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Berge Meere und Giganten

Neuntes Buch. Venaska (continued 2)

Reading edition

Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der Steile Absturz schickte Männer unter die wandernden Gruppen; die ließen sich nicht aufhalten. Über den Fluß fuhren nach Westen Menschen. Sie suchten in das Gebirge hinauf, fragten nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um Kylin –, sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges nächtelanges Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure Flamme über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem Brausen flüchteten an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen, heller und dunkelfarbiger, vorbei.

Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt, zwei Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen erdrosselt. Sie selbst waren im Begriff sich in Dampfwolken zu verwandeln, um zu Delvil zu fahren. Ihre zähen mit Felsen und Erde genährten Leiber widerstanden der Glut. Das ganze Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder erhitzten sie. Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe Weib Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren Beinen leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den beiden, sie sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag über der alten Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide. Sein Leib war nicht mehr zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn; der Gigant kämpfte mit der Flamme, die ihn vernichten, verblasen wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen Leib, wie er sich auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und röstete, er fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er atmete selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte Gigant, die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden Erdloch Lyon im Süden, aus dem Boden: „Wir haben Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und lachend tobend zerrte sie sich den Panzer der Giganten, den Islandschleier von der Brust, zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen Uferfels. Aufkrachen. Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den Wolken. Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte Arme streckte er hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm schnappte loderte und nicht verbrennen konnte. Er schleppte das sich krampfende stöhnende ungeheure Gebilde.

Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in der Luft über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen sich windenden Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts ziehen. In das Flußtal wollten sie heruntersteigen; sie vermochten es nicht unter dem widrigen stinkigen Branddunst. Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. Und wie sie die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug der Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten her das Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene gesät Häusertrümmer, die rauchten. Und daraus wanden sich hervor Menschen und Tiere. Auf die Siedlungen war der Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte die fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen, schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen; an manchen absperrenden Mauern in Haufen.

Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm heraufzog, zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und verbargen sich manche Islandfahrer, Männer und Frauen weinten; hielten sich die Ohren zu; das Gespenst Grönlands und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten blieben starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich kaltgesichtig unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie bereiten sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. Verfluchte Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen, wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob er die Arme über sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer, ich kann an dich denken. Feuer auf Island, im Himmel, Feuer in meinem Leib, vernichte sie. Verbrenne sie, schlag sie nieder. Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie wir leiden.“ Er weinte laut mit den andern. Die Hügel herunter in das Tal zog er sie. Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den grauenhaft Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist nicht dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert, die Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume jammern mich, die sie zertreten haben. Aber dies zu sehen: die Menschen. Seht es euch an: es sind Menschen. Es ist mehr als Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen haben es nicht gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben gelebt. Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier. Müssen wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile Absturz erblaßte, rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es kann nicht zuviel sein. Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt ist. Kommt hinter mir her. Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es ist kein Schade. Blickt euch um, was hinter euch nach Nordwesten zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, so, so. Unsere Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die Augen zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte, blase sie in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen übrig.“

Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß von Osten eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen gegen sie losließ. Da bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den qualmbeladenen Strom nach dem andern Ufer über. Kylin hetzte, während sie fuhren: „Da ist Wasser. Seht es euch an, ihr. Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man ertrinken. Wenn man genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von der Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen des östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war Kylin, mehr, mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende Öffnung der zackigen Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie, aus der die schreckliche lachende Männin gefahren war. Kylin lockte mit Hohn und Grausamkeit: „Auch hier hinein kann man sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden können; für uns reicht es.“

Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren Totenebene zu bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern welche. Mit Haß und Genugtuung betrachtete der harte Kylin sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß einige davongelaufen seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu ertragen. „Wir müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ Sie faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr vor.“ „Uns kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir müssen es den Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer Wolke nach London fahren.“

Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von deren Fleisch sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert und geduckt um ihn ging, ihm auswich. Er zog an ihrem Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir begegnest! Gut! Du versteckst dich vor mir. Bei uns, an der Rhone Venaska! Ich habe nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe hier herum. Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am Schleier fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von der Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen Schleier um, du zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen zumachen, die Nase zuhalten.“ „Hojet Sala, was sprichst du. Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen Augenblick sollst du wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer gesehen und gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. Wie bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um mich. Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu sprechen. Sprich Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier auch blühen. Oleanderbäume Feigenbäume der Provence, nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier ist es süß. Das hier unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und der Mastdarm eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem nicht unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh zwei Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du zu diesem Kind. Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert, die Beine sind dem Kind zu langsam gelaufen, da ist es selbst – mit wem wohl? mit den Giganten gerannt, Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich jetzt von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh gestorben! Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit Freudenausrufen oder mit einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt darin. Tränen, Tränen, vorwärts.“ „Warum wütest du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du fielst mir nur als ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, Venaska, du schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem Platz. Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten Darm an, die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen, das war ich, ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht zertreten. Hör auf, Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du sprichst.“ „Und weil ich dich sehe, spreche ich so. Ich dich nicht sehen. Daß du es wagst hier zu sein. Hier ist das Grabmal aller menschlichen Würde, du bist das Triumphlied dabei. Unsere Schande führst du uns vor Augen, bei unserer Schande sättigst du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden wütenden Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten, die Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein Mund. Wäre ich dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“ Er stöhnte und widerstrebte nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr! Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. Es ist gut. Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was ich bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht, Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er hatte sich ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden müßte ich küssen. Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren, um von dir enthüllt zu werden. Meine ganze Schande zu sehen. Deinen Schoß her. Unsere ganze Menschenschande.“ Sie zog an seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: „Komm mit Venaska.“

Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie leiden. Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, ihre Augen lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie geblieben. Da irrte er um den Trichter der qualmenden Erdstadt herum, immer dichter; er schien erst langsam zu wissen, was er wollte. Er trieb sie an eine der gräßlichen Spalten, in denen Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, Venaska. Das ist das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist du?“ Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“ Sie zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht anders als ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“ „Doch. Venaska. Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst du nicht so schön, so süß. Geh weg. Geh hinunter. Was macht es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich geh’ nicht.“ „Erreg mich nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. Verhöhne mich nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich unendlich zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“ „Hier hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“ „Nein. Du selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn du die Augen auf hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir, Hojet Sala. Jetzt mehr als sonst. Du wirst Reue um mich empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich mich nicht an. Dich kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht der Giganten. Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das Grönland ausgeworfen hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine Besinnungslosigkeit. Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich. Wie bin ich geschändet. Süße Erde, nimm mich.“

In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den Boden in ihrer sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand vor Hojet Sala, der hinter ihr schäumte.

Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der Steile Absturz hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg. Ich habe sie erkannt. Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich erkannte sie. Sie war aus dem Geschlecht der Lurche und Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. Schmerz her. Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag. Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht ist, werden wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der Schmerz ist unsere Seele, unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr, sie ist in das Feuer gegangen und war ein Stück von mir. Gesegnet, wer Erniedrigung gibt.“

Venaska, die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und Verwesungsgasen der Krater von Lyon war sie entkommen. In Angst schleppte sie sich, allein. Sie weinte viel. Sie war das Glück der Entsetzten, zwischen denen sie sich bewegte und denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging sie. Wohin wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland. Und dann kam sie im Westen unter die verzweifelten, oft kannibalischen hungrigen Völkermassen, die sich aus Orleans und Paris rissen. Von den Riesen sprachen sie, die sich in Cornwall versammelten. Zu den Riesen: das wollte sie. Ein bewußtlos tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; sie lechzte zu den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht mehr das Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen auf die tobsüchtigen Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war wie die Nacht von einer Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte und brüllte man. Wer nannte die Giganten, die fernen. Sie standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, grauenhaft ihre Leiber. Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte sie durch Taten und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder.

„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und Nacht in ihr. Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an: „Ich bin wieder da, liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser. Ich habe euch lange nicht gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie legte sich nackt in einen Bach: „Liebes Wasser, das ist mein Leib. Er ist ganz für dich. Ich will nach Norden. Hilf mir herüber.“ Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich von der Luft trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor: „Ach die Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle dich durch die Haut, auf dem Rücken, am Nacken, an den Füßen. Auf meiner Wanderung kommst du mit.“

Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur Seine hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht vor den Riesen war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht: „Geht nur. Die Riesen sind nicht eure.“ Die Ufer der Seine lief sie entlang, über Wiesen, durch Buschwerk. Sie war glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft hing an ihr. Je rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der Landschaft sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten sich nachts, wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus. Sie lief, lief. Das Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die Kastanienbäume, die Linden, sommerlich blühend, wogten bei ihrer Annäherung auf. Duftwolken brunsteten sie aus, dann senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen nach ihren Haaren. Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach Cornwall. Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu den Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer kam nicht. Sie grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser schlossen sie ein. Venaska war glücklich in ihrer Liebe und schluchzte vor Verlangen.

Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem Lande umfaßt, streckte sie die Arme nach Norden aus. Die Tränen stürzten aus ihren Augen. Die Tränen liefen der Venaska voraus, fielen auf die Schultern der Giganten.

