Viertes Buch. Die Täuscher (continued 2)
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Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und Marduk?“ „Hat an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug. Gepeitscht und gebrannt hätte ich werden müssen. Das hätte mir zugestanden. Oder mich auslöschen. Jetzt bin ich ohne Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, Jonathan. Wir wollen fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich ja nicht weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich – kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“ „Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor ihr: „Und was sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von mir. Ich bin ja deine Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm doch wieder her zu mir. Laß mich vergessen.“
Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit einem abwesenden suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an seins lehnte. Er flüsterte: „Ich habe dir von meiner Mutter erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir ist nie, als ob er sie umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach mich nicht aus. Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob er mit meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur bei ihm ruhig werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie flüsterte zur Seite blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich weiß nicht, Elina. Mir ist jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, ich fleh dich an, sag das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer herum, stand am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel.
Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein Knie auf den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen. Ohne ihre Haltung zu verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“ „Jonathan, ich weiß einen Rat.“ Er drehte sich rasch um, schritt auf sie zu, die sich nicht bewegte, griff an ihre Schultern: „Nichts sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht auch du. Gib mir keinen Rat. Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von sich: „Du brauchst einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch nicht.“ „Ich sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ „Ich weiß einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen, was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von ihren Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu Marduk willst du gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“ „Jonathan, ich werde es tun. Laß mich es tun.“
Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder: „Marduk hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt du.“ „Was soll ich sagen. Ich kann dir keine klare Antwort geben. Ich bin – dir innig gut. Mich schmerzt es, daß ich dich so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – an ihm tun, was du wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die Ferne mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst du nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß er dich zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann noch einmal zu ihm. Wenn du noch einmal kommst und ich bin es, so wird er dich nicht zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan: „So ist es. Komm doch, Jonathan. Komm. Sieh, ob ich nicht du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann mit meinem Körper. Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen, der sich verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan. Meine Wonne. Umschling mich, damit ich ganz du bin. Mir ist mit einmal so wohl. Gib mir. Halt nicht zurück. Mach deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich bin Elina. Ach! Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. Namenlose Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte: „Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin dein Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist wohl bei mir.“ „O wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen. Ich bin sehnsüchtig nach dir. Deinen Mund. Deine Augen. Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ „Ich tu es nicht. Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du mich wieder. Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen. Deine Füße.“ „Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist so rasend.“ „Nach dir. Ich kann dich nicht stehen sehen. Ich möchte dich ganz verschlingen in mich. Jeden Teil, den ich von dir sehe, beneide ich um dich. Deine Jacke, deine Haare, ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich auch. Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt liebe ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir gespielt. So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich bin ich nach dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell. Leg dich zu mir.“ „Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich sehe.“ „So steh nicht still. Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige mich, nein, mich graust es vor dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach sprich nicht so, ich habe solche Sehnsucht nach dir.“
Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte: „Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir weh getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest. Peinige peinige mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina. Deine übermüdeten Augen.“ „Jetzt bist du mein Jonathan.“ Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch warmes Bett. Unersättlich war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: „Ich habe dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie zu trösten.
Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der geschlafen hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während er sich anzog; er mußte sie abwehren. Sie bat und drängte, er möchte sie doch lassen. Und als sie vor dem schneebedeckten Garten standen, die winterlichen Felder rechts und links, erblaßte sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich bald weg.“ „Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“
Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen Pelzmantel, die Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war, blickte sie ihn an, dem der Kopf auf die Brust gesunken war. Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie lief, während er sich nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die Allee, schluchzend: „Ich kann nicht.“
Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu weinen. Sie sah die schneebeladenen Bäume, die endlos weiten Felder. Matter war sie. Sie atmete tief. Sie fühlte: „Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ zu Marduk.“
Die Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten aus. Sie zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu bewegen, gröbste Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger, von Tag zu Tag neu mit Steinen besät, waren berüchtigt. Folterspiele, die dicht an den Tod des Gefolterten führten, waren im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit nackten Sohlen leitete ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit einem starken Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten und oft führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines, meist des Neulings. In den Horden hatte man verschiedene Abzeichen, aber nirgends herrschte despotischer Gehorsam. Die Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, wobei sie finsteren Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, Aufnahmen bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die sogenannten „Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den Horden, je nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente, verschiedene Prozeduren; man wechselte auch in den Horden selbst damit: Einbrennen von Brustschildern, Zertrümmerung einer oder beider kleinen Zehen, Ausschlagen von Zähnen. Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits vollzogen, in der Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in erhaltenen Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten Vergnügungsbauten stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden. Die „verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter an ihren Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge bis zu einem gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte zahlreiche Opfer und war ein Mittel, überflüssige und ungewünschte Kinder, besonders weibliche, aus der Welt zu schaffen. An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst gefährlichen Spielen, bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame Nahapparate gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten durften. Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte: nächtliches Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich einschlichen; denn sie hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen; an Ausbruch dachte niemand bei der Nähe der stärksten und listigsten Menschen und der nicht weit entfernten schweren Fernapparate, Nebelwerfer Wolkenentwickler Verzauberer Veräscherer. Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als wenn er sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei aus, lag auf dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen Schiebern versehenen Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen kam es zu Schlachten in größeren Gefängnissen. Die Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem Fenster retten, büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen niemand zu Hilfe.
In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde Angela Castel mit ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher verbracht. Die hellbraune Führerin glaubte, Marduk werde sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, Marduk werde sich ihrer bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in beschämender Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen, Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle ein, die zuerst in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung der Gefängnisse mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an die Gefangenen kam: sie seien selbst Hüter ihres Lebens, es würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann wurde klar: die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den Gefangenen. Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf Krieg einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als unnahbar. Die Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von Fernwaffen stand, aber daß sie vor ihnen unbesorgt sein konnte. Die Frauen im Gefängnis waren von der größten Wachsamkeit, das Gerücht von dieser Festung lief zu entfernten Gruppen. Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; viele Männer kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern erlaubt.
Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner Wache auf dem Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag, ließ Frauen und Männer heraustreiben. Er fragte nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, zwischen dem Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die Arme hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine weiße Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern, zornige und kalte herausfordernde, weichliche Mienen, Augen, die keine Kenntnis von ihm nahmen. Er kannte sie, die aus den heimlichen Versuchsstätten hergescheucht waren; besser als seine jahrzehntelange Beobachtung hatte der westliche Vorstoß, der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie konnten ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht, daß sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch die Schar, die sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz ließ. Sie schienen, wie die Blicke, die sie sich zuwarfen, das rasche Anstoßen mit den Schultern zeigten, Furcht vor einem unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk ging, während die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was willst du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel sich vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du hast nach mir gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den ein Windstoß traf, drehte sich um; er ging hustend mit ihr zwei Schritt seitwärts: „Es ist eine Frau ins Lager gekommen, eine Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin eines Täuschers. Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist wahrscheinlich selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen Gründen behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie festzuhalten. Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr voll zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen gut haltet. Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu treiben.“
Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher hatte, keine Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während sie ins Gefängnis zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen, war ihr klar, daß Marduk wegen dieser Frau gekommen war und ihm an ihr gelegen war. Sie ballte die Faust. Und als Elina nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr Angela Castel, daß dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus dem Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen von allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an dem Abend im Gefängnis. Elina, bei der Castel sitzend, sah es mit Verwunderung und leiser Freude. „Wir werden Opfer sein. Was kann sich der kleine Marduk gegen die Welt behaupten“ weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht über Jonathan weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich ihm gut. Was tut Marduk mit mir.“
Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff der Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln einer erwürgten Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen Glutschleuderer, sah die erleuchteten tobenden entdeckten Männer, halbnackte, mit bloßen Füßen, über deren Körper die entzündete Masse wie ein Schleier lief. Unter trockene Lederschürzen warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich das oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“ „Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen. Schlaf noch, damit du in der Nacht munter bist.“ „Was hat er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich wie eine Fremde angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen verminderte sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche geraubt erwürgt erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um. Die angreifenden Horden liebten es Gefangene zu machen; es galt als besondere Ehre eins von den starken Weibern lebend zu fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis mit Stricken geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut gebunden. Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen echt märkischen Prozedur: mit Ketten hingen die Gefangenen, während ein Feuer lohte, an dem Eisenpfahl in der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung oder Verbrennung aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen, sondern gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge Armmuskeln Brustmuskeln gezogen waren. Es war Sache des Mutes oder der Todesangst der Gefangenen sich loszureißen, das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung oder Verachtung sahen die Männer dem kämpfenden schreienden zusammenbrechenden oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu.
Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und als es klar wurde, daß man zu Ende war, fingen die Frauen an, ihr Augenmerk auf Elina zu richten. Die Castel hielt sie immer dicht bei sich, beobachtete sie. Elina hatte sich nie für eine Täuscherin ausgegeben. Die Weiber haßten sie, die Castel mußte sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei eine Freundin Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie sei von Marduk nur eingesperrt worden.
Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz banden sie sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen kannten Elina nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt hatte. Sie faßten die Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten den Konsul verspotten. Man machte besondere Jagd auf Elina.
Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge Mannschaft setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses als Ziel. List bei Überfällen gab es nicht mehr. Türen und Fenster waren mit den letzten Apparaten verbarrikadiert; unter den Fenstersimsen lagen die haßgepeitschten Weiber. Es geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie unerwartete Hilfe bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, fanatische, die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten überwältigen lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die Angreifer hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag ans Fensterkreuz gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden Angriffen erlag Weib um Weib; zu Angela Castel und Elina drangen sie nicht vor.
Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt schwer erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen, kaum stark genug, in der üblen Luft die Leichen der Männer und Frauen fortzutragen, gaben sie zuerst den zugekommenen Männern auf, sich zu entfernen; sie wollten sie nicht mehr. Darauf hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig werden. Es war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, unzweifelhaft, daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul, nicht um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die beispiellose Barbarei. Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen. Aus gequälten Augen hatte sie die zarte Person angesehen, ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; er ist ja selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht frei.
Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und beunruhigt verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor dem Ende noch dies Weib hinzustrecken, war es schon zu spät. Die Frauen erfuhren kurz darauf den letzten vernichtenden Angriff. Die Horden waren, wie man von den Fenstern schon bemerkt hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, deren Ursache unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen trabten durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis lag, brannte rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste Mannschaft überfiel vor dem Abrücken noch das Gefängnis, das eine vorüberziehende Truppe mit einer Fernwaffe hatte ersticken oder einäschern wollen. In wilder Trunkenheit drangen sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll auf dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten. Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den Haaren. Kein Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig geifernden, steigenden kletternden drängenden zurückhalten. Alles was die Truppe hatte quoll ein. Über das Dach und durch hohe Fenster stiegen sie. Hinter den verbarrikadierten, zwischen ihnen tauchten sie auf.
Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch befallen, Männer wie Weiber, kannten und wollten kein Erbarmen. Das Ringen Würgen Stöhnen Niederkrachen. Die Männer standen, als sie keinen Gegner mehr fanden und noch eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben wurden, da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen an.
Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken die Gefangenen. Dazwischen die halbtote Elina, die schon sterbende Castel, der der Bauch aufgerissen war, auf der lehmigen Erde. Der Strick war zwischen sechs Pferden an beiden Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein Trupp von berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte sich auf, während die Horde johlend abzog, die Gefangenen zu Marduk zu treiben. Auf die sechs Pferde setzten sich Krieger. Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im Galopp, über Straßen Baumwurzeln ging der Weg.
Marduk hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die rätselhafte Haltung Zimbos, des Mannes, den England im Land abgesetzt hatte, und der sich der feindlichen Triebkräfte in der Mark bediente. Und zum erstenmal in seinem langen Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines gut war; es sollte nicht untergehen.
In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen: Freude an dem Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit, Jonathan, einmal in schwerer dunkler nicht zu durchdringender Zeit, – niemand sollte daran rühren – sein Freund, war zu ihm gekommen, hatte ihn angespien. Ein Grabstein war darüber zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte schmerzliche, hatte zuletzt geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu müssen, hatte die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser liebenden Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der Straße aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte nichts zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute offenbar das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende Jonathan mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben. Wie böse dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein über Jonathan. Die Frau weg. Ins Gefängnis. Zu den anderen Weibern. Martern über sie.
Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der Konsul des machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen mit London an. Nach Frankfurt Bordeaux London ließ er Boten fliegen, die seine Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand kundgaben. Er werde das Vordringen seiner Männer aufhalten, die Feindseligkeiten von drüben seien einzustellen. Eine zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. Zimbo, erfuhr Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den Hordenführern bekanntgab, wurde er mit Stummheit und Widerspruch angehört. Mit Kälte erklärte er, er sei noch im Besitz seiner Garde und unüberwindlicher Apparate. Senat und Hordenführer vergaßen es ihm nicht.
Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen sie machten sie bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem Konsul bald nicht verborgene Besprechungen bei den Horden. Eine auffällige Zahl von Kampfspielen fand statt. Und dann ein Loswandern aus dem westlichen Gebiet, ein wachsendes spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine um sich greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk hatte eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der Horden und kleinen Gruppen nach Osten bekommen, da flossen Massen bis herauf zur hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze auf Berlin zu. In einem Sturm, unter Verbrennen aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der Straßen, bewegten sie sich auf dieses Zentrum.
Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli. Er hieß Marduk sich seiner Wache versichern. Dann hörte die Verbindung mit Angelelli auf. Schwere Waffen mußten die Horden an sich gerissen haben. Marduk wollte mit einem Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die Avantgarde geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie aufgedeckt war.
Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse kalte Erde stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte Reiterschar. Eine Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf einem schmutzigen flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der schwarze Hauptmann, sprang ab, folgte Marduk ins Haus. Er drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit Marduk zu fliehen. Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte nicht mehr zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks sei nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der Schwarze, führe selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen. Er zeige ein doppeltes Gesicht; gegen seine Krieger das eines Täuschers wie sie selbst, gegen Fremde das eines Freundes Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der Marduks Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er, Angelelli, fliehe.
In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk seinen schweren Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe mit dem Stierzeichen des Konsuls zog er ab und warf sie hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam auf. Er atmete die Hitze seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – mit einmal brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften schrecklichen Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die Arme. Hart sah er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei: wohin er flüchte und wozu. Der, sehr leise, achselzuckend: wir können nur das Leben retten; sie müßten nach London. Da entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt hatte, ob man bis morgen warten könne.
Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann klopfte an das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend, lag. Marduk möchte herauskommen, dies draußen sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit halbgeschlossenen Augen schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie gerichtet, kaum vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten. Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die sie, wie Marduk sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein Strick wurde sichtbar zwischen den Pferden. Daran hingen ein paar Dutzend Weiberkörper. Langgezogenes Klagen Wimmern. Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief von seinem Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt worden. Ein anderer schrie: die Castel und die vom Konsul seien dabei. Die hingen in der Mitte, sagten aber gar nichts mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht eine tote Bitterkeit. Man solle die Kerls verjagen. Den Strick losmachen. Die Pferde weg.
Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde auf den Gang ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche; sie war völlig ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in der Mitte der Nase. Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen. Die beiden außen waren tot oder sterbend. Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen Kleidern zusammengebunden und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, zwischen den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing. Sie war blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund und Nase lehmig angebacken. Die stark gekrümmten Beine konnte sie nicht strecken.
Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür, nahm mit weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem trüben Gang. Das war ein Zeichen der abziehenden Horden. Hohn, Hohn wollten sie ihm antun.
Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein, trugen sie fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er Angelelli an: „Ich habe gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es wird morgen noch möglich sein.“
Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das Strohlager Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der pelzvermummte Mann betrachtete sie stumm, suchend, suchend, suchend. Er stöhnte auf dem Stuhl neben dem Bett; die junge Frau ging ins Dunkel.
Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf seinen Anruf ein braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen, die niedergebrannt, gesprengt waren, jagte auf dem Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im Norden der Stadt, auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt er.
Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch die Luft auf den Boden. Neben dem braunen Tier ging Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte er Täuscher werden sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, England und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran. Das Pferd neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen zusammen. Er war nicht verloren. Nicht er war verloren. Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf wurde an den Pferdehals gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier und Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf seinen Braunen und pfiff. Die tobsüchtigen Apparate mußten ewig weg.
Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends floh er, westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen lassen, Marduks eigene Wache hätte dabei geholfen.
Auf Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden. Zimbos Boten empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe herführten: der Konsul Marduk hat die Stadtlandschaft und die Sache der Mark verraten wollen; Angelelli ist flüchtig; er werde das Land beschützen.
Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo kämpfte in seinem Lager mit der stärkeren, schon kaum zu bändigenden Erregung seiner Krieger. Sie waren in Wut über die infame Behandlung, die die Castel bei Marduk erfahren hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: Zimbo solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter dem Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann erschien er selbst zu einer Führerversammlung bei Wittenberg. Den Hordenführern war der Kamm geschwollen, seitdem die schweren Apparate Marduks, die gefährlichsten des Kontinents, in ihrer Hand waren. Sie verlangten von ihm Beweise, daß er sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor sie sich mit ihm zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, bereit, seiner Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen.
Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis Berlins furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar schien es auf den Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen zu haben. Große Teile der Mekifabriken, sowohl leere wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in die Luft, wurden durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte Überfälle auf Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit gelegentlicher Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf sowohl Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter des Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der Völkerkreis wolle sie kirr machen, man müsse sich bald einigen. Inzwischen ließ er Jagd auf die Unwesen machen.
Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles. Sie hatten Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk kämpfte für seine Sache. Er vertraute auf die Besinnung seiner Horden. England würde ihnen nichts antun, die Not würden sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst durchschauernden Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate, wurden in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte er sie. Auf diesem Boden stand er. Ihm war, als wenn Schuppen von seinen Augen fielen. Wie ein Werkzeug, ein störrisch widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen und Baumstrunk hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat.
Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen gestürzt hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais, Targuniasch und Zuklati.
Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen den sich belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos schlug sich Marduk mit seinen Leuten durch, immer zurück ins Hannoversche kehrend, in sein Quartier. Diese Ortschaften waren verödet, wenige Menschen hausten noch hier, die Landschaft fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach der Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum erstenmal in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn Tagen kam er das zweite Mal. Rechts und links hatte sich in die Einöde, bei seinem alten Standort, die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft suchte zuverlässige Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst erklärte, man müsse Menschen sammeln, nicht verzagen.
Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes. Ein dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen, trieb ihn weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan fiel ihm in stillen Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt. Und gleich hinterher Elina. Diese Frau bei den Pferden, zwischen den Pferden, an einem Strick hängend. Die Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die Leiche der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht hatte, war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze Blutspuren.
Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet, leicht verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat, den sich ein flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit Proviant Flaschen Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm die Stimme eines Mannes, der einen Gürtel in der Hand trug: ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ schüttelte Marduk den Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie wollten aufbrechen, sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die Elbe heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel anzusehen, den der Mann ihm vorhielt.
Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden, vor dem starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige Luft flog in Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen einmal beendet sein“, dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte im Haus an einer Bank seinen Tornister. Da hatte ihm der Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in der Hand hielt. Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu rufen, da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen, wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das war, – seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel. „Woher hast du den Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte ihn dir zeigen; sie wollte uns helfen.“
Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die durch Brand und Sprengungen verschüttet war, vor einem niedrigen Gebäude, auf dessen flachem Dach Geröll eines niedergestürzten Nachbarturmes lag. Der Schutt häufte sich vor dem Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel sie an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug, – es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen – rüttelte Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war ein kleines Fenster. Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke, zuckte zusammen. Eine Frau streckte den zerzausten Kopf heraus. Ein blasses mageres Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte. Im Augenblick zog sie den Kopf zurück. Marduk trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen dem Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür eine leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir nicht auf.“ „Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum willst du nicht aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich noch einmal von dir in ein Gefängnis stecken lassen, du Hund. Ich bin da, damit du mich quälen kannst?“ „Mach auf, Elina.“ „Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir gut bekommen. Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich will dich auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag deinen Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“
Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte, der blitzschnell um den Haufen herumsauste, an den Rand der Steinmasse. Die Tür sprang auf. In der Öffnung wurde ein mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, auf Rädern geschoben, metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. Die Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem zwischen abgezogenen Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen ließ und einsog. Der linke Arm hing schlaff. Sie trug ein weißes verschnürtes Schaffell wie Marduk.
„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie wollen mich etwas fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu antworten.“ Durch Marduk lief der Gedanke: Schade. Sie ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle gegangen. So muß ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem Gürtel ist.“ „Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen, mit uns zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen ist.“ „Man ist wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist man das? Feige sind Sie also auch. Hat es Ihnen nicht eine Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, hinter Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie? Da hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers, das Heulen des Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du bist eine Täuscherin, Elina. Du kommst von Jonathan. Ich bedaure nichts. Ich mußte dich festsetzen.“ „Weiter.“ „Was dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was sprichst du von Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke Arm krümmte sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die Brust.
Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und Menschentobens zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen Anlauf den Apparat zur Tür herauszureißen. Der rollte polterte die fünf Stufen herunter, stürzte vornüber, krachte, Glas- und Metallplättchen streuend. Elina hatte den rechten Arm sinken lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, stand schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der gebückt angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der untersten Stufe: „Wir können so besser verhandeln.“ „Erst Jonathan. Dann mich. Daß Menschen wie du geschaffen werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ „Jetzt fragst du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir anschließen. Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich umbringen lasse.“
Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr Kopf bewegte sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser Stimme: „Ich will dich nicht auffordern, in das Haus zu kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe aufsetzen.“ Gleich erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk nicht an der Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich hochheben, wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir festgebunden. Komm nur vor.“ Sie ging, während die beiden Männer auswichen, frei an ihnen vorbei in der kalten Luft. Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging mit gesenktem Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich mit dem weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt – von dir wollte?“ „Wann?“ „Als ich in dein Quartier kam. Schick den Mann weg. Ich habe keine Waffen. Wenn du mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch allein.“ Er ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du weißt nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in ihren Pelz sich verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist auch nicht nötig.“ „Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen, nicht sprechen“ ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht nennen. Du sollst es nicht. Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie bitter krampfhaft den Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie sah weg, schluchzte.
