IM SÜDEN DES SEES
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DIE SCHWELLE
Einen Tag lang Dampferfahrt aufwärts von Schanghai ist der Jangtsekiang noch Meer. Erst allmählich, mit Ufern, die dünn, grau, nebelig wie Sagen erdämmern, beginnt er seine Vermählung mit der Erde des alten Landes China.
Wir fahren bis spät in die Nacht hinein. Dann bleiben wir vor chinesischen Städten liegen, in denen jedes Haus ununterbrochen von elektrischen Birnen durchleuchtet ist, wie von Röntgenstrahlen. Und doch bleiben diese Städte wie ein Brausen in einer unbegehbaren Schlucht an unserm Weg zurück. Nanking kommt, die alte, südliche Gegenstadt von Peking, dem nördlichen. Es ist alt, vergangen, zerbröckelnd und neigt sich zum Mutterleib des Erdbodens zurück. Und am Schluß der ersten Reise Hankau, strotzend vor Jugend und Geschehnis.
Gegenüber in Wutschang hingen zwölf Köpfe am Tor. Sie steckten auf Töpfen, in denen das Blut zusammenfloß, das ihre Hirne zu der umstürzlerischen Verschwörung erhitzt, die vorzeitig entdeckt worden war. Das Tor ist finster, klein, grau, wie Jahrtausende. Ein Jahr vor diesem Tag war der Vizekönig entflohen durch dies selbe kleine Tor, während die Revolutionäre siegend das Hirn und Blut der Mandschu- und Beamtenkinder und Frauen an den Hauswänden aufspritzen ließen. Der Vizekönig wollte, um sich zu retten, einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd kaufen. Aber es gab damals schon etwas für Kaufleute, das "Neutralität" genannt wurde.
Heut bluten die zwölf Köpfe in die Gefäße für seinen republikanischen Nachfolger. Allein und unverändert stehn blieb das dunkle schmale Tor, das mittelalterliche chinesische Stadttor, in dem keine zwei Stoßkarren aneinander vorbeikamen und das doch eine Stadt von einer Million Menschen auf einen der größten und belebtesten Ströme der Erde öffnete. Der Jangtse wälzte sich an ihm vorbei in die Maßlosigkeit der Ebene hinein. Er ist immer angefüllt mit dem Sand, den seine gewaltsamen Wassermassen in ganzen Hügeln aus den Ufern reißen.
Der Sand reibt sich mit einem prasselnden Lärm am Leib des Motorboots, das schräg hinüberfliegt, ans Hankauer Ufer zurück, wo kilometerlang der Damm der internationalen Siedlungen läuft. Ein Schiff an ihm neben dem andern. Hastig werden sie vollgestopft mit den Waren des Umlandes bis zum Tibet, und die tragenden Kulis geben ihre Lieder, die sie zu den Lasten singen, unter denen sie sich biegen, mit obendrein ... diese Lieder, in denen die Laute der ersten zur Arbeit im Schweiß des Angesichts verdammten Menschheit aufbewahrt sind. Bureauhäuser als Fassaden vor Fabriken. Hexenkessel und Akkumulator ... Weiße Gehirne und gelbe Leiber schwitzen über der Erwerbsgier Europas, und das Schlitzauge läßt nichts aus seinem Blick.
Aber neben dieser sauberen modernen europäischen Stadtansammlung wuchten die Massen der beiden chinesischen Ruinenstädte Hankau und Haniang ineinander. Trümmerfelder rauchgeschwärzt, blutgefleckt, von asiatischer Grausamkeit geschwängert. Es ist ein Jahr nach der Revolution Chinas.
Hier hatte ein Mann gewirkt, machtvoll und dunkel: Juan Tschi Kai. Er hatte hier zerstört, um nach eigenem Kopf aufbauen zu können. In drei Tagen hatte er die mächtigste Siedlung Asiens zerstört, eine Million Menschen ihres Obdachs beraubt. Da wußte der Kaiser, daß Macht und Armee Juan Tschi Kai gehörten, und in dem Augenblick, wo dieser für die Mandschu, die er auf den Tod haßte und in deren Dienst er stand, hätte die Früchte ernten sollen, ließ er über seinem kaiserlichen Sieg die Revolution des Volks aufwachsen und den Kaiser abdanken. Aus dem zerstörten Hankau hat er dann die Republik und seine neue Macht aufgebaut.
Juan Tschi Kai ist für die meisten Europäer und die Schar der an amerikanischen und europäischen Gedanken entgleisten Chinesen ein dunkler Schurke. Aber er ist über die äußern Ereignisse hinweg vielleicht eher ein Mann von einer chaosbezwingenden Moral, eines der Herzen in roter Glut, die von Weile zu Weile plötzlich selbstschöpferisch aus den Massen aufbrennen und eine Erneuerung von Weltteilen erstreben.
Man war kleinmütig in China und vertraute ihm nicht. Man war eifersüchtig und ließ ihn gehen. Und es blieb von seiner Tat nur der alte Mordvater Jangtsekiang. Mit strudelnder Wucht geht er zu Tal. Er ist so maßlos, wie die Ebene, in der er liegt. Er nahm die ganze geschlagene Armee der chinesischen Revolutionäre auf, als sie die verschiedenen Götter verlassen hatten. Sie stürmten ihn ... Zehntausende von Menschen, aus der Hitze des Kampfes, dem Schwelen der Todesverzweiflung herausstürzend, zwischen lohenden Ufermassen herausbrechend, wurden von den schmalen Wasserträgergassen in den furchtbaren alten gelben Krokodilstrom geworfen. Der Sand, das Wasser rannen ihnen erstickend durch Nasenlöcher und Mund, verklebten ihnen die Augen. Und vom Ufer aus erledigten die Kartätschen der Kaiserlichen die wimmelnden schwarzen Massen der Schwimmenden und den Todeszug der Kähne, die führerlos stromab gerissen wurden und irgendwo, vor dem deutschen Konsulat, vor einer Fahne Frankreichs, einer russischen Teefabrik oder einer Talgaussiederei, behäuft mit Leichen und stöhnenden Sterbenden zwischen Dschunken und europäischen Dampfern an den Strand geworfen wurden, wie Viehaas oder die spurlos in der Unendlichkeit des Jangtses vergingen. Es war einer der wüstesten Mordtage der Weltgeschichte.
Über diesen Ort und diese Zeitläufte traten wir ein in das große Reich China. Es war zwischen seiner Revolution und dem Krieg der Welt gegen Deutschland.
Die Tiefe des Europaverlassenen lockte. Dampfer fahren weiter von Hankau stromaufwärts. Wir benutzten einen Japaner. Wir wollten zuerst nach der Provinz Hunan; die chinesische Behörde in Schanghai hatte gewarnt, als sie den Paß ausstellte. Hunan und Ssetschuan waren noch nicht beruhigt und sicher.
Der Dampfer verließ den Jangtse und wandte sich südwärts in den Siangkiang hinein, der an Tschangscha, der Hauptstadt Hunans vorbeifloß. Aber eines Morgens erklärte der japanische Kapitän, der um diese Stunde stets einen wundervollen, sehr schmutzigen Kimono trug, er fahre nicht mehr weiter. Der Wasserstand sei zu niedrig und der Kiel schleppe schon am Boden.
Wir waren die einzigen weißen Reisenden an Bord.


FEUERSBRUNST
Wir hatten noch ein gehöriges Stück den Siangkiang hinauf bis Tschangscha. Der Dampfer blieb an einem Ort stehen, der jedes Jahr im Winter, wenn der Jangtsekiang die Wasser des Tuntingsees verschlingt, aus dem Nichts und einer Sandbank entsteht und in jedem Frühjahr, wenn die Wasser wiederkommen, in alle Winde auseinandergeht. Am Ufer stand in der Sandböschung eine dicht gedrängte Reihe gebräunter Häuser aus Bambus und Schilf. Unser Dampfer war im Augenblick von großen und kleinen Booten umzingelt. Es erhob sich ein wütendes Geschrei der Bootbesitzer und der Herbergswirte um Kunden. Währenddessen näherte sich ein merkwürdiges Fahrzeug. Auf einer hölzernen Plattform, die gerade aus dem Wasser tauchte, hockten vorn und hinten zwei Häuschen; zwischen beiden Häuschen lag ein zerfetztes Leinwanddach, das das schwarze Rohr eines Schornsteins durchstach. Das Rohr spie Funken, Asche und ein wenig Rauch; das Schiff prallte unachtsam und herrisch in den Haufen der andern Boote hinein, und die ganze Horde Chinesen von unserem Dampfer über die schaukelnden und springenden Sampans hinweg auf das Boot zu, stopften es mit ihrem Gepäck voll, preßten sich selber dazwischen. Da kam der Japaner und sagte uns in primitivem Pidgin: »Das ist Ihr Boot nach Tschangscha.«
Wir erschraken. Es schien uns, als ob auch nicht mehr für einen der zahlreichen Flöhe des Landes Platz auf diesem Fahrzeug wäre. Aber wir wußten, es gab keine andre Gelegenheit, nach Tschangscha zu kommen. Wir hatten niemanden, mit dem wir uns verständigen konnten. Unsre zwanzig Koffer und Kisten wurden hinübergeturnt, über zehn oder zwölf Schiffe hinweg. Wir gingen denselben Weg und hockten bald zwischen Chinesengepäck und seine Besitzer geklemmt, am Rand des Boots. Das Wasser spülte bis an unsre Schuhe. Das Boot fuhr rasch und schwankend davon. Bald nah am Ufer, bald seichte Stellen vermeidend, in langsamen Zickzacken. Einmal machte es bums! Ein Faß, zwei Körbe und ein Chinese flogen über Bord, die ganze Angelegenheit stockte. Der Chinese zog sich wieder heraus, das Faß schwamm davon, die Körbe wurden durch ihre Besitzer gerettet. Mit Stangen wurde das Boot wieder abgestoßen, und es fuhr weiter zwischen Sandböschungen, auf denen mächtige Wasserbüffel mit vorgestrecktem Kopf, wild und schwerfällig ihre Hüter auf dem Gesäß dahintrugen.

Markt in einem Jangtse-Städtchen
Auf einmal trat ein dicker Mann auf mich zu und sagte etwas, das englisch sein und das "erste Klasse" heißen konnte. Ich ging mit ihm und kam eine Stiege hinab in eine kleine Kajüte, in der drei Holzpritschen angebracht waren. Er deutete auf sie und sagte: Schlafen. Schiff nachts nicht gehn. Ich stürme hinaus und schrei Gre zu: Wir müssen auf diesem Fahrzeug schlafen. Es kann nachts nicht fahren. Schließlich erschien uns das doch nicht so schlimm. Gre kam auch herunter. Wir beide saßen auf der größten Pritsche, auf der andern verspeiste der dicke Chinese eine gebratene Wildente, eine wirkliche Märchenente, und gab einem schönen alten Mann mit einem feinen schlauen Gesicht davon mit. Wir hatten Hunger und nichts zu essen, dazu die Aussicht, die Nacht hier zu verwachen. Eine Zeitlang nährten wir unsre Spannung am Beobachten der Verrichtungen chinesischer Hände. Welches Rätsel von Menschenentwicklung lebte in ihnen! Jahrtausende geistigen Lebens schienen sich durch sie einen körperlichen Ausdruck zu geben. Gotische Malerträumereien aus Europa waren in ihnen Wirklichkeit geworden. Der alte Herr war in blaue geblümte Seide gekleidet. Er sprach uns bald auf Pidgin-Englisch an, davon konnte er ein paar Worte. Wir unterhielten uns mit einem Wortschatz von etwa dreißig Ausdrücken sehr angelegentlich und gut. Wir wußten bald, daß er als Komprador einer Petrolgesellschaft nach Hankau gefahren war und nun nach Tschangscha zurückkehrte, und er wußte, daß wir von Europa kamen, nach Tschangscha gingen und dort bei meinem Freund wohnen sollten. Er kannte den Freund und schwärmte von ihm. Er war höflich wie ein Chinese. Das ist ein Wort, das man für Europa neu bilden muß.

In einem Tor in Tschangscha
Als unser Hunger unbezwinglich stieg, versuchte ich in die Gunst des Entenbesitzers zu kommen und hielt ihm die Zigarrentasche hin. Er nahm gleich die Tasche mit den Zigarren. Ich belehrte ihn hastig eines Besseren und zog ihm zwei heraus, schaute auf eine seiner Enten, und er stand nicht an, mit höflichem Lachen sich mit zwei Zigarren zu begnügen und uns mit einer schönen Gebärde seiner andern Hand eine der Märchenenten anzubieten. Dazu goß er in eine Tasse gezuckerten Sherry. Nach und nach kam das ganze Schiff uns anschauen. Wir saßen in der Kajüte, wie Ameisenbären in einem Käfig. Die Chinesen lachten uns ergötzt und wohlwollend von draußen zu, schauten sich satt und machten andern Platz.
Einen trieb die Neugier weiter. Er schlüpfte die Treppe herab, hockte sich gleichgültig abschauend ruhig in die Ecke auf den Boden, pustete auf das Ende einer Papierstange, ein Flämmchen sprang hervor, damit zündete er sich die Wasserpfeife an, tat einen Zug und blies den weißen Rauch zu uns herüber. Er pustete die Asche aus dem Rohr und stopfte ein neues Kügelchen ein. Er saß da, als ob wir ihn nichts angingen und er selber in dieser Ecke geboren und festgewachsen sei. Bald saß ein zweiter in der andern Ecke, ein dritter zwischen ihnen. Es kamen immer mehr. Wir waren schließlich ganz in sie eingehüllt, und doch fühlten wir ihre enge Nähe nicht härter, als einen Windhauch, der fremde sanfte Gerüche aus einem andern Wald bringt. Alle rauchten. Es war Nacht geworden. Ein Öllämpchen schaukelte an der Decke, die Flamme schwelte und zitterte. Der Rauch der Wasserpfeifen kneifte uns Hals und Augen, und wir flüchteten in die frische Luft. Der Mond schien aufs Wasser. Das Boot lief in einen Haufen anderer Schiffe hinein, die ihre Masten im Wirrwarr rundum schwarz und steil ins Mondlicht streckten. Die Pfeife begann in die Nacht zu brüllen. Die Maschine beendigte ihr Stampfen. Der Anker wurde ins Wasser geworfen. Im Nachthafen wurde es lebendig. Kleine Sampans mit flackernden Lichtern tauchten zwischen den Dschunken heraus, umgaben uns mit Rufen, Gongschlägen. Ein jeder war ein kleiner Laden, und man konnte Kuchen und Quark von Bohnen, geröstete Bohnen, Erdnüsse, Hirsewein, gezuckerten Mais, Reis und Öl kaufen. Bettlerboote zwängten sich vor, und in andern Kähnen standen Mädchen, seltsame Wassernixen, und lockten.
Ich holte die Liegestühle herbei, die im allgemeinen Raummangel aufs Dach geworfen worden waren, räumte einiges chinesisches Gepäck fort und baute die Stühle auf Kisten auf, ganz nahe am Rand. Ich sah das Wasser gerade unter mir. Gre lag daneben zur Schiffsmitte zu. Die schmutzigen Fetzen des Dachs über der Nase, versuchten wir einzuschlafen. Die Chinesen kauften, aßen, sprachen, brüllten, schnarchten, rochen und vollzogen rundum ihre Bedürfnisse. Der Mond schien kühl hernieder. Wir sahen unter dem Rand des Dachs eine kleine Stadt, die sich im Hügel des Ufers errichtete. Sie glänzte schwarz, mit befremdlichen Umrissen im Mondlicht.
