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Auf dem chinesischen Fluß

IM SÜDEN DES SEES (continued 2)

Reading edition

Als ich tags darauf allein und zu Fuß in die Stadt gehen wollte, traf ich unterwegs einen der Europäer, und wir gingen ein Stück durch die stinkenden Gassen zusammen. Es war wärmer geworden, und die Gerüche flogen reicher auf. Da kam uns ein Rudel von Menschen entgegen. Sie hielten uns an und schoben einen Mann auf uns zu, der aus einer Wunde am Kopf blutete und ein Schild auf der Brust trug. Darauf stand auf chinesisch, mein Begleiter übersetzte es: "So wurde ich von einem Europäer zugerichtet." Der Auftritt schien ein wenig bedrohlich, und wir gingen weiter, ohne uns weiter um den Zug zu kümmern. Wir trafen einen chinesischen Schreiber aus einem deutschen Geschäft. Von dem hörten wir, man erzähle sich, daß Emil Schlehmil einen Kuli mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen habe und daß die Verwandten des Kuli nun mit diesem herumzögen, um gegen die Europäer aufzureizen. Das täten sie aber nur, um Geld zu erschinden. Emil Schlehmil sollte in das Gebäude einer europäischen Firma geflüchtet sein und dort von Chinesen belagert werden.

Ich ging ins Hotel Tschin Dei. Die Tür zum Flur Schlehmils war geschlossen und öffnete sich nicht, als ich klopfte. Dem Wirt konnte ich mich nicht verständlich machen. Vor dem Gebäude der europäischen Firma stand ein Haufen Chinesen. Aber dort war eine Wand, an der die Veröffentlichungen der Regierung angeschlagen wurden. Die waren stets endlos lang, und die Chinesen entzifferten sie durch halbe Stunden. Im Haus waren nur chinesische Angestellte, von denen niemand etwas von Schlehmil wußte.

Wir blieben uns im Unklaren sowohl über seine Tat wie über seinen Verbleib. Aber am nächsten Tag kam mit der chinesischen Post ein Brief. In ihm sagte Emil Schlehmil uns adieu. Er habe plötzlich in dringenden Geschäften abreisen müssen und komme nicht nach Tschangscha zurück. Im Lauf des Tages hörten wir noch, daß der verwundete Kuli in Schlehmils Räume habe eindringen wollen und daß Schlehmils Diener sich seiner nicht habe anders erwehren können, als mit einem Knüttel. Der Kuli wurde angezeigt und bestraft. Emil Schlehmil hatte sich von niemandem verabschiedet, und kein Mensch wußte, wie und wohin er abgereist sei. Doch das lag ja im Stil der europäischen Kaufleute und war auch die Fortsetzung von Emil Schlehmils geheimnisvoller Art, Geschäfte zu machen. Niemand zerbrach sich den Kopf darüber. Ein jeder fand es in der Ordnung, daß der Narr verschwand, wie er gelebt hatte.

Auch unsere Zeit kam. Der Fluß hatte wenig Wasser. Dampfer und Motorboote konnten nicht mehr fahren. Der Verkehr war stark zurückgegangen, und wir fanden nicht gleich ein Fahrzeug, das uns zum Jangtse hinabbringen konnte. Aber eines Abends kam ein Chinese und gab uns eine große rote Visitenkarte. Der Name eines hohen chinesischen Staatsbeamten stand darauf. Anfangs fanden wir nicht heraus, was das zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag erfuhren wir durch einen Brief, der mit den Worten begann: "Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht...", daß uns für die Reise eines der schönen Regierungsboote zur Verfügung stand.

Und eines Morgens glitt das Boot an der ganzen Stadt entlang den Fluß hinab. Wir standen vorn zwischen den vier Ruderern. Wir erkannten die einzelnen Aufbauten der Tore und die Dächer der Tempel in der Stadt wieder. Wir waren so oft an ihnen vorbeigegangen auf unsern Entdeckungsreisen in die Stadt. Aber wieviel hatten wir von dem Spalt der Maske gelupft, die sie bedeckte?! Die Stadt war fremd, wie vorher, noch fremder, da wir sie inzwischen zu erkennen versucht hatten.

Aber hatten wir von Emil Schlehmil, dem Europäer und Deutschen, mehr erblickt, als manchmal ein hastiges Blitzen seines Herzens, und war er nicht — unerkannt — vor uns diesen Fluß hinab nach Süden oder hinauf nach Norden ins unermeßliche gelbe Land davongefahren, der Liebe nahe gekommen, wie wir der Stadt, und fremd geblieben, wie sie? Alles ist fremd und keusch von Mensch zu Mensch, alles eingekleidet, mondenreich und mondenfern, wie eine chinesische Frau.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch
Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

FLUSSFAHRT

Im schönen Boot trieben wir langsam den Fluß hinab. Es war ein langgestrecktes Schiff aus hell geöltem Holz. Vorn war ein Platz für die Ruderer. Dann versenkte sich die kleine Kajüte in den Schiffskörper. Eine Treppe führte neben dem Mast vom vorderen kleinen Deck in sie hinein. Sie bestand in ihrem Aufbau aus lauter schönem Stabwerk, einem zierlichen Gitter aus naturfarbenem Holz. Aber zum Schutz gegen die Kälte waren Bretter vorgeschoben. Auch das Dach hob sich ganz auf. Das Skelett des Schiffs lief an den Wänden des Zimmers offen vorbei. Es waren feste Balken, mit der Hand gesägt und behauen. Die Willkürlichkeit malerischer Einzelheiten der Handarbeit, kleine Stützbalken und Hölzer, die in schönen Vasenformen ausgearbeitet waren, das Holz mit seiner fremden markigen Zeichnung machten sie uns zu einem Kunstwerk, das wir reichlich genossen. Die ganze Breite ihrer der Tür entgegengesetzten Wand war vom Bett eingenommen. Das war beträchtlich hart. Es war eigentlich nur eine breite hohe Holzbank. Über ihr öffnete sich eine kleine Schiebetür in die Küche. Achtern dieses Küchleins stand im Freien, wie auf einem Balkon, der Steuerer.

Auf einmal war auch die Frau unseres chinesischen Dieners, die wir bisher nie gesehen hatten, auf dem Boot. Sie war eine kleine hübsche runde Person mit grauen schief stehenden Augen, mit glänzend an den Kopf angesträhltem Haar, ordentlich gekleidet und mit kleinen Händen, die rundlich gedrechselt waren und fein zugespitzte Finger hatten. Frau Boy nannten wir sie. Man erfährt nie den Namen seiner chinesischen Diener. Sie sind wie Geister um einen.

Der Führer des Boots war ein alter Hunanese; er hatte einen schmalen hohen Kopf, um den ein schwarzer Tuchturban gewickelt war, eine starke gebogene Nase und einen dünnen heftig zugepreßten Mund. Er saß immer vorn auf einem Knauf und schaute uns zu. Er war streng und immer auf der Jagd nach den vielen Dingen, die sein Schiff unsauber machen könnten. Neben dem Führer hatten wir noch vier Ruderknechte und einen Steuerer.

In der kleinen Küche kochte uns der Boy. Wir hatten als Reisegeschenk einer Freundin eine kleine Aluminiumküche mit. Unser erstes selbständiges Essen war ein Festmahl. Der Boy war ein vortrefflicher Koch. Ich fragte ihn, wo er gelernt habe, und er sagte, bei einem Franzosen in Hankau.

Er spreche auch Französisch, leitete er eine längere Unterhaltung ein. "Po'a joun, moschö!" war die erste Probe seines "fanchois". So begrüßten sich die Franzosen, behauptete er. Und der Fasan, den er uns zum ersten Frühstück brachte, hieß auf französisch "Feschang". Der Boy war ein wenig dumm. Aber er schien mir so etwas wie Gemüt zu haben, wenn diese Äußerungen nicht auch aus dem großen Ehrgeiz herausflossen, der ihn ganz und in jeder Sekunde beherrschte.

Die Fahrt ging mit wonniger Eintönigkeit durch die besonnten kühlen Tage. Es war einerlei, wann wir an der Mündung des Siangkiang in den Jangtse ankamen. Wir hatten zur Sonnenseite einige Bretter ausschieben lassen und sahen das Ufer hügelig und sandig, mit dunklen Bäumen bekrochen, langsam zurückstreichen. Der heilige Berg Jo Lo Shan schimmerte in seinen Herbstfarben aus den kahlen Hügeln heraus. Am Tor des Klosters droben stand ein Baum, in den eine alte Glocke eingewachsen war. Die Glocke war vom Himmel gefallen vor vielen tausend Jahren.

