12 Das heilige Donnerwetter
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Jahrhundertelang war Deutschland der Tummelplatz der Völker und wurde unbarmherzig verwüstet, seine Bewohner geknechtet, ausgeraubt und hingemordet, Handel und Nahrung lahmgelegt, seine Reichtümer gestohlen, seine Kunstschätze geraubt und nach allen Windrichtungen hin verschleppt, seine Kirchen und Schlösser und Kunstbauten in Ruinen verwandelt, seine Entwicklung um Jahrhunderte zurückgeworfen.
Und immer wieder blühte das Leben in alter Kraft wieder auf –, immer wieder stürmten beutegierige Horden heran mit Mord und Brand und plünderten und sengten.
Das in Strömen vergossene Blut tränkte die Erde, verseuchte die Gewässer, schwängerte die Luft – man atmete Unheil, trank dessen Odem mit dem Wasser der Quellen, fraß ihn in sich mit den Früchten der Erde. Das bittersüße [pg 284]Gift schwellte die Adern, schlich durch den Körper, erfüllte die Seelen bis zum Platzen mit Spannung, erzeugte einen Haß, der jede andere Regung unterdrückte, der alleinherrschend wurde, ins unermeßliche wuchs und gewaltsam zur Entladung drängte. Das Licht des Himmels, seine Sonne, seine Sterne, sein leuchtendes Blau, alles schwand in dem quälenden Dunst, die Farben des Lebens verblaßten und erloschen. Es gab kein Gefühl, keinen Gedanken mehr, als verbissene Wut über schmachvolle Ohnmacht, kein Gebet, das nicht den Herrn der Welten um Erlösung anrief und mit dem Himmel um seine Blitze buhlte.
Die Schwüle des Gewitters lagerte überall, ergriff alles Leben und würgte zum Ersticken.
Immer dräuender türmten sich die Gebilde des Hasses und der Empörung empor, ballten sich zu mächtigen Gewitterwolken zusammen und erfüllten den Raum, bis endlich die Spannung zu groß, bis es der Last zuviel wurde und das Gewitter losbrach.
Blitze züngelten auf die Häupter der Bedrücker nieder, warfen sie in den Staub und zerschmetterten ihre Zwingburgen, indes der Donner grollend durch den Raum fuhr und der Widerhall krachend von Felsen zu Felsen jauchzte und Kunde von der Befreiung gab.
Fast unbeschränkt beherrschte Napoleon den Kontinent, alles lag ihm gehorsam zu Füßen. In jeder Festung, in allen Städten Norddeutschlands standen seine Truppen bereit, jeden Versuch zur Empörung mit Gewalt niederzuwerfen.
Durch dauernde Besetzung Preußens war er zum wahren Herrn Europas geworden. Wer nicht sein Verbündeter war, war ihm gehörig. Die Rheinbundstaaten, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Westfalen und Mecklenburg, gehorchten jetzt seinem kleinsten Wink. Der Kaiser von Österreich gab ihm seine Tochter zur Ehe. Sein Machtwort erstickte jede selbständige Regung im Keime. Ohne seine Zu[pg 285]stimmung geschah in den deutschen Landen nichts. Könige und Fürsten holten sich Weisungen aus Paris, empfingen aus seinem Munde Lob und Tadel und setzten ihre Beamten ab und ein nach seinem Gutdünken. Seine Armeen wurden von den unterjochten Völkern unterhalten, die Einkünfte der Staaten als Kontribution nach Paris geschafft –, bis aufs Blut sog er die Besiegten aus.
Ihre Heere mußten auf sein Geheiß marschieren und für den Ruhm Frankreichs ihr Blut verspritzen – bis sie endlich begriffen, daß Blut und Leben nur für die Heiligkeit der eigenen Sache einzusetzen seien.
Der Sohn der Revolution, von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes in Waffen zu schwindelnder Höhe gehoben, kehrte so, durch den Gang der Ereignisse getrieben und von den eigenen Siegen verführt, vom Volksheer zum Söldnertum zurück. Er bewirkte gleichzeitig die entgegengesetzte Entwicklung bei den Besiegten und gab ihnen so das Mittel zur Befreiung in die Hand. Denn als sie sich dazu hergeben mußten, für eine fremde Sache zu bluten, wurden sie sich ihres eigenen Volkstums bewußt und fielen von der Sache des Eroberers ab, sobald sie ernstlich zu wanken begann.
Seine bunt zusammengewürfelten Heerhaufen besaßen sowieso nicht mehr die Energie und den Schwung der ersten Revolutionsheere, noch weniger ihre Begeisterung für die Heiligkeit einer Sache, die allein gegen eine ganze Welt den Sieg ertrotzt.
Noch stand der Koloß aufrecht und wagte in seinem Übermut den eitlen Versuch, den Gott zu spielen und das, was nicht zusammengehört, zusammenzukitten.
Und das Unerhörte geschah.
Als Napoleons aus unzähligen Hilfsvölkern zusammengesetztes Riesenheer auszog, um seinen unbotmäßigen russischen Verbündeten zu züchtigen, da marschierte zum erstem Male in der Geschichte des Landes ein ganzes preußisches Armeekorps mit, um für den Ruhm Frankreichs zu bluten.
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Siebzehntausend Mann stark zogen die Preußen aus unter Befehl von Grawert, der bei Jena die Feldherrnkunst Napoleons am eigenen Leibe kennengelernt hatte. Er erkrankte und wurde von Yorck ersetzt.
Wie ein Haufen Heuschrecken, so wälzte das Riesenheer seine Massen über die deutsche Erde gen Osten hin, fraß, wo es durchkam, das ganze Land kahl und verwandelte es in eine Wüste. Bis es endlich hinter der russischen Grenze verschwand und sich über die endlosen, dünn bevölkerten Felder Rußlands ergoß, von einer ganzen Wolke von Marodeuren, Händlern und beutegierigen polnisch-jüdischen Schacherern umschwärmt, die sich mit seinen Abfällen mästeten, alles, was am Wege blieb, auflasen, Kleider, Ausrüstung, Proviant und Beutestücke erhandelten oder stahlen, die todmüde am Wege Liegenden erschlugen oder sie bis auf die Knochen ausplünderten.
Schreck und Entsetzen hinterließ der Raubzug überall, wo er durchkam, und lähmte die Kraft der Landeskinder so, daß keiner auch nur daran zu denken wagte, die Hand zur Rache zu erheben, als nachher die Reste der Horden wiederkamen, geschlagen, geschunden, zerfetzt und zerlumpt und von noch größeren Schwärmen Beutegeiern verfolgt.
Tausende von französischen Offizieren, auch Napoleon selbst und seine berühmten Marschälle, hätte man ohne weiteres gefangennehmen können. Aber man rührte keinem Finger gegen sie, man ließ sie ungefährdet durch und in ihre Heimat zurück, wo sie dann gleich neue Heerhaufen zur Unterjochung bereitstellten.
Man schlug das Raubgesindel nicht mit Knüppeln tot, man gab ihnen Lager und Kleidung, speiste sie, pflegte sie, vergaß das vergossene Blut und die Tränen, das geraubte Gut und Geld –, aber beileibe nicht aus Gutmütigkeit und noch weniger aus Feigheit. Nein, jene Armseligen, in Lumpen Zurückkehrenden, sie waren immer noch die Herren. Und keiner wagte noch an das unerhörte Glück zu glauben, daß jene gewaltige Macht, deren Diener sie waren, jemals gebrochen werden könnte, auch dann nicht, als man es mit [pg 287]eigenen Augen zu sehen und mit Händen zu greifen vermochte.
Der Krieg wurde nicht erklärt, die Rüstungen nur in größter Heimlichkeit betrieben, und auch dann nur unter dem Schein, den Bündnisvertrag mit Frankreich erfüllen zu wollen. Die Geheimdiplomatie war eifrig dabei, zu vertuschen und zu verhüllen, kein klarer Wille wagte sich hervor, kein offenes Wort wurde von maßgebender Stelle gesprochen.
Da auf einmal klang es jubelnd hart drein, wie schmetternde Fanfaren aus der alt-fritzischen Zeit. Von weit draußen an der Grenze klang es herüber, aber so hell und klar, so bestimmt und zielbewußt, daß es in die entfernteste Gegend des Landes drang und alle Herzen erzittern machte.
Es war der gleiche Ton, der Deutschland weckte, als Schill sein Panier erhob.
Aber jetzt ging alles mit, jetzt erwachte begeisterter Widerhall überall – ein Brausen, wie von einem herannahenden Sturm, ging über alles Land, das Gewitter verkündend, und erstickte mit seiner Gewalt jede Mahnung der Ängstlichen, den Weckruf lieber, im Namen der heiligen Subordination, zu überhören.
Isegrim Yorck war’s, der ins Horn gestoßen hatte.
Er hatte den Sprung ins ungewisse gewagt und seinen Kopf darangesetzt, um seine Preußen aus der schmählichen Gemeinschaft mit den Franzosen zu führen. Dem Korsen hatte er die erzwungene Waffenbrüderschaft aufgesagt, seinen König mit einer vollendeten Tatsache überrascht und sein Volk auf den Boden offener Stellungnahme gegen den wahren Feind gestellt.
Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt hätte zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt hätte, wenn alles wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben wäre.
Aber sie brachte dafür etwas ein, was für alles Gold der Welt nicht eingehandelt werden kann: die flammende Be[pg 288]geisterung, den unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes, seine Fesseln zu brechen und die Bedrücker niederzuwerfen. Sie entfesselte das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht – mit dem stets der Sieg ist, weil es die Empörung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane Vergewaltigung.
*
„Herr,“ rief der General Blücher unwirsch und fuhr sich mit dem Rasierpinsel im Gesicht herum, daß der Seifenschaum weit umherspritzte, „Er ist wohl des Teufels! Wie heißt das? Was war das, was Ihm mir vom General Yorck mitzuteilen beliebte?“
Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor.
Die Infanterie Yorcks wäre demnach durch die erlittenen Strapazen sehr geschwächt und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne daß abgekocht worden war. Sie hatten bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die meisten ohne Mäntel – die Taschenmunition war von Nässe verdorben, in den Munitionswagen war kaum Vorrat genug für eine Schlacht, und dabei hätten die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neiße, um neuen Vorrat zu holen. Der General Yorck ließe bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu lassen.
Blücher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der Hand, die Ausführungen des Majors angehört.
Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu.
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„Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg führt? Hat Sein General nicht genug von dem dämlichen Waffenstillstand, den wir kaum glücklich hinter uns haben, und den wir noch hätten, wenn’s nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, daß unsere Neunmalweisen den Karren noch tiefer in den Dreck schoben!“
Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weißgetünchten Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und durfte als höflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen.
Der Major Diedrich benutzte die Gelegenheit, weitere Einzelheiten über den schlechten Zustand des Yorckschen Korps vorzubringen, und Blücher, der seine Zunge dazu gebrauchen mußte, beim Rasieren die Wangen von innen zu strammen, konnte dabei seinem Mißvergnügen nur durch ein mehr oder weniger lautes Grunzen Luft geben. Bis der Major ihm mit den zwanzigtausend in Österreich gekauften Flinten auf den Leib rückte, mit denen man die Landwehr beglückt hatte, und die die unangenehme Eigenschaft hatten, keine Zündlöcher zu besitzen. Die hatte man in der Eile bei der Anfertigung zu bohren vergessen. Und nun müsse die brave Landwehr, zum größten Teil mit Piken bewaffnet, in den Kampf ziehen!
Da hörte Blücher mit dem Schaben seines Bartes auf, sandte sich jäh um, warf dem Major einen vernichtenden Blick zu und wetterte los.