Plötzlich erklang Musik in ihr. Ein Dudelsack schien sich mit einem Gong zu unterhalten. Wir sahen ganz oben einige Lichter gehen, zu denen die Musik wohl gehörte. Die Lichter stiegen eine Straße herab. Es flammte plötzlich zwischen ihnen an weißen Mauern hinan. Nur einen Augenblick, dann war der Schein verlöscht. Die Musik setzte mit neuer Heftigkeit ein. Wir schraken ein wenig aus dem Schlaf. Pauken und Becken bummten und dröhnten. Bronzener Trommelklang schüttelte die Luft. Die schwarze Masse der Stadt wuchs im Mondlicht hinauf zu lang hinlaufenden Zinnen. Türme mit ausgeschweiften Dächern erhoben sich hoch ins grüne Licht — eine geheimnisvolle Architektur. Und geheimnisvoll stiegen Lichterzug und Musik in Zickzacken immer tiefer zum Wasser herab.
In der Stadt klangen kleine Saiteninstrumente in seltsamen zarten Tonwellen aus dem metallischen Gewieher der alten Pauken und schläferten uns wieder ein. Ganz hell singt eine Schalmei auf. Eine Flamme taucht wieder aus dem Schwarzen hoch, reißt einen roten Fetzen der Stadt aus der Nacht und verschwält hastig. Der Mond tritt über eine Pagode. Er ist dick und streckt zwei kurze Beinchen in die Höhe. Er liegt auf einem runden Rücken, nicht wie bei uns, wo man ein D oder ein C aus ihm machen kann. Die weiche Schalmei und das Gesäusel der Geigen und das bronzene Hallen der Trommeln vereinigen sich plötzlich. Mitten aus ihrer Musik bricht eine Flamme durch die Stadt auf: Aber sie verlöscht nicht mehr. Die Nacht färbt sich an ihr. Sie wächst, züngelt an den Zinnen und Türmen hinauf und vergeht nicht.
Ein Chinese, der unter meinem Stuhl lag, springt auf und stößt meinen Stuhl an. Der Stuhl rutscht mit einem Bein und kippt nach hinten. Ich wache rasch und heftig ganz auf. Es brennt in der Stadt. Der ganze Hafen wird lebendig. Er fängt an zu schreien und zu brüllen. Ich fühle Gres Hand erschrocken nach meinem Arm zucken. Ich sage: "Die ganze Stadt scheint zu brennen." Der Mond ist klein und blaß geworden. Auf einem Boot neben uns krachen Schüsse. Menschen springen in Kähne. Der Hafen schüttelt rasch den Schlaf ab. Kreuz und quer fliegen Sampans. Große Dschunken stoßen sich schwerfällig weiter in den Fluß hinaus.
Da springen wir auch in einen Sampan und kommen zur Stadt hinüber. Die Gassen rasen. In der Finsternis prallt ein Mensch gegen den andern an. Einige halten flammende Fackeln über das Gewühl. Alle haben aufgeschleißte Bambusstreifen in der Hand und lassen sie aufeinander klappern. Der Lärm ist schrill und klingend. Wir werden im dunkeln Zug gestoßen und mitgeschoben. Es geht rasch vorwärts. Über den niedern schwarzen Dächern glüht die Nacht rot. An einigen Biegungen der Straße fällt der Schein der Lohe bis in die Menschenhaufen hinab. Kinder drücken sich zwischen den Beinen durch, werden niedergetreten und stürzen schimpfend wieder weiter. Frauen pressen sich an die Hauswände. Mit ihren abgebundenen Füßen trauen sie sich nicht in den Sturm. Eine Gasse führt jäh bergan und dämpft die Eile. Der Feuerschein wird wild und heiß. Über die enge Treppengasse stieben Schwärme von Funken. Die Luft wird wärmer. Roter Schaum liegt auf allen Dingen, und als wir oben angekommen sind und umbiegen, sehen wir, daß eine ganze Seite der Gasse brennt, die dort auf der Höhe im Kreis um den Hügel läuft. Am Eingang in die Gasse steht ein Mann und hält eine lange Bronzetrompete steil in die Luft. Die stürmenden Menschen strudeln um ihn. Er bläst wie ein Elefant hinein. Es klingt wild, mächtig und klagend.
Die Gasse ist ein Sturzbach von Schreien. Wir wälzen mit der Menschenmenge rasch hinein. Frauen werden aus den Häusern geführt. Sie liegen gebrochen in den Armen andrer Menschen und stöhnen, als ob sie verunglückt seien. Dicke Betten, Möbel, Päcke, Kinder, große Vasen werden vorbeigetragen. Soldaten stehen an den brennenden Häusern. Die einen haben gezogene Säbel in der Hand. Die andern reißen mit Hakenstangen die leichten Häuser ein. Die Häuser sind aus Bambus, Schilf, Moor und Zunder gebaut. Sie schleudern wilde Wolkenwunder von Funken in den Mondhimmel. Der Mond ist bleich wie eine Rübe und manchmal fast ausgewischt in Rauch und Feuer. Die Funken steigen wie Feuervögel. Hunde jammern und bellen ihnen nach. Menschen schluchzen. Die Funken erlöschen nicht. Sie wollen die ganze Stadt zu Feuerwerk machen. Ihr Fauchen und zischendes Himmelfliegen nimmt den Hall des wilden Menschengebrülls, der schrill aufeinanderschlenkernden Bambusschleißen mit hinauf. Mit wehmütiger Wut brüllt die bronzene Posaune über die Stadt.
Vor den Häusern der andern Seite, zwischen den Beinen des Menschengewimmels, das ihre Wände einzudrücken droht, krachen Pulverfrösche, Gonge bumsen, und Kracher und Gong rufen den Gott. Die Bewohner verbrennen Papiergeldopfer. Das soll der Gott achten, und er soll das Flehen der Menschen erhören und die noch heile Häuserseite dem Feuer abspenstig machen. Aber drüben rast das Feuer in dem Zunder. Die Soldaten sind wie kleine graue Kobolde zum Glück der Menschen. Ihre Kraft und Ausdauer ist übermenschlich. Sie reißen mit ihren Bambusstangen im Nu die Dächer ab, lösen Balken, alles fällt in die Menge. Die Menge rasselt mit ihren Bambusschleißen, hilft, stößt, schimpft und brüllt. Wir werden hin und her geschoben. Kommen wir ans eine Ende, so wirft uns ein Strom Neuankommender wieder durch die ganze Gasse zurück. Die Gesichtshaut ist erhitzt und gespannt. Alle Gesichter tragen die heftige Glut rot auf den mongolischen Backenknochen und daneben tiefe Schatten wie Löcher auf Totenköpfen. Alle Münder sind groß und dunkel auf und voll Gebrüll. Ein brennender Dachsparren sinkt langsam über die Gasse. Menschen springen weg. Die Balken brennen in der Gasse und machen einen Engpaß. Menschenfüße treten darauf und löschen das Feuer. Nirgend ein Strählchen Wasser. Die Soldaten mit den Säbeln in den Händen stehn stumm und streng wie Kirchenengel des jüngsten Gerichts an den flammenden Häusern, und die andern löschen den Brand und besiegen die Flammen ohne einen Tropfen Wasser. Die Funkenvögel steigen nur mehr in einem dünnen Schwarm aus der Mitte der Brandstätte auf und fallen bald kraftlos über den Fluß nieder. Nur im Schutt glimmt es noch. Weißer Rauch quillt aus der Erde und wallt in die Nacht. Die Nacht liegt über der abgebrannten Stätte wie eine opalene Landschaft, und in dem zitternden, weiß durchzogenen Schleier der dunklen Luft erscheint der Mond wieder in einem bebenden, blutenden Rot.
Da bohren wir uns aus der Gasse heraus und steigen höher durch den Ort hinauf. Wir kommen an ein schwarzes leeres Tor. In seinem Halbbogen, der wie ein Mund im Starrkrampf offensteht, glüht die grüne Nacht. Wir treten hinein und tragen die Schauer des Erlebten in die einsamen fremdländischen Äcker, die auf der Höhe, gepflegt wie Gärten, mit einzelnen schwarzen Bäumen im Mondlicht dahinziehen.
Als wir wieder durch die Stadt hinab dem Fluß zu kletterten und in die abgebrannte Gasse kamen, hatten sich die Menschen wieder verlaufen. Nur beiderseits standen eine Reihe Männer, Frauen und Kinder, scheinbar die Bewohner dieser Gegend. Zwischen ihnen sammelten sich die Soldaten, die das Feuer gelöscht hatten und zogen in geschlossenem Zug davon. Die Menschen beiderseits der Gasse aber drückten ein jeder sich selber heiß die Hände, verbeugten sich tief, schön und oft vor den Soldaten, und die Soldaten schritten mit strengen Gesichtern schweigsam und rasch hindurch. Wir standen in einem dunklen Winkel und sahen das in der kleinen chinesischen Nachtstadt.
Als die Soldaten fort waren, bückten sich die Menschen zum Boden nieder. Vor jedem der verschonten Häuschen wurde ein Haufen Sand aufgescharrt und brennende Räucherstäbe hineingesteckt. Pulverfrösche krachten, ein Gong rief. Der Gott sah das Dankopfer, und der Mond schritt wieder freundlich, dick werdend und seltsam die kurzen Beinchen in die Höhe streckend, über die Stadt weiter.


IN TSCHANGSCHA
1
Den ganzen nächsten Tag rappelten wir auf dem Dampfkarren den Siangkiang hinauf, südwärts auf Tschangscha zu, wohin wir wollten. Dort wohnt ein Freund und leitet ein deutsches Geschäft. Wir glauben, wir haben noch weit, denn wir sehen nichts von einer Stadt. Aber die lag schon am Ufer, ein riesenhaftes Band von Nebel, Rauch und Bewegung in verdunkelter Luft.
Als wir oben an einem europäischen Magazin anlegten, stand mein Freund am Ufer. Er kommandierte auf chinesisch einige Kulis an unser Gepäck. Daß er Chinesisch sprach, kam mir sehr bedeutend vor. Aber wir hörten bald, daß man hier nur Chinesisch sprach. Wir wurden noch ein Stück den Fluß hinaufgerudert. Die Stadtmauer bog ins Land hinein. Aber ein ganzer Stadtteil saß hier noch auswärts an ihr, und in ihm lag, unfern des Flusses, das Haus unseres Gastgebers. Europäische Häuser gab es in Tschangscha noch nicht. Aber ein paar reiche Chinesen hatten, der Mode folgend, Häuser gebaut, die den europäischen Häusern ähnlich sein sollten. Das Haus, in dem wir wohnten, war von dieser Art. Es gehörte dem Komprador des deutschen Handelshauses. Es war ein Doppelhaus. Nach vorn hatte es ein Erdgeschoß. Ein kleiner Hof mit Blumen in Porzellankübeln trennte das Vorderhaus vom Hinterhaus. Dieses hatte aber ein großes erstes Stockwerk. Der Komprador und seine Familie bewohnte die beiden Erdgeschosse, und unserm Freunde gehörte das erste Geschoß und die große Veranda.
In allen Einzelheiten war das Haus chinesisch. Es hatte eine Galerie vor den Fenstern im Hof. Fenster und Türen waren mit vergoldeten Blumen ausgeschnitzt. Die Stühle und Tische waren aus schwerem Holz, wie streng stilisierte Blumen geformt und geschnitzt, schwerfällig und doch graziös prunkvoll. An einer Wand des Hauptzimmers stand die Mandarinbank aus dunklem Holz mit Platten von schön geädertem Marmor, und an den Wänden hingen lange Rollen mit Sprüchen, Kopien von berühmten chinesischen Kalligraphen. Andere Rollen waren mit Tuschezeichnungen von Vögeln und Bäumen bedeckt.
Das Haus war windig gebaut. Die Seite zum Hof und zu den Galerien hin war nur Fenster und Türen. Die Glasscheiben klapperten im Wind. Der Wind strudelte durch die Spalte herein. Keine Tür schloß. Alles Holz war gequollen. Es begann Winter zu werden in diesen Tagen, und die Diener klebten die Spalte und Scheibenränder und die überflüssigen Türen mit Papierstreifen zu. Wenn man rasch durch ein Zimmer ging, begann das Haus wie in einem Erdbeben zu wackeln, und die Möbel tänzelten ein wenig an den Wänden. Das war das modische Europäische am Haus.
Unten im Hauptzimmer des Chinesen, dessen Tür immer weit offen stand, sahen wir den Hausaltar voll schöner Messing- und Bronzegefäße, in denen Flämmchen glimmten und rauchten. Aber es stand auch ein europäisches Büfett darinnen, auf dem zwischen dunkelgrünen und granatroten Weingläsern aus Europa eine ganze Reihe unaufgebrochener Champagnerflaschen sich aufhielt. Sonst ging es ganz chinesisch im Erdgeschoß zu.
Wir machten bald dem Hausherrn unsere Aufwartung. Es war ein kleiner, ganz schlanker Kantonese, sehr beweglich, mit einem feinen schmalen Kopf und einem schlauen Gesicht. Er lachte immer, sprach ein paar Worte Pidgin und war überaus höflich und liebenswürdig. Er ließ gleich Tee bringen und setzte eine Schachtel getrockneter kantonesischer Lidses auf den Tisch. Das sind die teuersten Früchte Chinas. Er nannte gleich ihren Preis und lachte dazu. Er betastete die schwarze Perle, die ich eigens zu dem Besuch angesteckt hatte, und fragte, wieviel sie gekostet habe. Seine kleine dicke Frau kam. Sie hatte ein großes weißes Mondgesicht mit dunkeln Augen. Eine glänzende schwarze, mit grünen Nephritspangen besteckte Frisur umrahmte es. Sie trug eine schwarze Seidenhose und eine hellblaue Jacke dazu, die bis an die Knie reichte. Aber sie hatte als Kantonesin keine abgebundenen Füße. Sie schüttelte, wie aus großer Ferne lächelnd, sich mehrmals die Hand, indem sie sich des öfteren vor uns verbeugte. Wir taten desgleichen und setzten uns wieder.
Sie nahm Gre mit nach hinten ins Frauenzimmer. Dort hatte sie eine kleine Gesellschaft von Freundinnen. Ein paar chinesische Damen spielten das schwierige Dominospiel und rauchten aus messingenen ziselierten Wasserpfeifen. Gre wurde sofort bis auf die Haut untersucht und bewundert und mit unverständlichen chinesischen Fragen bestürmt.
Wir durften nicht hinein. Der Komprador bot uns eine Manilazigarre an. "Sie kostet 20 Cents!" sagte er dazu. Er lachte und fragte meinen Freund auf chinesisch, wie ich heiße, was ich sei und weshalb wir nach Tschangscha gekommen seien. Ich gab ihm eine meiner roten chinesischen Visitenkarten. Sie sah aus wie ein Plakat. Auf chinesisch hieß ich: Tschie Ke se. So hatte der chinesische Schreiber des holländischen Konsuls in Schanghai meinen Namen gelesen und umschrieben. Er sagte, man könne diesen Namen auch verdeutschen so wie die chinesischen Namen gewöhnlich einen Wortsinn haben, und er hieße etwa: der Dankbarkeit fähig sein. Aber der Chinese, der den Holzstempel für die Herstellung der Karten geschnitten, sagte, die ganze Sache des Schreibers habe keinen Sinn.
