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Berge Meere und Giganten

Zweites Buch. Der Uralische Krieg

Reading edition

Die Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf der Suche nach neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen heran, erweiterte die Stadtlandschaften. Wie die Strenge unter der Herrscherschicht nachließ, kam Verrat von Geheimnissen aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. Häufiger zeigten sich wilde schreckliche und dumme schwerfällige lenksame Figuren unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht verbündet, fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum gemeinsamen Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus.

Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur aus der Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen Masse.

Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu den ersten Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch ein Jahrhundert später erzählte man von den mächtigen Taten. Die Richtung war von der Peripherie des Völkerkreises auf das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney gegen San Franzisko, Nordafrika gegen Messina Palermo. In den außenliegenden Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion am heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand der Herrscherschicht, die von London gestützt war, die Macht entrissen. Aber es ging gefährlich gegen die Machtmittel selbst. Die Bibel erzählt von den Makkabäern. Die Namen Targuniasch, Zuklati sind ihnen gleichzustellen. Die Europäerreste an der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der Europäer entzogen, offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die Wut wurde aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung, die Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden Darstellung des Lebens der Königin Melise und anderer. Da war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre Priester und Priesterinnen, die Lanzen der Söldner. Die bestialischen Totengerichte spielten sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, aus den Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören. Die Köpfe zerstören, aus denen sie kamen.

Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen, Männer und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen, aus denen die Apparate wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch Liebende Freunde Kumpane beim Trunk wurden in den gewaltigsten Stadtlandschaften Menschen der Herrscherschicht weggerafft. Der Mähende und seine Saat kam meist zugleich um: so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein Angreifer an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der Boden unter den Apparaten sank. Die Männer und Frauen, die sich so opferten, waren nicht zu zählen.

Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne Macht zu besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate ihrer Staaten geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen herzugeben und sich dem Volksspruch zu unterwerfen, welche Apparate zu erhalten seien. Die wandernden unsichtbaren Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten sie nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand, waren ihrer Umgebung selbst verhüllt.

Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und Calais. Dort hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man nicht kannte, arbeitete sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse ein. Die erschlaffte Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte auf. Kein verdächtiges plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein fremder Zugriff; sie hatten Verräter unter sich. Die eintreffenden Kommissare Londons fanden nichts. In Antwerpen waren eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, die Schutzwaffen der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos. Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt an, lärmte verlief sich. Als London erschien, war er untergetaucht. Targuniasch wühlte weiter. Vergebens. Die Oberen warfen neue Vergnügungen über die Menschen. Da stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war auf allen Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den Leitungen eines Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte.

Zuklati endete ähnlich in Calais.

Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man saß da, wußte keinen Rat.

Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei Frauen, die aufs tiefste erregend in Francisko am Großen Ozean erschienen, stammten aus dem kampfzerrissenen Sidney.

Der Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und Repressalien durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden. Die alten Köpfe, mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar, waren schon auf Paktieren aus. Da warfen die Jungen sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen hatten das Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend. Eng an die Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen enthusiasmiert den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften von dem neuen Geist ergriffen, dann viele andere. In Europa vollzog sich der Bruch mit der Dünkircher Direktive in einer Schroffheit, die die ganze Spannung der Massen offenbarte. Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen Geheimnissen verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab man preis, die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft des Ereignisses war geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man lockend fordernd in die Knie zwingend das Neue.

Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt von den Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen Werke Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen. Ritten durch die Länder, erregten durch ihr Erscheinen maßlose Freude. Sie waren sachverständig wie die Alten.

Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten Frankreichs Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern Flugzeugen Wagen. Wie aus dem Dunkeln stiegen diese Zeichen mit den Jungen auf. Die noch lebenden Alten staunten, waren hingerissen, fürchteten sich, warnten.

Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu werden. Die Fahnen der neuen Demokratie, die in London Paris Calais Berlin und rasch über allen Landschaften erschienen, sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen sich in sie hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und Wohnhäuser ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von gleichen Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die alten Nationalfarben anklangen. Aber überall silbern weiße und goldene Sterne Sonnen und Monde. Die blühenden jungen Männer und Frauen der Herrscherschicht trugen die Fahnen über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten an dem alten Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen Herzen heftiger bei ihrem Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume Liebeslieder, was sie bewegte. Es legte ihnen nicht den Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht zum Seufzer, machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen hinkrampfend: sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien Insulte Attentate auf die Senate hörten auf. Die Menschen verschworen sich den Zeichen. Begehrten sich für sie zu zeigen.

Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen der Kontinente erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern von den Zentren die Dynamos antrieben, heftiger siegreicher. Die Sonderturbinen der alleenlangen Werke sangen hoch und tief wie in Chören. Die Transmissionen die Drähte, rasselnd schnarrend, dumpf stöhnten kreischten. Etwas Lächelndes Freches blitzte aus den Kabelwerken den Rohrleitungen der Werkstätten.

In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren Untiere von Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen, über die Gestänge sich zogen, war eine Liebe zu diesen eisernen Wesen gefahren. Ihr Dröhnen Schnattern Einschnappen tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie eine Liebesbegegnung.

Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen Jahrhunderts, dem Wuchern Vorsichhocken der Städte und Landschaften eine Verbindung hergestellt über Europa und bald über die großen drei Kontinente. In die Senate traten zu den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und Frauen der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen waren Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte gewärmte Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß sie, wie sie ihn fühlten, zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben wurden, die sie so lange davon zurückgehalten hatten. Die von den Alten vieler Stadtschaften befürchtete Ausrottung der Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; das waren belanglose Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. Die Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten. Kosend, in stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen Männer und Frauen an die Maschinen, die jetzt ihre waren. Das Eisen erschien ihnen beseelt wie ihr eigenes Fleisch.

Während ein Branden die Kontinente erfüllte, die letzten Alten der Herrscherschicht alles verloren gebend ins Grab sanken, zeigte sich eines Tages in Süddeutschland eine junge Frau auf den Straßen einer großen Stadtschaft. Trug ein riesiges Banner mit den Zeichen der Gestirne. Aber es waren nicht nur Sterne Sonne Mond auf dem Banner, sondern ein Feuer, das von den Gestirnen ausging, die wie Früchte aufgebrochen waren und Flammen hochwarfen. Das Banner lehnte sie auf einem Platz an einen Baum, sprang vor den jäh erregten Tausenden, die mit ihr gezogen waren in einem ausbruchsüchtigen Drang, auf die Granitschale des Brunnens. Das Wasser der Fontäne stäubte im Wind über sie, ihre Füße standen im Becken. Oben schwang sie, gelbes sanftes rundes Gesicht braune Augen, die dünnen Arme, riß sich die Brust auf: „Wie lange wollen wir herumgehen? Die Straßen betreten? Den Staub, die Steine? Wozu? Wozu sind wir da, wozu bin ich da? Wißt Ihrs nicht? Ich weiß es. Wir lieben das Eisen; die Kraft ist in uns, die Stärke, die keine Zeit hatte. Man hatte uns davon abgesperrt. Jetzt haben wir sie. Jetzt fühlen wir sie. Sie ist unser Blut unser Leben. Es ist nicht die Erde. Was soll die Sonne auf unseren Fahnen, Mond Sterne. Nicht Sonne Erde Sterne. Wir! Wir! Wir! Wir Menschen! Die Sterne aufbrechen! Die Sonne aufbrechen! Wir können es! Wir haben ein Hirn im Kopf. Da stehen unsere Maschinen. Unser Fleisch. Ich liebe sie. Was ist kräftiger als sie. Was ist kräftiger als wir mit ihnen. Meine Seligkeit. Ich will nicht an mich halten. Kommt, Freunde Freundinnen, zu unserer Kraft! Zu unseren Kindern! Zu unserem Herz.“ Sie war mit dem Banner, geführt von ekstatischen Menschen zum nächsten Kraftwerk getragen worden. Ein Zittern befiel die Arbeiter beim Heranrauschen der Scharen. Durch den Riesenraum wogte das Banner, das ihnen an die Seele griff. Das Lied von Targuniasch, dem Befreier brauste. Die Frau schrie vor einem surrenden rastlosen Ungetüm: „Targuniasch, der Befreier. Er wollte die Werke zerstören. Wir wollen sie für uns erobern. Unser Blut ist bei uns. Meine Seligkeit! Meine Seligkeit! Wir wollen uns nicht zurückhalten vor ihnen. Hin! Ich muß hin!“ Und unter Aufschrei Hinsinken von Frauen und Männern, besinnungslosem tobsüchtigem Stöhnen und Kreischen stürzte sie sich von der steinernen Umfassung des Maschinenkörpers in seinen blitzenden wogenden eisenschmetternden Leib. Keinen Augenblick änderte die Maschine ihren Lauf, herrisch dröhnte sie in ihrer steinernen Umfassung. Sie wühlte in ihrem Bett, schlang den Frauenleib, salbte sich mit seinem gießenden hellroten Blut. Riesig überschmetterte sie Kreischen und Schreckensstille der Menschen. Ein Mann auf der Umfassung, klein geduckt, Gesicht, das nicht zeigte ob es lächelte oder weinte: „Hin ist hin. Was ist ein Leib für eine Maschine. Wieviel muß eine Maschine fressen, um ein Mensch zu sein. Sie muß nicht glauben, ihr genug getan zu haben. Das war für das Maschinchen ein Tropfen. Hört an, wenn ich ‚hi‘ schreie, was das Maschinchen dazu sagt. Hi! Hi! Da bin ich nichts; sie ist lauter. Das braucht mehr als einen Menschen. Wer will mit auf die Reise. Gurre, gurre, gurre!“ Er lockte. Zu zwei, drei, vier standen sie oben, blickten von der Umfassung. Der verzerrte kleine schrie: „Ein Sprung.“ Sie hatten sich angefaßt, waren hin. Die Körper warf die Maschine im Bogen über sich; es war, als spie sie sie noch mal aus, bis sie die Überkugelten Zurückstürzenden schluckte. Einen Moment schnurrte sie, als wenn sie sich innerlich riebe und zögerte; donnerschmetterte eisentoste weiter. Die Fahne der Frau hob am Schaft eine andere Frau, der die Zähne schnarrten. Sie war sehr groß; die Fahne hielt sie vor sich in gefalteten Händen; angstvolle Miene, die Knie vibrierten unter ihr; sie trat auf die Umrandung. „Keiner mehr heran. Laßt die Maschine ruhn. Sie schluckt. Für heute genug.“ So donnerwetterte die Maschine, daß sie flohen.

Sie waren in vielen Städten so hingenommen. Sie sprangen auf die Beute. Die Fahnen der jungen befreienden Männer und Frauen wehten über den Landschaften. Knechtend hinzwingend wehten sie über den Landschaften. Sie rissen die Blicke weg von den Äckern Straßen Fabriken. Wie ein Wurm schlich es hin zu den Männern und Frauen, die fühlen konnten; aus der Berührung der Werkzeuge, dem Blick auf die Werkfronten, den Reden der Menschen, den Gesten schlich es in ihre Arme, hob sie an die Brust, ließ sie an die eigene Brust sich legen, ließ die Kniee sich aneinanderdrücken, die Füße Knöchel sich aneinanderpressen, drückte das Kinn auf die Brust, daß sie standen und sich wieder frei machten sich schüttelten wild räkelten.

Um die großen Anlagen die Werften Fabriken, um die Lager der Flugzeuge, neben den Schienen den wandernden Häusern gingen in Dunkelheit die Menschen, die farbigen heißen die weißen gelben, schielten, waren bezwungen, wanden sich, barmten: „Was sollen wir tun?“ Sie trugen die losen und engen Arbeitskleider. Die Ruhe hatten, hatten bauschige Jacken Überwürfe an sich hängen, wallende Hüte Schärpen, schleppten sie die Dämme und Mauern entlang. Wie sie sich duckten: „Tu uns nichts. Was sollen wir tun. Sag uns: was. Sprich: was. Her den Mund zu uns, an unsere Ohren. Wie es uns knirscht in der Brust; wie wir klein sind. Nein, wir sind groß. Zeig uns, wie wir springen sollen; wir werden springen.“ Bäumten sich: „Wo ist Rettung.“

Sie litten unter dem Drang. Durcheinander von Liebe Inbrunst Zerstörungswut. Zerstören mußten sie die Apparate, die sie liebten. An vielen Orten taten sie es. Sie taten es nicht gern. Sie waren nicht anders als die Männer und Frauen, Herren und Herrinnen, die dann in großen Schleiern und Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen waren, sie beim Nacken ergriffen, zum Hinrichten und Vernichten fortschleppten. Von diesen Händen, die sie steif hielten, hingen sie herunter. Sie waren eins mit ihnen, lachten und wanden sich zappelten tobten: „Tötet uns. Was macht es aus. Es wird uns nicht ändern.“ Die Leiber, die sie schleppten, – die Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen, – schrien: „Warum habt Ihr Euch an unserem Blut vergriffen. Warum an unserem Blut. Ihr sollt es sagen. Dies sollt Ihr sagen.“ Von denen, die an ihren Händen hingen, lachend zuckend: „Sar Tiglat! Iddiu! Ihr wollt es wissen. Was wollt Ihr von uns wissen. Wir sind Euch voraus. Ihr werdet uns töten. Ihr nehmt uns das Leben ab. Wir danken Euch.“ Man warf sie in keine Maschine, um das Werk nicht zu schänden. Nahm keinen Stahl, um ihn nicht zu beschmutzen und zu kränken. Suchte Felsen Wasser Sümpfe Flußlachen auf, zerwarf erstickte sie. „Oh hätte ich mehr Hände“ schrieen die Richter. „Oh hätte ich mehr Leiber“, die Vernichteten. Wut und Entzücken in beiden.

Was war mit den Männern und Frauen. Wie sie tausendmal kampflos nebeneinander stiegen, von Inbrunst und Verwirrung vor dasselbe Ziel getragen, so hielten sie sich tausendmal bei den Fingern, an den Daumen Knöcheln Ellbogen Schultern. Die Finger zogen sich weg, krampften zusammen. Die Daumen stellten sich auf, bohrten sich ein. Die Ellbogen spreizten sich, stemmten sich, zuckten wie Scharniere zusammen, schlugen wie Türen zusammen. Die Schultern waren nicht anders wie Wasser. Wie ist das Wasser. Das Wasser ist weich. Faßt man auf das Wasser, so weicht es aus, schwindet hin, ist nicht da, schlägt über die Finger und ist da und nicht weg, hat Finger Hände Knöchel verschlungen. Die Schultern nahmen die Hände, sanken wie Tasten unter den Fingern herunter, bebten auf, wogten tiefer, schwankten wie ein Boot rechts und links, fegten wie Segler zur Wasserfläche herunter. Fuhren rechts aus, links aus. Das war wie Schilf unter dem Wind, flatterte ab, schnellte auf, schwamm in Ruhe. Spritzte wie Milch in Röhren herunter, drang hochgesogen empor. Die Schultern, – bis ihre Muskeln sich verfestigten aufsprangen sich versteinten und es hieß: leben oder sterben. Kein Geschlecht begehrte vom andern, es möchte schwächer sein. Jedes begehrte vom andern, es möchte stärker sein. Damit man es wilder eiserner fürchterlicher tiefer fassen und daran verderben könnte.

