzen. Aber sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter geschwächten Oberbefehlshaber unsicher – und verschafften so dem Gegner noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand.
Als der König dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubürden, zog sich selbst auf die zweite Stelle zurück und veranlaßte Zusammenberufung eines Kriegsrates, der also den endgültigen Entschluß fassen sollte, zu dem er allein nicht mehr die nötige Entschlossenheit hatte.
Zum Kriegsrat waren erschienen, außer dem alten, immer noch weltmännisch eleganten Herzog von Braunschweig und dem Fürsten Hohenlohe, der achtzigjährige, stattliche und ungemein berühmte Feldmarschall von Möllendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine feurige Draufgänger General von Rüchel, mit blitzenden Augen unter krausem weißen Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch sich brüstend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene Oberbefehlshaber, wenn nicht höfische und andere Rücksichten die Prinzen ihm vorgezogen hätten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hüter der friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradeplätzen mit Eifer und Gewissenhaftigkeit geübt wurde.
Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull, Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Führung des Generalquartiermeisters und [pg 125]Kriegsministers Gensau, gemeinsam den Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft, Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach übersprudelnd von gelehrten Schlagwörtern und von Gründen, gegen die nicht aufzukommen war.
Phulls Strategie ging von der Lage der Magazine aus, hatte sich eins von diesen Magenzentren ausstrahlendes „Radialsystem“ zurechtgelegt und kam darüber nicht hinaus.
Massenbach wiederum klebte am Terrain und vergaß darüber die Truppe.
Wogegen Scharnhorst, mit sicherer Intuition für die Bedeutung der Individualität und deren Schulung, alles darauf legte, offene Augen, einen klaren Kopf und schnelle Entschlußfähigkeit zu schaffen, diese durch kriegsgeschichtliche Studien zu fördern und so einen Stab um sich zu scharen, der, von keiner vorgefaßten Theorie behindert, jeder der tausend wechselnden Situationen im Kriege gerecht werden konnte.
Diese drei Systeme führten miteinander Krieg und führten ihn so mit dem Feind.
Der kleine, oberflächliche und verbindliche Minister des Äußeren, Graf Haugwitz, chevaleresk, hinterhältig, glatt, poliert und leichtfertig wie immer, war auch dabei. Ihm zur Seite sein Adlatus, der frühere Botschafter in Paris, Marquis Luchesini. Der Diplomatie dieses Braven verdankte Preußen den Pariser Vertrag, durch den es zum Vasallenstaat Napoleons degradiert werden sollte.
Anwesend war ferner, wenn auch ohne Sitz und Stimme im Kriegsrat, die rechte Hand des Königs, der Kabinettsrat Lombard, der einflußreichste Mann am Hofe und im Lande verhaßt wie kein zweiter.
In einer Zeit, in der die Friseure als Anekdotenerzähler und Neuigkeitskrämer ebenso geschätzt waren wie als Künstler, und ihre vornehmste Obliegenheit die war: der feinen Welt die letzte Tournure zu geben – da waren es nur Leute von Esprit, Witz und tadellosen Manieren, die es auf dieser [pg 126]Laufbahn zu etwas bringen konnten. Sie waren gewissermaßen Hüter und Träger des guten Geschmacks und dessen berufenste Vertreter und waren in Reinkultur, was der hohe Adel erst durch die Kunst ihrer Hände wurde. Sie fertigten die mondäne Attrappe an, die den Inhalt, das übliche sündige Fleisch und Blut, mit Anstand verdeckte.
Als Sohn eines Perückenmachers hatte Lombard also in dieser Beziehung Ahnen erster Güte, auf die er sich berufen konnte. – Er war auch wohlgebildet, gefällig, weltmännisch geschliffen, aalglatt und falsch, von der Überlegenheit der französischen Kultur vollkommen überzeugt, und also auch der eifrigste Verfechter einer franzosenfreundlichen Politik. – Er war Träger der Tradition von der Unumstößlichkeit und Machtvollkommenheit einer Kabinettsregierung, wie sie am preußischen Hofe noch in Reinkultur bestand. – Er war ohne Ministerportefeuille mächtiger als sämtliche Minister der drei Könige, denen er gedient hatte, und war ohne Sitz und Stimme in der Regierung doch maßgebend, weil stets in persönlicher Berührung mit dem König.
Des weiteren nahmen an der Beratung teil: der würdige General von Köckritz, der Generaladjutant Oberst von Kleist, und eine Unzahl Räte und Schreibersleute!
Prinz Louis Ferdinand war nicht einmal als Zuhörer geladen und wartete mit Blücher im Quartier des Generals von Rüchel auf Nachricht vom Verlauf der Konferenz.
Das große Wort bei der Beratung führte natürlich Oberst von Massenbach, der in langen und wortreichen Ausführungen zu beweisen versuchte, daß alles Heil nur darin zu suchen wäre, mit beiden Hauptarmeen links über die Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen, die Rückzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin durch Böhmen gedeckt war, noch mehr zu schützen.
Rüchel würde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke rekognoszieren.
Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und überlegt wie immer, bestand auf dem hauptsächlich von ihm ent[pg 127]worfenen Offensiv- und Defensivplan des Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch niederkämpfen zu können, und im Bewußtsein, daß man durch das Zögern wohl schon den rechten Zeitpunkt verpaßt hatte.
Man entschied sich endlich weder für das eine noch für das andere, beließ die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter gleichzeitiger Besetzung der Saalepässe, als linken Flügel bei Blankenhain auf und den rechten Flügel unter Rüchel bei Craula. Nebenbei sollte rekognosziert werden.
Der wankelmütige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon. Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, würde dieser wohl auch vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womöglich noch in letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden könnte.
In dieser Utopie wurde er allerdings bestärkt durch einen soeben beim König eingegangenen versöhnlich gehaltenen Brief Napoleons!
Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Rüchel nachher den Verlauf der Konferenz schilderte.
„Unser Oberbefehl erinnert mich täuschend an ein russisches Dreigespann, eine richtige Troika“, sagte er. „Das mittlere Pferd läuft da, wie Sie wissen, in stetem, ruhigem Trab – die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle ziehen aber in einer Richtung vorwärts. Wogegen beim Oberkommando die drei Pferde – unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants – alle woanders hin wollen! Scharnhorst in der Mitte hält den beiden andern, Phull und Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der Herzog, gibt ihm nicht den nötigen Rückhalt! Er fährt unsicher, ist zu liebenswürdig und zuvorkommend, läßt jeden, der behauptet, ein Anrecht darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, daß diese unerbetenen Mitfahrer ihm noch in die Zügel fallen und läßt das Fahrzeug bald nach links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: ‚Achtung Stein! Aufgepaßt eine Grube!‘
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Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der König, behauptet die Würde und läßt sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten Ohrenbläsern Lombard und Haugwitz schöne Vorträge halten über die herrliche Aussicht, die man haben könnte, wenn’s nicht so neblig wäre, und übersieht darüber das schlechte Fahren des Kutschers!
Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepäck, sitzt der Kriegsminister Gensau, klein, dick und dumm, hält seine Akten zusammen und schreibt und rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepäckstücke, deren überflüssigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden.“
„Gensau,“ sagte Rüchel, „von dem hörte ich eben ein entzückendes Geschichtchen, als ich vorgestern meine Armee verließ, um zum Kriegsrat hierherzukommen. Die Geschichte ist charakteristisch für das System und büßt nichts dadurch ein, daß sie wahr ist. Ich stieß nämlich plötzlich mit dem alten ‚Isegrim‘, Yorck, zusammen. Hoheit kennen ihn? – Nein?! – Klein, dürr, knarrig, Querkopf erster Güte, sieht überdies aus wie eine schlechte Karikatur vom Alten Fritzen! – Er stand also da und schimpfte und fluchte und wetterte über die Schweinewirtschaft im Generalstabe, über die Kopflosigkeit und die Unordnung und die Liederlichkeit bei der Quartiermachung, kurz über Gott und alle Welt!
‚Da steh’ ich,‘ sagte er, ‚und glaube nach beendigtem Tagesmarsch meine wohlverdiente Ruhe haben zu können, und plötzlich meldet sich zu nachtschlafender Zeit einer meiner Offiziere bei mir.
‚Was will Er?‘ hab’ ich gefragt. ‚Meldung vom feindlichen Anrücken?‘
‚Zu Befehl, nichts vom Feind zu sehen!‘
‚Was treibt Er sich denn herum? Hat Er nicht seine Befehle?‘ frage ich.
‚Zu Befehl, die hab’ ich!‘ sagte er. ‚Ich habe Order Quartiere zu beziehen. – Wir finden aber die Quartiere nicht!‘
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‚Soll ich Ihm helfen?‘ frage ich. ‚Hat ein Oberst und Regimentskommandeur nichts Wichtigeres zu tun, als Kinderfrauendienst bei den Majors und Leutnants zu versehen? Wo ist Sein Quartierzettel? Zeige Er her!‘
Und ich nehme den Zettel und lese ihn vor, denn da stand deutlich und klar der Name des Dorfes, wo er Quartier nehmen sollte. Und ich wasche ihm noch gründlich den Kopf und werfe ihm den Wisch wieder hin.
Da sagt er ganz ruhig: ‚Lesen kann ich auch! Und was drauf auf dem Zettel steht, weiß ich ebensogut zu deuten, wie der Herr Oberst selbst. Aber mit Erlaubnis zu sagen – ich möchte das Dorf nicht nur angewiesen haben, ich möchte es auch tatsächlich haben!‘
Das ging denn doch zu weit. – ‚Soll ich Ihm den Weg zeigen? Schere Er sich! Was zum Kuckuck behelligt Er mich mit dergleichen?‘ schreie ich ihn an und kriege einen roten Kopf und gebe ihm noch einmal einen Denkzettel, der sich gewaschen hat.
Der Kerl rührt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da und hört in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumäßigem Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt dann endlich: ‚Wenn das Dorf zu finden wäre – ich hätte es schon gefunden! Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die Nachbardörfer, ja, die waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch wußte etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Küster vor der Tür seines Hauses gefunden – der sagte uns Bescheid. ‚Das Dorf,‘ sagte er, ‚war einst das größte und reichste hier in der Gegend – bis der Dreißigjährige Krieg kam! Der ließ aber keinen Stein auf dem anderen, der vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!‘ – So sagte der Küster. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch verzeichnet – in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem Dorfe sollen wir nun wohnen!‘
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So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau möglich‘, sagte Yorck und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen ‚Beratern‘ auch nicht!“
Der Prinz lachte noch toller. Blücher aber, ärgerlich über die lange Dauer der Beratung, schimpfte gleich los.
Rüchel hätte von Rechts wegen das Oberkommando haben müssen – der Prinz hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Blücher selbst, müßte die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stünde man jetzt nicht noch hier! Dann hätte man längst die Franzosen auseinandergejagt, den Rheinbund gesprengt und den sauberen Königen von Napoleons Gnaden, den von Bayern und den von Württemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Fürsten ausersehen wäre! Eine Schmach war’s, daß sie, obwohl Deutsche, gegen Deutsche kämpfen wollten! Ein Blödsinn aber von der preußischen Regierung, zu glauben, diese Abtrünnigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu können, daß Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder Angegriffener dastünde, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts würden doch gegen Preußen marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen wäre nur eins am Platze gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den Zaunkönigen Napoleons dabei vom Ast gefallen wären – schaden täte das der deutschen Sache nicht! Solche Fürsten könnte man entbehren!
Die Armeeleitung wußte aber nicht mehr, was sie wollte. Sie ließ jede gute Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, vorübergehen und schien nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spät zu kommen.
So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, daß die französischen Korps ihren Standort längst verlassen [pg 131]hatten, den großen Entschluß gefaßt, ihnen mit einem kühnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr lagen, zu fallen, um ihren natürlich längst stattgefundenen Aufmarsch zu stören! Und statt sich damit zu begnügen, sich mit ein paar Schwadronen bei diesem nachträglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thüringer Wald, zu ebendiesem Zweck schicken! – Ganze zwölftausend Mann, die bei der Hauptarmee viel nötiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen würden, wenn’s zur Entscheidung käme! Und das waren von den besten Truppen Preußens!
Da waren darunter das berühmte Regiment Kuhnheim, das älteste der Armee – das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin entschied – das Regiment von Borck, das unter Blüchers eigenen Augen bei Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz marschierend die französischen Linien durchbrach – da waren das seit Zorndorf, Kollin und Prag berühmte Pommernregiment Owstien, das Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jäger, die Husarenregimenter von Pletz und von Zieten – nächst seinen eigenen „Roten“, auf die er nichts kommen ließe, die besten der Armee! – Lauter Kerntruppen, auf die ein Verlaß sei! Und die ließ man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurückbleiben mußten, waren die Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreußischen Truppen waren überhaupt nicht ausgerückt! – Das waren über zwanzigtausend Mann. Fast fünfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im Herzogtum Warschau und zur Verstärkung der Garnisonen in den nicht bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fühlte man sich auch der Bevölkerung nicht sicher und ließ dort fast ebensoviel stehen! – Von den westpreußischen Truppen hatte man, dämlicherweise, eine „strategische Reserve“ gebildet, die irgendwo in der [pg 132]Luft hing und sicherlich erst zum Vorschein kommen würde, wenn’s zu spät wäre und die anderen Truppen abgekämpft waren – sicherlich aber nicht, wenn sie benötigt würde! Von der ganzen berühmten preußischen Armee, von zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Hälfte zur Stelle, außer den achtzehntausend Sachsen, die nicht zählten! Überhaupt die Bundesgenossen! Die hätten ganz anders angepackt werden müssen! Kurz und gut erklären: Entweder du marschierst mit und schlägst dich, wo es eine deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt’s nicht! Was war das nun wieder für eine Schlappschwänzigkeit der preußischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Fürsten Neutralität zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die sächsischen Herzöge, den Herzog von Braunschweig, alle ließ man neutral bleiben – und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es sähe, auf welcher Seite es zum Sieg käme, ehe es sich entschlösse einzugreifen! Kursachsen schickte bloß seine halbe Armee, Weimar ein – sage und schreibe – ein Bataillon Jäger!
