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Aus tiefem Schacht

Neuntes Kapitel

Reading edition

Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte die „Säuberung“ des Buchenwäldchens auf der Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün große Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese lagen dem „Kurpark“ ungefähr gegenüber, und die beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.

Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich. Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit. Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten Schleier umhüllen sollte.

Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten, zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch nichts vergessen worden sei. Richtig – in einem Winkel der Kammer neben der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und als Maracke ihr ein ungeduldiges „Mutter, nu’ mach aber!“ zurief, schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles stand und lag, auf den Einspänner gepackt.

In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft? Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen können? – Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und, die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der Neubau an die Reihe. Das ging rasch.

An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung. Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust auf die Quelle zu räsonieren.

„Siehst du, Hedda,“ sagte er, „das sind die ersten – die ersten Opfer der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung – vielleicht erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird. Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten, immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....“ Er zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf. „Sicher – es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in unser Tal – oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt, denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen – überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es wird ganz großartig werden ...“

Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:

„Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit – aber sind nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß gegeben; sie werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität. Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel ergeben und schließlich untergehen. Ceterum censeo – ich sehe durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.“

Der alte Freiherr stand mit seinem „Ceterum censeo“ allein. Auch Hedda teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte – mit weit offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....“ Die Bücher blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen wollte Eycken nichts – Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte, was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels, den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.

Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur, denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag. Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar! Natürlich sollte man da alles haben können – ein riesiges Warenhaus schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich „schenial“, wie sein Lieblingsausdruck lautete.

Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte, seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte – außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag; schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die Wiese war ihrer Lage wegen wichtig – aber was auch er nicht vermochte, das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe, und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse gebracht und für Dörthe festgelegt.

Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer denselben Worten darauf geantwortet: „Es tut mir schrecklich leid, liebste Hedda, daß –“ und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal eine „Ausspannung“ gönnen; im Grunde genommen aber war er herzensfroh, daß sie dennoch blieb – sie war ihm unentbehrlich geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn sie neben ihm saß.

Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.

„Eine Depesche für den Herrn Baron,“ sagte die Botenfrau.

„Allmächt’ger Gott,“ rief August, „eine Depesche! – Dörthe, eine Depesche!“

Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.

„Eine Depesche!“ stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.

„Dörthe, das bedeutet ein Unglück,“ fuhr August mit Überzeugung fort. „Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag’ ich dich bloß!“ Und er schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in das Herrenhaus.

„Eine Depesche, gnädiges Fräulein,“ sagte er zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.

Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: „Eine Depesche?!“ rief sie. „Nanu?!“

August nickte. „Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück gibt!“

Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen solle, um dem Freiherrn die Aufregung zu ersparen. August war dafür. „Man kann nicht wissen, was drin steht, gnädiges Fräulein,“ meinte er. „Einer Depesche ist nicht zu trauen. Das kann alles mögliche sein.“ Aber Hedda schüttelte schließlich energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da ging es nicht an, daß man es erbrach.

„Vater,“ sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten tretend, „erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.“

„Nanu?!“ erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August nickte dazu: dieses „Nanu“ entsprach ganz seiner Auffassung.

Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift.

„Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das soll was heißen ...“ Er las vor: „Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in Zielenberg. Wagen unnötig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich darauf, Euch kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.

Euer Vetter

Axel Hellstjern.“

Er ließ das Papier sinken. „Was sagst du dazu? – Sonnabend – das ist morgen.“

Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.

„Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,“ antwortete sie. „Morgen schon – und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in acht Tagen kommen.“

„Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.“

„An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.“

„Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wäre unliebenswürdig. Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen weltstädtischen Komfort findet. Das Dach ist ja repariert – es regnet im Fremdenzimmer nicht mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge für etwas opulentere Mahlzeiten in den nächsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein Kind, und gib mir einen Kuß! So – und nun sei verständig!“

Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, was war nicht noch alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe die Tante Pauline zum Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer „groß rein gemacht“ – das heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich möbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser flossen über die Dielen; Dörthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, daß ihnen der Schweiß von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich Hedda damit, frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice, das sehr hübsch war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem Rande. Gottlob, daß das Bett gut war – ein altes, ungeheuer großes Bett, noch aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers. Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in der früheren Räucherkammer, in der man allerhand altes Gerümpel aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild stand. Es schien dorthin zu gehören, denn es sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewiß Interesse für Axel. Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an die leere Wand gehängt. Trotz aller Reinigungskünste sah es so dunkel wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante Pauline meinte, es sei ein „greuliches Gesicht“; sie würde in diesem Zimmer nicht schlafen können. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen früh kamen noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige und etwas Grün in die Vasen und Gläser – dann war das Zimmer behaglich und traulich.

Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache mit der Köchin an die Reihe. Das war schon verwickelter. August mußte am Nachmittag noch nach Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten zwei Hennen und eine Ente ihr Leben lassen – die letztere wurde in Aspik gelegt. Die Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller einer Prüfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer Ecke lagen aus früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß darüber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu, es werde wohl Grüneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rühre die vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her.

So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, sonnig und linde, mit einem zarten, weißen Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grün; der Rasen glänzte smaragden, und die Junirosen hatten ihre großen Blätter bereits voll entfaltet.

Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den geöffneten Torweg einfahren.

August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim Servieren weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte sich August. An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein paarmal probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte.

In der Ferne ließ sich – ein seltener Klang – das fröhliche Schmettern eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück, den Alten zu rufen.

„Schnell, schnell, Vater – er kommt!“

Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.

Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.

August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett angelnd.

„Tag, Cousine!“ rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, „Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch! Kinder, wie freu’ ich mich!“

Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.

August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles „reezend“ (er sprach das ei gern als e aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.

„Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht herausfinden,“ sagte er. „Freelich, da sind eenige fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte – ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht kennen lernst – das würde dir gefallen ...“ Und er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen gebaut hatten. „Ich mit,“ fügte Axel hinzu, „und es hat mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen – een bißchen vorsichtig seen,“ schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen sich mühte.

Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte, als der Anfall glücklich vorüber war.

„Schauderhaft,“ sagte er endlich. „Ich habe mich vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird’s da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic – wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch die alten Urkunden durchfinden können?“ –

Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich.

Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker – brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus.

Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen, alle gefüllt – „weiß der Deubel, mit was“ –, die mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren aus purer Seide. „So was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,“ schloß August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er: „Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie befühlt.“

Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast mit ihm auszutauschen.

„Wie findest du den Axel?“ fragte sie. „Er ist schwer leidend, nicht wahr?“

Der alte Herr nickte.

„Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne ihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist unerforschlich – und Axel sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht schandbar?“

„Weshalb?“ entgegnete Hedda harmlos.

„Schlaukopf – weshalb? Wären wir nicht ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?“

Hedda lachte.

„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete sie, „daß wir uns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden –“

„Vorher nicht,“ fiel der Alte ein; „aber jetzt liegt die Sache doch anders.“

„Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.“

Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, zu Hedda hinüber.

„Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker Teufel ist,“ sagte er.

„Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen –“

„Denk mal, was das für eine Partie für dich gewesen wäre!“

Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: „Willst du mich denn so absolut los sein, Papa?“

„Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am liebsten immer bei mir und um mich behalten möchte – weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben – lieber Gott, das ist doch nun einmal das Schicksal der Töchter! Glaube nicht, daß ich gar so selbstsüchtig bin; ich habe mir über deine Zukunft schon manchmal meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf dem Baronshofe und lernst keinen vernünftigen Menschen kennen –“

„Erlaube, Papa –“

„Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen würde. Mit dem Gunther von da drüben war es doch nichts! Es ist eine niederträchtige Geschichte. Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr verkehren.“

„Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.“

„Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!“

Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.

„Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,“ sagte sie heiter. „Das Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich zu trösten suchen. Und das werde ich tun – wenn es nicht anders ist. Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!“

Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. –

Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.

„Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,“ sagte er, ihr die Hand reichend. „Das ist aber nichts weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!“

Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.

Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe arbeiten – sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel – und dann das Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...

Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.

Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die Flammen zuckten hin und her.

Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf die „Handelsverträge und das römische Recht“ und vermied die landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt – was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet – „adjö!“ ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...

Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte sodann:

„Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an mich gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.“

Der Freiherr schüttelte den Kopf.

„Du standst mir zu fern, Axel,“ erwiderte er. „Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.“

Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war einverstanden.

Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift: „Gastwirtschaft von C. Möller“ war längst übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: „Hotel Möller“, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall regten sich fleißige Hände.

Axel wollte auch den „Kurpark“ sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der kälteren Jahreszeit.

Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel vor.

„Freue mich sehr,“ sagte der Kommerzienrat. „Sie lernen die Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr Baron sprechen doch Deutsch?“

„Gewiß,“ erwiderte Axel; „nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat. Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein Pavillon, wenn ich fragen darf?“

„Nein,“ entgegnete Schellheim, „das wird der Quellenbau. Wenn die Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?“

Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß entgegen.

„Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein –“

„Ja – ich weiß, Herr Kommerzienrat –“

„So – Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln und Forschen und Suchen – ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel –“

Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park. Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben, für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man. Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten „Sandkuhlen“ der Grauen Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war, schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt; der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles „fertig sei“. Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen.

Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen. Wo sollten diese Menschen wohnen? – Die Wohnungsfrage war in der Tat erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft, auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen. Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: „Zahlen Sie dem Kerl die fünfzig Taler – der Teufel soll ihn holen, den Gauner!“ Braumüller strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten.

Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm wurde. –

Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.

Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle sich sehr wohl und auch sehr glücklich.

„Ja – sehr glücklich, Cousine,“ wiederholte er. „Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert – und ich danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.“

„Aber ich bitte dich, Vetter,“ wehrte Hedda den Dank unter hellem Erröten ab, „wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt – denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!“

„O Hedda, du mißverkennst mich völlig,“ entgegnete Axel. „Ich bin verwöhnt – allerdings – das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesen waren – es hat mir nicht wehe getan. Ich liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch die Seele – ich weiß nicht, woher es kommt – so etwas wie Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und des verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen – und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...“

Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen „Heimatlosen“, der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus – einer, der immer einer linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den er hart empfinden mußte.

„Weißt du, Vetter,“ begann sie wieder, „daß ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?“

„Wirklich?“ fragte er.

„Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.“

„Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.“

Sie lachte.

„Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen –“

„Ach nein – in keine des genus homo!“

„Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen bist,“ fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. „Und bei deinem lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich langweilen wirst.“

„O du lieber Gott, Hedda – ich kenne das Wort Langeweile überhaupt nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen – und wenn ich mich dazu entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur – gewissermaßen aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern – der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen Adelsaufstand beigelegt haben – doch ist es immerhin fraglich, ob man diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...“

Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern, die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber.

Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung; dieser Tage solle das Gut subhastiert werden – man erzähle sich, Schellheim werde es kaufen.

Der Vetter wurde aufmerksam.

„Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?“ fragte er.

„Ja, Vetter, der einzige.“

„Und ist das Gut im Stande?“

„Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und Schloß und Park sind herrlich.“

Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn. Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch darüber und ließ sich nieder.

„Bist du nicht auch müde, Hedda?“

„Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.“

Er schaute sie ernst und lange an.

„Ach,“ sagte er, „wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du bist ein echtes Germanenweib, Hedda –“ und plötzlich brach er ab und winkte ihr. „Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist – es plaudert sich besser.“

Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie. Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag kommen.

Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich:

„Vielleicht ist das etwas für mich – dies Döbbernitz da drüben.“

„Wie meinst du das?“

„Nun – irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen, Hedda – und hier in eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd’ mich nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...“

Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und sagte:

„Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist –“

Jetzt lachte Hedda.

„Aber, Vetter,“ antwortete sie heiter, „warum soll es mir nicht recht sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal Hellsternscher Besitz gewesen ist –“

„Wirklich?“ fiel Axel ein.

„Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern – ich glaube, er hieß auch Axel –, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später die Zernins.“

„Es ist gut, daß ich dies weiß,“ erwiderte Axel ernsthaft; „Familienerinnerungen muß man wert halten ...“

Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat. Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das Thema von neuem anzuregen.

Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. „Ein merkwürdiger Mensch,“ dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.

August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.

„Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges Fräulein,“ erzählte er Hedda. „Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn aussehen!“

Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.

„Ich werde nicht klug aus ihm,“ sagte Hellstern. „Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden – man hat ihm den Rest seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.“

„Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,“ entgegnete Hedda.

„Es wäre im Grunde genommen ganz gut,“ erwiderte der Alte; „so mal für ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr – ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht auch?“

Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.

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