„Herr, was redet Er da von Zündlöchern? Bei dem Sauwetter, wo’s, wie jetzt, seit Monaten Strippen regnet, schießen alle Flinten gleich gut, ob sie Zündlöcher haben oder nicht! Die sollen die Leute ruhig behalten und mit den Kolben auf den Franzmann losschlagen. Und taugen sie auch dazu nicht, dann mögen sie sich drüben beim Feind bessere [pg 290]Flinten holen. Die Franzosen haben ganz gute! Wozu haben wir den Krieg?“
Worauf er das Messer ansetzte und weiter schabte.
Aber der Major hatte noch mehr auf dem Herzen, und die Gelegenheit war zu gut jetzt, wo der Alte das Messer an der Kehle hatte und die Zunge im Zaum halten mußte.
Er packte also aus.
Es fehle den Landwehrregimentern an Mänteln, sie hätten nur leinene Hosen, statt Patronentaschen leinene Beutel, Kochgeschirr wäre bei ihnen eine Seltenheit und Stiefel erst recht. Bei den aufgeweichten Wegen käme man kaum noch vorwärts mit der schlechten Ausrüstung.
„I der Deubel!“ unterbrach Blücher plötzlich die Litanei. „Mit langen Redensarten wurde noch niemals ’n Stiebel jemacht. Was red’t Er denn? Wo uns Hunderttausende von den besten französischen Stiebeln freundlichst entgegentanzen und bloß dadruff warten, genommen zu werden! Wenn unsere Leute zu vornehm sind, um auf Pariser Sohlen zu laufen und sich die nicht holen können, wo sie da sind, dann können sie meinetwegen barfuß laufen! Und was den anderen Kram betrifft – die Mäntel und Patronentaschen und gar die Hosen –, das alles macht noch lange nicht den Soldaten! Die Leute, die da mit Piken und Sensen geübt und so die Griffe gelernt haben, die haben eben gewußt, wie saumäßig es um Preußen stand, und daß es ihm an Flinten und Stiebeln und Mänteln fehlte. Und sie sind doch gekommen und haben sich zum Dienst gestellt. Warum, denkt Er wohl? Nicht, damit Er mir hier noch eine Litanei vorbetet, sondern um Preußen all das zu verschaffen, was ihm fehlt – vor allem die Freiheit und den alten Besitz! Das andere – die Flinten und die Stiebel und der ganze Kram –, das kommt dann ganz von selbst. Und nun schere Er sich, und lasse Er mich ungeschoren. Dem General ist zu erwidern, daß es beim Marschbefehl bleibt. Er hat sich von Jauer zurück auf die Katzbach zu wenden und die vorgeschriebenen Stellungen bei Brechtelshof einzunehmen. Verstanden?“
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Der Major salutierte schweigend und ging. Und Blücher begab sich nach vollendeter Toilette hinaus, um die abmarschierenden Truppen zu inspizieren.
Sein geübtes Auge sah wohl alle Mängel und Gebrechen ihrer Ausrüstung, sah die beschmutzten, durchnäßten, frierenden und abgehetzten Kerle dastehen und fragende Blicke auf ihn richten – sah aber auch unverzagten Mut aus ihren Augen leuchten, als er vor der Front aufritt. Seine Blicke glitten prüfend von Mann zu Mann die Reihen entlang.
Es waren keine baumlangen Pommern oder Mecklenburger, sondern zumeist klein gewachsene, schmächtige Leute aus den schlesischen Weberdistrikten. Staat war mit ihnen nicht zu machen, aber sie würden schon anbeißen, wenn man nur verstände, im richtigen Ton zu ihnen zu sprechen, und ihnen gleich zu Gemüt zu führen wüßte, daß der Krieg keine Schule der Verzärtelung sei, und daß es dabei etwas Wichtigeres und Bedeutungsvolleres als Strapazen und Entbehrungen gäbe.
Und diesen Ton fand Blücher gleich.
Nachdem er die Reihen abgeritten war, hielt er vor der Front und rief in seiner jovialen Art, mit einem listigen Augenzwinkern, daß sich ein jeder sofort innerlich auf du und du mit ihm befand.
„Kerls, ihr seht aus wie die Schweine! Aber es macht nichts. Ihr habt doch die Franzosen geschlagen! Das ist aber nicht genug! Ihr müßt sie heute wieder schlagen, wie das Wetter und die Wege auch sind. Sonst sind wir alle beschissen! Guten Morgen, Kinder! Und nun frisch darauflos!“
Worauf er schmunzelnd über das donnernde Lachen, womit die Front für die Ansprache quittierte, sein Pferd herumwarf und zurück in sein Quartier galoppierte.
Dort erwartete ihn großer Ärger und Verdruß.
Yorck selbst war gekommen, um wegen des vielen „unnützen Hin- und Hermarschierens“ das Oberkommando zur Rede zu stellen, und war eben in heftigem Diskurs mit dem [pg 292]Generalstabschef Gneisenau, der vom Obersten Müffling getreulich sekundiert wurde.
Als er Blücher sah, wandte er sich gleich an ihn, und zwar in einem Ton, den dieser sich als Oberkommandierender keinesfalls gefallen lassen konnte.
„Und wenn der Teufel selbst das ganze Oberkommando gegen mich zur Attacke ritte – marschiert wird doch nicht, ehe ich nicht achtundvierzig Stunden gerastet habe!“ rief er ohne alle Einleitung Blücher zu. „Das ist das wenigste, was ich brauche, um meine Leute wieder schlagfertig zu haben. Das mögen sich die Herren Kraftgenies hier –“ er warf einen despektierlichen Blick auf die beiden Mithelfer Blüchers – „unter die Nase reiben! Und auch, daß ich dies kopflose Hin- und Hermarschieren, das sie meinen Leuten zumuten, ohne ihnen Ruhe zum Essen und Schlafen zu gönnen, daß ich das mit den Menschen Schindluder treiben nenne. Und dazu sind meine Preußen denn doch zu gut!“
Blücher verbat sich ein für allemal in der energischsten Weise sowohl diesen Ton wie auch jede Widerrede. Yorck und er seien wohl alte Waffengefährten, aber das entbinde ihn doch nicht von der Pflicht unbedingten Gehorsams seinem Vorgesetzten gegenüber. Zu befehlen habe hier allein er, Blücher. Er trüge auch allein die ganze Verantwortung für die gegebenen Befehle und verbäte sich eine jede Kritik.
„Herr General,“ sagte Yorck, noch aufgebrachter als vorhin, „ich pfeife auf die Waffenbrüderschaft, die sich solchermaßen in Erinnerung bringt. Und wer von uns beiden sein Handwerk besser versteht, darüber brauche ich mich hier auch nicht auszulassen. Zum Kommandieren gehört nicht nur das Amt, man muß es auch können. Und käme es nur darauf an – wer weiß, wer von uns beiden jetzt hier dem anderen zu befehlen hätte! Mich kümmert aber all das weniger! Mich kümmert in erster Linie die große Verantwortung, die ich vor meinem König und meinem Vaterland für die mir anvertrauten Truppen habe.“
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„Uns nicht weniger!“ schrie Blücher zornesrot. „Darüber hinaus gibt es aber etwas, was ich militärische Notwendigkeit nenne. Wenn die ein Opfer verlangt, so bringe ich es unbedingt, und wenn es noch so schmerzlich wäre. Und trage die Verantwortung dafür allein und teile sie mit keinem!“
„Wenn aber die Soldaten vorher zu Tode gehetzt werden, wozu und inwiefern und mit welchem Nutzen will ein General dann jenes Opfer bringen? Wo nichts ist, ist auch nichts zu opfern, wie groß die militärische Notwendigkeit auch sein mag. Haben Sie, meine Herren, im Vorjahre die Trümmer der großen französischen Armee gesehen, als sie aus Rußland zurückkam? Und haben Sie dagegen meine Preußen gesehen, wie die aus dem gleichen Feldzug wiederkehrten? Meine Fürsorge für meine Leute war’s, die dem König von Preußen da eine ganze Armee bewahrte, wo alles andere zugrunde ging. Ohne diese meine Fürsorge hätte der General von Blücher in seiner schlesischen Armee heute keine Preußen zu kommandieren. Wäre mein Eigensinn, den die jungen Leute hier im Oberkommando so gern bekritteln – wäre der nicht gewesen – hätte ich nur den blinden Kadavergehorsam gegen Vorgesetzte gehabt, den man heute hier von mir verlangt, ich hätte mich nimmermehr getraut, dem Marschall Macdonald, der heute die Franzosen gegen uns führt, den Gehorsam aufzukündigen. Ich hätte an einem Strange mit ihm weitergezogen, und ich wäre niemals dazu gekommen, in Tauroggen meinen alten Kopf aufs Spiel zu setzen, um endlich eine reinliche Scheidung zwischen uns und den Franzosen zu machen.“
„Recht hatten Sie, Yorck“, sagte Blücher, dessen Augen leuchteten bei der Nennung des Tages von Tauroggen. „Aber jetzt sind Sie im Unrecht. Denn ich bin kein französischer Marschall, dem ein preußischer General meines Erachtens nimmermehr gehorchen kann, ohne vor sich selbst zu erröten. Ich bin hier der Oberkommandierende der schlesischen Armee, der hier im Namen des Königs befiehlt und sich Gehorsam zu verschaffen wissen wird, gleichviel ob ich [pg 294]persönlich oder durch meine Generalquartiermeister die Befehle erteile. Wobei eine Sache nicht zu vergessen ist, nämlich die: der General Yorck hat den russischen Feldzug als französischer General mitgemacht. Das färbt ab. Wir aber sind da rein geblieben und haben es alle vorgezogen, den Dienst zu quittieren, statt mit dem Erbfeind gemeinsame Sache zu machen. Deshalb haben wir hier das Kommando jetzt, wo es gegen den Franzmann geht, und haben es nicht nur mit dem Vorrecht, das der Königliche Befehl uns gibt.“
Damit schnitt er jede weitere Erörterung ab, ging in sein Zimmer und hieß Gneisenau gleich zur Befehlsausgabe nachkommen.
Yorck aber, außer sich über die ihm zugefügte Kränkung, ging in sein Quartier, setzte sich hin und schrieb dem König einen langen Brief, in dem er um seinen Abschied bat und sein Gesuch ausführlich begründete.
Dann, als er den Brief abgesandt hatte, fügte er sich, befahl Aufbruch und ließ es sich sogar gefallen, daß ihm vom Oberkommando der Oberst Müffling beigegeben wurde, um ihn in die befohlenen Stellungen zu geleiten.
Blücher aber, mit Gneisenau allein geblieben, ging fluchend auf und ab.
„Himmeldonnerwetter!“ rief er. „Muß ich auch noch mit meinen Untergebenen um mein Kommando kämpfen! Das fehlte mir gerade noch!“
Er blieb vor Gneisenau stehen.
„Ich bin gewiß der letzte, die große Bedeutung von Yorcks Tat nicht anzuerkennen, als er es wagte, den Ängstlichen zum Trotz, sich mit seiner Armee gegen Napoleon zu erklären. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Füße hängen zu dürfen, so irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, daß wir blind und taub sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzählen mir von der schlechten Ausrüstung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch, daß wir uns schön hüten müssen, ihr so große Bedeutung bei[pg 295]zumessen, daß unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hieße uns unserer einzigen guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold glühender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol’ mir der Teufel Flinten und Patronen! – Das da ist unbezwinglich! Das siegt! Das fragt nach keiner Übermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen Bundesbrüder gar übermütig herabzublicken! Schockschwerenot – was haben die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gäbe? Die prahlen damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben – wo sie vor ihm gelaufen sind, bis der sich in seinem Übermut verrannte und nicht mehr heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun dick, und setzen uns ihre Führung auf die Nase und wollen uns auch das Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! – Und unsere eigenen Leute – die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav mit. Der Geist des Rückzugs und der Flaumacherei geht bei uns mächtig um! Es ist höchste Zeit, daß wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!“
Er schwieg.