Während unseres Besuchs sprang ein kleines häßliches Mädchen von etwa acht Jahren ungebärdig umher, und ein scheuer schmutziger Junge drückte sich in eine Ecke fest, um zuzuschauen. Das waren die Kinder des Chinesen. Das kleine Mädchen war sehr verzogen und der Vater sehr verliebt zu ihm. Es war ein kleines Äffchen, das rasch zutraulich zu uns war und stets auf den Hof hinaussprang, wenn es uns die Treppe herabkommen hörte, um sich an uns heranzumachen. Das Zimmer der Kinder war im Vorderhaus. Wir sahen von der Galerie in sein offenes Fenster. Von früh bis in die Dämmerung saß der Hauslehrer der beiden Kinder an diesem Fenster, und wenn wir noch im Bett lagen, erscholl schon von drunten der Unterricht. Der Lehrer war ein hagerer älterer Mann. Er trug eine große Schildpattbrille und ein langes graues Kleid. Er saß am Tisch und schnitzte Stempel. Der Junge stand an seiner Seite, drehte ihm, wie es die Schulsitte verlangte, den Rücken, wippte von einem Bein aufs andere und sagte aus dem Buch der Erziehungsgeschichte auf. Bald leierte er, bald brüllte er. Das kleine Mädchen drückte sich gern, und oft mußte der Lehrer aufspringen und ihr in den Toreingang nachlaufen, um sie zurückzuholen. Von früh bis spät lernten die Kinder. Aber wir waren nun oben auf der Galerie wie ein fremder Magnet für Lehrer und Schüler, und die erste Zeit glänzte die große Schildpattbrille mehr zu uns herauf, als der Kopf, für dessen Gelehrtheit sie das Schild war, auf das Hersagen des Knaben aufpaßte. Die kleine Schule drunten hatte eine merkwürdige Zeit. Neues und weither Fremdes überstrahlte mit Bedeutsamkeit die starr stehenden Dinge des Kungtse und seiner Schüler.
Aber während sich so unter uns das Hausleben der chinesischen Familie halb im Dunkel lichtete, sahen wir zwischen Häuserlücken die nahe Mauer die alte graue Stadt umschließen. Ich dachte wie an seltsame Geheimnisse an sie, und an das Abenteuer, zum erstenmal in ihre Fremde und Sonderbarkeit hineinzudringen, wie an ein Wagnis. Es war eine Halbmillionenstadt, die sich in die Mauer dort einschloß, die Hauptstadt der Provinz Hunan, der »Provinz im Süden des Sees«.
Durch unsern Freund hatten wir gesellschaftliche Verpflichtungen. Die waren wohl karg, denn es wohnten wenig Europäer in dieser entfernten Stadt des innern Reichs. Wir machten Besuche und kamen zu einer lebhaften blonden Frau, deren Mann auf Reisen, im Innern der Provinz war. Niemand wußte wo. Die Frau hielt fest. Die Besucher mühten sich vergeblich ab, ihr Schweigen zu Fall zu bringen.
Es hatte sich nämlich eingebürgert unter den europäischen Kaufleuten, daß sie ihre Fährten verwischten. Denn es war Sitte geworden, daß einer neidisch dem andern aufpaßte. Im Innern waren Geschäfte zu machen. Es lagen Erz- und Kohlenlager da, und man liebte es, sich nachzureisen.
Die blonde Frau war die einzige deutsche Frau, die in Tschangscha wohnte. Wir waren am Abend dort zu Tisch, um die Bekanntschaft der übrigen paar Europäer zu machen. Es waren vier junge deutsche Leute. In ihren Händen lag fast der ganze Handel, der diese Gegend mit Europa verband. Der deutsche Kaufmann hatte sich Hunan gesichert. Die jungen Leute sprachen natürlich über China, weil sie sich dachten, daß wir etwas von diesem Land wissen wollten. Sie saßen sehr hoch als europäische Kaufleute und taten so, als ob es nicht diese immer sehr höflich und sehr nebensächlich lächelnden Kompradore gäbe. Der Komprador ist der chinesische Mittelsmann, den die Kaufleute den ausländischen Häusern aufgezwungen hatten. Nur durch ihn konnten Käufe und Verkäufe mit Chinesen abgeschlossen werden. Es war der Vorhang, der dem Europäer den Blick in den chinesischen Markt verdeckte. Aber sie sprachen nicht lang. Sie redeten in programmäßiger Kürze ihre chinesischen Sachen herunter.
Das Gespräch begann bald abzuschwenken und nahm einen Unbekannten in seine Finger, der heute abend auch hätte kommen sollen. Sie nannten ihn Emil Schlehmil. Sie wußten nur Närrisches von ihm zu erzählen, nur unfruchtbare pedantische Streiche. Aber diese Dinge schienen ein Beigemisch von seltsamem Gemüt zu haben und mochten einen Kopf spiegeln, der nicht mit den Augen der jungen vier Kaufleute in Tschangscha diese Welt anschaute. Aber sie sagten, er könne uns trotz seiner Verrücktheit sehr nützen. Er spreche sehr gut Chinesisch und verbringe seine Tage damit, durch die Stadt zu strolchen. Sie fügten hinzu, es täte ihnen leid, falls wir überhaupt darauf halten sollten, uns einmal die Stadt anzuschauen, uns in dieser Beziehung nicht dienen zu können. Aber sie seien so mit Arbeit beladen, daß sie nie Zeit fänden, sich in die Stadt zu begeben, und sie zögen es auch vor, diesem interesselosen Dreck- und Gestankkessel aus dem Weg zu gehen.
Darüber kam ein Diener und brachte einen Brief von Emil Schlehmil an die Hausfrau. Sie zeigte mir ihn. Er entschuldigte sich darin sehr komisch, daß er nicht zum Abendessen komme. Der Brief War in Versen, und witzige Zeichnungen illustrierten ihn. Diese Verse und Zeichnungen waren merkwürdig. Ein krauser Humor überrankte in ihnen zärtliche Gefühle. Der Schreiber schmiegte sich an die kleine goldblonde Frau und verbarg unter Selbstspott hundert zärtliche Berührungen. Die Frau sagte mir lachend: »Verrückt, nicht wahr?« Ich dachte: nein, und sah ihr in die Augen. Und diese klugen und schönen Augen wußten, was der Brief nicht verraten sollte. Übrigens waren alle in die Frau verliebt.
Die andern sprachen noch öfters über Emil Schlehmil. Schließlich schien mir, daß die Art, wie er mit Ausdauer verbarg, was er in Tschangscha machte, ihnen das Wichtigste an ihm sei. Mitten in die Gespräche hinein begann es plötzlich wütend zu schießen. Es krachte und donnerte hastig und brutal, der Lärm wuchs, das ganze leicht gebaute Haus war auf einmal zitternd eingespannt in das dröhnende Erbeben. Wir hörten auf zu sprechen. Keiner verstand mehr ein Wort des andern, und alle hielten sich die Ohren zu.
Da kam ein chinesischer Diener und sagte der Hausfrau, der alte Herr Jen Ling Tan, der Besitzer des Hauses, der unten wohnte, ließe mitteilen, daß die Hauptfrau seines Sohnes ihren ersten Knaben geboren habe. Dies zu feiern, brannten sie unten im engen Hof lange mehrreihige Bänder von Pulverfröschen ab, und ihr Gedonner krachte hoch in die Nacht der Geister den Unsichtbaren den Dank eines beglückten Familienvaters zu.
2
Am nächsten Tag kam Emil Schlehmil zu uns. Er war ein blonder Deutscher. Ein heller Schopf richtete sich auf seiner Stirn zurück. Er hatte einen schönen Kopf mit festen Zügen, und in seinen blaugrauen Augen standen manchmal abwesende Träume. Er wollte uns mit in die Stadt nehmen. Ein Boy ging drei Tragstühle holen. Wohl sahen wir die Stadtmauer kaum hundert Meter von uns weg. Aber sie hatte nur fünf Tore und sonst keinen Einlaß, und wir hatten ein langes Stück Weg bis in die Stadt. Die Stühle kamen. Sie waren außen dunkelblau und im Innern mit handgedruckten farbigen Papieren, mit Spiegelchen und festgemachten Väschen ausgestattet. Auf den Scheiben wuchsen gemalte Blumensträuße. Aber die Fenster waren verhängt. Gre bekam zwei Träger, wir beide jeder drei. Wir schlüpften auf den Sitz. Ein Brett wurde zum Aufstützen der Arme vorgeschoben, dann fiel der Vorhang vor der Öffnung. Ich saß in einem engen Halbdunkel, das plötzlich mit einem Ruck schwankend in die Höhe sprang und leis schaukelnd davoneilte.
Ich schob den Vorhang so weit zurück, daß ich wenigstens einen Streifen Ausblick hatte. Zwei Kulis trugen die beiden Tragstangen vor mir auf den Schultern. Sie liefen mit nackten Beinen durch den glitschigen Schmutz. Die Fersen klopften auf die Steinplatten der Gasse, hart wie Holzklöppel. Die Körper waren in leichtem blauen Baumwollzeug. Man sah Glieder und Muskeln darunter hüpfen. Alles ging ruckweise im wippenden Takt der Bambusstangen. Die Körper waren mit all ihren Bewegungen wie eingespannt in diesen Taktschlag. Die Kulis trotteten wie Pferde. Sie eilten eine lange gewundene Gasse entlang, die zwischen Fluß und Stadtmauer klebte. Ein dunkles Gewirr von merkwürdigen Einzelheiten stürzte im kleinen Spalt, durch den ich schauen konnte, zurück. Die Kulis brachen sich rücksichtslos Bahn. »Dso, Dso!« schrien sie. »Ka de, ka de! dso, dso, chö, chö!« Kurz und wütend. Wer war ihrer heiligen Arbeit im Weg? Ein altes chinesisches Gesetz hieß: Dem arbeitenden Kuli tritt aus dem Weg! Die Gasse war mit breiten Steinplatten gepflastert. Manchmal fehlte eine. Der Schlamm spritzte an einem aufklopfenden Fuß hoch, der Fuß glitschte ein wenig, ich dachte: Jetzt fällt die ganze Anstalt! Aber der Kuli stemmte sich fest und eilte weiter. Meine Spannung mußte sich teilen. Was war in all diesen dunkeln, offenen, von arbeitenden Menschen wimmelnden Häuschen, die hastig und geheimnisvoll am Spalt vorüber eilten? Und: ob nicht doch einmal einer der Träger stürzt?

Zuckerbäcker mit Glücksspiel
Eine Treppe stieg vom Fluß in die Gasse. Züge von Wasser- und Lastenträgern stürzten herauf und drangen ungestüm, ihrer Arbeit anheimgegeben, in die in der Gasse schiebenden Massen von Lastenträgern, Rickschas und Sänften hinein. Mein Stuhl flog in den Wirrwarr wie ein Keil. Die Ader stockte. Eimer, Strohballen, große Kästen, Hausiergestelle, Körbe mit Fischen und Gemüse, Rickschas, Bambusstangen, Schubkarren, die den kostbaren Straßenschmutz in die Äcker führten, klemmten sich zusammen. »Dso, dso!« brüllten meine Träger und stampften wütend auf. Die ganze Verwirrung schreit, flucht, droht, stößt gegeneinander und rammt sich immer fester. Da stürzt ein Wasserträger. Ein Strudel von Bewegung entsteht über ihm. Er schlägt sich kriechend ins nächste Haus. Das Ganze kommt rasch wieder in Fluß und trennt sich mit wildem Geschimpf. Der Stuhl schwippt weiter auf den Schultern der Männer. »Ka de, ka de! Dso, dso! Chö, chö!« brüllten sie.
Auf einmal dreht der Stuhl unversehens um eine Ecke herum und dringt in ein langes, pechschwarzes Loch hinein. Es ist vollgestopft mit schiebenden Menschen. Das Gewölbe hallt von wütendem Geschrei. Man sieht nur ein dunkles Gewoge und im Bogen des Ausgangs aus der langen tiefen Höhle eine schmale gerade Straße etwas bergan ziehen. An den meisten Häusern ist diese Straße mit Matten oder Brettern überdeckt.

Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha
Die Höhle war das kleine Westtor. Der Stuhl saust die Straße hinauf, schlängelt um schmale Ecken, muß stets mit einem Ende in einen der offenen Läden, damit er die Wendung bekommt. Krause Massen von wunderbaren aufreizenden Einzelheiten bleiben, kaum erblickt, hastig genommen zurück. Messing- und Zinnschmiede, gewebte Teppiche mit herrlich gestreckt fliegenden Reihern, Apotheken und Teeläden mit sonderbaren Gefäßen, Seidengeschäfte, buntes spielerisches Flitterwerk, Straßenmusikanten. Dso, dso! brüllt es immer wieder. Einer bekommt ein Ende der Tragstange vor die Brust, taumelt an einen Ladentisch und bleibt zurück, ohne ein Wort zu sagen. Es beginnt zu regnen. Die vorübergehenden Männer ziehen ihre langen Röcke hoch. An den Sohlen ihrer Schuhe sitzen zwei handhohe Querhölzer. Frauen humpeln mit Schnürfüßen an den Wänden entlang und bleiben jeden Augenblick stehen, um eine Rickscha, eine Sänfte oder einen tragenden Kuli vorbeizulassen.
Auf einmal beendigen unsere Kulis ihren Lauf. Der Stuhl hält, geht hoch und saust plötzlich wie ein Ballon zur Erde. Aber er setzt sanft auf. Die Gardine wird übers Dach zurückgeschlagen. Der Stuhl neigt sich, und ich schlüpfe heraus. Gre und Schlehmil sind schon hinter mir gelandet. Wir sind in einer schönen Straße. Sie hat neue hohe Häuser. Ihre Fassaden sind manchmal wie goldene blühende Bäume, eine üppige, seltsame und reiche Schnitzwerkphantasie. Kleine farbige Menschlein, Könige und Götter, Weiber und Tiere sitzen in goldenem Strauchwerk wie Vögel. Wir gehen in das schönste Haus hinein. Es ist das Geschäft eines Silber- und Goldschmieds. Im Vorderraum stehen Glaskästen mit bemalten alten Holzfiguren in wunderlich gespreizten Stellungen. Wir werden mit Feierlichkeit begrüßt. Alle Angestellten verbeugen sich viele Male. Man bringt uns Tee. Unser Führer spricht mit dem Besitzer, und der Goldschmied öffnet seine Läden und zeigt uns die Werke seiner Arbeit. Es sind Kannen für Tee, für Reiswein, Teebehälter, Becher, Dosen für Puder und Schminke und Kästchen für Tusche und Stempel. Die einen haben die östliche Blumenhaftigkeit von sonderlichen, ziervollen, naturalistischen Einzelheiten, und die andern, die man von China am wenigsten in Europa kennt und die unserm Schönheitsgefühl zuerst am wärmsten sind, besitzen eine edel fremdartige oder ruhig abgerundete Einfachheit. Wir kennen sie nicht, weil uns die chinesische Kunst ja nur durch den Sammler übermittelt wurde. Dem Sammler verschwimmt aber rasch das Unterscheidungsvermögen zwischen schön und selten.