Von Italien begann es. Die Landschaften waren plötzlich erfüllt von Scharen, die sich aus den Werken Siedlungen lösten. Die gaben vor, der Geist der Maschinen Apparate zu sein und ergossen sich über die Gebiete der Städte. Es waren wilde halbverwirrte Scharen. Mit Maschinenrädern schwarz blau rot ihre Brüste bemalt, die sie offen trugen. Die knatternden Riesenbanner mit Sonne Mond Gestirnen über und vor ihnen. Feuer brach aus den Gestirnen. Oft, viel öfter aber brach es nicht aus ihnen, sondern stieg Feuer aus der Dunkelheit unter ihnen. Der feurige Schwalch schlug zum Himmel, hüllte die erblassenden Zeichen ein. Die Dunkelheit war nichts als eine Wolke. Manchmal war sie ein Kopf eine Brust der schwarze Raum zwischen zwei hochgehobenen Menschenhänden. Zwischen denen brunstete knisterte flutwogte schwoll das Feuer auf, zur Seite, leckte herunter. Diese Menschen waren Mordsenger. Sie zogen autonom hin. Man wagte ihnen, die furchtbar finster durch Deutschland Frankreich Italien Irland schritten, nicht zu widerstehen. In Amerika, an der Ostküste zerstörten sie kleine Siedlungen. Dann äscherten sie große Teile von Chicago Washington ein. Wie der Blizzard erschienen sie, wie der Heerwurm machten sie unter sich den Boden kahl. Stiegen über Gebirge, hielten nicht vor Wüsteneien. Es war kein einziger unter ihnen Mörder Mordbrenner Mordsenger. Immer wurden sie, was sie waren, wenn sie zu den wandernden getriebenen schäumenden brandenden Scharen stießen. Sie schmolzen zusammen mit ihnen.

Stolz trieben sie an Flüssen vorbei, die sie austrockneten zerrissen umlenkten. Zu nichts trugen sie schwere Apparate mit sich, als um Erde und Himmel anzufassen. Sie suchten Widerstände auf. Rasierten vor sich mit zwei drei ihrer Flammenschleuderer Haine und Forsten, die ihnen im Wege standen, stampften über die heiße kahle Landschaft. Kinder, die geboren wurden, warfen die Mütter widerwillig hinter sich. Diese Menschen erstickten an sich selbst. Denn zuletzt drangen sie auf sich selbst ein. Die Gewalt, die sie hatten, mußten sie auch an sich zeigen. Aus Massenopfern wurden Massenselbstmorde. Es waren Ereignisse, die in den durchschrittenen Landschaften furchtbar und ansteckend wirkten. Zahllose wurden in den Wirbel hineingezogen. Grimmig fordernd blickten die brennenden Fahnen auf die Gebiete herunter. Ihr Knattern klang erregender als Kriegsgeheul. Die Fahnen riefen die Männer und Frauen aus den Häusern. Sie mußten sich stellen, in Reih und Glied, als wenn es zum Kampf ginge. Und dann wurden sie über fremde Stadtschaften geworfen, zerbrachen Wälder, rissen Flüsse auseinander, traten sich gegenüber, Mann und Frau, um sich hin zu ringen, den Strick von eigener Hand um den Hals, das Messer in eigener Hand, den Strahl den man selbst gerichtet hatte, gegen die bemalte Brust, schweißige Stirn, das heißblickende erwartende Auge.

Jahrelang fluteten und ebbten die Mordsenger und Scharen der Selbstmörder über die westlichen Landschaften. Bis aus ihren eigenen Massen die Gewalten entstanden, die sie vernichteten. Inka Stochod, ein Pole, dämmte die Welle, von der er selbst eine Zeit getragen war. Mit einer Handvoll Ergebener, kraftvoll nüchtern, dabei ekstatisch heiß wie er, tötete er im Ostdeutschen an einem Pfingsttage eine Anzahl der turbulentesten Menschen neben sich, Männer und Frauen, die schon übereingekommen waren, sich zu opfern. Stochod beseitigte sie, ehe sie es konnten. Den Scharen, die in der schlesischen und mährischen Landschaft in seiner Nähe waren, berichtete er das Geschehene, überzog sie, warf sie hin. Mit einigen weiteren Schlägen erstickte Stochod, Menschen und Waffen aus Berlin Hamburg heranziehend, die Erregung in Ost- und Mitteldeutschland. Schwankende Senate der südlichen deutschen Landschaften gewannen Kraft, gegen die Banden in ihrem Gebiet vorzugehen. Stochod konnte zur selben Zeit in London von der Befriedung des großen mitteleuropäischen Gebiets berichten, wo die mit ihm erschienenen Skandinavier und Italiener fassungslos von dem Schreckwesen sprachen, das ihr Gebiet heimsuchte.

Auf dieser Konferenz in London waren Stochod und Arsen Yorre aus Lyon sich gegenübergetreten. Stochod mittelalterlich lockenwallend, in der bunten prächtigen Tracht seiner Zeit, mit Pelzmütze und steiler Feder, ein schwerer immer lachender Mensch, der, dem furchtbaren Treiben entrissen, von Späßen übersprudelte, mit seinen fleischigen Händen sich selbst Beifall klatschend, listig aus seinen gelblichen Augen blinzelnd. Er umarmte Yorre, den sehnigen aus Eisen gegossenen Südfranzosen, der in Frankreich begonnen hatte, was Stochod schon beendet hatte.

Stochod sich dehnend brüllte von seinen einfachen Methoden. Sie standen im Nebel auf dem Balkon in der Downing Street. Das heraufknatternde Leben unter sich konnten sie nicht erkennen. Sie schwuren sich Hilfe. Stochods Geliebte und Mitregentin, eine junge aalglatte Polin, schwarz umrahmtes mit einfachen Linien gezogenes Gesicht, ließ ihre Augen blitzen, als sie die beiden zusammenfand. Sie sah Yorre streng an; als sie aber eine Weile zugehört hatte, griff sie den Franzosen bei den Schultern an. Er ließ sich betasten und spannte seine Muskeln an. Sie konnte ihre Finger nicht von seinen Armen lösen; er klemmte ihre Hände an seinem Brustkorb fest, daß sie schrie. Sie ließ sich dann von ihm umarmen und auf den Mund küssen, hängte sich rasch wieder an Stochods mächtige Brust, der ihnen strahlend zugesehen hatte, und ihren biegsamen schlanken Rücken unter freudigem Brüllen streichelte. Von Lyon aus warf Yorre in wenigen Wochen die zerstörerischen Fanatiker nieder. Vor Paris, wo sich die restlichen Banden eingeschlossen hatten, erschien er in einem märchenhaften Aufzuge. Er lagerte sich zehn Tage vor der Stadt. Die Fernwaffen von Paris konnten ihm nichts antun. Hinter ihm waren die Kenntnisse Londons Amerikas Deutschlands. Er ließ alle in seine Stellungen, die hereinwollten. In der Stadt Paris war die Tobsucht des Mordens und Selbstmordens nicht zum Stillstand gekommen; Yorre ließ sie ohne Bewegung sich ausrasen. Schauernd standen seine Massen vor der Stadt, hinter deren machtlosen Masten und magnetischen Riegeln das Feuer brannte, das von den Ebenen weggetrieben war. Draußen zuckte es in ihnen noch. Sie spannten die Muskeln an, drängten es herunter.

Unter dem starren großartigen Zwang der Technik und ihrer bestrickenden Wirkung auf die Massen kam in der Mitte des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts die Wasser- und Sturmlehre auf. Es wurde von einigen Köpfen der Masse, – unter ihnen besonders der Indianerabkömmling Surrur in Edinburg, ein Guato von Paraguay, und der Norweger Sörensen – hingewiesen auf die sehr große Zweckmäßigkeit und das fast maschinelle Zusammenarbeiten in den Tierstaaten. Hier folge jedes Tier einem ganz bestimmten Arbeitsdrang, der für alle nützlich sei, trage Halme zusammen, zerbeiße Pilze, baue Waben. Dies seien Dinge, die eine Gruppe und Arbeitskategorie gleichmäßig nach ihrer Kraft verrichtete, unpersönlich triebmäßig reflexartig. Man könne nicht sagen, daß der menschliche Zustand der Zersplitterung dem gegenüber einen Fortschritt bedeute. Es sei unrecht ein Privatleben zu führen und Individuen zu dulden. Sie führten aus, es genüge, wenn eine gewisse kleine Anzahl Menschen sich dazu hergebe, bestimmte Sonderfunktionen auszuüben, zu denken planen Personen zu sein. Im übrigen sei es im Interesse der Menschheit, für die ungeheure Masse einen gleichmäßigen Dauerzustand herzustellen, ihnen das doch nie ausgelebte Eigenleben zu nehmen, sie vegetativ einzuebnen. So garantiere man Gleichmäßigkeit und Glück des Einzelwesens. Und nur so. Denn sicher könne weder durch Lehre noch durch private Bemühung der Einzelne zu einem Glück kommen oder vor Unglück bewahrt werden. Sie wiesen auf das Fluktuieren, das bekannte ganz ziellose Schaukeln der Weltgeschichte. Die Ursache für dieses Hin und Her, das Aufsteigen und Abstürzen großer Reiche, blühender Zentren liegt in der guten Absicht der Individuen und Völker, von sich aus etwas zu leisten. Die Massen sind aber zerspalten in Schichten Parteien bis herab zu Einzelpersonen; einiges gelangt zu dem, einiges zu dem, man versteht sich nicht, bekämpft sich, das ist der Keim des Untergangs. Die Einebnung zu einer Menschenmasse muß jeder anderen Bemühung vorangehen. Ein Soldat ist gesättigt, jenseits von Glück und Unglück, in seinem Dienst. Verläßt er Reih und Glied, geht er allein mit den Kameraden oder in eine Familie, so beginnt das Schwanken seine Unbrauchbarkeit Gefährlichkeit.

Die Wasser- und Sturmlehre Sörensens und Surrurs zeigte auf die Einförmigkeit der Wasser- und Luftteilchen; man könne nur als Phantast annehmen, daß es Luftpersonen und Wasserpersonen gäbe. Milliarden Luft- und Wasserteilchen sind völlig gleichartig zusammengeschoben, bilden Luft und Wasser. Luft und Wasser aber sind Dinge, gewaltiger an Kraft als Staaten und Menschenhaufen und von unglaublicher Beständigkeit. Surrur, dem die Technik der Lebensmittelsynthese Außerordentliches zu verdanken hatte, behauptete ernsthaft und nachdrücklich von Edinburg aus: es bliebe den Menschen nichts weiter übrig als Einzeltier oder vegetative Masse zu werden. Das Einzeltier sei unmöglich. Bliebe nur die vegetative Masse. Damit sei gegeben: Aufhören der Geschichte, Sicherheit der Art Mensch. Er dachte das durch staatliche Züchtung, über Jahrhunderte fortgesetzt, durch biologische Eingriffe, besonders Ernährung zu erreichen.

Mit Lehren dieser Art wurde ausgesprochen, was sich im europäischen Völkerkreis schon bewegte. Es sollte sich zeigen, daß sie ununterdrückbar immer wieder auftauchten und einem tiefen Drang der gehetzten Wesen entsprachen.

Dem aufkommenden einförmig strengen Massenideal konnten sich die Frauen am leichtesten unterwerfen. Damals forderte niemand Milde. Erbarmungsloses Sichten und Ausscheiden wurde als selbstverständlich angesehen. Man vernachlässigte planmäßig den Schutz der Schwachen. Unglückliche wurden nicht bedauert, sondern verachtet. Das Humanitätsgefühl, das ererbt war, schwand. Überall blieben am Rand der großen Menschengesellschaften, in den größten Städten, Organisationen zurück, die, von Abkömmlingen der alten Herrengeschlechter geführt, es sich nicht nehmen ließen, Sieche Greise Kranke zu pflegen. Sie waren in vielen Landschaften, in manchen Jahrzehnten, verfemt, konnten sich nur unter Decknamen im tiefsten Dunkel am Leben erhalten. Und besonders das anströmende Volk war es, das diese Wohlfahrtsgesellschaften haßte, ihre Niederlassungen oft sturmartig vernichtete. Einzig am Glanz der Apparate teilzunehmen, ihre Kraft vorwärts zu treiben, beseelte die Menschen: hier gediehen die Frauen. Der schwächliche Typ der westlichen Frau verschwand. Die neu aufkommenden Frauen haßten nichts so als zarte Frauen, die die Wonne der Männer gewesen waren. Sie mißbrauchten sie, machten sie zu Dienerinnen, demütigten sie grausam, deren Art nach wenigen Generationen einging. Überall taten sich die Frauen beim Absterben der Familie zusammen, übernahmen die Initiative für den Schutz und die Aufziehung der Säuglinge und kleinen Kinder. Sie hatten die gleiche Sachlichkeit und Kälte wie die Männer, dazu größere Brutalität. Lebten in gewaltigen Kameraderieen, die sich über die größten Stadtlandschaften ausdehnten, saßen aber auch in den einzelnen Werken und rangen mit den Männern, die sich gegen die Frauen wehrten wie gegen andere Männer. Die Männergesellschaften, die sich dann bildeten, konnten an Kraft nicht mit den Frauenbünden wetteifern.

In diesen Bünden organisierten die Frauen den Dienst und die Verteilung der Geburten. Sie waren sich bewußt, welche Einbuße ihr Geschlecht durch Schwangerschaft Geburt Stillen der Kinder erlitt. Es hieß den Nachteil möglichst gering gestalten, die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, aus einer Schwäche zu einer Stärke zu gestalten. Die Frauen waren es, welche lange Zeit allein unter sich bestimmten, wer von ihnen und wie viele sich zum Gebärakt herzugeben hatten. Denn es war klar, daß man ebensoviel Kampfeinheiten verlor. Erst in diesem Augenblick wurde die jahrhundertelang diskutierte Frage der Menschenzüchtung beantwortet, gelegentlich der Lösung einer anderen Aufgabe. Die Frauen stellten sehr widerstandsfähige starke ihnen genehme Exemplare für die Kindererzeugung bereit, von denen sie erwarten konnten, daß sie durch Geburten nicht niedergebrochen wurden und daß sie kräftige Kinder bringen würden, an die nicht überflüssige Kraft vergeudet wurde. Die Einrichtungen, die die Frauen aller Kapitalen nach Absterben der Familien für die Mutterweiber schufen, waren die einzigen von humanitärem Anstrich und gehörten zu den großartigsten und bestgeschützten Gesellschaftserzeugnissen der Epoche. Allein die Frauen, und zwar eine lange Zeit die der Bünde, bestimmten und gaben bekannt die zur Vaterschaft geeigneten Männer. Früchte unbekannter Herkunft wurden rigoros vernichtet.

Hätte diese Epoche der westlichen Menschheit länger gedauert, so wäre die weibliche Vorherrschaft besiegelt gewesen. Denn die Frauen hatten es in der Hand, und erfaßten es rasch, daß nach Verfall des sanften Hin und Her zwischen Mann und Weib das Gebären der Kinder die furchtbarste Waffe gegen die Männer war. Frauen konnten zwar vergewaltigt, aber nicht zum Gebären gezwungen werden. Sie hatten es in der Hand, die Zahl der heranwachsenden Männer zu vermindern. In den Frauenbünden lebte schon der Gedanke, nur eine geringe Zahl männlicher Kinder am Leben zu erhalten. Sie hatten vor, das Andrängen fremder Volksmassen abzuwarten, dann diese Waffen gnadenlos zu gebrauchen. Man hörte schon aus nördlichen Stadtschaften, in die langsamer Fremde eingeschwemmt wurden, daß die Frau in den Senaten die Oberhand hatte, in ihrem Gebiet Vielmännerei durch ihre Geburtenpolitik erzwang.

