Vorwort.
F. Ed. (Friedrich Edward) Schneegans translation
Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem er verschwinden sollte, — welche quälende Stille für diese Frauen, die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen
Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten:
„Und sterben sollte nun die Welt Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.“
Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. „O herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!“ schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, — bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie
Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken
Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam erweitert: „Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen lassen.“ Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten, deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still, mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des „Ewigen“. Er blieb freilich empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, — und man wird sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber „in gleichem Maße leidend“, flüchtete er „zu einem höheren Troste“. „Man muß,“ sagte er zu denen, die ihn lieben und die er — mit welcher beständigen Fürsorge! — sich bemüht auf das Schlimmste vorzubereiten, „dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Nein entgegenstellt und sich an das hält, was „wirklich ist“. „Unsere Leiden kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.“ (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos, weil auch er ein eitler Schein ist und „Nichts vollständig verloren ist.“ So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark Aurels wieder, jene Tugend, „die weder Geduld noch allzu großes Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge, ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, daß es so .“ Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend, ihn lehrt, daß er von der einen sage: „Das bin ich nicht“, von der andern: „Das bin ich.“ Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad Gîta1) zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die „weder Geburt noch Tod kennen“, in das was „nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht getötet wird, wenn der Leib getötet wird“. Das ist das ewige Leben, dessen Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens, die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen
Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung
Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der
„Liebe“, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, — einem gewissen, unter seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, „der einem Soldaten gleicht,“ — Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, — Liebe zu allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren „Scherze oder Lieder“ kein Elend entmutigt, „braven Leuten, denen mein schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun“, — zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch
Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als ein Dichter, — ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt — den „die schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung“ berauschen. Innere Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: „Dort erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns.“ Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes sich hier ausspricht?
Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer
Das nennt er „sich anpassen“, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. „In voller Schaffenskraft, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn
Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die
Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann 2) Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: „Ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser Betrachtung das ganze Leben ist.“ Und andauernder, stärker schwingend ist manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Hymnen, Hymnen überall“
Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des
Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum
Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?
André Chevrillon.