Briefe eines Soldaten
F. Ed. (Friedrich Edward) Schneegans translation
Den 6. August 1914.
Teuerste Mutter!
Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr bekommt.
Den 13. August.
Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn die Zensur ist außerordentlich streng.
Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen,
Sonntag, den 16. August.
Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut, übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt das mit Ruhe auf.
Den 19. August (aus einem Tagebuch).
Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich nicht.
Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt, gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen. Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen. Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat spielen kann in dem Bewußtsein,
Den 25. August.
Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet, was mir als meine Pflicht erscheinen wird.
Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist vortrefflich.
. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man
Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und ich habe den Willen auszuharren.
Den 25. August (zweiter Brief).
Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß wir uns wieder sehen würden.
Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen sein konnten.
Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen vermögen.
Den 26. August.
Teuerste Mutter!
Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, „Der Adler und die Nachtigall,“ der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was ich empfinde.4) Die Ersatzmannschaften enthalten
Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen Kunst dann vernichtet wäre.
Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.
Den 30. August.
Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind, sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .
Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle Schlaffheit. Bei dem gestrigen
Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest, welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte leisten können.
Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.
Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).
Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das „malerische“ den äußersten Mangel jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.
Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die englischen Truppen. Die Artillerie.
Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung umgehen. Herrliches Wetter.
Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen: 40 Mann in jedem Wagen.)
Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!
Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.
Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften Zügen vorbeigefahren.
Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle
Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich ausstrecken zu können.
Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung — aber auf die gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle Müdigkeit verschwindet!
Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun . . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche auf Erden ruht, welch’ Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit allein eine Herausforderung war . . .
Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.— Es brauchte dieses Entsetzen, um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande verknüpfen, fühlen zu lassen . . .
Den 7. September (aus einem Tagebuch).
. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte
Den 10. September (aus einem Tagebuch).
Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs
Den 13. September (aus einem Tagebuch).
Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren Opfer des Krieges.
Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon gekommen sind.
Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft. Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt gestorben. Was soll man
. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid, Brüderlichkeit und Güte verbleiben.
Mittwoch, den 16. September 1914.
In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße erbleichen; plötzlich, in einem Graben, — die Toten! Sie haben sich vom Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da — jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie. Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung — und ausgeplündert: überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem, was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt, französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.
Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die
Den 21. September 1914.
Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten, welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre. Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen durchdringen.
Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf Vorposten ziehen nach einem Kampfe.
Den 25. September.
Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!
Den 27. September.
Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird, greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .
Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!
O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .
Den 1. Oktober.
Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen neuen Geist weggefegt wurde.
Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen waren.
1. Oktober (aus einem Tagebuch).
. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .
Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets wachsame Feinfühligkeit stellen.
Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben sollte.
Den 9. Oktober.
. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben . . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, — und doch sind soeben die schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .
Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir Gelegenheit geben, daß ich
Den 12. Oktober.
Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe, mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
Den 14. Oktober.
Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß wir uns endlich schreiben konnten? Hier
Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt; sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht, darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre, sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen alles ertragen: zwei
Den 15. Oktober, 7 Uhr.
Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen, daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des Augenblickes.
Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter, Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist eine schädliche Kraftvergeudung.
Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin vorzubereiten, so gut ich es kann.
Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige Schönheit und Ordnung durchschauen.
Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung, und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
Den 16. Oktober.
Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den
Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld. Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu entdecken, sie andere entdecken zu lassen.
Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir uns wiedersehen, sie wird uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M . . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme. Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .
Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird. Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen, so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.
Den 22. Oktober.
. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen, die ich nicht ahne; aber ich spanne
Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.
Den 23. Oktober.
Liebste Mutter!
Ich habe den Artikel von Barrès, „Der Adler und die Nachtigall“ noch einmal gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere Hände lege als die unsrigen.
Den 27. Oktober.
Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen, sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
Den 28. Oktober.
Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost, wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe vollendet ist.
Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
Teure geliebte Mutter!
Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen Ausdruck dafür finden könnte.
Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .
Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als gewisse Zeiten rastloser,
. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen Blick in das herrliche Buch „Krieg und Frieden“ einwerfen kannst, wirst Du darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten gelassen ist, der sie erstrebt.
Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.
Den 30. Oktober.
Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich möchte sogar behaupten, abgestumpft sein. Was schadets: dieser Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete, unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.
Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit zu haben.
Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer die
Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.
Den 31. Oktober, 10 Uhr.
. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln hingerichtet ist. Was tut’s, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger, der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?
Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.—25. Während Du den für uns verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!
In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.
Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte. Wir sind aber an der Stelle,
Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des Landschaftsbildes.
Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal. Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.
Mittag. — Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.
Herrliche Pracht des Tages.
Den 2. November, Allerseelen.
Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt auf dem Wege der Trauer ist.
Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer und Hoffen: heute
Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.
Den 4. November, 1 Uhr.
Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen Morgen haben
Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen, der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.
Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren Einzelheiten tief bewegen!
Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die Beschwerden, die wir auf uns nehmen.
Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns darbietet!
Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer
Den 5. November, 8 Uhr.