Da machte das Übermaß plötzlich auftauchender Entdeckungen und Erfindungen, dieser so leidenschaftlich und streng von allen betriebene Fortschritt, allen Plänen ein Ende.

Wilder als je erhob sich um das Ende des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts und den Beginn des neuen das Gespenst der neuen Erfindung, des vernichtenden Fortschritts. Erfindungen nahmen ganzen Industrieen den Boden, leerten wie ein Krieg ein Dutzend blühender Städte aus, die sich auf die Wanderschaft begeben mußten. Es war eine Wanderung von Völkern, derer sich die Nachbarstaaten annehmen mußten, falls sie sich nicht kriegerischer Überflutung aussetzen sollten.

Nichts ist an Wut zu vergleichen dem Kampf, der gegen die Erfindung des Lichtanstrichs geführt wurde. In dem dunklen Helsingfors wurde einmal das Geheimnis des Anstrichs von einem Mann gefunden, den das Fluoreszieren der Fluorite, Sodalithe, des Berylls nicht losgelassen hatte.

Frau Garner, deren Sklave er war, oder Freund oder Gehilfe, griff die schwärmerischen träumerischen Einfälle Tikkanens auf, mit scharfem Durchschauen. Zielbewußt arbeitete sie jahrelang, ohne Tikkanen davon zu sagen. Als sie Tikkanen in ihr völlig finsteres Versuchslaboratorium kommen ließ, aus einer Stahlbombe an der Tür die Wand neben sich anspritzte, und ohne daß der stumm und sanft wartende Mann einen Apparat sah, die bereitgestellten Gasflaschen gegen die feuchte Wand hauchen ließ, schwoll zu seiner maßlosen Verwunderung eine Helligkeit neben ihm auf, grünlich, dann rötlich, gelb, zuletzt ein Weiß, das alle Gegenstände Gestalt, Farbe annehmen ließ. Das Staunen des bezwungenen Mannes war grenzenlos.

Tikkanen erkannte nicht die Elemente der Erfindung. Erst wie die Frau ihm die Analyse der Spritzmasse gab, fand er sich zurecht. Ihm dämmerte schwermütig etwas. Er sprach es aus, als sie die Verbesserung und Vereinfachung der Methode überdachten: im Grunde schiene ihm die Entdeckung mit seiner Beobachtung am Strand der Insel Smölen zusammenzuhängen. Er lächelte dabei diskret. Sie hatte dies Lächeln schon lange erwartet. Sie ging mit ihm ohne ein Wort zu sprechen in den Versuchen weiter. Sie forderte ihn auf, die Verstärkung der Leuchtkraft beim Auftreffen der Masse auf pflanzliche oder tierische Gewebe zu prüfen. Die Hunde, deren sie sich bediente, reagierten, wie sie schon wußte; sie husteten ihn an. Der Mann überlebte die Hunde nicht lange. Nach einem Jahrzehnt war die Substanz fertig. Sie bedurfte einer großen Zahl geübter Sonderarbeiter und Sonderfabriken. Aber hebelte hundert Werke aus, die Licht Lichtträger Lichtfortführer erzeugten. Es war so geworden: niemand war vor Erfindungen sicher, die aus dem Hinterhalt auf die Menschen fielen. Wie früher Epidemien die Menschen verheerten, Städte ausrotteten, so jetzt das ruckweise Anwogen neuer Erfindungen. Werke Anlagen Städte Landschaften wurden auf Grund von Erfindungen von den überterritorialen, meist London–New-Yorker Konzernen hingestellt, die Menschen aus allen Erdteilen für den bestimmten Zweck ansiedelten. Bis ein neuer Fortschritt sie niederwarf verschwinden ließ. Die planende Industriegruppe zog sich von ihrer Gründung zurück; auf dem Kontinent aber wallten ziellos neue Hunderttausend. Wie sie drohend entwurzelt ausgehalten von den Nachbarstädten und Landschaften über ihren Boden fluteten, verlangten sie Schutz vor den Erfindern, oder wie sie sagten: vor den Konzernen.

Da griffen die örtlichen längst verblaßten Senate dies Stichwort auf. Sie kamen den Massen entgegen. Die Senate schworen, jeder Zertrümmerung der Stadtschaften durch fremde kriegerische oder technische Angriffe Widerstand zu leisten. Dann stellten sich die Stadtschaften, stolzer als je aufwachsend, auf eigene Beine. Die zertrümmerte Gewalt der großen Familien wurde neu gekräftigt. Die Stadtschaften mußten sich zum Teil nach rückwärts entwickeln, vielseitig arbeiten und erzeugen, um nicht durch einen Stoß umgeworfen zu werden. In den Stadtschaften bewegten sich die gezügelten Massen sehr ruhig. Sie durften brüllen: „Weg mit neuen Erfindungen!“ Dieser Haß war es auch, der den neuen Herren es erleichterte, die Zahl der zur Technik und Wissenschaft zugelassenen Menschen wieder zu rationieren und sich selbst zu befestigen. Die Senate ließen sich offen das Mandat geben, neuaufkommende Techniken zu prüfen und ihre Verwendung zu genehmigen. Die Stadtschaften hängten sich eng aneinander. Es bestand ein Ring der Stadt- und Landschaften. London, sehr aufmerksam, kontrollierte sie mit ihrem eigenen Einverständnis.

Die Herren der Städte aber, mit Volkszustimmung zu großer Macht gelangt, saßen hohnvoll hoheitsvoll da, Männer und Frauen, und lachten. Lachten, wie die Völker ihnen vertrauten; sie wollten gewiß helfen, daß den Städten nicht der Boden durch neue Erfindungen entzogen wurde. Lachten: „Wir werden euch nicht den Boden wegziehen lassen. Wenn Ihr nur wüßtet, auf welchem Boden Ihr steht.“

Es liefen damals Vertreter von Sekten und Kirchen in allen Landschaften herum, warnend vor Fortschritten, vor den schamlosen Weltkonzernen und ihrem zerstörenden Wirken. Sie warnten, wie sie wieder starke Männer und Frauen an der Spitze der Städte und Landschaften sahen, vor diesen Geschwistern der Melise von Bordeaux, den immer wiederkehrenden Bösen. Man könne nicht erraten, was die Macht, dieses höllische Untier, das diese überfallen habe, mit ihnen anfangen werde. Die Oberen strahlten. Gaben allen Sicherheit Beschäftigung Glanz.

Mit dem Aufkommen der künstlichen Lebensmittelsynthese im sechsundzwanzigsten Jahrhundert trat ein beispielloser allgemeiner Umschwung ein. Es erfolgte eine Veränderung aller Lebensverhältnisse, zugleich die Nötigung, zu strengen ja strengsten Herrschaftsformen zurückzukehren. Der Gewalt dieser Nötigung konnte kein gutgemeintes Protestieren standhalten. Die aus den Massen Kommenden waren es, die am intensivsten die furchtbare Entdeckung betrieben und die Reaktion herbeiführten. Die führenden Senate hatten vehement die Arbeiten betreiben lassen; ihr Fortschritt stürzte sie in Verwirrung. Als die ersten glücklichen Resultate nach Jahrzehnten des Tastens vorlagen, erschraken sie. Ließen die Arbeiten erst unterbrechen, neu beginnen; dann hielten sie die Resultate zurück. Die Erfindungen durften nicht heraus, die Erfinder saßen in ihren eigenen Reihen. Jahrzehntelang lagen in den Laboratorien von Chicago und Edinburg die Versuchsanordnungen fertig, deren Ausführung katastrophale Wirkungen auf das Zusammenleben der Menschen üben mußte.

Man war nicht den Weg der einfachen anorganischen Zusammenstellung gegangen, sondern drang von Beobachtungen des pflanzlichen und tierischen Organismus aus vor. Die ultramikroskopische Beobachtung und Feinregistrierung an überlebenden Organen hatte nach ungeheuren Schwierigkeiten Fehlgehen, bei unermüdlicher Arbeit ganzer Bataillone von Chemikern Physikern Physiologen Klarheit geschaffen über die Umsetzungsvorgänge im lebenden Körper. Es hatte der größten Fortschritte in der Physik, im Bau der Ultramikroskope, der elektrischen Maßapparate bedurft. Von Alice Layard in Chicago, einer weißen Frau, einem Wunderexemplar der Menschheit, die von phantastischer Schönheit war, kamen entscheidende Anregungen, in der Registrierung, der automatischen Aufzeichnung von begleitenden mikroelektrischen und Wärmevorgängen in den Organzellen. Darauf lief die Zerlegung der komplizierten Aufbau- und Abbaumechanismen rasch ans Ziel.

Die Physiker und Chemiker emanzipierten sich vom Tier- und Pflanzenkörper. Man dachte längst mit Widerwillen und halbem Lachen an die Hungersnöte, die ein einziger dürrer Sommer über ganze Landstriche bringen konnte; diese absurde Abhängigkeit der Menschen von Hitze und Trockenheit. Diese Chemiker und Physiker haßten nichts so wie grüne Saatfelder Wiesen, die burleske Ansammlung von Viehherden. Wie aus früheren Erdperioden ragten noch in diese Zeit Schlachthöfe Wurstläden Bäckereien hinein. Bäckereien: das waren Dinge, die man auf altassyrischen Tontafeln meldete.

Der große Meki in der Stadtlandschaft Edinburg hatte das führende Laboratorium. In ihm arbeiteten zweihundert ausgewählte Menschen. Wer nicht mit belangloser Teilarbeit beschäftigt war, verließ das Gebiet jahrelang nicht. Meki, der dem Edinburger Senat angehörte, war vom Senat gehalten, die Bewachung seiner Gehilfen streng durchzuführen, bei Verdacht auch nicht vor Internierung sich zu scheuen. Man erzählte damals und später viel von der grünen Tafelrunde Mekis. Grüne gleichmäßige Kleider trugen die Männer und Frauen Mekis. Sie saßen zweihundert an ihren Tischen in dem großen Wohngebäude hinter den Instituten. Im selben Raum standen, in dem hufeisenförmigen Zwischenraum ihrer Tische, kleine Tafeln, an denen in violetten Kostümen Menschen aßen und tranken, die man Gäste nannte. Sagte man „Gäste“, so zog man, wenn man frisch in das Institut kam, leicht die Oberlippe zum Lächeln an; ältere runzelten die Stirn. Es waren die Menschenopfer, die man für die Versuche brauchte, sobald sie in ein gewisses Stadium getreten waren. Sie sahen aus wie die anderen; allmählich veränderte sich ihr Anblick, sie wurden durch andere ersetzt. Der Senat schickte aus der Stadt auf einen Hinweis die Menschen herauf, niemals unruhige ängstliche, noch Menschen, die Verdacht schöpften, sondern stets Beliebige, unter dem Schein der gewünschten Mithilfe und Einweihung in die Geheimnisse. Aber man weihte sie nicht ein, diese hundert Menschen, die sich wunderten, wie man sie täglich wog, ihre Körperwärme maß, sie in Gastzimmer tat; aber sie nahmen keinen Anstoß daran, denn sie sahen, daß auch die Grünen sich selbst untereinander so wogen und kontrollierten. Sie gingen in den Wäldern mit den anderen, liefen trieben Sport, aber immer wieder verschwanden welche. Sie kannten nicht das weit zurückliegende riesige Lazarett, das neben den Stallungen für kranke Pferde und Hunde tausend Betten für Menschen hatte. Denn so viel Leidende häuften sich von Zeit zu Zeit an. In Einzelräumen lagen sie; zu keiner Zeit sprach einer den anderen; und wer genesen war, wurde nach Chicago gesetzt in die Nähe der Station Alice Layards, die die Menschen unter Augen behielt.

Die Violetten Mekis kannten auch nicht den weiten sonderbaren Friedhof. Das waren in den Boden gebaute kleine Betonkeller, die hell zu beleuchten waren. Ging man die Treppe herunter, so stand vor einer tief ausgekehlten Wand eine Zahl von Kolben Gläsern Becken, die Öffnungen teils verschlossen, teils mit Hähnen versehen, durch die zischend Gasartiges ein und aus lief. Kleine Ventilatoren trieben surrend die scharf säuerliche Luft des Kellers durch ein Schornsteinrohr aus. Jedes Glas und Becken war signiert; angekettet an der Wand hing ein mächtiges Buch voller Eintragungen. Über ihren Tod hinaus wurden die Violetten verfolgt, die Veränderungen ihrer Organe nach dem Aufhören der Verbindung mit den andern weiter geprüft. Es wurde niemand den Grünen gleichgültig, wenn er starb und das verlor, was man oberflächlich seinen „Geist“, sein „Leben“ nannte. Aus den Speisesälen und Laboratorien stiegen sie auf den Friedhof, maßen weiter Wärme, entnahmen Flüssigkeiten, setzten Stoffe zu, regulierten die Gaszuführung, führten elektrische Ströme durch, jagten Strahlen durch die ruhenden Teile. Die Violetten wußten nie, was mit ihnen geschah. Sie glaubten zu leben zu essen zu trinken zu atmen wie die anderen. Aber sie aßen Scheinspeise, tranken Scheingetränke, atmeten Luft in ihren Zimmern, in ihren gut abgesonderten, verschlossenen Gastzimmern, die mit geheimen Substanzen gesättigt war. Was man ihnen vorlegte, im hufeisenförmigen Zwischenraum zwischen den plaudernden Tischen der Grünen, sah aus wie Braten, schmeckte wie Soße Wein Kuchen Kaffee Schokolade. Bisweilen und fast immer im Beginn war auch der Braten, die Soße da, Träger der Prüfstoffe. Später gab man nur Scheinnahrung: fleischähnliche Massen Gallerte, die gehärtet war oder leberartige Dichte hatte. Sie war angereichert je nach dem Versuch mit den Substanzen, die man prüfte.

Hier gingen, in den Wäldern Zimmern Sälen, die Violetten, die Gäste, junge Männer und Frauen aller Rassen, als wäre nichts. Bisweilen abends wurde einer geholt, ein Mann und eine Frau. Zwei drei der Grünen standen in der stillen Schlafkammer vor dem aufgerichteten Wesen, das seine bunten Kleider an den Boden geworfen hatte, fragten das Weib den Mann, ob es bereit sei eins seiner Glieder zu opfern. Das zuckte zusammen schrie, war im Moment narkotisch betäubt. Oder es senkte langsam, Blick um Blick mit den ernsten Grünen tauschend, den Kopf, sann und fragte zitternd. Es gab viele, die nicht schrien, sondern sannen und fragten. Sie erhielten jede Aufklärung. „Warum nicht, warum nicht?“ knirschte es zwischen den Zähnen „wenn es Euch nur gelingt“. Und sie gingen zwischen den Grünen in einer Auflockerung ihres Inneren, ganz schwebend und abwesend, weggetrieben durch die Korridore. „An mir soll’s nicht liegen. Zeigt, was ihr könnt.“ Und triumphierend überflogen sie, als hätten sie es selbst hergerichtet, die blendend erleuchteten weißgekachelten Beobachtungshallen mit ihren Blicken, die Tische, auf denen Apparate standen, die eigentümlichen Glaskästen, Särgen ähnlich, in denen Menschen und leinenbedeckte Gliedmaßen lagen, die sich bewegten, sonderbar die Finger spreizten, griffen. Freudig nahmen sie den Anblick auf. Es surrte rauschte um sie. Eigentümliche Hitze wehte überall, kam aus den Spalten der Glaskästen, in denen Menschen, von Röhren Drähten umgeben, von Flüssigkeiten umrieselt lagen, geschlossenen Auges, hell beleuchtet, deutlich die Brust hoben und senkten. Sie hatten selbst bald, glückgeschwellt wie sie waren, die entrückende Maske vor dem Gesicht.