Wir kamen an diesem ersten Tag noch in den großen Seidenladen von Tei Ho Fong. Die Gestelle in dem tiefen, in mehrere Räume geteilten Haus lagen beladen mit Tausenden von kleinen Seidenrollen, aus denen lange Zettel mit chinesischen Zeichen hingen. Zahlreiche Männer standen vor und hinter den Tischen, kauften und verkauften. Der Chinese kauft selber für seine Frau ein. Man zeigte uns eine Stunde lang Seiden aus allen Teilen Chinas; Futschauseiden, die mit A-jour-Rändern eingewebte Blumen hatten, schwere Brokate aus Nanking, wilde Seide des Eichelspinners, die fest und geschmeidig waren wie Rehleder, und fließende Seidenkreps aus Ssetschuan.
Als es dunkel wurde, schlössen alle Geschäfte. Um halb sieben waren die Gassen ohne Leben und ohne Licht. Die offenen Läden waren mit Bretterläden verschlossen. Unsere Sänften hasteten ungehindert durch die menschenleere Dunkelheit. Bei jeder lief jetzt ein Kuli mit, der eine große runde Papierlaterne dicht über dem Boden trug. Der Straßenschlamm leuchtete wie poliert in ihrem Licht. Wir wurden nach dem Tschin Dei gebracht. Das Tschin Dei war ein chinesisches Hotel. Emil Schlehmil wohnte drin. Es lag in der Gasse am Fluß außerhalb der Tore. Von der Gasse kamen wir gleich in einen großen Raum. Er war nicht sonderlich sauber. Kulis saßen bei einer Öllampe und spielten mit Karten. Sie tranken Tee dazu. Eine enge Stiege führte auf eine Galerie in einem Hof. Um die Galerie herum lagen die Hotelzimmer, kleine Verschläge, die von dem großen geschnitzten und mit farbigen Gläsern versehenen Himmelbett fast ganz gefüllt waren. Emil Schlehmil hatte die »Mandarinzimmer«. Es waren in einem abgeschlossenen Flur vier ganz kleine Zimmer mit kreisrunden Türen. Emil Schlehmil wohnte nicht luxuriös. Er hatte zwei Stühle, eine Bambusbank und zwei Tische in einem, ein Bett und ein Waschgestell im andern Zimmer. Sein Kuli bewohnte den dritten Raum und hatte ein Bett, das viel schöner war als das seines Herrn. Der vierte Raum mit einem Petrolöfchen stellte die Küche dar. Der nordchinesische Kuli kochte dort alle Mahlzeiten in zwei leeren Konservendosen. Emil Schlehmil zeigte uns die vielen kleinen und schönen Dinge, die er in den Kuriositätenläden der Stadt eingekauft hatte.
Am nächsten Morgen gingen Gre und die goldblonde Frau dem Großvater Jen Ling Tan einen Glückwunschbesuch machen. Ein Haufen von jungen gepuderten und geschminkten Frauen warfen sich gleich über sie. Sie waren die Nebenfrauen des Vaters. Sie rückten den beiden Besucherinnen hart zu Leib. Sie untersuchten genau, fragten, staunten und lachten. Dann wurde das Kind gebracht. Es steckte, ein zwerghaftes Kerlchen von Fleisch und Leben, in schweren bestickten Seidengewändern. Ein Kleid war übers andere gezogen. Es war nur ein Ballen von Seide. Die Kleider hatten denselben Schnitt wie die Kleider der Großen. Auf dem Kopf saß zuerst ein kleines Käppchen, das durch eine runde Öffnung den Flaum des Schädels zeigte und darüber eine lange Kappe, die tief über Schultern und Rücken reichte und mit Blumen bestickt war. Die Besucherinnen wurden mit Tee bewirtet und mit allerlei Arten von Figurengebäck entlassen. Die Wöchnerin hatten sie nicht gesehen.
Mittags war kühles Sonnenwetter. Wir gingen mit Emil Schlehmil gleich am Westtor auf die Stadtmauer. Soldaten standen am Aufgang und präsentierten. Die Mauer war breiter als die Gasse der Stadt. Sie endigte nach unten in Zinnen. Unter den Zinnen lief ein hoher schmaler Steinsteg. Er erweiterte sich manchmal, und hier und dort lag eine alte Kanone umgedreht im Gras. Die alten Wachehäuser waren am Verfallen. Auch die Mauer bröckelte, aber im ganzen war sie noch fest und mächtig. Manchmal kamen erhaltene Bauwerke, ein Papierverbrennungsofen oder ein Torhaus, in dem ein Offizier wohnte. Wenn ein Tor kam, sahen wir hinab ins Leben, das die Stadt einatmete und auspulste.
Einen schmutzigen Gang hinab glitten wir in die Stadt hinein. Wir drehten um zahllose Ecken armer Gassen. Wir sollten zu einer Gasse gehen, in der es viele Kuriositätenläden gab. Die Gasse kroch wie eine Schlange durch die Stadt. In den kleinen offenen Läden leuchteten Kupfer und Zinn, Porzellan und Stickereien. Ein Laden war am andern. Der Raum für die Käufer ging ohne Verbindung von der Gasse hinein. Auf dem Ladentisch standen Glaskästen mit Nephritscheiben, Halsketten, geschnittenen Stempeln, Perlen, Väschen ... Wir schauten alles gierig an. In der Gasse staute sich der Menschenverkehr. Emil Schlehmil ging hin und setzte den Neugierigen auseinander, daß es sich nicht schickte, fremde Käufer derart zu belästigen. Die Chinesen lachten zustimmend und gingen weiter. Aber andere ersetzten sie sofort. Es füllte den größten Teil unserer Zeit aus, daß Emil Schlehmil sein Stöckchen und die Vorwitzenden in Bewegung hielt. Nie widersetzte sich jemand.
Emil Schlehmil handelte mit den Verkäufern. »Was hast du da?« fragte er. »Zeige. Da ist ein Riß ...« Der Chinese hob beschwichtigend die Hand und sagte: »Was liegt daran!« Das ist ein nationales Wort in China. Es ist Psychologie, es ist fatale Kraft. Der dunkle Keim, den die überirdischen Mächte im Volk ewig lebendig halten. Das Wort ist bös und gut. Eine andere Umschreibung für das Symbol des Jin Jang, jenes Zeichens der zwei ineinander gebetteten Fötusse, das man oft auf Hauswänden sieht. Das Jin Jang ist das männliche und weibliche Ineinandergeschlungene, das positive und negative Prinzip, aus dessen Zusammenwirken die Welt entstanden ist und sich erhält.
Der Verkäufer sagte also: »Was liegt daran!« Da nahm Emil Schlehmil die Vase und klopfte sie dem Chinesen heftig an den Kopf. »Was liegt daran! sagst du, daran, daß du mich betrügen wolltest, indem du diesen Fehler verheimlichtest? ... Du dachtest, der Fremde ist ein Dummkopf, er sieht das nicht. Du glaubst, daß nur ihr chinesische Tölpel die Gescheitheit hinter euren flachen Augen habt. Ich geb dir 500 Käsch dafür.« 500 Käsch waren weniger als I Mark. Der Chinese lächelte und griff nach der Vase. Emil Schlehmil fuhr fort: »500 Käsch ist schon zuviel für eine halb zerbrochene Vase.« Der Chinese zögerte ein wenig. Ängstlich sagte er: »Herr, lies unten. Ming-Dynastie!« Emil Schlehmil: »Das glaubst du ja selbst nicht. Der Scherben und Ming-Dynastie. Das machen eure Fälscher drunter. Die Vase ist ja nichts wert, mein Lieber. Da hast du sie zurück.«
Mit dem Chinesen konnte man kein Geschäft machen. Er blieb höflich und zuvorkommend. Aber sobald es an den Preis ging, wurde er widerspenstig und merkwürdig. Wir gingen weiter. Schlehmil stritt abwechselnd mit den Zuschauern, die sich bald in Scharen hinter uns herdrückten, bald mit den Verkäufern. Er wurde aufgeregt, und unter seinen hellen Augen saßen rote Flecken. Gre geriet in Angst, die Chinesen möchten ihre Gutmütigkeit aufgeben und Schlehmils Nervosität mit einem Krach beendigen.
3
Wir nahmen einen Diener und seine Frau auf, die uns später auf unserer Reise nach Ssetschuan begleiten sollten. Er war ein kleiner Hankauchinese mit einem dicken Kopf voll stacheliger schwarzer Haare und war einer der wenigen Chinesen, die rote Backen hatten. Man fragt nicht nach dem Namen der Diener, die man anwirbt. Sie kommen, bleiben und gehn, sind tüchtig und ehrlich, wenn man sie in Zucht hält, und betätigen auch im Dienst der Europäer den Handelsdrang, der ihrer Rasse Innewohnt. Das nennt man dann »squeezen«. Unser Boy sprach nur Rudimente des chinesischen Pidgin-Englisch. Wir waren zunächst gegenseitig etwas aufs Erraten angewiesen.
Aber zugleich lernten wir Chinesisch. Wir lernten nicht nach einem System, sondern sozusagen nach der Lebensforderung. Wir riefen den Boy. Es ist unmöglich, diese Sprache anders als durchs Ohr zu lernen. Das erste Wort, das kam, war: Seide. Wir hatten Bücher. Darin stand: Seide—se. Seide heißt auf Chinesisch: se, nicht wahr? fragte ich den Boy. Er sagte: Nein. 'Tse, heißt es. Wir wußten schon mehrere Wörter, die man se schrieb und die jedesmal etwas anderes bedeuteten und natürlich jedesmal ein anderes Schriftzeichen hatten. Se hieß: Seide, ja, Löwe, Papier, schreiben, es hieß vier und zugleich zehn und bedeutete auch das Zeitwort sein. Also einige der im Umgang wichtigsten Begriffe deckten sich unter den zwei lateinischen Buchstaben s und e. Der Unterricht begann. Wir gingen der Reihe nach die verschiedenen Bedeutungen phonetisch durch. Ich zeigte dem Boy das Schriftzeichen. Er las es. Seinen Mund sahen wir die Töne bilden. "Sein" klang se, "schreiben" tzì, "Papier" tssse mit vielen sanften s, "vier" hörte sich sehr weich an, es wurde in aufsingender Modulation söeee gesprochen und "zehn" tönte kurz sse. "Seide" war tze, "Löwe" tzö und "ja" wurde ssse gezischt. Nur die trainierteste Equilibristik der Stimmbänder bringt die Unterschiede heraus, die in einem andern Sinnkreis wieder nur aus der Stellung der Satzgefüge ihre Bedeutung gewinnen. Es gab Wörter, die siebzigerlei hießen, zum Beispiel Tschuan. Nicht die Betonung, sondern die Intonierung war das akustische Gesetz der Sprache. Etwas Schwebendes trug sie schwirrend wie eine Stimmgabel. Hörte man die Menschen sprechen, so stießen die Wörter sich in einem purzelnden Singen mit Überschlagungen der Stimme, mit tausend flüchtig verschlungenen Modulationen, mit rasch gurgelnden Auspuffen und unversehens heimlich zurückhaltenden Aspirationen aus der Kehle.
Eines Tages wagten wir uns allein in die Stadt. Ich nahm meinen Kompaß mit. Wir gingen durch das Südtor hinein, und ich dachte, ich finde die große Kuriositätengasse zurück. Dort hatte Schlehmil für mich auf eine schöne alte Tautaukette aus 120 haselnußdicken Mondsteinen und mit Behängen aus Nephrit und Korallen gefeilscht, und ich hatte den Eindruck gehabt, als ob der Chinese nicht mit uns handeln wollte. Er hatte 80 Tael verlangt. Wir hatten ihm 30 geboten. Aber er wollte auf die Kette nicht handeln. Wir kamen durchs Südtor. Dann mußte man gleich hinter der Mauer abbiegen. Dort waren schmutzige Löcher, in denen Chinesen Lumpen aufeinanderklebten. Die Lumpen sahen aus wie Brutstätten von furchtbaren Bazillen. Schuhsohlen wurden aus den aufeinandergeklebten Lappen gemacht.
Wir kamen um die Ecke zu dem Laden, vor dem die schönen blauen Tücher hingen. Sie waren mit Vögeln, Ornamenten, Menschen, Blumensträußen bedeckt. Die Muster wurden mit Kalk aufschabloniert, dann färbte man das Tuch in einem Kessel, und die kalkbedeckten Stellen blieben weiß. Es war eine derbere Art des Batik, kräftig und volkstümlich. In allen Gassen gab es Blaufärber, die diese Tücher machten.
Aber nach diesem Laden endigte die Gasse in einen unbekannten lebhaften Straßenzug, der nach rechts und links hinlief. Da stimmte es schon nicht mehr. Mit dem Kompaß in der Hand strichen wir kreuz und quer. Die Chinesen kamen auf uns zu und wollten sich den Kompaß anschauen. Sie lachten und gingen weiter mit uns. Wir hetzten bald einen ganzen Haufen Menschen durch Gassen, in denen wir bestimmt nie gewesen waren. Verkrätzte und verhungerte Hunde liefen mit, und Säue, vor deren Größe wir staunend zuerst erschraken, hoben sich aus dem Schmutz und stürmten grunzend quer vor uns über den Weg zu ihrer Brut, die in Rudeln mitten durch die Gassen sich Nahrung suchte und keines Kots Feind war. In den offnen Häusern und Läden saßen Chinesinnen, an deren gewölbten frischen Brüsten mit kräftigem Lebenswillen die gesündesten und lieblichsten Kinder tranken. In einer Gasse stand ein taoistischer und ein buddhistischer Mönch in friedfertigem Gespräch beisammen. Vornehme Chinesen wurden durch die Gassen getragen und hielten kleine schön geschnitzte Riechhölzer an ihre Nase. Große Läden mit getrockneten Fischen überstanken alle Gerüche, und Fisch- und Gemüsehändler ließen die üppige Lebendigkeit des freien Landes in der grauen Gasse leuchten.
Bald schien unserer Erinnerung die Ähnlichkeit einer Ecke zielverheißend. Aber wir waren immer genarrt. Wir mußten weitab gekommen sein, denn als ich der Sicherheit halber das Südtor zurücksuchte, fanden wir es nicht mehr. Ich wußte nur, daß die Gasse der Händler zwischen Süd- und Osttor lag. Wir eilten lange Straßen hinab, in denen Haus an Haus die Schreiner ihre farbigen Möbel zimmerten. In andern hämmerten und drehten die Kupfer- und Zinnschmiede und hatten die Gestelle voll eigenartiger Gefäße und Töpfe. Sonderbare und unbekannte Gewerbe wurden von Haus zu Haus getrieben: Die Matratzenmacher mit ihren großen Zupfbogen, die Reisstampfer, die riesenhafte Holzkeulen traten, die Verfertiger der großen Kugellaternen aus dünnem Seidenbast, der mit roten Zeichen bemalt wurde, die Regenschirmmacher. Stickende Frauen und Mädchen saßen an den Häusern, tief über ihre kleine feine Arbeit gebeugt. Die großen Stickarbeiten wurden von Männern gemacht. Zwischen den Läden eiterten öffentliche Anstalten wie eine Pest. Kulis, die den Inhalt in Holzeimern vor die Stadtmauer in die Gruben der Unternehmer brachten und Wasserträger liefen in Ketten schwankend aneinander vorbei. Musikanten strebten durch die Menge, ihre Instrumente hingen wie tot in den Händen und warteten, daß sie klingen sollten, wenn ein musikbegieriges Haus sie zu sich lud. Blinde gingen mit gleichmäßigen Schritten mitten durchs Gewühl und schlugen von Weile zu Weile schrill auf eine Metallplatte, um für ihr Gebrechen den Straßenverkehr behutsam zu machen.