In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im Halbkreis vom Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die Erde um sich hatten sie ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen in sich aufgesogen. Mit Erzquadern wurzelten sie in den Gabbromassiven der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen durchwuchsen ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob sich bis an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die Strahlenträger, die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der Brust, gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer aufzureißen, den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die Lava hervorbrechen zu lassen, Länder zu verschütten. Keine jauchzende Wildheit Krampf war mehr in den Wesen. Die Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte sie, wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften anringen, um nicht zu versinken.

Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der Cardiganbucht über Wales hingesprungen, durchtobten den Bristolkanal, schäumten bis zu den Füßen der steinernen Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom Atlantischen Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen an. Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg die Flut von Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen Gewittern überlagerte Straße schiebend, wühlte gegen Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen die Wellen dampfend auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue Massen schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu Woche über der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und Dämmer fuhren unaufhörlich die Blitze. Endloser Regenguß, brüllender Donner.

Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend, rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem Brüllen des Donners gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln. Das Bewußtsein wollte ihnen schwinden. Und wenn einer stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn durch ihren Lärm zu erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem Rücken, bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme, lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die rauchschwarze Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn schwemmend, packten sich an seinem Hals hoch. An seinen Schultern, an der Brust trieben sie Kanten vor, waren Abhänge Klüfte, in dem sich das gischende Wasser verfing.

Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich erinnern – brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete nicht darauf, sein bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer. Da zuckten seine Finger, der Arm krümmte sich, es brannte im Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach hinten. Etwas rief. Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten gegen seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil. Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger tasteten hinein, warm waren sie; über seine Schulter rief es durch das Gewitter: „Delvil. Hilf mir doch. Ich bin im Gras verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft mich bei Namen. Immer der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk entkam.“ Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren. Es klagte; hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen Mund. Das waren Arme, über seine Augen. Er bewegte den Kopf keuchend rückwärts; ein heller Schreck durchfuhr ihn. „Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst du hier. Heb du mich, süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, „weg von mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das Gewitter prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte den Schleier. „Meine Arme halten dich. Nun sind sie doch froh bei dir zu sein. Ich komme bald; nichts soll mich zurückhalten. Du bist mein Blut. Nach dir habe ich Sehnsucht. Sehnsucht, Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. Es trieb ihn an seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; welche toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren. Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“ „Mein Blut, du, und du hast Verlangen nach mir. Ich kenne dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund ist bei dir. Da ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du fühlst mich, du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß sie heraufkommen zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein schwand ihm: „Ich muß stöhnen. Sie sollen mitstöhnen. Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt zu dir. Jetzt ist es da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du lebendig.“ Sein Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, zwischen den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes Gebilde. Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf Sekunden warm. Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch Delvil. „Warum nicht, Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war nicht mehr da, das rasende Meer war verdämmert. „Toter Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck dich aus. Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald ausgedehnt, auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil.

Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor am Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen versenkt, mit den grünen sprießenden sie durchwuchernden Augiten, den Sandmassen, die ihre Stirnen überschütteten, den Haufen von Trümmergestein, die durch ihre Adern türmten. Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen brachen auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie wurden am Hals, an den Fingern berührt. Und wie sie noch staunten aufröchelten, um sich zu erwecken, wurden sie im Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. Hin schwanden wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren einer Stimme. Wer war das. Wärme Sinken. Eine erschreckend sanfte süße Stimme: Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt.

Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in Wälder Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte, wusch die Massen, die abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein und die Schleier ab. An Felsen zerrieb es sie, zersprengte sie in Lohe. Dann verebbte die schwarze Meeresstraße von Norden. Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der Cardiganbucht zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten abrollend die steinernen Häupter und Arme der Giganten.

Aus den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften quollen die Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus herrschte. Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden britischen Inseln, Reste von dem überschwemmten Irland, schlugen sich mordend raubend durch das westliche Europa. Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur wenig durch Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter stürzten verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie. Leichen ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war, verschanzte sich in den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln, meist in Kampfgenossenschaften, würgte was sich näherte, war hart wie Knochen, jagte Tiere. Die Ausschüttung und Überschwemmung des europäischen Kontinents, die ungeheure Katastrophe, war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall beendet. Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen und neues Verschütten dauerte noch lange an.

Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn zu empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit nicht geringerer Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn sie über den Vulkanen schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen, teilten sie, trieben andere weiter. Erschienen bewaffnet, überall miteinander im Zusammenhang, in den belgischen Gebieten, an der Seine, der mittleren Loire, der Rhone. Wallartig mußten sie sich vor den glücklichen Landschaften südlich der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu verhüten. Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition rostend und faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die afrikanischen weiten und längst aufgeschlossenen Landschaften, nach dem nördlichen und südlichen Amerika führten sie große Massen.

Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen, das Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung der dänischen und skandinavischen Stadtreiche von entsetzten hungernden sterbenden Menschenwesen überschwemmt. An der südlichen Küste dieser See dehnten sich die Märker aus, bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. Sie hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb um diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick benutzen wollte, um die märkische Macht durch Überfälle nach Norden und Westen auszudehnen. Die bewaffneten starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn in Berlin während einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und Westen, nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze gingen damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des größten Teils der späteren westlichen Bewohner war ihr Werk. Durch ihr eigenes Gebiet führten sie nördliche Scharen über die Warthe, die Weichsel. Die russische Tiefebene betraten sie, die wieder geglättet beruhigt begrünt war nach dem Flammenkampf. Nomadisierende mongolische und sibirische Stämme nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in die Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die Nachkommen der älteren härteren Weißen und Dunklen auf dem Kontinent; der junge Zufluß, der nicht verkam, verebbte nach Süden. Dünn besiedelt war das Land, auf dem die gewaltigen Stadtschaften, die Mütter der Giganten gewachsen waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer Mischlinge und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen, versprengte Reste Weißer.

Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen Kontinent rangen in furchtbarster drängender Arbeit die Menschen mit dem Boden. Amerika hatte keine Gebilde entwickelt wie Delvil Tafunda Kuraggara. Hier flossen die Stadtschaften früh aus, die Senate schwanden, Apparate und Wissenschaften verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen Völkerkreises sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb der verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste der ungeheuren Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den schwach besiedelten Resten der alten Stadtschaften ballten sich in Europa die Menschen. Es kamen nicht viel später Angriffe afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum nördlichen Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde und Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer.

Über Nordeuropa zog nach den Vorgängen in Cornwall Staub wie von Vulkanausbrüchen, wochenlang gingen Regengüsse nieder. Man beachtete es in der Verkrampfung und tödlichen Wut dieser Tage nicht. Und wer von den noch Lebenden an die Giganten dachte, fürchtete sie nicht; man kannte jetzt keine Furcht. Erst wie das Ringen zu Ende ging, besann man sich der tobenden Giganten. Und man sah die harten ledergekleideten Islandfahrer, die, hinter sich kleine Scharen neuer Entschlossener, durch die Länder ritten, Fußpfade herstellten, die verfallenen Chausseen freirissen, große Wanderscharen auseinandertrieben. Im Belgischen und am Rhein verbreitete sich das Gerücht, dies seien Männer und Frauen der alten Herrengeschlechter, die gegen die Senatoren rebellisch geworden wären, sich ungeheurer Kräfte auf Island und Grönland bemächtigt hätten und die Giganten auf den britischen Inseln niedergekämpft hätten. Seien Männer und Frauen wie Marduk und die White Baker, nur stärkere; sie hätten die Giganten mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Es nutzte nichts, daß die Islandfahrer den Gerüchten entgegentraten. Sie schwiegen zu viel, man sah ihr Vulkanzeichen und wie sie sich vor dem Feuer demütigten. Das mußte die Gewalt sein, die sie selbst niederhielt. Ob sie sich wieder wie die alten Herren über die Menschen erheben würden. Und während man vor ihnen auf der Hut war, tat man den Fahrern nach, verehrte das Feuer, um mit ihnen auf einem Boden zu stehen und auch, um nicht eine große unbekannte Gewalt zu beleidigen. Den Islandfahrern selbst, die mit ihnen siedelten, brachte man Ehrfurcht entgegen, fiel vor Hojet Sala hin.

Harte Sitten der Märker, die sich nicht mehr abschlossen, zogen im Westen und Süden ein. Wie Flugsamen verbreiteten sich aber auch bei den stadtentlassenen Menschen auf den Feldern, in den Dörfern, auf den Stadtresten die ernsten liebevollen und ehrfürchtigen Gedanken des Südens. Neu fühlte man sich in das Gewitter ein, in den Regen, den Erdboden, die Bewegungen der Sonne und Sterne. Man näherte sich den zarten Pflanzen, den Tieren. Das Feuer der Islandfahrer stand wie der nachuralische Metallstier in den Landschaften zur Erinnerung an die Katastrophe. Aber schon betete man freudig und langsam atmend vor dem flackernden Licht, vor den großen Kräften, die alle errettet hatten und sie jetzt neu beseelte. Zeichen von Tieren, Holzbilder Idole tauchten an vielen Gegenden auf. Man verehrte sie, stellte sich unter ihren Schutz. Stündlich war man von geheimnisvollen Kräften umgeben; Geisterglaube wurde sehr lebendig.