Um sie, in gläsernen Schränken, in Kästen Wasserbetten, bei wechselnder Temperatur von Erdkälte bis zu hoher Wärme lagen auf Watte, schwammen in Behältern umhüllt und bloß, weiße und rote Organe und Organteile. Aus Standgefäßen floß ihnen in dünnen Röhren die ernährende Durchblutungsflüssigkeit zu. Sie rieselte auch in die Leiber die Muskeln der bewußtlosen schlafenden geöffneten Menschen, der Männer und Frauen aus Uganda aus Kapstadt London, wie sie herangetrieben waren. An alle, lebende Organismen, lebende Organe, durchpulste Organteile waren die beobachtenden Apparate herangeschoben. Die Grünen gingen hin und her, entnahmen Zellen, trugen sie in Schalen an andere Kästen. Die ungeheuer hohen Glaszylinder, in denen sich weiße rotgeäderte Därme an ihrem Gekröse langsam wurmartig bewegten, getrennt oder verbunden mit dem Organismus. Substanzen goß stäubte strich man auf sie, beobachtete die Verwandlung, die sie auf der triefenden Schleimhaut, an der dünnen Darmwand erfuhren. Die Schädel waren manchen der Menschen geöffnet, die behaarte Kapsel lag neben ihnen. In ein flüssiges warmes Bett war nach rückwärts das vorquellende pulsierende Gehirn gelagert. Dick zogen sich die blauen strotzenden Venen über die weißliche gefurchte Masse; sie war auseinander gezogen, Drähte und Röhrchen führten in ihr Inneres. Drähte und Röhrchen führten auch zu den Därmen, in das Blut, in die Leber. Mit blitzenden Metallapparaten, schickenden registrierenden, war alles verbunden. Auf Gummisohlen gingen Männer und Frauen mit schützenden Gesichtsmasken durch die Räume, in denen kein Laut gehört wurde außer dem gelegentlichen gesangartigen Stöhnen, das aus den Glassärgen kam.

Schwere Eisenwände, verschiebbar, trennten die gekachelten Räume von stark gemauerten, in denen auf Beeten Erdaufschüttungen Pflanzen, niedrige und hohe Bäume wuchsen. Auch sie waren umgeben von einem Wirrsal von Drähten und Röhren. Sie waren gespalten, angebohrt; in die Kronen Stämme Wurzeln führten Leitungen. Kühl waren einzelne hohe Säle durchweht; in anderen brütete die Luft; rote grüne phosphoreszierende Lichter lagen auf den Pflanzen.

In kleinen und unscheinbaren fabrikartig finsteren Seitenräumen und Kellern, in Bottichen, hitzeschwebenden Kesseln und Schranken geschah die Hauptarbeit dieser Anlage: die Nachahmung Nachbildung der beobachteten Vorgänge, erst mit reichem lebendigem Hilfsmaterial aus Tieren und Pflanzen der Nachbarräume, dann mit immer weniger. Die Hilfssäfte und Zellen wurden aufs äußerste eingeschränkt; es ging so weit, daß Meki sagte, er brauche zur Erzeugung einer Fettsorte, einer Eiweißgruppe, nicht mehr lebender Substanz als der frühere Bierbrauer Hefe zu seinem Getränk. In der Tat vermochte auch Meki nie ganz organisches Material auszuschalten. Und die Arbeit, die den ersten Schritt des Unternehmens in die Praxis bedeutete, war die Errichtung riesiger Hallen zur Konservierung und Züchtung bestimmten Zellenmaterials aus tierischen und pflanzlichen Leibern.

Zuletzt ließ sich der kleine langbärtige Mann, der ein skeptischer Philosoph war, Meki, der mit den Augen zwinkerte und wenn er jemanden sprach, seitlich zu Boden blickte, im Wald seiner Anlagen, entfernt von den Prüf- und Wohngebäuden, ein Haus errichten, das zum freudigen Schreck der nicht eingeweihten Gehilfen völlig den Charakter einer Fabrik hatte. Sie sahen die Apparate, die sie für die Organe in den Hallen der Lebenden und in den Friedhofshallen benutzten, antransportiert in die hundert zellenartigen Räume des Gebäudes; man schleppte Tonnen chemischer Stoffe an, stellte Gaserzeuger. Man sah, wie die Räume, Stock um Stock, eine Einheit bildeten, wie Substanzen, schlüpfend von einem Raum in den anderen, unter Wechsel der Temperaturen, einen Weg gingen, dort kürzer, dort länger verweilend, mit anderen gemischt geschmolzen gelöst sich veränderten. Das kleine, von Gärten und Mauern umschlossene Gebäude, das völlig fensterlos war und nur in einzelnen Zimmern Luft durch Röhren erhielt, das gegen Licht und Luft abgedichtete Haus war von einem Durcheinander schniefender blasender rumpelnder Geräusche erfüllt. Es knurrte, wenn man sich ihm von außen näherte, in allen Ritzen wie ein böses Tier; die gemauerten Wände waren außen zum Abschluß der Lichtstrahlung mit einer schwarzen zusammenhängenden Glasmasse überzogen.

Als in Chicago zuerst Einzelheiten der künstlichen Lebensmittelsynthese bekannt wurden, unter stärkster Erregung der Stadt, machten Neuyork und London alle angegliederten Staaten und Stadtverbände auf die Gefährlichkeit rascher Entschlüsse aufmerksam, warnten vor übereilter Herausgabe der Arbeitsmethode. Da Chicago aber schon selbständig vorgegangen war, auch Alice Layard offen erklärte, sie habe die Mittel in der Hand, um ganze Völker ackerlos und sonnenlos jahrzehntelang zu ernähren, so blieb nichts übrig, als die Gefahren der neuen Entdeckungen möglichst gering zu gestalten. Von Alice Layard wurde bekannt, daß sie an der Spitze der nordamerikanischen Frauenkameraderie stand. Sie war von ihren Verbänden auf die Furchtbarkeit der Waffen hingewiesen, die die Frauen sich schaffen könnten, wenn sie sich die Synthese reservierten; man wollte Alice, dieses kapriziöse Wesen veranlassen, die Arbeitsmethode zu verheimlichen und Chicago zum Zentrum eines Weiberstaates zu machen. Alice konnte sich den Triumph des Siegs über Millionen Männer nicht entgehen lassen; sie konnte nicht schweigen. Im Chicagoer Senat aber war sie dann bald allein neben den Männern. Das ertrug sie nicht. Sie verlangte ihren Einfluß in der Kameraderie wieder; die Frauen verfolgten sie aber mit Haß. Da leistete sie sich eines der Stücke, wie man sie viel von Frauen hörte. Sie trat in ihrer Kameraderie auf, redete dunkel davon, daß man sie und ihr Handeln jetzt mißverstehe, daß man später klar sehen werde. Darauf hörte man monatelang nichts von ihr. Im Bereich der Stadtschaft Chicago aber, nach der ein unerhörter Zustrom von Menschen stattfand, stellte sich bald Siechtum unter den künstlich ernährten Menschen ein. Meki wurde von dem Senat nach Chicago zur Aufklärung der Vorgänge berufen. Meki war ein ruhiger Mann, an rasches Handeln gewöhnt. Er hatte von weitem geglaubt, es handle sich um Beri-beri oder Skorbut; als er aber die Menschen auf den Straßen und in den Häusern sah, die Tausende, die von Zuckungen und Lähmungen befallen waren, wurde ihm klar, daß planmäßig an einer Diskreditierung des Verfahrens gearbeitet wurde. Die Giftstufe einiger Eiweißkörper wurde immer beibehalten. Beobachtend erkannte er Alice Layard, zu seiner Verblüffung, als die planmäßige Störerin der Arbeit. Er fand das schöne weiße scharfsinnige Weib traurig liegen in ihrer Wohnung; sie war verstört, versunken, nicht geneigt ihm Rede zu stehen. Sie war nicht getroffen von dem Unglück, das sie anrichtete, sondern von der rachsüchtigen Härte ihrer Geschlechtsgenossinnen, die sie auch jetzt zurückwiesen. Sie konnte sich nicht rein waschen; sie grub sich noch tiefer ein. Der benachrichtigte Chicagoer Senat, bestürzt und tief ergriffen, ließ das schöne Wesen, das großen Ruhm genossen hatte und der Stolz der halben Welt gewesen war, in ihrer Wohnung von fünf Negern totknütteln. Die Frauen schwiegen.

Nicht wie einen Regen, den man aus einer Berieselungsanlage auf das trockene Beet fallen läßt, sondern wie eine Bestie, die man auf die Straße führt, mit eisernen Stangen rechts und links gehalten, so, zwingend fesselnd, ließen im zweiten Drittel des sechsundzwanzigsten Jahrhunderts die großen westländischen Stadtschaften die ungeheure Neuerung unter ihre Menschen hinaus. Senate, neue Herrenschichten wurden wie durch kein früheres und späteres Ereignis in diesem Moment zusammengeschweißt, zu Stein befestigt. Jetzt mußte man zur Erkenntnis kommen, wer man war. Vor aller Augen stand das großartige Beispiel Englands selbst, der weisen erfahrenen Führerin dieser Völkermasse, die den großen Meki behandelte wie einmal Spanien den viel kleineren Christoph Kolumbus: sie kerkerte ihn fast zehn Jahre in seiner Edinburger Anlage ein. Meki selbst legte, freigelassen und nach London zu einer Besprechung geladen, Hand an sich.

London faßte, daß man sich in den alleinigen Besitz aller Geheimnisse der Synthese und aller Anlagen setzen mußte und daß man damit in den Besitz eines beispiellosen Machtmittels kam. Während die Schwesterstadt Neuyork noch zögerte, hatten Londons ruhige stille Männer und lächelnde langsame Frauen schon Anlagen nach Anlagen in Wales und Cornwall errichten lassen. Und während die Senate der Kontinente die Verzögerungsmaßnahmen berieten, die Dosierung der Herausgabe an die Massen, gab plötzlich an einem bestimmten Maitag der Londoner Senat allen ihm direkt unterstehenden und befreundeten Landschaften die bedrohende Neuigkeit bekannt, gab bekannt die Zahl und den Ort der stark geschützten Fabriken, nannte den Namen des toten ruhmreichen Meki, dem der Senat zum Jahrestag seines Freitodes Säulen in allen großen Zentren zu errichten befahl.

Wie einen Schlag ließ der kühle Senat auf seine europäischen und afrikanischen Gebiete die Nachricht niedersausen. Er zeigte auf die sehr geringe Arbeitsleistung für den synthetischen Zucker Fette und Fleischmassen, ermahnte sich der Neuerung zu bemächtigen und äußerlich die von der Wissenschaft hergestellten Substanzen zu erfreulichen Genußmitteln zu machen; kündigte an, daß eine neue Ära in der menschlichen Arbeit beginne: dieser Triumph entlaste die nach Freiheit und Würde ringende Menschheit.

London wußte, daß Verwirrungen und Unruhen in allen Gebieten seines Einflusses einsetzen würden, auch, daß es zuletzt Herr der Situation sein würde. Den Atem verhaltend sahen die kontinentalen Staaten und großen Stadtschaften dem Vorgehen Londons zu, das entschlossen war, weit über Jahrhunderte voraussehend, den schwächeren Tochterstaaten zu zeigen, welcher Weg zu gehen war: der der absoluten Inbesitznahme der Machtmittel durch eine sichere Schar Menschen. Über die von England beherrschten Gebiete der britischen Inseln und Afrikas kam ein Taumel. Es ist nichts dem angstvollen Tumult zu vergleichen, der, rasch gesteigert, sich nach einigen Wochen in den Landstrichen entwickelte, die, in Südafrika vornehmlich, dem Ackerbau und der Viehzucht dienten. Als die großen Stadtschaften den Auftrieb der Viehherden ablehnten und man Viehhöfe Schlachthäuser schloß. Als man die Bewachung der Getreidespeicher aufgab; die Tore der Speicher offen ließ, das Mehl in Säcken auf die Höfe schüttete. An vielen Orten waren vor kaum einem Jahrzehnt starke Mühlenanlagen nach neuen Prinzipien errichtet worden; sie bedeckten das Areal großer Dörfer; umgeben waren die Gebiete von Spielplätzen Wohnhäusern Verkaufsstätten. Die Speicher ließ man geschlossen, dann wurden sie von lungernden Massen angezündet; die Mühlen gesprengt. Es war eine falsche bewußtlose Richtung, in der die Erregung, die flackernde oft mit Wut geladene Fassungslosigkeit der herumlagernden Massen ablief. Sie brachen von ihren Wohnsitzen auf, gingen zielsuchend an die Zentren heran. Die Stadtschaften selbst waren unterminiert, die Hallen großer Fabriken leer. Draußen trieb die Landbevölkerung an, trollten die Bauern, die durch Gerüchte erschreckt waren, wogten die Männer und Frauen, die die Eisenwerkzeuge für die Äcker gearbeitet hatten, geschmolzen gehärtet geschmiedet geschnitten erkaltet geputzt. In dem Gewühl der Menschen war ein Hin und Her der Gefühle. Niemand entbehrte Nahrung, niemand konnte sagen, daß ihm etwas entzogen war und doch bluteten sie, waren widerwillig finster, als sie von den Öfen getrieben wurden, die Mühlen stehen ließen. Man würde ihnen sagen, erfuhren sie an den Zentren, was sie zu verrichten hätten, es würde ihnen an nichts fehlen. Und der anfängliche Zweifel wurde durch die Tatsache widerlegt: die Eisenzüge mit Tonnen und Säcken rollten Tag um Tag in dieselben Schuppen, in denen das Mehl abgeladen war. Während schon alle Speicher ohne Widerspruch der Senate, ja sichtlich von ihnen begünstigt, ausgeleert und von johlenden Horden abgesengt waren, waren die Auslagen der Bäckereien mit Brot und Kuchen im Übermaß gefüllt. Ja, London wies die Senate an, auf Wochen Mehl zu verschenken, um den Eindruck zu verstärken und seinen Schlag verwirrender und wuchtiger zu führen. Die großen Hallen für Butter Öle Speisefette boten die künstlichen Stoffe aus; man hatte sie den natürlichen zum Verwechseln ähnlich gemacht im Schnitt und Strich, ihre Festigkeit war stärker als die der natürlichen. Lachend, Arm in Arm gingen in den englischen und südafrikanischen Zentralen die weißen braunen schwarzen Menschen durch die Hallen. Man träumte, war in einem Schlaraffenland. „Sie haben künstliche Tiere. Sie können Bäume machen.“ Allein die fleischartige gehärtete Gallerte, die Trägerin der Eiweißstoffe, wurde verspottet. Was überall aus den Fabriken in Waggons angefahren wurde, die schneidbare bald leber- bald knochenartige braune und rosa Grundmasse, die sich auf Kochen erweichte, bisweilen bis zur Weiche des Leims, wurde ausgespien, behagte den starken Zähnen, die reißen und zerren wollten, den Backenmuskeln, die knirsch- und mahlbegierig waren, nicht. Der Geschmack wich von dem tierischer Muskulatur ab. Den Viehzüchtern Viehhaltern war so Schonzeit gegeben, bis auch sie wichen dem Mekifleisch. Dessert für Feinschmecker wurde das gesottene gebratene gebackene gedünstete Fleisch natürlicher Vögel Fische Rinder Schalentiere.

