9 Jena (continued 2)
Reading edition
„Wir waren überflügelt!“
„Die Überflügelung hätte ich abgestoßen, so Eure Majestät mich hätte gewähren lassen!“
„Es wäre Ihm ebenso schlecht gegangen wie bei Seiner ersten Attacke!“
„Die erste Attacke wäre auch gut gegangen, hätte uns die eigene Artillerie nicht mit Kartätschen beworfen! Der Feind war schon erschüttert! Er hatte keine Reserven! Unsere Reserven waren nicht zum Kampf gekommen. Die Schlacht stand schon. Ein kleiner Stoß noch, und sie wandte sich zu unseren Gunsten! Wir hätten Davoust vernichtet und uns freie Bahn in der alten Marschrichtung erkämpft! Majestät wollen’s mir zu Gnaden halten, aber für so etwas habe ich Nase!“
„Und wenn’s doch anders gekommen wäre, als Er denkt, und das wäre gewiß der Fall gewesen – wir hätten nur unnütz das Blut unserer Leute verspritzt!“
„Majestät halten zu Gnaden, aber dazu sind wir alle da! Wenn’s gilt, König und Volk zu retten, ist kein Leben zu teuer!“
Der König schwieg. Eine Weile ritten sie in Gedanken heiter. Er fing schon an zu dunkeln.
Plötzlich hielt der König wieder sein Pferd an und richtete sich straff auf; seine hohe Gestalt zeichnete sich kräftig gegen den Oktoberhimmel ab.
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„Nun haben wir ihn!“ dachte Blücher. „Jetzt gibt er klein bei. Jetzt gibt er den Befehl zur Umkehr und läßt uns die Schlacht erneuern!“
Er hatte sich getäuscht.
Der König seufzte nur, blickte ihn dann an und sagte trocken: „Er hätte das Spiel nicht gewonnen, Blücher!“
„Ich habe wohl dann und wann ein Spiel verloren, Majestät – aber noch öfter eins gewonnen! Und das nur, weil ich das Spiel gewagt habe!“
Der König hatte schon eine derbe Antwort bereit.
Da knatterte es plötzlich irgendwo auf der rechten Seite los, Blücher gab seinem Pferd die Sporen, sprengte hin, um zu sehen, was los war, und kam zurück mit der Meldung, man hätte ein paar naseweise Chasseurs zum Teufel gejagt.
„Werden uns noch durchschlagen müssen!“ sagte der König eintönig und setzte den Weg fort. Blücher ritt voraus und untersuchte das Terrain, war bald hier, bald dort und kehrte bisweilen zum König zurück mit der Meldung über seine Wahrnehmungen, wurde für seine Fürsorge bedankt, aber sonst nicht weiter ins Gespräch gezogen.
Auf einmal, dicht vor Buttstedt, erhob sich an der Spitze der zurückgehenden Kolonnen ein großes Geschrei. Herannahen von Truppen wurde gemeldet. „Die Franzosen sind da!“ schrie alles. „Wir sind abgeschnitten!“ Und gleichzeitig knallte es rechts und links im Gebüsch los.
Alles stockte.
Patrouillen gingen vor und kamen zurück mit der Nachricht, Teile der Armee Hohenlohe zögen aus entgegengesetzter Richtung heran. Man hätte heute bei Jena gekämpft, der Fürst wäre geschlagen und geflüchtet – man wisse nicht wohin – Grawert und Rüchel wären vernichtet, die Sachsen gefangen – die Franzosen verfolgten gegen Weimar die dorthin Geflohenen, man hätte auch hier bald mit ihrem Erscheinen zu rechnen!
Alles stürzte vor, um selbst zu sehen und zu hören und von den Anrückenden nähere Kunde zu bekommen.
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Jede Ordnung hörte auf. Die Verbände wurden zerrissen, alles eilte in wirren Haufen durcheinander, schreiend, fluchend, tobend, ohne zu wissen wohin, ohne auf das Kommando zu hören, nur vorwärts auf dem nächsten Weg. Und ging’s nicht schnell genug auf den von der Bagage verstopften Chausseen, dann wurde einfach geplündert, die Regimentskassen verteilt, die Proviantwagen geleert und in die Gräben geworfen. Und wo es etwas Trinkbares zu fassen gab, wurde sofort ein allgemeines Gelage veranstaltet. Die Trunkenheit nahm bei den durch langen Hunger entkräfteten Soldaten reißend zu. Wüste Schmähreden auf die Offiziere, die das ganze Unglück verschuldet hatten, wurden laut, die unflätigsten Schimpfwörter schwirrten durch die Luft, vermischt mit dem kreischenden Gesang der betrunkenen Polen, die mit Sack und Pack abzogen und sich laut damit brüsteten, daß sie nun zu den Franzosen übergingen.
Die Offiziere, die Ordnung zu schaffen suchten, wurden gröblichst insultiert. Die Quälgeister unter ihnen ernteten jetzt die Frucht lange keimenden Mißvergnügens, wurden geschlagen, geschmäht und ihnen ins Gesicht gespuckt. – Die Mannschaften rissen ihre Abzeichen ab, warfen Knöpfe, Achselklappen, Packung und Gewehre in den Kot, daß die Landstraße weithin mit den fortgeworfenen Gegenständen besät wurde.
„Mit Preußen ist’s jetzt aus!“ schrien sie, „Preußen ist hin! Unseres Diensteides sind wir ledig!“
Der König war gleich nach Empfang der Unglücksbotschaft von Jena mit seinem Gefolge weitergeritten. Er nahm den Weg, statt nach Weimar, nordwestlich gen Sömmerda, um von dort nach Sondershausen zu kommen, welchen Ort er als neuen Treffpunkt und Sammelstelle für die Armee angab.
Sein Befehl an die Truppen, ihm dorthin zu folgen, wurde nur von einem Teil befolgt.
Ein großer Teil unter Möllendorf und Oranien war schon dicht vor Weimar angelangt und zog von dort weiter nach Erfurt.
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Der König nahm in Sömmerda Quartier und begab sich gleich zur Ruhe. Am folgenden Tag setzten ihm die Generäle zu, er möchte schnellstens vorreisen, um im Hinterlande den Widerstand zu organisieren. Er wäre jetzt da viel nötiger als hier. Er weigerte sich aber standhaft, die Armee zu verlassen.
Blücher schwieg sich anfangs zu der Sache aus. Er überlegte es sich so: Als Heerführer ist der König ebenso unerprobt und unfertig, wie die hohen Generäle untauglich. Ist der Vorteil, die Autorität des Königs im Bedarfsfalle zur Stelle zu haben, größer als der Nachteil, selbst möglicherweise vor ihr zurückweichen zu müssen? Die Sache schien ihm unsicher. Allein würde er am Ende mit den Generälen am besten fertig. Da brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Entschlossen setzte auch er dem König zu und brach dessen Widerstand.
In liebenswürdigster Weise bedankte sich der König bei Blücher für dessen umsichtige Führung bei dem gefahrvollen Nachtritt und entband ihn von der Pflicht, ihn weiter zu begleiten, da die Armee seine Kraft anderswo besser benötige. Aber von den roten Husaren nähme er gern die Eskorte für die Weiterfahrt nach Sondershausen an.
Blüchers Augen leuchteten vor Freude, als er das hörte.
Die nötigen Befehle waren schnell gegeben. Aus den Reihen seines stark zusammengeschmolzenen Regiments suchte er selbst die sichersten und erprobtesten Leute aus, und bald zog da eine kleine Schar von fünfzig Husaren vor dem Quartier des Königs auf, unter dem Befehl des Rittmeisters von Wolky, dem des Generals zweiter Sohn, der Leutnant von Blücher, beigegeben war.
Die „Roten“ waren sehr ungehalten über den Rückzug, gerade wo sie die Hoffnung gehabt hatten, gegen den Feind geführt zu werden, und zwar von ihrem Alten selbst, den sie in der Schlacht schmerzlich vermißt hatten.
„Der Feind brauchte nicht viele Schläge mehr,“ meinte einer, „warum wurde nicht die Reserve eingesetzt?“
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„Der alte Kalckreuth ist schon schlapp!“ antwortete ein anderer. „Er hatte schon längst einen Knacks, und nun geht ihm wohl vollends die Puste aus!“
„Wir hätten bei unserem Alten sein müssen, als er zur Attacke blasen ließ!“ sagte noch einer. „Da wär’s ein anderer Tanz geworden! Wir hätten ihn nicht aufsitzen lassen! Dunnerslag – so davonzulaufen vor den paar Chasseurs! Eine Schmach war’s und eine Schande! Aber die Königindragoner – – und die Reitzensteinkürassiere – und gar die von Heising! Die denken nur an ihren Magen! Ihre besten Leute fouragierten, als es zur Schlacht gehen sollte, und die anderen, nun, die sind eben nur bei den Paraden zu gebrauchen! Na, nun werden wir ja – – – Kinder – das Regiment kommt zu Ehren!“
„Man gut, daß wir zusammenblieben und hierherkamen. Ich war schon entschlossen, mich in den Busch zu schlagen und zu sehen, wie ich durchkäme, als der Kuddelmuddel unterwegs losging und alles davon redete, sich dem Franzmann zu ergeben! Und hätte ich unseren Alten nicht gesehen – ich wäre längst über alle Berge!“
Da kommandierte der Rittmeister: „Achtung!“
Die Glieder richteten sich; die Leute saßen wie angegossen in den Sätteln; auf Kommando flogen die Säbel aus den Scheiden und salutierten. Denn Blücher erschien jetzt auf der Freitreppe, von zwei Lakaien mit brennenden Armleuchtern begleitet.
Wie er so dastand in der Oktobernacht, hoch, schlank und elastisch wie eine Stahlfeder, das Gesicht mit dem grauen Schnurrbart frisch gerötet, die dunkelblauen Augen vor innerer Glut funkelnd, da war’s jedem der unten Harrenden, als träte er ihnen heute zum erstenmal vor Augen als der Herr und Gebieter, dessen Wort ein jeder sich zu fügen hatte, und wenn’s geradeswegs in den Tod ginge! Ein Gefühl von Sicherheit und Zutrauen kam sofort über sie; die Haltung straffte sich, die Faust krampfte sich stählern um den Säbelgriff, die Schenkel griffen fester um den Sattel, so daß Reiter und Pferd miteinander verwachsen schienen. [pg 164]Und als Blücher vortrat, und mit seiner sonoren, weithin schallenden Baßstimme ihnen zurief: der König habe dem Regiment die Gnade erwiesen und von ihm eine Eskorte angenommen, und er, Blücher, erwarte von jedem einzelnen unter ihnen, daß er sich der hohen Ehre würdig zeige und sein Äußerstes hergebe, um die geheiligte Person des Monarchen glücklich durch alle Fährnisse hindurchzubringen, da bedurfte es nicht noch der Drohung, mit der er glaubte seinen Worten weiteren Nachdruck geben zu müssen, als er die Worte hinzusetzte: „Und das sage ich euch, Kinder, wer von euch nach einem etwaigen Unglück mir noch lebendig unter die Augen zu treten wagen sollte, den würde ich mit eigenem Händen in Stücke hauen!“
Eisenhart klang das, und eisenhart stand der Alte da, wie ein Engel des Gerichts, die Hand auf dem Säbel.