Hojet Sala träumte schwer: er irrte am Seineufer entlang; auf diesen steppenartigen Flächen, zwischen diesen sich windenden Bäumen mußte vorher jemand gewandert sein, Venaska. Weiter wollte er, mußte suchen. Da war ein Dickicht. Er wollte hinein, er wollte durch. Er kam nicht heran. Er drängte und drängte. Und wie er den Hügel mit dem Dickicht anlief, wurde er plötzlich erhoben, über das schwere Buschwerk hinweg. Über den Boden, die weiten süßen sehnsüchtig begehrten Flächen flog er weg. Er wand sich, er flog. Über das brausende Wasser mußte er fliegen, das war der Kanal, in der hohen schwarzen Luft. Den Mund öffnete er: „Jetzt bin ich bald da.“ Da war auch die schwarze Wüstenei, Cornwall. Die Arme wehten wie zwei Bänder vor ihm. In der steinigen Dartmoorlandschaft ließ er sich nieder. In das knatternde Gestein senkte er sich ein. Sein Leib wurzelte in dem Berg; ein Gigant wurde er, ein steinerner toter Felsenriese.

Hojet Sala erhob sich von dem Traum, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd. Er wanderte durch die Landschaften, die von den Siedlern aufgebrochen wurden, in denen sie sich umfluten ließen vom Atem der finsteren Tannengeschöpfe und grünen Buchen. Er trat nach Norden in die Ebene des alten oberirdischen Brüssel. Da saß Ten Keir.

„Ten Keir, ich suche dich. Komm von den Trümmern herunter. Du hast nur Haut und Knochen. Schließ dich uns an. Wir sind von Island und Grönland gekommen, du weißt es. Wir sind alle errettet.“ „Warum sprichst du zu mir, und kommst zu mir, Hojet Sala. Es gibt genug, die sich von dir haben brennen lassen. Warum rührst du an mir. Fürchtest du nicht, daß ich dich verbrenne und du mein Zeichen nimmst?“ „Was für ein Zeichen?“ „Ach, du meinst du triumphierst und ich verkomme auf meiner leeren zertretenen Stadt. Aber an mir ist nichts zu erretten. Ich beuge mich nicht. Es gibt keinen Gott und keine Gewalt, von der ich ein Zeichen annehme. Ich bin ein Mensch. Und du, Hojet Sala, du bist keiner.“ „Ich bin keiner, Ten Keir?“ „Nein du nicht. Sonst würdest du sitzen wie ich. Würdest jammern, daß die Giganten hin sind.“ „Die Giganten. Wohl uns, daß sie hin sind.“ „Was sprichst du, du frommer Gläubiger Heiliger. Sie sind hin. Ungeheuer sind sie gestorben. Ich weiß nicht, was sie verschlungen hat. Du warst es nicht, rühme dich dessen nicht. Du warst Kylin. Und jetzt bist du ein Steiler Absturz. Der Steile Absturz. Unterworfen, hast kein Leben, du hast kein Leben und die anderen auch nicht. Ihr seid davongelaufen vor Grönland. Ihr seid eurer Würde nicht gewachsen gewesen, wie ich, wie wir alle. Ich sitze hier. Und schäme mich und klage um die Giganten. Und auch du schlägst die Augen nieder.“ „Mein Wahn, Ten Keir, hat sich gelegt. Ich bin dadurch nicht schwach geworden.“ „Dein Wahn. Das Zittern ist in euch. Ihr sinkt, ich weiß nicht wovor, zusammen. Delvil allein ist stark geblieben. Du weißt es selbst. Warum kommst du sonst her. Ich verfluche mich und schlage mich, daß ich es erst jetzt sehe. Darum um mich zu foltern, nagele ich mich an diesen Trümmern fest. Und labe mich an diesem letzten Anblick, den sie mir hinterlassen haben. Das sind sie doch gewesen, die Riesen. Gerast haben sie, grausig waren sie, Rache haben sie geschnoben. Aber im Recht waren sie über euch und über mich. In aller Raserei hatten sie recht über mich und gar über dich, Hojet Sala. Ihr seid erbärmlich, lächerlich. Unwert der Dinge, die die Menschen geschaffen haben. Da liegt alles zertrümmert. Triumphiert.“ „Ten Keir, wie quälst du mich. O wie du mich quälst. Was hat die Giganten umgebracht? Es trieb sie, sich selbst zu vernichten.“ „Damit beschwichtigst du dich nicht und mich nicht. Sie wollten sich nicht vernichten, das sage ich dir. Ein Fehler, ein Irrtum, eine Schwäche muß sie auf Cornwall umgerissen haben. Sie hatten sich übernommen. Aber dir sage ich: gesteh es, blick mich doch an. Du gehörtest zu uns, du, und zu ihnen. Besinn dich auf dich. Kylin, denk an dich. Ich bereue, daß ich nicht Delvils Freund geblieben bin und ihn hab hinsterben lassen. Wir bereuen. Du auch. Hilf, was noch zu helfen ist. Es ist kein Mensch so verzweifelt gestorben wie ich, wenn ich jetzt sterben muß, ohne Rettung gesehen zu haben. Denk Kylin, was wir besaßen. Niemand war diesen Dingen gewachsen. Weil sie in Räuberhände fielen, in mißbrauchende Hände, waren sie nicht weniger unerhört. Und groß, und unser. Die Giganten hatten den Schleier; sie haben ihn in Wut und Rachsucht verwandt. Sie haben an sich selbst gebaut, Angst wurde mir, aber jetzt fasse ich, es war das Stolzeste, Menschenwürdigste das jemals geschah. Es ist jetzt hin, zertrampelt. Aber vielleicht, vielleicht Kylin, nicht zu spät. Sie konnten es nicht beherrschen, es kam zu rasch, immer muß Lehrgeld bezahlt werden. Ach Kylin, wir haben dich nach Grönland geschickt, um einen neuen Erdteil zu schaffen. Was war schon Meki für ein Erdteil, den wir geschaffen haben. Und du. Jetzt weinst du.“

„Nicht um die Giganten. Komm von den Trümmern herunter.“ „Ich will deine Menschen nicht sehen. Weil ich mich ihrer schäme, sitze ich hier.“ „Komm von den Trümmern, Ten Keir. Du siehst, ich weine. Du wirst nicht feige sein. Verkriech dich nicht auf Mörtelhaufen, zwischen verbogenes Eisen, verhungere nicht zwischen dem weißen Kalk. Bist du noch Ten Keir? Soll ich dich nennen. Du bist Tauschan-Dagh, Hasenberg.“ „Ich werde sterben.“ „An der Berührung mit mir, fürchtest du daran zu sterben? Komm zu mir.“ Der vertrocknete kleine, in der Sonne bebende Menschenleib wand sich herunter von den rieselnden klappernden Steinen: „Da bin ich, du.“ „Bleib bei mir.“ „Komm, Kylin, ich werde dich führen.“

Einen Tag gingen sie, einen zweiten dritten, nach Norden, durch die Dickichte und Siedlungen. Nachts wimmerte Ten Keir; er weinte um die Giganten. Beim Gehen blickte er nicht um sich. Das große schwarzgrüne Wasser kam, die Nordsee. „Abschiednehmen. Es gibt keine Rettung. Auch für dich nicht. Hier wollte ich hin. Ich nehme Abschied von dir, Kylin.“ Mit gesenktem Kopf stumm stand Hojet Sala, als der hinfällige Mann sich von ihm löste, sich über den windgeworfenen Sand schleppte. Vor den klatschenden anbrausenden Wellen blieb er. Er stand. Stand. Plötzlich rutschte Ten Keir in den Sand, lag auf der Seite. Nach einiger Zeit zog ihn der andere an der Schulter, hauchte: „Du. Ten Keir.“ Der: „Nicht anfassen. Weg.“ Hojet Sala zog seine schweren Füße die Dünen hinauf, bis er den andern nicht sah. Nach einer Stunde trug er sich wieder an das langsam anwallende Meer, das sich violett und schwarzblau überzogen hatte. Ten Keir, ein kleiner schwarzer Haufe lag in dem Sand. Still setzte sich Hojet Sala neben ihn. Der kleine richtete nach einer Weile den Kopf hoch, zuckte, setzte sich auf, schwieg, das Gesicht in die Hände gedrückt. „Du hältst mich für feige, Hojet Sala. Bin ich so erbärmlich. Ich kann nicht hier hinein. Es ist das Wasser, das sie verschlungen hat. Das hat die Giganten verschlungen.“ „Komm fort, Ten Keir, du hast hierher gedrängt. Ich leide sehr. Begnade auch mich. Bleib nicht zu lange liegen.“ Wimmernd, oft sich hinsetzend, oft die Fäuste vor den Augen, meist schlaff, folgte der ausgemergelte hohläugige dem langbärtigen Hojet Sala.