Die Äcker verlassen, die ungeheuren Flächen Bodens, jahrtausendelang von Generation auf Generation gepflegt gebaut geliebt. Die Urwälder waren niedergebrochen worden, die umschlingenden Lianen abgerissen.

Wilde Tiere hatten abgeschossen werden müssen, der gelbe Löwe der Panther. Die Termiten waren verjagt worden; Bäche umgeleitet, Hütten gebaut, feste Häuser, Dörfer und Hunde dazu, Stallungen für Hühner Gänse Kühe.

In den südlichen Zonen gab es Gebiete, die erst vor ein zwei Jahrhunderten freigelegt abgeholzt waren. Die eiserne Pracht der Nordländer war angezogen, hatte gezerrt gerissen gewürgt an dem Boden, die Pflanzen und Wurzeln geschluckt zerbissen zerkaut. Die Steine, die der Boden barg, waren aufgehoben worden, fortgeschleudert auf Trümmerhaufen. Man hatte in das schwarze Bett, das die Baum- und Pflanzenleichen verlassen hatten, Millionen blasser zarter Keime gelegt. Der Boden nahm sie willig auf; die Keime trieben mit grünen Spitzen über die Oberfläche. Grüne weite Felder, dichte Wälder der Halme, der sanft im Wind schaukelnden Ähren erhoben sich. Sie standen jetzt mit den Scheunen Schuppen Wohngebäuden, die man zu räumen begann, da. Die Menschen zogen sich in die Riesenstädte zurück. Sie kapselten sich in den Städten ein. Gaben den größten Teil der Erde frei. Der Boden ruhte aus. Die Halme wuchsen wild, welkten; bunte Blumen, die man vorher Unkraut nannte, wucherten dazwischen, Tiere schlichen ein, die Feldmäuse sprangen offen am Boden.

Der uralte Boden lag stumm unter den auf- und abgehenden Lichtern des Himmels, mit den Winden der Wärme den Gewittern den Regenstürzen. Bezog seine Nacktheit mit Blumen Pflanzen Tieren, rollte sich wie ein Igel ein.

Die Menschenmassen, in die Städte gelockt, kamen fest in die Hände ihrer eisernen Regenten.

Das Spiel, das London begonnen hatte, wurde von den andern Zentralen fortgeführt. Nach einem Jahrzehnt war im westlichen Völkerkreis der Ring der großen Herrengeschlechter geschmiedet.

Das strenge leidenschaftliche Ringen der Arbeitenden konnte aufhören. Immer war seit da die westländische Bevölkerung, fast völlig von den Stadtschaften verschlungen, geteilt in die kleine Masse der Schaffenden und die Riesenmenge der Untätigen. Die Menschen der Gruppen wechselten nach Neigung und Bedarf. Mit Vergnügungen Scheinarbeiten mußte man die Massen der Lungernden beschäftigen, deren Zahl stieg. Die einförmige Zucht verlor sich schnell. Eine wüste Vielförmigkeit entfaltete sich. Die Herrschenden hatten neben sich große Stäbe von Kundigen und Scheinparlamenten, die sich mit der Ablenkung der untätigen Massen befaßten.

Noch immer erweiterten sich die großen Stadtschaften. Der Zustrom der Fremden, das Wallen hin und her nahm kein Ende.

Leuchtmar und Rallignon, Männer vom Schlage Inka Stochods und Yorres, die die Herrschaft in den westeuropäischen Senaten an sich gerissen hatten, fühlten, was sich unter ihren Füßen regte. Das siebenundzwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der Verhängnisse für den westlichen Völkerkreis, war heraufgezogen. Dieses Sieden, unbefriedigte Rollen. Gefährliche Gleichgültigkeit, plötzlich aufgetaucht und alles zermorschend. Nichts geschah isoliert. Die Horden Menschen, die in London an den Maschinen und dem Industriekörper hingen, erlahmten zusehends unter denselben Gefühlen wie die in Paris Berlin Neuyork. Die wilden Erregungen, heftigen Reize flossen von allen ab. Man ließ in Mißtrauen Apathie von den lockenden Dingen ab, an denen man gehangen hatte. Prunk Spiele Gelage entfalteten wenig Wirkungen mehr. Modische schöne lebenpeitschende entzückenheischende Gegenstände, von den Maschinen erzeugt, standen vor den Menschen, die stumm die Lippe sinken ließen. Das wühlte herum in alten vergessenen Kostümen. Völkerschaften, gemischte, gaben sich zu erkennen, wie Kinder die müde werden, in der Zimmerecke stehen und anfangen an einem Finger zu lutschen. Deutsche hielten die schwere Bibel in der Hand, blätterten im Gesangbuch, sangen trübe im Wald. Träge ließen die schwärzlichen braunen Menschen in den südlichen Gebieten sich fallen: da lebte in ihnen das Gefühl der reichen ernährenden Landschaften auf; sie konnten das Gefühl, das wie Rauch im Regen durch sie schwelte, nicht erreichen, kamen zu keinem Frieden. Arabische Stämme, in den wallenden verschlingenden Strudel der Westvölker gezogen, wurden vom Drang zu den Apparaten, den tosenden Maschinenhäusern losgelassen. Mit verhängten Augen blickten sie auf stille Ebenen, bestiegen Pferde. Und wie sie darauf hingen, war es dumm, was sie taten; Pferde waren dumm. Die Maschinen arbeiteten wie sonst. Die Wasserfälle warfen ihre Hochspannungen über Meere Gebirge in die Städte. Es war, als wäre die Verbindung zu ihnen durch eine feindliche Gewalt gestört. Die man wegschieben mußte.

Die riesigen Massen, mit denen fast ruckartig nach der Freigabe der Entdeckung Mekis die Stadtschaften sich vollsogen und die sich untätig um die ernährenden Werke versammelten, warfen sich. Aus den Werken gingen immer kleine Scharen, müde wie sie, blinzelten, waren einsilbig. Phantastische Spiele in den Städten, um die Städte Blumen- und Tierzuchten, waren aufgeblüht; sie lockten wenige. Die Massen in allen Zentren des westlichen Völkerkreises wurden fetter träger, zuckten exotisch heftig launenhaft. Ein unterirdischer Groll wuchs in allen Zentren, in diesen hier weißen, dort negerhaften, dort bräunlichgelben üppigen Menschen, die sich Tempel Moscheen Kirchen bauten, zu dunklen Göttern mit halbem Herzen beteten, im Grunde von keinem der Wanderprediger und Propheten gefaßt wurden. Es geschah, daß an manchen Orten sich nicht genug Menschen fanden, die geneigt waren, die Werke zu betreten.

Trägheit wucherte über allen Landschaften, zusammen mit einer eigentümlichen Finsternis. Wie man in einem unsäglich sich tiefer und tiefer auswirkenden Überdrußgefühl lagerte, schwoll alte Gehässigkeit zwischen den in den Stadtschaften beisammen wohnenden Stammesresten an. Da war es Bogumil Leuchtmar aus der hamburgischen Stadtlandschaft, der mit einer Gruppe junger Regenten und Regentinnen den Anfang machte. Die Wieschinska, seine ehemalige Mitregentin in Heraklopolis, der schlesischen Stadtlandschaft, die von Berlin ihren Ausgang genommen hatte, war mit ihm; ein Weib namens Azagga, die in der bayrischen Stadtlandschaft dominierte, ferner Uru aus Palermo und der Dongod-dulu aus dem ägyptischen Zentrum. Sie waren sich klar, wie sie in Heraklopolis bei der Wieschinska zusammentrafen, daß sie einer langsamen Zersetzung oder erneuten Ausbrüchen zuvorkommen mußten. In ihnen war die Kraft der Apparate das Glück der prangende stierartige Stolz der Maschine; wie in Palmen lebte er in ihnen, suchte nach Auftrieb und Krone. Der Italiener Uru verfiel der Wieschinska; die spöttische Frau mußte das übersprudelnde Geschöpf zur Besinnung bringen, ihn, der unter ihre dienenden Männer treten wollte. Es gab Lachen unter den fünf Regenten in Heraklopolis, als der stämmige Uru in der blaugelben Schärpe des Männerharems der Wieschinska zu einer Besprechung erschien. Die Schärpe hatte er gestohlen; die Wieschinska riß sie ihm ab. Einen Augenblick zuckte in der kleinen Gruppe der fremdartige Geschlechtshaß auf; der Wieschinska schien es, als wollte Uru sie verhöhnen; die Männer blähten sich heimlich über die Niederlage der Frau. Nach zehn sachlichen Worten war der Strom abgelenkt. Sie brauchten nicht durch Heraklopolis wandern, um zu wissen, daß unberührt gefeiert vergöttert die schaffenden Apparate stehen bleiben mußten. Unberührt gefeiert vergöttert ihr Blut.

Die lohenden Standarten nahmen sie auf.

Wie Bogumil Leuchtmar, Wieschinska aus Heraklopolis, Azagga, Uru und Dongod Dulu über die norddeutsche Tiefebene flogen – Landschaft neben Landschaft ausgegossen, murrende gärende Menschenmasse getrieben zwischen Häuserreihen, unkenntliche Beobachtungs- und Bewachungsposten zwischen ihnen – da fühlten die Massen noch nicht ihr Schicksal. Wie Menschen, die feindlich in der Liebe aneinander gekettet sind, zusammengeflochten, um sich zu zerreißen zu quälen zu beißen, so umwanderten sie kopfsenkend noch die verborgenen geschützten Orte der Apparate, angriffsbereit liebesbereit umschlingensbereit. Den fliegenden Regenten war nichts unsicher. Die Standarten mit den Gestirnen und dem Feuer wehten vor ihren Apparaten.

Sie trafen nicht in London ein, wohin sie geladen waren. In Brüssel hielten sie. Leuchtmar war es, der die Fahrt hemmte. Er war es, der plötzlich die Fahne noch bevor er landete, scheinbar unabsichtlich einzog zerriß, in Fetzen fallen ließ. Die anderen waren schon in Brüssel, da schwamm er noch, gehemmt unschlüssig in der Luft, umkreiste die Stadt bis an die Nordsee, fuhr an, zurück, als müßte er sich durch ein Gestrüpp Bahn brechen. Wie auf schwellendem Moor fuhr er, ratlos. Und ratlos, – als hätten sie sich verabredet, begegneten sie sich – hielt bei Dünkirchen Rallignon. Auf dem Boden der Konferenz, die vor vier Jahrhunderten nach dem Fall Mailands den Herrengeschlechtern die unbedingte Macht in den Staaten und Städten gegeben hatte, wanderten sie nebeneinander, sahen sich nicht an. Denn auch Rallignon dachte an Krieg.

In ihm war der Kriegsgedanke berauschend aufgegangen. Aus den Apparaten wie aus Wein war er zu ihm aufgestiegen. Niemand sollte ihnen widerstehen. Man wollte sie haben, ihren Preis singen, der Welt offenbaren. An die Grenzen des Wirklichen und Möglichen sollten sie, über das Erdenkbare hinaus mußten sie fahren. Man wollte die Waffen die Kräfte nicht gegen sich, sondern um sich führen. Rallignon durchfühlte es lüstern angstvoll wie Leuchtmar. Es mußte Staat gegen Staat gehen. Welcher Staat gegen welchen Staat? Darum sahen sich Leuchtmar und Rallignon nicht an. Ein Belgier holte sie von Brüssel ein. Verstört wie sie. Diese Gedanken gingen wie Gespenster um. Wer an die Apparate rührte, jetzt, in diesem Augenblick, wurde von ihnen getroffen.

Im Wagen fuhren sie zu dritt auf Brüssel. Bogumil brusteingesunken im Wagen stöhnend höhnend: es sei sinnlos nach Brüssel zu fahren: er werde umkehren; sie müßten bedenken, was sie vorhätten. Der sehnige Rallignon neben ihm war fleckig rot, verändert. Furchtsam blickte er rechts und links zum Wagen hinaus: es sei nicht ungefährlich für sie auf dem Land zu fahren; man werde sie erkennen; wenn man sie erkannte. Er glaubte schon, man wüßte, was er in sich trug; drückte sich in die dunkle Ecke des leichten flotten Gefährts, zog die Mütze über sich: man werde sie erwürgen. Leuchtmar zu ihm gedreht: „Warum denn? Was haben wir getan?“ Aber er faßte schon nach seiner Brust, erblich: „Ich habe keine Waffen.“ Der Flame saß mit offenem Mund, drängte auszusteigen. Als der Wagen in einer Schonung hielt, hatte sich der schwere Leuchtmar über seine Knie nach vorn gelegt; nach den Händen Rallignons tastete er: „Rallignon, mein Freund. Mein Freund. Nicht mein Feind. Sag ja.“ „Ich kann nichts sagen, Bogumil. Komm. Was soll werden.“ Leuchtmar faßte sich mit den Händen an die Schläfe: „Mag sich Europa selbst zerstören. Wir wollen nichts tun. Wir wollen es nicht tun. Wir wollen uns nicht dazu hergeben.“ Rallignon war herausgesprungen. Leuchtmar ging hinter ihnen: Er hielt wie die beiden andern die Augen niedergeschlagen, konnte die Häuser Felder nicht sehen, stöhnte. Flüsterte hinter den beiden: „Nichts davon sprechen. Ich behalt es bei mir. Ich gebe nichts von mir. Man soll mich nicht dazu bekommen.“ Einzeln gingen sie in Häuser, kleideten sich um. Verkleidet kamen sie in Brüssel an.

Da hatte die Wieschinska schon erklärt: sie werde nicht nach London gehen. Die Azagga, in deren Senat englische Aufsicht überwog, schloß sich stürmisch an. Der aus Palermo und aus Kairo waren nicht weit sich der Wieschinska anzuschließen: man würde zusammenziehen was man hätte und gegen England richten. Leuchtmar, eingefallen, bat nichts zu beschließen. Man solle nach London. Die Wieschinska erkannte, daß er, der nicht von der Tischplatte aufblickte, Aufschub wollte. Sie wetterte forderte Entschluß. Leuchtmar und Rallignon, wie sie aufstanden und zurücktraten, wirkten erschütternd. Der Flame flehte: „Wir wollen nichts beschließen.“ Leuchtmar und Rallignon schienen gelähmt. Die Wieschinska wollte sie mit Fäusten angreifen. Vor dem bösen Blick Leuchtmars wich sie zurück. Ohne ihn und Rallignon war nichts zu unternehmen. Plänkelnd gab sie nach.