„Das sind alles in allem fünfzigtausend Mann, die wir hätten mehr haben können, wenn wir nur den Mut gehabt hätten, einmal gegen diese Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was heißt das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das liebäugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschließen und ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm bloß gestattet, Darmhessen zu schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preußen und macht auch den Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeißt uns den ganzen Bund um, weil wir dazu nur ‚nein‘ sagten statt den Kurfürsten fest am Genick zu packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, hätte man mir nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich hätte den guten Kurfürsten schon beim Schlafittchen genommen! Ich hätte uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und mitgegangen wäre [pg 133]sie! Aber da kamen wieder die berühmten Kontraorders vom Kabinett, und nun können wir sehen, wie wir’s machen! Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende nähme mit dieser bodenlosen Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Räson! So geht’s ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder für sich, die Entscheidung vom König holen, der selbst nicht weiß, ob er alles oder gar nichts will!
Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in Divisionen kaum durchgeführt, geschweige denn jemals im Ernstfall ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine große Schweinerei bescheren, will ich gehängt sein! Ich bin gespannt, was schließlich bei dem Kriegsrat herauskommt!“
„Ich nicht!“ sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen sichtbar großes Vergnügen bereitete. „Wenn mein Vetter gescheit wäre, würde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der große Friedrich, und rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er würde die ratlosen Herrschaften nach Hause schicken und Rüchel und Sie, Blücher, und mich zu sich rufen und sagen: ‚Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut, sucht den Feind auf und schlagt ihn!‘ Das tut er aber nicht, er ruft Herrn Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfümierte Friseurjüngling – der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmüde Genußmensch – Lombard kommt tänzelnd herbei und lispelt deliziös: ‚Sire, vous voulez la guerre? Quelle horreur! Woßu la guerre? Man verständigt sich – schließt einen Kompromiß – beseitigt die Differenzen – reicht sich die Hände! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich denken läßt! Jener Parvenu – jener Kaiser von Pöbels Gnaden – er ist noch zu neu in seiner Würde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit gutem Beispiel voran!‘
Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, [pg 134]streift die Spitzenmanschette zurück, taucht mit Grazie seinen Federkiel in französisch parfümierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne den geringsten Verstoß gegen die längst abgestorbene Etikette, in tadellosem Französisch, aber im Namen des Königs von Preußen – ein Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschämtheit Napoleons, unser Ansbach zu besetzen! Und der König läßt gehorsamst das Elaborat seinen Weg in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im eigenem Blute des Unverschämten die einzige ihm gebührende Antwort zu schreiben! Das hätte unverzüglich und unverzagt schon vor Wochen getan werden müssen! Da hätten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber jetzt – –“
„Eine Schmach ist es!“ rief Blücher, „eine Schmach und Schande, wenn man bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Fürsten gegenüber erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager auf die Nase, jenen Bäckerjungen aus Cahors, den Seiltänzer Murat! Den macht er zum Herzog von Berg, läßt ihn unsere Abteien Essen, Eltern und Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwärts aus, engt uns immer dichter ein – sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken und läßt uns dann gnädigst wissen, wenn wir uns darüber beschweren, daß er so den Norddeutschen Bund hintertreibt: Er, Napoleon, hätte die Unabhängigkeit aller deutschen Fürsten garantiert, er werde keinen Oberherrn unter ihnen dulden!
Das muß sich ein König von Preußen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern überlegt’s noch, macht einen Schritt vorwärts, zwei Schritte rückwärts und bloß halb mobil, zaudert und überlegt und fragt: ‚Soll ich, soll ich nicht? – Liebt er mich? Liebt er mich nicht?‘ Wo es doch sonnenklar ist, daß er uns absichtlich auf die Hühneraugen treten wollte!“
„Der König hofft noch den Frieden zu bewahren – er [pg 135]hofft im letzten Augenblick den Krieg abzuwenden“, sagte der Prinz. „Und leider ist das ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel zu entkräftigen! Ein Glück ist es, daß ich die Vorhut der zweiten Armee habe, und daß Sie, Blücher, die von der Hauptarmee jetzt übernehmen! Wir werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?“
„Nein, hol’ mich der Teufel, da soll mich nichts zurückhalten!“
„Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich aus! – Sie sollen’s sehen, ich mach’s, und das wird eine Sache, von der man reden wird! Und dann gibt’s kein Zurück! Für die Ehre Preußens, Blücher, für den Ruhm der preußischen Armee, dafür setze ich mein Leben ein! Das schwöre ich!“
„Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!“
Sie gaben sich die Hände, und Rüchel, als Dritter im Bunde, legte auch den feierlichen Schwur ab, gab dann Blücher die Befehle, auf die er wartete, und hieß ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und saß kurz darauf im Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen.
*
Im Schlosse zu Jena dampften die Schüsseln auf der Tafel des kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein, die getroffene Dispositionen über den Haufen warfen und ohne Verzug neue verlangten.
Im Salon warteten die Mittagsgäste des Fürsten, der General Sanitz, der für den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major Loucey, und einige Stabsoffiziere.
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Die Stimmung war gedrückt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war von Bernadotte besiegt – der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und Ungewißheit zu tragen und zögerte, ihm Worte zu verleihen. Und schließlich war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht stören zu lassen, sondern erst auf die Schüsseln einzuhauen und dann auf den Feind.
Der Fürst ließ auf sich warten.
Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gästen, die draußen warteten. Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschluß! Dann würde die Suppe um so besser munden, und man hätte, nach dem Essen, auch ein Viertelstündchen Zeit zum Ausruhen – was bei einem Sechziger, dem die Strapazen des Hoflebens geläufiger waren als die im Lager, nicht ganz ohne Bedeutung zu sein pflegt.
Die ersten Donnerschläge des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine Absichten bis jetzt verhüllte, hatte sich für einen Augenblick verzogen; man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man versäumt oder falsch gemacht hatte, und traf Maßnahmen, der ersten Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gemäß zu ordnen.
Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem für gewöhnlich gutmütigen und gefügigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand.
Der Fürst hatte schließlich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er war nervös und ungehalten, die Verantwortung für Fehlschläge auf sich nehmen zu müssen, die der übereifrige Eigensinn seines Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief [pg 137]auf eigenmächtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon Gebrauch gemacht hatte.
„Es geht nicht,“ sagte der Fürst, „wenn man einen Befehl erteilt, gleichzeitig anzudeuten, daß man die Sache vielleicht doch lieber anders gemacht haben möchte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz mußte nach ihnen glauben, das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flußübergang bei Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurückzuziehen und nur in Fühlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der übrigen Armee verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste erschüttert!“
Das wäre keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle Schleusen seiner Beredsamkeit auf und überschwemmte den Fürsten mit einer Schwallwoge von guten Gründen.
– Kleine Fehlschläge – und nur um einen solchen handelte es sich in diesem Fall –, kleine Fehlschläge kämen stets im Kriege vor; damit müsse man rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! – Die Schlappe bei Saalfeld würde keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis Ferdinand in der Beziehung gefährdet hätte, hatte er durch seinen Heldentod wieder gutgemacht!
Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwäbisch eine begeisterte Lobeshymne altpreußischen Heldengeistes zum besten, ließ die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens dagegen ankämpfte – wie er, als sein Pferd beim Übersetzen eines Gartenzaunes hängenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde –, wie er sich dann mit Löwenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen [pg 138]hatte, vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage besiegelte!
Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Fürsten sicher. Heute aber versagte sie total!
Keine Rührung, kein Seufzer, keine Träne! Auch kein einziges Zeichen des Beifalls, als er die Nachricht hinzufügte, die Trümmer der Division Louis Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamünde aus nach Rudolstadt entgegenrückte, aufgenommen und neu geordnet worden!
„Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!“ sagte der Fürst ärgerlich. „Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Hätten Sie nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte Saaleufer zu verlegen, zurückgesteckt und strikte die Order des Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generäle nicht aus noch ein! Ein jeder handelt für sich – meine Armee steht überall zerstreut! – Keine Sammlung, keine Einheit! Wenn’s jetzt zum Schlagen käme, sind wir beim ersten Anstoß in alle Winde zerstreut!“ –
Auch gegen die Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster bereit.
– Er hätte, wie der Fürst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet hatte, Stafetten mit Marschorders überallhin ausgesandt, und aus allen Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken Saaleufer hin! Verschiedene Truppen wären schon angelangt! Die sächsischen Regimenter zögen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es wäre sogar höchste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrückten!
[pg 139]
– Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben möchten, zu befehlen, daß aufgetragen werde? Die Suppe würde sonst kalt werden! –
Da kam ihm der Fürst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile über den Thüringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen Vorräten und Magazinen wäre gefallen!
„Naumburg?“ flüsterte Massenbach und wurde ganz still.
„Ja,“ sagte der Fürst, „und das haben wir auch durch unsere unklare Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet! Derlei unliebsame Überraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt hätten, wenn sie befolgt worden wären. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen, gegebenenfalls sich ohne Kampf, aber in steter Fühlung mit dem Feind, von Hof über Schleiz nach Naumburg zurückzuziehen und uns stets à jour mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit fing’s an! Das war das Horsd’œuvre! Weil Tauentzien sich statt auf Naumburg nun so allmählich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen zurückziehen mußte, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht über die Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die hätten wir längst haben müssen und unsere Gegenmaßnahmen beizeiten treffen können, stände Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu dinieren!“
„Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!“ beeilte sich Massenbach einzuwerfen, wagte dann noch eine schüchterne Erinnerung an die wohl längst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein geneig[pg 140]teres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer an, sich Geltung zu verschaffen.
Man verfügte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten Tisch, die Diener schoben die Stühle zurück, die Tafeldecker hoben die Deckel von den Schüsseln, appetitlich duftende Dämpfe reizten die Gaumen, das Vorgefühl kulinarischer Genüsse erheiterte die Stimmung – man wurde gesprächig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, ließ Vergangenes Vergangenes sein, löffelte vergnügt die delikate Suppe aus und sah schon den Madeira in den Gläsern funkeln.
Da stürzte atemlos, unter gänzlicher Mißachtung einer jeglichen Etikette, der Kammerdiener des Fürsten herein.
„Die Franzosen sind in der Stadt!“ schrie er leichenblaß, und all die erhobenen Suppenlöffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten Mäulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken.
„Die Franzosen?“ sagte der Fürst ungläubig. „Unsinn! Sie können nicht fliegen!“
Und er löffelte wieder seine Suppe, kaltblütig, wie’s sich einem erprobten Kriegshelden geziemt.
Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es wäre doch wohl möglich! Sie hätten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl überbrachten, und es wäre schon anzunehmen, daß er heute seine Streifzüge bis nach Jena ausgedehnt hätte! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber aß für drei, in beschleunigtem Tempo, und der Fürst, der sich auch nicht gern beim Essen stören ließ, befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben Zitronenscheiben auf den glänzenden Schüsseln behaglich rekelten. Er ließ sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing schon an, die größte zu zerlegen.
Da ging draußen ein Geschrei und ein Getöse los, als wäre das Jüngste Gericht plötzlich über das Land Thüringen [pg 141]hereingebrochen – ein Laufen war’s, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Fürst ließ Messer und Gabel sinken, ließ Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die Pferde vorzuführen, ließ sich Hut und Degen geben und ging aus dem Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von Massenbach.
Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung seines Appetits stören zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink – die Lakaien traten mit gefüllten Schüsseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die Parade ab, revidierte aufs gründlichste, was sie an Proviant noch vorrätig hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die aufgefahren war! Indessen auf den Straßen der Lärm wuchs und den Ohren des schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte.
Draußen sah es wüst aus. Der Markt war übersät mit fortgeworfenen Gewehren und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden sächsischen Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der Saalebrücke war ein wirrer Knäuel von festgefahrener Artillerie und Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schließlich ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die Stränge durchschnitten und sich in die Sättel geschwungen hatten. Durch alle Tore strömten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs nächste wieder hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen, sperrten sich in ihre Häuser ein und gaben auch manchen von den wackeren Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf – ließen aber dafür die bei ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepäck und ihre Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde, die von Hof über Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit [pg 142]dem Feind handgemein gewesen waren und also wußten, wo er war und was sie an ihm hatten – einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstörer, falls sie wirklich noch da waren, zu stellen und zu schlagen.
Da, wo er hinkam, war aber nichts zu sehen. Einige Leute wollten Franzosen auf den Bergen um die Stadt herum bemerkt haben. Und da der Fürst, bei näherem Nachsehen, ein paar Uniformen zwischen den Büschen dort oben bemerkte, so schickte er Patrouillen hinauf, um nach dem Rechten zu sehen.
Sie kamen zurück und brachten als Gefangene – einige Verwundete von der bei Saalfeld versprengten Division des Prinzen Louis Ferdinand mit, die weder in Lazaretten noch in Bürgerhäusern Unterkunft gefunden hatten, die auch, wie fast die ganze durch Gewaltmärsche gehetzte Hohenlohesche Armee, in den letzten drei Tagen nichts gegessen hatten und nun, um ihren Hunger zu stillen, dort oben in den Feldern nach Kartoffeln gruben. Für ihre Entbehrungen hatte ja auch die bekanntlich pünktlich waltende Nemesis der Weltgeschichte den Fürsten durch ebenso häufige Störungen seiner Mahlzeiten gestraft, da ja er die Verantwortung zu tragen hatte und sein Generalquartiermeister nur zu sündigen brauchte!
Diese armen Leute waren es, die den Schrecken über Stadt und Land losgelassen und so vielen tapferen Leuten eine schmähliche Niederlage bereitet hatten.
Ein paar Hasenfüße von der Straße hatten sie gesehen und „die Franzosen kommen!“ geschrien. Und gleich war der Teufel los, Lärm wurde geschlagen, Besinnung, Mut und Ordnung waren hin, und eine Schlacht ging verloren, in der es nur Besiegte, aber keinen Angreifer und also auch keinen Sieger gab!
Der Fürst kehrte an der Spitze seiner Tapferen in die Stadt zurück, befahl die ineinandergefahrene Artillerie auseinanderzubringen und die Fahrer, die die Stränge durchgeschnitten hatten und geflohen waren, festzunehmen und [pg 143]mit aller Strenge der Kriegsgesetze zu bestrafen – eine Aufgabe, die die sächsische Generalität gütigst übernahm und auch pünktlich – – bis auf die Bestrafung – durchführte!
So konnte sich der Fürst endlich wieder zu Tisch setzen und in den inzwischen bei der Verwirrung gründlich geleerten Schüsseln Nachschau halten. Viel fand er nicht mehr vor, die Forellen waren längst in andere Gewässer hineingeschwommen, die Lakaien hatten vor Schrecken in ihren Verstecken weder sehen noch hören können, und der Herr Generalquartiermeister war auf die Berge geklettert, um das Lager auszustecken, das noch vor Sonnenaufgang bezogen werden sollte.
So endete der erste Tag der für die Franzosen so glorreichen Schlacht bei Jena.
Aber mancher tapfere Bursche knirschte vor Wut mit den Zähnen, als er von der Panik hörte, und schwur hoch und heilig, wenn es wirklich zum Kampf käme, die Schmach mit dem Blute der Franzosen abzuwaschen oder selbst dabei ins Gras zu beißen!
Am nächsten Tag kamen der König und der Herzog von Braunschweig von Weimar herübergeritten. Sie wollten mit Hohenlohe die auf Grund der erlittenen Niederlage Tauentziens und Louis Ferdinands veränderte Sachlage beraten und beschließen, was nun zu tun wäre, um sich der nach dem Fall Naumburgs drohenden Überflügelung zu entziehen und aus der Falle hinter der Saale wieder herauszukommen.
Das Resultat der Beratung wurde, daß das Hauptheer von Weimar über Auerstedt auf die Unstrut zu in Marsch gesetzt werden sollte. Rüchel, der mit seiner Armee in Erfurt stand, sollte folgen, zunächst nach Weimar – der Herzog von Weimar sollte von seinem „Husarenstreich“ nach Franken zurückberufen werden, Hohenlohe die Saaleübergänge bei Jena, Dornburg und Camburg besetzen, um den Flankenmarsch der Armee zu schützen und dann nachkommen. In Sachsen wollte man sich mit der Reservearmee unter dem [pg 144]Herzog von Württemberg treffen und so vereint dem Feind entgegentreten.
Der Rand des Saaleplateaus, vorzüglich der Landgrafenberg, sollte besetzt, aber kein Angriff unternommen werden.
Man trennte sich wieder.
Der Fürst, der sich bestimmt vorgenommen hatte, wenigstens heute zu Mittag zu essen, wollte sich eben zu Tisch setzen, als ihm wieder zwischen Lipp’ und Bechersrand eine Probe gegeben wurde, wie sehr die Disziplin in seiner Armee gelockert war und wie wenig er sich auf sie verlassen konnte.
Zunächst wurde er durch die Nachricht gestört, daß der Feind die dicht bei Jena stehende Feldwache angegriffen hatte – was ja an sich keine Katastrophe bedeutet hätte, wenn jene Nachricht ihm nicht durch den Chef jener Feldwache selbst überbracht worden wäre, der auch gleich, vorsichtshalber, sein ganzes Wachkommando nach der Stadt mitgenommen und also dem Feind offene Bahn gelassen hatte. Das mußte schleunigst in Ordnung gebracht werden und wurde auch durch den Adjutanten des Fürsten, Major Loucey, mit einem Bataillon eines der in Jena stehenden Regimenter Tauentziens besorgt. Außerdem bekam der sächsische General Senft, der zwischen Jena und Dornburg stand, Befehl, mit seinen Dragonern die neue Feldwache zu unterstützen, die Saaleufer zwischen Dornburg und Jena zu beobachten, Dornburg zu besetzen und auch mit einigen Eskadrons nach Camburg zu gehen, um die dort befindliche Brücke, die in die Hände der Franzosen gefallen war, zu nehmen.
Der General tat das alles äußerst saumselig, wofern er es überhaupt tat, dirigierte eine Eskadron halbwegs nach Camburg und setzte sich mit dem Rest seiner Dragoner irgendwo zur Ruhe. Der Fürst wußte aber davon nichts.
Es stand jedoch in den Sternen geschrieben, daß der gute Fürst, der sosehr die Freuden der Tafel liebte, gerade in dieser Beziehung seines Lebens nicht froh werden sollte!
Mit Entbehrungen seines durchlauchtigen Bauches mußte er die Sünden seines Kommissariats vergelten, das so schlecht [pg 145]für das leibliche Wohl seiner Soldaten sorgte. Nolens volens mußte er die Qualen des Hungers selbst leiden für alles, was die braven Soldaten entbehren mußten! Und gar noch für die Sachsen, obwohl diese ein eigenes Oberkommando, eigene Verpflegung und eigenen Generalstab hatten und ihn in dieser Hinsicht gar nichts angingen!
Das hinderte sie aber nicht, einen Kriegsrat ihres Verpflegungsdepartements, mitsamt dem Adjutanten der kommandierenden sächsischen Exzellenz, zum Fürsten zu schicken, mit der kategorischen Mitteilung: Wenn die Preußen ihnen nicht sofort zu essen gäben, würden sie, die Sachsen, sogleich abmarschieren und den Krieg Krieg sein lassen!
Der Fürst verzog keine Miene bei der wenig erfreulichen Tatsache, daß seine halbe Armee angesichts des Feindes mit Rebellion drohte. Er versprach alles und schickte sofort seinen braven Massenbach spornstreichs nach Weimar zum König, um Brot für die Sachsen zu erbitten. Denn er war davon überzeugt, wo kein anderer etwas Eßbares verschaffen könnte, da würde Massenbach bewirken, daß die Steine zu Brot werden würden. Aber leer käme er nicht zurück! –
Nachdem der Fürst diese Anordnungen getroffen hatte, setzte er sich nicht noch einmal zu Tisch, denn das hatte er sich schon abgewöhnt und als aussichtslos aufgegeben! Sondern er bestieg sein Pferd und begab sich ins Lager, ließ die Truppen aus den Zelten hervortreten und ritt die Front ab.
Es wurde eine lange Inspektion.
Er ritt die preußischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten Flügel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem – ob und wie und mit was sie versorgt waren –, was sie bekommen und was sie nicht bekommen hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzügen, die sie gemeinsam mit ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein Vorgesetzter, schön und markig, von altpreußischem Geist, von ruhmgekrönten Fahnen und altbewährter Waffentüchtigkeit, von Treue und Pflicht, von König und Vaterland – entflammte so den Mut und den [pg 146]nimmermüden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen.
Denn noch hatte er den linken Flügel nicht abgeritten, da knatterte und ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht wurde ihm gebracht: Jena wäre geräumt und auch evakuiert – die Franzosen wären drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, wäre auf den Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die an Zahl weit überlegenen Franzosen, so daß er sich vom Talrand kämpfend zurückziehen mußte!
Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann ließ der Fürst sofort Füsiliere und Jäger tiraillierend vorgehen und den Feind aus dem nächsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder hinauswerfen. Er setzte dann preußische Grenadiere und reitende Artillerie in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu großer Stärke auf dem Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals hätten heraufkommen dürfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewiß. Der Fürst wollte auch seine Tapferen in höchsteigener Person anführen und war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben.
Da kam Massenbach, den ein ungnädiger Himmel nicht unterwegs das Genick hatte brechen lassen – da kam dieser Unglücksmensch spornstracks aus Weimar zurückgesprengt, wohin ihn ein mißgünstiges Geschick in überflüssiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Königs: unter keinen Umständen irgendeinen Angriff zu unternehmen.
Der Fürst wütete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel, als wäre der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte: Wenn der König hier wäre, würde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die Gelegenheit wäre günstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der ganzen Armee. Man müsse den Franzosen schnell wieder [pg 147]vom Plateau hinunterwerfen! Nach einigen Stunden wäre er zu stark, da wäre es zu spät! Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! –
Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen Gucklöcher auf, blickte dem Fürsten unverzagt ins Gesicht und wiederholte, mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den königlichen Befehl, hier keinen Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort verlorengegangene Brücke zurückzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee ungestört vor sich gehen konnte.