„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war zu Ende. Über einer gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel ausgespannt, knisterte – gingen sie. Ein lichter schmaler lang hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den Mann draußen. Er kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier nicht her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem Liniengewirr der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen Blättern überschütteten Bodenwelle stand Elina. „Komm.“ „Bist du müde? Willst du dich setzen?“ Elina den Kopf tief auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins Gesicht. Sie hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte den Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn, Elina?“ Sie weinte unten ganz leise, ihre Hände griffen in die Blätter: „Ja hierhin.“
Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit Jonathan?“ „Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund. Mein Freund. Mit dem weißen Gürtel. Du trugst immer den weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen weißen Mantel trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende Stimme: „Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“
Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen lief das Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und Schultern, es warf ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte seine Arme, wirbelte und riß an seinen Ellbogen, stieß seine leeren greifenden Hände nach vorn und rückwärts. Wie er den Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu entladen, schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die klagesingende wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den Grabhügel. Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen Pelz der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel herunter. Er tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“ Flehte zu Jonathan, rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf den Rücken warf er sich herum; die Blätter hatte er in den Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes Gesicht. Er warf sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem Waldboden, den Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem Hügel, den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene Laub nicht los.
Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er von dem blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina, leeren Blicks, stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel, hielt ihm die Hand hin, daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu erblicken. „Komm, häng ihn hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ sich zehn Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen, Marduk. Ich weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem Haus. Er soll am Haus nach mir gefragt haben. Und nach dir. Du – warst auf der Flucht. Ich konnte nichts sagen.“ „Er hat sich – erhängt.“
Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging, von dir. Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir gekommen. Er sagte, er könne dich nicht lassen. Er ist in den Wald gegangen, als du ihn nicht annahmst.“ „Wie sah er aus, als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – Ich habe sein Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn – ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie stieß wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr. Ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte ich ihm doch geholfen. Und du.“ Marduk stand still. Er hatte die Augen geschlossen.
Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er schlang den Gürtel um den Ast, seine Muskeln waren ganz fest, die Augen hielt er starr auf den Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft. So stand er. Als er den Mund öffnen konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und jetzt ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit ihrem rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er sank sank gegen ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen absinkenden Körper hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger.
Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf hielt am Stamm des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben den pendelnden Armen auf den eisigen Waldboden. Schwer lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge lose. Elina neben ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; die blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn.
Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch da. Stumm gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei. Kein Wort sprach Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina, die seinen linken Arm festhielt. Die Reihe der demolierten Häuser. Der Mann mit dem toten Hund schurrte hinter ihnen.
Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen, sprang der Mann warnend vor sie, stellte sich vor Marduk: „Wohin gehst du?“ Der sah ihn suchend lange an: „Warte hier draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam stieg er die Stufen hinauf, Elina hinter ihm.
Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der Wand. Er schien, den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen. Der Kopf sank ihm auf die Schulter. Dann suchten seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von ihm am Fenster. „Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“ Er suchte einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist kalt. Sehr kalt ist es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du eigentlich hier, Elina.“ „Ich wohne hier.“ „Du wohnst hier. Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest das Haus abbrechen lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein schöner Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina. Du hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du hast ihm verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“ „Er wußte nicht, was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“ „Er hat mich nicht weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, – sagtest du nicht, er ist allein gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er wußte nicht, was er tat, Elina.“
„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf von der Wand ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen. Bist du nicht –?“ „Ja. Du hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“ „So bist du doch zu mir gekommen.“ „Ja, aber er hat mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn geschehen?“ „Ich – bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie sagtest du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina, das sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es dir. Ich verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte sie an. Jetzt bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie. Er hob beide Arme über sich: „Das hast du ihm angetan. Du hast ihn verlassen. Wider seinen Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“
Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber; in Grimm und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es nicht getan! Hätte ich es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie hoch; sie drängte an die Tür, preßte sich an den Pfosten, stöhnte zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt du. Es ist gut, daß das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und es umreißen kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten. Über mich. Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des Pfostens. Er sah ihr rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin. Hin.“
Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend, in das weite Zimmer.
Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst zuckte pucherte über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er mußte hinter ihr herwanken. Ungleichmäßig, traumbefangen atmete er. Der Schlaf in allen seinen Bewegungen. Wollte sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn legen. „Lauf mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein Mörder. Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann. Ich tu dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du mußt mir etwas sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich. Ich kann nicht stehen.“ In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben einer Stadt bei einer fernen Schlacht. Aber es hielt nicht an. Es war wie hinter einem Berg. Es wurde keine Qual.
„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“
„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht sehen.“ In ihm klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner Muskeln, die abweichende Beängstigung, die tiefe fast drückende Besänftigung seines Herzens. Wie sanft der Schlaf war, der sich über ihn ausbreitete. Er nahm ihn hin; er wehrte sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr sitzen. Er konnte neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, träumen. Es träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, Elina. Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du dich an mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern. Lehne dich an mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich langsam um. Tief erzitternd murmelte sie: „Warum? Warum soll ich mich an dich lehnen.“
Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte und stöhnte stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es nicht, Marduk. Warum soll ich mich an dich lehnen. Ich kann, ich kann dich – ja – umfassen.“
Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an ihren. Er unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das tust du. Das tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt dich von mir umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“
„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war schwarz über seinen Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen. Sein Gehirn wurde von einer dichten, immer dichteren Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen halbbewußte Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster hinausgesprungen. Halt mich. Fest. Ich falle.“
Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf lag auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf ihrer Schulter. Es war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter weinte.
Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte es: „Ich falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“
Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten Augen. Er wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem Lager in Linden, seit er sie ins Gefängnis schickte.
Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung. Sieh mich an.“ „Ich sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein Hals gab weiter nach: „Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich bin keine Schlange. Hab Erbarmen mit dir. Hab Gnade mit dir. Du, mit dir.“
Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand auf, stotterte tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt, jetzt, jetzt, – Elina! Jetzt falle ich um!“
Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken, nach hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit sich hin. Er lag ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne. Tief bewußtlos. Sie zog den Schemel unter ihm weg. Hielt die Hand an seinen Mund; der warme Hauch kam. Fahl seine Backen, der Mund offen.
Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf. Kein Blut. Die Mütze schob sie ihm unter.
Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der Krieger stand draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte nichts gehört.
Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah, das graue bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell, auf der Diele ihres Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend, die Arme aufhebend, in wilder überflutender Wonne auf ihn. Den Pelz riß sie von sich. Die Jacke, das Hemd riß sie von ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein kaltes feuchtes Fell. Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an ihn, umschnürte, überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. Herzte seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen entlang, wühlte rieb ihre Brust gegen seine.
Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still rasch, nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu, wärmte den Schnee an ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend auf Spitzen, über Marduk kniend gegen seine Stirn Augen seine Lippen.
Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine Lippen spitzte, an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt den Schnee in ihrem Mund. Er sog an ihrem Mund.
Nach einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den Mann weg. Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter dem Mann. Es dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen sie. Am Waldausgang, sie sahen den Mann kaum, wurden Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den Boden. Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine Augen machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes Leben“ flüsterte er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob ihn, er strich über ihre Schultern: „Warum stierst du mich an, Marduk?“ „Das ist mehr, als ich für möglich hielt.“ Sie hatte leuchtende Augen; er hatte noch immer den Hang, in Schwindel zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. „Schöner Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch. Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren. Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare. Menschenhand. Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“ „Ich habe noch eine Schulter, Marduk.“ „Gute Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“
In den Mooren südlich des Grinderwaldes begann Marduk wieder seine Arbeit. Die Truppe hatte sich, wegen der Gefährlichkeit der Arbeit und des verdächtigen Namens des Konsuls in dieser Landschaft nicht vermehrt. Sollte ein Resultat erzielt werden, mußte jetzt rasch Zimbo und die Horden ihrer Waffen beraubt werden. Marduks hannoversche Truppe war einer Anzahl von Unglücksfällen ausgesetzt. Der Erfolg ging hin und her. Die zarte Elina kämpfte mit.
Bei dem großen Vorstoß, der von Marduk geführt, mit der Zertrümmerung fast aller schweren Waffen bei den ostelbischen Banden, der alten Horde, endete, rüstete Marduk, der stark und kalt wie ein Hirsch herumging, Elina selbst aus. Spiegelkleider trugen sie alle, an hellen sonnigen Tagen mußten sie vorgehen.
Wie Marduk die Spiegelfacetten am Gewand Elinas ordnete, die dachziegelartig übereinandergeschobenen blechernen Streifen, die nach dem Licht auseinandergezogen und wie Segel gedreht werden mußten, häkelte sie mit ihrer Hand an ihrem schon geschlossenen Kragen, warf die gesichtverhängende Kappe hoch. „Steh ruhig“, bat Marduk.
Sie hob die Kappe ab, zog sich von Marduk weg, schloß die Tür seiner Kammer: „Nicht das Kleid. Nicht das Kleid. Mich.“ „Wir kämpfen, Elina.“ „Kämpfen. Aber wir. Und wofür kämpfen wir.“ „Du weißt es.“ Sie hauchte dicht bei ihm: „Ich noch – um dich. Du mußt mich kennen.“ „Nicht jetzt, Elina.“ „Jetzt oder wann sonst. Jetzt.“
Wie sie sich im Stroh umarmten, sah er die ersten Augen Arme. Sie, den harten sehnigen behaarten Leib umklammernd, stammelte: „Nichts an mir, was nicht dir gehörte. Laß nichts an mir. Alles, nimm alles weg. Laß nichts zurück.“ Sie tauchte in ihm unter, erweichte verwehte. Er atmete: „Sag nicht Marduk zu mir. Wer ist das.“
Sie starb fast in der Umarmung, wünschte zu sterben. Er stammelte an ihrem Hals: „Ich lebe ewig. Ich lebe ewig.“
Der große Vorstoß, der auf die Gegend von Helmstedt und Gardelegen erfolgte und den abtrünnigen Banden den Verlust fast aller schweren Waffen brachte, verminderte die Zahl der Mitläufer Marduks um die Hälfte. Hier kam Elina um. Wie sie, selbst unsichtbar, einen unbewacht stehenden Riesenbrandwerfer, von der Art derer aus dem Gefängnis, auf eine dicht vorüberziehende Führergruppe der Horde richtete, – im Übermut, denn nichts hinderte sie an der Zerstörung des Apparates, – schlug die Flamme auf sie zurück, äscherte sie mit den Männern ein.
Marduk spornte die Zurückkehrenden an. Man mußte sich beeilen. Nun war Zimbo, noch im Besitz von Waffen, ungeheuer den Horden überlegen und konnte sie in die Knie zwingen. Wenig Apparate hatte man beim letzten Vorstoß erbeutet, die Spiegelhüllen sehr beschädigt. Es war ein verzweifeltes Wagnis, das Lager Zimbos, der sich mit starken Sicherungen versehen hatte, anzugreifen.
Der Versuch mißlang. Mit selbstmörderischem Mut kämpften die überfallenden Männer, kaum fünfzig, die noch zu Marduk hielten. Wie eine Maschine, eine Lokomotive nicht an eigenen Schutz denkt, sondern auf ihren Schienen losrast, sich und fremde Züge zerschmettert, so drangen sie tollkühn, oft deutlich in ihren zerrissenen Masken sichtbar, an, zertrümmerten mit Hieben und Schüssen die empfindlichen Eingeweide der Apparate, die sie erwischten. Der Hauptteil dieser Leute verendete unter dem Strahlenschutz vor den feindlichen Apparaten, gegen die keine Maske half.