Einige Male kamen ältere Herren; sie spürten die nahende Kälte und waren in dick wattierte Mäntel eingehüllt. Der Kopf steckte in einer Kapuze, die mit einem Umhang weit über Rücken und Schultern fiel. Aus der Kapuze sah das farblose Gesicht heraus, nicht viel mehr als zwei kreisrunde mondgroße Brillengläser auf einem Kürbis von Nase. Es war wie eine Schrulle. Der alte Herr schien kühl und beleidigt erstaunt zu sein, daß es so etwas gab wie wir. Die dünnen Hände drückten sich fester um das Messingöfchen, und die marsbewohnerhafte Erscheinung spazierte langsam weiter und schaute nicht mehr um. Es gab Chinesen mit mongolischen Nasen, kurz, breit, in die Höhe gequetscht, und andere mit großen gebogenen, deren fremde Abstammung in der Bezeichnung weiterlebte, die die Chinesen für die Mohammedaner hatten. Sie nannten sie die Langnasigen. Im ganzen war die Verschiedenheit des Typs von großer Reichhaltigkeit, und vom halbfertigen Gesicht des stupiden Mikronesiers bis zur edlen ausgereiften Ebenheit der klassischen Schönheit — hier eigenartig durch die flachen Augen modifiziert — gab es alle Zwischenstufen von dumm zu intelligent, häßlich zu schön. Aber die meisten dieser Hunanleute hatten kernige und etwas trotzige Gesichter scharfer Krieger des Mittelalters. Das schwarze Kopftuch war ein guter Rahmen für diese Züge.
Seitdem das Tragen des Zopfes Staatsverrat bedeutete, hatten die Barbiere, die überall in den Gassen arbeiteten und aus der Neuerung keinen Nachteil schöpfen wollten, die Haarmode in eine große Verwirrung gestürzt, in der die Mode des geschorenen Vorderkopfes und die des weich aufgebäumten und weich zurückfallenden, halblangen Haarwuchses der französischen Lyriker besonders heftig gegeneinander stritten. Die "Gent" und die Ladenschwengel, Boys und Schreiber zogen die letzte vor, die erste liebte der Kuli. Die älteren Herren gingen fast ausnahmslos glatt geschoren. Nie sah man mehr einen Zopf. Die Barbiere massierten auch. Darin waren sie sogar Spezialisten. Auch der Kuli läßt alle Arten von Massage an sich vollziehen. Wir sahen eine Frau mit einer genial einfachen Einrichtung von zwei sich überschneidenden, mit zwei Fingern bewegten Zwirnschnüren Backen, Kinn und Stirn einer Freundin behandeln.
Am beliebtesten aber war das Ohrenputzen. Jedermann frönte dieser Einrichtung wie einem unwiderstehlichen Laster, und es muß als eine Art von Erotik betrieben werden. Eine ganze Sammlung von Instrumenten diente dazu. Zum Beginn kam ein solides Holzlöffelchen, dem ein Metallstab folgte. Dann wurde die Behandlung mit kleinen Schaufeln an biegsamen Stäbchen fortgesetzt, ein feiner weichfedernder Bambushalm mit einer Perle, einer mit einem dünnen Messingring, quirlten im Ohr herum. Wenn all die Kitzel zu leicht geworden, wurde mit einer feinen scharfen Metallspitze an einem nachgiebigen Messingstab hier und dort ins Ohr gepickt: Der Behandelnde versank auf dem Stuhl wie in selige Träume, drückte die Augen fest zu, schlug verloren die Beine weg, und hundert Schauer zuckten durch all seine Züge und Muskeln. Abgeschlossen wurde die Behandlung dann mit einer beruhigenden Quaste aus Seidenbast an einem langen Hornstäbchen, das der Barbier wonnig im Ohr herumdrehen ließ. Das Ohrenputzen war Volksleidenschaft.
Wir gerieten auf der Wanderung auf einmal aus dem Kreis der Menschen heraus, wo wir all das sahn. Schmale Schlüffe brachten uns in andere Gegenden, in ein Stadtviertel, das nur aus Mauern zu bestehen schien. Keine Gasse war mit der andern verbunden. Alle taten so, als liefen sie ins Endlose hinaus und seien nur für sich da. Wir kamen nie an einen Platz, der Züge von Straßen in sich aufgefangen hätte. Alle Gassen waren mit Steinplatten gepflastert, und ein Abfuhrkanal führte unter jeder Gasse. Aber es war kein Wasser drin, das den Schmutz weggespült hätte, und es stank drunter herauf wie von Äckern nach dem Dung im Frühjahr. Eine geschlossene Sänfte eilte hastig und heimlich durch eine der geheimnisvollen Mauergassen und drückte uns in der Enge an die Wand. Auf der Wand war die große Scheibe des Jin Jang aufgemalt. Die zwei im Kreis ineinandergeschlungenen Zeichen waren rot und schwarz gemalt, und rundum fügten sich die Balken der Urzeichen aneinander.
Endlich öffnete sich eine etwas zurückliegende Tür in der Mauer. Auf ihren großen Holzflügeln standen in mächtiger Farbigkeit zwei riesenhafte bedrohende Spukgestalten — die Geister von Tsin Su Pao und Wo King Te, deren Wachsamkeit vor Jahrtausenden einem Kaiser das Leben erhalten hatte, damit sie nun auf den Mauern chinesischer Paläste weiterlebten. Aber die Flügel waren fest zu wie in einer Erstarrung. Dann war die Mauer wieder kalt und eintönig, weiß und langweilig. Und was war vielleicht dahinter? Nie ist das so heftig Fremde, so aufregend Rätselhafte des Landes gleich ungestüm an die Phantasie gesprungen wie auf dieser ersten verirrten Wanderung durch die Gassen der unheimlichen Stadt.
Und immer hinter uns her strömte alles an Menschen, was unsern Weg traf und was gerade nichts zu tun hatte: Knaben und Kulis, alte bebrillte Lehrer und junge Verkäufer mit glatten schwarzen Frisuren. Aber niemals Frauen. Sonst kribbelte die Stadt vor Fleiß wie ein Ameisenhaufen. Als es sich immer weiter wiederholte, daß uns Erinnerungen und Ähnlichkeiten täuschten und wir uns verloren in das Unbekannte der Stadt eingesponnen hatten — es ging in die vierte Stunde, daß wir so umherwanderten — da benutzten wir ein Radikalmittel. Wir gingen eine der geraden Geschäftsstraßen mit Hilfe des Kompasses nach Westen. Wir kommen so auf jeden Fall an die Stadtmauer, dachte ich, und gehn zum nächsten Tor. Wir gelangten schließlich auch an die Mauer. Ein schmaler Schluff lief dort, angefüllt mit Gestänken. Dunkle Löcher öffneten sich aus ihm. Die plumpe Stadtmauer sperrte Licht und Luft ab. Wir sahn in den Löchern die armen Leute zu zehn und fünfzehn in einem Raum hausen, öffentliche Mädchen sich in Ställen hingeben. Sie kamen in die Tür und lachten uns zu. Wir hatten nun die Wahl, nach dem Westtor oder dem Südtor zu gehn. Das konnten wir schon etwas primitiv auf Chinesisch fragen: dsai na li da si mena? fragte ich, und die Leute nickten mit dem Kopf, lachten und schienen glücklich, uns zu zeigen, in welcher Richtung das große Westtor lag.
Ich hoffte, daß wir einen Ausgang auf die Mauer fänden. Aber sie waren alle versperrt und zugeschüttet. Nichts von dem Elend und den Gerüchen der engen Gasse an der Mauer blieb uns erspart. Wir hasteten eine halbe Stunde lang durch sie dahin. Hier folgte niemand uns, außer einigen schmutzriechenden Hunden. Die Leute schienen wie benommen zu sein von dem Stumpfsinn, der Licht- und Luftlosigkeit in den Löchern ihres Lebens. Die Gasse war Schweinestall wie Abort. Wir waren erlöst, als die plumpe Gestalt des Toraufbaus in der begonnenen Dämmerung erschien.
Dann gingen wir ins nahe Tschin Dei und erzählten unsere Abenteuer. Emil Schlehmil gab Gre seinen Tragstuhl, und sein Kuli ging einen andern für mich holen.
4
Tag für Tag durchzogen wir nun allein die Stadt. Durch solch eine Stadt zu gehn, ist, wie sie durchpflügen. Man ist Pflug und Saat zugleich. Man gräbt sie auf und sät sich hinein in die an ihrer Fremdheit fruchtbare Stadt und wartet selig gequält wie ein Märztag, was aus dem geheimnisvollen Schoß aufsprießen mag. Neue Dinge kommen in Fluten, und wenn wir etwas schon Bekanntes treffen: einen Brunnen, einen Hund Fo, einen Tuchweber, an den wir uns erinnern, so sind wir auf einmal stolz vertraut mit diesem rätselhaften und fremden Wirrwarr, in dem einige hunderttausend Menschen wohnen, deren geringste Intellektäußerung uns so stark und unbekannt aufstachelt wie die höchsten Dinge unsrer Heimat.
Es wurde rasch eine Leidenschaft, zu den Kuriositätenhändlern zu gehn und die ungesichteten Zusammenhäufungen zu durchwühlen. Wir konnten schon selbständig die Preise erfragen, handeln, kleine Bemerkungen machen. Der ganze Haufen der Neugierigen, der uns folgte, nahm den lebendigsten Anteil an allem, was wir taten. Sie fühlten unsere Kleider ab, Gres Schmuckstücke, und, geborne Händler, wollten sie stets wissen, wieviel die fremden Dinge gekostet haben. Haudi! sagten sie dann und streckten den Daumen in die Höh'. Das heißt: es ist sehr schön. Wenn Frauen im Laden waren, wurde Gre bis auf ihre Intimitäten erforscht.
Die Leute in der Gasse, an den Laden gedrängt, waren nah am Platzen vor Neugier, was nun von den chinesischen Dingen das Interesse der Fremden erregen mochte. Wir handelten und bewunderten alles, was der Händler hatte. Das tat ihm wohl. Wir waren ihm sehr vertrauenerweckend. Es fiel mir auf, daß man uns für dieselben Gegenstände oft niedrigere Preise vorschlug, als wenn Schlehmil mit war. Wenn die Zuschauer genügend unsere Mäntel, Krawatten, Stock, Kniestiefel, die wir immer wegen des Schmutzes trugen, untersucht hatten, beteiligten sie sich auch am Handeln. Besonders Listige stellten sich neben uns auf und taten so, als ob sie uns zum Händler geführt hätten. Vielleicht fiel nachher eine Kommission für sie ab. Aber sie ließen sich gutmütig zurückweisen und schoben, lachend darüber, entdeckt zu sein, ab.
Der Händler, brachte stets zuerst die landesüblichen Vasen und bronzenen Räucherbecken und war zunächst außer Fassung, wenn wir sie zurückschoben und andere weniger beliebte Dinge in die Hand nahmen. Das war für den Preis vorteilhaft. Er wurde sozusagen überrumpelt. Aber manchmal geschah auch das Gegenteil. Unser Interesse gab dem Ding einen unerwarteten phantastischen Wert. Wir lachten dann, wenn der Chinese den fabelhaften Preis nannte. Auch die Masse unserer Neugierigen fand sich durch den hohen Preis ergötzt. Sie lachten im Chor mit, und der Händler fragte hitzig und enttäuscht: Wieviel gibst du?
Wurde ein Kauf abgeschlossen, so entstand eine Bewegung unter unsern Zuschauern, und ihr Handelsinstinkt sagte befriedigt: bravo!

Theater in einem Gildetempel
Eines Tages fand ich den Laden mit der alten Kotaukette aus Mondsteinen wieder. Der Händler schien sich nicht zu erinnern, daß wir vor vierzehn Tagen dreißig Tael dafür geben wollten. Ich nahm sie in die Hand und fragte, wieviel er dafür haben wollte. Er antwortete etwas, das ich nicht verstand. Ich sagte ihm, die Kette sei sehr schön, ich gebe ihm zehn Djau dafür. Das waren etwa fünfzehn Mark. Er überlegte sich's ein Weilchen. Dann packte er sie in ein Papier und gab sie mir. Dreißig Tael waren hundert Mark gewesen. Wir hatten zu Hause schon eine Lade voll alter Stickereien, Schnallen und Anhänger aus Nephrit, ziselierte Kupferdosen, einen achteckigen getriebenen Handofen, mehrere Sätze aus Stein und Elfenbein geschnittener Stempel mit Löwen ... Schöne Bilder, wie ich sie so gern gehabt hätte, von dem dunkeln heftigen Expressionismus alter chinesischer Landschaftskünstler fanden wir nicht. Überhaupt sahn wir nur sehr selten alte Kunstwerke großen Stils. Die Händler hatten sie wohl. Aber sie wanderten bei den chinesischen Liebhabern umher. Die Chinesen glichen darin den Parisern, sowie ja auch die Art ihrer Kuriositätengassen vervettert war mit der Rue de Seine. Sie sammeln mit Leidenschaft Gegenstände ihrer heimatlichen Kunst und kennen sich gut in ihnen aus. Sie gehn selten in die Läden. Der Händler schickt die Dinge ins Haus, und der Chinese hat sie dort monatelang, in denen er ununterbrochen um den Preis handelt, sie betrachtet und auf ihre Echtheit studiert.
Aber indem wir so der Leidenschaft für die Kunst fremder Phantasie folgten, kamen wir zugleich zu Menschen und Stadt. Wir machten oft lange Zickzackreisen, bis wir die Gassen der Händler fanden. Ganz sicher wurde die Kenntnis der Stadt nie. Die Stadt war zu willkürlich gebaut, zu abgehobelt in persönlichen Äußerungen. Sie überschwemmte das Gelände mit keinem andern Willen als dem, von Augenblick zu Augenblick die bescheidene Notwendigkeit des gleichmäßigen Volks zu erfüllen. Auch die großen Inseln der reichen Häuser, die in den Gärten der langen Mauergassen lagen, waren unter sich gleich, die Tempel, die Gildenhäuser. Die Stadt war auch eine ins Große aufwuchtende Wiederholung der einfachen oder kunstvollen Dinge, die wir kauften und die eine fließende Gleichart in ihrem Prunk oder ihrer einfachen Stilgröße hatten. Die Stadt war ein Abbild ihrer Menschenmassen, und sie spannte diese so in sich ein, wie das chinesische Leben und die chinesische Moral mit stählernem, gleichmäßigem Feststehn den vierten Teil aller Menschheit gebunden hielt. Das Skelett waren die Geschäftsstraßen, die kreuzweise zu den Himmelsrichtungen und den Toren liegen. Rund um sie war es bewachsen, wie das Bedürfnis es verlangte, ohne Bequemlichkeit und Schönheit kennen zu wollen. Die Funktionen der Stadt waren einfacher als die eines Bauerndorfes in der Heide.