Befehl ist Befehl.
Zähneknirschend fügte sich der Fürst, befahl seinen Braven, statt vorwärts auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen, setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando übernommen hatte, ließ die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und überließ es dem General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen.
Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem übergenialen Massenbach fast mit dem Rücken gegen den Feind gewählt. Ob er es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewöhnliche Leute zu sein – um dem Feind recht nachdrücklich seine Verachtung zu zeigen –, oder aus übergroßer Höflichkeit, um es ihm recht bequem zu machen, der preußischen Armee in den Rücken zu fallen, das mag dahingestellt bleiben!
Massenbachs Genie reichte aber nicht so weit, anzunehmen, daß der Feind sich gewiß nicht um des Königs von Preußen Verbot, zu kämpfen, kümmern würde! Da man aber den Gehorsam so weit trieb, sich auch kopflos aller Vorteile einer starken Stellung zu begeben – da man also die Saale nicht einmal so lange verteidigte, daß man die Absichten des Feindes erriet – da die Brücke über den Fluß nicht abgebrochen, die Stadt Jena geräumt wurde – da der Talrand ohne Widerstand dem Feind überlassen und ihm gar Zeit und Raum gegeben wurde, dort, auf den beherrschenden Höhen festen Fuß zu fassen, so wäre wohl voraus[pg 148]zusehen gewesen, daß man, ungeachtet aller Verbote, doch gezwungen werden würde, eine Schlacht anzunehmen.
Man hätte sich also ebenso gern gleich, ohne jene Fehler zu begehen, unter unverhältnismäßig günstigeren Bedingungen schlagen können und müssen. Statt später eine Schlacht in offenem Gelände gegen vielfache Übermacht liefern zu müssen, hätte man sich auf ein aussichtsreiches Nachhutgefecht in vorzüglichen Stellungen beschränken und mit dem Gros der Hauptarmee nachziehen können.
Durch den Kadavergehorsam seines Generalquartiermeisters Befehlen gegenüber, die der Befehlende selbst, nach Kenntnisnahme der veränderten Sachlage, sicherlich sofort zurückgenommen hätte, und durch seine eigene Machtlosigkeit gegen diesen seinen bösen Geist, verlor Hohenlohe so die Schlacht, schon ehe sie geschlagen war.
*
Am Nachmittag desselben Tages kletterte ein kleiner Mann in grauem Rock, den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, den Abhang des Landgrafenberges hinauf, stellte sich da oben auf den höchsten Auslug, die Arme über der Brust verschränkt, und blickte über die Gegend aus.
Ein paar kurz hingeworfene Worte von ihm genügten, und gleich flogen Kuriere nach allen Richtungen hinaus mit Befehlen für die kaiserlichen Marschälle, schleunigst, wo sie auch waren, auf Jena zu marschieren, wo man allem Anschein nach die preußische Hauptarmee gestellt hatte.
Inzwischen zog aber die preußische Hauptarmee ganz woanders in aller Gemütsruhe weiter an der schützenden Saale entlang.
Auf dem Landgrafenberge bei Jena bereitete sich das Gewitter vor.
Aus allen Schluchten, die rundherum zur Kuppe hinaufführten – aus dem Rauhtal, dem Mühltal, aus der Eule und dem Steiger, fluteten in endlosem Strom nach und nach an die hunderttausend Mann hinauf mit Roß und Wagen, mit Rohren und Protzkästen!
[pg 149]
Wie ein Gewimmel geschäftiger Ameisen, so kribbelte und krabbelte es von kleinen nervigen, schnellfüßigen Kerls gegen den einen Punkt hin, wo der kleine Mann im grauen Rock stand.
Bäume wurden gefällt, Wege mit Geistergeschwindigkeit hervorgezaubert, und längs der so gewonnenen Bahnen glitten immer neue Reihen von Kanonen, Protzkästen und Pulverkarren hinauf. Und von oben keine Störung, kein einziger Schuß, kein überraschender Angriff der preußisch-sächsischen Armee, die, teils im Lager bei Kapellendorf, teils um Dornburg herum in weitläufige Quartiere gelegt, an alles andere eher dachte als daran, den unerbetenen Gast wieder in die Schluchten hinabzuwerfen.
Der kleine Mann stand da unbeweglich als ruhender Punkt und Richtzeichen in all dem Getriebe, das auf ihn zustrebte, um nachher, von seiner Hand zusammengefaßt, sich wieder strahlenförmig, wie aus einem Fächer heraus, über die Gegend zu ergießen und die preußische Armee zu umfassen, sobald der Augenblick dazu da wäre.
Der Wind spielte mit den Schößen seines langen grauen Mantels. In der zunehmenden Dämmerung verwob sich ihr Flattern mit den aus den Schluchten der Saale aufsteigenden Dünsten, die immerfort zunahmen, als ginge der Nebel von den grauen Rockschößen aus. Immer dichter wurden die Dünste, schon füllten sie die Täler und die Schluchten und ließen einzelne Kuppen nur noch als übriggebliebene Inseln aus der Überschwemmung herausragen, bis auch sie versanken und das Wolkenmeer sich vom Thüringer Wald, über die Unstrut, bis weit nach der Elbe hin ausbreitete, Städte und Gehöfte verschlang und alles Leben vom Erdboden vertilgte.
Im Schutz dieses Nebels fing der kleine graue Mann an, seine Netze zu legen und seine Fallen zu stellen, schnell, behende, sicher und leise schleichend wie das Unheil selbst.
Sorglos ruhte das Wild. Nur weit in der Ferne und außer Bereich des Waltens jenes unheilschwangeren Geistes wachte [pg 150]ein Wille, von bösen Ahnungen getrieben – ein Wille, der die Macht des Zauberers brechen wollte. Aber er war noch unfrei, noch von den Fesseln blinden Gehorsams gebunden.
Blücher – denn er war es – ging da, von quälender Unruhe getrieben, rauchte sein kurzes Pfeifchen, schnupperte nach allen Windrichtungen hin, räusperte sich, hustete die sauverfluchten Nebeldämpfe aus, spuckte und fluchte über den drückenden Dunst, der das Atmen behinderte und den Ausblick versperrte!
Er dachte daran, wie er einst im Traum den Wolken des Himmels Blitze entriß und die Nebel verscheuchte.
Ja, das wäre so etwas, frei zu fliegen, die Augen offen, alles sehen, im Fluge das Notwendige gleich erfassen und blitzschnell zur Tat werden lassen, statt wie jetzt, am Gängelbande eines anderen, Befehle auszuführen, die der erste beste Stabsoffizier ebensogut bewältigen könnte!
Als ihn heute unterwegs der Befehl des Königs erreichte, sofort seine Truppen zu verlassen, um zu ihm ins Hauptquartier zu kommen, da dachte er: jetzt ist deine Zeit da, jetzt braucht man dich zu etwas, was nur du leisten kannst!
Er ritt schnell wie der Wind hin und kam abgehetzt an – nur um die Nachricht zu empfangen, der König schliefe und wünsche ihn erst am nächsten Morgen zu sehen.
Eiliger war’s also nicht!
Ärgerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen.
Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort war die stolze preußische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren steif gedrehten Zöpfen und stolzen Schnauzbärten, fort die bunten Röcke der Husaren, die Harnische der Kürassiere, die wehenden Helmbüsche und blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Räder, das Wiehern der Pferde, das Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedämpfter herausdrang, um schließ[pg 151]lich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre Biwake einnahmen.
