Sechstes Kapitel
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Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen, sie neu füllen zu lassen.
Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel. „Schlippermilch“ wollte wissen, daß das ein Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich, Albert nickte nur.
Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle „gefaßt“ worden, ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.
An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch wie ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.
Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den „paar Tagen“ wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: „Sind die Handwerker denn immer noch im Hause?“ so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten – der Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an. –
Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.
Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener hinaus.
„Entschuldigt,“ sagte er, „aber ich möchte ein paar Worte allein mit euch sprechen!“
Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf.
„Ja,“ meinte Schellheim, „was gibt’s denn? Hoffentlich nichts Fatales!“
„Nein, Papa,“ erwiderte Gunther, „ich will nur euern Rat hören. Es handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...“
Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin reckte den schmächtigen Oberkörper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick auf dem Sprechenden.
„Eine Ehrensache?“ fragte Schellheim ängstlich.
„Ich glaube eher – eine Herzenssache,“ fügte seine Frau hinzu.
Gunther nickte. „Ja, Mutter, so ist’s. Ich – ich habe noch nie an das Heiraten gedacht, ihr wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich möchte frei wählen können –“
„Mach’s kurz,“ fiel der Vater ein; „wer ist’s?“
„Fräulein von Hellstern, Papa.“
Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl.
„Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen würdest, wußte ich ja,“ sagte er hart. „Praktischen Erwägungen bist du niemals zugänglich gewesen. Aber sich nun gerade –“
Er brach ab. „Bist du mit der Dame schon einig?“ fragte er, vor Gunther stehen bleibend.
„Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, daß Fräulein Hedda meine Werbung annehmen wird – sonst würde ich es nicht wagen. Indessen – ich wollte zunächst einmal mit euch sprechen.“
„Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hören willst, Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich – und erst recht nichts für uns. Das –“
Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf und ab.
Nun nahm auch die Rätin das Wort.
„Ich habe nur wenig zu sagen,“ bemerkte sie mit ihrer weichen, zart klingenden Stimme. „Wenn Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen. Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß mir Fräulein von Hellstern sehr sympathisch ist.“
„Sympathisch!“ schrie der Rat. „Was das nun wieder heißen soll?! Bei einer solchen Frage ist doch wahrhaftig mehr zu überlegen! Ich bitte dich, liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne auch um uns handelt. Jawohl, um uns! Würde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau Schwiegertochter über die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?“ Und Schellheim breitete beide Arme aus, als wolle er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.
Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne gar keine Rede sein. Wenn Hedda Mitglied der Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges Herz und ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern finden.
„Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,“ schloß er und erhob sich gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.
„Ah was,“ entgegnete der Rat unwirsch, „du wirst mir schon erlauben müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut, glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede noch – ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich. Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich – dem Anschein nach ist diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach. Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit! Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!“
„Papa, ich bitte dich –“ und Gunther hielt es für gut, den Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen. Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der Hand.
„Weiter,“ sagte er, „die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem graul’ ich mich geradezu. Er wird auch nicht nein sagen, wenn ich für dich anhalte – i, wo wird er denn –, aber ich fürchte, wir werden nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat etwas gegen uns Kaufleute – weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen, wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, Gunther, es ist so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und – und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei vernünftig und überlege!“
Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.
„Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort gestattet,“ sagte sie. „Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen, Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder handelt, kommen wir immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an, Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon über die Achsel anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu: das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?“
Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff abermals nach dem Teelöffel.
Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren Scheitel. „Ich danke dir, Mutter,“ sagte er; „du hast recht.“
Der Rat zuckte mit den Schultern.
„Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,“ bemerkte er, mit Absicht ein wenig leichthin. „Auch mir steht das Glück meiner Kinder über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier – da wird sich Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu sprechen.“
Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein leichter Ton Komödie war.
Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre Wange rann.
„Mutterchen,“ fragte er leise, „warum weinst du denn?“
Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte, nie selbst kennen gelernt hatte.
Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe, fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen, öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte, brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam flossen.
Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen, und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der Glocken fast durch das ganze Tal.
Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie so kaum vom Platze rühren können.
Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand alten Sachen beim Aufräumen ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie zum Beispiel „Bleygötte, ein halb Pfund fein gepulvert“, und „ein Viertelpfund geschälte Alantwurzel“, aber Tante Pauline wußte schon Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr Großvater, der schon völlig gelähmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn der Herr Baron es auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war nur eins zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis von einer schwarzen Henne. Die Langheinrichen besaß allerdings ein schwarzes Huhn, aber das legte derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept: „oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart starkem Branntwein; doch muß der Branntwein vierundzwanzig Stunden vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel steckst.“ Das hatte Tante Pauline denn auch getan.
Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, und als August des Abends mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen. Er verbäte sich, ihm mit dem „Geschmurgel“ an den Leib zu kommen. Indessen ein paar Tage später, als die Schmerzen gerade sehr heftig waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung angefangen. „Hol mal den Jux her,“ sagte er zu August; „hilft’s nichts, ist’s noch so!“ Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig ein, daß Hellstern gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was für August aber eine wahre Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen immer freundlicher. Und dann packte er den Baron in das Bett, wickelte ihn gehörig ein und legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung gehörig schwitzen müsse.
Und merkwürdig genug – als Hellstern am andern Morgen aufstand, fühlte er sich erheblich wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur – Tatsache war, daß der Baron sich freier und ohne starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte ihn ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die Einreibung von Vatern sei zwar nicht viel wert, aber für den guten Willen wolle er der Dörthe einen Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: „Segen des Mansfelder Bergbaus“. Dörthe war so gerührt, daß sie erst dem Alten die Hand küßte und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich erfuhr auch August von der Sache, und sie betrübte ihn; wenn der Alte einen Taler verschenke, meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange leben. –
Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. Es hatte bereits zum dritten Mal geläutet, und von allen Seiten strömten die Leute herbei, grüßten den Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit, blieben wohl auch, Front machend, vor ihm stehen und verbeugten sich ungeschickt. Vor der Kirchhofstür hielt der Schlitten des Kommerzienrats. Die Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem Ulster und Zylinderhut.
Hellsterns Fuß stockte plötzlich. „Was Teufel,“ sagte er halblaut, „ist das nicht Klaus?!“
Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu bemerken, daß sie erblaßt war.
„Ja,“ erwiderte sie nickend, „es ist Klaus.“
Der Alte unterdrückte einen Fluch.
„Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehen läßt!“ murrte er. „Wir grüßen, Hedda, doch ohne ihn anzusprechen!“
Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des Alten war unausführbar. Kaum hatte Schellheim ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu.
„Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich von Herzen, Sie so rüstig zu sehen.... Denken Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von Zernin verwandt sind –“
„Doch – ja, mein verehrter Herr Rat –“
„Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine weitläufige Verwandtschaft bezeichnen will,“ warf der Herr im Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. „Tag, Onkel! Was macht die Chronika derer von Hellstern?“ Und schon stand er vor Hedda. „Tag, gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen! Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich höchstens einmal nachtsüber auf den Anstand, wenn du längst in seligem Schlummer liegst. Wie geht’s?“
„Ich danke dir, gut,“ antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit abgezogenem Hute an sie herangetreten war.
Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man schritt über den Friedhof, und bis zur Kirchentür sprach der Kommerzienrat in seiner lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort „Quelle“, und sie sah, daß das Gesicht ihres schweigsam zuhörenden Vaters immer röter wurde. ‚Diese Quelle wird uns allen noch Unglück bringen,‘ dachte sie.
Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der Familie des Kommerzienrats überlassen und dafür die Sitze unten neben der Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts reserviert waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu steigen.
Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im Innern. In dieser mehr als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er leuchtete weithin, wie das Wort der Verheißung, das von dieser heiligen Stelle ausging.
Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor übersehen. Die Rätin saß zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei Stühle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen.
Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten sich auf ihn. Besonders die jungen Mädel schienen sehr interessiert zu sein; Liese Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle Augenblick nach dem Chor hinauf.
Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen; sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein – trotz allem. Dieses „trotz allem“ fand Widerhall in ihrer Seele. Während ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und immer wieder das „trotz allem“. Sie war nervös, und um sich abzulenken, schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat.
Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem Kruzifix zugeneigt, dessen weißer Marmor sich lichthell von dem roten Untergrunde abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. Dann wandte er sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein Auge mit raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzählig versammelt zu sein – Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte wieder den Blick auf das Gesangbuch, denn nun wußte sie, daß das Auge des greisen Pfarrers im nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so war es in der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, einen leichten Wolkenschatten auf der Stirn, zu Hedda hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn der Liturgie ...
Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte nicht, sie leuchtete nur. Sie füllte den kahlen Raum mit einem weißgelben Schimmer, der in den Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf einer der hell getünchten Wände lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern, ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen.
Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig zu sammeln. Aber es war vergebene Mühe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und für sie dennoch so gut wie verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange her – über ein Jahr. Und als reiße plötzlich ein Vorhang vor ihren Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück. Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der Szenerie: der Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grün des jungen Lenzes prangte, dem Blättermoder am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen brodelte. Und sie glaubte auch seine Stimme zu hören.... Sie hatten „vernünftig“ miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie waren sich klar darüber geworden, daß sie sich nicht angehören konnten – aus hundert stichhaltigen Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, als Hellstern dem leichtsinnigen Neffen längst seine Schwelle verboten hatte; er wollte mit dem, der „seinen Namen schändete“, keine Gemeinschaft haben und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck waren sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das würde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwüsteten Erbe nicht länger halten; um ihn und über ihm brach alles, alles zusammen ...
Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm gehört. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen Eingang. Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser gehen mußte. Auch sein Äußeres sprach dafür: das Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte Ausdruck übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt? Und wieder rechnete Hedda nach, während die dünnen Stimmen der Kinder auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; sein Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er sah jünger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der intelligenten Stirn und der wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden Kinn. Und auch die hellen blauen Augen sprühten noch immer in unverminderter Lebenslust – trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses „trotz allem“ ...
Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hörte die Stimme des Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen Zeiten schwerer Herzensbedrängnis mit lindem Wort und warmem Gemüt die verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da sie des Vaters rauhe Art fürchtete, die schon damals Klaus von Zernin vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, da er der intimste Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe für den verbummelten Junker zu bekehren. Denn besser als sie glaubte er Klaus von Zernin zu kennen. Oft genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, um nicht gesehen zu werden, durch den Wald nach Döbbernitz geeilt, um mit Klaus Rücksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend eine tolle Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes Gelage in Zielenberg oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen, oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... Und bei solchen Rücksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten. Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein leichtsinniger Wirtschafter war – alle Welt wußte das. Aber an jenem Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, um sie beim Andenken an ihre Mutter zu beschwören, dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht nur leichtsinnig, sondern auch schlecht sein mußte ...
Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war hörbar und hin und wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der draußen vor einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte leise. Es saß sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor hatte der Kommerzienrat die Hände über dem Bauche gefaltet und kämpfte sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; die Rätin saß, vor Frost zeitweilig erschauernd, mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von Zernin ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese Braumüller entdeckt, und ein rasches Lächeln flog um seinen Mund.
Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die beiden Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört und schaute verwundert nach dem Orgelchor hinüber, von dem die gewaltigen Töne drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte keinen – höchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte.
Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strömte hinaus, durch die beiden Türen, vor denen hölzerne Schemel mit Tellern für die Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats.
Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe vorüberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, doch der Kommerzienrat rief ihm nach:
„Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!“
„Auf Wiedersehen!“ gab Hellstern etwas brummig zurück und tappste weiter. Aber vor der Parktür entlud sich sein Zorn.
„Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen,“ grollte er. „Ein Baron mehr – das angelt nach uns! Er muß doch gehört haben, wes Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch wissen, daß wir das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden – ich mache auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!“
„Das würde nur unhöflich sein, Papa,“ erwiderte Hedda ruhig. „Vorderhand glaube ich noch nicht, daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn dennoch – dann muß es auch ertragen werden. Wir leben nun einmal in der Welt.“
Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken auf den gefrorenen Schnee.
„Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe!“ rief er. „Mit welcher Frechheit er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als ob gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf die Beine helfen – haha! Da ist Hopfen und Malz verloren – nicht einmal die Winterung hat er mehr bestellen können – die Tagelöhner sind ihm davongelaufen – im November war wieder einmal Subhastationstermin angekündigt! Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel ist! Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich schon vor drei Jahren nach Amerika scheren müssen! Pah – Ehrgefühl – der?! ...“
Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen, wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb stehen und schaute sie an. „Was sagst du?!“ fragte er.
„Nichts, Papa.“
„Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses ehrlosen Patrons?!“
Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.
„Ich bitte dich, Papa – bitte dich herzlich: wäg deine Worte ab! Noch immer zählt Klaus zu unsrer Verwandtschaft –“
„Längst nicht mehr!“
„Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst – er bleibt unser Vetter! Vergiß das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn noch keine Ehrlosigkeit ist –“
„Halt mal, Hedda –“ und Hellstern erhob seine Krücken. „Ich war auch jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, was er alles gemacht hat, um – aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn er nur leichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!“
Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas – das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den sie hatte vergessen wollen.