Fischer bei Tschangscha
Überrascht hielt uns plötzlich in dem Gedudel von Schlüffen und Gassen ein Toreingang an. Er war in aller Kreisheit der Einfälle mit der naiven Buntheit der Phantasie, dem spielerischen naturalistischen Erzählen seiner Darstellung von einer klassischen Sammlung. Er war glanzvoll ruhig und schmelzend. Er führte zu Anlagen von spärlich bewachsenen Gärten mit strengen Teichen und zu Häusern, die uns geheimnisvoll blieben. Tempel öffneten sich mit Höfen unerwartet in der Gasse. Vor ihnen hielt der Hund Fo Wache und machte ein ornamental bissiges, mythologisch spukhaftes Gesicht auf seinem Sockel. Die schönsten Tempel waren stets die rotgemalten Kungfutsetempel. Tschangscha hatte nur zwei von ihnen. Sie wären die ersten Gebäude von großer Architektur, die wir in China sahn. Um ausgedehnte Höfe mit Wasserbecken liefen schmale Gebäude, in denen die Schüler des Kungfutse standen und China groß und jung und doch in seinem Altertum hielten. In einem Hof erstand dann das Tempelhaus hoch über die andern Bauwerke der Anlage. Verknorrte alte Pinien starben zwischen den Fliesen des Hofs, hohe eiserne Öfen für Opferpapier in fremdlichen Formen standen, mit alten Schriftzeichen bedeckt, unter ihnen. Treppen mit steinernen Galerien führten in das heilige rote Dunkel des Tempelraumes. Der war um den purpurgoldenen Altar groß, streng und karg aufgebaut.
Aber außen wuchs um den Tempel die üppige Krausheit der in die Einzelheiten vernarrten Künstler die ausgeschwungenen Dächer hinan. Riesenhafte Drachen aus Porzellan krochen die Dachkanten hinauf, und der höchste First war eine doppelmannshohe Galerie von verschlungenen Blumen und Tieren.
Kungfutse jedoch war nicht mehr im Tempel. Die Republik hatte seinen Geist entthront im Jahre 1913, sozusagen zum 2100. Jubiläum jener alten Bücherverbrennung, durch die der Kaiser Schi Hoang Ti im Jahre 213 v. J. den geschichtlichen Überlieferungen und Kungfutse zu Leibe rückte. Soldaten in halb europäischen Uniformen gingen mit scharfgeladenen Gewehren Wache in den Tempelhöfen und lungerten in allen Gebäuden herum. Die Altäre und Götterbilder verfielen. Das alte China sollte mit ihnen zerbröckeln.
Aber einige Tempel dienten noch der naturfrommen Gläubigkeit der Einwohner. Sie waren im Innern nichts als ein hohes verrußtes Dunkel. Die Götter schauten kaum heraus. Die Götter verzerrten sich plump, ein geschwärzter Spuk, glotzten mit aufgerissenen goldenen Froschaugen, bleckten Zähne wie Holzsägen, hoben Vogelbeine und zückten krumme Schwerter und drohten mit dunkel aufgereckten Bewegungen aus den Winkeln der rußigen Tiefen. Unten am Boden lagen die Betenden und warfen Hölzchen vor ein Götterbild und sahen aus der Art, wie sie fielen, die Geneigtheit des Geistes, den sie brauchten. Eine süße fremde Lilie, mit ihrer Seltsamkeit und ihrer mythischen Frömmigkeit voll Schmelz behangen, barg sich weißen Gesichts die heilige Frau Kuan Jin in die Dunkelheit, bereit für den Flehenden. Ihr Leib war mit einer leisen Verrenkung gebogen und verheißend gewölbt, und ihr großes jasminweiches Gesicht umfaßte alle erregenden Geheimnisse der Schönheit fremdrassigen Frauentums. In schweren Bronzebecken brannten Kerzen und Papier, und ihr beunruhigtes Licht zuckte angstvoll und zaghaft wie blaßrote Fledermäuse über die dunkeln Grausigkeiten. Rauch schwelte dicht auf und zog in die unbekannten Höhen des Gebälks.
Draußen im Hof des Tempels, wenn er zu einem Gildenhaus gehörte, stand der Theaterpavillon, ein Bauwerk von weltlich schweifender Arbeit. Auf hölzernen Säulen trug er goldene gewundene Drachen mit Kamelnasen, in den Paneelen saßen zierliche Schnitzereien aus der Geschichte, und eine schwere Seidenstickerei hing als Soffite über die Bühne. Das Dach schwang sich in allen vier Kanten weit aus, war mit farbigen Glasuren, Vögeln und Menschlein bedeckt. Einmal sahn wir diesen Theaterpavillon voll merkwürdig schreitender Gestalten, die schrill im Diskant sangen. Lange, schwerbestickte Kleider hingen an ihnen. Sie verstummten, hoben die Beine wie Störche, feierlich, und schritten dumm im Kreis hintereinander, vereinigten sich wieder, schrien und sangen im Kehlkopf. Ein Alter warf sich den Bart wild über den Arm und durchfuchtelte die Luft mit Lanzenstößen. Eine Frau beugte sich weinend über ihre Arme. Eine andere Gestalt mit goldblutigen Gewändern und der Maske eines schwarz-weißen, schweren und aufgebäumten Kopfes kam über sie. Die große Raserei erfaßte diese Gestalt. Aber ihr Körper stand ruhig, und nur ihre Hände warfen unverständlich den Zorn über die Frau, und diese Hände klangen uns auf einmal entgegen wie Worte großer Dichter, die voll von heimlichem Sinn bebten, der das Gefühl in die Unendlichkeit warf und es in das nimmerrastende Fluten alter Dinge zurückversenkte.
Währenddessen gingen Scharen von Alltagsleuten auf der Bühne herum. Die Musik, die mit Bronzedeckeln, Trommeln und kleinen schreienden Geigen arbeitete, saß in alltäglichen Kleidern im Hintergrund. Im Hof drängten sich Kulis, Weiber und Kinder zusammen, horchten zu und sprachen, rauchten in ihren messingenen Wasserpfeifen, sogen zwei Züge, bliesen die Asche heraus, stopften wieder, pusteten den Fidibus an und sogen ihre zwei Züge und reichten die Pfeife weiter. Es gingen auch Männer umher, die Pfeifen vermieteten. Die Zuschauer kauten Sonnenblumenkerne und spuckten dem, der vor ihm stand, die Schalen auf den Rücken. Die steinernen Tiere, die vor dem Tempel Wache hielten, Elefanten und Löwen, waren von kleinen Buben beritten. Als wir aber aus der Dunkelheit des Tempels hinaus in den Hof traten, um zu photographieren, waren wir auf einmal für Darsteller und Zuschauer Bühne und Theaterstück.
5
Dem Straßenleben der Stadt gaben auf einmal Soldaten, die in Scharen hindurchzogen, ein neues Aussehen. Man sah viele Kinder in europäischen Kleidern mit großen Denkmünzen auf der Brust. Am Westtor wurde gearbeitet. Gerüchte kamen, daß das von Europäern verwaltete Zollhaus überfallen werden sollte. Dann hieß es, die Räuber seien entdeckt und eingelocht worden, und schließlich entlud sich all der Trubel in der einfachen Nachricht, Tschangscha bereite sich vor, seinen Helden, den General Huang Schien, zu empfangen. Huang Schien war noch vor anderthalb Jahren Lehrer in Tschangscha gewesen. Er schlug sich zur Revolution und mußte deshalb eines Nachts fliehn.
Wir versäumten seinen Empfang am Ufer. Einen Tag später kamen wir ans Yamen, an das Palais des Gouverneurs, als gerade durch ein Tor ein Zug Soldaten in den mit Laternen und Fahnen geschmückten Garten einzog. Wir blieben stehn. Ein Offizier fegte auf einem kleinen Roß die Gasse herauf und verschwand im Garten. Am Schweif des Rosses flog der Pferdeknecht mit. Und plötzlich kam inmitten von Soldaten in einem offenen Stuhl aus Bambus, der von vier Leuten getragen wurde, ein dicker Mann, ein Mastschwein von einem Mann. Er trug einen Gehrock, einen harten runden Hut und eine goldene Brille, die moderne Zeremonienbekleidung des Chinesen. Er sah eher aus wie ein Japaner. Er schaute mich mit einem bösen und griesgrämigen Blick an. Um den Stuhl herum gingen mehrere europäisch gekleidete Chinesen, die den Hut abnahmen, sobald der Zug in den Garten kam.
Das war Huang Schien, der Held Tschangschas. Juan Tschi Kei hatte ihm eben zusammen mit dem in Europa als Volksbefreier geschätzten Sun Jat Sen seine Demagogie und Stänkertätigkeit für zwei Millionen Mark abgekauft. Huang kam sich seinen Landsleuten zeigen als Vertreter des neuen Gedankens, der in China die Zöpfe und die märchenhaften Mandarinenkleider abgeschafft hatte, Kungfutse der Seele des Volks entreißen wollte, um Politik in die Rasse zu tragen. Nordamerika hatte diese Proselyten infiziert. Sie arbeiteten mit dem Geld von reichen Leuten aus dem Süden, die ein Geschäft aus der Demokratisierung zu machen hofften, und Sun bearbeitete im Sold japanischer und nordamerikanischer Finanzgruppen, wie man sagte, merkwürdige Eisenbahnfragen. Er stänkerte dabei gegen Deutschland. Aber er war ein Christ.
Am Nachmittag dieses Tages wurde vor dem Nordtor von republikanischen Soldaten ein alter Kuli erschossen, weil er ein unverbesserlicher Opiumraucher war.
Emil Schlehmil sahen wir fast jeden Tag. Wir beschlossen unsere Wanderungen bei ihm, saßen im Schlupf seines Zimmers, tranken den besten Tee Chinas und sprachen über die Seele dieses Landes. Ich liebte ihn. Er war ein unglückseliger Querkopf. Manchmal gingen wir an den Fluß, wo sich Hunderte von Dschunken ineinander klemmten und ihre wankende Stadt ein selbständiges Leben führte. Mit dem Leben der Häuserstadt war es durch die heiße Arbeit der Armee nie rastender Kulis verbunden. Sie schleppten die zerbrochenen, wasser- und schlammtriefenden Treppen hinauf und herab, was die Dschunken brachten und forttrugen, und sangen stöhnend dazu. In ihrem Gesang hatten sich die Laute der ersten zur Arbeit gezwungenen Menschen erhalten. Es waren große Antimonschmelzen in Tschangscha, und die meisten Schiffe fuhren mit Kisten voll von diesem Metall flußabwärts. Drunten zwischen den Schiffen ruderten Boote mit jungen, schönen und geschminkten Dirnen und mit alten Kuppelhexen werbend umher. Haufen verschmutzter und verfallender Bettlerboote drängten sich überall durch. Ihre Insassen begannen, zeugten und beschlossen alles Leben ihrer Gilde unter den zerfetzten runden Matten dieser Sampans. Kaufläden, Garköche und Priester ruderten um die schweren Leiber der Dschunken, und wenn ein Schiff den Anker hob und fortwollte, klebte der Schiffer rote Papiere ans Bug, schlug den Gong, um den Geist des Flusses zu rufen, und brannte ihm zu Ehren Pulverfrösche und Opfergeld ab. Am Strand machten Ärzte inmitten einer Einrichtung von geheimtuenden Töpfen und Zeichen unwahrscheinliche Operationen. Merkwürdige zweirädrige Karren erkletterten geschickt Treppenstiegen. Auf der Höhe des Ufers baute manchmal eine Theatertruppe eine offene wacklige Bühne und spielte lärmend alte Stücke, während schwarze Schwärme von Zuschauern im Hügel hingen. Große Truppen von Fischern umspannten den halben Fluß mit ihren Netzen und zogen reiche Beute ans Land. Wir segelten mit Emil Schlehmil zwischen ihnen hindurch den Fluß hinauf bis zur nächsten chinesischen Zollstation. Am Ufer stand ein kleines buntes Tempelchen. Kormoranfischer fuhren vorbei. Die Vögel saßen schwarz auf dem Boot und bissen nach ihren Halsringen.
Wenn es sonnig war, leuchtete der Jo Lo San drüben mit seinen geweihten herbstfarbigen Bäumen aus kahlen Hügelzügen heraus. Der Jo Lo San war ein heiliger Berg. Am Fuß des Berges errichteten sich inmitten von wassergetränkten Reisfeldern die Bauwerke einer alten Universität mit großen Examenhöfen. Man ging durch Wald hinauf, unter dessen machtvollen Bäumen sich ein ziervolles Quellentempelchen barg. China kennt keine andern Wälder als die geheiligt um seine Tempel stehenden. Sein ganzer Boden ist gerodet. Oben stand ein Kloster. Die Boys brachten Essen und Wein, wir frühstückten unter den starren Augen goldner Götter, und alte Chinesen kamen und verrichteten inmitten unsres Lärms und Trinkens ihre Andachten. Dann legten wir uns ins Gras und schauten in die milde schöne Fremdheit der Landschaft hinab, in der in einem zerfließenden Parallelismus weiche Bergzüge durcheinander blauten. Am Fluß drunten lag flach die große Stadt, und die Nebel saugten sie auf.
Einige Male gingen wir auch durch die Gräberhügel um die Stadt. Soweit man sah, wuchsen die Steinhaufen, die die Särge lose deckten, aus dem dürren Gras. Schwarze Schweine wühlten im Boden. Rotten von räudigen Hunden zogen miteinander keifend zwischen den Gräbern dahin. Große weiße Elstern mit schwarzen Streifen flogen auf. Manchmal erhob sich aus der Gleichmäßigkeit wie ein kleines Tor das Grab reicher Leute. Ein Mann mit einem großen roten Schirm kam und suchte ein Grab. Er bog manchmal mit den Händen das hohe Gras auseinander. Er fand es nicht. Aber auf einmal warf er sich nieder und fing an zu schreien und zu weinen. Es sind Hunderttausende von namenlosen Gräbern rund um die Stadt ins Gras versenkt. Es ist ein Gürtel des Todes, der Tschangscha umgibt.
Wenn die goldblonde Frau bei diesen Wanderungen mit war, wurde Emil Schlehmil unleidlich. Er war zu uns von einer nervösen Schulmeisterei und zu ihr von einer Galanterie, die einmal spöttisch war und einmal in kindlichem Flehen zerfloß. Er wechselte zwischen Glückseligkeit und Versagen.
Eines Tages lud uns ein chinesischer Bankier zu einem Abendessen ein. Die goldblonde Frau sollte auch mitkommen. Wir freuten uns auf das fremde Fest. Zum Frühstück kam ein junger Chinese zu unserm Freund, um ihn um Rat zu fragen. Er war der Sohn eines der reichen Antimonhüttenbesitzer. Er wollte nach Berlin gehn, um Ingenieurwissenschaften zu studieren. Er hatte in europäischem Sinn gute Manieren, gab sich sehr höflich und bescheiden. Zum Schluß des Essens kam plötzlich Emil Schlehmil hereingewettert. Er hatte einen hochroten Kopf, grüßte uns hastig, setzte sich verbissen hin und übersah den chinesischen Gast. Darüber stellte ihn, als der Chinese gegangen war, unser Freund zur Rede. Da brach Schlehmil los: "Sie gehn heut mit den beiden 'Missies' zu dem Chinesen. Das geht nicht! Wissen Sie denn das noch nicht? Und daß Sie den Chinesen in Gegenwart von Europäerinnen zu Tisch laden! Das will soviel heißen wie: Nimm sie, sie sind dein."