Am Ufer wurden große Hebenetze, eins am andern, aus kleinen Hütten heraus in den Fluß gesenkt und hochgehoben. Kormoranfischer schickten um uns ihre schwarzen Vögel auf den Fang ins Wasser. Die Tiere hatten einen Ring um den Hals, damit sie die Beute nicht verschlucken konnten. Sie kletterten auf Stangen, die ihnen die Fischer hinhielten, wieder aufs Boot und setzten sich in einer Reihe nebeneinander auf das Dach. In Äckern am Ufer wurde die zweite Reisernte des Jahres geschnitten und gleich an Ort und Stelle in tragbaren Kästen ausgedroschen. In den Dörfern sah man zweirädrige Schiebkarren lastbeladen steile Treppen erklimmen. Kleine Tempel mit Fassaden wie Stickereien sahn aus dem winterlich benagten Laub von Baumgruppen heraus. Töpferdörfer qualmten, als ob aus den Hügeln, die sie zu ihren Brennöfen ausgehöhlt hatten, die Hölle ihre Schlote herausstreckte. Am Ufer lagen große Haufen von Tongefäßen, kleine Krüge und große Badewannen.

Manchmal kamen an einem Dorf drei, vier runde Bütten rasch auf uns zugerudert. Es saßen derbe schmutzige Mädchen mit festen Fäusten, brauner Haut, frechen großen Augen drin. Sie schlugen die Bütten mit armlangen Rudern hüpfend durchs Wasser. Es waren Bettlerinnen. Mit diesen Bütten reisten sie von ihren entfernten Wohnungen durch die Kricks an den Fluß, sie paddelnd, wenn eine Wasserlache kam, sie vor sich herrollend, wenn es eine Landzunge zu überqueren galt. Es war das übliche Fahrzeug dieses Flachlandes. Die Frau Boy hatte die Aufgabe, sie zufriedenzustellen. Sie griff in ihr gepolstertes Wams, in dem Brüste und Hüften wie in einer Kugel verschwanden, und gab ein paar Kupferstücke. Die Weiber in den Bütten hielten sich am Schiff an und sagten ihren Spruch. Einmal kam die letzte bei der Verteilung zu kurz. Der Frau Boy waren die Käschstücke ausgegangen. Das ließ sich das Frauenzimmer nicht gefallen. Mit trotzigem Geschimpf verlangte sie gleiche Behandlung wie alle. Ihr dicker Mund sprang gemein auf. Sie ließ uns nicht los, bis wir ihr Almosen ergänzt hatten. Dann ruderte sie bös und maulend in ihrer Bütte wieder ans Ufer.

In einem Städtchen war Markt, und das ganze Ufer hinauf wimmelte von Menschen. Am ersten Abend kamen wir bis zu einem andern Städtchen. Ein Haufen chinesischer Kriegsdschunken lag davor. Es waren lange niedrige Boote. Vorn auf dem Bug saß eine kleine Kanone, die einzige Armierung. Über dem Ruder war eine Kabine aufgebaut, Fahnen wehten auf dem Schiff, die fünffarbige der Republik und das Sternenbanner der Soldaten. Auf dem Topp des Mastes standen allerlei Amulette in die Höh. Die Soldaten lagen vorn auf dem Deck und kochten sich Reis. Sie waren alle in Kaki von chino-europäischem Schnitt und trugen Mützen.

Dem Führer unseres Bootes schien es das Sicherste zu sein, sich zwischen sie zu legen. Die Soldaten standen alle auf, als wir kamen, und halfen. Sie schlugen vor uns an, und einer, der am Ufer Wache ging, tat so, als präsentiere er sein Gewehr. Der Boy sollte Einkäufe in der Stadt machen. Wir gingen mit. Wir kletterten ein zerrissenes Ufer hinauf. Dort stand ein großes Gebäude, in dem ein kleiner dunkler Tempel war. Der Hund Fo, der mythologische Wächter von Tempel und Haus, stand in Stein mit einem bissigen Gesicht und Schreck einjagenden Augen davor. Ein Weg schlang sich eng und zerfallen an der Kante des schroffen Hügels um die weißen Tempelmauern. Wir kamen in eine enge schmutzige Gasse, in der offene dunkle Handwerkerwerkstätten waren. Die Stadtmauer lief mitten durch diese Gasse. Über dem Tor war das Gewölbe ausgebrochen.