Marduk lief in den Bereich einer Maschine, deren Anwesenheit er aus den eigentümlichen Kappen und Schutzmänteln der herumspürenden Männer erschlossen hatte. Nicht weit entfernt von dieser Maschine stand aber eine zweite, die er nicht erkannte.
Plötzlich, aufrecht über den gefrorenen Lehmboden schleifend, fühlte sich der lange unerbittliche Mensch an den Beinen gehindert, seine Knie zurückgedrängt, die Füße auf den Boden gedrückt. Weiter drängte er vor, schob sich an, suchte, sich drehend mit der Flanke durchzubrechen. Dann ablassend, machte er einen Ruck, um sich loszureißen und loszuprallen oder zu entweichen. Er fühlte sich federnd, dann starrer pressender festgehalten. Er senkte den Kopf, trieb keilte das Knie abwärts. Das gelang. Gesicht und Hals glühten und schwollen ihm unter der Anstrengung auf. Und langsam langsam konnte er das eine Knie krümmen. Konnte langsam langsam, als wollte er schweben und fliegen, den Arm vom Rumpf abspreizen. Er arbeitete wie gegen Stein. Das andere Knie krümmte er, um sich auf den Boden herunterzulassen. An der Brust war er festgehalten. War oben so eng gewaltig verklammert, daß er ringend dagegen die Füße vom Boden abhob, beide Füße vom Boden abzog. Quer gedreht erblickte er sie unten und ächzte; quer hingen seine Füße unten handbreit über dem harten Lehm. Ein Schuh hing über der Erde, vom Fuß abgezogen; er stand deutlich sichtbar in der Luft, auf der Spitze, unter dem nackten weißen Fuß, unter leicht spielenden Zehen. Marduk schwebte. Er sackte langsam abwärts. Und wie er sich auch mühte durch Stunden zähen Wühlens Schlagens Stemmens, er drückte seinen Rumpf nicht auf die Erde herunter.
Vornüber mit Hals und Rumpf schwebte er über dem Boden wie im Sturz, nach dem Boden drängend, den er nicht erreichte. Die Arme, gekrümmt erlahmend erschlaffend, lagen wie auf Kissen, und doch fest wie zwischen Zangen. Nicht die Finger der flach hingestreckten Hände vermochte er zu krümmen. Und als er sich im Beginn neuen Anringens wütend um sich selbst werfen wollte, hielt er unter schrecklichem Schmerz inne. Er suchte auf seine linke Hand zu blicken. Von da, da kam der brennende heulende Schmerz. Die Finger, er sah sie, standen unnatürlich gestreckt, nach oben abgebogen über dem Handrücken, so wie sie vorher gestanden hatten. Sie waren gebrochen umgeknickt. Leise stöhnte Marduk.
Er rang mit seinen Augenlidern. Die Hornhäute vertrockneten ihm, die Lider, die Lider waren nicht zu schließen. Oh sie schließen können. Er hielt seinen Rumpf still, er kämpfte nur mit diesen kleinen Muskeln, den Lidern. Millimeter um Millimeter drückte er sie herunter, bis nur noch ein Spalt da war. Jetzt, das Glück, er sah nichts mehr.
Hinter seiner Stirn taumelten Gedanken: „Sie, sie, sie haben mich. Zimbo hat mich. Ich bin verloren. Die Verbrecher haben mich. Alles war umsonst.“ Heißer wütender namenloser Schmerz über ihn. Hinter den blinkenden Streifen des Spiegelschutzes erzitterte sein blau anlaufendes, dick hochschwellendes Gesicht. Die Lidspalten füllten sich mit Tränen. Der Brustkorb, der Hals suchte zu schluchzen. Aber nur ein Heulen Röcheln kam durch die gepreßten Zähne. Elina war gestorben. Warum war er nicht mit ihr zur Seite gegangen, nach Westen, nach Süden, und lebte mit ihr. Warum wollte er nicht mit ihr leben. Die süße Elina war hingegangen, für nichts, ins Dunkle Leere, und er ging nach. Jonathan, auch der war gestorben.
Die Gedanken schwollen wirr hinter seiner Stirn. Ein wachsender Wald war da, Pferde mit gefangenen Frauen an einem Strick; man schleifte sie durch die Luft herunter, an dem endlos langen Strick, über Feldspuren.
Mühsam zog er Luft ein. Der Spiegelschutz scharrte gegen seine Kehle. Er wollte ihn abreißen. Rüttelte, zuckte gegen seine schon toten Hände, konnte nicht zu ihnen hinfinden. Wollte seinen schwarzen Hauptmann, Angelelli, rufen. Die Zunge rührte sich nicht.
Eingeschlossen eingespannt in einen Sarg war er.
Er weinte bewußtlos immer wilder um Elina. Durcheinander stürzten über einen Wasserfall, ein Rad, seine Gedanken. Das Rathaus Schnee-Ebenen Pferde. Und immer wieder Elina.
Sein Mund lutschte. Er sog, wärmer summend brummend knurrend schnalzend an etwas, das man ihm in den Mund steckte. Elina steckte ihm etwas in den Mund, gab ihm zu trinken. Er sog schnarchte im Schlaf.
In tiefster Betäubung der hängende, langsam abgleitende Körper, als auch der Brustkorb sich nicht mehr erweitern konnte, im Innern das Herz seine Schläge verlangsamte.