Die kleine goldblonde Frau trat auf den Erbosten zu und tippte ihm mit dem Finger auf die Stirn: "Sie brauchen Kompressen", sagte sie. Da verwirrte sich Emil Schlehmil in seinem Zorn und versuchte zu erklären, in welcher Weise es in den Anschauungen des Chinesen begründet lag, daß man eine fremde Frau nicht an seinen Tisch führen dürfe. Die chinesischen Gastmähler werden immer nur mit Singmädchen und den Mätressen der Teilnehmer veranstaltet. Der Chinese halte seine eigene Frau stets von ihnen fern ... Aber wir lachten nur. Ich sagte ihm: "Der junge Wu sah nicht so aus, als ob er an ein solch weitgehendes Angebot gedacht hätte." Schlehmil antwortete nur: "Der Chinese ist und bleibt ein Schwein! Und wenn Sie's besser wissen, so gehn Sie mit den 'Missies' hin."
Das taten wir auch. Aber wir erlebten eine Enttäuschung. Von Singmädchen keine Spur. Von Eßstäbchen keine Spur. Von Haifischflossen und Schwalbennestern keine Spur. Der Gastgeber wollte uns besonders entgegenkommen und hatte durch irgendeinen Koch europäisches Essen herstellen lassen. Dazu gab es ein fürchterliches Rheinweingift und französischen Champagner. Seine chinesischen Gäste hatten vor uns gegessen, saßen in einem andern Zimmer, spielten und schrien. Chinesisch wurde es nur, als seine schöne weißhäutige Frau kam. Sie trug eine schwarze Seidenjacke und eine blumengestickte Hose. Wir standen auf. Sie verbeugte sich lachend und schüttelte sich herzlich die Hände, in denen sie ein europäisches Taschentuch hielt, und war so geniert, daß sie in weitem Bogen in das hohe Gefäß spuckte, das in der Zimmerecke zu diesem Zweck stand. Sie versuchte mit Messer und Gabel zu essen. Aber es gelang ihr nicht, und sie legte die fremden Instrumente lachend beiseite und gab das Essen auf.
Nach dem Essen gingen wir zu den chinesischen Gästen. Sie spielten ein Hazardspiel mit Hunderten von Steinen. Es schien eine Kombination von Domino und Poker zu sein. Sie spielten sehr hoch. Sie nahmen die durchlochten Kupferkäsch als Spielmünzen, aber jeder Käsch galt ein Tael, das ist ein Taler. Die zehn- bis zwölfjährigen Kinder des Gastgebers trieben sich zwischen den Spielern herum bis nach Mitternacht und nahmen einen sachkundigen und lärmenden Anteil an dem Hin- und Herschassieren des Spielglücks. Ihr Vater spielte mit uns Einundzwanzig, nachdem die Damen sich verabschiedet hatten. Er gewann und lachte.
Es sei eine Europäerin angekommen, hieß es einige Tage später.
Wer denn? Wer denn?
Denn es ist schon ein Ereignis, wenn ein Europäer in Tschangscha ankommt, er sei denn ein Missionar.
Nun, Frau A., sagte jemand.
Frau A. war bekannt für ihre Spezialität, die unerfahrenen Ehefrauen über die Reisen ihrer Männer auszuholen.
Emil Schlehmil sagte: "Ah so, das gilt der goldblonden Frau. Wir laden uns zum Tee ein. Wetten zwei Flaschen Mumm, daß Frau A. dort ist!"
Frau A. saß wirklich dort, als wir hinkamen. Mit unschuldiger Miene sprach sie vom jungen Eheglück in den einsamen Gegenden des innern Chinas, von der Vortrefflichkeit des Gatten und wie gefährlich nur es jetzt in einzelnen Gegenden Chinas zu reisen sei.
Wir kämpften mit dem Lachen und Emil Schlehmil erzählte folgende Geschichte:
"Kirchbach von Arnberg & Co. verreiste ins Innere. Er kaufte in Hankau ein Billett für die Pekinger Bahn; und es kam, wie üblich, in die Zeitung, er sei nach Hupeh verreist. Aber er war schlau. Er wollte nach dem Süden von Ssetschuan. Vielleicht war dort etwas los und er kam als der Erste und Einzige zur rechten Zeit hin. Aber unterwegs bekam er den Verdacht, in Hupeh entginge ihm nun doch etwas und Jobbs und Sandmeyer seien ihm, auf die Mitteilung in der Zeitung hin, dorthin nachgereist und schnappten ihm die Sache weg. Er in Eilmärschen nach dem Norden und nach Hupeh.
Jobbs und Sandmeyer aber hatten ihm sein Reiseziel nicht geglaubt, sie reisten ihm nicht nach Hupeh nach, sondern blind irgendwohin, wo vielleicht Minen zu entdecken oder elektrische Anlagen zu vergeben waren, und sie treffen sich, erstaunt und geärgert, eines Morgens auf einem Anlegeplatz am obern Jangtse. Es war nicht mehr zu ändern; aber sie waren wenigstens nur zu zweien als Konkurrenten, und sie machten unter sich ab, sie wollten sich faire Konkurrenz machen. Sie beendeten ihre Reise dort, wohin sie Kirchbach machen wollte, bevor er es mit der Angst auf Hupeh bekam. Sie haben Glück. Sie kommen ans Geschäft. Ein Chinese will für eine Stadt eine elektrische Anlage machen lassen. Er läßt sich von beiden Kostenvoranschläge machen und zeigt den des einen dem andern und umgedreht. Infolgedessen verbringen sie drei Monate im Süden Sseschuans, um sich gegenseitig zu unterbieten.
Als der Chinese schließlich Kostenanschläge hat, die ihn befriedigten, schickte er beide an Arnberg & Co. nach Hankau, wo der inzwischen zurückgekehrte Kirchbach sie zur Bearbeitung bekommt, und fragt an, um wieviel unter diesen Anschlägen Arnberg & Co. die Anlage herstellen könnten. Also, Missie" ... endete Schlehmil, "sagen Sie ruhig Frau A., Ihr Gatte sei nach dem Süden, um Schwefellager oder Silberminen zu entdecken."
Frau A. lächelte jähzornig und bemerkte mit einer süßlichen Fassung:
"Es ist nicht, wie Sie meinen!"
"Ich meine nur, wie es ist!"
"Mein Mann reist nie jemanden nach. Er hat das nicht nötig."
"Ich erzählte die Geschichte vorhin unter einem Namen Jobbs. Es sollte, da Sie sagen, Ihr Mann reise nie jemanden nach, eigentlich Herr A. heißen. Denn er war der eine der beiden, die nachreisten."
Das sagte Emil Schlehmil, indem sein Gesicht plötzlich wie mit einer Feuersbrunst sich überloderte. Wir bekamen Angst.
Frau A. rief hitzig:
"Sie lügen!"
Da stand Emil Schlehmil ruhig auf und, ohne ihr mit einem weitern Wort zu antworten, verbeugte er sich gegen alle. Nur der goldblonden Frau gab er die Hand und sagte: "Ich wollte Sie nur davor bewahren, das Reiseziel Ihres Mannes zu verraten. Bitte um Entschuldigung." Dann ging er.
An diesem Abend sollten wir ins Theater gehn. Wir mußten die Erlaubnis holen, da wir außerhalb der Stadtmauern wohnten, uns nach acht Uhr das große Westtor öffnen zu lassen.
6
Als wir abends ins Theater eintraten, kamen einige Chinesen mit tiefen Verbeugungen. Sie lachten höflich und hoben rasch und in einer geraden Linie ihre langen, schönen Hände empor, um uns den Weg zu weisen. Wir kamen in einen vollen Saal. Viele Menschen saßen und gingen lärmend rundum. Eine dunkle Kammer nahm uns auf. Sie war in den Saal hinein offen. Das ganze Theater drehte sich die Sitze um, als wir kamen, und wir waren eine Weile Bühne. Kaum saßen wir, so kamen Diener des Theaters und stellten vor jeden von uns kleine Teller, die gefüllt waren mit Sonnenblumenkernen, Erdnüssen, geschälten und zerteilten Orangen, in Scheiben geschnittenen weißen Rettichen, Zigarren und Zigaretten. Auch Tee brachten sie. Ein junger Chinese war mit uns. Er sollte unser Dolmetscher sein. Zwei Männer kamen, verbeugten sich tief, lächelten viele Male und bewegten ihre schmalen Hände gegen uns. Das waren die Theaterdirektoren. Sie sagten uns: "Wir Kleinen wissen die hohe Ehre, die der hohe fremde Gelehrte durch seinen Besuch dem Abendtheater erweist, sehr wohl zu schätzen. Der hohe gnädige Prinz würde seinen ergebenen Dienern eine außergewöhnliche Gnade bereiten, wenn er geruhte, an diesem ersten Abend seines Besuchs, sich als der Gast der vor ihm stehenden und ihn verehrenden kleinen Männer zu betrachten." Die Chinesen lächelten und schmolzen vor Liebenswürdigkeiten. Wir lächelten dankend zu. Wir drückten uns alle selber die Hände, verbeugten uns tief und vielmals voreinander, und die beiden Chinesen gingen wieder.
Sofort begann die Vorstellung.
Auf der Bühne erschien es wie ein in Menschenformen verzauberter Blumengarten, der sich feierlich durcheinander bewegte. Eine unsichtbare steinerne Kugel fiel hinten auf einen riesenhaften Bronzedeckel und sprang unablässig, regelmäßig und hart darauf herum, Trommeln schrien mit klopfendem Gebrüll los, Geigen rissen heftige Tonreihen von ihren Saiten, und eine Stimme erklang, hohl und spitz wie eine Pappel und sang. Der Blumengarten geriet in eine neue Bewegung und gliederte sich in Theater spielende Einzelheiten auseinander. Einer stand rechts, einer links, beide einander zugebogen mit einer sonderbaren Haltung der Körper, wie in einem Traum. Einer von unten saß auf einmal auf einem Balken. Die beiden unten unterhielten sich hoch im Falsett singend miteinander. Sie klagten und waren unglücklich. Es waren zwei Frauen, eine junge und eine alte. Plötzlich schoß der auf dem Balken mit einem unglaubhaften Saltomortale donnernd zwischen die beiden andern auf die Bühne nieder. Die Frauen kreischten wie erschrockene Zickzacke zurück. Die Geigen verloren den Atem. Die Steinkugel und die losbrüllenden Trommeln radauten allein. Der Akrobat sang aus einer Kehle, die so eng war wie das Loch einer Zwirnspule und warf seine Hände schmal und schön und schwirrte umher mit einem ungebärdigen erregenden Fluß der Bewegung, wie ein Vogel, dem auf einmal menschliches Temperament unters Gefieder kommt.
Die jüngere der Frauen war lang und schmal und hatte die Eckigkeit einer Lilie. Sie trippelte so unwahrscheinlich umher, eingehüllt in die prunkende Fremdheit ihrer farbigen Stickereien, so beladen mit dem fremden aufregenden Reiz ihrer seltsamen Bewegungen. Ihr Gesicht war rot gemalt und leuchtete aus dem schweren Behang ihrer Gewänder, wie das einer Göttin fremden Glaubens. Es war pervers. Die Chinesen riefen guttural allenthalben: »Cha, cha!« (Gut, gut!) Wir wußten, dieser absonderliche Menschenreiz auf der Bühne war ein Mann.
Da kam eine Alte zu uns herein. Sie humpelte bedächtig auf ihren geschnürten Klumpfüßen, hatte einen Stoß ungebrauchter heißer Handtücher auf dem Arm, aus denen ein warmer Dampf aufzog, und wir nahmen jeder eins und sahen, wie auch im Theater solche Tücher in großen Haufen herumgetragen wurden. Dort gingen die Burschen, die ganze dampfende Arme voll hatten, durch die Mitte. Hundert Arme streckten sich hoch. Auf den zwei Galerien beugten sich Menschen über und streckten die Arme vor. Die Burschen warfen das Handtuch, es bohrte sich durch die Luft hinauf oder flog über die Köpfe ins Parterre, eine Hand griff in den drehenden Flug, der weiße Vogel stockte und wickelte sich rasch um die Hand. Die Hand fuhr sorgfältig lang und genießerisch damit übers Gesicht, Kopf und Nacken. Da machten wir dasselbe. Es war sehr erfrischend.
Die Bühne spielte weiter. Die schreckliche Kugel prallte wieder auf das tönende Becken. Die Geigen schrien. Die Trommeln klopften wie erregte Drescher. Die Pfeifer zischten wie Dampfventile. Und manchmal dämpfte sich dieses so fremde, für unser Ohr noch so undifferenziert Lärmende zu einigen milden melodischen Wogen, in die sich eine beruhigte Stimme erlösend und erfreuend einschmiegte. Die junge Frau stand vor einem alten Mann, der mächtige farbige Backen aufhatte, und in seiner komplizierten Maske eine auf der chinesischen Bühne althergebrachte Abdeutung seines Charakters mit sich trug. Die junge Frau war wie ein kratzbürstiges Ornament. Der Alte warb. Sie durfte sich nicht entziehen. Und sie entzog sich doch, und ihre Bewegungen unter der streichelnden Begehrlichkeit des Alten waren wie eine Flucht in boshaften, spöttischen, ängstlichen Mäandern.

Der Hund Fo
Auf der Bühne gab es keine Kulissen. Ein Tisch war ein Felsen. Wurde eine Festungsmauer gebraucht, so brachte ein Kuli in Straßenkleidern einen Stuhl. Änderte sich der Schauplatz, so gingen sämtliche Darsteller ein Weilchen rundum. Auf den Seiten und in der Tiefe der Bühne trieben sich allerlei Leute herum, die nicht zum Stück gehörten. Sie gingen ab und zu, rauchten in ihren Wasserpfeifen, sprachen, spuckten und kletterten wieder in den Zuschauerraum hinab. Hinter den Darstellern saßen die Musikanten in gewöhnlichen Kleidern. Manchmal wurde einem Schauspieler eine Tasse Tee gebracht. Er drehte sich um und schlürfte sie aus. Im Saal ging es ebenso zu. Man plauderte und schrie, blies die Wasserpfeife aus und die Fidibusse an, spuckte und schneuzte sich und zerbiß ununterbrochen Sonnenblumenkerne. Soldaten erzwangen sich lärmend freien Zutritt. Die Frauen saßen für sich auf der ersten Galerie. Sie waren alle sorgsamst in hellfarbige Seidenjacken gekleidet, schwarze Hosen und buntbestickte Schuhe, die so groß waren wie ein Fingerhut. Ihre schwarzen Haare lagen glatt und glänzend an die schöne Rundung des Schädels geschmiegt. Alle Gesichter waren gepudert und geschminkt; alle Frauen waren mit seltsamer Kühle bereifte Blumen. Ihre Kinder spielten um sie oder schauten zu. In Gruppen saßen schöne Singsangmädchen beisammen.
