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Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman

12 Das heilige Donnerwetter (continued 2)

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Nun, das könnte noch werden!

Noch war nicht aller Tage Abend! Käme sein Schwiegersohn mit heiler Haut davon, dann – nun – wozu wäre er sein Schwiegersohn? Es ginge ja auch so, in aller Gemütlichkeit und ohne Krieg! – Er hatte es ja schon schriftlich von Napoleon in der Tasche – –

Der Kaiser schmunzelte.

Wie gut, daß der brave Meerveld, der mit Napoleon persönlich so gut stand, sich gestern so geschickt gefangennehmen ließ! Das war alles, was nötig war! Napoleon hatte ihm gleich sein Herz ausgeschüttet und ihn schon am nächsten Tag mit Vorschlägen und mit dem Brief geschickt. Und der Brief, der enthielt nicht nur die geheimen Versprechungen [pg 340]an Österreich, der enthielt auch die Bedingungen – Gegendienste, die verlangt wurden. – –

Der Kaiser fuhr auf.

„Hat man dem Gyulai schon befehlen lassen, von Lindenau zurückzugehen?“ fragte er scharf.

„Zu Befehl! Es sind zwei Kuriere an ihn abgegangen!“

„Hoffentlich krepieren’s net alle beide unterwegs?“ sagte der Kaiser. „Es ist sehr wichtig, Kutschera, sehr wichtig, daß Gyulai den Befehl erhält! Mei Schwiegersohn ist ein ganzer Kerl! Man darf ihn net zur Verzweiflung bringe, dann könnte es uns übel gehe. Man muß ihm goldene Brücken baue. Aus Deutschland muß er wohl raus. Aber sein Reich drüben in Frankreich soll er behalte dürfe. Nun, was denn?!“

Und er schielte rasch nach Alexander hin, der im eifrigen Gespräch mit Fürst Wolkonsky dastand und lächelnd mit den Schultern zuckte.

Ob der Kaiser Alexander ihm das wohl wiedervergelten täte, wenn diese Schlacht fehlginge, was ja schon sein könnte? Ob der’s ihm heimzahlen würde, daß er nach der unglücklichen Schlacht bei Austerlitz gleich einen Separatfrieden mit Napoleon machte und sich verpflichtete, die verbündete russische Armee außer Landes zu schicken? Ob der Zar nun seinerseits ihn im Stich lassen würde? Ganz war dem jungen Menschen doch nicht zu trauen!

Kaiser Franz stand auf und ging zu seinem lieben Vetter Alexander hin. Auch der König von Preußen trat hinzu.

Der König war jetzt mit einer Frage geladen und kaute sich bereits die Worte zurecht.

Er nahm den Arm Alexanders und zog ihn zur Seite.

Er hatte ausgerechnet, daß Napoleon schon am sechzehnten hätte kapitulieren müssen, wenn Bernadotte mit der Nordarmee und die Reservearmee Bennigsens rechtzeitig zur Stelle gewesen wären. Man hätte dann annähernd dreimal hunderttausend Mann beisammen gehabt, gegen die Napoleon keine zweihunderttausend aufstellen konnte. Man hatte also eine erdrückende Übermacht.

[pg 341]

Und trotzdem ging’s nicht recht vorwärts. Die Meldungen bestätigten, was man auch von hier aus mit eigenen Augen sehen konnte, daß die Österreicher, die auf dem linken Flügel unter Hessen-Homburg von Markkleeberg gegen Connewitz vorgingen, gegen Poniatowskis Polen nicht recht vorwärts kamen. Und gegen die Hauptmacht Napoleons bei Probstheida, gerade vor ihnen, konnten Preußen und Russen unter Kleist und Barclay de Tolly auch keine nennenswerten Fortschritte aufweisen, trotz allem Aufwand an Pulver und Blei – von ihrem Heldenmut nicht zu reden. Da kommandierte aber auch Napoleon selbst, und unter ihm Angereau, Victor, Lauriston, Murat, also lauter kriegserprobte Leute. Der König war besorgt.

Er blickte trübe in den Pulverqualm hinein, der über der Ebene lag und aus dem immerfort Blitze herausschossen, vom scharfen Aufbellen der Geschütze begleitet.

Die Trompeten schmetterten, das Gewehrfeuer prasselte wie Hagelkörner an die Fensterscheiben, das Rattern der Trommeln, das Wiehern der Pferde, das Schreien der Sterbenden, das Rasseln der Fuhrwerke, alles vereinigte sich zu einem einzigen ohrenbetäubenden Gedröhn, das über der Gegend lag.

Dann und wann zerriß der Wind die Pulverwolke, und marschierende Truppen, vorspringende Schützenschwärme –, galoppierende Reitermassen kamen zum Vorschein und verschwanden wieder in dem Qualm.

Über dem Ganzen der herrlichste Sonnenschein, der das bis gestern herrschende Regenwetter abgelöst hatte.

Gegen mittag wurde bei den Franzosen eine gewisse Nervosität merkbar. Man schien einen Sturm zu planen, um sich Luft zu schaffen.

Eine Vorwärtsbewegung kam aber nicht zustande. Rückwärts ging es auch nicht. Der ganze Ring der französischen Truppen südlich um Leipzig herum, gegen den die Verbündeten anstürmten, stand noch fest und ohne Wanken da, soweit das Auge vom Colmberg aus blicken konnte.

Die Unruhe drüben deutete also darauf, daß bei den [pg 342]Franzosen von den Schlachtfeldern nördlich und östlich von Leipzig irgendwelche Nachrichten eingegangen waren. Ob günstige oder ungünstige, ob’s Ansturm oder Rückzug gäbe, würde sich bald zeigen.

Endlich liefen auch auf dem Monarchenhügel Meldungen ein.

Im Nordosten hatte Langeron mit seinen Russen Ney und Marmont aus Schönefeld an der Parthe auf die Vorstädte von Leipzig zurückgeworfen.

Im Osten griff endlich Bernadotte ein. Seine Preußen unter Bülow hatten Paunsdorf gestürmt und Reynier, der es verteidigte, bis unter die Mauern Leipzigs gejagt.

Dann traf von Bennigsen im Süden die Meldung ein, Holzhausen wäre genommen und Macdonald zurückgetrieben. Dreitausend Sachsen und einige Schwadronen württembergischer Reiterei wären von Napoleon abgefallen.

„Die Nervosität drüben deutet also auf Rückzug!“ sagte Kaiser Alexander. „Er hat genug. Er wird die Schlacht abbauen! Wollen nachhelfen!“

Und dann gab er Befehle. Die Adjutanten flogen in alle Richtungen, es kam bald wieder Bewegung in das Ganze –, mit lautem Hurra wurde von allen Seiten wütend gegen das französische Zentrum Probstheida angestürmt, aber umsonst.

Der Feind wich nicht und wankte nicht.

Es galt für ihn den Rückzug zu sichern. Auf der von Kaiser Franz freigegebenen Straße über Lindenau hatte Napoleon bereits Bertrand nach Weißenfels vorausgesandt, um Brücken über die Saale zu schlagen. Und jetzt, bei beginnender Dämmerung, fingen die französischen Kolonnen schon an, sich über den Ranstädter Seitenweg aus der Stadt hinauszuschieben, und schlüpften so allmählich Regiment für Regiment aus dem feuerspeienden Ring heraus, den die verbündeten Truppen um sie geschlagen hatten.

Napoleon gab also die Schlacht verloren.

Freudestrahlend galoppierte Schwarzenberg mit der Siegesnachricht heran. Und die drei Monarchen sanken bewegt [pg 343]in die Knie und dankten inbrünstig dem Himmel für den Sieg, den ihnen ihre Völker mit ihrem Blut und Aufopferung von Leben und Gesundheit erstritten hatten. Sie schoben somit dem Himmel diese Tat zu und waren alsdann der Pflicht überhoben, ihren Völkern dafür zu danken.

Die Völker hatten einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan. Die konnten dann, nach glücklich beendigter Löwenjagd und Erlegung des Wildes, wieder an die Kette gelegt werden, damit sie kein Unheil anrichteten und nicht am Ende jetzt, nachdem sie Blut geleckt und die Freiheit von fremder Tyrannei erstritten, auch noch der heimischen los und ledig sein wollten.

Drüben hinter Probstheida, an der Tabaksmühle, saß in der Dämmerung müde und zusammengebrochen der gefallene Herr der Welt am Biwakfeuer.

Um ihn herum wankte alles. Sein ganzes Werk – der stolze Bau seines Weltreiches, von keiner inneren Notwendigkeit getragen, von seinem Ehrgeiz nur und durch die Macht seiner gewaltigen Persönlichkeit zusammengekittet, drohte zusammenzustürzen. Stück für Stück bröckelte es bereits ab und würde am Ende ihn selbst unter seinen Trümmern begraben.

Und was bliebe davon übrig?

Der Fluch der Geknechteten, der Ruhm unsterblicher Heldentaten –, Verarmung, Entvölkerung, Hunger und Elend überall, wo er seinen Fuß hingesetzt hatte. Kein Funken Liebe schlug ihm entgegen aus dem ganzen Rund seines Riesenreiches, kein menschliches Gefühl des Dankes, nur kühle Bewunderung und unermeßlicher Haß.

Wer Haß sät, erntet Haß. Rücksichtslos waren seine Schläge auf die Völker niedergesaust, hatten Gutes und Schlechtes miteinander niedergerissen und Neues dafür aufgebaut! Aber auch das nur mit Gewalt! Gewalt war der Anfang, Gewalt das Ende.

Ob er wohl aus dem Chaos sich noch ein Stück des Ganzen retten und dort wieder anfangen könnte, Neues zu schaffen?

[pg 344]

Ob er wohl würde anders als bisher walten können? Sich selbst umschaffen?

Er schüttelte den Kopf. Die Lippen zogen sich zu einem spöttischen Lächeln zusammen. Er blieb, der er war. Noch war nicht alles verloren, noch war auf eine Wendung des Glücks zu hoffen! – –

Eine Granate schlug sausend in das Biwakfeuer und überschüttete ihn mit glühenden Kohlen und Asche. Das Feuer erlosch.

Er fuhr auf.

Die Nacht sank. Der Lärm der hinsterbenden Riesenschlacht legte sich allmählich. Ringsumher flammten die Biwakfeuer der verbündeten Gegner auf.

Er befahl seinen Wagen, warf sich in die Ecke und gab Berthier Befehl, den allgemeinen Rückzug anzuordnen. Selbst wollte er noch im Hotel de Prusse in Leipzig ein paar Stunden ausruhen und dann nach Weißenfels vorausfahren, nachdem er sich vom König von Sachsen verabschiedet hätte.

Die Rheinbundtruppen unter Macdonald und die Polen Poniatowskis sollten bleiben, die Stadt verteidigen und den Rückzug der Franzosen sichern. Dazu waren sie gut genug.

Am nächsten Morgen drangen die Verbündeten in Leipzig ein. Zuerst die Königsberger Landwehr durch das Grimmaische Tor. Dann Blücher an der Spitze seiner russischen Regimenter in die Hallesche Vorstadt. Yorcks halb aufgeriebenes Korps, das durch seinen entscheidenden Sieg bei Möckern das Schlachtenglück zugunsten der Alliierten gewandt hatte, durfte, zum großen Leidwesen seiner tapferen Preußen, nicht am Schlußsturm auf die Stadt teilnehmen.