In London, in den geheizten Glashäusern, waren asiatische Fremde erschienen. Zufällig waren sie da. Die Mongolen hatten eine Erkundung Londons und des Zustandes der westlichen Staaten vor. Die Kontinentalen umzogen die fremde Deputation wie Hunde den Knochen. Stellten sich, sonderbar gelockt, vor sie, befragten besahen behorchten sie. Die melancholischen klugen Engländer traten beobachtend hinter ihre östlichen Gastfreunde. Wie ein Blitz senkte es sich in Bogumil, den trüben plumpen, daß er die Mongolen, die starkknochigen weichen schmunzelnden, diese für sich kichernden Japaner, diese beiden wuchtigen weithosigen Russen haßte. Seine Augen waren stier. Er haßte sie. Rallignons Backenmuskeln wie Balken; er knirschte mit den Zähnen. Sie fingen, sich bewegend, wilde Hänseleien mit den Östlichen an, die die Londoner zu schlichten suchten. Die üppige Wieschinska begriff, was in den beiden Männern vorging, kniff die Augen zu, jubelte. Azagga, der glotzäugige weibliche Koloß, Uru und der schwarzhäutige Dongod Dulu ließen sich schleppen. Die stillen Engländer brachen die Besprechungen für Tage ab, um die merkwürdige Stimmung der kontinentalen Freunde zu erkunden. Sie trafen bei denen keine Überlegung mehr an. Keine Nachricht war zu den Engländern gekommen von dem Plan, sie selbst anzugreifen. Aber vor diesem starken bluttiefen Verlangen, das sie sahen, fuhren sie zurück, dachten nach, erschraken, lenkten ein. Unten sprühte die Stadt, in dieser Minute, der nächsten, folgenden. Da zogen sich die Engländer zurück, um die Dinge zu überblicken. Die kontinentalen Gäste wußten, daß sie bis zur Entscheidung in Gefangenschaft und unsichtbarer Aufsicht der Londoner waren. Keiner unter ihnen hatte jetzt Furcht. Die Engländer erwogen nur kurze Zeit, ihre Freunde zu töten. Sie wußten, daß Kampfobjekte gesucht wurden und daß sie selbst das nächste wären. Sie setzten sich zu der Delegation Leuchtmars. Zu keiner neuen Besprechung luden sie die Asiaten. Sie seien, erklärten sie denen, durch Angelegenheiten des nahen Kontinents stark beschäftigt. Freundlich geleiteten sie die Asiaten zu ihren mächtigen Luftschiffen. Schon aus Paris wurde gemeldet, daß die asiatische Kommission in der Nähe der Stadt die Luftschiffe verlassen und, offenbar um unkenntlich zu sein, sich auf kleinen Fahrzeugen zerstreut hatte.

Der östliche Menschheitskreis lag stumm auf dem uralten Riesenkontinent. Die dunklen Massen Asiens hatten die Maschinen empfangen; es war etwas Fremdes, lief wie eine Raupe über sie. Sie ließen die feinen Apparate, die schweren dumpfen Eisenwesen auf ihrer Erde stehen, die griffen ihr Herz nicht an. Immer waren von den vielen hundert Millionen Menschen Scharen im Westen, sogen mißtrauisch aufmerksam die fremden Kenntnisse ein. In der Zeit der strengsten Herrengeschlechter nahm eine ausgewählte Schar der Asiaten an den verbotenen Studien teil, wurde in den Besitz der Materialien und Modelle gesetzt. Dies duldete England, weil es friedlich war und die Asiaten sich verbinden wollte. In Asien welkten blühten Rassen; kaum, daß die Westler Kenntnis von ihrem Ergehen hatten. Bombay Kalkutta hatten ihr europäisches Gesicht abgelegt. In China waren große neu entstandene europäische Städte weggefegt worden; Einheimische hausten handelten in den Ruinen Gewölben der Europäer. Es war nicht möglich gewesen, den gelben braunen Millionen westliche Bedürfnisse einzuimpfen; sie hatten Gewehre und Waffen genommen, um die Fremden zu vertreiben. Langsame Berührungen, zögernde Verhandlungen fanden mit dem immer besorgten London statt. Als in Bombay Lhassa Peking Tokio Kasan Tobolsk die nach London entsandte Kommission erschien, war man für alles gerüstet. In den westlichen Kapitalen war die Bewaffnung der Asiaten bekannt; man glaubte sich voraus. Es gab schließlich keine Bedenken. Man mußte losbrechen.

Die Apparate hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten völlig verändert. Aus Maschinen, in Hallen durcheinander gestreut, waren Maschinenblöcke Maschinenhäuser Kolosse Pyramiden von Anordnung, Maschinenorganismen geworden. Große Menschenmassen der Periode nach Dünkirchen bis zur Zeit der Rebellen Targuniasch und Zuklati hatten sie auftürmen und bedienen müssen. Die Energiewirtschaft hatte zur Verkuppelung der Kraftwerke untereinander geführt. Der Aktionsradius für die erzeugten und transformierten Energien war ins Riesige gewachsen. Die Energien wurden an wenigen Punkten gespeichert. Neben den Krafterzeugungsblock traten die Kolosse der Sondermaschinen, für einzelne Landstriche arbeitend, im ganzen Land waren keine vereinzelten Maschinen. Dies war – gegen Ende des fünfundzwanzigsten demokratischen Jahrhunderts – die Zeit, wo die Sonderung unter den Stadtlandschaften sich unwiderstehlich durchsetzte, Glasstädte Lichtstädte Nahrungsstädte Kleidungsstädte entstanden. In den Versuchsstädten und abseits von den Sonderstädten begannen sich die Erfindungen zu häufen. Da stürzten in wenigen Jahrzehnten Blöcke und Pyramiden der Maschinen zusammen. Neue Naturkräfte, gasförmige strahlende, schon vor einem Jahrhundert aufgespürt, waren von den Zeitgenossen Mekis gefaßt, in Apparate gespannt worden. Die polternden Kolosse wurden durch Liliputapparate beschämt. Jahrzehnte Jahrhunderte von Kraft wurden wehrlos, gelähmt von dem Blick dieser Minuten. Man legte die großen Maschinenstädte nieder. Unscheinbar in geschützten Gewölben die feinen zierlichen Apparate, in denen die Naturkräfte gefangen waren wie Gespenster in der Flasche. Wenige Hände brauchten sie zu bedienen. Das Herz stand den ersten Menschen still, als sie die Apparate sahen. Gewöhnten sich an sie, lebten unter ihrer Obhut, bequem, kaum dankbar, Kinder einer reichen Familie.

Diese wunderbaren streng behüteten Apparate, die Kraft der westlichen Herrengeschlechter, waren im Besitz des Abendlandes wie der Asiaten.

Im Westen flog ein Rausch über die wimmelnden Menschenmassen, als man ihnen Kenntnis gab von den Dingen, die sich vorbereiteten. Schlagartig sank die tiefe zweifelnde Unruhe hin. Als hätte man einem schlaffen Körper Äther und Kampfer eingespritzt.

Die Asiaten riefen ihre Völker auf. Zeigten die Macht der Weißen. „Sie kommen mit Maschinen. Sollen wir uns wehren? Unterwerfen?“ Man kannte die Antwort voraus. Die Inder wußten, wie man Elefanten zähmt, Flüsse überschreitet, betet; die Chinesen, wie man Felder bestellt, Schiffe zieht, handelt; die sibirischen Steppenvölker konnten melken jagen. Sie dachten, ihren Zauber gegen die Europäer aufzubieten. Da fuhren Luftschiffe von Süden und Osten her über ihnen und alle fuhren nach Norden und Westen. Wie sich die Schiffe, bei deren Anblick ihr Herz erstarrte, tiefer senkten, winkten ihnen Inder Chinesen zu, die Blüte ihrer Länder, feine junge Männer, die lachten: „Wir fahren ihnen entgegen nach Westen und Norden.“ Die Sibirier grinsten. Die Mongolen kollerten ihr Lachen, hoben ihre Kinder hoch. Millionen Zauberformeln gingen hinter den Kämpfern.

Es war ein Kampf, der von London mit tiefer Apathie begonnen wurde. Wechselnd zwischen Verzweiflung und Resignation stimmte London dem Beginn des Krieges zu. Es gab keinen anderen Weg. Man konnte zusehen, was sich bei dem Ringen entwickeln würde. Vielleicht half man sich über Jahrzehnte weg, vielleicht ließ sich noch ein Jahrhundert plänkeln. Sie hatten begrüßt, daß man unerhörte Erfindungen unterdrückte und sich selbst behauptende Stadtschaften schuf. Aber sie sahen das Aussichtslose dieser Versuche. Die Maschine war nicht aufzuhalten, das westliche Gehirn nicht umzustellen. Als Leuchtmar Rallignon und ihre kontinentalen Freunde in London erschienen, staunten die Engländer, strichen ihre schwarzen dünnen Bärte. Diese waren unbelehrbar, Kinder. Sie freuten sich an ihnen. Die Männer und diese wilde kraftvolle Wieschinska wollten Krieg, einen Krieg für ihre Massen. Die alten Herrengeschlechter waren doch klüger. Sie hätten in diesem Augenblick alle Waffen und Apparate eingezogen, deren sie habhaft werden konnten; hätten hunderttausend Menschen, Millionen um sich massakriert. Diese hier hatten sich mit den Massen verbrüdert, es gab keine Grenze zwischen ihnen und dem „Volk“. Sie dachten nicht daran, es sich leicht zu machen: zu Hause bleiben und alles erledigen. Sie ließen sich erregen jagen. Ja, die Buben und Puppen hatten geheim vor, gegen sie, die Engländer, das große weise Mutterreich, zu kämpfen. Vielleicht mit den Parolen der alten Geschichtsbücher: Freiheit, Unabhängigkeit. Waren dumme Eintagsmenschen. Man mußte mit ihnen den törichten Weg gehen: kämpfen. Es war vielleicht ermunternd. Diese Kontinentalen hatten noch den Glauben, einen lächerlichen Glauben an die abscheulichen Instrumente, die man versenken sollte.

Leuchtmar Rallignon Gru Wieschinska Azagga Dongod Dulu setzten nach dem Kontinent über. Die östliche Erdhälfte war zu bezwingen. Man konnte nicht Feuer nach Gestirnen werfen, wenn man nicht einmal den Erdball bezwungen hatte und hundert Meilen hinter der Weichsel eine ablehnende Welt lag. Es war ein neuer Impuls, der in die tändelnden schwelenden Massen fuhr: das Bild einer riesigen Fläche, maßlos hoher Gebirge, wimmelnder exotischer Landschaften und Städte. Über diese sollten sie fallen, in die sich mischen einschwemmen. Es sollte geschehen. Sie hatten die Apparate. Jetzt sollte dies geschehen. Man hörte von der ungeheuren unausgeschöpften Kraft der Apparate. Mit anderer Seele als vorher wurden die Fahnen, Feuer und Gestirne, über die Landschaften der westlichen Kontinente getragen. Fiebernde Kraft heizte die Herzen, machte die Muskeln steif. Man hielt die Fahne; sie warf alle Willen zusammen.

Die Stadtlandschaften bewegten sich. Scharen über Scharen von Männern Frauen begehrten Einstellung zum Kampf. Mit einigen zehntausend Menschen, sachgeübten, war der Krieg zu führen. Die Überlegung riet, viele heranzuziehen, zum Beschäftigen und Vernichten. In allen Ländern wurde von der Führung eine Stelle abgezweigt, die sich mit dem Erdenken sinnloser Arbeit für die Soldaten befaßte, die Stelle B, wie sie London im Unterschied zu der wirklich kriegführenden Stelle A nannte. Die Stelle B wurde rasch mit den klügsten politischen Köpfen besetzt, die mit Technikern und militärischen Fachleuten in losem Zusammenhang standen. Der Andrang zu dem Scheinheere B war in den westlichen Kontinenten so stark, daß die anfänglichen Pläne der Leitung nicht ausreichten. Sie sahen vor Kriegsdienste nach früherer Methode; man stellte Kanonen her, ließ Verteidigungslinien aufwerfen befestigen, baute auf Festungswerken Apparate, von denen man den Kämpfern Wunder versprach, an denen sie üben mußten: mörderische Modelle. London ging weiter, im Sinn seiner früheren Überlegungen. Seine B-Leitung führte starke Menschenmassen, Regimenter begeisterter und gefährlicher Männer und Frauen auf den wirklichen Kriegsschauplatz, die russische Tiefebene; sie hatten furchtbare vergebliche Arbeit zu leisten.

Die Asiaten gaben die russische Tiefebene nicht frei. In drei Staffeln rückten die Westländer vor, überflogen überrannten auf Brücken Schienen, die sie in wenigen Tagen vor sich auswarfen, aus Polen Rumänien Galizien dringend, Witebsk Mohilew Poltawa Cherson. Der Dnjepr und seine Sümpfe lagen hinter ihnen. Die Städte dieses Abschnittes waren ihnen nicht fremd. Dichter wurde vor ihnen, unter ihnen das Maschennetz der Dörfer, Gehöfte, verstreuten Siedlungen. Jenseits Jaroslaw Wladimir Woronez Charkow näherten sie sich den Flußläufen, die die große Wolga aufnahm, dem Jergenihügel, dem breiten Bergufer der Wolga selbst. Im Norden stießen sie auf Wjätka Wologda. Da verbrannten stürzten die ersten Fliegerreihen, stürzten im Flug aus dem weißen Himmel auf die stille Ackererde. Neue rückten nach. Stürzten. Durchschritten nicht eine unsichtbar vor ihnen aufgerichtete Barriere. Als Erkundungstechniker folgten, stellten sie die Wellen fest, die die Motore in Unordnung brachten. Und wie sie noch nach der Art der Wellen, Ausgangsort Formel forschten, fuhr am Boden gegen sie das Ungetüm aufgewühlter Menschenmassen an. Auf Pferden Wagen Karren, die Flüsse herunterschleifend auf Schiffen Booten Kähnen, rollten strömten von Osten nach Westen, spülten drangen quollen von Norden nach Süden Menschen- und Tierleiber. Bestürzte klagende verwirrte Menschen, Männer Frauen Kinder Pferde Rinder Schweine, die sie trieben, Hühner, die getragen gejagt wurden. Jammernde schreiende zerlumpte nackte Einzelläufer. Große stumme drängende Horden, Dorfgemeinschaften, die sich nicht fragen ließen. Betäubt, die Gesichter Decken Kleider schmierig. Übernächtig schleppten sie sich vorwärts. Konnten nicht achthaben auf die sterbenden Säuglinge. Das warf sich am Boden hin, weinte zerkratzte sich Stirn und Backen, ließ das Tote mit Erde bestreut liegen, konnte nichts begraben in dem nassen Boden, rannte traumhaft gestoßen. Das griff, was es hatte und fand, an: Bäume Hütten Bretter, warf sich aufs Wasser, schwamm strampelte stöhnte ruderte. Das seufzte kreischte, waren Weibermassen, löste sich die Haare, riß an ihnen, biß an ihnen, blickte rückwärts: weite wimmernde Blicke auf den grauen trüben Himmel, der nichts als Wolken zeigte. Hinter ihnen brannte es. Sie schrien. Hatten es nicht brennen sehen, aus anderen Dörfern waren Menschen gekommen, von weither hatten alle es gehört. Da gewahrten die Fremden wogende himmelbedeckende Massen von Vögeln, die lärmend und still in gleichmäßigem Zug oder stiebend von Osten nach Westen, von Norden nach Süden stießen, dichte Ballen von Raben, Heerscharen kleiner Vögel, Bergfinken Tannenhäher, vorüberrauschend, mit Zwitschern Rufen Flöten die Nächte erfüllend. Der Boden besät mit abstürzenden erlahmenden kleinen Körpern. Sie rauschten flirrten pfiffen flibberten in großer Höhe. Und das Lebendige der Erde setzte sich mit den Menschen in Bewegung. An den Karren hingen Scharen von Fledermäusen. Griff man sie, stoben sie hoch, schwirrten mit ausgespannten Armen, setzten sich. Am Boden rieselte es zwischen den Füßen der wandernden Menschen und Tiere. Die schwarzen und grauen Mäuse wimmelten über die Wege, die nassen Äcker. An manchen Flüssen bedeckten sie pfeifend die Oberfläche, kleine glatte zuckende Rücken, schlagende spiralige Schwänze. Liefen Felsen hoch, stürzten herunter, rutschten Rinnen herab, ließen sich an Bäumen herunter. Auf und ab die raschen Schatten der Jarboamäuse. Menschen, durch Wologda und Wjätka drängend, trugen Beile Messer, blutige Wolfspelze an den Wagen. Während sie vorwärts trieben, liefen die Bären Füchse Vielfraße aus den Strichen hinter ihnen. Das zickzackte huschte kaperte schwarz braun grau in Sätzen über die Wege, legte knurrend sich in den Staub, verendete lechzend, taumelte, wurde erschlagen. Auf kleinen schwimmfreudigen braunen Pferden Kirgisen, bukajewsche Horde von den Salzsümpfen, Gesichter schwarz und stumpf. Schnalzten, gaben keine Antwort, peitschten die Pferde.