Liebe Mutter!
Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.
Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht; aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich jetzt nicht mehr entbehren kann.
Den 6. November.
Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die Soldaten „cafard“
. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein so edles Empfinden hatte.
So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .
Den 7. November, 8 Uhr morgens.
Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden gebührend gewürdigt.
Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden, grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser Stille für mich war! — Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon, wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse, Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen
Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu’s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
Den 9. November, Montag 7 Uhr.
. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, es ist wenigstens so viel! . . . .
. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr daran gewöhnt.
Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckte
Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung enden.
Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenen
Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.
Den 10. November, 11 Uhr.
Teuerste Mutter!
Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes
Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren.
Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche betrachtest! . . . .
Vom 12. November, 15 Uhr.
. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während man die andern mehr ahnte als sah.
Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen
. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist nichts, was zählt. Deine Liebe ist’s, die ich so nahe fühle. . . .
Den 14. November.
Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das 5) Wir haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert Samain6) durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l’Isle-Adam finden: „Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.“ Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit schenkt.
Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe Deine Briefe mir bringen.
Den 14. November, zweiter Brief.
Treue, geliebte Mutter!
Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles
Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. August bis zum 20. Oktober.7) Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
Den 15. November, 7 Uhr.
Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!
Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß man Feuer und Obdach findet. — Die Kälte bedeutet nichts — gegen die sind wir gewappnet.
. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild
. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten Staaten Europas.
Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der Zukunft zuwenden. — Sie werden mit angespannter Energie dahin streben müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
Den 16. November an Frau C . . .
Sehr verehrte gnädige Frau und beste Freundin!
Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre warme Freundschaft meinen Mut!
Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben. Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.
. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke,
Den 17. November, morgens.
Liebe Mutter!
. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin verweilen kann im
Den 17. November, 11 Uhr.
Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober.
Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn gewaltsamer Mittel.
Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und wo ich die Pracht der Natur genieße.
Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.
Den 18. November.
Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht dadurch ganz eingefroren aus.
Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.
Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.
11 Uhr.
Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel! Oft tröstet er mich.
Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.
Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?
Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus „Rheingold“ vorspieltest: „Freie Gegend aus Bergeshöhen.“8) Worin aber unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf, das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.
Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine Landsleute, in Frage kämen.
Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
Den 19. November, morgens.
Teuerste Mutter!
Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.
Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte, um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.
Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen, der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses, auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu morden.
Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut fließt im Jahre 1914 . . . .
Den 20. November.
Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten
Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den 9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den 12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten Jungen, der für’s Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht, um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.
Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten. Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!
Den 21. November.
Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe, an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir bald das schöne Feuer und
Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht. Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil erkennen, das uns anvertraut ist.
Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel, hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf dem
Dein Sohn.
Sonntag, den 22. November, 9½ Uhr.
Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist: morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.
In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder beginnen zu wollen. Heute
Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .
. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin, wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft, mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des Rätsels stehen bleibe.
Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen, die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B. schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und
Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.
Den 23. November.
Liebe Mutter!
Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und doch ist auch hier alles schön.
Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei, auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren
Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage eines schönen grauen Bodens.
Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.
Den 24. Nov., 15½ Uhr, auf einem Rückmarsche.
Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen lieben Brief vom 18.
Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen, in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.
Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und die Entspannung war stark.
Mein unvollendetes Gedicht: „Soleil si pâle“ . . . bezieht sich auf die Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13. Oktober dauerten. Gewisse
Den 25. November, morgens.
. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.
Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte Farben in seiner Harmonie, — all das vor einem Horizont von majestätischen Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von vorigem Sonntag aufhob
Den 26. November.
Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .
Den 28. November.
Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, 9) nennt und in den man eindringt. So gelangt man unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches, ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des Lebens erzählten.
In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps, verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe, wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles vorbereitet zu fühlen.
Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
Teuerste Mutter!
Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von den gestern flüchtig gesehenen Wundern.
Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken, die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!
Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.
Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in meiner Bibliothek finden wirst.
Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil
Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die Weisen seiner „Paysages Tristes“10) in den Sinn; denn sie geben genau die Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)
In „Le Lys Rouge“ hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei uns.
Die Poesie in „Sagesse“ wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung, die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn der Aufschrei der „Mainacht“ durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.
Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert, Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und berauschende Blumenpracht keine
Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!
Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.
Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit,
Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll. . . .
Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters zu machen. . . .
. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als Katastrophen erschienen.
Den 1. Dezember, 2. Brief.
Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes
Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.
Den 5. Dezember, morgens.
. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. — Dein hübsches Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.
Ist’s schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren
Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.
. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen besteht.
Sonntag, den 6. Dezember.
Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir brauchen ihn oder vielmehr
Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren, was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .
. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .
Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger Betrachtung erscheinen mir die religiösen
Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig, aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu dürfen. . . .
Montag, den 7. Dezember.
Vielgeliebte teure Mutter!
Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen von Schlamm.
Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels. Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben. So lege
Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.
Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war, und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.
Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen, obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .
Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut, daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie diese Weisheit nur Stückwerk 11) Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es auch sein mag.