Es war nach Halle vorausgeschickt worden, um dort die Saaleübergänge zu besetzen, eine Maßnahme, in der der alte Isegrim nichts als eine Niedertracht Gneisenaus sah, dessen Annäherungsversuch er schnöde abgewiesen hatte. Er hatte Gneisenaus Glückwünsche zum Siege bei Möckern mit einer schroff abweisenden Bemerkung beantwortet. Worauf Gneisenau sich zu der Äußerung verstieg: „mit Yorck verträgt [pg 345]man sich am besten, wenn man mit ihm verfeindet ist!“ und ließ seinerseits nichts daran fehlen.

Mit dem üblichen Gepränge und Tamtam hielten der Kaiser von Rußland und der König von Preußen ihren Einzug in die eroberte Stadt. Kaiser Franz blieb – wohl aus Familienrücksichten – der Siegesfeier fern. Der besiegte Franzosenkaiser hatte ihm wohl wiederholt die vernichtendsten Niederlagen und die beschämendsten Friedensbedingungen aufgenötigt. Aber – er war halt sei Schwiegersohn geworde! Und – man konnte ja net wisse!

Der Einzug der beiden anderen Monarchen war dafür um so eindrucksvoller.

Überall, wo ihre Kavalkade durchkam, lagen Tote und Verwundete. Pferdekadaver, zerbrochene Lafetten, Pulverkarren und Marketenderwagen sperrten fast die Straßen. Die Glocken läuteten, die Häuser flaggten, aus allen Fenstern ertönte Freudengeschrei und begeistertes Winken. Hurrarufe, Böllerschüsse und der Gesang der einziehenden Regimenter mischten sich mit dem Gestöhn der Sterbenden und den Hilferufen der Verwundeten.

Auf dem Markt vor dem ehrwürdigen Rathaus war große Parade, Beglückwünschung der Monarchen, Belohnung der nicht gefallenen Helden, Beförderungen, Ordenssegen und Gnadensonne. Ein jeder bekam, was sein Herz begehrte, und alles schwamm in Wonne.

„Die zwei großen und schönen Tage sind verlebt,“ schrieb Blücher an seinen Freund Bonin, „den 18. und 19. Fihl der große Coloß wie die Eiche vorm Stuhrm, er der große Tiran hat sich gerettet, aber seine Truppen sind in unsern henden. Poniatoffsky wurde Blessirt und ist ertrunken, man glaubt Angerau desgleichen, Rennie und Lauriston sind gefangen, der erste ist Blessiert, den 19. wurde zu ende des kampffes Leipzig mit Stuhrm und großer uf Opffrung genomen, man wollte Leipzig in brand schißen ich wider setzte mich die Russischen Batterien und sie durften nur mit kugell Schißen. –

an meiner seitte drank die Russische Infanterie zu erst in die Stadt, an der anderen seitte die braven Pomern, es [pg 346]wahr ein kampff ohne gleichen, 100 Canonen sind in Leipzig genomen, unsere monarchen, daß heist der ostreische, der Russische kaiser und unser könig haben mich uf öffentligen margte gedankt Alexander drückte mich ans HErtz.“

Und an sein Malchen schrieb der zum Generalfeldmarschall Beförderte, „als Frau Feldmarschallin mußt du nun anstendig leben und sey nur nicht geizig und laß dich was abgehen! – – mit die ordens weiß ich mich nun kein Raht mehr ich bin wie ein alt kutsch Perd behangen, aber der gedanke lohnt mich über alles, daß ich derjenige wahr der den übermütigen tihrannen demütigte.“

Alles jubelte, alles feierte in den überschwenglichsten Ausdrücken den Fall des Kolosses, der solange wie ein Alp auf das Leben der Völker gedrückt hatte.

Der Triumph war teuer erkauft, viel zu teuer, wenn man bedenkt, wie viele Tausende von Menschenleben bei größerer Entschlußfreudigkeit und geringerer Unzugänglichkeit der Regierungen hätten gespart werden können.

Leipzig spie wie ein Vulkan Verwundete in alle Richtungen hinaus, wie der amtliche Bericht eines Arztes sagte. Tausende von Verwundeten wurden nach Halle und anderen angrenzenden Städten von den Schlachtfeldern um Leipzig gebracht. In Leipzig selbst lagen mindestens zwanzigtausend von allen Nationen.

In dumpfen Spelunken, wo kaum zu atmen war, in Kirchen und Schulen, wo der Oktoberwind durch die scheibenlosen Fenster kälteschauernd heulte, lagen die Kranken aufgeschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in ihren blutigen Gewändern, ohne Hemden, Bettücher, Decken, Strohsäcke, geschweige denn Bettstellen erhalten zu können.

„Keine Nation ist bevorzugt, alle gleich elend beraten, und dies ist das einzige, worüber sie sich nicht zu beklagen haben“, schreibt derselbe Berichterstatter.

Aufgelaufene, brandige Glieder, gebrochene Arme und Beine, die weder in die richtige Lage gebracht noch geschient und auch nicht amputiert werden konnten aus Mangel an Heilgehilfen und an allen Hilfsmitteln – Kinnbacken[pg 347]krampf, Starrkrampf, Lähmungen überall – keine Wärter, keine Hilfe, das war der Dank für geopfertes Leben und Gesundheit. Wer nicht aufstehen konnte, mußte im eigenen Unrat faulen.

Im Hofe der Bürgerschule ein Berg aus Kehricht und Leichen, die nackend lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden – –

Heldentod nach Heldenleben.

*

Schrum tsim tsim –

schrum tsim tsim –

kratzten die Fiedler lustig und beherzt ihren Bässen, Bratschen und Kniegeigen die ersten drei Schläge des Viervierteltakts ab, daß die Wände wankten und die Kronleuchter klirrten. Der Kapellmeister schlug mit Wucht hinterdrein und hielt seine ungestüm vorwärtsstürmenden Musikanten zurück, was er nur konnte, um das richtige altväterlich gezirkelte Zeitmaß herauszubringen.

Tram taram taram taramta

ramtam tara rara

ramtam tara rara

ramtam – – – – –

zwitscherten und näselten Flöten und Klarinetten. Ihre Töne trippelten hübsch brav neben der altbekannten Melodie einher, die die Primgeiger mit flottem Saltarello in duftigen Umrissen über die Saiten warfen.

Mit unbewußter Grazie, schüchtern und zaghaft, wie wenn ein unschuldiges junges Mägdelein die Fußspitzen züchtig unter dem schützenden Saum ihrer Röcke hervorstreckt, um, die Erde kaum berührend, elfenhaft dahinzuschweben – so präzise, gezirkelt und genau bemessen hüpften die Töne prickelnd hervor, kitzelten die Tanzlust bei alt und jung und brachten den ganzen Saal in Bewegung.

[pg 348]

Schrum tsim tsim –

schrum tsim tsim –

Männlein und Weiblein gaben sich die Hände, drehten sich im Kreis, wiegten sich, neigten sich, chassierten nach links, chassierten nach rechts, figurierten, grüßten, lachten, scherzten, vom Licht der tausend Kerzen überflutet, von unzähligen Spiegeln ins unendliche vervielfacht.

Soweit das Auge sehen konnte, Quadrille an Quadrille, streng nach der Regel in ihren Bahnen beharrend und doch in lebhafter Grazie auf dem glatten Parkett lustig und leicht hin und her gleitend.

Bunte Uniformen und schneeweiße Schultern schoben sich zierlich aneinander vorbei. Es war ein Weben, ein Schweben, ein Trippeln, ein Trappeln, ein Klirren von Sporen, ein Blitzen und Funkeln von Sternen und Geschmeiden, bezauberndes Lächeln auf holden Gesichtern, blendende Perlenzähne hinter purpurnen Lippen, zum Beißen und Küssen gleich verlockend, in tiefgründig träumenden Märchenaugen blitzschnelle Abwehr, wenn verstohlenes Drücken und zärtliches Flüstern in heißem Ansturm zu rauben suchte, was erst nach Sitte und Brauch in langer Belagerung erobert werden wollte.

Auf der Estrade an der Längswand stand der König von Preußen mit seinem getreuen Knesebeck und anderen Bevorzugten und blickte zerstreut in das bunte Getriebe.

Ein Lächeln lag über den sonst so griesgrämigen Zügen, und er lauschte belustigt auf die bissigen Bemerkungen, womit das Gefolge meuchlings die Tanzenden bedachte. Ihm bot sich aber auch ein seltsames Schauspiel dar.

Auf dem Ehrenplatz vor dem Thronsessel bewegten sich vier Paare, um die herum sich in achtunggebietendem Abstand ein Ring von Zuschauern gebildet hatte.

Verliebt wie ein junger Leutnant, charmant und geschmeidig, tanzte da Blücher mit dem schönsten Mädchen im ganzen Saal –, ihm gegenüber auf steifen Beinen, würdevoll und ernst, sein alter Waffenbruder und Widersacher Yorck, [pg 349]der sich mühte, recht liebenswürdig zu erscheinen, und dabei verzweifelte Gesichter schnitt. Rechts und links von ihnen vervollständigten Prinz Wilhelm und der Obrist von Katzeler mit ihren Damen die Quadrille. Und Blücher kommandierte, wie sich’s gehörte.

„Chassez croisez!

Balancez!

A gauche! –

A droit! – – –“

kam es mit Donnerstimme unter dem buschigen Schnauzbart hervor, und alles parierte, alles figurierte im ganzen Saal, präzise wie auf dem Paradeplatz, erst im engeren Verband der Quadrillen, und dann, als das Kommando „Grande chaîne!“ fiel, zu einer einzigen endlosen Doppelkette vereinigt, die sich in wogender Gegenbewegung um den ganzen Saal ringelte, bis die auseinandergeratenen Pärchen sich wieder zusammengefunden hatten.

„Dem König und Herrn alles Ordensegens spenden wir nun auch einen Stern!“ donnerte wieder die Stimme des Feldmarschalls durch den Saal. „Die Kegel ran! Etoile!“

Und in jedes Karree sprang ein junger Offizier hinein, streckte die Hand hoch, die anderen Herren ergriffen sie, und dann ging’s in sausender Fahrt um den so geschaffenen Mittelpunkt herum, daß es den Zuschauern auf der Estrade schwindelig wurde.

„Changez les dames!“

In jedem Stern flogen die Damen aus dem Arm ihres Tänzers in den des nächsten und so weiter, bis sie sich wiedergefunden hatten.

„Nun, Exzellenz, warum so steif mit dem Tanzbein?“ rief Blücher Yorck zu, der ihm nicht schnell genug vorwärts kam. „Wir sind nicht an der Katzbach, wir sind am Rhein! Da setzt’s andere Sprünge! In einer Tour bis nach Paris!“

Yorck fing schon an eine Antwort zu brummen. Blücher schnitt sie ihm aber ab durch ein mit Stentorstimme hingedonnertes: „Grande Polonaise!“

[pg 350]

Tram tararam, tam, tam, tam –

tram tararam, tam, tam, tam –

fiel die Musik sofort gehorsamst ein, mit dem gravitätischen Dreivierteltakt der Polacca, und Paar an Paar gereiht, defilierten die Tanzenden mit Anstand und Würde am Thron vorbei und brachten dem gnädig dankenden König ihre Huldigung dar.