Als die Weißen nicht vorwärts kamen, vom Brand gestammelt wurde, Dörfer und Siedlungen anschwammen, trieben die Erkunder durch die schrecklichen Tier- und Menschenscharen, bewaffnet geschützt, auf Pferden. Bevor der nicht zerriebene Rest dieser Posten zurückkehrte, war die Barriere in der Luft gesprengt. In der Luft über der Wolga schwebend, die dunstende Kirgisensteppe, Samara Perm überschauend, sahen sie die von Menschen und Tieren wühlende Ebene.

Im Rücken der Menschen und Tiere aber den großen und unmeßbar weit nach Norden und Süden sich umbiegenden Rauch- und Flammenwall, der mit sichtbarer Bewegung, langsam und kaum pausierend in kleinen Pulsschlägen hinter ihnen herwanderte.

Feuer Rauch, den Horizont abschließend, keine Lücke lassend, die rollende Mauer.

Soweit sie konnten, näherten sich die Flieger dem Brand, in Furcht, von Strahlen gefaßt zu werden. Sahen zuletzt das Feuer sich von der Erde mit der Erde erheben, aus dem Boden spritzen, Hügel Berghöhen überklimmen, über flaches Land Gebirge hochrennen. Es hielt vor keinem Flußlauf.

Da warfen die Westler sich rückwärts, verließen fliegend fahrend die Linie der Wolga. Von Cherson bis zur Waldaihöhe im Norden bauten sie sich auf. Sie kannten die Millionen Menschen, die in der reichen wasserdurchlaufenen ackerbestandenen Ebene wohnten und die, die vor der Feuerwand einherliefen. Sie hatten überflogen Mohilew Smolensk Tschernikow Poltawa Kiew Jekaterinoslaw; Orel Kursk Kaluga Tula Twer Nowgorod Tambow. Das Feuer wanderte von Osten gegen sie, vom Uralgebirge stieg es, die Asiaten opferten das Land vor sich, dachten, die Westler würden die Woge der Lebendigen aufnehmen, und die Feuerwand würde über Europa, zum Balkan, nach Polen, an die Ostsee ziehen. Man mußte sich wehren.

Und wie vom Ural Feuer lief, lief nach fünf Tagen Feuer entgegen, von Cherson über Poltawa Mohilew Pskow zu den Waldaihöhen.

In die Erde metertiefe Stollen gestoßen, Stollen neben Stollen. Blöcke bohrten sich ein, rissen den Boden auseinander, die Linie vom grünen Ladogasee bis zum Toten Meer. Wie eine große Egge griff es in die Erde, hielt den Kopf gesenkt. Die Blöcke warfen unten Sprengstoffe Gase Salze vor sich aus. Blöcke über ihnen durchlockerten die Erde, mischten sie mit Gasen Salzen, durchdrangen sie mit Hitze. Hochgeschleudert unter Donnerschlag rauchte blutflammte die Erde, verzehrte sich geifernd in die Luft, aufgehoben in einem wirbelnden puffenden Qualm. Lohe Flammengarben sprangen in Säulen aus dem bloßgelegten Boden, brannten hinter der qualmenden niederregnenden Masse weiß und grün steil in Riesenhöhe auf. Flamme neben Flamme wie die Blockzähne der großen Egge, über Wiesen Ackerboden, zwischen Dörfern Landstraßen, vom Toten Meer zum Ladogasee Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai. Den gleichen wolkenbezogenen Himmel angrellend Tag und Nacht, ihn rüttelnd erschütternd mit Stößen zu Donner und Widerdonner. Menschen Häuser Steine Hügel Tiere Wälder restlos zerklafternd aufhebend hochwerfend verschüttend, Flußtäler zerreißend ausfüllend. Die Betten der Seen Ströme sprengte das wandernde, Minute um Minute vorrückende, Qualm speiende, regnende, sich in Hitze sielende Wesen. In den Sümpfen sprühte es, auf dem Moor sprangen die Kreuzkröten, die listigen Salamander in die Höhe. Die Wasserfrösche im Schilf duckten sich vor dem Rauch, der über die Sumpffläche strich. Es klatschte um sie. Wie sie einen Satz nach rückwärts machten, waren sie mit Schlamm unter den kolbigen Zehen aufgehoben, um sich gedreht, Giftdunst um sie, trockene Flamme, vergasende Erde grün aus dem Moor gegen ihre platzenden Leiber.

Die Egge über Wolhynien und den Bug. Das Landvolk wich nach Süden über Jekaterinoslaw auf das Meer, auf die Krim zu. Die Egge stach den Dnjepr an. Das mächtige Gewässer stürzte randlos nach Osten Westen, schwemmte sprudelte rauschte über die zerschnittene abgehäutete Erde, den brodelnden Sumpf. Ströme Bäche Seen, ihrer Umfassungen beraubt, kenterten über den neuen Boden, Lehm und Morast wälzend. Hinter den Eggen liefen die Röhren Gasspender Salzmischer Hitzeatmer. Selbsttätig zog das schnaubende Bergwerk sie hinter sich, entleerte sich seiner Spannung und Ladung, nahm ruhend unter der vibrierenden Luft, von der Erdlast befreit, die in Geheul und Rauch verging, neue Nahrung ein. Stemmte spießte bohrte sich unter die Erdmassen, die ihm vorlagen, brach gasend heizend explodierend aschend durch unter Bergen Baumwurzeln Stadtfundamenten.

Blauschwarze Schwaden, niedrighängende, zogen nach Polen Galizien Rumänien, wo das Laub an den Bäumen schwarz wurde, das Vieh auf den Weiden starb, die Menschen sich nach Westen wandten. Im leeren Osten schäumte die grüne Flut über der abgetragenen Erde. Unter dem Wasser schütterte, bohrte das Bergwerk, riß, riß. In Stößen wallte das trübe Element ostwärts. Die Erde in Sprüngen geöffnet, das Wasser in die Risse stürzend. Flammen brausten; die Nässe klatschend im Schwall dazwischen.

Im warmen üppigen Taurien tauchten Regimenter englischer Soldaten der B-Armee auf. Sie wurden auf Schiffen vom Süden durch den Bosporus und das Schwarze Meer getragen. Das Schwarze Meer war von Tausenden Seglern Booten Lastdampfern bedeckt. Flöße schwammen dazwischen. Im Norden nahe den Ufern Herden schwimmender ertrinkender Pferde. Vom Asowschen und Toten Meer, aus dem Kaukasus, von der Krim selbst quollen die Massen, gestopft durcheinander die Ufer erfüllend. Kosaken Kirgisen Slawen mit Bauern Priestern Männern und Kindern Weibern, die blauschwarze Wasserfläche anstarrend, über sie herfallend. Der Boden unter ihnen, Sand Wiesen, schon weggenommen von dem schrecklichen pfeifenden Gewühl der wandernden Springmäuse. Bei Tag und Nacht kämpften sie mit den Wölfen und Füchsen, die hinter ihnen, unter ihnen auf der Flucht waren, sich an den Erliegenden mästeten.

Erschauernd, ihr Grausen nicht überwindend, schlugen sich die angefahrenen Soldaten, ihre Schiffe den Flüchtenden preisgebend, nach Norden durch, um eine Linie zu ziehen zwischen Cherson und Taganrog. Immer wieder auseinandergerissen durch das scheußliche über sie fallende Gewühl der Springmäuse, Rudel der tobsüchtigen Wölfe, zuletzt durch die Völkerwanderung der Menschen, die sich bei der dichten Annäherung des Erdbrandes in Vertierung selbst anfielen. Die Flüchtigen ließen es auf einen Kampf auf Tod und Leben mit den Soldaten ankommen; sie waren ohne Nahrung, von Schrecken Erbitterung Haß verwüstet. Schlecht bewaffnet wurden die Truppen zertrümmert. Aber neue aus dem menschenfließenden Westreich kamen hinter ihnen und brachen sich, immer fast zergehend, Bahn. Sie wollten, zwischen Cherson und Taganrog auf der noch unversehrten Erde zwischen den beiden Feuerlinien vorgehend, den Brand vom Ural aufhalten. London befürchtete, daß nach Ersäufung der ganzen Ebene zwischen Ural und Düna keine Angriffsmöglichkeit zu Land bestand; die kontinentalen Massen brauchten Angriff und Sieg. Eine Erdmasse als Kampftribüne sollte zwischen der östlichen und westlichen Wüste, dem ersäuften und erstickten Land, erhalten bleiben. Den B-Truppen waren zum Schutz nur wenige technische Einheiten beigegeben worden; die Führer hielten den Versuch für fast aussichtslos. Das todesmutige dichte Herantreiben von Stollen an die uralische Feuerwoge, während die westliche verharrte, das Aushauchen reaktionshemmender Gase, Auswerfen löschender und vereisender Salze glückte nur an wenigen Stellen. Das Tempo des östlichen Vorrückens wurde zuletzt unerhört wütend. Die russische Tier- und Menschenwelt, von Osten und Norden andringend, im Westen eingeengt, ertrinkend verhungernd verbrennend, behinderte an den meisten Orten das Ansetzen der Gegenstollen, zerstörte die vom südlichen Wasser nachgezogenen Röhren und Kabel. Zu dem Widerwillen gegen die Westler trat bei den noch kräftigen Einheimischen blindmachende Verzweiflung, Abscheu vor allem Menschlichen, ja Lebendigen. Eine Woge von Barbaren und Kannibalen rollte nach Süden. Mitgerissen von ihnen, eingekeilt zwischen sie, die Truppen der Westler.

Noch auf der Flucht, nach rechts und links kämpfend, sahen die Truppen die westliche Feuerwoge sprengend und lohend sich in großen Sätzen erheben und grün der östlichen zulaufen. Sie schrien im Bereich der grünen und gelben Schwaden wie die schwarzen Kirgisen und Slawen. Niemand sah mehr den andern. Hunderte von der eigenen Feuerwoge im Rücken gefaßt, geröstet.

In der Linie Bardjansk Charkow Orel Kaluga Twer packten sich die springenden Reihen der Bergwerke, stießen knallten grimmten in einem einzigen Feuertosen zusammen. Verdonnerten verzitterten die Bohrer Sprenger Gaser Heizer.

Dickes schlammiges Wasser sprudelwallte brodelte über ihnen. Sie vergifteten es, brachten es zum Sieden Bäumen Spritzen, warfen es in Säulen über sich. Es klatschte gischend zurück. Sie mußten Ruhe geben. Die Kabel rissen. Die Ladungen rieselten lehmig tintig aus.

Während vom Ural das Feuer lief, vom hohen nördlichen Töl-pos-is, dem Kamme des Jamentau, Iremal, beschickt von den Gelben, die aus den unendlichen Tannenwaldungen und Klüften des Ostabhanges herstiegen, lagen Gasschiffe Riesenboote Luftschiffe über dem Ozean im Westen, aufgebrochen aus England Irland, dem Golf von Biskaya, von den Kapverdischen Inseln, der Guineaküste. Kreuzten das atlantische Wasser Karaibische Meer, breiteten sich, die Durchfahrt von Panama verlassend, an der weiten Westküste des amerikanischen Kontinents im Süden und Norden aus, um dem asiatischen Angriff von Westen zuvorzukommen. Die amerikanischen Geschwader schlossen sich ihnen an. Unterwasserboote Gasboote, in breiter Front die plumpen Arbeitsschiffe zwischen sich fassend, von Abwehr- und Kundschafterbooten umschwärmt, durchschnitten das große westliche Gewässer, dröhnten an Hawai Paumotu Tubai vorüber, zogen bei Neuseeland die südliche Front ein, verdichteten sich im Norden, von Neuguinea bis Kamtschatka.

Da waren sie in ein zauberhaftes Meer gestiegen. Erfuhren Beunruhigungen, die sie auf Fehlleistungen der Schiffe, Täuschungsmanöver der Kommandanten bezogen. Tauchboote Überwasserschiffe begannen ihr Tempo zu ändern, rascher zu fahren, rascher rasend, die Richtung zu verändern, zu stocken, stillezustehen. Ganz unregelmäßig wiederholte sich das, trat hier auf, dort auf an der Riesenfront, die langsam vorrückte, einen Gürtel um den Ostabfall des asiatischen Kontinents legte. Dann fing es mit einem plötzlichen Ruck, dem Stillstand einzelner Schiffe an. Im Wasser hielten Schiffe, wühlten rechts links mit Schrauben, bäumten sich, kamen nicht los. Langsam wurden sie frei, freier, brausten pirschten auf ihren Gegner, rasten in entfesselter Geschwindigkeit, unter dem Wasser, auf der gischenden Fläche, fühlten plötzlich, daß sie sich nicht halten konnten, daß sie stürzten, eine Kraft über ihnen. Man zog sie, riß sie von vorn. Vorn zog man sie, saugte saugte sie. Tosend die Schiffe, wahnsinnig, nicht gebunden an das Wasser, von keinem Motor gejagt, über die Wasserfläche rauschend holpernd, mit den Seitenflächen vorbiegend, fast kenternd, sich überwerfend, schleifend geschleift. Bis sie die weiße schwarze Masse sahen, auf die sie flogen, die sie bannte, die selbst auf sie flog, die weiße schwarze Bank, durch das gischende Wasser anschießend wie sie, das eiserne Schiff, mit ihnen Spitze gegen Spitze zusammenprallend, prasselnd sich mit ihnen vermählend, schmetternd mit ihnen verschnürt zerfallend absinkend.