Sie wanderten zurück durch den Bereich der nördlichen Siedlungen. In einem Wald, in dem man rodete, lagen gefällte abgeschälte Tannenstämme. Da setzten sie sich nebeneinander. Hojet Salas Gesicht war nach dem Boden gekehrt, überwölkt verschlossen. Am späten Nachmittag rief er Siedler in der Nähe an, die ihn erkannten. Sie sollten für ihn Steine aufhäufen mitten in der Lichtung. Er half mit, die schweren Blöcke, weiße und dunkle, heranzuschleppen. Ten Keir sah ihm eine Weile zu. Wie ihre Blicke sich begegneten, nickte Hojet Sala: „Ja. Hilf mit.“ Und der zerlumpte fühlte sich bewogen aufzustehen, aus dem Boden die harten Steine zu ziehen und zu wälzen. Und während er trug, wußte er, was sie taten: sie trugen Steine zusammen zu einem Zeichen für die Giganten. Gegen Abend war der hohe breite Haufe fertig. Die Siedler verließen sie. Zwei Tage lagerten Hojet Sala und Ten Keir bei dem großen steinernen Denkzeichen in der Lichtung. Dann bewegte sich der Langbärtige, faßte den andern bei der Hand: „Wir wollen jetzt weiter, Ten Keir.“ Sie gingen auf Brüssel zu. Vor der Steinwüste legte der Islandfahrer zum Abschied den Arm um die Schulter des andern: „Hier ist Brüssel, Ten Keir.“ Der hielt seine Hand fest: „Nicht Ten Keir. Tauschan-Dagh hast du gesagt. Laß mich nicht allein. Wir wollen um die Stadt herumgehen.“ Sie umschlangen sich.

Die Diuwa, glanzäugig milde, fuhr auf einem Ochsengespann im Winter durch die schneeflatternden Landschaften, suchte in der Pariser Gegend Hojet Sala. Wollte ihm danken für den Schutz der südlichen Siedlungen, sie litt auch um Venaska, die er bei Lyon verjagt hatte. Die volle Frau mit dem schweren roten losen Haar vermochte aber nicht zu klagen. Hojet Sala ging auf den beschneiten Feldern neben ihr. Vor Kindern stand er, lachte mit ihnen, knackte trockene Zweige, sah träumerisch Krähen nach, wiegte halb scherzhaft die Arme, als wollte er mit ihnen fliegen. In seinem Häuschen sang er oft feierlich morgens wie die britischen Siedler. Er faßte auf dem Feld einmal die Diuwa bei den kalten Händen an. Ob sie ihm vorwerfen wolle, daß er nicht genug auf Schmerz sehe, daß er keine Menschen quäle, sie nicht mehr ins Feuer schicke. „Ich habe den Schmerz nicht vergessen. Wir haben die Giganten im Gedächtnis. Es sind überall Steinzeichen zu ihrer Erinnerung errichtet. Und zu ihrer Feier; sie waren gewaltige Menschen. Wir haben auch das Feuer. Es ist uns nichts entschwunden. Wir müssen dies festhalten. Diuwa, das Land nimmt uns, aber wir sind etwas in dem Lande. Es schlingt uns nicht. Wir haben keine Furcht vor der Luft und dem Boden. Kennst du, Diuwa, Ten Keir? Du kennst ihn. Er ist still geworden. Er weiß, wir haben die Kraft, das wirkliche Wissen, und die Demut. Er ist mein Freund. Er hat unser Zeichen genommen und geschworen, nicht von mir zu gehen. Warum? Er sieht, wir sind reicher und stärker geworden. Wir sind die wirklichen Giganten. Wir sind es, die durch den Uralischen Krieg und Grönland gegangen sind. Und wir, wir sind nicht erlegen, Diuwa. Du kannst an der Garonne und an der Rhone erzählen, was ich sage. Man wird uns bald auf der ganzen Erde sehen.“

Er senkte die Augen, saß auf einem Feldstein, hüllte sich bis an den Hals in sein Lammfell. Er pries Venaska; sie wäre verschwunden und wäre nicht verschwunden. Wenn er durch das Gebüsch an der Seine gehe, wisse er, wo sie verschwunden sei. Es werde alles aufbewahrt. Hojet Sala griff mit der Hand in die eisige helle Luft: ihm schiene, die große Urmacht, die sie verehrten, hätte die Giganten auf Cornwall weggerafft und sie hätte sich Venaskas bedient. Denn es ist keine tote Macht, sondern ein wissendes schwelgerisch tiefes Wesen. Diuwa, die sanfte Frau, drückte sich das lose Haar an der Schläfe fest. Sie sah den Langbärtigen, wie er aufrecht saß, ernst war, sie voll anblickte, lächelte. Sie faßte sich ans Herz: es war etwas von Venaska an ihm.

Dem neu aufgeschlossenen ährenwiegenden weiten Land von der belgischen Meeresküste über die Seine bis zur Loire gab Hojet Sala den Namen Venaska.

Die fleischernen blühenden welkenden Menschenwesen lagen über dem südlichen Faltenland Europas, den Schollen des Westens mit seinen uralten Massiven, den jungen Tiefländern, den ebenmäßigen schwarzen Schichten der russischen Tafel. Gebirgsmassen Höhenzüge Senken bewegte die Erde unter ihnen und um sie. In Strömen zog das weiße Wasser hin, füllte Seenbecken. Braune und grüne Pflanzengeschöpfe drangen aus dem Boden. Büsche und Wälder bauten sich längs der Donau auf, längs des Dnjepr und Don. Urwälder und Moraste von der atlantischen Küste bis zu den südlichen Pusten. Auf ihnen girrten schluchzten starben Feldblumen Gräser Vögel. Über die Flächen krochen schwammen mit nackten schuppigen behaarten Leibern Tiere, gaben nicht Ruhe um sich zu greifen, aufzunehmen, sich zu entleeren. Bis der Boden, das wandlungssüchtige Wasser, die verzehrende Luft sie ganz wieder hatte. Die Scharen der Menschen in Ruhe und Tod, in Werben und Brautkämpfen, unter Vulkanausbrüchen und Ertränkungen. Hielten sich aneinander fest, schwanden tränend hin, Schwall über Schwall, Mutter und Kind Mutter und Kind, Geliebter und Geliebte. Und immer sehnsüchtig die Gase der Luft in die Lungenbläschen hinein, an die kleinen Zellen, die Kerne, das weiche Protoplasma, immer angezogen und weiter gegeben. Und wenn die Herzen stillstanden, die Zellen sich trennten und auflösten, waren sie neue Seelen, zerfallendes Eiweiß Ammoniak Aminosäuren Kohlensäure und Wasser, Wasser das sich in Dampf verwandelte. Leid- und lustbegierig, wanderungssüchtig, Seelenvereine in Schneelandschaften, in dem pendelnden weiten Meer, in den blasenden Stürmen, den Steinvölkern, die der Boden zu Bergen hochtrieb.

Schwarz der Äther über ihnen, mit kleinen Sonnenbällen, funkelnden verschlackenden Sternhaufen. Brust an Brust lag die Schwärze mit den Menschen; Licht glomm aus ihnen.

Ende

Werke von Alfred Döblin

S. Fischer / Verlag / Berlin

Die drei Sprünge des Wang-lun Chinesischer Roman / 12. Auflage

Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine Roman / 4. Auflage

Der schwarze Vorhang Roman von den Worten und Zufällen / 3. Auflage

Wallenstein Roman in zwei Bänden / 8. Auflage

Die Nonnen von Kemnade Schauspiel / 2. Auflage

Linke Poot: Der deutsche Maskenball 4. Auflage

Bei Georg Müller, München:

Die Ermordung einer Butterblume Novellen

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen Novellen

Auslieferung Ernst Rowohlt, Berlin:

Lusitania Drei Szenen

Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig

Die experimentelle Zeichensetzung des Romans, insbesondere das Weglassen von Kommata und Fragezeichen, wurde beibehalten. Desgleichen wurde die variierende und von der heutigen Norm abweichende Schreibweise geographischer Namen beibehalten.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

... Sie werden dir dein Gesichtchen, das sein Mütterchen ... ... Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen ...

... wurde neben den Senat Londons gestellt. Carceris ... ... wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris ...

... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Norwegen Semlja ... ... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Nowaja Semlja ...

... zog sich lang durch die Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ... ... zog sich lang durch den Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...

... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsausten ... ... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste ...

... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Heimfahrt ... ... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Herfahrt ...

... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen abtragen, ... ... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen abgetragen, ...

... sie stand auf Seite Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ... ... sie stand auf Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...

... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf dem schwarzen ... ... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen ...

... habe ich getan? Habe dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ... ... habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...

... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß noch Cornwall. ... ... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach Cornwall. ...

... Laßt meine Haare frei. Helft mir noch Cornwall; ich muß zu ... ... Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu ...

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