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Berge Meere und Giganten

Siebentes Buch. Die Enteisung Grönlands (continued 2)

Reading edition

Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie.

Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie.

Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste, zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend, Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung, der Himmel färbte sich kupferrot.

Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen. Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte, wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten, nicht geängstigt.

Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung. Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; verschwand gurgelnd über dem Meer.

Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen. Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren, die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen.

Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust, sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten. Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer, deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf das helle Vogelgeschrei.

In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin, immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe. Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser, schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das, zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen, aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor.

Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten. Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen, mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren, drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren. Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe.

Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese, die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, schnellte hinter ihm wieder zusammen.

Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert: ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen –, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel, Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung, drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich. Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen.

Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe.

Grönland, zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet. Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes ruhte das ganze Netz.

Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf.

Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft, die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten, schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal: von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher, in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie auf zu Gas Dunst Wolke.

Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt, die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin, Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur Strudel in ihr waren.

Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser, zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser. Der Dunst lag bergehoch über dem Land.

Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf, rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen. Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert. Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt, peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer.

Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt.

Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts, mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer, wogten als Schollen.

In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt. Die Seen dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen wühlten die letzten Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig glatt und ruhig unter der glutenden Luft, mit wenigen dunstenden Hügeln bestanden. Nach den Küsten stürzten Wasser; da hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und Erdlasten, die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie durchwühlen.

Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe der Menschen über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde. In großer Ruhe stieg Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol in das Atlantische Meer ragte, auf. Stieg wie ein Korken auf, der tief in das Wasser gedrückt ist und den der Finger losläßt. Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des Inlandeises war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an seinen neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten, schob sich in die Höhe und zerriß von Norden nach Süden.

In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch eben ein Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die meilenweit durch ein flaches Meer getrennt waren. Rauchende Inseln wuchsen langsam aus dem Wasser. Inseln verschwanden wieder. In die westliche große ergoß sich eine tiefe Meeresstraße.

In dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter schien, die Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft, um dem heißen Eiland näherzukommen. Die Welt um Grönland, als wollte sie das Feuer löschen, wucherte in die Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die grönländischen Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. Aus dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem Glutenherd näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles zuzuschütten. Die Luft durchdrang es. Bald war es ein Rasen, eine meilenweite tiefe Wiese, bald ein Wald über dem Meer, ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten nicht heftig genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, die liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten, die purpurn grün braun das Meer überschaukelten. Wo sie sich den heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht, daß das Wasser sie nur in Kanälen durchdrang, daß sie oben trocken lagen, Sturzwellen sie nur gelegentlich überschlugen.

Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf; Lassonien mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt, ließen Zweige herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen Wiesen, lustigen Wäldern wuchsen verkamen zahllose Tiere. Verstrickten sich in den Maschen der Pflanzenwelt. Es trieb sie in Scharen in die Lager. Die schwimmende Wiese hob und senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben wurden wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt, strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen, die eben anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen hauchenden Wesen wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres ineinander. Fische Würmer Krebse suchten sich durch die Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last der Wiese war ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft troff, mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten Blätter.

Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden. Pflanze legte sich an Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende Tiere mit Ranken, stützenden Blüten fest, die Tiere wurden ihre Teile. Diese Pflanzen hatten selbst Saugwurzeln Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre Blütenhaare Ranken bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren Tiere und Pflanzen in eins.

Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still. Mit ihren Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken ab, die sich um sie legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen Raubfüßen bohrten sie in dem Blütengrund, rissen Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, sogen. Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre feinen Kauladen getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens floß ihnen Nahrung. Sie ließen manchmal auf freieren Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: als wären sie ein Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem Schwanzfächer, über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden Bewegungen sich neu einzubohren.

Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter den Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden heraus, die sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische, ungeheure Leiber, mit vielen Armen, hatten ihre Augen geschlossen. Der muskelstarke Mantel hielt still, war straff gebläht, das Pflanzengewebe hatte seine Fortsätze in seine Höhlung getrieben, die großen Adern hatte es umwuchert, das Tier war nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm mündeten die Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter Knospen wurden abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen; die Teile wurden hier aufgesogen, dort waren sie schon wieder von einem Wesen gefangen, das sich dem losen Medusenarm anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel Deckblatt Saftröhre machte.

Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke mehr: ein Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett.

Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich nach der großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war gestaucht verworfen. Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen einer uralten Erdzeit. Die Tiertrümmer Samen Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit waren wieder dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese Sonne, die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf, war von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser Sonne, die dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und Tote. Die Sonne riß es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer auf den Brücken vorgeschoben hatten, die bröckligen Steinswesen bezauberten, Verbannten ähnlich, die man auf der Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer Frau ähnlich, die verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, oder wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das Glück bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht auf die Trümmer der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte sie stürmisch. Schoß in ihr Herz.

Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen und streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen des Landes hoben sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten hoch, schoben sich übereinander. Rascher waren die Moose Algen Farne Gräser Fische Schnecken Würmer Eidechsen großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über die See herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht backte zu Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel, die zertrümmerten Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe, zogen sich aneinander. Aus dem Lehm strömten ihnen Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, die sie um sich legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich in ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper.

Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem, quoll auf. So wild war der Drang zu Leibern zu finden, zueinander zu fließen und sich zu bewegen, daß überall auf den Inseln das bloßliegende Land in ganzen Strichen barst, sich hier zusammenrollte zu einer wimmelnden Masse, dort wie vom Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen Gebilden. Es waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. Um bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke Wirbel, um Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten sich die Wasser Salze Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen aus, die den alten dieser Erdzeit ähnelten, oft drehten sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. Das waren Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der Rachen ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten sich als Würmer. Um eine Wirbelsäule strömte zusammen die lebendige Erde, befestigte sich. Es war, als wenn ein Adergeflecht nach allen Seiten ausschoß von den Knochenresten, als wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten Lösung. Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde, faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte oder nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten, zog, wenn sie nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund, pflanzte sie sich neben seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten für ihn.

Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die Art von Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten, versenkten die Adern in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben manche dieser sich blähenden Wesen hängen; wuchsen in die Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr spürendes Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im Schneckengehäuse, um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen panzerten sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich riesengroß schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem Leib. Bröckel ungeformter und sich selbständig bewegender Erde schleppten sie mit sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine Bahn Lebens. Niemand war bedacht auf Angriff und Verteidigung; sie schleppten sich auf, trieben aneinander, rieben sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- und untereinander.

Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander Nadelhölzer wurden von dem Licht berührt. Sie zogen ihre Nachbarschaft an sich, die rollte auf sie zu, wie ein Blatt, das sich unter der Flamme kräuselt. Reste verdorrter und erstickter Lorbeerbäume lagen auf geöffneten Sandsteinplatten, zwischen dem Schutt der Felsen, die die Sonne zersprengt hatte. In ihre Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven wurde die lebendige Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich, gerissen, die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert, farbige Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten wie Kuchen aus ihren Pfannen; breit und dick. Sich aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von Büschen, immer im Wirbel von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie schweres Öl floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten Gebilde. Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren. Und auf dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land.

Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren von Tieren, die die Samen der Bäume mit sich vergossen. Baumartige Gräser schossen hoch, in dichten Gebüschen, undurchdringliche Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie hohe Trauerweiden.

Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden, blieben drin stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden Erdstoffen und lebendigen Wesen.

Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort, Beutel, ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen hin, andern zum Opfer, wenn der Dottersack leer war.

Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander, schienen sich ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der Berührung; sie schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre Nahrung in alle; ein großes Wesen erhob sich.

Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf. Sie nahmen sich keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt an die Bäume gelehnt, um sie herumklimmend wuchsen sie über die Stämme hinaus. Die fremden Blätter umwickelten sie mit ihren Windungen. Sie waren gefräßige und strenge Wesen. In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr Mutterkuchen. Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während die Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt wie Fahnen über sie hängen.

Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos aufstrebender Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien rosigen Lichts durchfallend. Korkzieherartig umwanden sie die Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm zu Stamm zogen sich die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, von denen sie wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder.

Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume. Die Riesenfarne, die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden und zeugten. Ihre Blätter strahlenförmig im Kreis wie Speichen eines Rades. Lebendig gebaren diese Pflanzen; der Keimling entwickelte sich schon an der Kehrseite der starken Blätter; seine Sprossen hingen in Fäden von den Blättern herab.

Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen oft ganz mit Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen über den Boden. Zum Teil vermochten sie nicht zu fallen; Leichname standen rechts und links; kräftigere Wesen verschlangen sie. In der Dämmerung und Dunkelheit wuchsen neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen, breiteten neues raschelndes Blattwerk aus.

Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch. Unter der Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie krümmte sich brennend am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon wieder auf, warf neue Dunkelheit unter sich.

Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die aus den Seen auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an Küsten ansiedelten, Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige Geschöpfe, die ganze Flußläufe überbrückten, den Fluß durch ihren Leib laufen ließen, sich zusammenkrampfend ihn absperrten und von sich spritzten. Teiche wurden aufgehoben und wanderten samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie schaukelten im Wanst eines keuchenden schluckenden augenlosen Riesenwesens, das sich drehte tastete sich lang flaschenartig auszog nach dem Licht.

Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der tropischen Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen erzeugte. Die Inseln glichen, wie sie zum Licht schäumten, einem langsam aufdrängenden halb erstarrten Meer, das bald grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. Durch die Wellen schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz und qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die Inseln, übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere lagernde Landmassen hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen war, wallte die Erde schon wieder bunt auf. Dieses Feuer war oft nicht von außen in die Berge Waldungen, herangetragen worden. Es brach, wenn das Wüten dieser lebendigen Wellen zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über dem Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst aus. Aus Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen. Die Lianen reckten sich im Licht auf; aus ihren Stielen warfen sie keine schweren Blüten, sondern zischelnde Flammen, die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, sondern von unten wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und dem Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete der Baum, bissiger trieb die Flamme abwärts. Die Wut des Baumes speiste die Flamme. Weg mußte der Baum und die Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. Die Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen, verbrausten in die Luft.

Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den Steinlagern, den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien grellbunt und üppige Fasane flogen hin, schnappten schrieen. Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben sich neben ihnen aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit anderen Wesen, die über sie kamen.

Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen, stürzten sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun anlaufenden Wesen, denen Stacheln aus den schmalen bezahnten Schädeln wuchsen und die unten im Wasser brünstig grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln wateten. Wie diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten. Von Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde lösten sich die abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden, ob sie mit dem Schwanz und den Füßen in der Erde wurzeln wollten, die dann ihre Glieder vom Boden wie von einem Teig abzogen und schon dumpf um sich blickten, die Bäume betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen Stämme hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern Bäume rammend und fällend. Die Bäume nahmen sie wie Gräser in die Mäuler, zermahlten sie mit den Kronen Gastpflanzen und hängendem Getier.

Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in Gruppen durch die lärmerfüllten Täler, über das Flachland. Vor ihrem donnerartigen Gewieher erschraken sie selbst. Von einer Doppelreihe hoher Knochenplatten war ihr Rücken bestanden, ein Knochenkragen schützte den Hals, aber vorn bewegten sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter langsam hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen sie ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als sie von fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden, die sich in ihre Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen suchten, die sie abschüttelten zertraten. Aber immer liefen die Füchse von rückwärts und über die Füße an, stürzten von den Bäumen herunter, in deren Seilgewirr die Ungeheuer sich verstrickten. Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine verwüsteten sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich schon das Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land.

Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen in die lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel breit werfend, trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze Wiesen und Bäume mit sich. Maulwurfsartige Wesen, die zwischen ihren Flügelfedern nisteten, verließen sie auch im Fluge nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen brauchten keine Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie auf ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die Härte der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen, diese schlagenden krallenden stürzenden Wesen über der Brandung Grönlands. Sie wüteten schlimmer als die Flammen, schlitzten die wandelnden Gallerten auf, zerquetschten sich senkend Tiermassen.

Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der Vögel setzte sich in Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den schwirrenden zerschmetternden Unwesen. Sie suchten das Wasser zu überschwimmen. Liefen über die Tangwiesen. Nach Süden Osten Westen quollen die Tiermassen.

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