Auf der Bühne ging es ungestört weiter. Die Stimmen sangen hoch im Diskant fremde Musik, psalmenhaft eintönig, ein schrilles Rezitativ. Es schien, als wollte es bis zum Zerspringen der Stimme in die Höhe dringen, als wollte es die Stimme durch die Schädeldecke hinausschießen. Das Orchester lärmte und rauschte rätselhaft, reizte und hüllte die fremdartige Pracht der Gewänder, die Absonderlichkeit der Vorgänge, die malerische Fremdheit der Bewegungen auf der Bühne in das weite und gewaltsame Geräusch der Instrumente, erdrosselte manchmal die Stimmen. Lange Augenblicke raste nur das eintönige brutale Schlagen auf die helltönenden Becken, und aus ihm flossen plötzlich ein paar Sätze einer schönen malerischen Melodie. Sie brachen kurz ab, bevor sie vollendet waren, in einer Kadenz, die in die Höhe trieb und hoch über uns irgendwo hängenblieb.

Wir segeln durch den Tunting-See!
Als ich mich einmal an den Dolmetscher wandte, es war noch im ersten Stück, wußte er nicht, was ich wollte, und erzählte mir nur die Fabel: Die Junge sollte den Alten heiraten. Sie wollte nicht. Der Mann, der vom Balken sprang, versprach, zu helfen. Er verkleidete sich, daß er wie das junge Mädchen aussah. Kulis brachten das Brautbett auf die Bühne. Der alte Liebhaber erschien, bebend vor Begier. Sie gehen zu Bett. Der Alte bekommt einen Schlaftrunk, denn der Verkleidete ist ein Räuber. Er läuft mit der Geldtruhe davon. Die Diener des Beraubten stürzen dem Dieb nach, scheinbar ins Endlose, in Wirklichkeit aber nur in ein neues Stück hinein.
Denn die letzten Darsteller des ersten Stücks waren noch nicht durch die rechte Tür verschwunden, die Musik hatte keinen noch so kleinen Punkt, nicht einmal einen Beistrich gemacht, so hatte schon ein neuer Vorgang begonnen. Ein Mann erschien, großmächtig, wunderbar gekleidet, mit einem Bart wie ein Stratuswolkenstreifen. Seine Maske war gewaltig und wie aus emaillierter Bronze. Sie erstickte alles, was Menschenfleisch an diesem Gesicht war. Die Gestalt ging feierlich, breitspurig, zog die Knie eckig hoch und setzte die Beine schwer nieder. Sie war ein Denkmal, das aus dem fremden Wald der chinesischen Mythologie herausgestiegen war, für einen Abend schweres Blut genommen hatte und wie in einem andern Bewußtsein an unserm Auge vorbeiging.
Diesem Koloß folgte eine kleine verschmierte Dreckigkeit, mit Ruß im Gesicht, mit den Fetzen eines Mönchgewandes auf dem Leib — der chinesische Bühnentrottel — und spuckte das Denkmal an. Die Beine des Denkmals tanzten wie marmorne Winkel auseinander, der Bart flog in die Luft wie ein Ball und dann von Arm zu Arm nieder wie ein Wasserfall, die tote Maske versteinerte sich noch böser. Das Denkmal war in Wut. Der Närrische sprang auf einen Tisch. Andere kamen. Der trottelige Schmutzfink spuckte wieder gegen die Großmächtigkeit. Die Musik blies und schoß wie verrückt. Der Dolmetscher kam meiner Hilflosigkeit entgegen. Der Große ist ein Mandarin, der Närrische ein Mönch. Der Mönch stellt sich verrückt, um dem Mandarin die Wahrheit über sein schlechtes und grausames Leben zu sagen. Das war alles.
Solcher Stücke kamen viele. Es war ein Einakterabend. Wir hatten Theaterzettel bekommen, fettig bedruckte Papierfetzen. Der Chinese zeigte mir auf ihm, daß an dem Abend zwölf Stücke gespielt werden. Er erklärte uns jedes. Es waren alles alte klassische Stücke, und ein jedes war ihm bekannt. Es waren eher Bilder, Arabesken von allerlei Einzelheiten ohne dramatische Schürzung, ohne Abrundung zu einem großen Traurigen oder Heitern. Hingestickte Reiher zwischen Tempeln und über Föhren; ein Mensch, eine mit Goldfäden gestickte Wolkenkontur, ein Fisch von humorvoller Rundung, ein fataler grauer Regensturm einen baumlosen Berg hinan.
Stück floß ohne Unterbrechung an Stück. Alle ertranken im lärmenden Gebraus des kleinen Orchesters. Aber auf einmal geschah etwas anderes. Eine Schar berittener Amazonen stürmte herein. Pferd und Mensch waren eins. Die Amazonen staken in dem kleinen Pferd. Ihre Beine schauten unten als Menschenbeine heraus. Der Kopf des Pferdes wuchs aus ihrem Bauch. Sie ritten zunächst Parade mit diesen prächtig gezäumten Steckenpferden. Ein artistisches Kunststück von eigenartigem Geblüt. Die Rosse tummelten sich, widersetzten sich, wurden mit Mühe gebändigt und fügten sich mit heißem Widerstreben. Die Amazonen wirbeln hinaus. Ein General erscheint in der schweren klassischen Uniform der alten chinesischen Armee. Soldaten umgeben ihn. Alles singt und gebärdet sich. Waffen blitzen. Man sieht: ein Kampf naht. Der Krieg beginnt. Aber immer ringen nur zwei und zwei gegeneinander. Die übrigen verlassen die Bühne. Die zwei heben lange Schwerter. Es ist, als ob sie sie aus dem Erdboden der Bühne herauszögen. Die Schwerter schwingen sich in den Händen, tanzen auf, zeichnen wilde Tollheiten in die Luft, wirbeln in den Händen wie Steine an einer Schnur, malen das Ornament der Blutgier, der Raserei, des Erwürgens, des Greuels der Kriege in die rauchende Atmosphäre des Theatersaals. Tanzend umkreisen sich zugleich die Gegner, springen, fallen und siegen, würgen und töten, rasen, und die Körper machen bald dasselbe Spiel wie die Schwerter. Und all diese brutale Wut ist hochgebändigte bewußte Kunst, ist chinesische Stickerei, Porzellanmalerei, Bronzegießerei, die auf diese Stunde im Öllicht des Theaters von Tschangscha aus ihrer starren Pracht lebendig geworden sind.
So kommt Paar um Paar. Hinter den Kämpfern tollen die Pauken. Es ist als stürzen Felsen über Meere, die aus bronzenen Schalldeckeln bestehen. Die ganze Stadt von 800000 Menschen draußen fliegt in die Luft. Die Geigen schreien, wie Kehlen, die sich vor dem Ermordetwerden rettend davonbrüllen wollen. Die Zuschauer springen erregt auf ihren Plätzen, stampfen wild und pfeifen und verzehren mit feurigen Organen alles, was die Bühne gibt. Dort wird das Umtanzen immer abenteuerlicher, die Schwerter rasen in immer wahnsinnigeren Figuren durch die Luft, die Sprünge werden immer erdenbefreiter. Einer dreht sich wie ein bergab-sausendes Rad auf einer Hand und einem Bein und scheinbar auf der Nasenspitze herum ... immer rascher, immer hitziger. Er wird ein wirbelndes Etwas. Es schwindelt zuzuschauen. Das ganze Theater rast, stampft, schimpft, pfeift in genießenden Wonnen.
Zum Schluß kämpft die Anführerin mit dem General. Sie ist schöner gekleidet als eine Sommerwiese im deutschen Märchen. Sie ist golden und blumig, wie ein ganzer Sommergarten voll Sonnenblumen. Die Amazonen werden besiegt. Das Feuer schießt über die Bühne, äschert ihre Stadt ein, und in seinem Rauch erscheinen den Kriegshelden die Götter. Sie werden von der Erde befreit und als Heroen ins Jenseits genommen.
... In allen Stücken wiederholten sich einzelne Gestalten, wiederholten einzelne Gestalten verschiedene Verrichtungen. Das waren alte, feststehende, fast Begriff gewordene Einrichtungen des Theaters. Sie und alles waren von jeder Wirklichkeit befreit, wie eine Seele vom toten Körper. Es war ein Theater, das seine Erdenschwere ganz verloren hatte. Es war zu einer hehren Figurenhaftigkeit geworden, es war wie eine gotische Kathedrale gegenüber einer von Erdkatastrophen aufgetürmten Felsenmasse.
Um die Flanken der wahnsinnigen Fremdheit dieser fast zu Formengebilden stilisierten seelischen Erlebnisse bei chinesischen Theaterabenden, denn Seelenerlebnisse sind letzter Art doch immer die Zelle einer jeden Fabel, schlug die Musik auf der Bühne ihre Klangräusche. Ich horchte und horchte und verstand nichts. Es blieb mir verschlossen wie ein Gebirge, was für ein Willen in diesen Tonzusammenstößen wirken könnte, was für einem Gesetz unseres Ohres oder unseres Geistes sie unterlegen sein könnten. Ich hatte öfter unsern chinesischen Diener oder auf den Schiffen und in den Gassen Chinesen diese langen schrillen gleichmäßigen Tonreihen singen hören, ja, auf Phonographen in chinesischen Häusern spielen hören. Das Volk hatte diese Musik in Herz und Ohr.
Aber schließlich, was verstehen wir von China? Was konnten wir von allem, was wir in diesem Land gesehn, so in die Hand nehmen, daß es in klarer Form von allem Zweifel und allem Fremden frei unser war? Der die Erdenrassen verbindende Instinkt, der uns von Jenseits von Kung Fu Tse, Jesus Christus, Griechenland usw. noch einige Blutkanälchen mit den fremden Völkern erhalten hat, vermochte wohl mit genießendem und erschauerndem Versinken der dunkeln und fremden Wahrheit dieses großen Volkes auf Augenblicke heiß und wahr in die Augen zu schauen. Aber dann war es aus und fertig, wie nach dem wonnetollen Abenteuer einer unaufgeklärt bleibenden Sommernacht.
Das Theater wurde mir — im Gegensatz zum europäischen — ein leidenschaftliches Erlebnis. In ihm war die Rätselhaftigkeit der abstrakt auseinanderschwärmenden und so zäh zusammengehaltenen Rasse bis zu einem blumigen, farbendurchwirkten und poetischen Ornament gezeichnet und objektiviert. Es hatte sich zu einem schillernden seelischen Rätsel fürs Auge geformt, was vordem in dunkeln kosmischen Fetzen durch den Verstand trieb.
7
Gleich in der Früh ließ ich mich ins Tschin Dei tragen, um mit Emil Schlehmil mich über den Theaterabend aussprechen zu können. Er war aber nicht zu Haus. Später hörte ich, er sei bei der goldblonden Frau gewesen. Er muß sich mit ihr erzürnt haben. Sie ging leicht über seinen Besuch hinweg, während sie sonst all die kleinen Ereignisse in der stillen Eintönigkeit ihres Strohwitwertums für sich zu wichtigen Dingen ausbaute. Daraus war zu schließen, daß der Besuch dem armen Schlehmil eine böse Enttäuschung eingetragen habe. Er ließ sich nicht blicken.
Am übernächsten Tag ging ich wieder in sein Hotel. Als ich dort ankam, setzten drei Kulis gerade Schlehmils Stuhl ab. Emil Schlehmil entstieg ihm und wollte hastig ins Haus. Ich rief ihn an. Er war in einem merkwürdigen Staat. Er hatte einen zerbeulten Zylinderhut auf, der ihm zu klein war. Er trug die manchmal geflickte, durch die Gamaschen, die er gewöhnlich umschnallte, ganz zerknüllte dunkelblaue Hose seines Alltagsanzugs, sie wurde von einem gelben Lederriemen gehalten, den man unter der Weste sah und an dem ein dicker Revolver hing. Ein Gehrock, der zu kurz und überall zu eng und schon einige Jahrzehnte alt zu sein schien, vervollständigte die Kostümierung.
Ich stand mit offenem Mund vor ihm. Er zog mich rasch hinein. Dort lachten wir uns zuerst aus. Ich sagte ihm, so komisch passend habe ich mir keine Kleidung an ihm vorstellen können. Er antwortete, der Gehrock sei zwar zwanzig Jahre alt, aber kein Spaß. Auf die Art der Nebenumstände komme es nicht an. Verlangt werde für Besuche bei hohen Beamten eben nur der Gehrock und der Gehrock des Tutu sei auch nicht viel schöner gewesen. Der sei zu lang und seiner zu kurz. Dann bat er mich ängstlich, ich möchte den andern Europäern ja nur nichts davon sagen, daß ich ihn so gesehen. Sonst wüßten sie, daß er einen Besuch beim Gouverneur gemacht habe und könnten ihm ein wichtiges Waffengeschäft verderben.
Es war in den letzten Tagen vielfach bei den Europäern die Rede gewesen, daß es Emil Schlehmil trotz der mystischen Betriebsart, mit der er seine Geschäfte mache, sehr schlecht gehe und daß er wohl hungere. Sie erzählten, er habe nur mehr ein Hemd, und sein Kuli wasche das jede Nacht aus. Ich sagte ihm das. Da lachte er und zeigte mir eine Kiste, die mit Rollen von den großen Silberdollarstücken gefüllt war. Die sei gestern gekommen. "So!" lachte er lauernd dazu, "sie sprechen immer über meine Geschäfte? Die Nuß können sie nicht knacken. Was sagen Sie?" Er schien mir nervös, und trotz der Geldkiste war ich mir selber nicht sicher, ob er nicht doch vor dem Hunger stand. Ich sagte ihm: "Ich bin eigens von Europa nach Tschangscha gekommen, um Ihre vier jungen Kaufleute hier auszufragen, was sie über Ihre Geschäfte denken. Die kleine goldblonde Frau läßt Sie grüßen."
Da schaute er mich an. Aber er sagte gleich kühl: "Es ist nicht wahr!" "Nein, es ist auch nicht wahr. Ich wollte nur wissen, ob Sie sich mit ihr gezankt haben." — "Weshalb interessiert Sie das?" fragte er. — "Weil ich diese Frau sehr lieb und gescheit finde und es sich lohnt, daß man um sie wirbt." — "Sie hat ihren Mann", sagte er. — "Es gibt auch noch etwas anderes an einer schönen Frau, als das, was ihres Mannes Recht und Besitz ist." Er tat so, als zweifle er. "Glauben Sie", fragte er. Ich antwortete: "Hielten es sonst so viele kluge und begehrte Frauen bei ihren Trotteln von Ehemännern aus?" Er schaute auf, wollte etwas sagen, machte aber nur: "Maski!" Was liegt daran! Er rief: "Lei, lei!" hinaus. Sein Kuli kam. Emil Schlehmil bestellte Essen. Er lebte fast nur von Konserven. Viel mehr konnte der Kuli auf dem Petrolofen nicht kochen. Wir aßen auf weißem Papier. Nachher rauchten wir dürre schlechte Manilazigarren, sprachen über das Theater und das Geheimnis des Jin Jang und hätten vielleicht ganz gern über etwas anderes gesprochen. Aber schließlich war das Jin Jang auch etwas, das uns nahe stand, denn es begriff alle unsere Sorgen und Erhebungen und alle schönen fremden Frauen in sich.