Nicht seinen lieben Roten galten diese drohenden Worte, das wußten sie alle! Sie wußten, daß er sie wohl kannte und keinen Zweifel an ihnen hatte. Er war ihr Vater und sie seine Kinder, Fleisch seines Fleisches, Blut seines Blutes! Wie er für sie und mit ihnen, so würden sie alle freudig auf seinen geringsten Wink in den Tod reiten – dazu bedurfte es weiter keiner Mahnung und beileibe keiner Drohung! Die Worte soeben, die hatten den anderen gegolten, die gestern so schlecht geritten waren und ihren Alten im Stich gelassen hatten, statt ihm zum Sieg zu folgen! Denen waren sie ein gerechter Vorwurf, und die trafen sie auch – an den Roten vorbei, die dabei stolz blickten und mit begeisterten Zurufen seine Ansprache beantworteten.
Dann rief Blücher den Rittmeister von Wolky und seinen Sohn zu sich, sagte ihnen, er hätte befohlen, daß das Husarenregiment von Schimmelpfennig und das Dragonerregiment von Kraft rechts und links von der Chaussee marschieren sollten, um die Reise des Königs zu sichern – befahl ihnen äußerste Wachsamkeit und ging dann hinein, um dem König zu melden, daß alles bereit sei.
Der König wartete schon. Er bat die Generäle, sich vorläufig auf keine Kampfhandlungen einzulassen, da er dem [pg 165]Kaiser Napoleon geschrieben hätte und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht ständen. Dann verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl über sämtliche in Sömmerda stehenden Truppen übertrug, verbat sich das Geleit des alten, todmüden Herrn, ließ sich von Blücher hinausbegleiten, stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon.
Blücher, von stolzer Genugtuung erfüllt, blieb stehen, solange er noch die wogenden Reihen seiner roten „Kinder“ sehen konnte. Dann machte er kehrt und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Maßnahmen zu besprechen.
Er fand den alten Herrn gänzlich gebrochen vor.
Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, saß er da und starrte wie entgeistert ins Leere hinaus.
An der Tür wartete ein eben angekommener Kurier.
Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte tonlos: „Erfurt kapituliert! Möllendorf und Oranien mit zehntausend Mann unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle Petersberg auch!“
„Die Zitadelle auch?!“
Blücher schlug auf den Tisch, daß der alte Kalckreuth vor Schrecken fast vom Stuhle gefallen wäre. Er schrie, daß alles zusammenlief und bestürzt ins Zimmer drängte, denkend, die Generäle wären vom Feind überfallen worden – obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns, durch den Schornstein zu kommen pflegte!
„Himmeldonnerwetter!“ schrie Blücher, „schlag diese Schufte tausend Millionen Klafter in die Erde hinein, die König und Land verraten – diese Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf sich zu laden – diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts taugen, als alt und überflüssig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab’s kommen sehen! Ich hab’s gewußt! Da soll aber nur noch einer versuchen das Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer’s wagt, den [pg 166]erwürge ich mit diesen Händen. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes dreimal holen würde – ich tu’s!“
Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der fürchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmüde von dem Nachtmarsch und der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwürgt aus. Er öffnete die Lippen – aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Fürst sei wohlbehalten in Vippach und erbäte sich vom König Befehle.
„In Vippach!“ rief Blücher. „Geb Gott, er wäre ganz woanders, wo’s recht heiß ist! Geb Gott, er wäre in der Hölle mitsamt seinem Massenbach, und käme nie wieder auf deutscher Erde zum Vorschein! Sonst erleben wir womöglich noch größere Schweinereien als die, die er uns in Jena bescherte! Was will der Fürst noch Befehle, wo er ihnen doch nicht gehorcht?!“
Kalckreuth stand mit offenem Munde und unausgesprochener Antwort und blickte ihn entsetzt an. Schließlich winkte er den Boten näher heran und gab ihm mit tonloser Stimme den Bescheid: er möge seinem Herrn bestellen, der König wäre in Sondershausen, und der Fürst würde gut tun, sich auch dorthin zu begeben und sich dort Befehle zu holen.
Dann schrumpfte er in dem Stuhl zu einem leblosen Haufen müder Menschlichkeit zusammen und schlief auf der Stelle ein.
Blücher aber ließ sich ein kräftiges Frühstück kommen und war bald wieder bereit, es mit jedem Schicksal aufzunehmen.
*
Die von Blücher befehligte Arrieregarde war auf dem Rückzug bis in die Gegend von Weißensee gekommen, als plötzlich Prinz August, der ein Bataillon im Regiment König [pg 167]befehligte, in voller Karriere an Blücher heransprengte und ihm schon aus der Ferne laut zurief:
„Die Hundsfötter! Die Hundsfötter! Kommen Sie rasch mit, General, wenn Sie das Unglück noch verhindern wollen, sonst haben wir im nächsten Augenblick die Kapitulation!“
„Da soll doch der Donner dreinschlagen!“ rief Blücher, hochrot im Gesicht. „Sind die Leute denn alle alte Weiber geworden?“
Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte nach dem Standort des Kalckreuthschen Oberkommandos, wo der alte General eben im Begriff war, sich zur Unterredung mit dem Marschall Soult zu begeben.
„Wer redet hier von Kapitulation?“ schrie Blücher ihn an. „Da kann doch keine Rede davon sein, daß wir kapitulieren müssen! Wir schlagen uns durch, wenn’s sein muß – aber uns ergeben? Nee! Das geschieht nie und nimmer!“
Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhältnisse auseinander, die ihn zwangen, besondere Rücksichten zu nehmen: die königlichen Prinzen, die in seiner Armee standen – die Garden, die er dem König unversehrt erhalten müsse, und schließlich, aber nicht zuletzt, des Königs Verbot, sich in einen Kampf einzulassen. –
„Was die Prinzen betrifft,“ antwortete Blücher, „so sind sie selbst sicherlich die letzten zu verlangen, daß hier kapitulieret wird, damit ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich für die Ehre bedanken. Und der Kopf eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines gemeinen Soldaten. Der König hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden, oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und Blei haben wir genug, scharfe Säbel auch; sowie Leute, die dem Franzmann damit dienen können. Wer wird so dämlich sein, dem Franzmann da etwas anderes als blanke Hiebe zu geben?!“
[pg 168]
Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum maßlosen Staunen Blüchers der Oberst von Massenbach seine Stimme – Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war und jetzt plötzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam.
Dieser Unglücksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und übersprudelte gleich von Gründen und Gegengründen und großzügigen Projekten, die gänzlich in den Wolken hingen.
Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes stände ohne weiteres fest, die brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die preußische Armee betroffen worden war.
„Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden Umständen kapituliert, dann nimmt man nicht dem König eine Armee, sondern erhält sie ihm!“ sagte er dann und beantwortete die entrüsteten und erstaunten Ausrufe, die diese verblüffende Bemerkung begleiteten, mit einem selbstgefälligen und überlegenen Lächeln.
„Kapitulieren wir – ich wiederhole es –, dann erhalten wir dem König seine Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist groß; er ist erhaben und edeldenkend; er ist nicht nur ein großer Feldherr und ein wahrhaft großer Mensch, sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er will ein starkes, mit ihm verbündetes Preußen. Er wird, nach meiner festen Überzeugung, dem König seine Armee völlig intakt wiedergeben, wenn er nur weiß, daß sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Rußland kämpft. Freilich wäre es dazu notwendig, daß wir uns jetzt erst politisch anders einrichten!“
„Herr, was redet Er da für einen Kohl?“ fiel ihm Blücher in die Rede.
Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase hoch und versuchte auf den viel längeren Blücher verächtlich herabzusehen.
[pg 169]
„Ich deklariere,“ sagte er mit Nachdruck, „die Allianz mit Rußland ist unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, muß den König daran zu hindern suchen. Rettung für den Staat ist nur noch in einer Allianz mit den Franzosen zu finden!“
Damit kam er aber bei Blücher schlecht an.
„So’n Sauverfluchter – so’n Schwerenotverdammter! Das müssen wir uns sagen lassen! So’n Gewäsch wagt er uns zu bieten!? Wo wir allezeit bereit waren und bereit sind, den letzten Hauch herzugeben, um den Franzmann aus dem Lande herauszujagen, da wollen Sie ihm Tür und Tor öffnen und ihn gar noch in die Arme schließen! Das ist Verrat – das ist – –“
Er kam in solche Aufregung, daß er nicht weitersprechen konnte, und es wäre Massenbach sicherlich sehr übel ergangen, wäre nicht im selben Augenblick ein Parlamentär vom Marschall Soult angekommen, der den Oberbefehlshaber zu einer weiteren Besprechung einlud.
Das nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und Massenbach wurde vergessen.
Als man aber nachher zum Verhandlungsort ritt, da ritt Massenbach mit. Denn er mußte ja überall dabei sein und sein dickes Fell zu Markte tragen.
Soult und die begleitenden Offiziere waren nicht besonders liebenswürdig. Sie kehrten recht deutlich den Sieger heraus und führten die Unterhandlung in so hochfahrender Weise, als sei es eine Gnade von ihnen, überhaupt darauf zu verzichten, die Preußen kurz und klein zu schlagen und zu Brei zu treten.
Blücher sprach kein Französisch.
Er glaubte aber trotzdem aus der langen Unterhaltung Kalckreuths mit den Franzosen ein paarmal das Wort „Kapitulation“ heraushören zu können. Und als das im Anschluß daran einsetzende Geflüster nicht aufhörte, riß ihm schließlich die Geduld.
Er ging zum Marschall Soult hin und rief ihm laut und ohne Umschweife zu: „Kapitulation hin, Kapitulation her! [pg 170]Als Soldat bin ich in Ehren grau geworden. Als ehrlicher Soldat lasse ich mich jederzeit zusammenhauen, wenn’s nicht anders ist! Aber kapitulieren, nein! Die Feigheit dürfen Sie nimmermehr von mir verlangen!“
Dabei schlug er auf die Säbelscheide, daß es klirrte.
Bei den Franzosen ging dann ein Geschnatter los.
Wer jener Monsieur sei, der so aufgeregt tat! – Ob er oder le comte Kalckreuth das Kommando hätte? Man ließe sich einen derartigen Affront nicht bieten, man wäre schockiert, konsterniert und wer weiß was noch! – Man stampfte auf den Boden, ließ die Äuglein zornig blitzen und wetterte und zeterte, daß die Stimmen sich überschlugen.
Blücher fand das höchst ergötzlich und lachte ihnen aus vollem Halse ins Gesicht.
„Wenn die Herren einen Wettkampf im Krähen veranstalten wollen, ich habe nichts dagegen!“ sagte er. „Aber dazu bedarf es meiner Gegenwart nicht!“ Worauf er ihnen den Rücken kehrte, in den Sattel sprang und davongaloppierte. Die Franzosen taten das gleiche. Und die Herren Kalckreuth und Massenbach kehrten betrübt zu den Truppen zurück.
In bester Ordnung wurde denn, trotz dem Feuer der Franzosen, weiter marschiert bis nach Sondershausen.
Dort legte Kalckreuth sein Kommando nieder, nahm Urlaub und reiste von der Armee fort, was Blücher aufs höchste erfreut hätte – wenn der König nicht dem Fürsten Hohenlohe das Oberkommando über die ganze Armee gegeben hätte.
