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Aus tiefem Schacht

Zwölftes Kapitel

Reading edition

Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen.

Für Hellstern war der arme Braumüller ein „neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen“. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht anheimzufallen.

Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? – Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. Das war auch ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?

Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden „Unternehmer“. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab, sondern nur noch „Gäste“, die das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.

Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge ein – unerbeten und unerwartet – und brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.

Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.

„Es ist nichts zu machen,“ sagte die Rätin sanft; „Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?“

„Trotzdem ist es schrecklich,“ antwortete Schellheim grollend. „Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!“ ...

Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...

Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?

Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.

An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und „in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus vieux Saxe“.

Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja – wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde anvertraut haben!

So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...

Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück – da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische und die schwedische – „dir zu Ehren, Hedda,“ sagte Axel und nahm den Hut ab.

Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz – sie wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten, er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für sie ...

Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder Ordnung und Reichtum herrschten.

Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen. Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden war.... „Ich habe sonst keinerlei Passionen,“ sagte Axel, „wirklich gar keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde behaupten immer, ich hätte den ‚kunstgewerblichen Pips‘ – das sei eine ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda“ – und Axel blieb stehen –, „fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an meiner Sprache?“

Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.

„Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!“

„Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?“

Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft worden und sollten Verwendung finden.

Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid, erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte, erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt.

Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.

„Du sollst dich ausruhen,“ sagte Axel, „aber in deinen Zimmern. Ich schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.“

Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen die vier Gemächer seiner „Ehrengäste“, wie er sich ausdrückte: ein Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und Schlafzimmer für den Onkel.

Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war – die Sessel aus Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die Vitrinen und schön gestickten Paravents – all dies entzückte sie nicht so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; aus einer Vase von Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.

Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.

„O wie schön – wie schön!“ sagte sie flüsternd.

Er lächelte glücklich.

„Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,“ antwortete er. „Das Zimmer kam mir noch so kahl vor – so unbewohnt –, und ich weiß, du liebst die Rosen ...“

Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

„Lieber Axel“ – und nochmals wiederholte sie: „Lieber Axel!“

Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen.

„Hedda,“ stammelte er, „sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um – alles sei dein! Es sind nur irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und – o Gott, wie war es öde und frostig! Ja, Hedda – jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine Liebe wird mir die Heimat schaffen!“

Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf, umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel.

„Ich war stürmisch,“ fuhr er fort, „vergib mir! Ich wollte noch warten und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu gewinnen suchen, aber – es kam so plötzlich über mich, als du mich ‚lieber Axel‘ nanntest! Und es ist auch ganz gut – ich hatte Furcht vor dieser Stunde –, ja, ich gestehe es – nun hab’ ich es hinter mir.“ ... Er setzte sich zu ihren Füßen.... „Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst prüfen und überlegen –, ich will keine Antwort von heute zu morgen.... Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich – aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander, Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und Blüte zu bringen?“

Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten, seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer.

„Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,“ antwortete sie. „Ich bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und – und – die Rosen duften so stark ...“

Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf. Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes – eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit.

O ja – das alles lockte!

Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.

Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte – ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der „Fron“ für ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?

Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos – auch sein Reichtum sprach mit ...

Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen – warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?

Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage stand: „An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen“, so glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.

Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert auseinander.

„Ich muß dich sprechen,“ schrieb Klaus, „es handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten Stelle am See. K.“

Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei; sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es da noch zu überlegen!

In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen konnte, war sie schon fort.

Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts – gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und rauschte im Gezweige. Große Massen falber Blätter rieselten auf sie herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg.

Gottlob – da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus!

Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe Schattenringe umgaben die Augen.

Er stürzte ihr entgegen.

„O Hedda – Gott sei gelobt!“

Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe heucheln.

„Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?“

„Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte dich noch einmal sehen –, noch einmal – das letzte Mal – ich verging fast vor Sehnsucht!“

„Klaus – warum lügst du?“

Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in seinem Gesicht, seine Hände flogen.

„Lügen – nein, ich lüge nicht,“ stieß er hervor. „Ich – ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte zurück –, die Torheit ist einmal geschehen. Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – daß ich verfolgt werde – daß man mich sucht –“

Hedda starrte ihn mit großen Augen an.

„Verfolgt – aber von wem?“

„Von den Behörden ...“ Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... „Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich – aber rette mich – hilf mir!“ ... Und stöhnend brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus: „Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters nach dem Auslande verkauft.“

Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...

O Schmach – Schmach!

Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte sie.

Und dann brachte sie mühselig hervor: „Ich will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir helfen?“

Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.

„Ich muß morgen über die Grenze sein,“ sagte er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. „Aber ich habe kein Geld. Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.“

Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.

„Gut,“ sagte sie tonlos, „du erhältst das Geld.“ Und ohne Lebewohl wandte sie sich um und ging.

Er sprang ihr nach. „Hedda,“ keuchte er, „kein Abschiedswort, kein –“

Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja – jetzt kam wieder Leben in das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch und groß stand sie vor ihm.

„Nein,“ antwortete sie hart. „Kein Abschiedswort! Daß du den großen Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du deine Liebe niedertratst – alles hätte ich dir verzeihen können. Denn meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles Geld sein Vaterland verrät –“

Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und da sprach sie nicht weiter. Sie ging.

Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.

Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah. Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der bittere Zug in ihrem Gesicht.

„Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,“ begann Hedda, dankend den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.

„Sie ist schon gewährt, liebes Kind – wenn nämlich ihre Erfüllung in meiner Macht steht.“

„Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen? Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.“

Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht erwartet hatte.

„Allerdings,“ erwiderte er, „ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen –“

Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine Arme. Sie lag fast an seiner Brust.

„Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!“ rief sie, während ihr ganzer Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz hing. „Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen mein Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten zurückerstatte – vielleicht schon früher –“

Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn.

„Mein liebes Herz – was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar tausend Mark!“ sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren Scheitel. „Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es erbitten – und sicher doch nicht für sich selbst –“

Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er schaute Hedda forschend in die Augen.

„Hedda – ist Klaus wieder zurück?“

Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück.

„Dann keinen Pfennig,“ sagte er rauh. „Ihm nichts mehr – nichts!“ Und plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein Herz. „Hedda,“ rief er, „wie konnten Sie vergessen, was Sie mir versprochen hatten – schon vor zwei Jahren –, dieser Ihrer unwürdigen Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so erstaunt darüber als ich, – und als dann Klaus auf einmal, mitten im Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!“

Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem Kopfe.

„Er hat es,“ erwiderte sie dumpf. „Er hat es mir selbst anvertraut – und ich soll ihm über die Grenze helfen.“

Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.

Der Pastor überflog es. „Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt habe?“

„Er sagt, man verfolge ihn bereits.“

Eycken pfiff durch die Zähne. „Und wer soll ihm das Geld bringen und wohin?“

„Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus – unten, in der Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst hinausschleichen zum Jägerhaus – wen sollte ich denn schicken, ohne daß es aufgefallen wäre?!“

Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. „Gehen Sie nach Hause, Hedda,“ sagte er. „Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen – nie wieder! Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt –, er ist fürderhin tot für Sie!“

Hedda sank an des Greises Brust. „Für ewig,“ schluchzte sie, „ich weiß es –, aber beweinen kann man doch seine Toten!“

„Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden – Sie werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!“

Er drängte sie sanft zur Tür.

„Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause und werde Klaus das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort von mir hören“ – er hob dräuend die Rechte und reckte sich – „als Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!“

Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war. Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten? Freilich – vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige Wellen ihn höher und höher umschlugen?

Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins. Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann glücklich zu machen.

Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind durch den Park und fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um das verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern gegenüberstanden.

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