Das Geschwader der Philippinen hatte sich Mindanao genähert. Deutlich bewegte sich von Osten eine Gruppe flacher feindlicher Schiffe. Die Westlichen hatten im Augenblick die Motore des asiatischen Geschwaders gelähmt; die flachen Schiffe küstennah standen unbewegt wie eine Linie Soldaten. Wie Reiter stolz aufgebäumt raste das weiße Geschwader gegen sie im Keil. Die Wellen geschlagen schäumten festlich. Das vorderste Schiff stürzte plötzlich, die Spitze des Keils. Knickte ein, stand nicht auf, sank ins Leere. Die nächsten Schiffe rückten an, knickten, ihr Deck unter der Meeresoberfläche. Verschwanden wie in Löchern des Meeres. Als wären sie Pferde, empfingen Schnitte in die Sehnen der Knie, waren, auf dem Bauch liegend, verschwunden. Schiff nach Schiff. An der Küste die Linie des gelben Geschwaders. Der Keil stürzte weiter. Das Wasser wurde unter den Schiffen weggerissen. Das Fahrzeug sank in die Wasserspalte. Die Spalte, ein Trichter, weitete sich rechts und links kugelförmig. Das Schiff, stürzend torkelnd, am Boden der Wasserschlucht von den herabschießenden Wellen umgeschlagen, wurde begraben, während das Wasser über ihm sich zusammentat, stürmisch aufhob und glättete.

Das rollende Meer wurde ihnen unter dem Kiel weggerissen. Stürzend ins Leere, in die Lichte von weiten Schornsteinen kamen sie nicht wieder hoch. Das weiße Geschwader fing zu stutzen an. Während es zögerte, riß das Meer weiter rechts und links auf. Sie schlichen um die tosenden Abgründe. Dies und jenes stürzte noch. Wenige rasten rückwärts.

Vom westlichen Kontinent kamen über Amerika Berichte. Der Feuerkrieg am Ural stieg vor ihren Augen auf. Unruhe über den Geschwadern. Die Führer berieten über Maßnahmen gegen den auffälligen Druck, der sich der Besatzungen bemächtigte, als Befehle von London über Neuyork liefen, zurückzukehren bis auf den Küstenschutz. Den Pazifik überflohen sie in breiter Linie. Am Ostabfall Amerikas hielten sie; asiatische Angreifer hingen auflauernd über der Küste. Die Westlichen waren froh; sie gönnten ihren trüben Besatzungen das Abenteuer. Die Gelben flogen; man ließ sie sich nähern. Wie die Gelben das Meer den Schiffen unter dem Kiel weggerissen hatten, dachte man ihnen die Luft wegzureißen. Raketen in der Finsternis von den Borden der weißen Geschwader vor der Küste. Sie tasteten die kleinen Flieger ab, die im Schutz ihrer Abwehrwaffen in der Luft leicht pendelten, die schwebenden breiten Bollwerke der Lastluftschiffe, die die Größe der weißen Arbeitsschiffe hatten. Von dem Kranz der Raketen wurden schwarze Gebilde hochgetragen, die wie Ketten zwischen ihnen schwankten. Wie die Raketen zu glühen begannen, dumpften Schläge: die Böenbomben an den Ketten explodierten. Von oben nach unten zersprangen sie, wühlten die Luft beiseite, mit jedem Schlag sekundlich dem früheren folgend, stießen keilten sie die Luft weg. Wie ein Schwimmer, der auf dem wippenden Sprungbrett steht, die Knie beugt, sich zum stolzen Niedertauchen rüstet, das Brett kracht, er torkelt kippt sich überschlagend, mit den Armen leer greifend, klatscht bäuchlings unter Stöhnen auf die spritzende Wasserfläche, so hingen die gelben Flieger und Luftschiffe, sprung- und wurfbereit. Die Füße ihnen abgeschlagen. Wehrlos unwissend, was mit ihnen geschah, klafterten sie abwärts, wirbelten um sich in der finsteren brausenden Luft, schlugen ins Meer, Münder geöffnet, Finger gekrümmt, träumend erwartend.

Die gelben Flieger, sich zurückziehend, sammelten sich bei Tag wie Raben am Panamagolf. Finsteres Gewimmel den Rio Chagras entlang, von der Limonbucht bis Panama. Sie wechselten jeden Augenblick die Höhe; die Schiffe des weißen Geschwaders traten in die Schleuse von Miraflores, Padro Migual. Man riß aus den Fliegern mit tosenden Böen Punkte Ballen heraus; sie drangen verstärkt zusammen, auseinander. Einzeln tauchten sie herunter, schienen sich bald auf Colon, den Endpunkt des Kanals, bald auf die erste Schleuse zu konzentrieren. Dann sausten die Raben in ganzen Scharen auf die Hügelketten um den Kanal, im Angesicht der fahrenden Schiffe. Hockten rechts und links, als täten sie nichts. Hastig die Schiffe durchgeschleust, Paraiso San Pablo Soldado passiert. Unbelästigt liefen die Weißen an Bohio Soldado vorbei, bei Colon aus, sammelten sich, warteten in der Limonbucht. Schiff um Schiff schleuste durch. Die neu auslaufenden empfingen da zu ihrem Staunen kein Zeichen von den wartenden. Eine stumme Schar von Schiffen sammelte sich, wartete; immer mehr verstummten. Die neuen glaubten, die Maschinen der anderen seien gestört, booteten, flogen zu ihnen herüber. Und wie sie anstiegen, landeten aus der Luft, lagen und gingen da – lachende Menschen. Salven Gelächter schlugen ihnen entgegen. An den Masten, über den Bordrand hingen sie, ausgestreckt, hier und da, schlafend schnaubend. Sie winkten sprangen herum mit eingezogenem Leib, als würden sie von einem fürchterlichen Kitzel gereizt, brüllten aus vollem Halse ihr Gelächter aus, auf Fußspitzen tanzend. Mit dem Kopf an den Masten standen welche, den Kopf auf die Brust gesenkt, nach rückwärts gegen das Holz gedrückt. Seitwärts mit den Fahrtbewegungen ihr Rumpf schwankend. Sie schmunzelten in süßer Lähmung, spielten mit den Fingern, rutschten sachte mit den Füßen aus, saßen fielen um, lagen prusteten. Die Mehrzahl der Männer und Frauen schlief in einer irren Wonne. Die angebootet kamen, konnten die schlafsüchtigen Leiber schütteln; sie rissen die Augen auf, blutunterlaufene Augen, geplatzte Adern in der Weiße, plump verzogen das gedunsene Gesicht zu einem vertraulichen Grinsen. Kichern Gurgeln Grunzen aus dem verklebten weit geöffneten Mund; sie legten sich sanft um. Die Menschen, die sie rüttelten, gingen nur eine kurze Weile, fühlten sich genötigt, selbst zu bleiben, zu grinsen gähnen, vor sich hin zu lächeln, zu niesen kichern und dann zu lachen, daß das Zwerchfell schmerzte. Sie schmetterten ihr Lachen von neuem, von neuem, husteten verschütteten ihre Lungen, fühlten sich selig, müde und müder. Einige fanden die Kraft, auf ihre Schiffe zurückzukehren, wo das Kichern schon begann. Dann flogen Meldungen über die Meerenge. Auf den Hügelketten um den Kanal hockten die Raben, wechselten gelegentlich ihren Sitz. Flieger der weißen Geschwader warfen sich über sie. Wild schwirrten sie hoch, auf der Flucht vor den Böen. Das Kraftwerk von Cartagena setzte ein. Die gelben Flieger waren im Bereich seines elektrischen Feuers, im sprühenden Geflecht der Wellen Cartagenas. Ein unsichtbares Gewitter umfaßte sie, schleuderte sie auseinander. Als wären sie sehnsüchtige verliebte Tiere, benahmen sich die Apparate, die unterhalb der Strommassen liefen. Schwankten zitterten stiegen auf unter, rissen sich ab, zuckten hoch. Sie schlingerten warfen drehten sich, ihre Propeller arbeiteten blind. Sie waren gefangen wie Fliegen im Spinngewebe. Die Gelben stellten ihre Motore ab; nur wenig sackte die Maschine, dann hing sie fest, ja stieg stieg. Sie sahen von unten das Schauspiel der Maschinen, die bewegungslos in der Luft hielten, als lägen sie auf dem Meeresgrund. Motore sah man laufen und stehen. Unwiderstehlich die Randstrahlung des Gewitters. Sie vermochten, nach stundenlangem Drängen Spannen, die schweren apparatebeladenen Flieger, die den Kanal zerniert hatten, nicht in das Meer zu stürzen. Nur einige schnallten sich los, warfen Kleider in die Luft, sprangen nackt aus ihrem Apparat, der im Schwung nach oben schoß. Willenlos schaukelten die übrigen in den stählernen Kästen. Stiegen ruckweise höher höher in die aschestreuende Zone, waren urplötzlich gefaßt, kilometerweit nach vorn gestoßen, durchbohrt, durchlöchert, zerfressen, mit kleinem weißen Licht aufflammend, zerfallen.

Aus Rumänien Polen Deutschland fuhren Beobachter nach dem Osten. Über das Atlantische Meer kamen die trüben Geschwader. Zahlreich die Schiffe, die auf der Einfahrt zugrunde gingen, an den Antillen den Bahamainseln. Tiefer Mißmut zwang sie zurückzubleiben. Weigerten sich nach dem alten Kontinent oder Amerika zurückzukehren. Angriffe von Teilen des Geschwaders, Schiff gegen Schiff, wurden beobachtet.

Die Westgrenze der Verwüstungszone fuhren Kundschafter ab. Sie flogen wanderten fuhren auf Booten. Das unabsehbare Überschwemmungsgebiet. Einebnung der Landschaften. Wo die Wälder Wiesen Blatt- und Grasgrün Ähre Blüte laufendes Tier singender Vogel? Schwarzbraun grünlich fließende Seen, auf denen gesplitterte Baumstämme mit Wipfeln Wurzelwerk schwammen, Teile von Tieren und Menschen, unter der Giftwirkung mit hellroter und rosa Farbe. Gelb verbrannte zerbrochene Bettladen Schaufeln Schlittenkufen im dicken Gewirr der Oberfläche hinziehend, zu weiten Anhöhen über dem Morast aufgestapelt, spitze Kegel, abgeplattete kilometerbreite Pyramiden: der Ort von Städten und Dörfern. Zusammengepflastert Steinblöcke Häuserreste Lehmmassen Eisenteile Räder Fensterladen. Die breiten Krater der Schwarzerde, wüste Steinhaufen um Charkow und Kursk. Unterpflügt umgeworfen fein gemahlen der Boden, der ruhte, aus dem kein Halm trieb, über dem kein Regenwurm sich bewegte, keine Ameise lief. Starke Hügelgruppen am westlichen Ufer der südlichen Wolga von der Egge der Bergwerke gefaßt; die Wolga, im Osten meilenweit ins ehemalige Kirgisenland flutend, spritzend nach Westen aus Sieböffnungen über das tiefliegende Land. Die Wandungen des Siebes bröckelten ab; die Wolga brach nach Westen durch.

Über die Wolga drang kein Kundschafter. Manche verkamen, ließen die Vorsichtsmaßregeln außer acht. Schwer mit unklarem Schmerz beladen kehrte Gruppe nach Gruppe zurück. Trübsinnig grambepackt fielen sie in die östlichen Städte wie Meteore, die im Niedergehen ihr Feuer von sich geben.

Englische und kontinentale Stadtreiche hatten gegen Ende des Krieges getan, was zu tun war: Massen ihrer Bevölkerung von sich geworfen, in die unmäßig anwachsende B-Armee, die man erbarmenlos dezimierte. Man markierte asiatische Angriffe durch Fliegermassen, riß tausende Wehrlose auf den brachliegenden Feldern Rumäniens und Polens hin. Man erprobte auftauchende Waffen am lebenden Objekt. Auf zehn gelbe Flieger, die vor Panama an der Küste unter Böen und Raketen herabgerissen wurden, kamen hunderttausende weiße, die die Kraft der Böen erprobten. Schneidend und bedenkenlos die Diktatur der verzweifelten Herrscherschichten. Als zwischen dem Toten Meer und dem Ladogasee, über Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai der sprengende Bergwerkgürtel gelegt wurde, dem asiatischen gegenüber, war er in der Walachei der Poebene Westfalen Wales schon mehrmals über den Boden gegangen, hatte mit Gift und Explosion Regimenter der Überflüssigen gefordert.

Über die unerschöpflichen spielklügelnden Städte fielen da die Nachrichten vom Krieg. Die Kundschafter, finsternistriefend, ließen sich in die Menschenmassen nieder. In London, englischen und kontinentalen Stadtschaften wurde in diesem Augenblick die Diktatur offenkundig. In London bedurfte es keines Kampfes. Mit zwei drei Schlägen bemächtigte sich Rallignon und seine Kampftruppe der gesamten Ernährungs- und Bewaffnungsanlagen von Paris Lille Châlons Orleans. Die Wieschinska, das Weib, bei der Durchschleusung des Panamakanals unter die nervenlähmenden Strahlen der Japaner gekommen, gehörte zu den wenigen, die sich nach kurzem Siechtum erholten. Sie behielt Geist und Willen: Beine hingen im Stuhl schlaff von ihr; sie beseitigte, mit ihrem noch gespannten strahlenden Gesicht, ihrer machtvollen tiefen Stimme die Menschen an sich fesselnd, den zögernden Senat ihres Gebietes, vereinigte Werke und Waffen in ihrer Hand.

Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in diesem Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt erschien es. Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen. Keine Niederlage war gemeldet. Sondern nur: es hatte sich nichts geändert. Die Jungen, Männer und Frauen, die Führer hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. Das Feuer aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den Gestirnen aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom Ural bis zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert, Menschen Bäume Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote Land. Das war das Werk der Jungen mit den Standarten. Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, die wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den Wasserböen Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber nichts war zu leisten damit. Man lief um die Städte wie vorher, hatte Treibhäuser für Blumen Spiele Zirkus. Was sollte man damit? Versagt hatten die Jungen, die Herren und Herrinnen. Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie zerreißen, Städte vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die westlichen Landschaften vernichten.

Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte dieser Städte. Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren die Träger dieser Augen, sie hatten solche Gesichter, flüsterten wie Wahnsinnige, gellten warfen die Arme, bedeckten die Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten gerissenen Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen: weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten gemacht wurden, in hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut, weil sie ihnen dies angetan hatten. So tief waren manche Boten, frieden- und spielgewöhnt, weich wie die Massen, von Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die Straßen nur liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten deshalb, forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf die Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der Held in dem alten Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund erschlagen war, die Leiche geschändet und entblößt. Es war ein Rest des Schreies der fliehenden Tier- und Menschenscharen vor der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom Asowschen und Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen, Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten, während unter ihnen der Boden von dem wandernden Getier fortgenommen wurde, klatschend lohend in ihrem Rücken die Brandlinien anrollten. Überall schüttelten sich die trüben gemästeten Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost der Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit, die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften hätten die Herren verbrennen können; sie wollten sich über die Herren gießen, Rache nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht durch starke Senate gesichert waren, erfolgten lauffeuerartig Revolten Zertrümmungen von Straßenzügen Werken.

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