„Nun geht die Unordnung erst recht los!“ fluchte er. „Für einen lahmen Gaul tauschen wir einen blinden ein. Himmelsakrament, wo findet sich ein Kerl, der alles in Ordnung bringt und mir hilft, diese Bangbüxen und Stümper zu Paaren zu treiben?! Wo find’ ich den?“
Da öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand ein unscheinbarer Mann in etwas gebückter Haltung, die Augen müde und trübe blickend, als wären sie von Arbeit überanstrengt; das Gesicht von tiefen Furchen durchwühlt. Mit [pg 171]nachlässigen Bewegungen kam er herein, grüßte, strich sich die wirren Haare aus der Stirn und blieb vor Blücher stehen.
„Scharnhorst!“ schrie dieser. „Sie kommen wie gerufen! Sie fehlten mir gerade! Ich bin nichts als Gift und Galle, nach all der Feigheit und Miesepeterei hier. Erzählen Sie mir wenigstens eine gute Neuigkeit!“
Scharnhorst schüttelte müde den Kopf.
„General,“ sagte er, „das geht nimmermehr, wenn Fürst Hohenlohe jetzt den Oberbefehl haben soll und Massenbach alles wieder verfahren darf!“
„Ob das geht!“ rief Blücher, gallig auflachend. „Geradeswegs zum Teufel geht’s, darauf können Sie Gift nehmen.“
„Dann tun wir beide wenigstens, was wir können, um den Schaden zu vermindern! Retten wir die schwere Artillerie! Die läßt sich nun und nimmer über den Harz bringen, wo der Fürst sich jetzt mit der Armee durchschleichen will. Sie bleibt auf den schweren Wegen stecken. Wenn Sie, General, den Befehl über die Kolonne nehmen und mich alles anordnen lassen, dann bringen wir die Artillerie viel sicherer und ebenso schnell auf dem Umweg um den Harz herum ans Ziel. Wir ziehen über Osterode, Braunschweig und bei Sandau über die Elbe. Ich lasse überall im voraus Gespanne requirieren und bei den Haltepunkten bereitstellen, damit die Artilleriepferde, die total abgetrieben sind, geschont werden können. Ich sorge auch dafür, daß wir sofort bei Sandau Fährgelegenheit haben. Das ist alles zu machen, wenn nur ein Mann wie Sie das Kommando nimmt, damit gut aufgepaßt, schnell und energisch im Falle der Gefahr durchgegriffen und ohne Zaudern vorwärtsgegangen wird! Wollen Sie?“
„Sofort!“ sagte Blücher. „Das schaffen wir zusammen! Wir wollen den anderen zeigen, Oberst, was zwei aufrechte Kerle vermögen, wo andere die Köpfe hängen lassen. Wie viele Rohre sind das?“
[pg 172]
„Einunddreißig. Und ein Bataillon Infanterie als Bedeckung.“
„Das genügt! Wir nehmen noch an die sechshundert Pferde von meinem Regiment! Kommen Sie, gehen wir gleich zum Fürsten und bringen es ins reine, und dann los!“
Sie schüttelten sich die Hände. Beide hatten gefunden, was sie suchten. Der Generalquartiermeister das starke aktive Temperament Blüchers, das keine Hindernisse kannte und Autorität genug hatte, alles mit sich fortzureißen – Blücher den klugen, sicher und kühl berechnenden Kopf Scharnhorsts, den trefflichen Organisator, den unermüdlichen Arbeiter, den vorausschauenden Blick, der schnell die Grenzen des Möglichen erfaßte und nicht die geringste Kleinigkeit dem Zufall überließ, der die Notwendigkeit des wagehalsigen Temperaments eines Spielers für die Durchführung einer Sache vollauf einsah, ihm aber auch im Bedarfsfalle einen Dämpfer aufzusetzen verstand.
Sie taten sich zusammen, um ein paar Kanonen zu retten, und daraus wurde ein Bund zur Rettung des ganzen Vaterlandes. Ein Bund ohne feierlichen Schwur, ohne Verbrieftes und Gesiegeltes – „vom Zufall herbeigeführt“, würde der Skeptiker sagen – „mit Notwendigkeit – aus Schicksal“, wie der Fatalist es deuten würde. Kurz und gut, es wurde. Und der Bund hielt.
Sie schritten also zur Ausführung ihrer ersten gemeinsamen Tat und zogen mit dem Artilleriepark ab.
Inzwischen führte Hohenlohe die Armee auf den vielfach verschlungenen Wegen durch den Harz und machte in Quedlinburg halt.
Dort wurde zur Abwechslung wieder einmal Kriegsrat gehalten.
Hohenlohe, der seine Niederlage bei Jena so schnell mit dem Oberbefehl über die ganze Armee belohnt sah, hatte nämlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen lieben Massenbach wieder hoch in Ehren einzusetzen, und da war guter Rat teuer.
[pg 173]
Bei der Beratung erhoben sich Stimmen dagegen, daß von allen Seiten die Truppen nach Magdeburg hinstrebten und so die Festung verstopften.
Der Hauptmann von dem Knesebeck schlug entschlossen vor, davon gänzlich abzusehen. Es wäre, so meinte er, zweckmäßiger, nur die Versprengten nach Magdeburg laufen zu lassen, um sie dort neuzuordnen. Die armierten und formierten Truppen dagegen könnte man weit vorteilhafter nach Hameln werfen, sich dort mit dem noch intakten Korps des Herzogs von Weimar vereinigen lassen. Dann mit diesem, mit den westfälischen Truppen Lecoqs, und mit Blüchers Artillerie zusammen, Hessen und Westfalen insurgieren, den Feind von Berlin und von der weiteren Verfolgung der aufgelösten Truppen abhalten, und dem König Zeit geben, eine neue Armee zu bilden und, vereinigt mit den Russen, heranzuführen.
Der Plan, der das Gute an sich hatte, wieder die Aktivität der Truppen zu beleben und ihre Unternehmungslust neu zu entfachen, fand allseitigen Beifall.
Er hatte aber den einen und unverzeihlichen Fehler, nicht von Massenbach zu stammen. Und damit war er erledigt.
Oberst Massenbachs Geist durfte sich nie und nimmer in den Bahnen eines anderen bewegen. Und ihn gar der Unbequemlichkeit unterwerfen, sich mit der Prüfung von Gedanken anderer Leute abzugeben, das ging ihm wieder die Natur!
Er entschied also kurz: Die Idee des Hauptmanns von dem Knesebeck wäre gut, sie wäre sogar ausgezeichnet, aber sie ließe sich leider nicht verwirklichen. Unter den obwaltenden Umständen müsse an dem Plan, hinter die Oder zu gehen, festgehalten und die Richtung auf Magdeburg eingehalten werden. Das wäre seine unverfängliche Meinung.
Gründe gab er nicht an. Soweit durfte er seine Autorität nicht aufs Spiel setzen. Er hatte es auch nicht nötig. Denn der Fürst, müde, gelassen und kurzsichtig wie immer, sagte zu seinen Ausführungen ja und amen, ohne nach Gründen zu fragen. Und so bewegte sich alles im alten Trott.
[pg 174]
In und um Magdeburg sammelte sich denn so allmählich der Rest der stolzen preußischen Armee – alles in allem fünfundvierzigtausend Mann –, um von den kunsterfahrenen Händen Massenbachs in neue Unordnung geordnet zu werden.
In der Stadt hielt der jetzt allmächtige Herr Hof, ließ Offiziere und Adjutanten, die nunmehr von ihm allein ihre Befehle erhielten, antichambrieren und war nicht zu sprechen, kränkelte an allen Ecken und Enden, hatte seelische Depressionszustände, bedurfte sehr der Schonung, schrie und tobte über den Fürsten und alle Welt, die ihn mit allerlei Drecksachen plagten, ihn, dessen Kopf von gigantischen, weltbeglückenden Problemen brannte! Man solle ihn in des Teufels Namen in Ruhe lassen! Er bedürfe keines Rates; er wüßte schon am besten, was zu tun wäre! Und übrigens wäre er müde und müsse erst ausschlafen, um überhaupt denken zu können!
So ungefähr lauteten die „Befehle“, die der Herr Generalquartiermeister zu erteilen geruhte. Und so geschah es, daß das ganze Festungsglacis von Packwagen und allerlei Troß derartig vollgefahren wurde, daß die Artillerie der Bastionen im Ernstfalle nie und nimmer hätte feuern können, ohne erst die eigene Bagage zusammenzuschießen – die Straßen waren von festgefahrenen Fahrzeugen verstopft, die Soldaten langten an, kamen und gingen planlos, statt sofort gefaßt und auf ihre Truppenteile gebracht zu werden. Und, als man schließlich mit der Hälfte der Armee aufbrach, wurden die verkehrtesten Maßnahmen für den Weitermarsch getroffen.
In großem Bogen strebte man auf Umwegen dem Ziele, Stettin, zu, ließ dem Feind den kürzeren und bequemeren, geraden Weg nach Berlin offen, überließ ihm also kampflos die dortigen reichen Vorräte, bis auf die Kassen, die der Minister von Stein heimtückischerweise vor der allerseits einreißenden Schlamperei zu retten wußte.
Dafür sorgte Massenbach in noch nicht dagewesener Weise [pg 175]für das leibliche Wohl der marschierenden Truppen, so daß sie niemals zur Ruhe kamen und stets hungrig blieben.
Der Weg nach dem jeweiligen Marschziel wurde mit größter Sorgfalt so gewählt, daß man sich selbst auf dem Bogen und der Feind sich auf der Sehne bewegen konnte, damit man ja nicht vor den charmanten Franzosen ans Ziel käme. Die Marschordnung wurde so eingerichtet, daß nicht zuviel Kavallerie die dem Feinde zugekehrte Flanke der marschierenden Kolonne schützte, dagegen die linke ungefährdete Flanke von der Masse der Kavallerie bedeckt war – wohl zu merken, in Tagesmarschabstand, damit ihr Chef, der alte Blücher, nicht zu unbequem oder vorlaut werden konnte.
Für Nachtquartier, für Brot und Branntwein und anderes Essen wurde getreulich gesorgt. Aber auch dafür, daß man todsicher anderswohin marschierte, wo nichts bereitstand und auch nichts aufgetrieben werden konnte. Der Umwege gab es noch lange nicht genug! Es mußten immer neue, immer andere gefunden werden! Den Anlaß zum Suchen gab das ewige Schießen der eigenen Marodeure, überall, wohin man kam. Da witterte Massenbach Franzosen die Masse! – Im Geiste sah er seine Lieben von ihnen abgeschnitten oder umzingelt, erlaubte sich auch keinesfalls auf den ketzerischen Gedanken zu kommen, zu kämpfen oder sich durchzuschlagen, und teilte seine Mutlosigkeit und seine Überzeugung von der Nutzlosigkeit eines jeden ferneren Widerstandes den Truppen mit.
So brachte er die Armee, bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen, ausgehungert und durch unnütze Nachtmärsche bis auf den Tod ermüdet, aber kampflos, bis in die Gegend von Prenzlau, wo sie fast gleichzeitig mit den Spitzen von Murats Kavallerie, am 21. Oktober, ankam, nachdem bei Wichmannsdorf, an dem Boitzenburger See, der Rest des berühmten Regiments Gens’darmes abgeschnitten, gefangen und zur Verherrlichung des Einzugs Napoleons nach Berlin abgeschoben worden war.
Die von Blücher und Scharnhorst vollständig gerettete und der Armee wieder zugeführte Artillerie ging selbstver[pg 176]ständlich fast gleichzeitig ebenso vollzählig wieder verloren, sobald sie in andere, weniger geschickte Hände gekommen war.
*
Tram – tararam, tram, tram.
