Im Mätteli.
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Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.
Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen – sie zog sich verdrießlich zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.
Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand – man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei – eine Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?«
Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.
Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.
Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen – die Frau war in Italien gewesen.
Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns – so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar abermals von Reisen – Jaques war in Constantinopel gewesen.
Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe sie nicht gesehen.
Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß de l'auteur à madame Jaques.
Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.
Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich versuchen will.