Die Heimathlosen.
Reading edition
Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See bleiben? – ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, sondern heiß – das that mir wohl – in Dresden war's so kalt gewesen. Ich will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich – ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.
Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?
O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten – ich bin seines Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist hier fast wie in Deutschland – nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist – Rebenhügel, Wald, Felsen – Alles lieblich, einfach poetisch. Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, the castled cliff of Drachenfels, sumse vor mich hin von Heine:
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und unten flimmert der Rhein –
Der Gipfel des Berges funkelt
Im klaren Mondenschein.
O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein Deutschland nicht.
Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder – ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir war, und – klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten abwechselten – gerade keine angenehme Musik, wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt – wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen saß ich jetzt am Genfer See.
Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug sehen – der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.
Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.
Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren kann.
Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten es gewesen sein.
»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in dem französischen Munde.
»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben werden.«
»Und wo sind sie denn da?«
»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«
»So duldet man sie hier im Canton?«
»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«
»Wenn man es überall thut –« sagte ich ironisch.
»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.
Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«
»Sie machen Körbe und andere Dinge – betteln, stehlen.«
»Kommen sie in die Kirche?«
»Nie.«
»Aus welchem Stamme sind sie?«
»Man weiß es nicht.«
»Woher sind sie gekommen?«
»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«
Die Heimathlosen – die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?
Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen – wir nennen sie die Heimathlosen.«
»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen –«
»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr dummen Kellner.
Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst – die »drei Kronen« langweilten mich bereits etwas – eine Heimathlose wäre mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch dümmer aus als gewöhnlich – er wunderte sich.
Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen – ich vegetirte in einer trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.
»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war – ein Landsmann von mir.
»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.
»Das Gesindel ist sehr unsicher.«
»So?«
»Ja gewiß – es ist ihm nicht zu trauen.«
»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein um und machte mich auf.
Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich hätt' es doch gethan.
Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen – es waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit – die letzten Sennhütten waren längst hinter mir geblieben – kein rüstiger Waadtländer kam mir mit einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen – ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.
Menschenleer – war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine Spur von ihnen entdecken können.
Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte Fußstapfen.
Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen war.
Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?
Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur Verachtung empfunden, hier – schauerte mich.
Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber – es ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir wenigstens nicht der Fall gewesen – gerieth ich beim Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur dort kennt, den Hof zu machen.
Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall – der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.
Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.
Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen – es wäre eine Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen – an's Todtschlagen werden sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln – gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«
Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen – ich fürchtete Nichts mehr – nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?
Heimath – was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten – wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist – der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.
Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der sogenannten Thür pochte.
»Entrez!« sagte es von innen.
Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.
»Parlate italiano?« fragte ich.
»Si, Signore,« erwiederte er.
Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«
Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender Seitenblick.
»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die Heimathlosen.«
Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.
»Ihr gehört auch zu ihnen?«
Gemessenes Kopfneigen.
»Ihr seid aus –«
»Hier geboren, Signor.«
»Aber der Vater?«
»Der Vater? Aus Toscana.«
»Und hierhergekommen – wann?«
Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.
»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«
Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.
»Von Vevey?« fragte nun er.
Ich bejahte.
»Der Signor wohnt dort?«
»In den Kronen.«
»Wegen der Gesundheit?«
Ich zuckte die Achseln.
»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.
»Wie ich Euch sagte – um Euch zu besuchen.«
Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch wenig zu finden.«
»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«
»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.
»Seid Ihr nicht Alle –« forschte ich.
»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar – sonderbar, ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«
Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.
Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in der Absicht, mich fortzuschicken.
Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf gleich gefunden hat.«
Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm Dache.«
»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«
»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«
»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«
Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn so wollt – ich werde Euch nicht bitten.«
Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen wünscht, – wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«
Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages – er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn trinken – er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten – er war erst zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal – das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.
Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft im Theilen des Brodes – Pietro hatte mir nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.
Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen – das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter – ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung blieb auch nicht aus – ich mußte mich legen, doch nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören – ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch zum Freunde – das war genug – ich entließ ihn mit meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt – er redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in der Mehrheit.
Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.
Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte erzählen ließ.
Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.
Ich schreibe sie nicht nach – ihr würden zu sehr die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte –, gesegnet sollte sie sein! – unter dem Dache, welches ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich lachte –, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.
Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« – er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger haben.« – »O, Signor, der Hunger kommt selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es nicht. Er war so con amore Vagabond, Heimathloser – es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der bête noire der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten – er war mit seinem Vater und allein einige Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.
»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die Heimathlosigkeit zu gewinnen.«
Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden – ich bin gewiß, daß sie nicht wollen werden.«
»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«
»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel – wir haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck zu tragen – wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel – wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte unter uns, die – irgendwie unglücklich gewesen sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden – das ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«
Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte – so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.
Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.
Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete – er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen – von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus – Tiger brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich an mir – er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.
Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich sei. Aber ich war's.
Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was ich wage – selbst der Wirth ließ sich herab: Mais, monsieur! zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.
Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum – ich fing an, das Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott – das muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern so.
Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?
Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht – sie waren Heimathlose.
Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.
Die Prosa des Elends.
Die Poesie der Armseligkeit.
Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.
Voll Rohheit und voll Weichheit.
Seelen zum Schaudern und zum Weinen.
Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich selbst, wie das böse Gewissen.
Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren können.
Epopöen der Schuld hört' ich.
Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.
Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten – die Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande nach Amerika versendete.
Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.
Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir – was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.
Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch – für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.
Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.
Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.
Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.
»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«
»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«
Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.
Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in der Hütte.
War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden konnte –
Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?
Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur nach dem Gesetz.
So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.
Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.
Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:
»Herr Graf!
»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen – werden auch Sie mich zurückweisen?
Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.
Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll
Feodora Freiin von S.«
Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir schrieb – sie war aus Berlin – eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »to take it coolly« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und hineingerathen sein mochte? – Was ich von ihrer Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.
»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's. Gegen elf ungefähr kam ich an, – allein, denn Pietro sollte mich nicht begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund lief mit mir – Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand.
Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte Recht – die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war graziös – etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.
Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern Umständen die alltägliche gewesen wäre.
Ich sagte: »Ich habe die Ehre –«
Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.«
Ich folgte ihr – den Esel hatte ich angebunden – Tiger folgte mir.
»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im natürlichsten Tone.
»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus.
Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus Berlin sind?«
»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit – –« ich schämte mich fortzufahren.
Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß vornehme Frauen mit Candidaten – entflohen, wenn Sie die Güte haben wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?«
»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben sich, ehe sie Hauslehrer werden.«
»Tant mieux, tant mieux,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine, aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«
»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.
»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen, daß ich von dem Menschen loskomme.«
»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie.
»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.«
»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?«
»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.«
»So läßt er Sie denn doch allein?«
»Weil er mir vertraut.«
»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.
»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie die seine dazu, um das glauben zu können.«
»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche Entbehrungen.«
»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B. ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer –«
»Ich habe keine Carriere.«
»Oder Ihre Ehre.«
»Das thäte ich nicht.«
»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich freilich nicht begreifen.«
»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann aufgeben darf – alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«
»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.
»So ist Herr – Herr –«
Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«
»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«
Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«
»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da –«
Sie sah mich an – ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«
Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade bequemer war, als die andern – sie empfing mich wie in einem Salon – das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben – vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein – sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.
»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe begehren wollen – ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr – ich werde den Brief besorgen – Sie werden mir dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was meinen Sie?«
Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«
»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«
»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.«
Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen, das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene, halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.«
»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«
»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter – mein Sohn –«
»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«
Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu.
»Liebenswürdig und gut.«
»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.
»Der Baron, gnädige Frau –« sagte ich zögernd.