Tram – tararam, tram, tram –
Die Trommler schlugen drein, die Trompeten schallten, im Lustgarten schoß man kaiserlichen Salut, die Glocken bimmelten aus sämtlichen Kirchen, französische Fahnen flatterten überall leicht, graziös und kokett bestrickend von allen Schlössern und Staatsgebäuden und besonders reich vom Brandenburger Tor, durch das der Einzug genommen werden sollte. Der sterbende Oktober gab noch seinen schönsten Altweibersommertag her, um dem Fest die richtige Weihe zu geben. Französische Grenadiere säumten die Straßen ein. Bis weit hinaus auf die Charlottenburger Chaussee sah man die schnauzbärtigen Kerle mit ihren doppelten Bandelieren, in schnurgeraden Linien über der Brust gekreuzt, Gewehr präsentieren und sich martialisch brüsten.
Und dahinter drängte sich alles, was in einer Stadt wie Berlin kreucht und fleucht, reckte sich die Hälse lang, stieß sich die Rippen ein, zertrat sich die Füße, fluchte, lachte, johlte und schrie vor Aufregung, jenes apokalyptische Ungeheuer, das die ganze alte Welt in Trümmer geworfen hatte, endlich einmal mit Augen zu sehen.
Tram – tararam, tram, tram!
Tram – tararam, tram, tram! –
Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Bläser bliesen aus vollen Backen, immer näher kam’s, immer lauter schmetterten Posaunen und Trompeten, die Pikkoloflöten wieherten, der Wind wehte die Klänge immer näher, man vernahm schon die Melodie.
„Allons enfants de la patri–i–e“, sang gleich ein blasser Ästhetenjüngling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo hinter dem Rücken der anderen mit – mit einer Vehemenz daß sich seine dünne Fistelstimme noch [pg 177]vor Rührung überschlug. „Das Lied – das Lied ist’s, das die Welt erobert! Überall entflammt es die Herzen, überall entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie’s hören, empfangen die geknechteten Völker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!“
„Halt’s Maul, Aff’ verfluchter!“ rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu, und versetzte ihm einen Bauchstoß, daß ihm das Singen verging.
„Au, meine Hiehneroogen!“ kreischte schrill eine Stimme.
Eine andere gab zur Antwort: „Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!“
„Bei ihm guckt bloß de jroße Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die is blind!“ lachte ein dritter.
„Wat der uns woll noch an Steuern abknöppen wird!“ knurrte ein dicker Budiker, stieß seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf „seinen“ Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidrängelte.
„Nu wat denn?“ antwortete der Angeredete. „Der wird dir schon janz eklig kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is – det Napolibum – det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det jehört woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!“
Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgespräche versanken in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von dröhnenden Trommelwirbeln rhythmisch gehoben und vorwärts getragen, schwoll immer machtvoller an und erfüllte mit ihren Klängen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von Fanfaren aus, als gälte es die Mauern Jerichos umzublasen. – Immer näher und näher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwärts auf das Tor zu, durch dessen mittleren Bogen hindurch und auf die „Linden“ hinein.
Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Lärm, die Köpfe senkten sich, die Gesichter wurden ernst, [pg 178]zornige Worte preßten sich über zusammengekniffene Lippen, die Fäuste ballten sich, die Augen wurden feucht.
Es waren – preußische Fahnen, vor allem die Feldzeichen der preußischen Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekränzt, die in den Schlachten des Großen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und jetzt, von achtzig französischen Grenadieren getragen, auf der altgewohnten Straße ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preußens in seiner Hauptstadt voranflattern mußten.
„Hol’ der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!“ fluchte ein alter Veteran zwischen den Zähnen.
„Nie wieder!“ schrie ein anderer und vergaß sich so weit, daß er die Faust drohend gegen die französischen Soldaten schüttelte. „Nie wieder wird euch das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!“
„Silence messieurs! Silence donc ici!“ wetterte es prompt aus der Reihe der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenstöße unterstützten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise plötzlich, und der Zug hielt an.
Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschällen Berthier, Davoust, Angereau, Bessières und Lefebvre, hielt jetzt am Tor an, um die programmgemäße offizielle Begrüßung entgegenzunehmen.
Eine Gruppe der angesehensten Bürger Berlins, an ihrer Spitze der Zivilgouverneur Fürst von Hatzfeld selbst, trat vor, um dem Kaiser die Schlüssel der Stadt feierlichst zu überreichen.
Der Fürst hielt seine Ansprache; der Sieger von Marengo, Austerlitz und Jena dankte mit seiner melodischen Stimme in leicht singendem Tonfall, die Worte mit absichtlicher Feierlichkeit dehnend und fast skandierend. Er ließ dann die Schlüssel der Stadt vom neuernannten Gouverneur in Empfang nehmen, blickte auf das Tor hinauf zur bronzenen Viktoria, die ihm mit ihrem Viergespann leichtgeschürzt entgegengesaust kam, lächelte bedeutsam und sagte dann, ohne seine Worte an irgendeinen zu richten:
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„Die Dame fährt in verkehrter Richtung. Der Sieg kommt heute aus Westen, Messieurs, die Siegesgöttin also auch! Wir wollen ihr auf den rechten Weg helfen!“
Ein Zeichen seiner Hand – die Musik fiel ein, die Trommeln schlugen, die Bläser prusteten, und durchs Siegestor der Hohenzollern zog die glänzende kaiserliche Kavalkade ein, strotzend von Orden und goldenem Schmuck, mit wehenden Federbüschen, prachtvollen Gewändern, von fürstlich aufgeschirrten Pferden getragen. Allen voran Napoleon selbst im grauen Mantel, den schwarzen dreieckigen Hut auf dem Haupte.
„Vive l’empereur!“ riefen vorschriftsmäßig die Garden. Vereinzelte Hurrarufe aus der Menge wurden laut.
„’t is ja een janz kleener Mann!“ quiekte plötzlich eine Stimme.
„’n janz kleener!“ brummte eine Baßstimme Antwort. „Det meen ick ooch! Und det will nu janz wat Jroßet sind?! So’n Quatsch!“
„Fif Langperöhr!“ johlten ein paar strebsame Gassenjungen.
Und dann brach ein Sturm los, wie er selten auf der Feststraße Berlins getobt hatte. Der Clou des Festzuges kam, die Überraschung, die Napoleon den Berlinern als Angebinde bot, indem er gleichzeitig seine eigene verletzte Eitelkeit in der raffiniertesten Weise rächte.
Hinter dem Festzug her wurde der Stolz der Berliner, ihr feinstes Regiment, das Regiment Gens’darmes, wie eine Viehherde über die Linden getrieben, durcheinandergeworfen, mit abgerissenen Uniformen, ohne Waffen, ausgehungert und zu Tode gehetzt, um nicht beim Triumphe seines Besiegers zu fehlen.
Eben die Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der französischen Gesandtschaft ihre Säbel gewetzt hatten, eben die mußten jetzt, dieser Säbel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorüberziehen, um so ihren einstigen Übermut zu sühnen.
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Und derselbe Pöbel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie Frankreich verwünschte – derselbe Pöbel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit unflätigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der Niederlage und an der ganzen Schmach, die über das Vaterland hereingebrochen war. Er hätte sie in Stücke gerissen, hätten nicht die französischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine geübte Hand gehabt.
Man erhob sich zum Richter, vergaß darüber, wie sooft, die eigene Schuld, und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! –
Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem Kampfe überwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im Triumphzuge der Cäsaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schloß, empfing dort die sogenannte „Intelligenz“, charmierte, poussierte, kokettierte mit dem Allerweltsbürgertum, das auch hier in Berlin seine üppigsten Blüten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem jedes patriotische Gebaren ins Lächerliche zog.
Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt, ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing Deputationen und hervorragende Persönlichkeiten der Literatur, der Kunst und der Geldaristokratie, lauter französelnde Weltbürger und hypergebildete Kulturfexe, amüsierte sich über ihre plumpen Schmeicheleien, ließ sich ruhig anhimmeln und quittierte für die Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfünfzig Millionen Mark auferlegte und rücksichtslos einzutreiben befahl. Er verstand den Spaß und wußte eben, was Siegen heißt!
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„Sagen Sie mal, Herr Kamerad,“ sagte der Major von der Marwitz, der Adjutant Hohenlohes, zum Kapitän von Tippelskirch vom Generalstab, gerade als dieser den Fuß in den Steigbügel setzen wollte, „sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die kleinsten Ursachen oft die größten Wirkungen haben, und daß, insbesondere in der Weltgeschichte, Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von Nationen abhängt, meistens durch ganz nebensächliche und sonst gleichgültige Umstände herbeigeführt werden?“
„Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darüber nachgedacht!“
„Dann werden Sie sich nicht wundern, daß ich jetzt behaupte: wenn wir hier kapitulieren müssen, und ich sehe es schon kommen – –“
„Ich kapituliere nicht – ich reite dann eher davon!“ rief der Kapitän lebhaft.
„Recht tun Sie, Herr Kamerad! Und wäre ich nicht als Adjutant an die Person des Fürsten gebunden, so würde ich es auch so halten. Ich wollte auch nur dartun, daß wir, wenn wir hier kapitulieren müssen, in diese Zwangslage durch den Umstand versetzt worden sind, daß Herr Oberst von Massenbach eine so überaus empfindliche Milz hat.“
Der Kapitän von Tippelskirch lachte.
„Es ist mein Ernst, Kamerad“, sagte der Major. „Mit der Milz ist nicht zu spaßen – mit Massenbachs am allerwenigsten! Wozu das Ding eigentlich da ist, darüber stritten sich von jeher die Gelehrten und streiten sich immer noch. Bei Massenbach ist sie aber ganz bestimmt dazu da, um den guten Oberst zu quälen!“
„Da geschieht ihm nur sein Recht!“
„Sie können überzeugt sein, Herr Kamerad, daß ich ihm noch größere Qualen gönnen würde, wenn wir nur nicht so sehr davon in Mitleidenschaft gezogen würden.“
„Wieso denn?“
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„Nun eben weil jenes merkwürdige Klümpchen Fleisch, das man Milz nennt, dem Herrn Massenbach total das Reiten verleidet.“
„Ach so!“
„Kaum sitzt er im Sattel und schlägt ein rascheres Tempo ein, sofort versetzt ihm seine Milz einen Stich, daß er den Atem verliert und nicht weiter kann. Da hilft ihm nichts als der gewöhnliche langsame Trott, oder, am liebsten, daß er im Wagen weiterfahren kann. Galopp oder Trab ist ihm unmöglich auszuhalten. Und dabei soll der Mann rekognoszieren.“
„Wie das ausfällt, läßt sich denken!“
„Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen Sie warum?“
„Nun?“
„Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die Überzeugung gewonnen – und ich möchte beinahe darauf schwören, daß es sich so verhält –, ich habe also die Überzeugung: er unterschlägt wegen der Schmerzen in der Milz den ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebüsch hin und kommt dann nach einer Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die merkwürdigen Beobachtungen erklären können, die er gemacht haben will. Er hat sie eben nicht gemacht. Er hat sich gesagt: ‚Es könnte so sein, es könnte aber auch so sein! Nehmen wir also das ‚auch so‘ für sicher! Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne Vermessen einschätzen können? Brauche ich eine Brücke, ein Defilee, einen Paß zu sehen, um zu wissen, daß sie da sind? Und was den Feind betrifft, daß der hinter uns her und vor uns und überall ist – wer würde wagen, das von den Franzosen zu bezweifeln? Um das festzustellen, dazu brauche ich keinen Ritt zu machen! Das weiß man auch so! Wer kontrolliert’s mir übrigens? Keiner! Und wenn schon – der Fürst glaubt mir aufs Wort! Die anderen Kerls können mir was! Wozu sich schinden?‘ So wird er räsoniert haben!“
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„Das hat allerdings etwas für sich“, sagte der Kapitän von Tippelskirch und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. „Mir war es auch merkwürdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschätzen konnte! Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von links unterscheiden, so liegt’s nicht am Sehvermögen, auch wird er nicht so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schließlich muß er doch auch als Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe da so etwas wie bösen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!“
„Wissen Sie, Herr Kamerad,“ sagte von der Marwitz zögernd, „ich mag ihn auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit muß sein. An bewußten Verrat glaube ich nicht. Dazu wäre er meines Erachtens auch dann nicht imstande, wenn er die Neigung hätte, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender Kopf, der zu Einfluß gelangt und übergeschnappt ist, so daß er sich nur noch mit großen weltbewegenden Plänen abgibt, die er weder fassen noch bewältigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, daß er rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt disponiert. Wir haben’s dann auszufressen, sitzen in der Klemme und müssen verhandeln.“
„Das müssen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, daß das losgeht, dann reite ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein.“
„Ich überlege es mir noch!“
Der Kapitän sprang in den Sattel und legte die Zügel in der Hand zurecht.
„Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund“, sagte er ärgerlich. „Sie haben doch selbst gehört, wie er gegen das Bündnis mit Rußland wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklärte: In dem Augenblick, wo wir uns mit Rußland alliieren, verläßt er die preußischen Dienste und geht ins Französische!“
„Ich weiß. Ich habe ja selbst im ersten Ärger dem Fürsten gesagt, er müsse wegen dieser Äußerung erschossen [pg 184]werden. Aber der Fürst hat mich ausgelacht. Massenbach wäre nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und läßt sich von ihm total beherrschen.“
Der Kapitän beugte sich vom Pferde herunter.
„Wissen Sie was, Kamerad, der eine von den beiden ist ein Schuft, der andere ein Schwachkopf! Das meine Meinung! Wenn es ihre Privatangelegenheit wäre, würde ich keinen Ton sagen. Aber wenn Tausende von Leben von ihren Schrullen abhängen, wenn das ganze Land darunter zu leiden haben wird, daß solche Leute zu befehlen haben – – Na –, wie gesagt, ich reite meines Weges! Wenn’s soweit ist, pfeife ich Ihnen!“
Er grüßte, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Major von der Marwitz stieg auch in den Sattel und schloß sich dem Fürsten Hohenlohe und Massenbach an, die sich jetzt zu einer Unterredung mit den Franzosen begaben.
Auf einer niedrigen Wiese kamen sie ihnen entgegengaloppiert, versteht sich, auf guten, erbeuteten preußischen Kavalleriepferden, um recht niederschmetternd zu wirken. Murat selbst ritt das bei Saalfeld erbeutete Pferd Louis Ferdinands; sein Gefolge hatte sich beim Regiment Gens’darmes beritten gemacht.
„Dieser freche Gaskogner – dieser Naseweis von einem Bäckerjungen!“ sagte von der Marwitz laut, als er den blaurotgolden herausgeputzten napoleonischen Reitergeneral sah, wie er sich unter der reichen Verschnürung brüstete und blähte, die gelockten Haare schüttelte und gleich anfing in einer Weise zu schwadronieren, gegen die Massenbachs Zungengeläufigkeit das reine Kinderspiel war.
Der war auch stumm wie ein Fisch und tat das Maul nicht einmal auf. Er starrte nur, wie der Fürst, entsetzt auf Murat, als dieser anfing, nach rechts und links, nach Nord und Süd in die leere Landschaft hineinzuzeigen, und plötzlich vor seiner erstaunten Phantasie die ganze französische Armee aus dem Ärmel schüttelte.
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„Voilà le corps du maréchal Lannes! Voilà le corps du maréchal Bernadotte! Voilà le corps du maréchal Soult!“
Soult, der hinter der Elbe stand! –
„Je vous donne ma parole d’honneur, que vous êtes cernés par cent mille hommes! Je me trouve ici avec cent mille hommes, messieurs!“
Und dabei hatte der Gauner nicht mehr als tausend Mann und sechs Kanonen! Es wäre ein leichtes gewesen, sie zum Teufel zu jagen, wenn man auch nur den Gedanken eines Widerstandes zu hegen gewagt, und wenn nicht Massenbach so liederlich rekognosziert hätte.
Wen der Himmel aber verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Und so sah der Fürst Hohenlohe im Geiste nichts als diese fürchterlichen Truppenmassen von allen Seiten dräuen, sah desgleichen das Herz seines geliebten Massenbach immer tiefer in die Hosen sinken und hörte kaum noch hin, als von der Marwitz ihn bat, doch von dieser tiefgelegenen Wiese auf die Chaussee heraufreiten und selbst Umschau halten zu wollen, oder noch besser, ihn mit einer Patrouille auszusenden, ehe er seinen Entschluß fasse.
Massenbach hatte rapportiert! Massenbach hatte all das auch gesehen! – Das genügte!
Das war der Kehrreim vom Lied – das Gesetz, gegen das es keinen Einspruch gab!
Und vollends, damit nichts am Grotesken fehlte: als in der Ferne, auf dem Wege von Stettin, einer von den eignen Pulverwagen aufflog und eine kugelförmige Wolke hochging, die in der Luft eine Weile hängenblieb, als dann alles verblüfft hinschaute, und man sich gegenseitig fragte, was das wohl sein könne, da fiel man zum Überfluß noch auf den Bluff eines der lächelnden Herren Franzosen herein, der mit frecher Stirn ganz ruhig erklärte: „Das ist das Signal von Marschall Soult, daß er Sie von Stettin abgeschnitten hat! Sie sind umzingelt, Messieurs!“
Der Chef der Artillerie, Oberst Hüser, kam dann noch [pg 186]mit der wenig erfreulichen Nachricht hinzu: es fehle den Soldaten an Taschenmunition, und er selbst hätte nur noch fünf Schuß pro Kanone übrig. Und da war es aus.
Da willigte Fürst Hohenlohe ein und kapitulierte mit zehntausend Mann und dreißig Kanonen vor Murats tausend Leuten und vor seinen sechs fürchterlichen Rohren! Alles, weil der Herr Generalquartiermeister Oberst von Massenbach eine Milz hatte und diese ihn am getreulichen Rekognoszieren behinderte! Und auch, weil der Artilleriechef nichts davon wußte oder wissen wollte, daß einzelne seiner Batterien noch über mehr als tausend Schuß verfügten!
Inzwischen balgten sich Blücher und seine Leute sechs Meilen davon nach Herzenslust mit Bernadotte herum. Bei Lychen wurden sie handgemein. Blüchers „Rote“ hieben brav drein, die anderen Truppen taten auch ihr Bestes, schlugen den Franzmann gehörig aufs Haupt, bekamen wieder Mut und Selbstbewußtsein und sangen wieder zum ersten Male, seitdem der Rückzug angefangen hatte.
Da brachte man ein paar Deserteure von der Hohenloheschen Armee ein, die der Kapitulation entflohen waren, weil sie keine Lust hatten, unnütz eine Reise nach Frankreich zu machen. Und von ihnen erhielt man Kunde von dem Ereignisse. Das wirkte wie ein Donnerschlag. Laute Rufe des höchsten Zorns wurden bei den Offizieren hörbar, und Blücher fluchte und tobte, wie nur er es konnte!
In der Siegesstimmung, in der er war, wollte er gleich dreinhauen, zum Angriff vorgehen, sich nach Stettin durchschlagen und, wenn’s sein mußte, bis zum letzten Mann kämpfen, um wenigstens so die von Hohenlohe und Massenbach geschändete preußische Waffenehre wiederherzustellen!
Er ließ Scharnhorst rufen und beratschlagte die Lage mit ihm. Scharnhorst, auch jetzt ruhig und besonnen wie immer, verstand es gut, die Draufgängernatur Blüchers zu bändigen, und fand auch gleich heraus, was zu tun wäre, um dem Ganzen am besten zu nützen. Und da sein Plan immer[pg 187]hin einiges von einem Husarenstücklein an sich hatte, so war Blücher nicht schwer zu überzeugen und willigte sofort ein.
Was Knesebeck beim Kriegsrat in Quedlinburg mit der ganzen Armee tun wollte und nicht durfte, das unternahm jetzt Scharnhorst mit dem Blücherschen Korps.
Statt also nach der Oder durchzubrechen, wollte er lieber umkehren, auf die Elbe zurückgehen, Magdeburg gewinnen oder Hamburg, wenn’s nicht anders ging. – Die Hauptsache dabei war, die Franzosen von der Oder abzuziehen, damit der König Zeit bekäme, sein Heer zu sammeln und die Festungen zu verproviantieren.
Während der Beratung hatte sich aber die Kunde von der Kapitulation unter den Regimentern verbreitet. Und da es überall einige unsichere Kantonisten gibt, so gab’s auch hier verschiedentlich Aufregung, und Rufe wurden laut, es sei am besten, wenn hier gleichfalls kapituliert würde, damit die ewige Hetze endlich einmal ein Ende nähme!
Als aber die Leute das muntere, hoffnungsvolle Gesicht Blüchers sahen, wie er mit Scharnhorst herauskam, und schmunzelnd versicherte: er wolle ihnen bald wieder Gelegenheit zu manch gutem Husarenstücklein geben, da faßten sie sich wieder ein Herz.
„Wo ich etwas zu sagen habe, da soll kein preußischer Soldat Schande haben! Das glauben Sie mich!“
So schloß er seine Ansprache.
Die kleine Neigung zur Meuterei war sofort verflogen. Man zog in westlicher Richtung ab, vereinigte sich bald mit dem jetzt von Winning befehligten Korps des Herzogs von Weimar und hatte die Genugtuung, die drei französischen Korps Lannes, Bernadotte und Soult von der Oder ab und auf sich zu ziehen. Aber auch die Mühseligkeit, von ihnen scharf verfolgt zu werden.
*
[pg 188]
Massige Kirchen mit erzgrünen Dächern –
ragende Türme mit Zinnen und Zacken –
ringsum in leuchtendem Rot ein Meer
von Ziegeldächern und Treppengiebeln,
von breiten Strömen sanft umschlungen
und tiefen Gräben mit stillen Gewässern. –
Kein dräuender Schlund auf Wällen und Mauern,
kein Wächter im Turm, kein wehrhafter Streiter. –
Auf hohen Wällen rauschen die Bäume,
geheimnisvoll raunt es von alten Stürmen,
von Streit und Orlog in fernen Zeiten,
ehe alles im Dornröschenschlaf versank,
die Tat verträumte und weltfremd wurde.
Da naht ein Ritter – mit rauher Faust
er reißt im Gestrüpp eine Gasse.
Krachend saust aufs verschlossene Tor
der Knauf seines Schwertes, bricht Schloß und Riegel,
die Schläge dröhnen, die Bohlen bersten,
das Tor springt auf; – – –
schrill schmettert sein Streitruf hinein in die Stadt,
verscheucht den Schlaf;
aus rosigem, sonnigem Traum erwachend,
blickt alles froh dem Leben entgegen.