Es war Nacht. Der Schuh hing mit der Spitze neben dem gekrümmten Bein. Da froren die langsam abwärts geronnenen Tränen über dem verhängten unbeweglichen Gesicht, froren die Lider zu. Die beiden dünnen Eislagen senkten sich über die Lippe in den klaffenden Mund. Die Zunge umwuchsen sie. Den Rachen kleideten sie aus.
Gegen Morgen prüften Männer des Zimbo den Apparat, verschoben ihn. Da dumpfte und knallte im Nebel der Körper des zweiten Konsuls auf die gefrorene Erde. Sein Kleid zersprang. Die aufhorchenden Männer Zimbos sahen auf dem Feld eine schwarze Masse liegen. Und wie sie näher schlichen, war es ein Menschenkörper, wie ein Tier starr auf Knien und Händen unbeweglich am Boden. Vom Kopf hingen ihm metallene Bänder. Ganz langsam sickerten Blutstropfen aus dem offenen Mund.
Eine schwarze Lache unter ihm.
Das Gerücht von Marduks Tod wurde von Zimbo unterdrückt. Als er die Waffenlosigkeit der märkischen Horden festgestellt hatte, ließ er einen starken Teil seiner bewaffneten Krieger gegen das märkische Lager nahe Magdeburg marschieren. Er selbst zog unbemerkt hinter ihnen mit seiner Horde her. Und als die Krieger sich in einem langen sumpfigen Tal unterhalb des Lagers der märkischen Führer sammelten, – Zimbo war schon unter den Führern – gab er seine eigenen Truppen den Horden in die Hand. Er ließ zu, daß seine Männer, die vertrauensselig folgten, entwaffnet, gefangengenommen wurden. Am Abend trieb man sie auf einen Haufen, wollte sie zum Hohn an Marduk schicken. Zimbo hielt da an und warf seinen Trumpf. Er zeigte ihnen den gefrorenen Körper Marduks.
Tief erschreckt standen sie mit Fackeln vor der Leiche, vor dem sonderbar und unheimlich verbogenen Leib, an dem Zimbo die Kraft seiner Apparate demonstrierte.
Sie kamen in Beratungen der ganzen Nacht zu keinem Resultat. Finster forderten sie zurückkehrend von Zimbo, er solle den größten Teil der Waffen vernichten oder ihnen übergeben. Sie haßten Zimbo, weil er Marduk getötet hatte. An ihm sich zu vergreifen war nicht seine Sache. Sie sprachen nicht viel mit dem schwarzen Plattnasigen, der sich in seinem Zelt hinter seiner Horde und einem unbezwinglichen Waffenschutz versteckte. Er fühlte, daß sie knirschten. Die Waffen versprach er ihnen lächelnd. Nur sei es, mit Rücksicht auf die Gefahr von Hannover und Hamburg, unklug, sie zu zerstören.
Zwischen Stendal und Wittenberg wurden große Hordenversammlungen veranstaltet, bei Stendal eine Führerversammlung. Zimbo, nur selten um sich aus engen Lidspalten blickend, erschien hier demütig ruhig glatt wie immer. Die märkischen Führer staunten seine List und seinen Riesenkörper an. Er murmelte, er verlange keine Unterwerfung, sondern seine Wahl zum Konsul. Er sei von England geschickt, um das Land für den Völkerkreis zu gewinnen, habe umgelernt. Er werde die Politik Markes und Marduks weiterführen.
Marduks Körper war einbalsamiert worden. Bei Stendal mußte Zimbo auf den eisigen Körper schwören, – der war in der gekrümmten Haltung balsamiert, wie er auf dem Feld verendet war –: er werde die nachuralische Tradition fortführen, die Ausbreitung der Märker betreiben, die Mekifabriken sobald als möglich vernichten. Das Murren unter den Horden hörte auch nach dem Schwur und den Besprechungen nicht auf. Bis Zimbo sich durch zwei Handlungen legitimierte: rasches brutales Niederwerfen eingedrungener Hamburger in der Lauenburger Gegend, und nach der Rückkehr Beseitigung von zwanzig widerstrebenden Hordenhäuptlingen.
Vor Ausgang des Winters bezog Zimbo das Ratsgebäude der Stadtschaft Berlin. Er war der dritte Konsul der Stadtschaft, der erste, der nicht hier aufgewachsen war. Zu der Zeit, wo der listige herrschsüchtige Afrikaner den Saal des Ratsgebäudes betrat und den Raum mit der Schädelpyramide bewohnte, die er mit den Knochen der getöteten Täuscher und Hordenführer erhöhte, lösten sich die kriegerischen Märker aus dem engeren Felde der Stadt, schwemmten wieder über Stendal Wittenberg ins Hannoversche, reinigten durch Überfälle die Lüneburger Heide. Noch im Winter zogen Siedlermassen, die sich ins Ausland unter den Schutz der Mekifabriken geflüchtet hatten, hinter ihnen her. Zimbo selbst besetzte die restlichen Mekifabriken mit Männern und Frauen, die ihm durch den Feldzug gefolgt waren, und hielt sie in Stand, so daß eine große Zahl Menschen, die sich vergrämt und zur Arbeit auf die östlichen Äcker geworfen hatte, für den Westen frei wurde und Kriegsdienst tat.
Das gefahrdrohende Treiben an der Grenze der hamburgischen Seelandschaft hatte wieder begonnen. Statt des fanatischen zum Ausgleich geneigten Marduk saß ein Renegat des Völkerkreises, ein machtdurstender listiger falscher brutaler Mann im Zentrum des märkischen Reichs.
Die kontinentalen großen Zentralen südlich und westlich Berlins verlangten Ausrottung der märkischen Pest, Beruhigung des Erdteils. Ihr Aufbäumen war angstvoll, aber lahm. Es war der hitzige Trieb erliegender Wesen.