»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen – so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«
»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht –«
»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich – nachdem ich –« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des Ekels.
»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben – sollte denn nicht ein Gefühl mehr –«
»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile auf dem Lande –« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein – es ist so lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, aber so viel werd' ich doch noch wissen.«
»Und was soll aus Herrn W. werden?«
»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt – eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«
»Wird er wollen?«
»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch. Begreifen Sie das – nach zwanzig Jahren!«
»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich heftig.
»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit – Sie haben mich noch nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?«
»Wozu?« fragte ich wieder.
»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?«
»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich kann auch unglücklich und strafbar werden.«
»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug, um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?«
Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«
»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend.
»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen –«
»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.
»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich. Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen Hand verschließen lassen.«
Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist – Feigheit oder Kraft.«
»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten an.«
»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des Herrn W.«
Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse gewesen zu sein – ich habe Nichts dagegen.«
Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?«
»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«
Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und wie! – Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte – ich wollte ihm ja Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich barbarisch vor.
Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen könnte, mir zu helfen.«
Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich nicht.«
»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.«
»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb – sie war ganz Strenge in ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter einer solchen Mutter sein?
»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin.
»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben entwickelt nur was in uns ist.«
»Ich glaube das nicht. Ich glaube – kennen Sie die Geheimnisse von Paris?«
»Wann erschienen?«
»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«
»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«
Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?«
»D'rüber,« antwortete sie ruhig.
»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«
»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen – dann gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose lebt.«
Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.
»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten – die Geheimnisse, oder wie hieß es?«
»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf geben – Sie haben anders gefühlt.«
»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.
»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so –«
Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«
»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in der Welt?«
»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«
»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln –«
»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein Bedürfniß.«
»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«
»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.
»Der beißt Sie,« antwortete ich.
Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen – haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir – es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich mich getäuscht hätte – wenn Sie Hohn mit mir trieben!«
»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand – ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«
Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne Aussicht, erleiden kann.
Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem ursprünglichen Wesen nach – wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals herzugeben – »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es gewiß nicht lange gewährt – höchstens einige Freundinnen außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten –«
»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«
»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher – ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen – glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen – es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel – eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt worden.«
Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten – soll ich es Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach – eine augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«
»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen – an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie wächst immerfort.«
»Verwandeln Sie die Dummheit.«
»In was?«
»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«
Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.
»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«
Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. »Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie sind jung und unverdorben – Sie werden besser das Rechte erkennen, als ich.«
Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.
Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«
»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er – »ich habe erst bis hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir – würden Sie die Leute verheirathet haben?«
»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt: Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«
»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?«
»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.«
»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.
»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«
»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend.
»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.
Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend: »Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen wird.«
»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend. »Beweisen Sie es nur dem Leser.«
»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.
»Und warum denn nicht?«
»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm finden.«
»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.«
»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht fertig.«
»Des Menschen Wille –« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?«
»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«
»So wie sie da ist?«
»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als Schluß Ihres Buches?«
»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine nicht fertig gewordene Brücke.«
»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon noch gut genug.«
»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.«
»Alles, was Sie wollen.«
»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?«
»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«
»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit ziemlich spottender Miene zugehört hatte.
»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.
»Aber Pietro?« fragte ich weiter.
»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.«
»Die Ziegen und Sie?«
»Nein, ich und Pietro.«
»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto.
Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß – unverletzlich.« Dann bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine dritte Frage, nach Tiger.
Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen gehört?«
»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.«
»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd.
»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«
»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise.
Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich –
»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend.
»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?«
Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme Vieh ist gar zu schauderhaft – Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«
Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend. »Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der Erwartung schüttelnd.
»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn.
»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,« setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind –«
»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine frohe Heimkehr –«
»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede. »Ich weiß das Alles schon – bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden Sie Sich selbst gesund – es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu sein.«
Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb, daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine wahre Geschichte?« – »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen –« – »Schon gut!« Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür.
Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.