Den 9. Dezember.
Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .
Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde.
Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.
Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.
Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.
Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben, aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.
Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde wahrscheinlich meinen gewohnten Gang12) aufgeben müssen, da ich als Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.
. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.
Den 10. Dezember, 2. Brief.
Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .
Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für unsere zweiten und ersten Linien an.
Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge. Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde kommen sehen.
Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.
Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).
Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.
Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .
Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.
Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut und Güte am Himmel.
Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen. Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung das ganze Leben
Sonntag, den 13. Dezember.
. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.
Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung, um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.
Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.
Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener Seelenruhe).
Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.
Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen. Die einen färben
Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare, für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.
Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern, ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht, deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.
Den 15. Dezember, in der Frühe.
Teure geliebte Mutter!
Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim erzählst. Ich
Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie ich fürchte, sich wiederholen . . . .
Den 15. Dezember.
. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte
Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.
Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren, obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu erreichen, in den Weg trat.
. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.
Den 16. Dezember.
Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei herauskam! Ich glaube,
Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.
. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6. und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher, daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.
Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.
3 Uhr nachmittags.
. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe,
Den 19. Dezember, im Quartier.
Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille. Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen, dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen, die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit.
Den 21. Dez., morgens früh.
Teuerste Mutter!
Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen, aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.
Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu an, für mein Glück zu sorgen, die andere
Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle Vergängliches in sich haben.
Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie. Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren Philosophien. Bei Edouard Schuré13) ist manches anfechtbar, was man aber behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.
Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem „guten Hirten“ und der „Mutter Gottes“, welche in unsern Religionen so glückliche Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind? Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen übertragen
Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).
Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten wir das Dorf selbst besetzt, — die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause, an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen Weihnachtsabend.
Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet. Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke für denselben Begriff.
Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau14) machst, wirst Du ein Gemälde sehen, „das Leben der Menschheit“,15) glaube ich das goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter. Darüber ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters heißen: die Entzückung, das Gebet, der Schlaf, während die Stunden des silbernen Zeitalters heißen: die Begeisterung, der Gesang, die Tränen.
Die Entzückung ist auch die Anmut; denn das Gemälde stellt Adam und Eva dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.
Die Begeisterung, in seinem silbernen Zeitalter ist wieder die Anmut, aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit im Menschen, der Gesang ist von Tränen, dem Schmerze begleitet.
Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend, schildert Gustave Moreau das eiserne Zeitalter: Kain zur Arbeit und zum Verbrechen verurteilt.
Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer, die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine „Maler“. Geben wir zu, daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt hast.
Dein Sohn.
Den 24. Dez., in der Frühe.
Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt. Dann kehre ich zum Talglicht zurück und
Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer 75ger Granate als Wasserkrug.
. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die Zeit außerordentlich rasch vergeht.
Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . .
Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten. Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden. Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut verläuft.
Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich gelehrt, was man
Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines herrlichen seelischen Mutes.
Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.
Weihnachten in der Frühe.
Welche einzige Nacht! — Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte, in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres Bewußtseins bewiesen hat.
Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung auf der ganzen Schützenlinie sich erhob!
Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.
Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach Ordnung in Schönheit und Eintracht.
Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die köstlichen Melodien der Kindheit Jesu16) wachrief. Die jugendliche Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich dachte an den berühmten Schlaf der Wanderer und den Chor der Hirten. Ein Satz, den die Jungfrau Maria singt: „Der Herr hat für meinen Sohn diese Stätte gesegnet“, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir, während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist.
Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien; ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.
Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit!
O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für meine Umgebung noch recht umständlich ist.
Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein
Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie.
Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100 Mann, die kampfunfähig sind.
Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe keinen Ausdruck braucht.
Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz aus einen hübschen Baum am Himmel.
Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar, obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch
Den 30. Dezember.
Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von dem letzten Gemetzel erzählt.
Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober einnahm, einen
Am selben Tage.
. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . .
Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt, empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was wirklich besteht. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber- und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das alles nicht. . . .
4 Uhr. — Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie. Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges Gedenken, Hoffnung und Weisheit.
Vom 3. Januar 1915.
. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich mich von den groben
Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen.
Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang
Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen. Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern geschützt.
Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder
Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber in vortrefflicher Gesundheit.
Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
Den 6. Januar, abends.
Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.
Den 7. Januar, gegen mittag.
Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug auf Wache zieht.
Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und die Decke auch.
Den 9. Januar.
. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe, indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit anrufe, die höher ist als unsere menschliche.
Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte, daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!
Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung kannten, von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder, der vor langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen verschlossen ist.
Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder in Prüfungen, aber
Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die Revue Hebdomadaire gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.
Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische Bestimmung.
Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag
Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger. Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang — eine etwas unreine Moral, aber immerhin eine Moral — legte soviel Seele hinein, daß der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.17) Wie viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
Den 19. Januar.
Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel, rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde weiß.
Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das Rolandslied mir unendliche Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit den bösen Geistern erzählt.
Ich freue mich über Deine so lieben Briefe.
Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt, wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen der letzten Ordnung nur hemmen würde.
Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger