Viertes Kapitel
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Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders großartig zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der Tat gar nichts gegeben.
Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen an ihrem Putz und am Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine Krone: Ähren, Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten, das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte.
Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, daß man es durch das ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur fünf Mann: Fritz Möller, der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von „Schlippermilch“, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehör, und zwar so lange, bis es einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung fällen. Die beiden Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch an, mitten unter dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so störte es auch nicht, weil es keiner merkte.
Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der nächsten Gelegenheit war er gutmütig genug, abermals „die Direktion“ zu übernehmen. Am störrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich mit dem rechten Fuße mit und zählte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepaßt, oder Raupach sei zu spät eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen. Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur drei Stücke auf dem Repertoire: „Heil dir im Siegerkranz“, „Nun danket alle Gott“ und einen Marsch. Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus Wallwitz mit noch einem Geiger.
Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern wohnten nur dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen Taler für ein neues Achtel springen ließen. Aber als Bläser hatte Fritz schon seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den Posaunen Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, wo es herkam. Jedenfalls mußte es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich französischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetüm keinen Ton, höchstens einen leisen, kreischenden Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschütternd. Und deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte sich; er war plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mußte gewisse Rücksichten auf den Kommerzienrat nehmen.
Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert eines Tages die ihm übergebenen Schriftstücke in bezug auf die Quelle zurückgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint hätte, auch erfordere sie zu große Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den Mund voll und wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine „Bank hinter sich“ habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank, ein kleines Institut unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert ähnlich ergangen; es war ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert furchtbar; er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache unmöglich allein durchführen konnte, daß er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch keine Entscheidung erhalten.
Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über dem Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen schneeweißen Altweibersommer hängen, und der Tau war über Nacht so stark gefallen, daß die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre war wonnig rein; man sah die Oderberge in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.
Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten waren die ersten, nur Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das Bestreben vor, dem diesjährigen Erntefest einen großartigen Anstrich zu geben.
Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte und leuchtete von bunten Bändern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man für wenige Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den ältesten und verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik schritt der Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumüllers Liese sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mädchen mit hübschem, dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim Aufsagen der Reime stecken bleiben würde. Hundertmal hatte die Mutter sie überhören müssen, aber über die Stelle: „Wünschen wir einen heiligen Lohn“ stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Dörthe Klempt gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe hatte auch von Hedda Erlaubnis erhalten, sich am Zuge beteiligen zu dürfen.
Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln, eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.
Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:
„Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu Zeit!“
Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.
„Dem sitzt die Quelle im Kopf,“ meinte die Thielemann, und die Maracken nickte und fügte hinzu: „Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch über, die ganzen Möllersch ...“ Und dann ließ man kein gutes Haar an den Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese war Befehl für sie. Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit schwankte förmlich.
Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor, man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.
So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln.
Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden Akkorden.
Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu spät.
Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. „Was stehst du denn da und hältst Maulaffen feil?“ eiferte sie. „Immer faß zu! Hole das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – im zweiten Schubfach!“
Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die Weste fuhr, zuerst natürlich verkehrt, was ihn noch wütender machte.
„Vater, mein Bombardon!“ schrie er. „Draußen in der Küche – ich hab’ es geputzt! Und bring meinen Hut mit! – Heiliges Donnerwetter, ich habe ja nicht gedacht, daß es schon so spät ist! – Nun hab’ ich die Weste schief zugeknöpft! Gib das Halstuch her, Dörthe!“
Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, trat Albert ein. Er lebte jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen, brummigen Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen an.
„Du, Fritz,“ sagte er, „wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen sollte – sei vernünftig! Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!“
„Werd’ schon,“ erwiderte Fritz, sein Haar bürstend. Liese Braumüller und Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefüllt. Die Maracken schaute neugierig durch den Türspalt.
Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. Dann schimpfte er wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte den Kopf in eine Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm in die Hände fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.
Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte Bombardon haltend, über das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton gestülpt hatte.
Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon und blies mächtig hinein, um den draußen Wartenden zu verstehen zu geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe begannen anzuschlagen; die große Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze Zug schrie „Hurra!“
„Ein langweiliger Peter!“ sagte Albert unter der Haustür zu seiner neben ihm stehenden Mutter. „Aus dem wird nie was!“
„Glaub’s auch nicht,“ antwortete die Alte.
Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.
Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.
Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Zug nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre.
Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt, voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim „Aufsagen“ in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen. Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der Stelle: „Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn“ versprach sie sich mehrfach, sagte erst „leiligen Hohn“ und raspelte dann noch längere Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr die Tränen in die Augen.
Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer „Jüd“ genannt wurde, obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch bliesen und dann merkwürdigerweise „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmten.
Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits und ließ sodann, an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, „Nun danket alle Gott“.
Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte an Liese Braumüller richtete.
Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte er und fragte:
„Herr Möller – nicht wahr?“
„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ antwortete dieser.
Schellheim zupfte an seiner Weste.
„Hören Sie mal, mein lieber Herr,“ fuhr er fort, „Ihr Bruder – der ältere ist es, glaub’ ich – hat mir da mehrfach wieder geschrieben – wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. Na – um ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber – aber ich muß freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?“
„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ erwiderte Fritz, vollständig überzeugt, „freie Hand –“
„Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie Ihrem Bruder, er möchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat – es eilt ja nicht.“
„O, der hat schon Zeit,“ sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht, überglücklich darüber, daß die Angelegenheit nun ins Rollen kommen werde. „Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!“
„So!“ entgegnete dieser kurz und ging weiter.
Fritz war in so großer Aufregung, daß er den Heimweg kaum erwarten konnte. Er galt als der „dumme Junge“ in der Familie, wurde von allen von oben herab behandelt und trotz seiner physischen Kräfte bei jeder Gelegenheit unterdrückt. Und nun war er es, der die frohe Botschaft ins Haus bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschloß, den Angehörigen vorzulügen, daß er den Kommerzienrat überredet und „breitgeschlagen“ habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er wollte sich schon Respekt verschaffen.
Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange für den Ungeduldigen. Er blies in sein Bombardon, daß man es noch in Kerbitschau hören konnte, eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fühlen schien und das jauchzende Herz ihres Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die drei Repertoirestücke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.
Dörthe suchte ihren Vater auf.
„Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater,“ sagte sie. „Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig – aber die Deichsel am gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.“
„Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu machen,“ entgegnete Klempt und steckte das Geld ein. „Gehst du am Abend zu Tanze?“
„Ja – ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.“
„Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Sei vernünftig, Dörthe – daß du mir keine Dummheiten machst! Ich weiß, wie’s beim Erntefest zugeht.“
Dörthe lachte. „Habe doch keine Bange, Vater! Nee – ach du lieber Gott! So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!“
„Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun geh – vielleicht springst du noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug machst!“
„Werd’ sehen!“ rief Dörthe und eilte davon, daß ihre Röcke flogen. Es war Mittagszeit, und sie mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. –
Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen Schritten nach dem Kruge zurückgekehrt. Hier stand der alte Möller auf einer Leiter und nagelte zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen aus rotem und blauem Seidenpapier durchflochten war.
„Nu sind wir so weit, Vater!“ rief Fritz dem Alten entgegen.
„Was hast du gesagt?“ fragte dieser von der Leiter herunter, drei große Nägel zwischen den Zähnen haltend.
„Nu sind wir so weit,“ wiederholte Fritz. „Mit der Quelle. Der Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu ihm kommen.“
Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er nahm die Nägel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander: „Donnerwetter!“ Dann kletterte er rasch herab und stürzte Fritz in das Haus nach.
Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm unfaßlich, daß der dumme Junge, der Fritz, Schellheim „breitgeschlagen“ habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzählte unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf das Auschloß kommen – bei Gelegenheit – „es eile nicht“....
Albert überlegte. Ihm eilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend vielleicht – und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.
Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute Ratschläge brauchte er nicht. Er nahm sich vor, am Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen. Fritz brüstete sich. „Ich habe ihn breitgeschlagen,“ war sein drittes Wort.
Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen, mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er war zu sehr Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, daß das geplante Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein großer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein würde, und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschließen sollte – ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen Auslagen und der weithin leuchtenden Firma: „Maison Mœller“. Jawohl – „Maison Mœller“ wollte Bertold künftighin firmieren; das gab der Sache einen internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer an, die das Bad besuchen würden.
Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit Sand bestreut worden. Rings um die Wände zog sich eine große Girlande aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus Seidenpapier verziert. Ebenso hatten die Bilder des Königspaares Kränze erhalten. Freilich stellten diese Bilder – ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken übersäte Lithographieen – noch Friedrich Wilhelm IV. und die Königin Elisabeth dar; aber der alte Möller meinte, das schade nichts. König bleibt König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild kaufen; vorläufig genügt Friedrich Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf kam, vergaß Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. einmal persönlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen eröffnet worden, und der König fuhr mit dem Minister von Selchow einige Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg berührte. Und so kam er auch nach Oberlemmingen. Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze und empfing ihn an der Barbebrücke, den berühmten Zylinderhut, den nun der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit schwarz-weißem Band umflochtenen Schulzenstab. Der König ließ halten und sprach einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er auch, ob Acker und Feld ihre Schuldigkeit täten, und ob man zufrieden sei. Möller erwiderte furchtlos: „O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß die Steuern nicht wären!“ Und da hatte der König gelacht und war weitergefahren.
Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. „Das hab’ ich dem König gesagt,“ erklärte er, „und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er sich’s doch. So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern zahlen müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt ...“ Die Steuern waren das Klagelied Jeremiä der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge für die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten: Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen können. Die Steuern fraßen einen langsam auf ...
Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner und Bauernjungen, die sich an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite gerückt worden, dicht an die Stühle und Bänke längs der Wände heran, so daß der Mittelraum für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Dörthe war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas früher zu kommen, damit sie mithelfen könne. Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal einnehmen würde. Heute sollte es übrigens zur Entscheidung kommen. Die Verlobung war noch nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch immer dagegen und, wie es Dörthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus dem Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten und foppten sie bereits, Liese Braumüller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend die Entscheidung herbeizuführen. Klempt wollte anfänglich nicht; er war nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch, der Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute alle zusammen. Aber Tante Pauline unterstützte Dörthe. Es müsse zum Klappen kommen, erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft. Drei Nächte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne geträumt, die wild mit den Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein.
Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in geschäftiger Eile dem alten Möller die Gläser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in der Küche zu schaffen, während Bertold mit dem Förster und einem Eleven Schellheims im Extrazimmer politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte guter Laune war. Er hatte sie einmal um die Taille gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit den roten Punkten kleide sie gut, – er werde ihr, wenn er das nächste Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das machte das Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden, wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei Mondschein gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der Liese Braumüller hören konnte, die überall dabei sein mußte. Ihr, der Dörthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf.
Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte sich verspätet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo betrunken im Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda nur ihre drei Stücke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst hätte man es mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine Polka zu pfeifen. Liese Braumüller und Anton Tengler tanzten danach; einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht – man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich draußen Kindergebrüll. Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, war in der Tat so betrunken, daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwärts. Das war keine Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch noch den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und johlten und jubelten. Vietz schien das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht lachte. Aber plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fäusten und griff schließlich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf die Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander.
Fritz erschien unter der Haustür. Er machte kurzen Prozeß, denn er wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der Geiger nahm neben ihm Platz.
„Nu feste gespielt, Vietz,“ sagte Fritz ernst; „immer nach drei Tänzen kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar nichts!“
Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte, und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern öffnete ein Fenster.
Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach, Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel.
Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und zog die Nase kraus.
„Braumüller,“ rief sie zum Fenster hinaus, „das gibt wohl noch was – he?!“
„Alle neune!“ schrie in diesem Augenblick der Angerufene. „Dundersaxen, Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!“ ... Und dann schaute er gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. „Ja, das gibt noch was, Mutter Möllern! Das wird ’n bißchen brummlich da hinten!“ ...
Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze, befehlende „Dörth’!“ des Alten, der, in jeder Hand ein paar frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um wieder die Gäste bedienen zu helfen.
Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster, denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:
„Hans mit de Krusekragen Stieg up de Kachelawen – Bautz, fiel hinunger, War des kee’ Wunger – Wär’ he nich hinuppestegen, Hätt’ he nich hinunnelegen!“
Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte dabei die Augen und ließ zuweilen die Stimme überschnappen – und das Volk um ihn wollte sich ausschütten vor Lachen.
„Vater, nu mach doch man!“ flüsterte Dörthe Klempt zu, der ruhig in einem Winkel saß und seine Pfeife schmauchte. „Jetzt paßt’s gerade!“
Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte sich ermüdet hinter dem Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß Albert noch immer nicht da sei.
Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drückte mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem Schanktisch.
„Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,“ begann er die Unterhaltung.
„’s soll mir recht sein,“ entgegnete der Angeredete; „ich hab’ alles ’reingebracht.“
Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus Verlegenheit ein Streichholz an, obwohl seine Pfeife noch brannte. „Viel Arbeit heute,“ meinte er; „’s ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...“ Und einen plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: „Habt ihr denn schon überlegt, wann das Aufgebot sein soll?“
Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen böse an, und Möller tat sehr erstaunt.
„Was denn für ein Aufgebot?“
„Na, zur Hochzeit,“ erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut.
Nun lachte Möller. „Ach so,“ sagte er; „na, ich dächte, bis jetzt wären die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!“
„Dächt’s auch,“ fügte die Mutter hinzu. „Das ist so ’ne Liebelei, wie sie schon vorkommen kann –“
Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz auf der Zunge.
„Nein, Mutter,“ sagte er; „du weißt recht gut, daß es mir Ernst ist. Ich habe die Dörthe immer haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig necken zu lassen braucht.“
„So ist’s,“ setzte Klempt hinzu. „Von heute zu morgen kann niemand die Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung muß sein.“
„Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,“ sagte Möller; „ich weiß nicht, wo der Junge bleibt!“
Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Möllers gestanden, und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz auch nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal davon ab, und das machte den sonst so schweigsamen Alten beredt.
„Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die Dörthe nicht in eure Familie,“ hub er von neuem an. „Die Klempts sind gerade so ein guter Bauernschlag. Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht zu glauben, daß ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen können, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante Pauline kommen dazu, und schließlich das Gehöft – ist denn das nichts wert? So ’n ordentliches Haus find’st du lange nicht, und wie fest das noch alles steht! Und der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und dann vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine Bettelpackasche, Möller! Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel ist doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und –“
Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand auf die Schulter Klempts.
„Laßt’s gut sein, Vater Klempt,“ meinte er, „die Alten sind schon vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, woll’n wir noch mal in der Familie darüber sprechen ...“
Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt und warf dort mit den Eisenringen des Herds umher, daß man es im Schankzimmer hören konnte. Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine Partie. Aber sie schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen für sie.
Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand Fritz vor ihr. „Rasch einmal ’rum,“ sagte er und faßte sie um die Taille. „Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das ganze Dorf wissen!“
Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glückstrahlendem Gesicht in seinen Armen.
Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den Schwingungen der tanzenden Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein Regenschauer, mit Schloßen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die Tanzenden auseinander. Die draußen kegelnden Bauern, die von der Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, stürmten in das Zimmer, triefend vor Nässe, mit dampfenden Kleidern.
Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle löschen. Man war sehr vergnügt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur ein kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall mit Namen, ächzte und jammerte: er hätte seinen Hafer noch nicht einfahren können.
Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen. Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich den Baß zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten, während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spaß, und bald wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekümmert um die diabolische Musik.
Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, – das hatte ganz gewiß etwas zu bedeuten!
Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur entgegen. Er zog sie in die Küche. „Es ist alles abgemacht,“ sagte er hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; „der Kommerzienrat schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm nach Berlin zu seinem Anwalt ...“
Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. „Seht ihr wohl – hurra!“ schrie er; „ich hab’ ihn breitgetreten!“
Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch, vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, daß der Stein nun ins Rollen käme.
„Natürlich ist das die Hauptsache,“ bemerkte Fritz, „alles übrige wird sich schon finden. Und wie ist’s nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung feiern!“
„Sei doch man still,“ fuhr die Alte auf, und Albert fragte: „Deine Verlobung? – Ach, mit der Dörthe?!“
„Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!“
Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte er lebhaft mit dem Kopfe. „Schön,“ meinte er, „ich hab’ nichts dagegen ...“ Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn etwas abseits. „Sag mal, du,“ fuhr er im Flüstertone fort, „Klempts Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?“
„Dichte ’ran, Albert – dichte ’ran!“
„Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze als einziges Kind?“
„Alles – i nu selbstverständlich, – Vater Klempt hat’s uns vorhin erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die schlechteste Partie ist.“
Albert nickte wieder. „Ich glaube, der Klempt wird’s nicht mehr allzu lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht – na, verlob dich nur erst! Meinen Segen hast du!“
Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen, und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern, während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das abziehende Wetter den Horizont erhellte.
Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte „in Familie“ gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne „jeder Vater mit seinem Sohne trinken“. Klempt wurde genötigt, im Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.
In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen. Beide wisperten eifrig miteinander.
„Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen ’rumgekriegt hat,“ flüsterte Liese. „Aber ’s wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’ was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh’ ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang kommt –“
„Dörthe!“ erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der Küche.
Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und Milchreis mit Zimmet.