Aller Ärger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder liebgewordenen Tätigkeit verbannt, geächtet und von den braven Strebern gemieden leben mußte. Bis er endlich die Frühlingsluft der Befreiung witterte, seine Zeit gekommen fühlte und seine Stimme erheben durfte ohne Furcht, nicht mehr gehört zu werden.
„Mich juckt’s in allen Fingern, den Säbel zu ergreifen“, schrieb er da an seinen unvergeßlichen Freund Scharnhorst. „Wenn es jetzt nicht Seiner Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten und der ganzen Nation Führnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so scheint mich, daß kein deutscher [pg 296]Mann mehr des deutschen Namens werth sei. Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen, nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preußen, sondern das ganze deutsche Vaterland muß wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden.“
Es „juckte“ ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte auf ihn wie auf den gegebenen Führer – und doch zauderte man, wie immer, oben und wagte nicht, einen frischen Entschluß zu fassen. Der „Haudegen“, der „Draufgänger“ könnte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben. Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen Tauentzien, als Kandidaten für den Oberbefehl vor. Und einzig und allein die rücksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den Widerstand des Königs zu brechen.
Blücher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber – denn an allen Entschließungen des Königs hing ein einschränkendes Aber, das teilweise ihre Wirkung aufhob – Blücher wurde unter russisches Oberkommando gestellt, und mit ihm das preußische Heer.
Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der überhaupt nicht mit seinen Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der Verbündeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gänzlich unfähiger Feldherr. Er ließ Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen, verpaßte jede gute Gelegenheit, ihn zu überraschen, ließ die Preußen in nutzlosen Kleinkämpfen verbluten, sah im Rückzuge die einzig sichere Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Färbung der Niederlage.
Der frische Ansturm der Frühlingsoffensive der Russen und der Preußen verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Großgörschen und Bautzen waren umsonst geschlagen – die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten Hansestädte vor [pg 297]Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren – der König empfand schon die Situation „wie nach Jena und Auerstedt“, und erst der plötzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem Zurückgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er dämpfte aber auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu dumpfer Verzweiflung. Und die während des Waffenstillstandes einsetzenden diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu entfachen.
Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schädel aneinander und brachten einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache Räumung aller preußischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie Rückgabe von Danzig an Preußen und von den illyrischen Provinzen an Österreich, Auflösung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen Rußland, Österreich und Preußen, und außerdem die volle Wiederherstellung der Hansestädte. Die Auflösung des Rheinbundes und die Wiederherstellung Preußens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen. Und Napoleon tat trotzdem den „Mächten“ den großen Gefallen, auf diese für sie – aber nicht für ihn – ungünstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte, Österreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten.
Blücher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generälen gängeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl über die aus einem preußischen und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Böhmen aus operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das große und unerhoffte Glück, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden Erwägungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine Siegeshoffnung nicht wenig stärkte.
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Freilich – einer fehlte, dessen Verlust ihm einer verlorenen Schlacht gleichkam: Scharnhorst, der durch seinen unermüdlichen Tätigkeitsdrang und seinen Diensteifer seine in der Schlacht bei Großgörschen erhaltene Wunde vernachlässigt hatte und daran starb, gerade als er am nötigsten war.
Der Schmerz über diesen Verlust war schwer und andauernd. Er seufzte beim Gedanken an den verlorenen Freund auf und umfaßte dessen Nachfolger und früheren treuen Mithelfer mit einem zärtlich-dankbaren Blick, daß wenigstens er ihm geblieben war.
„Na, Gneisenau“, sagte er gutmütig, und es kam ein Ton warmer Hoffnungsfreudigkeit in die Stimme, „jetzt gilt’s, die Zaghaften im Lande von ihren bösen Träumen zu erwecken. Ein Donnerschlag, Gneisenau, der ihnen den Nebel aus den Köpfen verscheucht, so daß sie wagen geradeheraus zu sehen und zu denken! Eine fröhlich schmetternde Siegesfanfare, die den gesunkenen Mut wiederbelebt! Eine Tat, die unsere schlechten Waffen gut macht und zu Ehren bringt! Vorwärts, an die Arbeit, Gneisenau!“
Dann ließ er sich die Meldungen von den Avantgarden seiner Korps vorlegen. Aus denen ging hervor, daß der Feind auf den Höhen jenseits der Katzbach, von Goldberg bis Liegnitz, lagerte, aber nicht, ob er vorrückte oder an Zurückgehen dachte.
„Auf alle Fälle greifen wir an“, entschied der General.
Yorck erhielt den Befehl, von Jauer bis nach Schlauphof an der in die Katzbach einfallenden Wütenden Neiße vorzurücken und sich da, von den Uferhöhen gedeckt, in Kolonnen aufzustellen. Die Russen auf dem rechten Flügel unter Sacken sollten die feindliche Front bei Liegnitz festhalten – die Russen auf dem linken Flügel unter Langeron, die links von der Wütenden Neiße von Hennersdorf bis zum Gebirge standen, müßten über die Katzbach auf Goldberg, Yorck in der Mitte gerade nordwärts bei Kroitsch die Katzbach überschreiten.
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Die Befehle flogen den Kommandierenden zu und lösten bei ihnen verschiedene Gefühle aus – aber als Allerletztes das des Gehorsams.
Sacken allein erwiderte dem Offizier, der ihm Blüchers Befehle überbrachte: „Grüßen Sie den General: hurra!“
Aber sein Landsmann Langeron, der im Türkenkriege selbständig kommandiert hatte, der sich ungern dem Oberkommando Blüchers fügte und sich als bestellter Aufpasser des Hauptquartiers über ihn fühlte, da man ihm von dort stets geheime Mitteilungen von den Instruktionen an Blücher gab, dieser französische Emigrant erklärte kurzweg, er dürfe sein Korps nicht aufs Spiel setzen.
Und Yorck wetterte und fluchte und tat einen Schwur: „eher werde er seinen Degen zerbrechen, als über die Katzbach gehen!“
Kurz: mit der Disziplin bei den höheren Führern der Armee war’s übel bestellt.
Der General Langeron war sogar noch weiter gegangen. Er kalkulierte, trotz aller Befehle vorzugehen, daß es weder einen Angriff noch eine Schlacht geben würde, sondern, wie im Frühlingsfeldzug, einen frischen, fröhlichen Rückzug, und hatte, in weiser Fürsorge, bereits seine schwere Artillerie nach rückwärts auf Jauer vorausgesandt. Durch diese Maßnahme fehlte sie ihm nachher in der Schlacht.
Nach den ausgegebenen Dispositionen Blüchers wurde aber an dem Tage überhaupt nicht gearbeitet.
Denn auch der Feind parierte nicht. Er blieb nicht wacker in seinen Stellungen stehen, um auf den Besuch zu warten, sondern überschritt unvermutet die Katzbach einige Stunden, ehe die Schlesische Armee es tun sollte, und enthob so deren Obergeneral der Pflicht, seine obstinaten Unterführer dazu zu zwingen.
Der Marschall Macdonald glaubte bestimmt die Schlesische Armee auf dem Rückzug, und er hatte ja, nach den bisherigen Erfahrungen mit der Kriegführung der Alliierten, allen Anlaß dazu. Um so mehr, da sie wirklich vor einigen Tagen zurückgewichen waren, als Napoleon selbst mit seinen [pg 300]Garden die Angriffsarmee verstärkt hatte. Jetzt war der Kaiser nach Dresden zurückgeeilt, um sich der Hauptarmee der Alliierten entgegenzuwerfen, und überließ Macdonald allein die Verfolgung. Weit auseinandergezogen gingen die Franzosen zu diesem Zweck vor – und stießen zu ihrer nicht geringen Überraschung auf die Blüchersche Armee, die in voller Schlachtordnung aufmarschierte.
Man war beiderseits sehr überrascht über die Begegnung. Der Himmel gab seinen Segen dazu, indem es wie seit Wochen in Strömen goß.
Frischer Mut und frohe Laune bei andauernd schlechtem Wetter ist nicht jedermanns Sache.
Wenn der Himmel beständig voll grauer Wolken hängt, wenn Tag für Tag kaum einmal ein Glimt von der Lichtspenderin zu merken und ein Ende der Sintflut nicht abzusehen ist, dann schrumpft die Hoffnung zusammen, frohe Zuversicht wandelt sich in bleiche Verzagtheit, und der Mensch möchte sich am liebsten in irgendeine Höhle verkriechen und da, in Erwartung besserer Zeiten, hindämmern, ohne noch die Hand zu rühren, um sie herbeiführen zu helfen.
Gegen die Elemente ist Menschenwille machtlos. Und eine Welt, in der es immerfort regnet, verlohnt sich nicht zu erobern.
So kam es wohl, daß ein aus Oberschlesiern bestehendes Bataillon nicht stehen wollte, als einige Kanonenkugeln ihnen die ersten Grüße Frankreichs aus den Schluchten hinaufsandte, die zur Wütenden Neiße hinabführten. Die Schlesier gaben gleich Fersengeld und waren schon im Begriff, die anderen Bataillone in Unordnung zu bringen, als der Führer der Avantgarde einige Kanonen auf sie richten ließ und sein Ehrenwort gab, ihnen auch deutsche Kugeln zu kosten zu geben, wenn sie sich von der Stelle rührten. Das wirkte Wunder. Die Leute hielten sich nachher im dichtesten Kugelregen wie alte, kriegsgewohnte Soldaten, und die Ehre der schlesischen Landwehr war gerettet.
Der Feind war über die Katzbach das Tal der Wütenden Neiße heraufgekommen, breitete sich von Schlauphof bis [pg 301]zu Dohnau aus und drang nun durch die engen Schluchten nach dem Plateau hinauf, ohne zu ahnen, daß er da oben die Hauptmasse der Schlesischen Armee versammelt finden würde. Blücher beschloß, ihn heraufkommen zu lassen und sich dann auf ihn zu werfen und ihn wieder in die Schluchten hinabzustürzen.
Yorck stellte seine Bataillone auf, aber nicht schnell genug und vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig gerichtet. Denn das Oberkommando, vom Obersten Müffling vertreten, fand daran zu tadeln. Der alte Yorck wiederum fand, daß er es nicht nötig hätte, sich von Herrn von Müffling sagen zu lassen, wie er seine Bataillone an den Feind zu bringen hätte. Und inzwischen avancierte der Feind, ohne sich um die Kunststücke zu kümmern.
Schließlich hatte Yorck seine Truppen in schlachtmäßiger Ordnung. Selbst führte er die Brigade Hühnerbein am linken Flügel, Horn mit seiner Brigade den rechten. Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz hielt die zweite Linie, Steinmetz’ Brigade war in Reserve, die Reservekavallerie hinter dem ersten Treffen. Und allen voran die Artillerie in vollem Feuern.
Der Feind wich – die Kavallerie fand die Zeit gekommen, ihm auf den Leib zu rücken, und jagte in die feindliche Geschützlinie hinein, weit über sie hinaus, nahm Kanonen, hieb Karrees zusammen, geriet aber bald selbst in Auflösung und mußte zurück, als feindliche Reiterei in geschlossenen Massen ihr entgegentrat. Das gab eine Jagd in umgekehrter Richtung, die allerlei Verwirrung verursachte. Mehrere preußische Batterien gingen verloren, die Chasseurs sausten zwischen die Bataillone des rechten Flügels hinein, Yorck klagte schon, daß ihm der sichere Sieg aus der Hand gewunden würde.