Da stürmt der Tod durchs Tor hinein,
durch alle Gassen in alle Häuser,
mit Mord und Notzucht, plündernd, sengend;
in Rauch und Flammen und Strömen von Blut
sinkt alles hin.
Sitte, Brauch und Gesetze der Väter
und heimische Wahrzeichen weichen den Welschen.
Statt Ordnung und Recht
Erpressung, Gewalt, Guillotine!
Im Rathause zu Lübeck, im Audienzsaal des Senats zu ebener Erde, hinter den in Hufeisenform gestellten grüngedeckten Tischen, saßen vollzählig versammelt, auf langen [pg 189]Sofas, die Mitglieder eines Hohen Senats, in altspanischer schwarzsamtener Hoftracht mit breiten Halskrausen, die die markigen Köpfe wie auf Präsentiertellern darboten.
Hinter der Balustrade, mitten im Saal, die ragende Gestalt Blüchers, den langen Reitermantel über die Schulter zurückgeschlagen, das graue Haar sich wirr türmend über der hohen Stirn. Wie ein alter, von stürmischem Flug zerzauster Adler, wie ein Recke der Vorzeit, so mutete er an. Hoheit strahlte seine ungebeugte Gestalt aus. Ehrfurcht flößte sie jedem ein, auch den gestrengen Herren auf den Ratsbänken, die versammelt waren, um wider ihn die Rechte einer Freien Reichs- und Hansestadt zu wahren.
„Lübeck hoch in Ehren!“ sagte Blücher und erhob grüßend die Hand. „Dem Haupt der Hansa – der altberühmten Reichsstadt meinen ehrerbietigsten Gruß! Es tut mir leid, als ungebetener Gast vor einem Hohen Senat erscheinen zu müssen, und ich bedauere sehr, daß das Stadttor von uns mit Gewalt geöffnet werden mußte. Aber herein mußten wir. – Not kennt kein Gebot. Wir wurden von der Elbe ab- und hierhergedrängt. So gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, um meine Truppen ruhen zu lassen und mit dem Nötigsten zu versehen, sichere ich einem Hohen Senat und der Bürgerschaft Lübecks die strengste Manneszucht zu und Schutz für Leben und Eigentum jedes einzelnen.
Einen Hohen Senat aber bitte ich um Gottes willen zur Verpflegung und Ausrüstung meiner Truppen, um Lieferung von fünftausend Dukaten, achtzigtausend Broten, viertausend Pfund Fleisch, dreißigtausend Flaschen Wein und Branntwein und Schuhe und Futter für fünftausend Pferde!“
Die Senatoren blickten sich ernst an.
Der präsidierende Bürgermeister, Dr. Plessing, nahm dann das Wort und erinnerte in gemessener und wohlgesetzter Rede an die allseits anerkannte Neutralität Lübecks, die durch seine Besetzung von der preußischen Armee jetzt auf das gröblichste verletzt worden war, wogegen er, in optima forma, den entschiedensten Protest hiermit einlegen wollte. [pg 190]Er bedaure aufs tiefste die tapfere preußische Armee und gäbe die Notlage zu, wolle sich auch nicht der Darstellung derselben durch ihren berühmten General verschließen, könne aber dessenungeachtet keinesfalls eine Verpflichtung zur Lieferung seitens der Freien Reichsstadt Lübeck anerkennen und erklärte, indem er sie doch nach Möglichkeit in Aussicht stellte, daß man nur der Gewalt weiche.
Blücher erhob bei den Worten sein Haupt.
„In welcher Form die Labung gegeben wird, ist mir gleich, wenn ich nur die Gewißheit habe, ohne zum Äußersten schreiten zu müssen, meine Leute hier erquicken zu können. Eins möchte ich aber doch Eurer Magnifizenz zu Gemüte führen: wenn das Nachbarhaus brennt, da hilft’s mir nicht, mich vor mein Haus hinzustellen und dem Feuer zuzurufen: ‚Dies Haus ist neutral! Da hast du nichts zu suchen, da darfst du beileibe nicht zünden!‘ – Das Feuer brennt, wo der Wind es hintreibt, und den fliegenden Funken kümmert kein Menschengebot. Ist der Krieg entfesselt, so zieht er seine Bahn. Wenn Fieber den Körper schüttelt, da nützt es nicht, der Krankheit zu sagen: ‚Die rechte Hand laß mir in Ruhe, den Kopf auch – sie sind neutral –, da darfst du nicht toben!’ Nein – da fiebert eben alles mit, ob’s will oder nicht! Das ist höhere Gewalt, meine Herren! Die Gewalt war’s, die mich zwang, Ihre Neutralität zu verletzen, und allein die Gewalt wird es wohl sein, der Sie, meine Herren, hier weichen müssen. So möchte ich es jedenfalls verstanden haben! Denn ich tue hier nichts denn meine Pflicht gegen König und Vaterland, wenn ich versuche, seine Armee zu retten und seinen Feinden möglichst lange unbequem zu werden! Und nun mit Gott!“
Er grüßte und ging.
Im Gasthaus Zum Goldenen Engel, dem Rathause gegenüber, war das Hauptquartier aufgeschlagen.
Dort saßen Scharnhorst und der Hauptmann von Müffling mit Gehilfen in emsigster Arbeit, die Verteidigung der Stadt zu ordnen.
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Die Mauern standen ja noch, waren jedoch verfallen, die Wälle mit hohen Bäumen bestanden, Artillerie war nicht vorhanden. Lübeck war also eine offene Stadt, aber leicht zu verteidigen, weil von zwei Seiten von Wasser umgeben, über das nur durch die vier Tore Zugang war.
Gegen drei von ihnen, gegen das Burgtor, das Hüxtertor und das Mühlentor, zog jetzt der Feind heran. Durch das Holstentor ging Blüchers Rückzugsstraße, auf der er schon Kavallerie und Troß nach Ratkau vorangeschickt hatte, während die Trave, bis in die Gegend von Israelsdorf, durch hinter dem Fluß aufgestellte Regimenter gesichert war, und die Armee so hier vor Überflügelung geschützt wurde.
Am Burgtor kommandierte der Herzog von Braunschweig-Oels.
Sowohl Blücher wie Scharnhorst hatten bei ihrer Besichtigung dort viel zu erinnern gefunden. Die Truppen vor dem Tor und auch die Artillerie waren unzweckmäßig aufgestellt. Sie suchten, so gut es ging, die schlimmsten Mißstände abzustellen, ermahnten den Herzog, sein Fußvolk beizeiten zurückzuziehen, damit der Feind nicht gleichzeitig mit ihm durchs Tor eindrängen könnte, und kehrten ins Hauptquartier zurück.
Dort fanden sie den Leutnant von Eisenhart, der soeben aus Münster mit der geretteten westfälischen Landeskasse eingetroffen war, um sie über See weiter in Sicherheit zu bringen. Bei der Geldknappheit Blüchers war er höchst willkommen, da er ihm so über die schlimmste Not hinweghalf. Nach Abgabe einiger Fässer mit harten Talern wurde Eisenhart sogleich mit seiner Geldfuhre nach dem Holstentor vorausgeschickt, um für alle Fälle rasch damit entschlüpfen zu können, falls der Feind doch unerwartet in die Stadt eindringen sollte.
Scharnhorst fing an verschiedene eilige Angelegenheiten mit Blücher zu besprechen. Da trat plötzlich ein untersetzter, dürrer Offizier mit grämlichem Gesicht, den Arm in der Binde, auf krummen Beinen durch die Tür herein – ging [pg 192]auf Blücher zu und fing zu dessen Verblüffung an, ihn in kurzem, knarrigem Ton zu schurigeln.
„Ich hätte mir von Ihnen eine bessere Führung erwartet, General!“ sagte er. „Allerdings, Ihre Attacke bei Auerstedt war nicht berühmt! Und ich war vom Großherzog von Weimar, meinem vorigen Chef, nicht gerade verwöhnt, obwohl er für einen Prinzen ganz annehmbar funktionierte. Aber Sie lassen uns laufen und laufen ohne Ende! Unsere Leute werden marode; Tausende über Tausende sind uns bei den Gewaltmärschen der letzten drei Tage verlorengegangen. – Von meinen Jägern allein, von denen jeder Mann unersetzlich ist, vermisse ich über vierhundert!“
„Alle Wetter!“ sagte Blücher, bei Erwähnung der Jäger aufhorchend, „da sind Sie wohl der Oberst Yorck?“ und kam auf ihn zu, und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier, aber auch mit Wohlgefallen. Den Obersten hatte er, bei seiner Vereinigung mit dem Korps Weimar, unter seinen Befehl bekommen. Er schätzte ihn ungemein wegen seiner Tapferkeit und der geschickten Führung seiner Jäger, hatte ihm gleich den Befehl über die Nachhut überlassen und war deshalb bis jetzt nicht in persönliche Berührung mit ihm gekommen.
„Ich freue mich, Sie endlich einmal zu sehen, Herr Oberst!“ sagte Blücher und reichte ihm die Hand.
„Nun, wenn Sie nicht immer so schnell weitergezogen wären, General, so hätte das früher sein können!“ antwortete Yorck, ohne die ausgestreckte Hand zu bemerken.
„Der Oberst von Yorck meldet sich zur Stelle“, sagte Blücher belustigt und blickte Scharnhorst augenzwinkernd an.
„Ich merke es!“ antwortete dieser.
„Ich hätte das früher besorgt,“ sagte Yorck noch kratzbürstiger, „hätten Sie es nur nicht so eilig gehabt. So kann ich also erst heute meine Meinung vorbringen. Und die ist die: eine verlorene Schlacht wäre weniger mörderisch gewesen als diese Lauferei vor dem Feind. Sie hätten die Schlacht in unserer Position bei Gadebusch ruhig annehmen sollen. Da hatte ich meine Jäger noch alle beisammen, [pg 193]und Sie Ihre Leute auch, General. Munition hatten wir genug, und die Leute waren frischer. Da brauchten wir uns nicht von unserem Wege abdrängen lassen wie jetzt. Der Marsch auf Lübeck war ein Fehler. Hier müssen wir uns doch schlagen, aber lange nicht in so günstiger Verfassung wie dort. Sie haben sich eben von Ihren vielen gelehrten Offizieren“ – er zeigte verächtlich auf Scharnhorst und Müffling – „gründlich nasführen lassen! Das meine Meinung!“ –
Gesagt, die Hand an die Krempe seines Huts gelegt, kehrtgemacht und abmarschiert.
Blücher lachte.
„Zum Küssen ist er! So’n bissiger alter Dachs! Und recht hat er auch! Hundertmal juckte es mich auch unterwegs danach, gehörig dreinzuhauen! Und wären Sie Massenbach gewesen und nicht Scharnhorst, ich hätte mich den Teufel um Ihren Einspruch gekümmert! Sie haben aber immer so gute Gründe, Sie verfluchter Kerl, Sie! Und die schlechte Gewohnheit, immer recht zu kriegen! Da haben Sie nun den Salat!“
Weiter kam er nicht, da wurde er durch heftiges Schießen unterbrochen.
„Man schießt am Burgtor! Kommen Sie, Müffling, schauen wir nach.“
Der Hauptmann von Müffling stand auf, bereit, Blücher gleich zu folgen. Scharnhorst aber erhob energisch Einspruch.
An allen Toren würde heute gleichmäßig geschossen, das hätte nichts zu sagen! Wichtiger wäre jetzt die Befehlsausgabe! Blücher würde unbedingt im Hauptquartier benötigt!