Dann wurde Kurs auf die reich besetzten Büfette genommen, um sich dort nach den Anstrengungen des „Feldzuges“ zu laben und wieder gefechtsbereit zu werden.

„Bekommen wir bald Frieden, Exzellenz?“ lispelte die junge Dame Blüchers und nippte an dem ihr von ihm dargebotenen kühlenden Getränk.

„Ebenso gewiß wie ich heute Geburtstag habe!“ antwortete Blücher, der einer jungen Dame gegenüber an alles andere als an Friedensverhandlungen dachte.

„Nun, den feiern wir doch eben!“

„Wir feiern ihn, ja! Aber wir haben heute den vierzehnten Dezember, und ich war so frei, mich erst am sechzehnten auf die Welt befördern zu lassen!“

„Das Glück! Dann können Exzellenz ja übermorgen wieder Geburtstag feiern!“

„Das mache ich mir auch zunutze! Heute hier in Wiesbaden, übermorgen in Frankfurt! Man hat’s eben hier mit mir zu eilig gehabt! Und so ist es auch mit dem Frieden! Die guten Leute können es nicht abwarten. Was übermorgen sein soll, nehmen sie schon heute vorweg! Und – wenn wir das nicht zu verhindern wissen – so bekommt der arme Wechselbalg von einem Frieden sein Wiegenfest, ehe er geboren ist, kommt zu früh auf die Welt, taugt zu nichts Rechtem und ist weder dem Sieger noch dem Besiegten zur Freude! Aber, meine Gnädigste, man spielt schon zum Walzer auf! Der Kampf geht weiter. Verlieren wir nicht die Zeit mit Friedensgesäusel! Da stürmt schon unser mutiger Obrist Katzeler zur Attacke heran! En garde! An die Verteidigung!“ –

[pg 351]

„Der Walzer gehört dem Obristen!“ –

„Nun, dann retiriere ich! – Jugend gehört zu Jugend! Aber besiegt erkläre ich mich noch nicht! Küß’ die Hand, meine Gnädigste! – Vorsicht, Katzeler! Zu tief in holde Äuglein geschaut, macht leicht straucheln!“

Er blickte dem davoneilenden Paar nach, machte sich dann an das Büfett heran, tat sich gütlich an den dort aufgedeckten Leckerheiten, aß mit einem wahren Bärenhunger und fluchte dabei über den faulen Frieden, mit dem man ihm nach jedem Sieg um die Ohren schlug und der ihm sogar hier im Tanzsaal die Kampfesfreudigkeit verleidete!

Er fluchte respektlos über den König und seine „feigen“ Ratgeber, die, Majestät versteht sich ausgenommen, alle miteinander an den Galgen müßten! Immer wieder fielen sie ihm in den Arm, gerade wenn er den Gegner vernichtend treffen wollte. Immer wieder verlängerten sie den Krieg durch ihre Dummheit, Ängstlichkeit und ihre übereilten Maßnahmen! Der Friede wäre längst da und weit vorteilhafter, als sie zu träumen wagten, wenn sie ihm nur nicht immer zur Unzeit mit langgestreckten Hälsen nachliefen!

Aus dem Tanzsaal sprudelten die Melodien herüber, mit heiterem Stimmengewirr und dem Lachen der Tanzenden vermischt. Blücher ging auf die Tür zu. Drüben am Thron standen immer noch der König, der Staatskanzler und ihre Speichellecker.

„Hol’ sie der Teufel!“ brummte er halblaut. „Denen werd’ ich wohl was vortanzen?! Der Kuckuck auch. Zum Tanz aufspielen, das schon eher, wenn sie sich nicht sputen und sich endlich aus dem Dusel aufraffen! Das gibt dann aber eine andere Polka!“

Er verfügte sich nach den entlegenen Sälen, wo fern vom Getaumel trinkfeste Männer Bacchus huldigten. Er tat im Vorbeigehen einen Blick in den Spielsaal, ging aber nicht hinein. Er liebte immer noch das Spiel fast ebenso leidenschaftlich wie die schönen Frauen. Seit Anfang des Feldzuges rührte er aber keine Karte mehr an.

[pg 352]

Aufregung und Anregung gab ihm der Krieg zur Genüge. Dazu bedurfte er des Spieltisches nicht!

Er begab sich also in den Keller, nahm unbemerkt im Dunkel einer Nische Platz und ließ sich Wein kommen.

Um den langen Tisch, inmitten des Saales, saßen eine ganze Reihe meistens jüngerer Offiziere mit hochroten Gesichtern in eifrigster Unterhaltung. Sie schimpften, daß es Blücher gar warm ums Herz wurde, und verdonnerten die Diplomaten nach Noten.

„Habt ihr den Metternich gesehen?“ rief einer. „Wenn ihr den Fuchs gesehen habt, dann wißt ihr Bescheid. Wir Preußen sollen da immer und immer wieder bluten, nur um den Engländern und den Österreichern die Kastanien aus dem Feuer zu holen! Und nachher werden wir geprellt! Wir haben Napoleon besiegt, haben ihn aufs Haupt geschlagen – und der Herr Metternich hat nichts Eiligeres zu tun, als ihm den Rücken zu steifen! Habt ihr von den Friedensbedingungen gehört, die er jetzt wieder dem Franzmann geboten hat? Friede und Freude, und die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein als Grenzen!“

Ein allgemeiner Aufschrei beantwortete die Nachricht.

„Schufte und Gauner sind’s, die das befürworten!“

„Es sind hohe Herren, Fürsten und Generäle darunter!“

„An den Galgen mit ihnen!“

„Aufknüpfen das ganze Gesindel! Schwarzenberg und Metternich voran!“

„Sind das Bundesbrüder!“

„Immer hinken sie nach, immer halten sie zurück und tuscheln hinter unserem Rücken mit den Franzosen!“

„Die Österreicher denken nur an ihren eigenen Vorteil! Und den suchen sie in Italien! Da wollen sie sich bereichern! Deutschland ist ihnen gleichgültig!“

„Ob wir frei werden oder nicht, ist denen Wurst!“

„Das ist ein Irrtum! Die Österreicher würden uns gern an Händen und Füßen gefesselt sehen! Nur kein starkes Preußen, nur kein einiges Deutschland! Deshalb paktieren sie und treiben hinter unserem Rücken Kuhhandel mit den [pg 353]Rheinbundfürsten, diesen Verrätern an der deutschen Sache! Sie befestigen jene Könige von Napoleons Gnaden auf ihren Thrönchen, statt sie zum Teufel zu jagen!“

„Ganz recht, und deshalb sollen wir eben nicht ihres Kaisers Schwiegersohn Napoleon kaputt machen dürfen! Deshalb dürfen wir ihm nicht seinen Länderraub nehmen – deshalb ließen sie ihn bei Leipzig entschlüpfen und hinderten uns an der Verfolgung, wo wir ihm so brav an den Fersen hingen. Keinen Mann hätte er heil nach Frankreich zurückgebracht, hätte man uns bei der Stange gelassen! Und die lassen ihn mit ganzen siebzigtausend Mann nach Mainz hinüber!“

„So ’ne Schweinerei war noch nicht da! Die müßten mit Ruten gestrichen werden, die das verbrochen haben!“

„Und jetzt, was machen wir jetzt! Sechs Wochen lang stehen wir schon am Rhein und dürfen nicht hinüber. Unsere Herren Fürsten stehen da und gucken ins Wasser und finden es tief und finden es breit, und schütteln die Köpfe und machen bedenkliche Gesichter. Der König will nicht, der Kanzler will nicht, das Große Hauptquartier will verhandeln, die Russen wollen heim in ihr Land. Keiner wagt den Sprung! Inzwischen wird Napoleon wieder stark – und wir müssen wieder bluten!“

So schrien und tobten sie erregt durcheinander, und der Tabaksqualm legte sich in immer dichteren Wolken über sie und zog in langen Ringeln unter dem Gewölbe hin, durch die Tür hinaus.

Blücher saß unbeweglich in einer Ecke und ließ sich nichts merken.

Am Ende des Mitteltisches, etwas abseits von den anderen, saß allein und schweigend ein großer, starker Kerl in Infanterieuniform und trank in aller Ruhe mit tiefen Zügen einen Schoppen nach dem anderen. Mit jedem Glas wurde sein Gesicht röter und seine Augen stierer. Er schien sich gewaltig zu giften über all das, was die anderen vorbrachten, und kam immer mehr in Wut.

[pg 354]

Schließlich fegte er Glas und Kanne vom Tisch herunter, stand auf, zog die Plempe, schwang sie mit beiden Händen hoch über den Kopf und ließ sie mit voller Wucht auf die Tischscheibe niedersausen.

„Borussia!“ schrie er, daß es im Saal dröhnte und alles verstummte und sich zu ihm umwandte. „Borussia, wach auf! Von allen Seiten umschleichen dich Feinde! Ringsum lauern falsche Freunde darauf, dich zu knebeln!

Denn du bist das Herz Deutschlands, die Wurzel seiner Kraft, die Quelle seines Blutes und der stählerne Ring, der bestimmt ist, all die deutschen Stämme zusammenzuhalten und stark und mächtig zu machen. Hüte dich vor deinen schwachen Stunden, Borussia, laß dir kein Gift in die Ohren träufeln – wehr dich gegen die Falschheit derer, die ihre Dolche mit Friedenspalmen verdecken! Wehr dich, sonst hast du umsonst geblutet, ohne Nutzen den Kampf um die Freiheit geführt. Ohnmacht, Armut, Knechtschaft, Schmach und Demütigung vor Fremden wird dein sicheres Los! Höre nicht auf den Sirenengesang! Laß deine Knappen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde schlagen, daß du die Stimme der Verlockung nicht hörst. Du ließest dich schon zu oft täuschen! Du ließest dich zu Boden werfen, wurdest ausgeplündert und zum Frondienst gezwungen! Und nun, wo der Himmel ein Wunder tat und deine Fesseln löste, wo du weiter nichts zu tun brauchst, als die Hand auszustrecken und zu nehmen, was dein ist, da läßt du dich beschwatzen, auf die Segnungen einer fernen Zukunft vertrösten, wo die Gegenwart dir blüht wie noch nie!

Borussia, wach auf! Sieh in der Sonne den Rheinstrom glitzern! Sieh sein heiliges Band alle deutschen Gaue umschlingen! Frei wälzt er seine Wogen dem Meere zu, an beiden Ufern wieder deutsch, wie er’s immer war, wenn du nur wolltest. Laß nur nicht die Welschen an ihn heran! Die bleiben nicht wie du träumend an seinem Ufer stehen! Die werden stets zu neuen Raubzügen hinüberwollen, dir Mark und Blut aussaugen und sorgsam verhüten, daß du jemals wieder zu Kraft und Macht erstarkst! Borussia, wach auf!“

[pg 355]

„Die schläft schon nicht, junger Mann!“ sagte Blücher, trat aus seiner Nische ins Licht hinaus, ein Glas in der einen, ein paar Flaschen in der anderen Hand, und setzte sich an das andere Ende des langen Tisches. „Denn das ist kein Schlaf mehr! Da gehört ein ganz anderes Wecken dazu, als Sein bißchen Krähen! Da helfen auch nicht die Posaunen des Jüngsten Gerichts! Bei der dicken Schlafmütze, die die Sicherheitskommissariusse der Madame über die Ohren gezogen haben, könnte der Himmel herabfallen, und sie merkte nichts. Die wacht nicht uff. Wir geben ihr wohl mitunter einen Schubs und bringen sie auf die Beine, daß sie Anlauf nimmt und im Schlafe siegt. Und dann fällt sie um und träumt vom ewigen Frieden! Und der Feind, der Herr Napoleon, der niemals schläft und niemals träumt, er lacht sich ins Fäustchen und geht ihr immer wieder durch die Lappen. An der Saale hätten wir ihn jetzt packen können, an der Unstrut auch! Bei Auerstedt, wo er uns schlug, hätte er zur Wiedervergeltung eins auf die Mütze haben müssen – bei Erfurt, wo wir früher einmal vor ihm kapitulierten, bei Fulda, überall wäre er geliefert gewesen, wenn wir bei der Stange geblieben wären und zugelangt hätten. Am Hörselberge hinter Gotha, wo wir nach Jena so brav vor ihm gelaufen waren, da rächten wir uns aber in echt deutscher Weise – da ließen wir ihn ebensogut vor uns laufen, gerade als seine Vernichtung sicher war. Da spielten wir immer noch auf höheren Befehl Blindekuh und sagten uns: ‚Nee, da läuft er nich, wo er läuft! Er läuft sicher anderswo!‘ Und kletterten über die Vogelsberge und guckten in das Lahntal hinein und wunderten uns baß, daß er uns nicht den Gefallen tat, uns auch da etwas vorzulaufen.

Und nun sitzt er hinterm Rhein und pflegt seine Frostbeulen und salbt seine wunden Füße. Und wir sitzen diesseits und blasen auf der Friedensschalmei und tanzen und vergnügen uns. Nun ja – hübsch sind ihre Mädchen, das muß ich den Rheinländern lassen! Und ihre Weine – – Na, komme Er her zu mir, junger Mann, brechen wir miteinander dieser Pulle den Hals! Da drin ist Sonnenschein [pg 356]– da drin ist Glut und froher Mut, aber keine solche Wut, wie Er sich wohl aus Seinem Surius drüben angetrunken hat! Sieht Er, schöne Redensarten, die kann ich auch machen! Nun will ich Ihm aber auch vormachen, wie man den Mund hält, wo’s gilt, eine Tat für ein Wort zu setzen! Prost! Gieße Er den Rebensaft die Kehle runter! Und keinen Ton dabei – keinen Ton, auf daß Ihm nicht die Galle übertritt. Siebzehn Jahre wollen wir wieder werden, voll guter Laune, Übermut, Tollheit und schwellender Kraft, die singt und jauchzt und sich des Daseins zu freuen weiß. Dann sind wir morgen andere Kerle, und die Welt wird uns neu und frisch und keusch wie eine aufblühende Jungfer, die dem gehört, der sie ohne Federlesens zu nehmen versteht, aber nimmermehr dem Worthelden, der über seinem Gefasel das Zupacken vergißt. Wir tun, was wir tun! Wir lassen Schufte und Gauner Schufte und Gauner sein! Wir haben anderes zu tun, als dem Gesindel Galgen zu errichten und Strafpredigten zu halten! Prost!“

Trotz seinem Schweigegebot versäumte er es aber auch nicht, selbst das Wort zu nehmen und eine Rede zu schwingen, sooft nur der Geist über ihn kam.

Der andere hatte ihm eben nur das Wort aus dem Munde genommen und das ausgesprochen, wovon er just im Begriff war, selbst überzusprudeln.

„Solche Leute muß man beizeiten dazu bringen, den Mund zu halten“, dachte er schmunzelnd. „Denn sagen sie zuviel, dann verderben sie einem nur das Spiel!“

*

Am Neujahrstag in aller Frühe hielt Blücher dann hoch zu Roß auf den Hügeln des Rheinufers bei Caub und blickte in den grauen Tag hinein.

Unter ihm schlängelte sich die dunkle Masse seiner braven Armee über die Schiffsbrücke nach der kleinen Insel mitten im Fluß, wo die alte Pfalz liegt, und weiter nach dem jenseitigen Ufer, die Hügel hinauf.

[pg 357]

Die Felsen warfen in immer wachsendem Echo das Hurra und das Freudengeschrei hinüber und herüber und kündeten den Landeskindern jenseits des Rheins: jetzt ist die Schmach getilgt, jetzt seid ihr wieder Deutsche, wie ihr es immer wart und immer wieder werdet, was auch kommen mag.

Dem alten Kämpfer schwoll das Herz vor Freude, er jauchzte mit, und durch die Tränen, die ihm aus den Augen quollen, sah er sieben Sonnen, und alle gingen sie ihm heute drüben, im Westen, auf. Drüben lag befreites deutsches Land! Drüben lief der Feind, was das Zeug hielt –, drüben lag Paris! –

Ein Katzensprung nur, und Paris war sein, die Höhle des Löwen ausgehoben, der Quell alles Unheils verstopft, der Feind der Völker von seiner ragenden Höhe gestürzt! Nichts könnte mehr etwas daran ändern!

Drüben liefen ja die Franzosen – – –

Sie liefen – ließen aber drüben im befreiten Lande eine Grenzwache zurück, der weder Pulver noch Blei etwas anhaben konnte: – den Typhus! Und der machte seine Sache so brav, daß allein vom Yorckschen Korps fünftausend Mann ins Gras beißen mußten. Dem Typhus zur Seite wütete ein noch unheimlicherer Feind: der Meuchelmord, der in jedem Bauernhause lauerte, je weiter man ins rein französische Land drang. Denn es war ja ein schwerer und unverzeihlicher Frevel von den Deutschen, den geheiligten französischen Boden mit Krieg zu überziehen! Wozu waren die deutschen Gaue da? War es nicht seit altersher den Völkern zur Gewohnheit geworden und also zum Recht, dort ihren Hader auszutragen und ihre Streitrosse zu tummeln?! Hatten sie nicht den Deutschen dafür gedankt, indem sie ihr Land nicht nur gnädigst ausplünderten, sondern es auch mit den schönsten Ruinen schmückten?!

Kein Mühsal, keine Gefahr, keine Seuchen, gar nichts vermochte aber das Ungestüm der Schlesischen Armee und ihres Führers zu brechen.

Unaufhaltsam drang sie auf ihr Ziel vor, ob die anderen Heere folgten oder nicht.

[pg 358]

An Bernadotte brauchte Blücher nicht mehr zu schleppen, da diesem Helden, nach seiner gloriosen Leistung bei Leipzig, das Kommando der Nordarmee genommen worden war.

Und die Hauptarmee mit ihrem ganzen Troß von Monarchen, Fürsten und Diplomaten, kümmerte ihn zunächst wenig.

Die schleppte sich im gewohnten Tempo, fern vom Schuß, bei Basel über den Rhein nach Frankreich hinein, blieb dort auf der Hochebene von Langres staunend stehen, und bewunderte die sonderbare Eigenschaft dieser Wasserscheide, von dort nach drei verschiedenen Meeren gleichzeitig ihr Wasser lassen zu können.

Von all den Flüssen, die dort ihren Anfang nehmen, trug, wie zu billigen, die Seine den Sieg über die anderen davon.

Aber schon ehe die Hauptarmee ihre schwerfällige Masse nach dem Seinetal in Bewegung setzte, fingen die Diplomaten Österreichs, unter Metternichs Führung, wieder an, dem Schwiegersohn ihres Kaisers auf der Friedensschalmei ein Ständchen zu blasen, und boten ihm die alten Grenzen Frankreichs von 1792 an und den ungestörten Besitz seines Thrones für immer und ewig –, was in unserer Laiensprache so viel wie bis zum nächsten Krieg heißt. Denn Napoleon war ja, wie auch der preußische General von Knesebeck hervorhob –, er war ein förmlich anerkannter und recte gesalbter Monarch – er war Herrscher von Gottes Gnaden und hatte also zum mindesten auf die Gnade der Mitmonarchen einen Anspruch.

Napoleon sah das auch ein, ließ sich gnädigst herbei, mit seinen Überwindern zu verhandeln, und schickte zu dem Zwecke seine Friedensboten nach Chatillon.

Da war es wieder Blücher, der den friedfertigen Kampfgenossen in den Arm fiel – aber in einer von ihm selbst am allerwenigsten beabsichtigten Weise, indem er sich an der Marne gründlich – nicht ein-, sondern fünfmal von Napoleon schlagen ließ.

[pg 359]

Denn der Korse, der da seine schönsten Löwensprünge machte und bald dem einen, bald dem andern von den ihn umstellenden Jägern an die Kehle sprang und tüchtig zauste, der fühlte sich wieder als Herr und Gebieter und Bändiger der ganzen Welt.

Er schlug die einzeln marschierenden Korps der Blücherschen Armee nacheinander bei Montmirail, bei Château Thierry, Vauxchamps und Etoges. Er schlug Wrede und Wittgenstein bei Nangis und den Kronprinzen von Württemberg bei Montereau. Und der Kamm schwoll ihm mächtig.

Er sah, wie die Schar seiner Angreifer anfing langsam wieder nach dem Rhein zurückzufluten.

Bald würde er sie da hinüberwerfen und gänzlich vernichten!

Er hörte schon seine leicht erregten Pariser über die Siegesbotschaften und die vielen Gefangenen jubeln.

Sie würden ihm alles bewilligen, der neuen Gloire jedes Opfer bringen! Also keine Rede von Verhandlungen mehr!

Er würde den Völkern wieder den Frieden diktieren, wie sie es von ihm gewohnt waren! Fort mit den Schreibern und Diplomaten mitsamt ihren schlauen Finten und krummen Wegen! Ein Hieb des Schwertes zur rechten Zeit – das bliebe stets die einfachste und wirksamste Diplomatie!

Napoleon bedankte sich also für die Gnade, die ihm die deutschen Fürsten gewähren wollten, lehnte die Unversehrtheit eines verkleinerten Reiches und den Besitz eines nur auf französischem Boden fußenden Thrones ab, rief seine Unterhändler zurück und stand wieder kampfbereit da, mit zermürbten Armeen, aber im vollen Glanz seines Genies und seines Siegerruhmes, drohend, gewaltig, gefürchtet.

Da war’s wieder Blücher, der sich nicht blenden und verblüffen ließ. An Genie dem Gegner gleich, an urwüchsigem Temperament ihm überlegen, hielt er stand, wo alles weichen wollte, gebot dem Imperator Halt und lenkte die rückwärtsstrebende Bewegung wieder vorwärts.

[pg 360]

Und die Saumseligen folgten schweren Herzens und ergaben sich in ihr Schicksal, die Früchte ihrer Siege pflücken zu müssen.

*

„Sa Majesté l’empereur“

stand es mit großen Buchstaben mit Kreide auf einer der Türen im Korridor. An der Tür zwei Gardisten in hohen Bärenfellmützen, die Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett geschultert.

Ein Adjutant kam eiligst die Treppe herauf, den Korridor entlang und auf die Tür zu. Die Wachen präsentierten.

Der Adjutant streckte die Hand nach der Klinke aus. Da öffnete sich die Tür, ein paar Ordonnanzen kamen eiligst heraus, die zusammengefalteten Zettel mit den soeben vom Kaiser diktierten Befehlen in der Hand, salutierten und eilten die Treppe hinunter.

Gleich hinter ihnen trat Napoleon aus der Tür heraus, den grauen Mantel noch offen, den dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopf. In seinem Gefolge waren Berthier und Caulaincourt.

Der Adjutant grüßte.

„Sire, es ist höchste Zeit. Die Kosaken sind in der Stadt!“

Napoleon machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ging an das Fenster gegenüber und blickte, die Arme über die Brust verschränkt, über die Stadt und die Gegend hinaus.

Wie oft hatte er nicht über diese Hügel, über diesen Fluß, diese Wälder geblickt, als er noch Zögling der Königlichen Kriegsschule hier zu Brienne war!

Von hier aus hatte seine Meteorenlaufbahn ihren blendenden Anfang genommen – hier war das Tor, durch das er ins bunte Abenteuer seines märchenhaften Daseins hinausgeschritten war.

Jetzt mußte er wieder hier durch – zurück ins ungewisse, mit bitteren Erfahrungen beladen, ohne den unbeug[pg 361]samen Glauben, ohne das feste Vertrauen auf das Glück, das Berge versetzt. Das Mißlingen war auch bei ihm in den Bereich des Möglichen gerückt, seine Bahn zum Ausgangspunkt zurückgebogen! Mußte er wieder anfangen –, wieder die Schulbank drücken, wie damals, als ihm nichts unmöglich, keine Aufgabe zu schwer erschienen war? Hatte er seine Schulaufgabe fürs Leben schlecht gelernt? Bekam er sie jetzt zur Wiederholung und zum Besserlernen zurück? Wenn er auch noch tausendmal die Kraft zum Umlernen aufbringen würde –, hätte er wohl noch den Mut, die Lust – die Zeit dazu? War’s überhaupt der Mühe wert? War nicht alles eitel – nichtig –, zum Überdruß fade?

Aus der Tiefe knallten Flintenschüsse, scharf, schneidend! Sie kamen näher.

Der Kaiser erhob sein Haupt mit einem Ruck, wie ein altes Kutschpferd, das wieder den Knall der Peitsche hört, knöpfte den grauen Überrock zu und ging mit festen Schritten den Korridor entlang, über dessen Steinfliesen die sinkende Winternachmittagssonne ihren bunten Schein goß, und ging rasch die Treppe hinunter, von seinen Adjutanten und Generalstabsoffizieren und auch von den Wachtposten gefolgt. Gleich darauf rasselten Hufschläge von Pferden übers Pflaster. Die Flintenschüsse kamen näher, Hurrarufe mischten sich hinein, Stimmengewirr und rasche Tritte auf der Treppe wurden laut.

Dann kamen bärtige Gestalten herauf, die Lammfellmütze schief auf dem einen Ohr, Piken in den Händen, die Säbel am Boden schleifend. Voran ein Offizier, neben ihm der Korporal, eine Liste in der Hand.

Der Offizier zeigte auf die Türen im langen Korridor und sprach bei jeder einen Namen aus. Der Korporal schrieb jedesmal den Namen auf die betreffende Tür.

Sie blieben an der Tür stehen, durch die Napoleon gekommen war. Die Sonne war tiefer gesunken. Ihre Strahlen fielen gerade durch das Fenster und warfen ein buntes Farbenspiel über die Aufschrift.

[pg 362]

„Sa Majesté l’empereur!“ las der Offizier. „Ist gut! Da brauchen wir uns die Zimmer nicht erst anzusehen. Da kommt der Obergeneral hinein!“

Der Korporal ließ sein Kreidestück, das er schon im Anhieb hielt, auf den Türspiegel fallen und schrieb einen Namen hin.

„Feldmarschall Blücher“

stand da in großen Buchstaben unter der alten Aufschrift zu lesen.

Ein Wink des Offiziers, und zwei Kosaken stellten sich jetzt rechts und links von der Tür als Posten auf. Die Sonne draußen war schon halb hinter die Hügel gesunken, ihre letzten Strahlen röteten nur noch ein wenig das weißgetünchte Dach. Es dämmerte schon. Der Offizier befahl, die Kerzen in den Laternen auf den Treppenpfosten und an den Wänden anzuzünden, und ging mit seinen Leuten weiter.

Bald danach hallte das ganze Schloß von lauten Stimmen, schallendem Gelächter, Säbelgerassel und Sporenklirren wider. Die Treppe kam’s herauf, und bald waren sie da: eine Schar von Offizieren, allen voran der Feldmarschall Blücher, und mit ihm seine Adjutanten: von der Goltz, Graf Nostiz, Gneisenau und andere.

Die Wachen salutierten, die Adjutanten öffneten die Tür, alle traten ein.

Im großen Saale stand noch der Tisch gedeckt. Die Speisen waren unberührt. Bei der Eile des Aufbruchs hatte die Bedienung alles stehen- und liegenlassen, wie es war.

„Der Kaiser sorgt gut für seine Gäste!“ rief der Feldmarschall. „Zu Tisch denn! Ich habe einen mordmäßigen Hunger! Die Flaschen drüben auf der Kredenz sehen nicht übel aus. Rasch eingeschenkt! Auf unseren Gastgeber –, auf daß ihm der Deibel bald holt!“

Sie tranken.

Ein Krachen. In der Ecke des Saales barsten die Balken, Schutt und Gips flogen ringsumher. Eine Kanonenkugel hatte eingeschlagen und war durch den Boden weitergegangen.

[pg 363]

„Er blieb uns die Antwort nicht schuldig!“ lachte Blücher. „Der Kaiser wußte, wo die Suppenschüssel stand, und war wohlerzogen genug, uns nicht hineinzuspucken! Prost Mahlzeit, meine Herren! Der Wein ist gut! Kümmert euch nicht um den Schutt!“ rief er den Ordonnanzen zu, die sich gleich daranmachten, aufzuräumen. „Das Haus gehört uns nicht. Wir brauchen’s nicht zu reparieren!

Laßt es euch gut schmecken, Kinder! Hoffentlich haben’s unsere Pferde auch nach Wunsch?“

Der Adjutant, Graf Nostiz, gab zur Antwort, für die Pferde wäre bestens gesorgt.

Er hatte auch alles angeordnet, aber in seiner eigenen Weise, indem er sie nicht in die Stallungen, sondern nur um die Ecke des Schlosses führen und dort gesattelt bereithalten ließ. Denn ihm schien es hier noch nicht ganz geheuer und auch nicht sicher, daß Brienne endgültig in der Hand der Deutschen bliebe und nicht noch von den Franzosen durch einen Handstreich wiedergewonnen werden konnte. Zum mindesten fand er es verfrüht, schon jetzt das Hauptquartier hineinzuverlegen, ehe die Truppen das Glacis fest in der Hand hatten. Aber das Ungestüm des Feldmarschalls war nimmer zu bändigen.

Nostiz ging mit dem Grafen Goltz auf die Terrasse hinaus, blickte in die Dämmerung hinein und dankte gleich dem Himmel, daß er so fürsorglich alles angeordnet hatte. Denn kaum war er draußen, so pfiffen ihm schon die Flintenkugeln um die Ohren, und die Scheiben in den Glastüren gingen klingend in Scherben. Kein Zweifel, der Kaiser war nicht gesonnen, Feinde hier mitten unter seinen Jugenderinnerungen hausen zu lassen.

Er ging schon angriffsweise vor, kaum daß man sich in seinem warmen Neste zur Ruhe gesetzt hatte, und war schon im Begriff, das ganze feindliche Hauptquartier mit dem Feldmarschall und allen durch einen kühnen Handstreich aufzuheben und in seine Gewalt zu bringen.

Sie eilten hinein. Es hielt aber schwer, den eigensinnigen [pg 364]alten Blücher dazu zu bringen, das Schloß, in dem er schon anfing sich wohl zu fühlen, gleich wieder zu verlassen.

Erst als die Schießerei immer näher kam, ließ er sich überreden, hinunterzugehen und die Pferde zu besteigen.

Es war aber fast zu spät. Kaum auf der Straße, galoppierten ihnen fliehende Kosaken mit den Rufen „Franzuski!“ entgegen, und hinter ihnen her klabasterten schon flinke kleine Chasseurs mit einer Schnelligkeit, daß die Roßschweife an ihren Helmen wie Schleier hinter ihren Häuptern flatterten.

Mit Not gelang es noch, durch flinkes Einbiegen in eine Nebenstraße über die Felder zu entkommen. Dort aber drehte sich Blücher um, blickte nach der Stadt zurück, wo schon aus allen Fenstern Lichter blinkten, und wo der Lärm des Straßenkampfes immer lauter durch das Dunkel tobte, und sagte: „Bilde dich nur nicht ein, daß du dorten lange ruhig schlafen wirst!“

Als er aber nach einigen Tagen, nachdem er Napoleon geschlagen hatte, wieder nach Brienne kam und ins Schloß hineinzog, um drinnen doch das letzte Wort zu haben, da prangte auf der Tür im Korridor nicht nur über den Worten „Feldmarschall Blücher“, sondern auch unter ihnen die Inschrift: „Sa Majesté l’empereur“.

Stracks nahm er aus der Hand seines Quartiermachers, der schon wieder bei der Arbeit war und von Tür zu Tür pilgerte, die Kreide, machte einen Strich quer durch die Rechnung und schrieb eigenhändig darunter:

„Blücher“.

„Die Fremdenliste wäre nun in Ordnung“, sagte er schmunzelnd, gab ein Zeichen, die Tür zu öffnen, und befahl auch schleunigst, für Speise und Trank zu sorgen. Denn heute sei man bei sich selbst zu Gast, und man müsse doch für seine Gäste sorgen!

„Nachher können wir darangehen, mit dem Herrn Napoleon um das nächste Hotel zu raufen!“ fügte er hinzu. „Und mir soll’s recht sein, wenn’s sein Palais in Paris ist!“

[pg 365]

Für heute ließ er sich’s aber beim Feldmarschall Blücher in Brienne gut schmecken, und wurde dabei von keinen lose herumstrolchenden Kugeln aus kaiserlichen Flinten und Kanonen mehr gestört.

*

„Heute war man im Hauptquartier knieschwach mit Bescheid“, sagte Yorck halblaut, als er durch den Abend von Laon nach seinem Quartier in Chambry ritt. „Dem Feldmarschall schien es heute nicht sosehr wie sonst daran gelegen zu sein, das Tanzbein zu schwingen!“

Er schlug die Schneeflocken vom Rockärmel, hielt sein Pferd an und blickte über die Gegend hinaus.

Der kurze Märztag neigte sich seinem Ende zu. Durch das dünne Schneegestöber sah man noch, wie durch einen Schleier, die kleine Stadt Laon auf ihrem Felsen aus der Ebene ragen, auf dem Rand des höchsten Plateaus eine Reihe von Windmühlen, die sich scharf gegen den Himmel abzeichneten.

Tausende von Lichtern glitzerten überall. Den Fuß des Felsens säumten die Biwakfeuer von Bülows Preußen. Rechts und links davon, durch die Vorstädte, bis weit über die Ebene hinaus, zeigten Feuer an Feuer die weitere Aufstellung von Blüchers Armee an.

Hinter den Sümpfen, der Stadt gegenüber, auf der Senkung des dort verlaufenden niedrigen Plateaus, rückten die Franzosen heran.

Nach dem unentschiedenen Gefecht bei Craonne, am vorhergehenden Tage, war Napoleon selbst mit seinen Garden den weichenden Truppen Wintzingerodes auf der Straße von Soissons hierher gefolgt und hatte sie aus dem Paß bei Etouvelles über den Ardonbach zurückgeworfen.

Östlich von ihm, auf der Straße von Reims, rückte Marmont auf das gleiche Ziel zu.

Blücher hatte hinter dem Felsen von Laon die beiden russischen Korps Sacken und Langeron als Reserve aufgestellt, [pg 366]um je nach der Kampflage rechts oder links hinter der Stadt vorzubrechen.

Nach seiner Vereinigung mit Bülows über Holland heranmarschierten Truppen war er jetzt Napoleon doppelt überlegen. Er hatte auch vollständige Selbständigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kümmern.

Nichts würde ihn daran hindern können, die letzte Scharte auszuwetzen und dem Korsen die heimtückischen Überfälle an der Marne heimzuzahlen! So hatte er sich heute Yorck gegenüber geäußert, aber nicht in seiner gewohnten energischen Weise, sondern mit einem müden, abgespannten Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach.

Yorck lachte noch hämisch darüber, als er langsam durch das Schneegestöber weiterritt.

Man war im Hauptquartier sogar mehr als löblich knieschwach geworden! Die „Kraftgenies“ und Draufgänger dort, die sonst mit ihrem Ungestüm die Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren!

Blücher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war über Nacht zusammengeklappt und ein müder Greis geworden!

War es nur eine vorübergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine ernsthafte Erkrankung vor?

Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und hatte fast teilnahmlos zugehört, wie Müffling und Gneisenau den eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des französischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war.

Er hatte sich nicht einmal geärgert, ja kein einziges Mal geflucht, als dieser ihm bezeugte, die gestrige Affäre bei Craonne hätte eine vernichtende Niederlage für Napoleon werden können, wenn die Preußen diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Rücken gefallen wären. So [pg 367]aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen.

Dabei wäre der Sieg so kinderleicht herbeizuführen gewesen! Als sich ein paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux bloß zeigten, hatten die französischen Train- und Artillerieknechte die Stränge durchgeschnitten, alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war schon im Entstehen. Aber die preußische Kavallerie, die man schon glaubte heransausen zu hören, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so ein unentschiedenes Nachhutgefecht.

Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar auseinandergesetzt. Und Blücher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges Donnerwetter über die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus Gesicht war immer länger geworden!

Sie hatten alle beide plötzlich die Sicherheit eingebüßt! Ihre Kraft schien erlahmt zu sein! –

Sonst schoben sie um des großen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und zwangen die Soldaten zu den größten Strapazen. Jetzt aber häuften sie Bedenken über Bedenken und waren ängstlich darauf bedacht, ihre Leute zu schonen!

Yorck hatte laut lachen müssen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklärte, man müsse die Truppen schonen, damit der König bei den Friedensverhandlungen noch eine Armee hätte, um sie in die Wagschale werfen zu können! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewiß nicht!

Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plänen und genialen Entwürfen so erfüllt, daß eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kümmerte.

Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen!

War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenährten, gut gekleideten und tadellos ausgerüsteten Soldaten Bülows sah, die trotzdem auf glänzende Siege in Holland zurückblicken [pg 368]durften – und neben ihnen die verhungerten, abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die „Grasteufel“ aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur Niederlagen gehabt hatten?

Sei’s wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht zugegeben, und das erfüllte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbübischen Übermut. Er wollte Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen. Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwärts wollten, jetzt wollte er. Er, der sie sonst immer zurückhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz durch und ließ so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Blüchers und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen drohte!

Fröhlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem Sattel und trat in den Saal hinein.

Um den flammenden Kamin saßen die Offiziere seines Stabes in fröhlicher Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem Vierten.

Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, setzte sich auch an den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der Verse.

„O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?“

lispelte mit hoher Fistelstimme ein junger Leutnant die Rolle von Lady Percy hervor. Indes ein dicker Oberst mit tiefem Baß und gewaltiger Inbrunst den Heißsporn Percy mimte und sich gar nicht an sie kehrte.

„Für welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen,

Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett?

Sag’, süßer Gatte, was beraubt dich so

Der Eßlust, Freude und des goldenen Schlafs?

– – – – – – – –

[pg 369]

Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer,

Und dich von eh’rnem Kriege murmeln hören,

Dein bäumend Roß mit Reiterworten lenken

Und rufen ‚Frisch ins Feld!‘ Dann sprachest du

Vom Ausfall und vom Rückzug, von Gezelten,

Laufgräben, Basilisken und Kanonen.

Ein schwer Geschäft hat mein Gemahl in Händen.

Und wissen muß ich’s, wenn er mich noch liebt.“

„Fort, du Tändlerin –“, brüllte der Oberst den jungen Leutnant an.

Ich lieb’ dich nicht,

Ich frage nicht nach dir. Ist dies ’ne Welt

Zum Puppenspielen und Mit-Lippen-fechten?

Nein, jetzo muß es blut’ge Nasen geben,

Zerbrochene Kronen, die wir doch im Handel

Für voll anbringen. Alle Welt, mein Pferd!

Was sagst du, Käthchen? Wolltest du mir was?“

„Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?“ lispelte der Leutnant weiter.

„Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?“

Worauf der Oberst jäh aufschnellte und verächtlich lachte:

„Komm, willst mich reiten sehen?

Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwören:

Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Käthchen:

Du mußt mich ferner nicht mit Fragen quälen,

Wohin ich gehe, noch raten, was ich soll!

Wohin ich muß, muß ich: und, kurz zu sein:

Heut abend muß ich von dir, liebes Käthchen.

Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser

Als Heinrich Percys Ehefrau. Standhaft bist du,

– jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit

Ist keine besser, denn ich glaube sicher:

Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weißt!

Und soweit, liebes Käthchen, trau ich dir.“

[pg 370]

Sie lasen schlecht, mit falschem Pathos, viel Stimmenaufwand und gewaltiger Mimik. Yorck achtete nicht darauf. Ein ungestümer Tatendrang war rein aus Trotz über ihn gekommen, seitdem er sah, wie zaghaft man im Hauptquartier geworden war. Er wollte jetzt die Zügel aufnehmen, die man dort schleifen ließ, die Führung an sich reißen, einen waghalsigen Coup unternehmen und so mit einem Schlag den Krieg zu Ende führen! Wie, das sah er noch nicht klar. Er fühlte nur bestimmt, im voraus, das große Geschehnis nahen und wurde wieder jung und waghalsig wie jener Brausekopf Percy in Shakespeares Stück. Er würde, wie dieser, weder sehen noch hören können, bis jener Gedanke, der ihn ganz erfüllte, in lebende Tat umgesetzt worden war!

Am andern Morgen war dichter Nebel überall. Es wollte nicht Tag werden.

Man war zum Angriff bereit. Da pfiff es plötzlich den wackeren Kämpfern um die Ohren. Flintenkugeln flogen aus nächster Nähe in die Stadt und in das Lager Yorcks. Wie ein Schwarm Hornissen, so summte und brummte es den Yorckschen um die Ohren, ohne daß es möglich war zu entdecken, woher es kam.

„Das sind die Bienen des Kaiserreiches!“ sagte Yorck. „Die kommen herangesummt mit dem Morgengruß vom Kaiser! Die paar Insekten machen aber noch lange keinen Sommer! Wir werden den frechen Kerls von Tirailleurs schon eins auswischen!“

Der Nebel hob sich gegen elf Uhr, und als die Sonne durchbrach und die Gegend erhellte, konnte der Posten oben auf der höchstgelegenen Windmühle melden, daß die Armee Napoleons zu beiden Seiten der Straße von Soissons Aufstellung genommen hatte und zum Angriff vorging. Bald entbrannte auf der ganzen Linie der Kampf. Napoleon konnte aber gegen die Übermacht der Blücherschen Armee nicht an. Es gelang ihm nur, dessen Vorposten aus Etouvelles zu vertreiben und den dortigen Paß über den Ardonbach zu besetzen. Im Laufe des Tages rückte dann östlich von ihm auf der Reimser Straße Marmont heran und suchte gleich um die [pg 371]linke Flanke Yorcks herumzufühlen, mit der deutlichen Absicht, ihm die Rückzugsstraße nach den Niederlanden abzugewinnen. Dem wurde rasch durch Kavallerie begegnet, Yorck zog seine Vorposten aus dem vor seiner Front liegenden Dorfe Athis heraus und ließ es anzünden, um ein verlustreiches Dorfgefecht zu vermeiden.

Von beiden Seiten wurde eifrig kanoniert. Aber der erwartete Sturmangriff der Franzosen unterblieb, und als der kurze Wintertag zu Ende ging, hatte der Feind sich damit begnügt, seinen Aufmarsch zu vollenden und vorteilhafte Angriffsstellungen für den nächsten Tag einzunehmen. Seine Truppen durften sich zur Ruhe begeben. Aber die Ruhe gönnte ihnen Yorck nicht. Er hatte ihre Passivität als ein Zeichen der Schwäche aufgefaßt und sich gleich entschlossen, sie beim Einbruch der Dunkelheit zu überfallen. Er holte die Genehmigung des Oberkommandos ein und traf sofort seine Anordnungen.

„Das Vorrücken geschieht in geschlossenen Kolonnen und lautlos, bis man an den Feind kommt. Es fällt kein Schuß, es wird nur mit dem Bajonett angegriffen“ – so lautete sein Befehl.

Alles setzte sich in Bewegung. Vorwärts ging es über den gefrorenen Boden gegen die Linie der feindlichen Feuer bis auf fünfhundert Schritt Entfernung.

Da brach auf einmal ein Höllenlärm los. Auf allen Trommeln wurde Sturm geschlagen, die Trompeten und Flügelhörner schmetterten und tuteten, und mit schallendem Hurra warfen sich die braven Schlesier auf den Feind, der, vollkommen überrascht, an keinen Widerstand dachte, Hals über Kopf floh und alles im Stich ließ. Er wurde kräftig verfolgt. Und nach ein paar Stunden konnte Yorck dem Hauptquartier melden, daß das ganze Korps Marmonts aufgerieben sei, seine gesamte Artillerie und Munition, Tausende von Toten und Gefangenen verloren und auch das anmarschierende Korps Mortiers mit in die Flucht gerissen hatte.

[pg 372]

Napoleons Stellung war dadurch verzweifelt geworden. Er stand vor Etouvelles mit wenig über dreißigtausend Mann, seine beiden Flügel waren erschüttert, er hatte einen nunmehr dreifach überlegenen Feind sich gegenüber und den Engpaß von Etouvelles als einzige Rückzugsstraße. Wenn Blüchers Armee ihren Sieg ausnutzte und rasch weiter vorging, so war er verloren, denn er würde sich dann einer Umzingelung nicht mehr entziehen können.

Demgemäß wurde auch zunächst vom Oberkommando disponiert. Bülow und Wintzingerode sollten Napoleon festhalten, die anderen Korps von der Reimser Straße seine rechte Flanke umgehen, Sacken und Langeron um seine linke Flanke herumgreifen und versuchen, ihm die Straße nach Soissons zu verlegen.

Bei Anbruch des Tages war schon alles auf dem Marsch. Yorck triumphierte schon im voraus. Das Manöver konnte nicht mißlingen. Man hatte endlich den Löwen in der Falle! In ein paar Stunden wäre er umringt und vernichtet und der Krieg zu Ende. Alles drängte begeistert vorwärts, sich der Größe der bevorstehenden Entscheidung bewußt, und bereit, das Letzte herzugeben, um sie herbeiführen zu helfen.

Da fiel das eigene Hauptquartier dem ungestüm Vorwärtsdrängenden jäh in den Arm. Gneisenau sandte überallhin Konterorders und befahl, den so rüstig begonnenen Vormarsch einzustellen und in die alten Stellungen zurückzugehen.

Entgegen aller Vermutung war Napoleon zum Angriff geschritten, in der richtigen Voraussetzung, daß ein Feind, dessen Korps er erst kürzlich einzeln geschlagen hatte, es jetzt nicht wagen würde, sie noch einmal voneinander zu trennen, sondern vor allem bestrebt sein müßte, sie einem Angriff gegenüber jetzt sofort zusammenzufassen.

Er versuchte also, als der größere Menschenkenner, den Gegner zu bluffen, und der Versuch gelang.

Die Rückberufungsbefehle Gneisenaus flogen eiligst nach allen Seiten hinaus. Yorck bat, bei der Stange bleiben zu dürfen, er gab gute Gründe, er drohte, er fluchte, aber nichts [pg 373]half! Er, der sonst immer vom Hauptquartier angetrieben werden mußte, tat jetzt sein Äußerstes, um es zur Tat mitzureißen, aber vergebens.

Gneisenau war unerbittlich. Alles mußte zurück. Der sichere Triumph über den „Feind der Menschheit“ glitt Yorck aus den Händen. Er mußte gehorchen. Aber in sein Quartier zurückgekommen, befahl er seinen Wagen, ließ seine Koffer hineinwerfen, nahm Platz und fuhr ohne weiteres von seiner Armee fort.

Das ließ er sich nicht gefallen – das machte er nicht mehr mit! Da könnte kommandieren, wer wollte – er hatte es jetzt satt!

Zu dem Ärger, von Napoleon gefoppt zu sein, kamen jetzt bei Gneisenau die Schwierigkeiten mit Yorck.

Die Insubordination durfte nicht hingenommen werden. Aber einem Mann wie Yorck konnte man nicht einfach eine Kugel vor den Kopf geben.

Blücher allein vermochte da Wandel zu schaffen. Und Blücher war krank. Er fieberte, er phantasierte und nahm an allem Geschehen keinen Anteil.

So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor nichts zurückschreckende Mensch hatte eben seine „schwache“ Stunde gehabt.

Daß Blücher einen Sieg nicht bis zum Äußersten ausnützte, das war noch nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In beiden Fällen mußte ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das Kommando wäre dann einem von den russischen Generälen zugefallen, und das durfte auch nicht sein.

Die Krankheit Blüchers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in seinem Namen weiter – nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt mit dem tüchtigsten Korpsführer der Armee war da und mußte aus der Welt geschafft werden! Tot oder lebend mußte Blücher auf der Bühne erscheinen und das besorgen. Aber wie das bewerk[pg 374]stelligen, wo der Alte in Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernünftige Antwort gab?!

Gneisenau ging mit Müffling zu ihm hinein.

In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der Leibarzt Blüchers, Bieske, saß daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett wälzte sich Blücher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten grünseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschützt.

Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag über der Netzhaut, im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf, drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in endloser, dichtgedrängter Schar an ihm vorüber, ernst, langsam und würdig wie zu einer Trauerparade –, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen und hohen Blechmützen, die Gesichter ernst und blaß wie der Tod, die Augen geschlossen, feierliche Ruhe in den Zügen, an der Seite jedes einzelnen eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er draußen auf einem Felsen am Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Wäldern, aus allen Tälern ringsumher strömten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flußtal hinunter und zogen dort weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmützen glitzerten und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. – Wie ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen, verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch die Felsen fraß.

Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich plötzlich eine dunkle Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und knorrig – kein Felsen – eine menschliche Gestalt war’s, mit zwei Köpfen, in Wut verzerrt, die miteinander rauften, daß die ganze Gestalt ins Wanken kam. – Yorck war’s!

[pg 375]

Blücher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims gekommen! Nicht einen –, zwei gleich harte Köpfe hatte der alte Kerl, die sich stets widersprachen! Das war des Rätsels Lösung, deshalb war mit ihm nicht auszukommen!

Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine Troßwagen hinter der Marschkolonne.

„Mein Champagnerwagen!“ rief er plötzlich, setzte sich im Bett auf und hielt krampfhaft den alten grünen Hut über die Augen gepreßt. „Mein Champagnerwagen!“ Denn er hatte fürsorglich eine Fuhre Champagner direkt von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz glücklich in Sicherheit jenseits der Grenze wußte.

„Mein Champagnerwagen!“ schrie er. „Sorgt nur dafür, daß der Isegrim ihn nicht erwischt. Der bärbeißige alte Kerl hat ja zwei Köpfe! Er hat zwei Mäuler zum Saufen! Er trinkt mir meuchlings den ganzen Krempel aus! Her mit Papier und Tinte! Ich muß es ihm schreiben –“

Müffling legte ihm ein Blatt Papier vor, und rasch, kaum leserlich, kritzelte Blücher ein paar Worte darauf, reichte ihm den Papierfetzen hin und sank ins Bett zurück. Eingedenk Ratkaus, wo dieser ihm auch etwas zum Unterschreiben ans Bett gebracht hatte, rief er ihm noch energisch zu: „Aber ich kapituliere nicht, Müffling, ich kapituliere nicht!“

Dann fiel er ins Bett zurück, blieb liegen und blickte bald Gneisenau, bald Müffling eigentümlich an.

„Komm Er her!“ rief er plötzlich. „Näher, nur immer näher, ich will Ihm etwas sagen!“

Müffling beugte sich zu ihm herab, und flüsternd und geheimnisvoll nickend, fing der Alte an:

„Weiß Er was? Ich habe ein Gefühl im Leib, als wäre ich mit einem Elefanten schwanger – es dehnt sich und dehnt sich – manchmal ist’s mir, als wäre mir die Stube [pg 376]schon zu eng – ich möchte nur wissen, wie das kommt – und auch, auf welchem Wege ich so’n Ungetüm wohl auf die Welt bringen werde?“

Das wurde Gneisenau zuviel. Entschlossen trat er an das Bett heran. In kurzem, scharfem Ton, der unbedingt die Aufmerksamkeit des Kranken erzwang, erzählte er von der Desertion Yorcks, die unbedingt die sofortige Dazwischenkunft des Oberkommandierenden erheischte, um peinliches Aufsehen zu vermeiden.

Blücher begriff. Die Wut packte ihn, verscheuchte im Nu die Fiebergespenster und machte seinen Geist sofort ganz klar.

„So’n Hundsmiserabler –, so’n Sauverfluchter! Und dabei hat der Kerl ganz recht! Wir sind im Unrecht! Himmeldonnerwetter, klappe ich einmal einen Augenblick zusammen, gleich geht alles schief! Wir hätten verfolgen sollen, Gneisenau – hätten bei der Stange bleiben müssen, wo wir endlich einmal den Kerl, den Korsen, im Sack hatten! Ja, sage Er einmal, Gneisenau, wo hatte Er das mit dem Hangen und Bangen nur plötzlich her? Das kenne ich sonst nicht bei Ihm? Es wäre schon besser, das Fieber hätte Ihn gepackt, nicht mich! Verflucht, daß ich gerade jetzt das Pech haben mußte, dazuliegen. Das muß ich wiedergutmachen. Her mit Tinte und Papier! – Er ist ein altes Ekel, ein ruppiger Hund, der Isegrim! Aber – wie prachtvoll hat er nicht soeben den Franzosen angebissen! – Nun, wo bleibt das Papier? Der Fetzen da taugt –, her damit!“

Er deutete auf seinen Brief, den er vorhin geschrieben hatte. Müffling reichte ihn ihm.

„Da steht schon etwas drauf!“ sagte Blücher, der alles bereits vergessen hatte. „Lese Er’s mir vor, die Augen schmerzen mir!“

Müffling las.

„Mein lieber, alter Freund!

So etwas tun wir beide einander doch nicht an. Was würde die Geschichte dann von uns sagen?

Ihr alter Blücher.“

[pg 377]

„Betrifft den Champagnerwagen Eurer Exzellenz“, fügte Müffling dann aufklärend hinzu.

Blücher blickte ihn an.

„Ob’s Yorck betrifft, ob die Witwe Cliquot, steht jedenfalls nicht drin. Das taugt denn gleich gut für alle beide. Was soll ich mich da noch abquälen! Schicken wir das ab! Das genügt!“

So dachte auch Yorck, als der mit dem Briefe nachgesandte Kurier ihn noch am selben Tage erreichte. Denn ihn reute schon der übereilte Schritt. Er griff begierig nach der dargebotenen Hand, benutzte die ihm gebaute goldene Brücke, kehrte zu seinem Korps zurück, und alles war in bester Ordnung. Bis auf Napoleon, der aus der Umklammerung entschlüpft war, und hinter dem nun das Kesseltreiben weiterging. Blücher aber fiel in tiefen Schlaf und war von Stund ab fieberfrei. Er blieb zwar noch körperlich schwach, aber gewann sonst schnell die alte Energie wieder und trieb mit dem prachtvollen Feuer seines Geistes alles vorwärts aufs Ziel. Sogar seinen alten Körper bezwang er!

Der konnte zwar nicht in den Sattel hinauf, der mußte sich im Wagen mitschleppen lassen. Halb saß Blücher, halb lag er da, in Pelze eingewickelt, die Augen durch den grünen Damenhut geschützt.

So zog er langsam hinter dem von ihm entfesselten Sturm her und wurde von ihm mitgezogen. Und jetzt gab’s keine Hindernisse, keinen Widerstand mehr. Was in den Weg kam, wurde fortgefegt.

Napoleons kecker Versuch, durch einen schnellen Marsch nach dem Rhein die Feinde von seiner Hauptstadt abzuziehen, mißlang.

Die Hauptarmee zauderte wohl wie immer. Schwarzenberg wäre am liebsten zurückgelaufen, als er vom Zug Napoleons hörte, ließ sich aber schließlich doch bestimmen, ihm nur eine Reitertruppe zur Beobachtung nachzuschicken, und folgte dann langsam in Richtung Blücher, vorwärts auf Paris.

*

[pg 378]

Am 31. März 1814 hielten der Zar aller Reußen und der König von Preußen an der Spitze ihrer Garden feierlichen Einzug in Paris.

Die Schlesische Armee durfte nicht mittun. Sie hatte die Hauptlast des ganzen Feldzuges getragen, hatte geblutet, gehungert, gefroren, Gewaltmärsche geleistet, Schlachten gewonnen, Festungen erobert, in Schnee und Eis notdürftig auf bloßem Boden biwakiert, von der Katzbach bis zum Montmartre Ungeheures verrichtet. Und jetzt, am Ziel, statt Ehren, Dank und reichen Lohn für alles ertragene Mühsal zu erhalten, mußte sie sich damit begnügen, aus der Ferne einen Blick ins Gelobte Land zu tun. Sie durfte von der Barriere des Montmartres die schöne Seinestadt zu ihren Füßen bewundern, die, von allen Herrlichkeiten und Genüssen der Welt erfüllt, sich dort unten ausbreitete. Sie mußte trockenes Kommisbrot essen und auf den Straßen biwakieren, statt in den Bürgerhäusern einquartiert zu werden.

Und vom König, für den sie geblutet hatten und dessen vornehmste Pflicht es gewesen wäre, aufs beste für sie zu sorgen, von ihm mußten sie hören: ihre Montierung wäre nicht propre genug; sie wäre zu zerrissen und unsauber, um beim feierlichen Einzug in diese glänzende Stadt damit paradieren zu können. Man konnte wohl den Krieg in Lumpen gewinnen, aber nie und nimmer in Lumpen triumphieren. Zum Triumphieren waren die Garden da. Dazu waren sie und ihre Uniformen die ganze Zeit geschont worden. Und, damit sie auch nicht zu spät kämen, um jener Ehre teilhaft zu werden, mußte die Schlesische Armee, die zwei Tage früher ohne Kampf hätte Paris nehmen können, auf Allerhöchsten Befehl einen Umweg um die Stadt machen. Die Folge war, daß die Marschälle Mortier und Marmont noch mit ihren Truppen zur Verteidigung herankommen konnten, und daß noch viel Blut fließen mußte, ehe Paris sich ergab. Auch vom geheiligten Blut der Garden, die sich mit gewohnter Tapferkeit schlugen, als sie endlich mal ran durften.

Blücher machte aus Wut den Einzug nicht mit.

[pg 379]

Yorck lehnte auch ab mit der Begründung, er hätte keine Pariser Kleider mit.

Blücher war gesundheitlich wieder obenan. Seine Augen mußten aber immer noch von einem Schirm geschützt werden. Mit dem grünen Damenhut wagte er aber bei all seiner Tapferkeit den Parisern doch nicht zu kommen. Zu Pferd war er noch nicht gewesen. Aber sein Mundwerk war wieder instand, und die Galle funktionierte, wie sie sollte.

Der Einzug war schon seit mehreren Stunden vorüber. Vorher, schon in aller Frühe, hatte der Maire irgendeines Pariser Arrondissements nebst einer Bürgerdeputation bei Blücher vorgesprochen, um ihm ihre ehrerbietigsten Grüße zu Füßen zu legen und ihn zu bitten, die Bürgerhäuser von Einquartierung zu befreien.

Das fand Blücher empörend.

Seinen braven Schlesiern zuzumuten, auf den Straßen zu kampieren, mit Tausenden von reich ausgestatteten Häusern vor Augen! Das ginge doch zu weit.

„Rühle!“ rief er seinen Adlatus herbei. „Er kann ja mit denen parlieren! Sage Er ihnen von mir: der Tyrann hat alle Hauptstädte besucht, geplündert und gestohlen. Wir wollen uns so was nicht zuschulden kommen lassen. Aber unsere Ehre fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem Neste den Besuch zu erwidern, und da wäre es wohl doch nicht zuviel, wenn wir allesamt mit Speise und Trank ordentlich bewirtet und gut einquartiert werden. Wir lassen unsere Gäste nicht auf der Straße schlafen! Da sollen sie nur die französischen Soldaten fragen, wie sie’s bei uns gehabt haben! Sage Er’s! Nein! Warte! Er ist ein Filou! Ich sag’s ihnen selbst!“

Er stellte sich dann breitbeinig vor der Bürgerdeputation auf, bohrte seine Blicke in sie und fing mit weithin schallender Stimme an: „Messieurs!“ Und dann war er mit seinem Französisch zu Ende.

„So,“ rief er dem Major Rühle zu, nun sage Er ihnen den Rest! Aber ohne Firlefanzen!“

[pg 380]

Und er guckte dem Major höllisch auf die Lippen, als der seinen Auftrag erledigte, und begleitete jeden Satz, den dieser sprach, mit so drohenden Blicken auf die braven Pariser Bürger, daß sie darob eigentlich hätten in die Erde sinken müssen, was sie aber lieber unterließen.

Am meisten regte sich Blücher an dem Tage über die Monarchen auf.

Nach dem Einzug hatten sie nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu einer Sitzung bei Talleyrand zusammenzufinden, um über das Schicksal Frankreichs, zu dessen Herbeiführung sie selbst so wenig getan hatten, zu beschließen.

Der Zar, der König von Preußen, Nesselrode, Talleyrand und andere traten da zur Beratung an. Aber Blücher, dem in erster Reihe der große Sieg zu verdanken war, wurde nicht gebeten.

Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig die Nachfolge seines Sohnes.

Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne sich unaussprechlich nach der Rückkehr der Bourbonen. Man möge den Franzosen ihr geliebtes Königshaus wieder bescheren.

Die Fürsten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren, hatten sie nirgends eine Begeisterung für das alte Königshaus bemerkt, wohl aber immer noch für den Kaiser.

Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein schwuren: das französische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit wünsche nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken.

Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwälzungen stets gleich bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudrängen, indem sie tun, als ob eigentlich sie die siegreiche „Bewegung“ geleitet hätten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen könnten. Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des überzeugten und doch so besorgten [pg 381]Patrioten. Und man war viel zu gut erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten französischen Volk dürfe man einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen.

Der König von Preußen saß ganz teilnahmlos da.

Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelfluß, wo sie mit leichtem Herzen über das Schicksal Preußens hinweggegangen waren. Er dachte an sein Versprechen an den König von Preußen. Und dabei fiel ihm ein, daß er auch heute sein Wort verpfändet hatte und also verhindert war, ohne weiteres der Rückkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine lästige Sache! Aber ein Wort ist ein Wort! Und hätte er es Bernadotte nicht gegeben, er hätte ihm Finnland zurückgeben müssen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu gewinnen! Jetzt war ja der Krieg glücklich gewonnen! Aber trotzdem –

Der Zar ließ also lässig ein paar gleichgültige Worte über Bernadotte fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle, diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Fürsten mit der Regierung Frankreichs zu betrauen.

Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee wäre Bernadotte als Mensch und Soldat gleich verächtlich. Man wollte keinen Militär an der Spitze des Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen.

Wozu denn das ganze Blutvergießen, wenn alles beim alten bliebe?!

Das sahen die Monarchen auch gnädigst ein. Und damit die Sache einen Sinn bekäme – denn die Befreiung Deutschlands genügte den Herren nicht – so stimmten sie also bei.

Da Talleyrand in seinem unerschöpflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker bereitgestellt hatte, dem er den von [pg 382]ihm bereits im voraus aufgesetzten Beschluß der Majestäten übergeben konnte, so durfte das französische Volk schon nach einigen Stunden an allen Straßenecken lesen, was es gewollt hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wußte also Bescheid, wußte, welche Wohltat es den fremden „Befreiern“ verdankte, und wie unaussprechlich glücklich es fortan sein könnte, seinen kriegerischen Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden geborenen einzutauschen. Das heißt – insofern es lesen konnte.

„Darum Räuber und Mörder!“ sagte Blücher gallig, als ihm das klägliche Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. „Darum haben also die Besten unter uns ihr Leben lassen müssen – darum haben meine Leute sich blutig geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von einem Bourbonen, dieser Louis dixhuit, auf dem Nachtstuhl seiner Väter soll sitzen können!“

Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen Lebewohl zu sagen.

Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hörte man auf seine Wünsche.

Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein für Preußen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rückständige Löhnung auszuzahlen. Aber der König, der es hatte zugeben müssen, daß seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren französischer Besetzung anderthalb Milliarden abgepreßt wurden, er wollte nicht so „inhuman“ an den Parisern handeln. Das heißt, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich plötzlich als eingefleischter Freund und Beschützer alles Französischen entpuppte. Der König vertröstete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der rückständigen Löhnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch mehr in Harnisch brachte.

„Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fühlen müssen, nachdem wir einen Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!“ rief er. „Wir werden noch draufzahlen müssen, statt [pg 383]für unsere verwüsteten Fluren und versengten Städte, für unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu bekommen! Blutegel müßte man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmälert behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol’ sie der Teufel! Na – wenn der König so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem Spiel an! Da wird wieder fröhlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen, ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes wieder abknöpfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich hätte ja gern meine Ruhe! Aber wenn’s nicht anders ist – wenn’s durchaus sein muß, ich arbeite ja gern fürs Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im Palais Royal!“

Vergnügt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an.

„Kinder!“ sagte er, „jetzt seid ihr die Ohnehosen, aber von der richtigen Sorte – wat een Büx nich ist, aber een Bangbüx ooch nich! Ich hätte gewünscht, daß ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt hättet, wie ein Sieger eigentlich aussehen soll und was für ein Teufelskerl das ist! Das hätte den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie geprügelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen hättet ihr Weißbier fordern und es in der gleichen Münze bezahlen müssen. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Ich habe für euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es noch beim König durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen, daß euer Vater Blücher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch weilt. Ich lege heute das Kommando über euch nieder. Es war ein langer Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heißen soll. Mancher [pg 384]brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beißen müssen. Aber wir sind gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn ich’s euch nicht immer recht machte – es war immer gut gemeint und nach bestem Können getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten. Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu negoziieren, da ist es für mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber meinen Ruhepunkt finden werde, weiß der Kuckuck. Am Ende gibt’s für mich hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na – gehabt euch wohl, Kinder! Seid vergnügt und denkt einmal zurück an euren alten Marschall Vorwärts!“

Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgruß, und Blücher rieb sich verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging.

„Der König hat mich zum Fürsten machen wollen“, sagte er dabei zu seinen Begleitern. „Das ist nichts als Niedertracht! Das ist die Rache dafür, daß ich sooft auf das Fürstengesindel geschimpft habe, das wir überall mit rumschleppen müssen, und das nur jeder freien Bewegung im Wege ist. Ich habe abgelehnt. Ich habe ihm geantwortet, ich hätte nicht so viel Geld, um fürstlich zu leben. Ob er das wohl begriffen hat?“ wandte er sich zu den Offizieren mit einem schelmischen Augenzwinkern. „Er ist ja ein höllischer Rechenmeister geworden. Immer noch läßt er mich als Feldmarschall mit Generalleutnantsgehalt leben. Er denkt wohl: du kannst dir mit Belohnung und Vergeltung für den alten Kerl Zeit lassen, er geht wohl ab, und da heißt es: das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein Ende! Nun, vorläufig tue ich ihm nicht den Gefallen! Er wird schon blechen müssen!“

Er drückte den Offizieren die Hände, setzte sich neben seinen Adjutanten in den Wagen, drückte seinen grünen Schirm über die Augen, ließ die Soufflette aufschlagen und fuhr so, von keinem erkannt, durch die Abenddämmerung, ohne Eskorte, ohne Musik und hurraschreienden Pöbel in das von ihm eroberte Paris hinein.

[pg 385]

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