Und immerfort regnete es in Strömen. Die Munition bei Freund und Feind wurde in gleich neutraler Weise vom Himmel durchnäßt, die Flinten schossen wirklich, wie Blücher vorausgesagt hatte, ebensogut ohne wie mit Zündlöchern – das heißt: kein Schuß ging ab, weder bei den Franzosen [pg 302]noch bei den Preußen. Bajonette und Kolben, Lanzen, Säbel und Piken machten da ganze Arbeit. Denn auch die Kanonen brummten nur mäßig in der dicken, feuchten Luft. Es war die stillste Schlacht, die man sich denken konnte, und doch eine der blutigsten und wütendsten des ganzen Krieges.
Schließlich gelang es der Infanterie, durch raschen Seitenangriff, der französischen Kavallerie Herr zu werden. Die russischen Husaren warfen sie weiter zurück, Sacken schwenkte, die feindliche Front überholend, rechts ein. Da gab Blücher Befehl zum allgemeinen Angriff. Er setzte sich selbst an die Spitze der Kavallerie, Yorck führte die Infanterie, und vor der Wucht des Anpralls hielten die Franzosen nicht mehr stand. Mit blutigen Köpfen kamen sie die Schluchten nach der Wütenden Neiße und der Katzbach wieder herunter, und diese Gebirgsbäche, vom Regen angeschwollen, machten gemeinsame Sache mit den Landeskindern und ließen die wenigsten von den Feinden lebend wieder hinüber! Zu Tausenden ertranken sie in den angeschwollenen Fluten. Die preußischen und russischen Kugeln schlugen in die Massen hinein, die sich über die Brücken drängten. Es war ein Sieg, wie sich der alte Blücher ihn nicht glänzender wünschen konnte.
Nur auf dem links von der Wütenden Neiße aufgestellten linken Flügel der Armee unter Langeron gab es einige „Schweinerei“, die fast den Erfolg des Tages auf das Spiel gesetzt hätte.
Man hatte sich da vom Feind zurückdrängen lassen und war gar im Begriff, aus der vorzüglichen, alles beherrschenden Stellung bei Hennersdorf abzuziehen, als Yorck, nach der Entscheidung rechts von der Wütenden Neiße, die Brigade Steinmetz nach dem linken Ufer hinüberschickte, die Gefechtslage dort wiederherstellte, Monsieur Langeron in die Offensive zwang und mit ihm zusammen auch hier den Feind warf.
Achtzehntausend Gefangene, drei Generäle und eine Menge Stabsoffiziere, hundertdrei Kanonen, zweihundert[pg 303]fünfzig Munitionswagen, Lazarette, Feldschmieden, zwei Adler und andere Trophäen waren die Beute.
Die moralische Wirkung auf die Armee war aber ungeheuer, und die wichtigste Errungenschaft des Sieges. Die bockbeinigen Herren Untergeneräle mußten nolens volens, sich vor dem Glück beugend, die Überlegenheit einer Führung, die vom Himmel so gut bedient wurde, anerkennen.
Allein Blücher selbst machte sich in seiner rebellischen Art über seine eigene Strategie lustig.
„Na, Gneisenau,“ sagte er plötzlich zu dem neben ihm reitenden Generalquartiermeister, als sie sich am Abend in strömendem Regen nach dem Hauptquartier in Brechtelshof zurückbegaben, „die Schlacht hätten wir gewonnen, das kann uns eine ganze Welt von Theoretikern nicht abstreiten. Nun laß uns auch mal daran denken, was wir klugerweisse zusammenbringen, um den Leuten klarzumachen, wie wir sie gewonnen haben. – Diesmal muß Er die Strategie eben nachträglich zurechtmachen. Einen Plan müssen wir gehabt haben! Das geht nicht anders! Was werden die Strategen sonst von uns sagen, wenn wir uns erfrechen, so gegen alle Regel eine Schlacht gewonnen zu haben?“
*
Im Schloß des Grafen Hohenthal zu Wartenburg war der Bankettsaal hell erleuchtet.
Um die Tafeln eine ernste Gemeinde.
Ein blutiger Tag war zu Ende. Man feierte einen glänzenden Sieg –, erfreute sich des Gelingens eines kühnen strategischen Manövers, von dem eine entscheidende Wendung des ganzen Feldzuges zu erhoffen war.
Aber immer noch stand die Hauptmacht Napoleons ungebrochen da. Immer noch flatterten die dreifarbigen Fahnen über der Hauptstadt seines sächsischen Vasallen. Die Marseillaise schmetterte noch sieghaft wie bisher und behauptete das Feld gegen die fremden Klänge, die rebellische Rhythmen in das Konzert zu werfen suchten.
[pg 304]
Von allen Seiten kam das Echo feindlich gefärbt zurück – aus den böhmischen Bergen – aus der Lausitzer Gegend und nördlich von der Elbe, kräftig genug, um der Welt zu zeigen, daß die Todesstunde der französischen Alleinherrschaft geschlagen hatte.
Die Rollen waren vertauscht.
Jetzt war Napoleon nicht mehr der wilde Jäger, vor dem alles auswich und vor dessen Ungestüm alles erlag. – Jetzt war er selbst das gehetzte Wild, noch furchtbar, wo seine Pranke traf, aber nicht mehr als Sieger Gesetze gebend.
Dem ersten Ansturm des aus Böhmen vorbrechenden Hauptheeres der Verbündeten bot er siegreich Halt, schlug es bei Dresden entscheidend und warf es ins Gebirge zurück. Und triumphierend jubelte die Marseillaise.
Aber aus allen Himmelsrichtungen antworteten die Hörner der Jäger mit noch stärkeren Siegesklängen.
Bei Kulm war das ganze verfolgende Korps Vandammes vernichtet – an der Katzbach Macdonald von Blücher aufs Haupt geschlagen worden. Auch der Fürst von der Moskwa, Ney, und der Marschall Oudinot holten sich bei Großbeeren und Dennewitz derbe Schläge von den Untergenerälen des zaghaften Kommandierenden der Nordarmee, des zum Kronprinzen von Schweden avancierten Bernadotte – Niederlagen, die die französische Stellung an der Elbe, trotz Beherrschung der Elbfestungen, in Frage stellten.
Noch aber war die Lage nicht kritisch geworden.
Die Nordarmee der Verbündeten hielt sich vorsichtig zurück und nützte ihre Siege nicht aus. Die Hauptarmee drückte sich noch immer in den böhmischen Bergen herum und wartete auf Verstärkungen. Da brachte Blücher Bewegung in das Ganze und zwang seine zögernden Mitarbeiter aus ihrer Zurückhaltung heraus.
Er kümmerte sich den Teufel um die Hilferufe seines weit stärkeren Waffenbruders Schwarzenberg, ließ die Hauptarmee Hauptarmee sein, schickte ihr nicht einmal einen Knopf von den erbetenen fünfzigtausend Mann Verstärkungen hin, marschierte statt links, wie man’s wünschte, rechts [pg 305]ab, wie er selbst es wollte, nach Nordwest, die Elbe abwärts, an der französischen Hauptmacht vorbei, täuschte inzwischen Napoleon durch eine plötzliche Diversion des Sackenschen Korps auf Meißen, stellte diese und noch andere russische Truppen nördlich der Elbe als schützende Kulisse auf, hinter der er mit der Hauptmacht seiner Schlesischen Armee bis in die Gegend von Wittenberg ziehen konnte. Dort ging er über die Elbe, stand mit einem Schlag im Rücken der französischen Armee, bedrohte die rückwärtigen Verbindungen Napoleons, manövrierte so diesen mit kühnem Griff aus Dresden heraus und von der Elbe fort, und brachte zugleich Schwarzenberg vom Süden und Bernadotte aus dem Norden in Bewegung. Denn jetzt mußten sie folgen und helfen, den Ring um das Edelwild noch dichter zu schließen.
Im Schlosse zu Wartenburg tafelte Blücher mit seinen Offizieren nach glücklich erkämpftem Elbübergang.
Der große Bankettsaal war hell erleuchtet.
In Kronen und Ampeln flammten die Kerzen. Durch die Löcher in den Wänden und durch die zerschossenen Fensterscheiben funkelten die Sterne des Himmels herein.
Ernst waren die Gesichter der Tafelnden und leise die Unterhaltung. Ein jeder lauschte auf die gedämpften Trommelwirbel von draußen, wo in der Abenddämmerung die Gefallenen bestattet wurden, die um den Sieg ihr Leben gelassen hatten.
Blücher selbst, sonst eitel Frohmut und Laune, saß heute nachdenklich da.
Das Gelingen seines kühnen Unternehmens erfüllte ihn wohl mit Genugtuung. Aber der hohe Preis des Sieges, das viele kostbare Blut, das heute hatte fließen müssen, stimmte die Siegesfreude in Trauerklänge um.
Plötzlich ergriff er sein Glas und erhob sich von seinem Platz.
Feierlicher Ernst lag auf seinem Gesicht, seine Augen schimmerten in feuchtem Glanz, und in der Stimme zitterte ein Ton tiefster Bewegung, als er anhub:
[pg 306]
„Lasset uns unsere Toten begraben. Widmen wir ein Glas den vielen namenlosen Helden, die bis heute ihr Blut für die Befreiung unseres Vaterlandes aus fremder Gewalt vergossen haben. Ein Name mag da für alle gelten. Denn er, der ihn trug, war auch der Geringsten einer. Aus den ärmlichen Verhältnissen nahm er seinen Aufstieg zur Höhe, wo jäh seine Laufbahn endete, und zeugt so davon, daß nur wer vom Volke geboren wurde, dem Volke Befreier werden kann.
Er wurde es.
Ihm, seinem Geiste, seinem unermüdlichen Schaffen verdanken wir, wenn wir jetzt dastehen, wo wir heute sind, und hoffen können, das hohe Ziel zu erreichen, für das wir alle unser Leben geben wollen.
Was das heißt, brauche ich keinem von euch zu sagen. Wir alle wissen, daß wir als Volk so tief gesunken waren, daß die große Masse dem Unglück, das unser Vaterland bis zur Grenze der Vernichtung niederwarf, fast teilnahmslos gegenüberstand. Wir sind alle Zeugen der jähen Wandlung – wir haben das Aufflammen der Begeisterung miterlebt, das hoch wie niedrig ergriff und zu Heldentaten befähigte, von denen wir heute wiederum staunende und ergriffene Zeugen gewesen sind.
Wer schuf sein Leben lang in stiller emsiger Arbeit die Waffe zu solcher Tat? Wer lehrte sie uns gebrauchen? Wer war uns Freund, Organisator und Mitstreiter, ohne zu ermüden, ohne sich Ruhe zu gönnen – auch nicht als er, zu Tode verwundet, Erholung und Pflege haben mußte? Sei getreu bis in den Tod – dies hehre Gebot erfüllte er ohne Zagen als erste und selbstverständliche Pflicht.
Was befähigte ihn dazu, was trug ihn und uns mit ihm durch alle Niederungen der Knechtschaft zur Freiheit empor?
Es war der zähe, durch nichts zu besiegende Widerstandsgeist unseres Volksstammes, der wohl gebeugt, aber nimmermehr gebrochen werden kann, und der, wenn es um das Heiligste auf Erden geht: um das Recht, frei unter [pg 307]freien Völkern sein Haupt aufrecht zu tragen, in flammendem Zorn emporlodert, um unwiderstehlich, wie das heilige Donnerwetter selbst, alles hinwegzufegen, was sich erdreistet, sich dem in den Weg zu stellen!
Dieser Geist hat sich heute wieder herrlich offenbart –“
Blücher schwieg bewegt. Denn wieder rollten in langsamem Zeitmaß langgedehnte Trommelwirbel gedämpft herein, wie um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen.
„Die Trommel geht,“ rief er dann ergriffen, „sie mahnt unseren Sinn, ins Jenseits zu blicken. Dort ziehen jetzt in endloser Schar die Geister unserer gefallenen Brüder vorüber. Immer dichter drängen sie an den Thron des Herrn aller Heerscharen heran und empfangen als Lohn für ihr Opfer die Weihe, fortan, von jeder leiblichen Schwere unbehindert, mit uns zu streiten, um unsere heilige Sache zum Siege zu führen.
Wir hienieden sind alle gering gegen sie. Ich selbst weiter nichts als ein Handwerker, der die aufgegebene Arbeit geleistet hat.
Wer aber alles so bereitet hat, daß wir anderen hier den Erfolg haben konnten, das war jener, von dem ich hier geredet habe –“
Er wandte sich mit den Worten an den jungen Leutnant von Scharnhorst und winkte ihn näher.
„Das war Ihr Vater“, setzte er seine Ansprache fort. „Denn er und kein anderer hat jedem Sieg, den wir erstritten, vorgearbeitet, er hat in Reih’ und Glied mit den anderen dafür gekämpft, sein Leben eingesetzt und verloren, wie der Geringste unter denen, deren Heimgang wir betrauern. Blicke herab, verklärter Geist unseres Scharnhorst, und vernimm es, wie wir alle hier in die Hand deines Sohnes geloben, dir nachzueifern in Wort und Tat, bis wir das deutsche Vaterland von den Feinden und Unterdrückern befreit und den preußischen Namen wieder zu Ehren gebracht haben.“
[pg 308]
Damit zog er den Sohn Scharnhorst an seine Brust und küßte ihm die Stirn. Die anderen traten ergriffen an den jungen Offizier heran und bekräftigten mit stummem Handschlag die Worte ihres Führers.
*
Im Schlosse zu Köthen saß der Kronprinz Karl Johann von Schweden, alias Marschall Bernadotte, bei der Morgentoilette. Die geschickten Hände seines Kammerdieners befreiten seine, trotz den fünfzig Jahren, immer noch rabenschwarzen Locken von den unzähligen Papillotten, in die sie über Nacht gewickelt waren, und ordnete sie in dekorativem Wirrwar um das scharf geschnittene Profil herum, das so recht dazu geeignet war, auf Münzen und Medaillen majestätisch zu wirken.
Zur Münze geschlagen, hält der Mensch den Mund, und das ist bei manchem gekrönten Haupt entschieden von Vorteil.
Noch war der Advokatensohn aus Pau ja nicht so weit in der Karriere gediehen. Er plapperte also rüstig drauflos.
Sein schwedischer Adjutant, der in ehrfurchtsvoller Haltung wartete, bekam einen Erguß über alles mögliche, was die neugefürstete Seele seines Gebieters momentan bewegte.
„Wir schreiben also sofort an den General Blücher, daß der Kaiser Napoleon auf das rechte Elbufer übergegangen ist, unsere Rückzugslinie ernstlich bedroht und uns nötigt, zu retirieren und über die Elbe zurückzugehen. – Wir fordern den General auf, uns mit der Schlesischen Armee zu folgen. Und, damit er es auch tut –, deuten Sie ihm an, wir hätten uns bei dem Kriegsrat in Trachenberg von den Monarchen zusichern lassen, gegebenenfalls und insbesondere bei gemeinsamen Unternehmungen auch über ihn und seine Armee den Oberbefehl zu führen.“
Der Adjutant machte sich eiligst Notizen.
„Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, ein ehemaliger Marschall von Frankreich wäre gerade gut genug, [pg 309]in Deutschland ein subalternes Kommando zu führen! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man überhäuft mich mit Komplimenten – man macht mir Versprechungen – der Kaiser Alexander selbst wurde nicht müde, zu betonen, er hätte mit mir die Strategie Napoleons in die Dienste der Verbündeten gestellt! – Nun, er hat nicht zu sehr danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? – Mir etwa? Nein, dem Fürsten Schwarzenberg!
Wer ist Fürst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name bekannt und berühmt? Auf keinem, wo ich mitgekämpft habe. Und wo habe ich nicht mitgekämpft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram – und das in solchem Maße, daß Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu Unbesonnenheiten mir gegenüber hinreißen ließ, um mir die Palme des Sieges zu entreißen.
Nun hat man mich – und läßt mich eine zweite – eine dritte Rolle spielen, und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht – dann haben sie’s meiner Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschlüpfen wußte.
Napoleon weiß schon, was er an mir hat!
Er weiß mich als Feind einzuschätzen. Er wird auf mich wütend sein! Er wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden!
Ich hüte mich aber, mich seinen Keulenschlägen auszusetzen. Den billigen Triumph soll er nicht haben. Wie könnte ich ihm auch standhalten?
Was für Truppen hat man mir dazu gegeben? Mon dieu! Einen Bernadotte nimmt man zum Oberkommandierenden – und gibt ihm derartiges Gesindel in die Hand!
Diese preußische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was für eine Ausrüstung, welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit! Kein Griff, der sitzt – kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren!
[pg 310]
Und meine lieben Schweden – nun – nichts für ungut. Oberst, geben Sie’s nur zu – mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen Landeskinder, ich gebe es zu!
Aber was soll es heißen, daß man in Schweden so besorgt tat, als sie ausrückten.
‚Opfern für fremde Interessen‘, sagt man! Mon dieu!
Ich werde diese Raritäten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz unbeschädigt zurückgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie meinen Augapfel hüten!
‚Für fremde Interessen‘?!
Weiß man denn nicht, daß meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu?
Glaubt man in Schweden an das alberne Gerücht, die Schweden sollten bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist?
Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie wären schon imstande, mich – – –
Wäre Napoleon nicht aus Ägypten zurückgekommen – wäre er damals nicht den Engländern entschlüpft –, wer weiß, was geschehen wäre?!
Wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde, wenn statt ihm – ein anderer – ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren würde?!
Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu sehr verübeln, daß ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann – –
Schließlich, ich tu’ ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien der Demagogen! – Es könnte gegen mich ausgenützt werden für den Fall, daß man mich – – –
Wenn sie aber trotzdem der Stimme ihres Herzens folgen, das stets für mich schlug – wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun – meine Pflicht, Oberst!
[pg 311]
Gewiß – ich kenne meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein treues Volk! Aber eine drollige Sprache!
‚Giff mik – – un baiser‘ – wie heißt das nun wieder: un baiser? – ‚En schiß‘ – danke lieber Oberst – ‚en schiß‘ – mon dieu, man zerbricht sich fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch – ebenso unmöglich zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache für die Wilden! Man müßte eigentlich bei euch in Schweden die französische Sprache einführen! Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die würde euch Schweden gut zu Gesicht stehen! Nun, wer weiß, was noch kommen kann, wenn man mich nicht – – –
Denn wenn man mich zum Kaiser der Franzosen wählt – es gibt eine Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl wäre: der ewige Friede und also ein Segen für die ganze Menschheit.
Das käme dann auch den Schweden zugute – und weit mehr, als wenn ich meine aufs Große gerichtete Kraft darauf verschwenden müßte, nur ihr kleines Land zu regieren.
Schließlich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen –, oder die beiden Länder enger aneinanderschließen. Sie werden’s sehen, es wird noch kommen, man wird noch in Schweden Französisch sprechen! –
Also, heute gehen wir über die Elbe zurück.
Sie meinen, wir hätten ebenso gern gleich drüben bleiben können? Gewiß! Ich war niemals für dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, daß wir zurück müßten!
Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Blücher gezeigt, wie man so etwas macht! Er hat bluten müssen, als er bei Wartenburg überging. – – Wieviel sagten Sie? – Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt!
Ich habe bei meinem Übergang keinen einzigen Toten gehabt – keinen einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst über den Fluß ging, als der Feind mit Blücher beschäftigt war und nichts davon merkte.
[pg 312]
Wer zuerst kommt, auf den stürzt sich die Meute, an ihm beißen sich eben die Hunde fest!
Der gute Blücher glaubt sich mir überlegen, er treibt mich gar an! Er denkt, er könne mit seiner Feldherrnkunst die meine düpieren?
Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in Ratkau, wo er vor mir kapitulieren mußte! Er wird es nochmals erleben! Er wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, daß er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat!
Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher!
Apropos – ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur? Ridicule! Und eure Sprache auch!
Wie hieß es nun wieder: donnez moi – ‚giff mik un giß‘ – un giß! Wie drollig! Wie lächerlich!“
So plapperte Seine neugebackene Königliche Hoheit mit der Selbstgefälligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengeläufigkeit, die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen mußte, was ihm an Geist abging.
Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche Mundwerk endlich so lange still, daß der Adjutant seine Meldung abstatten und mitteilen konnte: der englische Bevollmächtigte, General Stewart, widerriete auf das bestimmteste einem Rückzug über die Elbe.
Wenn überhaupt zurückgegangen werden müßte, da wäre der General Stewart dafür, dann lieber über die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale –, überhaupt nach Südosten auszuweichen, wie es Blücher vorgeschlagen hatte, um die Verbindung mit der aus Böhmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen und die Rückzugslinien Napoleons auf Weißenfels und Erfurt zu bedrohen.
[pg 313]
Der Kronprinz hörte gelassen zu, ließ sich einseifen und antwortete mit keinem Wort.
Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen Bevollmächtigten berechtigten, ein Wort mitzureden.
Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die Franzosen hätten seine Schiffsbrücken bei Aken und Roßlau zerstört, da atmete der Kronprinz erleichtert auf.
Denn nun mußte er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht!
Die Sache war entschieden. Der Engländer hatte seinen Willen, und selbst brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschluß zu fassen.
So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man ließ ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glück und seiner angeborenen Fähigkeit, an die Oberfläche zu kommen und sich dort zu behaupten. Und wurde so ein Auserwählter von Gottes Gnaden.
*
„Ein Fähnrich zog in den Kri–ieg –
widibum fallera, juchheirassa,
ein Fähnrich zog in den Kri–ieg,
wer weiß, ob er wiederkehrt,
wer weiß, ob er wiederkehrt!
Er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,
widibum fallera, juchheirassa, –
er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,
das bitterlich um ihn weint,
das bitterlich um ihn weint!“
So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor Möckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen melancholischen Tönen.
[pg 314]
„Matjuschka–a babu–usch–ka – –“, klagte da ein schmelzender Tenor das ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr nähen soll, während oben auf der Anhöhe die Silhouetten weithosiger, bebluster Tänzer zu den Tönen der Balalaika sich gespenstisch hin und her drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel hineinhüpften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht, hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehüpft.
Ein dumpfes Geräusch von ferne rollenden Rädern, ein aufbrausendes und wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hörnerklang, Trommelschlag und Pferdegetrappel verrieten, daß irgendwo bei Freund oder Feind im Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden.
Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgestöhn wurden überall laut, um wieder zu verstummen.
Hier und da ein plötzlicher Flintenschuß – ein Verwundeter, der seinen Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht über einen auf frischer Tat ertappten Leichenplünderer. –
Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder die Hauptarbeit machen müssen.
Der alte Isegrim hatte geflucht und genörgelt wie immer und die Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt. Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon, daß er für weitere Kämpfe kaum noch in Betracht kam.
Jetzt ruhte der Kampf.
Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her über das Schlachtfeld, hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gestöhn zu neuer Stärke, und die [pg 315]Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den Militärärzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte, die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten.
Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der biwakierenden Truppen.
Zäune, Obstbäume, die Häuser der Dörfer, überhaupt alles Brennbare in der Umgegend, mußte herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu nähren, an denen die Soldaten all der Völker, die hier zusammengeströmt waren, um sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Süppchen kochten und ihre von den Strapazen der Märsche steifen Glieder gegen die Kälte der Oktobernacht zu schützen suchten.
Schatten huschten überall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus dem Dunkel, von dem Licht eines plötzlich aufflammenden Wachtfeuers gefaßt, duckten sich jäh und schwanden, um bald wieder anderswo zum Vorschein zu kommen.
Bald waren es Marodeure, Plünderer, Leichenfledderer, die sich an die Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug für ihre Beutegier gewesen war, mit dem Gnadenstoß nachhalfen – bald waren es Überläufer der französischen Armee – meistens Rheinbündler, die das Vertrauen zu dem Glück Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den Gegnern hinüberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten über Truppenzahl, Munition und Proviantvorräte und mit der Versicherung, daß die deutschen Hilfsvölker Napoleons bereits entschlossen wären, regimenterweise überzugehen, wenn noch weitergekämpft werden würde. Daß Napoleon an den Rückzug dachte, wußten sie alle, und auch, daß er’s nicht tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte.
Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein rötlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag.
[pg 316]
Von den Türmen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles dunkel, und nur ein gedämpftes Geräusch zeugte von dem Leben, das sich noch drinnen bewegte.
Dicht an der Ziegelei im Dorfe Möckern an der Elster loderte und flammte ein großes Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner Schatten ging langsam auf und ab.
Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Führer sprang vom Pferde, trat auf den Schatten zu und salutierte.
„Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreußischen Dragonern, kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere Befehle?“
Yorck, denn er war es, schüttelte den Kopf.
Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder heranwinkte.
„Haben den Feind tüchtig zerzaust heute.“
„Es war ein glänzender Sieg, Exzellenz! Aber – es hat viel Blut gekostet – viel Blut!“
Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er sich wieder dem jungen Offizier zu.
„Bringt Er mir Rapporte?“
„Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt –“, fing der Rittmeister zögernd an.
„Nun?“
„Dreiundfünfzig Geschütze, zweitausend Gefangene genommen!“
„Weiß ich schon!“
„Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!“
„Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste aber noch nicht ganz. Weiß Er schon Genaues?“
Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite.
„Rede Er!“ kam es scharf von Yorck.
„Zu Befehl, Exzellenz! – Es waren alles Helden!“ sagte er dann leise, und seine Lippen bebten.
Yorck nahm den Hut ab.
[pg 317]
„Der Herr sei ihnen gnädig“, sagte er und faltete die Hände.
„Wie viele?“ fragte er dann.
„Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!“
Yorck zuckte zusammen.
„Ich hab’s nicht vermeiden können“, sagte er. „Es hat sein müssen! Weiter?“
„Sämtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig Stabsoffiziere – –“
„Namen nennen!“
Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor:
„Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz, Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie, Oberst Borcke, Major Götze, Othegraven, Krosigk –“
„Genug!“
„Fast alle Hauptleute fehlen – die Leutnants führen die Bataillone –“
„Der Tod hat reiche Ernte gehalten“, sagte Yorck und fletschte plötzlich die Zähne. „Ja, ja!“ setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Lächeln flog über seine verwitterten Züge, „die Leute, die Er mir da genannt hat, das waren eben – die ‚Feiglinge‘ von Jena!“
„Herr General!“
Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an.
„Nun,“ sagte Yorck, „Er hat’s doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie nach Jena auf uns preußische Offiziere geschimpft wurde!
Kein gutes Haar ließ man mehr an uns – kein Wort war schimpflich genug, um unsere Feigheit und Würdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun, eben jene braven Bürgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloß vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwürfig zu empfangen. Wer schimpfte aber auf [pg 318]die? Wer sagte auch nur ein böses Wort, als jene Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten ‚Nationalgarden‘ errichteten, damit er keine Garnisonen in den Städten zu halten brauchte? Wer entrüstete sich darüber, daß jene Garden ihm halfen, die Kontributionen einzutreiben, oder weil die Söhne der reicheren Bürgersleute sich in grüngoldene Uniformen steckten, um als berittene Boten und Dolmetscher bei den französischen Kommandanten Dienst zu tun? Sagte einer auch nur ein Wort darüber, daß unsere Beamten während der Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr rechtmäßiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates aufzufinden? Nein. Aber die preußischen Offiziere, die mußten ihre Haut lassen. Nun – heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als Sündenböcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient – aber in anderer Weise, so wie’s deutschen Männern ziemt. Und wenn sie’s damals vor Jena und Auerstedt nicht so gut taten – Henckell – ich sag’s Ihm ganz offen – dann lag’s eben an unserer hundsmiserablen, rückenmarkslosen Regierung, die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem Strom treiben läßt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muß mit dahin, wo das Heil des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stück Arbeit.“
Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem Stolz zurückblicken konnte – dachte an des Königs Wut, weil in „seinen“ Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluß zu fassen und zur Tat werden zu lassen, wo er selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr, weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die königlichen Kuriere abfingen und zurückhielten, so daß er sich um jene Kabinettsorder nicht zu kümmern brauchte. Bis der König nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah und sich sagen mußte: „Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn du jetzt nicht mitgehst!“
Da appellierte er „an sein Volk“, das längst ohne das in [pg 319]Bewegung gekommen war! Und sein Volk vergaß und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles her!
An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer Genugtuung, wie immer.
„An der Regierung liegt’s“, sagte er dann nochmals mit Nachdruck. „Und über ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnütz vergossen wird!
Diese ganze Schlächterei jetzt wäre überflüssig gewesen, und mancher brave Mann hätte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben können, wenn die Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft hätte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trümmer der großen französischen Armee durchs Land zogen, beim König und beim Staatskanzler Hardenberg gebettelt.
‚Laßt doch die Marschälle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, laßt sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergießen zu machen!‘
So haben wir gebeten. Aber nein – da mußte gleich nobel getan und mit Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.
Die Leute wurden gefüttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurückkehren könnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf die Beine zu stellen.
Das hätte er aber nie und nimmer gekonnt, wären unsere Regierenden nicht solche Schlappschwänze gewesen! Nun müssen die Besten unter uns bluten, um das wieder gutzumachen. Und was dem König dann zum Regieren übrigbleibt, das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu lecken wußten! Wenn ich aber entscheiden müßte, was uns mehr unnütz vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die übergeniale Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute wieder so verflucht gescheit bewährt hat, daß wir bald alle draufgegangen wären – ich wüßte nicht, wem ich den Preis zusprechen müßte!“
[pg 320]
Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles Übels sah, und über Blücher, der jenen gewähren ließ.
Die ewigen Hin- und Hermärsche seit dem Elbübergang bei Wartenburg, erst mit Gewaltmärschen auf Leipzig zu – dann zurück nach der Mulde, als Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Düben vordrang! Alles nur unnützes Leuteschinden!
Die Schlesische Armee mußte so, nur wegen der Unruhe Blüchers, hin und her wie das Schifflein im Webstuhl, und zog außerdem die ganze Hauptmacht Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde täglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich über die böhmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genähert und die Reitermassen Murats von dort bis auf die Stadt zurückgeworfen hatte, so daß Napoleon eiligst zum Entsatz zurück nach Leipzig mußte und von Blücher abließ, da gönnte dieser seinen Leuten nicht die so sehr nötige Ruhe, da ging’s gleich in Eilmärschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum daß man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte, wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu früh zur Stelle zu sein, um helfen zu können.
„Unsere geniale Führung hatte eben so verdreht rekognosziert, daß alles bald schief gegangen wäre – wäre nicht der preußische Soldat eben der preußische Soldat gewesen!“ Und er schimpfte auf Blücher los.
Der hatte sich natürlich in den Kopf gesetzt, daß der Feind von Osten über das Plateau von Breitenfeld angreifen würde, statt aus dem Süden von Leipzig aus, wie er’s auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an der rechten Flanke zu fühlen bekam, rechts drehen mußte und vom Korps Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort standen, weiter vorging. Da [pg 321]das Korps Sacken als Reserve zurückgeblieben war, mußte also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten.
Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der Elster liegenden Dorfe Möckern als Gegner und verteidigte seine Stellung mit der äußersten Hartnäckigkeit.
Um jedes Haus, um jedes Gehöft wurde Mann gegen Mann gekämpft, die Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee an der Sonne.
Aber er ließ nicht locker, wo er einmal angefangen hatte.
Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich der Kavallerie Befehl zur Attacke.
Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit verhängten Zügeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesäbelt, die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in wilder Flucht und immer zunehmender Auflösung vor den Pferden hergetrieben.
Alles, was Yorck noch an Truppen verfügbar hatte, ließ er jetzt zur Verfolgung vorrücken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und Ostpreußen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes, um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie möglich zu gestalten.
„Das sind alles die ‚Feiglinge‘ von Jena gewesen!“ sagte Yorck noch einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes durchgesprochen hatte. „Aber noch so’n Tanz, und ich habe keine Leute mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde küssen müssen! Zu viele waren’s, – – zu viele!“
[pg 322]
„Dafür soll das Korps nun auch Ruhe haben!“ antwortete der Rittmeister, und meldete zugleich, daß das Korps Yorck am nächsten Tag nach Wahren zurückkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und daß die Russen unter Sacken dafür in die Schlachtlinie einrücken würden.
„Der Teufel auch!“ rief Yorck zornig. „Das Schlachtfeld, das wir gegen den Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden wir wohl den Russen überlassen?! Nimmermehr!“
Der Rittmeister erwiderte, er hätte selbst Gneisenau die Disposition diktieren hören. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von Grobheiten gegen Gneisenau losließ, von dem das wieder nichts als bodenlose Niedertracht wäre.
Da klang von einem der Biwakfeuer das alte Lied: „Nun danket alle Gott!“
Am nächsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter von Feuer zu Feuer über das ganze blutgetränkte Feld, bis es, von Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klängen alle anderen Geräusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und verstummte.
Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes, und lauschte auf das Lied, bis es aufhörte. Dann sprach er seinen alten Lieblingsspruch leise vor sich hin: „Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum besten wende!“, setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen Rittmeister mit dem kurzen Befehl: „So, nun gehe Er an seinen Dienst!“
Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit entblößtem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Blücher.
Während seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die Dispositionen für den nächsten Tag ausfertigen, während Isegrim schimpfte und nörgelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die Bergung und Unterbringung der Verwundeten.
[pg 323]
Jedes Leben, das er hier noch retten könnte, würde er hüten wie eine große Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht das Zünglein der Wage auf Sieg gerückt, und nichts wäre zu kostbar, um das zu lohnen.
Denn, er fühlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen.
Drüben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen. Aber auch keine Niederlage erleiden können, nachdem es Blücher gelungen war, hier bei Möckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur Unterstützung zu eilen.
Wäre nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Hätte Bernadotte nur seine Pflicht getan – da wäre es möglich gewesen, auch die beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Möckern einzusetzen, statt sie nur als Sicherung gegen mögliche Überraschungen aus der linken Flanke aufzustellen! Dann hätten seine Preußen sich nicht verbluten müssen!
„Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich geschlagen wie ein Hundsfott!“ hatte er vor Beginn der Schlacht seinen Leuten zugerufen.
Und sie hatten sich wie Helden geschlagen.
Manch sangesfroher Mund war verstummt für immer. Aber die noch da waren, sangen um so froher.
Während des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Blücher stehen, setzten ihre Bürde ab, entblößten ihre Häupter und sangen mit.
Blücher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und stöhnte leise.
[pg 324]
Blücher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte nach seinem Befinden und seinem Namen.
„Krause! Auch früher bei den Bellingschen gedient!“
„Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?“
„Zu Befehl, Exzellenz! Ich war’s ja – der damals – am Kavelpaß – Exzellenz wissen wohl noch –?“
Blücher schmunzelte.
„Ob ich’s noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! – Sieh nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen großen Gefallen getan, mein Sohn! Dafür sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb’s dir ab. – Krause also?! Früher hießt du wohl anders! – Ich meine, das letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein Name – –? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich brav geschlagen – sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General! Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!“
Die Träger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Blücher groß an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht arbeitete in Angst.
Schließlich gelang es ihm.
„Es ist wahr – ich war’s – ich –“
Und dann sank er zurück, der Kopf fiel hintenüber, die Augen quollen vor, ein blutiger Schaum trat auf die Lippen.
„Der Tausend!“ sagte Blücher ergriffen. „Kaum finde ich meinen Solofänger wieder – da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!“
Er beugte sich über den Toten und legte die Hand auf seine Stirn.
An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drüben stieg der letzte Vers vom Fähnrich, der in den Krieg zog:
[pg 325]
„Am Grab sang dann eine Nachtigall:
widibum fallera, juchheirassa!
Am Grab sang dann eine Nachtigall
ob seiner Tapferkeit –
ob seiner Tapferkeit!“ –
*
„Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Lübeck zur Kapitulation brachte, wird er’s jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!“ fluchte Blücher und peitschte sein Pferd vorwärts, daß seine Begleiter, Prinz Wilhelm und Major Rühle von Lilienstern, kaum folgen konnten.
„Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo König David sein Bier holte! Ich werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, daß es nur so eine Art hat! Den Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit ihm den ganzen Kriegsplan beraten – mit mir nicht! Dazu war ich ihnen nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber – hol’s der Teufel!“
In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, nördlich von Leipzig, an. Auf dem höchsten Punkt des sanft gewellten Geländes hielten zwei andere Reiter in glänzenden Uniformen, mit blaugelben Straußfedern an den Hüten.
Es waren Bernadotte und sein Adjutant.
Sie waren nicht etwa damit beschäftigt, das Terrain für den Aufmarsch auf das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch schwedische Geschichte lernen mußte, ließ sich über die berühmte Schlacht Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, während des Dreißigjährigen Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte.
Sie waren eben damit so weit gediehen, daß die Sachsen, auf dem linken Flügel der schwedischen Aufstellung, vor dem Stoß der Wallonen Tillys in wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und gelben Regimenter unter des Königs eigener Führung stürmten gerade [pg 326]gegen die Anhöhe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und Verderben in die Reihen der Schweden säte – das Schlachtenglück wandte sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer hochtrabender, die Luft war von „Siegesfahnen schwül“ – da galoppierte gerade Blücher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die Forderungen des Tages in die Bresche – die glorreichen Gestalten der Weltgeschichte verblaßten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart und wurden schmählich in die Flucht geschlagen – Klios Griffel sank – die Muse der Geschichte verhüllte ihr Haupt – kurz: der Adjutant hielt sein Maul, und Mars beherrschte in Blüchers Person die Stunde.
Blücher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte: „Bon jour!“ und: „Wie geht’s?“ trocknete sich den Schweiß aus der Stirn, winkte Major Rühle schnell näher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu: „Sagen Sie ihm, daß es höchste Zeit ist – höchste Zeit!“
„Qu’est-ce qu’il dit?“ fragte Bernadotte etwas nervös wegen der unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien.
„Sagen Sie ihm, es ist die höchste Zeit!“ schrie Blücher noch kratzbürstiger. „Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort über die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt, wir warten schon seit Sonnabend früh vergebens auf den Monsieur – heute ist’s Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So’n Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!“
Der Major Rühle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefühl. Er verstand es, den temperamentvollen Ausbruch Blüchers in so tadellose Form zu kleiden, daß die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage sanken.
Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, daß er begriff.
„Un moment!“ sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten wendend: „Wo waren wir eigentlich? – Die [pg 327]schwere Artillerie Tillys stand also auf dieser Anhöhe? Und Gustav Adolf machte dort drüben eine Linksbewegung, um sich der drohenden Überflügelung zu entziehen – n’est-ce pas? Er setzte sich an die Spitze seiner ‚Blauen‘ und seiner ‚Gelben‘ – – –“
Und so ließ er ungeniert die berühmte Schlacht bei Breitenfeld im Dreißigjährigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um ihn tobenden Leipziger Völkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker läßt sich durch nichts verblüffen und verliert niemals seine Ruhe.
Blücher, der immer noch kein Französisch verstand, blickte bald Prinz Wilhelm, bald Major Rühle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeißen konnten, und fragte: „Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide längst vermodert! Heute heißt’s Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich läßt?! Auch eine Zumutung vom Großen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Französisch kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem Kerl? Auf so’ne hahnebüchene Idee konnte nur ein Französling wie Knesebeck kommen!“
Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an Major Rühle heran und fragte höflich nach den Wünschen des Generals von Blücher. Und ob ihm etwas zugestoßen wäre? Er wäre ja so aufgeregt!
Major Rühle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid über den Anlaß zum frühen Morgenritt, nämlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der Nordarmee schnellstens über die Parthe zu gehen, östlich von Leipzig in die Lücke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurücken und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schließen und ihn dann mit aller Macht anzugreifen.
Bernadotte schüttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte drin, die andere gemacht hatten. Und nun [pg 328]stellte man plötzlich die Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte demonstrieren, ja, damit könnte er dienen! Und damit fing er denn auch richtig an.
Er wies nach, daß derartige Einkreisungsmanöver in der Geschichte selten oder niemals gelungen wären. Sie waren in den meisten Fällen nur zum Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu können, das wäre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannä gelungen, aber auch ihm nur das eine Mal!
Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere – ja besser als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte buchstäblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug sämtliche Berge, Flüsse und Täler des Kontinents im Abdruck! Städte, Flecken, Burgen, Schlösser, Wege, Defileen – alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts, worüber er nicht Bescheid wußte! Er war ein Genie in der Ausnützung aller Möglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine Schläge nieder mit der Plötzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man würde ja sehen! „Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn recht kenne“, setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. „Alles spricht dafür! Er muß nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Küstrin, Stettin – hat Danzig, hat große Garnisonen überall, mit denen er sich verstärken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld vorbei durchbrechen – und mir zugleich meine einzige Rückzugslinie auf Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er würde mich einkreisen! – – Nun – mit dem Kronprinzen von Schweden würde er einen ganz guten Fang tun!“
„Geb Gott, er nähme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kußhand wieder!“ sagte Blücher grob, als Rühle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in ihm vor Wut, seine kost[pg 329]bare Zeit mit solchem Tratsch vertrödelt zu sehen, und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: „Der Kronprinz denkt wohl am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon erklärt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie’s einem Mann geziemt! Basta!“
Major Rühle übersetzte das in parlamentarische Ausdrücke und behauptete mit eiserner Stirn: der General ließe den Kronprinzen doch freundlichst bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der sich Blücher gegenüber in der glücklichen Lage eines Tauben befand, der nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wäre gern – und besonders seinem alten Freunde Blücher gegenüber – gefällig! Jedoch die Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flügel der Schlesischen Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier durchbrechen sollte.
„Faule Ausreden, Herr!“ schrie Blücher ihn jetzt direkt an. „Der Herr Napoleon soll eben keine Löcher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In drei Teufels Namen, Rühle, mache Er’s doch dem Kerl verständlich! Aber wörtlich und ohne Umschweife!“
Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es wäre gescheiter, wenn Blücher mit seiner Armee, die doch am weitesten vorn stünde, sich nach links schieben würde und ihm überließe, mit der Nordarmee in seine Stellungen einzurücken.
„Das ist ’ne Unverschämtheit!“ schrie Blücher. „Das Schlachtfeld, das ich und meine Armee mit unserem Blute getränkt haben, sollten wir, bloß zu seiner Bequemlichkeit, dem Laffen überlassen! Hol’ ihn der Teufel, aber wenn er [pg 330]mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!“
Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten. Inzwischen wurde Blüchers Ablehnung ins Französische übertragen. Und in der Sprache klingt ja alles viel höflicher und liebenswürdiger, als es gemeint ist!
Bernadotte verschloß sich nicht den guten Gründen, die Blücher für seine Ablehnung anführte, und erklärte sich schließlich bereit, den Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen, wenn Blücher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen würde. Das ganze Korps Langeron verlangte er von Blücher zu seiner Verstärkung. Er wollte dann gleich eine Meile flußaufwärts gehen und bei Taucha, wo gute Brücken waren, die Parthe überschreiten.
„Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran“, rief Blücher, sich wieder ereifernd. „Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den Fluß soll er! Sag’s ihm doch, Rühle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das weiß der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur drücken! Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der Stelle vorwärts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute wieder fort!
Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, daß Blücher einwilligte, aber auch, daß er schimpfte.
„Der General ist so ungeduldig“, bemerkte er herablassend. „Er hat’s wohl eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!“
Aus dem Süden von Leipzig hörte man jetzt schon Kanonendonner, und Blücher konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, während Rühle ihm Bernadottes Worte übersetzte.
[pg 331]
„Schriftlich will der’s auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel, wenn ich’s ihm mündlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel herunterrutschen!“
Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte.
Der Prinz und Rühle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte, bestätigten ihm Blüchers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf nach!
Blücher hielt unterwegs plötzlich an.
„Rühle!“ rief er. „Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs über die Parthe zu gehen! Nachher, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben wollen, dann erst sagen Sie ihm, daß er heute seine Befehle vom Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr passieren!“
Sie ritten weiter.
„Rühle!“ sagte Blücher noch im Reiten, und ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Zu Befehl!“
„Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da nützt einem ja das ganze Schimpfen nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich werde noch Französisch lernen müssen. Wie heißt denn Donnerwetter auf französisch – zum Donnerwetter?! Raus damit, daß ich dem Kronprinzen wenigstens das direkt an den Kopf werfen kann!“
„Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!“
„Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal beibringen! Und nun vorwärts!“
*
Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813.
Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, ging es lebhaft zu.
Dort war für den heutigen Schlachttag der Monarchenhügel, von dem aus die drei verbündeten Herrscher Öster[pg 332]reichs, Preußens und Rußlands den Fortgang der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten – leiten wollten.
Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen bezeichneten den Standort der Allerhöchsten Dreieinigkeit.
Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Frühstückskörbe aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern, den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhöchsten Leibpferde hin und her geführt.
Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerückten Feldstühlen die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den erklärenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestäten empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen.
Ein glänzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschäftigkeit der niederen Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte.
Da waren die königlich-preußischen Generalmajore Freiherr von Hacke und Freiherr von Knesebeck – der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von Kutschera, der gleichfalls k. u. k. österreichische Oberstleutnant Graf Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte, die russischen Generäle Fürst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wußten, wie auf dem Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatsächlich machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der königlich-großbritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in seinem ureigensten Interesse geführten Befreiungskrieges, der es mit dem Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte.
[pg 333]
Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit fülliger geworden. Seine jünglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewußten Männlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines großen Kriegshelden umstrahlt wurde, seitdem sein Glück ihm den Sieg des russischen Winters über den bis dahin unbesiegten größten Feldherrn seiner Zeit in den Schoß geworfen hatte.
Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene Autorität in allen militärischen Dingen, deren Entscheidung für gewöhnlich den Ausschlag gab.
Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor ihm abspielte, übte Kritik und gab Befehle und Anregungen.
Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine Aufregung, eine Verzückung, alles tat, als ob ihm göttliche Offenbarungen zuströmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den Anschein, das Ganze zu leiten.
Der König von Preußen trug immer noch seine alte, verdrießliche, gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Ärger über irgend etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder musternd über die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck, zählten die Knöpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis unten, und er genoß dabei im geheimen die Wonne tödlichen Gekränktseins über die Unverschämtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Memelfluß zu fragen, ob er all die Knöpfe an seiner Hosennaht immer auf- und zuknöpfen müßte! –
Nun, heute würde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen heimgezahlt werden!
Kaiser Franz in weißem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet, mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am besten gedeihenden Kanzleimenschen, saß aufrecht im dritten Stuhl.
Ihm war’s nicht ganz behaglich hier draußen, mitten im Trubel großer Geschehnisse. Ihm wäre viel wohler am [pg 334]Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer zu Schönbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfügungen in all die Gesuche um Gnadenbewilligungen höchst eigenhändig einzeichnen konnte.
So etwas mußte täglich erledigt werden, sonst häufte sich das an! Und kein anderer durfte das besorgen. Wer weiß, was ihm sonst an persönlichem Tratsch verlorengehen würde – und jetzt unwiderbringlich verlorenging, solange er im Felde war!
Die ganze Kriegführung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgültig geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte! Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht aufzukommen!
„Kutschera!“ rief er, und setzte sich noch gerader auf, so daß die Falten in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende Parallelen legten. „Schauen’s a mal nach mei Reitpferd nach! Ob’s auch parat ist? Vorgestern, bei Güldengossa, wär’s fast schief gange! Und heut – man kann ja net wisse!“
Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen. Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis er wiederkam und alleruntertänigst meldete, daß alles in Ordnung sei.
Der Kaiser überhörte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines lieben Vetters von Preußen nach dem Inhalt des Briefes, den er am gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte.
Kaiser Alexander antwortete statt seiner.
„Der Kaiser Napoleon wird Mitteilungen familiärer Art gemacht haben“, sagte er ablenkend.
„Ihrer Majestät der Kaiserin Marie Louise geht es doch gut?“ wandte er sich dann direkt an den Kaiser Franz.
„Wollen das beste hoffen!“ antwortete dieser trocken und blickte dann vollkommen teilnahmslos über das Feld hinaus, wo es jetzt anfing immer lebhafter zuzugehen.
„So, jetzt geben’s mir halt an Überblick, Kutschera, wie [pg 335]vorgestern alles richtig zugange ist!“ befahl er dem Feldmarschalleutnant. „Mir ist’s noch nicht ganz klar!“
Kutschera legte los und gab seinem Herrn in kurzen Umrissen zu wissen, was dieser am ewig denkwürdigen Sonnabend, dem 16. Oktober, miterlebt und größtenteils übersehen hatte.
Und Kaiser Franz ließ es ins eine Ohr hinein, durchs andere Ohr hinaus und dachte dabei an das letzte Gesuch, das er noch an seinem lieben Schreibtisch zu erledigen gehabt hatte, ehe er ins Feld ging. Es war das Gesuch einer Postmeisterswitwe gewesen um Niederschlagung ihrer rückständigen Steuern. Das hatte der Kaiser abgelehnt. Denn Steuer muß sein. Wo käme der Staat sonst hin, wenn all die kleinen Leute auf einmal kämen und von ihren Steuern befreit sein wollten!? Sie mußte zahlen wie ein jeder. Aber, in einem Anfall von Großmut hatte der gute Kaiser dem abschlägigen Bescheid eine Zuwendung von zweihundert Gulden aus seiner Privatschatulle beigefügt.
Zweihundert – das war entschieden zuviel gewesen! Hundert hätten es auch getan! Über den Satz ging er sonst nicht hinaus! Dabei müßte es bleiben! Das gäbe sonst Unsummen, die zum Fenster hinausflogen, bei den Tausenden von täglichen Gesuchen!
Während der gute Kaiser solchermaßen über seine Postmeisterswitwe meditierte, fuhr sein lieber, getreuer Kutschera in seinem Vortrag fort und setzte ihm die Stellungen der Franzosen auseinander, die man am sechzehnten angegriffen hatte. Denn die fing man jetzt allmählich an im Hauptquartier zu kennen, nachdem man sich zwei Tage lang die Köpfe gekratzt hatte!
Drüben im zerschossenen und halb abgebrannten Dorfe Wachau, wo jetzt der Prinz Eugen von Württemberg mit seinen Franzosen und Russen stand, hatte Napoleon seine Hauptarmee unter dem Befehl von Murat gehabt. Der rechte Flügel unter Poniatowski war weit zurückgebogen am Pleißefluß entlang bis Connewitz, der linke unter Macdonald von hier, am Colmberg, bis in die Gegend von Klein-[pg 336]Pößna. Das Dorf links, zwischen dem Colmberg und Wachau, war Liebertwolkwitz. Zwischen den beiden Dörfern, am Galgenberg, hatte Napoleon sein Biwak gehabt – –
„Ein ga–anzer Kerl, mei Schwiegersohn!“ sagte Kaiser Franz näselnd. Er fand es zwar nicht gerade fesch, aber doch verteufelt überlegen, gerade am Galgenberg zu biwakieren.
Dann fing er wieder an zusammenzurechnen, wie viele Tage er keine Gesuche um Unterstützung erledigt hatte – wie viele Gesuche pro Tag –, wie viele Gulden pro Gesuch, und multiplizierte und addierte und kam zu einer erklecklichen Summe an ersparten Geldern – erspart bloß dadurch, daß er nicht zu Hause am Schreibtisch geblieben war. Und er wurde immer zufriedener mit dem Leben im Felde, das ja sonst nicht seinem Geschmack entsprach.
Dabei ging die Schlacht am sechzehnten in Kutscheras Vortrag weiter, während ihre heutige Fortsetzung vor den nichtssehenden Augen des Kaisers weitertobte. Dieser bekam sie also doppelt, aber genoß sie nur einfach, da ja der heutige Schlachttag noch nicht zum Vortrag befohlen und demgemäß eingerichtet und für den Allerhöchsten Gaumen genießbar gemacht worden war.
„Am sechzehnten,“ sagte Kutschera näselnd und die Worte langsam und gemächlich ans Allerhöchste Ohr schleifend, „am sechzehnten fing also Prinz Eugen von Württemberg den Kampf mit achtundvierzig Kanonen an. Von hier aus, vom Colmberge, wo wir jetzt sind, antwortete Napoleon mit einer Kanonade aus hundert Geschützen.
In drei Kolonnen gingen wir vor – in der Mitte, wie gesagt, Prinz Eugen gegen Wachau, links von ihm, drüben, mit seinen Preußen und Russen Kleist gegen Markkleeberg, das dort weiter links an der Pleiße liegt, während unsere Leute unter Feldmarschalleutnant Klenau den Colmberg hier nahmen und Liebertwolkwitz stürmten.
Freilich mußten wir aus allen drei Stellungen gleich wieder heraus, nahmen sie aber noch einmal ein und gingen schließlich wieder zurück.
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Die Franzosen waren ja in der Übermacht mit 138 000 Mann, gegen die wir nur 70 000 aufbieten konnten. Denn Fürst Schwarzenberg selbst war drüben weiter links zwischen der Pleiße und der Elster mit 30 000 Mann unter Meerveld vorgegangen und hatte den Feldmarschall Graf Gyulai noch nördlich zwischen den beiden genannten Flüssen vorgeschickt, bis Lindenau, um die einzige Rückzugsstraße Napoleons nach Westen auf Weißenfels abzuschneiden. Na, der Fürst wäre wieder da. Drüben in den Sümpfen war kein rechtes Fortkommen für ihn. Heute haben wir also seine Armee mit hier und außerdem die Reservearmee Bennigsens. Der Kronprinz von Schweden rückt auch noch nordwestlich von der Stadt in die Schlachtlinie, nördlich steht Blücher, der Ring ist also um den Franzosenkaiser geschlossen, er kann nicht heraus, er muß erdrückt werden –“
„Der Gyulai soll zurückgehen!“ kam es dann plötzlich mit ungewohnter Schärfe von Kaiser Franz.
Kutschera fuhr zurück.
„Majestät – das hieße doch dem Kaiser Napoleon die Rückzugsstraße öffnen!“
„San’s mei Truppen, oder san’s net?“
„Gewiß sind sie es –“
„Na, denn sofort einen Adjutanten zum Fürsten Schwarzenberg senden! Der Fürst soll sofort Gyulai mit seiner Truppe aus Lindenau zurückziehen!“
Kutschera verbeugte sich. Der Adjutant wurde expediert.
„Nun erzählen’s weiter!“
Kutschera erzählte dann den weiteren Fortgang der vorgestrigen Schlacht, wie Klenau und Gortschakow mit dem rechten Flügel zurückgehen mußten – wie Kleist mit dem linken standhielt, wie dagegen das Zentrum unter Prinz Eugen durchbrochen wurde, als Murat mit achttausend Reitern zur Attacke vorstürmte – wie die französische Reiterei fast bis zum Wachberge hinter Güldengossa vorgedrungen war, wo die Monarchen an dem Tag ihren Hügel hatten, und wie sie allesamt gefangengenommen worden wären, [pg 338]wenn nicht Orlows Kosaken und die russische Gardekavallerie den Franzosen in die Flanke gesaust wären und sie vertrieben hätten.
„Mei Pferd!“ rief dann Kaiser Franz plötzlich. „Schauen’s a mal wieder nach, lieber Kutschera, ob’s auch paratsteht? Und schauen’s auch nach der Bedeckung!“
Kutschera beruhigte den Kaiser darüber.
„Am Sonntag auf dem Wachberg war i je net dabei!“ sagte der Kaiser. „Aber heute bin i da. Und es kann ja net schade!“
Dann versank er wieder in Gedanken und fand es gar anheimelnd, dazu das Rattern der Flintenschüsse von drüben zu hören. Und Kutscheras langsames Dahererzählen wirkte so ungemein beruhigend dabei – ganz wie wenn man beim Sturm und Unwetter daheim in der warmen Stube sitzt und den Hagelschauer gegen die Scheiben peitschen hört, während im Ofen das Feuer knistert und Großmutter eine gruselige Geschichte erzählt.
Gruselig genug war es ja zugegangen.
Um vier Uhr nachmittags hatte Napoleon bereits den Sieg in der Tasche gehabt, die Angriffe der Verbündeten waren gänzlich zurückgeschlagen, er ließ schon in Leipzig die Kirchenglocken Sieg läuten, befahl Marmont, der nördlich von der Stadt stand, zur Unterstützung herbei und wollte so die Niederlage der Verbündeten vollenden.
Da traf Schwarzenberg von seiner verunglückten Expedition zwischen der Pleiße und der Elster in Wachau ein und brachte die Schlacht zum Stehen. Und von drüben kam Marmont, der sehnsüchtigst Erwartete, nicht. Vielmehr wurde er bei Möckern von Blücher festgehalten und tüchtig zermürbt. Als Napoleon abends am Galgen biwakierte, hatte sich also das Blatt gewendet und Fortuna bereits gegen ihn entschieden, obwohl von den Türmen Leipzigs das Siegesgeläute noch zu hören war. Am nächsten Tag kämpfte er dann nicht wieder, am nächsten Tag verhandelte er, und das war gut. Denn so hatten die Verbündeten Zeit, die [pg 339]Ankunft der Reserven Bennigsens und der Armee des Kronprinzen von Schweden abzuwarten.
„Es war ja auch Feiertag!“ sagte Kaiser Franz, der ein frommer Herr war und auf Sonntagsruhe hielt.
„Drüben bei Blücher fingen die Preußen aber trotzdem wieder an und schlugen sich, bis ihnen der Fürst Schwarzenberg den Kampf untersagte“, fuhr Kutschera fort.
Der Kaiser blickte schnell auf und winkte seinen lieben, getreuen Kutschera näher. – Ganz nahe mußte der Feldmarschalleutnant kommen und sich so tief herabbeugen, daß sein Herr ihm ins Ohr flüstern konnte.
Mit einem verschmitzten Seitenblick auf Friedrich Wilhelm, der ganz teilnahmlos in seinem Stuhle saß und ins Leere starrte, flüsterte dann der Kaiser rasch die paar Worte:
„Saupreißen, verfluchte!“
Und Kutschera schmunzelte und nickte Einverständnis. Der Kaiser versank nach dieser Kraftäußerung wieder in behagliche Gedanken. Er freute sich darüber, wie gut er den gestrigen Sonntag zu gebrauchen gewußt hatte. Denn er wäre gern auf die Waffenstillstandsbedingungen Napoleons eingegangen und hätte schon seine Vorschläge angenommen, wenn dabei sein Österreich nur ein paar Provinzen mehr und Preußen ein paar weniger bekommen hätte!