Keine Müdigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten hätte er sich an die Spitze seiner „Roten“ gesetzt, wäre, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel hineingaloppiert, hätte die Gegend bis zur Saale nach Franzosen abgepirscht, hätte das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem preußischen Husarensäbel traktiert.
Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war den wenigsten gegeben!
Der Teufel mochte auch wissen, wo seine „Roten“ biwakierten und wie weit sie zurückgeblieben waren! Ohne sie gelänge kein Streich! Die anderen von der Kavallerie, das waren eben die anderen!
Stunde um Stunde verging; die Dünste begannen allmählich eine hellere Färbung anzunehmen; irgendwo im Osten wühlte etwas Gelbliches sich mühsam Weg durch die Nebel. Hoch und höher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so daß man zur Not noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und zu rufen, als zögen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den Thüringer Wald, während die Räder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen.
Das Getöse nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefaßt, immer unheimlicher an.
Jetzt zogen die alten Heidengötter zum Ragnarök aus; die Midgardsschlange ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf; alles eilte dem Endkampf entgegen – die Götterdämmerung war da!
Und er mußte hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zündende Funken in den Tumult hineinzuschmettern!
[pg 152]
Er hielt’s nicht länger aus. Er befahl, das Pferd vorzuführen, ließ seine Adjutanten wecken – seinen Sohn, den Rittmeister von Blücher und den Rittmeister Graf von der Goltz – und ritt, von ihnen gefolgt, um sich beim Könige zu melden.
Der König war schon zu Pferd. Er ließ Blücher wissen, daß bei Kösen Franzosen über die Saale gegangen waren, und daß er gegen sie vorgehen müsse. Befehle möge er sich beim Oberkommandierenden, dem Herzog von Braunschweig, holen.
Der Herzog gab Blücher, da die „Roten“ noch nicht angelangt waren, von der Division Schmettau mit, was von den Heisingschen Kürassieren und vom Dragonerregiment Königin da war. General Schmettau, der seine Kavallerie selbst gut gebrauchen konnte, nahm das gewaltig krumm, ohne es indessen ändern zu können.
Blücher selbst, nicht gerade froh, seine eigenen Leute nicht um sich zu wissen, ließ aber fünf gerade sein, ließ zum Sammeln blasen, setzte sich an die Spitze der Regimenter und galoppierte in den Nebel hinein!
Auf dem Landgrafenberg bei Jena aber war sein Widersacher, der kleine Mann im grauen Rock, nicht müßig gewesen. Ihm hatte keiner etwas zu befehlen. Und das Glück war mit ihm. Kein Feind störte sein waghalsiges Unterfangen, seine ganze Armee die Schluchten nach dem Berg hinaufklimmen zu lassen – kein überraschender Angriff beim Aufmarsch –, kein plötzliches Hineinkartätschen in die marschierenden Massen. Alles ging wie am Schnürchen. Und er selbst biwakierte inmitten seiner Garden auf der höchsten Kuppe so ruhig, als schliefe er in seinem Bett in den Tuilerien. Nichts konnte seinen Schlaf stören, weder trübe Ahnungen noch der aus allen Schluchten des Saaletales hervordrängende Lärm, der die ganze Nacht anhielt, bis seine stolze Armee oben und nach allen Seiten hin in die vorbezeichneten Stellungen aufmarschiert war!
Selbst hatte er schon die Stellungen der preußischen Armee rekognosziert und war bisweilen so nahe an sie [pg 153]herangekommen, daß er Feuer bekam und sich schnell niederwerfen mußte.
Dann fing er, vom Nebel begünstigt, an, seine Truppen wie Schachfiguren hin und her zu schieben, schob Davoust mit seinem Korps weit über Naumburg hinaus, um die preußische Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden, zog selbst alles Erreichbare von dem anderen Korps an sich heran und stand zum Losschlagen bereit.
Gegen Morgen fing es dann an im Nebel zu rattern und zu knattern. Das zeitweilige Aufblitzen des Mündungsfeuers aus den Gewehren und Geschützen gab zu erkennen, wo Freund und Feind waren, ließ aber keinen Schluß auf die Menge oder die Art der kämpfenden Truppen zu.
Die Preußen griffen an.
Graf Tauentzien hatte die Bataillone Erichsen, Pelet und Rosen bei Closewitz-Lützeroda und im Issenstedter Forst aufgestellt und ging selbst von Dornburg aus mit mehreren sächsischen Bataillonen vor. Gegen sich aber hatte er die drei Divisionen des Marschalls Lannes mit vielem Geschütz. Ganze Regimenter löste dieser als Tirailleurs auf, die Tauentziens kleine Schar so heftig bedrängten, daß er sie auf Vierzehnheiligen und Altengönne zurücknehmen und hinter den Divisionen des Generals Grawert in Aufnahmestellung führen mußte.
Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewähltem Lager nach Möglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Flügel linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich’s gehörte, dem Feinde das Gesicht zu, statt den Rücken, was ihm nachträglich gar das Lob eines großen Feldherrn eingebracht hat.
Gegen Grawert schwärmten nun die französischen Tirailleurs wie die Grasmücken aus und füllten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie beigegeben, so daß der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer stattfinden mußte. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als wären sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel [pg 154]ging’s im Geschwindschritt vorwärts, so daß die Infanterie dicht hinter der auf Linien auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran kamen sie. Dann ließ Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels abzuwarten.
Der Feind indessen wartete nicht, sondern schoß wacker hinein in die wie Schießscheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Kräften. Er selbst war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und hatte seine Kanonen so gut eingegraben, daß vom Rohre nichts zu sehen war. Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene Belästigung unruhig wurden, war ja nichts natürlicher, als die letztere gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs hineinsausen zu lassen und diese auf die preußische Infanterie zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Führung keine Gegenliebe, die Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre Säbel nicht gebrauchen.
Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die französischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff vorgingen und weit über die beiden Flügel der Preußen hinauslangten. Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Lücken entstanden.
Vor der drohenden Überflügelung wankte und wich bei den Preußen alles zurück. Und wo’s zurückgeht, ist’s vorbei mit Vertrauen und Zuversicht. Hier und dort riß Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und der Franzose, nicht faul, ließ seine Kavallerie los, wo er die geringste Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie ihre eigenen Pferde nicht halten konnten.
Manch preußischer Kavallerist biß vor Wut die Zähne zusammen oder fluchte laut über die unfähige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen ließ! Sie raubte so den [pg 155]Preußen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein, zog sie in Linien aus, ließ sie im Kartätschenfeuer stehen oder nur schleichend vorrücken – etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten. Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinüber deren Kavallerie, obwohl nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser geführt war.
Immer mehr rückte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und schmetternden Fanfaren, drückte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen, bog den rechten Flügel um die preußische Linie herum – schob seinen linken Flügel weit über die nach Weimar führende Chaussee hinaus und umfaßte den preußischen rechten. Der Rückzug artete in Flucht aus. Die sächsischen Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die Fährte auf die nächste Chaussee auf, gleichviel wohin sie führte, und kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Nächststehenden folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Flügel dagegen gingen Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurück. Die Armee wurde dadurch in zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er konnte, und förderte so nach Kräften die Trennung.
Die Ankunft des Generals Rüchel mit seinen fünfzehn Bataillonen änderte an der Niederlage nichts. Gegen die Übermacht konnte seine Armee ebensowenig an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit nachstanden.
Er ließ sie in Treffen geordnet, staffelweise – „en échelons“ – vorrücken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den doppelt überlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab – es war bloß eine Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkämpfen bestehenden Schlacht, in der großzügige Führung nur auf seiten Napoleons zu finden war.
Während dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter nördlich auf dem Plateau hinter der Saale, bei Kösen, Blücher [pg 156]mit der Avantgarde in den Nebel hineingaloppiert. Er stieß dann plötzlich auf etwas, das er für eine Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen mußte. Er segnete den Nebel, der es ihm so ermöglicht hatte, in den Rücken der feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurück, um Infanterie und reitende Artillerie zu holen. Dann würde er versuchen, die feindliche Aufstellung aufzurollen, und es wäre ihm auch gelungen.
Aber sein Adjutant kam nicht zurück, sein Sohn, den er nachschickte, kam wohl wieder, aber ohne Bescheid.
Weder Infanterie noch Artillerie wurden ihm geschickt, dafür fuhr eine Batterie die Chaussee nach Hassenhausen in Karriere hinauf und wurde vom Feind in der Fahrt genommen.
Blücher gab dann seinen Eskadrons Befehl zur Attacke, um auch so die feindliche Infanterie zu durchbrechen. Sie erhielten zwar von links starkes Kartätschenfeuer, gingen aber trotzdem erfolgreich vor, bis auf einmal, durch irgendeine Schlamperei, bei irgendeiner Schwadron „Kehrt“ geblasen wurde, und infolgedessen alles stockte und zurückwich.
Blücher stellte die Ordnung wieder her und erneute den Angriff. Um das Maß der Unordnung vollzumachen, wurde er aber dabei im Rücken von der eigenen Artillerie beschossen, und da war es aus! Die Kavallerie, die sich umzingelt glaubte, wich, und als Blüchers Pferd erschossen wurde und man den General selbst fallen sah, wandte sich alles zur Flucht, und er selbst, auf dem Pferd eines Trompeters nacheilend, wurde vom Strom der Fliehenden mitgerissen. Vergebens stellte er sich mit einer Standarte in der Hand den Leuten entgegen, und bat und beschwor sie, stehenzubleiben, – sie waren nicht zu halten.
Inzwischen waren die Divisionen von Schmettau und Wartensleben rechts und links von der von Auerstedt nach Hassenhausen führenden Chaussee aufmarschiert und zum [pg 157]Angriff vorgegangen, um dem Feind diesen seinen einzigen Stützpunkt diesseits der Saale zu entreißen.
Ihre altgewohnte Taktik aus der friderizianischen Zeit – das Avancieren en échelons –, Bataillonssalven abzugeben und mit dem Bajonett den Rest zu erledigen, kam trotz aller Tapferkeit nicht gegen die neue Kampfart des Gegners auf.
Sie litten entsetzlich im Tirailleurfeuer der behenden Franzosen, deren Kartätschen große Gassen in ihre wie Zielscheiben dastehenden Glieder rissen.
Gleich zu Anfang der Schlacht wurde General Schmettau erschossen. Der Herzog schickte darauf seinen Generalquartiermeister Scharnhorst nach dem linken Flügel, um die Ordnung wiederherzustellen und dort zu befehlen. Als er aber selbst kurz darauf durch die Augen geschossen wurde, da fehlte Scharnhorst, der ja die Befehlsausgabe für das Ganze zu ordnen hatte, an der entscheidenden Stelle, und die Preußen waren ohne Führung.
Feldmarschall Möllendorf war da, war aber schon zu alt und versagte völlig.
Der König war zu unerfahren und auch zu unentschlossen.
Die Schlacht war, wenn sie weiterging, trotz aller anfänglichen Mißerfolge gewonnen. Allein man ahnte es nicht.
Man hätte wohl wissen können und müssen, daß man höchstens ein einziges französisches Korps sich gegenüber hatte –, daß man also über eine erdrückende Übermacht verfügte!
Davoust hatte mehr gelitten als die Preußen und hatte keine Reserven mehr. Aber die preußischen Reserven unter Kalckreuth waren noch intakt.
Blücher ahnte, wie die Sache stand. Er bat den König um Kavallerie, um noch einmal den Versuch zu machen, eine Entscheidung herbeizuführen. Er erhielt sie auch, aber, gerade als er zur Attacke blasen lassen wollte, auch den unausbleiblichen Gegenbefehl. Er solle es lieber bleibenlassen. Es nütze doch nichts mehr. Die Kavallerie hatte es ja heute schon einmal schlecht gemacht. Und die Reserven, die bei Eckartsberga [pg 158]standen und untätig zusahen, wie sich ihre Kameraden verbluteten –, die wollte der König nicht auch noch opfern! Er glaubte nicht an den Sieg und siegte infolgedessen nicht. Er begnügte sich damit, zu befehlen, die Schlacht abzubrechen und einen allgemeinen Rückzug auf Weimar zu nehmen, um sich dort mit Hohenlohe zu vereinigen.
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Blücher war tobend und fluchend fortgeritten, als der König ihm seine Zustimmung versagte, noch einmal mit der Kavallerie die Schlacht wiederherzustellen.
Der König, der seinen alten Haudegen kannte und ihm nicht recht traute, schickte ihm gleich einen Adjutanten nach mit dem Befehl, zurückzukehren und bei seiner Person zu bleiben.
Sonst wäre es nicht sicher, daß nicht Blücher auf eigene Faust hin doch noch etwas unternähme!
Der Alte kam, meldete sich steif und korrekt zur Stelle, nahm seinen Platz im Gefolge ein, wurde vom König ins Gespräch gezogen, ritt gehorsamst heran, salutierte, antwortete kurz: „Zu Befehl, ja – zu Befehl, nein!“ auf alle Fragen, die der König an ihn richtete, und kam aus der Einsilbigkeit gar nicht heraus.
Der König ließ sich aber nichts merken. Er tat, als wäre alles in bester Ordnung, und sprach weiter auf Blücher ein, ohne seine schlechte Laune zu beachten. Und das paßte Blücher nun ganz und gar nicht in den Kram.
Als der König ihm seine Ansichten über die Ereignisse des Tages mit einer für ihn sehr ungewöhnlichen Gesprächigkeit auseinandergesetzt hatte und eine Pause machte, in der Erwartung, nun Blüchers Meinung zu hören zu bekommen, da schwieg Blücher steifnackig weiter.
Der König konnte dann nicht umhin, ein wenig die Majestät herauszukehren. Er hielt sein Pferd an, was eine Stockung in der Vorwärtsbewegung des ganzen Gefolges [pg 159]bewirkte, blickte auf Blücher, dessen Pferd auch gehorsamst und alleruntertänigst stehenblieb und sagte ein wenig ungeduldig:
„Nun? – Endlich Meinung hören lassen!“
„Zu Befehl, Majestät, meine Meinung ist die, wir reiten in verkehrter Richtung!“
„Was heißt das?“
„Wir kehren dem Feind den Rücken –, das ist immer verkehrt! Die Richtung vorwärts ist mir lieber!“
„Uns auch! Wenn aber unsere Leute zurückgehen!“
„Hasenfüße gibt’s in jeder Armee. Es sind aber genug tapfere Männer dabei gewesen!“