Da kam das Schießen immer näher; man ritt im Galopp draußen auf der Straße. Französische Kommandorufe wurden laut.
Blücher blickte hinaus –
„Französische Dragoner mitten in der Stadt! Ich werde mich wohl hier wie in einem Sack fangen lassen! Der Teufel auch!“
[pg 194]
Er lief die Treppe hinunter, von Müffling und seinem Sohn gefolgt.
Auf dem Hof standen die Pferde bereit. In den Sattel gesprungen, die Plempe gezogen, dem Pferde die Sporen gegeben, durchs Haustor hinaus, und dann los, wie toll um sich hauend, so kam der Alte auf den Markt hinaus, wo die Reserve stand.
Yorck, der ein paar Häuser weiter wohnte, kam auch heraus, steckte seine Jäger in die Häuser und auf die Böden, von wo aus sie die Straßen bestreichen konnten. Die anderen Truppen, von Blücher angefeuert, gingen in der Breiten Straße vor. Wiederholt trieb man die Franzosen zurück.
Da gelang es diesen, Artillerie auf dem Koberg in Stellung zu bringen. Von dort aus konnten sie in die Königsstraße und in die Breite Straße hineinschießen.
Ihre Kugeln schlugen weite Gassen in die Reihen der Verteidiger. Als einer der ersten sank, schwer getroffen, Yorck um.
Blücher trieb die Seinen an, den Oberst zu retten und die französischen Kanonen zu nehmen. Man kämpfte erbittert auf beiden Seiten. Da traf die Meldung ein, die Franzosen gingen längs der Trave auf das Holstentor zu und wären im Begriff, die einzige Rückzugsstraße abzuschneiden.
Wollte er sich nicht gefangennehmen lassen, so war es jetzt höchste Zeit, seine Truppen aus der Stadt zu führen. Mit allem, was in der Nähe war, zog er rasch ab und brachte sie noch glücklich durch das Tor hinaus.
Nach vergeblichen Versuchen, noch mehr von seinen Tapferen herauszuhauen, zog er dann weiter nach Schwartau, legte das Fußvolk dort in Quartier und nahm selbst Wohnung in Ratkau, wo die Überbleibsel seiner Kavallerie standen.
In Lübeck aber hausten die Franzosen in der barbarischsten Weise mit Mord und Brand, Plünderung und Notzucht und respektierten so die Neutralität in der ihnen eigenen Art.
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In ihren eigenen Chroniken, wo sie sich ihrer sonstigen Kulturtaten rühmen, steht nichts davon.
In den Rechenschaftsbüchern eines Hohen Senats zu Lübeck aber stehen noch verzeichnet die Unsummen an Kriegskontributionen und erpreßten „Geschenken“, die Bernadotte, Soult und Murat nebst Gehilfen zu ergattern wußten.
Wogegen dort, auf der Schuldseite, der Name jenes Mannes längst gelöscht wurde, der in einer Zeit, als alles den Kopf verlor und starke Festungen ohne Widerstand kapitulierten, wenigstens den Versuch machte, sich mannhaft zu wehren, und zwar in einer offenen Stadt.
Er brachte der Stadt wohl Leid dadurch. Aber das kittete sie nur um so fester an das Ganze.
*
Auf seinem Lager im Pfarrhofe zu Ratkau lag der General Blücher hingestreckt. Er fieberte.
Es war Mitternacht. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte ihn soeben mit einem Unterhändler des Marschalls Bernadotte verlassen, der ihm Kapitulation zu ehrenhaften Bedingungen angeboten hatte.
Kapitulation – dieses in den Annalen der preußischen Armee nur in bezug auf den Feind gebräuchliche Wort, hatte ihn unablässig verfolgt seit dem Unglückstage bei Auerstedt! Hätte vorher im Ernst jemand gewagt, ihm Preußen und Kapitulation in einem Atemzuge zu nennen, er hätte ihn ausgelacht, ihm den Rücken gekehrt und ihn keiner Antwort gewürdigt!
Seitdem er aber bei Auerstedt und anderswo die Unfähigkeit der Armeeführer gesehen hatte – seitdem klang ihm immer jenes fatale Wort in den Ohren, Tag und Nacht!
Wo er konnte, hatte er alles getan, um zu verhindern, daß der preußischen Armee diese Schmach angetan würde! Und wo er noch in letzter Stunde hinzukam, war es ihm auch gelungen.
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Freilich – überall hatte er nicht anwesend sein können!
Die Schmach bei Prenzlau, wo Hohenlohe mit der Hauptarmee die Waffen streckte – diese unerhörte Schandtat wäre nie und nimmer geschehen, wäre er nur dabei gewesen!
Hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, er wäre hingeritten wie der Blitz, hätte den Fürsten und jeden, der nur ein Wort von Kapitulation zu sprechen wagte, vor den Kopf geschossen! Aber geschehen wäre es nicht!
Denn das gab das Signal zu all den anderen Kapitulationen! Wenn der Oberbefehlshaber selbst mit der Hauptarmee sich ergab – was Wunder denn, daß die anderen folgten? Die Kavallerie bei Pasewalk, Bila bei Anklam, und dann: Stettin, Küstrin, Spandau! Wie reife Früchte beim ersten Windstoß vom Baume fallen, so fielen sie, die eine Festung nach der anderen, die eine Armee nach der anderen! Und jetzt war er selbst in der schmachvollen Lage, jenes Wort – jenes verhaßte Wort für immer und ewig seinem eigenen Namen anhängen zu müssen!
Es war ja noch nicht soweit! Er hatte es ja abgelehnt, vor Tagesanbruch in irgendwelche Verhandlungen zu treten! Bis dahin könnte noch manches passieren! Freilich war nicht viel Hoffnung da! Travemünde, wohin er mit dem Rest seiner Truppen ziehen wollte, war bereits gefallen; Geschütz und Gepäck auf dem Wege dorthin verloren, keine Munition mehr, seine Leute ohne Nahrung, frierend und hungernd! Da bliebe ihm nur – –
Er zwang seine Gedanken davon fort.
Der Braunschweiger hatte ihm auch ausführlich vom Einzug Napoleons in Berlin erzählt. Man hatte ja schon in Lübeck verschiedenes davon zu munkeln gewußt – und der Unterhändler Bernadottes hatte es sich jetzt noch angelegen sein lassen, die Begebenheit in möglichst grellen Farben zu malen, um ihn gefügig zu stimmen!
Er schloß die Augen, und sah es so deutlich vor sich, als hätte er es miterlebt, hörte die dröhnenden Trommelwirbel und das Schmettern der Trompeten, die das Nahen des Siegers verkündeten. Und dann ritt der kleine Kerl an der [pg 197]Spitze seiner Garden durchs Brandenburger Tor hinein, vor ihm die erbeuteten preußischen Fahnen, und dann hinterher – wie eine Viehherde, die zur Schlachtbank getrieben wird – die gefangenen preußischen Offiziere. Auch das hatte nicht an seinem Triumph fehlen dürfen!
Und der Pöbel auch nicht, der dem Triumphator huldigte und seine Opfer auspfiff! – –
Er stöhnte laut auf, als er an die Szene dachte. Die Hände krallten sich vor Wut zusammen beim Gedanken an all den Raub, den der Sieger in Berlin gemacht hatte, und all die Schmach und Schande, die er dafür aufs Haupt der Besiegten häufte!
Er lachte laut auf.
„So ist’s recht!“ rief er gallig, sich im Bett aufsetzend, und schlug mit der Faust auf den Bettrand. „So ist’s recht! Nur zu, nur zu! Tritt sie mit Füßen – tritt nach Herzenslust! Die Deutschen trittst du nimmer tot! Aber du trittst sie zu einer Masse zusammen! Nur so werden sie’s, nur die äußerste Gewalt kann das bewirken! Tritt sie – ihnen zum Heil und dir zum Schaden, wenn sie sich dann endlich gemeinsam gegen dich erheben!“
Er sank wieder zurück und lag da lange mit geschlossenen Augen, heftig atmend, die Wangen von Fieberglut gerötet. Gestalten tauchten vor seinem inneren Gesicht auf, Gefährten der letzten Kämpfe, der Flucht und des kläglichen Rückzugs!
Zunächst Massenbach!
Den hatte er auf dem Strich, seit Greußen, wo dieser Schuft sich unterfangen hatte, sein, Blüchers, Ehrenwort aufs Spiel zu setzen durch falsche Verdolmetschung seiner Weigerung, es abzugeben!
Den hatte er seitdem nicht aus den Augen gelassen!
Bei Jena war die Memme nicht zum Vorschein gekommen, wie überhaupt nirgends, wo es Ernst wurde! Da verduftete er gleich, um erst, wenn alles glücklich oder unglücklich vorbei war, wieder aufzutauchen und neues Unheil anzustiften!
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Jetzt hatte er sich aber für immer und ewig unmöglich gemacht!
Und das war das Gute bei diesem unerhörten Unglück, daß es die Spreu von dem Weizen sonderte, Schädlingen wie Massenbach die Larve vom Gesicht riß und unfähige Leute von den Führerposten entfernte, um die, die sich bewährt hatten, zum Heil des Ganzen an die Spitze zu bringen! So wurden dem Wiederaufbau wenigstens von Haus aus keine Hindernisse mehr in den Weg gestellt! –
Er fuhr auf.
„Er sagte doch –“, fing er laut an, und die Stimme bebte vor Zorn – „er sagte doch – –“
Er lachte laut auf.
„Kapitulieren, um dem König eine Armee zu erhalten! So’n Wahnsinn! Und darauf fallen gescheite Leute herein! So’n Wahnsinn! So’n gottverfluchter Wahnsinn!“
Er sank wieder hin, wickelte sich in die Decke und lag wieder still da. Im Kopfe brauste und brummte es von tausend Gedanken. Erlebtes und Erlauschtes trat da wieder in Erscheinung und schoß in bunten Bildern durchs Gehirn. Aus dem brodelnden Chaos tauchte bald dieses, bald jenes wohlbekannte Gesicht auf, als hätten sich die Geister zur Heerschau um das Lager des alten Helden versammelt, um zu raten, zu tadeln und ihm über das Bitterste hinwegzuhelfen. Er sann und sann nach einem Ausweg aus seiner Lage.
Könnte er dem König wenigstens seinen Arm und Kopf retten! Nur nicht kapitulieren müssen, jetzt, wo jeder, der etwas taugte, benötigt wurde!
Und doch, es war nicht zu vermeiden! – Was sonst aber taugte, das sollte wenigstens dem Könige erhalten werden!
Scharnhorst!
Da ließe er nicht nach – der mußte sofort ausgewechselt werden – das wäre Bedingung!
Der gehörte an führenderer Stelle! – Das wollte er dem König gehörig unter die Nase reiben! – Da wäre kein Wort des Lobes zuviel!
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Dieser Kerl – Donnerwetter, was für ein Glück, daß er den gefunden hatte!
Er hatte einen Mann in dieser Welt, auf den zu bauen war, hatte ihn ausprobieren können und das reine lautere Gold an ihm gefunden!
Wie hatte er sich nicht bei der Kunde von Hohenlohes Kapitulation benommen! Wo sonst alles den Kopf verlor, blieb er ruhig, bestimmt, zielbewußt, und war sofort und ohne viel Gerede im klaren damit, was getan werden mußte!
Ohne viel Gerede, das war die Hauptsache.
Und den hatten die Franzosen nun gefangengenommen! Und Yorck auch, den Braven, der sich wie ein Löwe schlug!
Ob der wohl mit dem Leben davongekommen war?
Das mußte er wissen! Dann sollte auch der auf die Liste der sofort auszuwechselnden Offiziere.
Der alte Isegrim, der mit seinen Jägern während des Rückzuges so viele glänzende Proben von Heldenmut und außergewöhnlichen Führereigenschaften gegeben hatte – bei Altenzaun, wo er dem Korps Weimar den Elbübergang deckte – auf der Nossentiner Heide, wo er stundenlang mit der Nachhut dem Feind den Weg verlegte und ihm derartig an die Kehle sprang, daß er von der Verfolgung an dem Tag genug hatte – auch der Yorck mußte dem König erhalten werden, wäre er nur noch am Leben!
Der König, der würde wohl endlich gelernt haben, solche Leute zu schätzen! Er hatte wohl jetzt gesehen, was an denen war, die bis jetzt sein Vertrauen genossen hatten! Es war eine harte Schule für ihn gewesen! Er hatte sich aber brav gehalten! Zum erstenmal im Feuer! Gar nicht schlecht! Freilich, er hätte nicht die Schlacht abzubrechen brauchen!
Aber er war noch jung, unerfahren, und hatte nicht den rechten wagemutigen Leichtsinn, wenn’s galt, das unbedingt Nötige aufs Spiel zu setzen!
Das war aber die Hauptsache, zum Donnerwetter! Auf die Waghalsigkeit des Spielers kommt es eben an! Von ihr [pg 200]hängt oft das Schicksal von Tausenden ab! Es kann so gehen – es kann auch so gehen! Man weiß es nicht im voraus! Und doch muß es gewagt werden!
„Wagemut, Wagemut,
sengt mir das Blut!“
trällerte er plötzlich laut vor sich hin. Und mit dem Gedanken, daß er als Prinzenerzieher zuallererst ihnen die Lust beibringen würde, die Karte zu biegen, damit sie nicht in den Ernstfällen zauderten, sondern nach rechter Mannesart fest zupackten – mit dem Gedanken schlief er ein und schnarchte bald, daß die Balken sich bogen.
Kaum war der Tag angebrochen, so wurde er mit der Kunde geweckt, zwei französische Generäle hätten sich als Abgesandte Bernadottes eingefunden, um die Kapitulation abzuschließen.
„Hol’ der Teufel die Kapitulation!“ schrie er heiser den Hauptmann von Müffling an, der, nach der Gefangennahme Scharnhorsts, das Amt des Quartiermeisters versehen mußte. „Haben die Kerls keine Nachricht von Yorck gebracht? Lebt er noch?“
Der Jubel, als die Frage bejaht wurde!
„Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte ich! Das wußte ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren Käsemessern! Papier her – Papier und Tinte her!“
Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glück im Unglück wirkte besser als alle Medikamente. Er riß Feder und Papier an sich und kratzte in dem unmöglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtränkten Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das Papier.
„Da nimm’s, mein Sohn, gibt’s den Franzosen! Das sollen sie für Yorck mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, daß ich ihn liebe, obwohl er mir so grob kam! – Er soll fühlen, daß noch einer da ist, der gute derbe Hiebe ein[pg 201]schätzen kann, und der den Teufel nach Höflichkeit in solchen Dingen fragt, wenn der Hieb nur sitzt! – Und auch, daß ich an ihn denke, für ihn sorge und von seinen Taten dem König genau berichten und sie ins beste Licht rücken werde!“
Müffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern – an die Kapitulation – –
Blücher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu beißen.
Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging – denn er war ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage –, schrie seinen guten Hauptmann Müffling an und sagte ihm, er möge in des Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous’ abfassen! Aber deutsch, das bäte er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen könne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde könnten ihm die Schuhsohlen lecken – er sagte etwas Schlimmeres –, sie könnten ihn dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stücke backen, aber er unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwörtlich drin vom französischen Marschall verbrieft und gesiegelt würde, daß der Oberst von Scharnhorst und der Oberst von Yorck – denn er lebte noch –, daß also die zwei sofort ausgewechselt werden würden und gehen könnten, wohin sie wollten! Und wohin die wollten, das wüßte er schon – aber das ginge den Franzmann nichts an!
Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe auch so nicht, wenn er nicht auch die Gründe angeben könne, warum in drei Millionen Teufels Namen er kapitulieren mußte! Denn daß er das nicht gutwillig täte – daß er kein solcher Schweinehund wäre, das zu tun, solange er noch ein Körnchen Pulver auf der Pfanne hätte, das brauche er ihm wohl nicht erst zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich für sein Gepäck aus. Denn da wäre die westfälische Landeskasse mit drin. Die wäre keine Kriegskasse und würde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen könnten [pg 202]sich den Mund danach lecken. Und eine Eskorte für sie sollten sie auch noch stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Müffling, und ihm seine Ruhe lassen! Und er bäte sich aus, durch keinerlei Rückfragen behelligt zu werden! Er hätte jetzt seine Orders – er wüßte Bescheid, er solle es gut machen – basta! –
Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den Rücken und schnarchte weiter.
Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhändler endlich das schicksalsschwere Aktenstück fertig, durch das der letzte Rest des Blücherschen Korps die Waffen streckte.
Von sechzehn Bataillonen hatte Blücher nur vier aus Lübeck retten können, als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfünfzig! Diese vier Bataillone sollten nun die Waffen strecken – aber mit allen Kriegsehren. Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel sollten sie vor dem französischen Heere vorüberziehen, und die Offiziere sollten ihre Degen behalten dürfen. Auf die weiteren Bedingungen Blüchers waren die französischen Unterhändler auch eingegangen. Nur – die Angabe der Gründe zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das wäre gegen allen Brauch – das dürfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch an Gegengründen vorzubringen wußten! –
„Was bei so’ner niederträchtigen Sache Brauch ist oder nicht, ist mir schnuppe!“ sagte Blücher, als ihm Müffling das verdolmetschte. „Das Kapitulieren ist überhaupt nicht bei mir Brauch und soll, hol’ mich der Teufel, nie wieder bei mir vorkommen! Und was ich beanspruchen darf, weiß ich selbst am besten und brauche mir das von so’n paar hergelaufenen Grünschnäbeln von Franzosen nicht weismachen zu lassen! Die sollen mich den Buckel herunterrutschen, aber unterschreiben tue ich nach meinem, nicht nach ihrem Kopf! Und wollen sie das nicht, sollen sie sich zum Teufel scheren!“
Die Franzosen guckten den alten kratzbürstigen Herrn erstaunt an, der sie so von seinem Lager aus mit heiserer [pg 203]Stimme anschrie. Sie blickten sich an, zuckten die Schultern, blickten Müffling an, steckten mit diesem dann die Köpfe zusammen und flüsterten in bedauerndem Tone ein paar freundliche Phrasen, von denen Blücher nur die Worte auffing: „monsieur le général – – encore très malade!“
Dann nickten sie endlich wohlwollend zustimmend. Müffling nahm das Dokument, tauchte den Federkiel ein, legte ein dickes Buch unter und gab das Ganze an Blücher, der, auf den linken Ellbogen gestützt, nach der Wand gedreht, und ohne den Siegern sein Gesicht zu zeigen, rasch ein paar Worte hinkritzelte.
Dann reichte er Müffling, ohne sich umzudrehen, Dokument und Federkiel, legte sich wieder hin, nach der Wand gekehrt, und ließ die Franzosen Franzosen sein.
Sie blickten sich wieder an, blickten Müffling an, schüttelten die Köpfe, blickten in das Dokument hinein und buchstabierten laut:
„Ik kapitüliär nür, wei’ ik känn Brott ün kann Münissiong mehr ’abe –
Bluchêre –“
Sie falteten das Dokument zusammen, legten die Finger an ihre Käppis und salutierten mit ausgesuchter Höflichkeit die ihnen reichlich gezeigte Hinterfassade des alten Haudegens, lächelten sich an, schüttelten die Köpfe, rollten ihre kleinen Rattenaugen, daß sie lustig funkelten, drehten die Schnurrbärte spitz in die Höhe, und verließen dann mit Grazie die Höhle des Löwen, ohne von ihm eines Blickes gewürdigt zu werden.
*
Blücher begab sich zunächst als Kriegsgefangener nach Hamburg und hatte die Genugtuung, nach einigen Tagen Scharnhorst dem König senden zu können. Er versäumte nicht, ihn dem Monarchen angelegentlichst zu empfehlen und die Verdienste seines Generalquartiermeisters während des Rückzuges im hellsten Lichte strahlen zu lassen.
[pg 204]
Der Einfluß Scharnhorsts zeigte sich bald.
Der König hatte im Zeitraum von kaum drei Monaten so viele Schläge auf sein Land niedersausen sehen wie kein anderer preußischer König vor ihm. Außer den Kapitulationen im freien Felde hatten die Festungen Erfurt, Spandau, Stettin, Küstrin, Magdeburg, Czenstochau, Hameln, Fort Plessenburg bei Kulmbach sich ergeben, und Glogau und Breslau würden, nach allem zu schließen, bald folgen. Trotzdem war der König noch ungebeugt. Er hatte gesehen, was morsch und baufällig in seinem Staate war, aber auch, daß noch frische und unverbrauchte Kräfte vorhanden waren. Das hatte ihm den Mut gegeben, ungesäumt an den Aufbau seines in Trümmer sinkenden Staates zu gehen.
Zunächst fing er da an, wo der Schaden am offenkundigsten zutage getreten war, bei der Armee.
Die Armee hatte es beim Volke verspielt! Preußischer Offizier zu sein, war eine Schande geworden! Alle Welt fand sich befugt und berechtigt, die Offiziere zu verhöhnen und zu beschimpfen! Der lang verhaltene Neid über ihre bevorzugte Stellung kam jetzt elementar zum Ausbruch und machte sich in der gehässigsten Form Luft, durch Pamphlete, in den Zeitungen, durch öffentliche Insulten!
Es galt also, der Armee die Stellung in der allgemeinen Achtung wiederzugeben, die sie als erste und unentbehrlichste Dienerin des Staates haben mußte, um ihres Amtes mit Erfolg walten zu können.
Es galt, ihr vor allem das Vertrauen zu sich selbst wiederzugeben! Es galt, sie zu reinigen! Und das konnte wiederum nur der Offizier selbst tun.
Der Offizier sollte selbst den Offizier richten! Jedes Regiment sollte ein Tribunal einsetzen, vor dem ein jeder Offizier, der sich im Felde irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich zu verantworten haben würde! Die Gutachten dieser Tribunale sollten alle an eine Immediatkommission gehen, die schließlich die Urteile nebst Begründung und genauem Bericht dem König unterbreiten müßte.
[pg 205]
Am 1. Dezember 1806 erließ der König von Ortelsburg aus, während alles um ihn wankte, sein ewig denkwürdiges „Publikandum wegen Abstellung verschiedener Mißbräuche bei der Armee“.
Von dem Tage der Veröffentlichung dieses Aktenstückes an datiert die Neuschöpfung der preußischen Armee, die sie zu der ersten der Welt gemacht hat. Das Publikandum Friedrich Wilhelms des Dritten war der erste Baustein in der Grundmauer, auf der sich sein Reich zum Heile Deutschlands wieder neu aufbauen sollte.
Und Blücher hatte da geholfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden.
Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tüchtige an sich, sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das war schließlich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung!