Briefe eines Soldaten (continued 2)
F. Ed. (Friedrich Edward) Schneegans translation
Den 20. Januar, früh morgens.
Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei Nächte, bald ist es umgekehrt.
Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere Schritte.
Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum, in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des Schnees.
Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese
Mein Kind, meine Schwester, Denke, wie süß es wäre, Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . . In dem Lande, daß Dir gleicht.
Ja, die „Aufforderung zur Reise“ von Baudelaire18) zog durch den entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen . . .
Den 20. Januar, abends.
Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.
Den 21. Januar.
Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der Schützengräben.
Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was Anatole France darüber im Mannequin d’Osier19) schreibt? Er liebt ihr feingegliedertes Skelett und ihre innerliche
Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest. Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!
Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .
Den 22. Januar.
. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag
Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden. Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres Winterlebens hat ein Ende genommen.
2 Uhr nachmittags.
Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.
Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.
Den 23. Januar.
. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein, ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.
Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine teure Vergangenheit
Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.
Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm geschlagen sind, nicht leiden wird.
Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers, nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das spielende
Den 26. Januar.
Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt, auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.
Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung aller Kräfte,
Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.
Merket wohl, daß ich alle Hoffnung habe und daß ich auf einen Sieg der Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.
Den 27. Januar, nachmittags.
Nach zwei — wegen des Mangels an Stroh — schlechten Nächten im Quartier ist die dritte durch
Herrliches Wetter, Frost und Sonne.
Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere Stimme stärkt mich. — Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die Zukunft! . . . . .
Den 28. Januar, in der Morgensonne.
Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.
Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville, über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .
Den 1. Februar.
Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster Linie — diesmal in einem Dorfe — durch eine völlige Ruhe begünstigt worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten, die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung befohlen sind.
Den 2. Februar.
Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen! Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch
Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht . . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.
Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt? Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit, in diese Weiße hinein.
Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.
Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der sie umfängt.
Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter. Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!
Den 2. Februar.
Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.
Den 3. Februar.
Teure geliebte Mutter,
Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.
Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen 21) diesen Satz mir merkte: „O mein Gott, nimm von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!“ Ja wir dürfen die fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte Seele zurückbringen.
So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich Dir besser.
Den 4. Februar.
Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit, Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und Hoffnungen aus. — Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi gewählt hat: Krieg und Frieden. Früher glaubte ich, er wolle den Gegensatz
Den 5. Februar.
Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.
Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.
Teure, geliebte Mutter,
Den 6. Februar.
Nach der schlaflosen,22) vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.
Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich umgebenden Stürmen zu fliehen.
Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.
Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken, welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen
Den 7. Februar.
Teuerste vielgeliebte Mutter,
Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.
Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.
Den 9. Februar.
Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin. Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung eines Unbedingten!
Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen, um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch noch einmal die Einsamkeit erleben!
Den 11. Februar.
. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube, der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche Geduld übersteigende Ordnung.
Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.
In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein als eine Erinnerung.
Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum Andenken an mich.
5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.
Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.
Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen Zeit erschüttert hat,
Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht verzweifelt.
Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür. Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.
Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.
Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.
Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.
Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.
Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich allmählich wieder.
Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse der Ratte, die Einsiedler wurde.24)
Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .
Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über verschiedene Abhänge
Den 16. Februar.
Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen, allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die Vorbereitungen sich häuften.
Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.
In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die Maschinengewehre bestrichen.
Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens gelitten als durch gewisse Berührungen.
Den 16. Februar, 9 Uhr abends.
Teuerste, geliebte Mutter,
Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt
Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem sternenhellen Himmel.
Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.
Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.
Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird wahrscheinlich große Verspätung haben . . .
Den 22. Februar.
Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.
Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.
Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen auf Erden erzählen.
Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb
Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des Ereignisses.
Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.
Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir losgestürmt sind . . .
Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten. Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur Worte für ihren Jammer.
Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch hierbei habe ich meine Pflicht getan.
Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde, von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .
Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die
Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.
Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe, erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher Sturm entdecken läßt?
Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.
Den 23. Februar.
Teuerste, geliebte Mutter,
Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front. Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß, daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach dem, was in Weisheit unser Glück ist.
Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der Erwartung. Aber Gott ist über uns.
Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags.
Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene, erdfarbene
Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten „ernste“ nennt.
Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.
Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.
Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich, daß es Greuel gibt in dem Maße!
Den 28. Februar, im Quartier.
Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch, indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit aufhäufen kann.
Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.
Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen
Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten, versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.
Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse, freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere Verwendung? Warum
Den 3. März, im Quartier.
Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.
Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen
Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . . Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.
. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .
Den 5. März, 6. Tag im Quartier.
Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.
Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so schöne, so edle, so abschließende
Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben, daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .
Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.
Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.
Den 7. März, 10½ Uhr.
Teure vielgeliebte Mutter,
Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.
Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .
Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.
Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird. Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte Arbeit
Den 7. März, zweiter Brief.
Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.
Den 11. März.
Teure geliebte Mutter,
Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.
Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an. Ich lebe in allen
Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .
5 Uhr Nachmittags.
Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas erhält mich aber immer gesund.
Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer wie Blei . . .
Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden.
Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die das Merkmal der Gegend ist . . .
. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.
Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.
Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer Weise“ zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, „wie es gemacht ist“.
Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich gewonnen hat. Und
Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick, welchen die französische Seele gewährt.
Den 14. März 1915.
An Madame de L. . .,
Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie war
Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu verunstalten und zu verdunkeln vermochte.
Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.
Den 15. März (Karte).
Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich selbst wiederzufinden und
Den 17. März.
Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage. Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las, trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und war George Perrot gezeichnet.
Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.
Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese
Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in unser Fach, augenblicklich.
Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag. Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen könnte.
Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des menschlichen Elends
Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und über Allem der siegreiche Frühling . . .
Den 20. März.
Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut gehalten.
Den 20. März.
Teure geliebte Mutter,
Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.
Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch bewahren darf.
Den 21. März.
Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.
Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten unter den Schmerzen uns nicht verlasse.
Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne.
Teure geliebte Mutter,
Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu beschleunigen.
Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und nun ein Mensch sein . . .
Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur vierzig Mann zählten, zurückgekommen.
Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann, ausschöpfen zu dürfen.
Das ist eine neue Art „sich auszuleben“, an die die Literatur bis jetzt nicht gedacht hatte.
Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen gestärkt!
Den 22. März.
Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse, mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht. Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.
Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie vorausahnt,
Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines Selbst darauf zu verwenden.
Den 25. März.
Teure geliebte Mutter,
Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt. Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos. Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter.
Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben, manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch rascher verschwinden. — Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.
Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .
Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt
Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden. Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!
Den 26. März.
Teure geliebte Mutter,
Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.
Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige Beschießung gestörten Sonntag.
Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes ab.
Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets26) zu erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und davor kletterten die Jäger immer weiter . . .
Sonntag, den 28. März (2. Brief).
Liebe Mutter,
Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die Beschießung wieder an Stärke zu.
Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich um Weisheit für Dich und für mich.
Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling, derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu erhalten.
Den 1. April.
Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.
Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.
Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher
Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir die lieblichsten Funken des Frühlings.
Den 3. April (Karte).
Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.
Den 3. April, 2. Brief.
Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder den Ansturm zu tragen haben?
Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir, gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger
Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße ich mir nichts an.
Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge die Vorsehung uns davon fernhalten!
Den 4. April.
Teure geliebte Mutter,
Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich
Den 4. April, abends, Ostersonntag.
Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch. Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen, einer schweren Aufgabe zu.
Den 5. April, ein Uhr.
Liebe Mutter und liebe Großmutter,
Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein Leben besteht nur noch in Euch.
Den 5. April, gegen Mittag.
Liebe Mutter,
Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen und müssen die höchste Weisheit anrufen.
Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht erhalten werden!
Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.
Euer Sohn.
Den 6. April, mittags.
Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.
In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser Briefe spurlos verschwunden.
Fußnoten
Europäische Bücher:
Andreas Latzko, Menschen im Krieg Romain Rolland, Beethoven Leonhard Frank, Der Mensch ist gut Leo Tolstoi, Tagebuch 1895—1899 Henri Barbusse, Das Feuer Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges
Anmerkungen zur Transkription
Spätere Ausgaben dieses Buches identifizieren Eugène Emmanuel Lemercier als Verfasser.
Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt.
Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
... Ich versiche Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ... ... Ich versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung ...
... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpt ... ... bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft ...
... Aber die Sonne ging über den Boden meines ... ... Aber die Sonne ging über dem Boden meines ...
... Die Stellung, die wir einnnehmen, nähert uns dem ... ... Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem ...
... Ich glaue mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ... ... Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. ...
... spricht gerade von dem Mahâbharâta, das, wie ... ... spricht gerade von dem Mahâbhârata, das, wie ...
... Bestimmmung der Dienstordnung befohlen sind. ... ... Bestimmung der Dienstordnung befohlen sind. ...