Die Dämmerung überfiel uns bei den Einkäufen. Schweine liefen aus der Dunkelheit heraus zwischen unsere Beine, grunzten und flohen erschreckt. Räudige Hunde kamen schnuppern und rissen aus. Ein Ballen von Chinesen heftete sich dicht gedrängt an unsere Schritte. In einem Hof spielte ein Marionettentheater. Das erste, was wir kauften, war eine Laterne, eine große runde Laterne aus Bambusgeflecht, das von einer gelblichen Seidengaze übersponnen war. Der Boy wollte, daß der Verkäufer unsern chinesischen Namen draufmalen sollte, so wie es Sitte war. Ich hatte aber keine meiner chinesischen Karten bei mir. Es mußte jedoch etwas auf die Laterne gemalt werden. Der Boy verhandelte mit dem alten krummnasigen Chinesen, und der malte schließlich schöne große rote Buchstaben auf die Laterne. Wir mußten auch noch Tassen kaufen. Wir suchten welche aus. Der Boy fragte nach dem Preis. Der Chinese sagte etwas und schaute uns unwahrscheinlich an. Der Boy wäre ihm fast an den Hals gesprungen. "Master!" schrie er, "dis men wantschi one hondert käsch oll pieci", das waren also fürs Stück fünfzehn Pfennige. Ich hätte sie gern gegeben, aber da der Boy nicht wollte, sagte ich dem Mann, es sei Betrug, die Fremden so ausnutzen zu wollen. Da gab er die Tassen für die Hälfte des ersten Preises und machte ein betrübtes Gesicht darüber, daß es ihm nicht geglückt war, uns ein wenig übers Ohr zu hauen. Wir kauften rote Talglichter, die auf hohen Stengeln saßen, unten dünn und oben dick waren. Bei einem Fischhändler gab es einen Korb voll köstlichster Barsche. Wir kauften auch Orangen. Alles trug der eine Ruderknecht, den sich der Boy mitgenommen hatte. In einem Verkaufsstand waren zwei Wildenten. Der Händler verlangte fünfzig Pfennige für das Stück. Der Boy war entrüstet und wütend. Maulend kam er wieder heraus. Wir gingen weiter. Der Händler kam uns mit seinen beiden Enten nach und gab sie uns für vierzig Pfennig. Auch kleine süße Kastanien und Erdnüsse in Haufen gab es. So waren wir bald schwer beladen. Die Nacht war finster in die endlose gewundene Gasse gefallen. Offene Öllichter und matte Seidengazelaternen brannten in den dunkeln Höhlen der Läden. In der Finsternis kamen die Neugierigen, die uns noch nicht gesehn hatten, nah bis an uns heran und flüchteten gleich wieder.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Ssetschuanesische Krämerfamilie

Der Boy ging voraus und trug an einem Stock die neue Laterne. Hinter uns kam der Kuli, mit den Einkäufen beladen, wie ein Maulesel, und dann das halbe Städtchen, stoßend und schiebend zusammengedrängt. So gelangten wir zum Fluß und rutschten den Hügel hinab. Unter den Zeltdächern der Kriegsdschunken leuchtete Feuer. Wir sahn unser Boot nicht zwischen ihnen. Es war schon zu finster. Aber über eine der Dschunken kamen wir zu ihm. Der alte Laopan stand mit einem Wischer am Bug und reinigte unsere Schuhe. Der Boy und der Kuli mußten die ihrigen ausziehn. Auf den Dschunken schallten dumpfe schöne Beckenschläge, ein Papierfeuer brannte auf und verflammte. Eine Seele rief ihren Gott. Wir zündeten die große Laterne an und setzten uns an den Tisch, Nach einer kleinen Weile schon kam ein gutes Nachtessen.

Da plötzlich, während wir über dieses Essen her waren, begannen wieder einige Trommeln zu brummeln, lange Trompetenstöße fuhren dazwischen auf wie Raketen, hell und heftig, immer nur ein Ton. Von Schiff zu Schiff wuchs diese Musik. Trommeln und Posaunen wurden immer heftiger. Sie rangen miteinander. Die einen waren wie dunkle bärtige Kriegsscharen, die andern wie helle heftige Reiter. Sie mischten sich ungestüm und wild, und auf einmal donnerten zwei Kanonenschläge auf. Wir waren ins Freie gekommen. Die Schüsse verklangen den Fluß hinan, und der ganze Hexensabbat der Trommeln und Posaunen verstummte mit seinem Verhallen. Es war ein chinesischer Zapfenstreich gewesen.

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Ein Briefschreiber

Der alte Schiffsführer stand vor uns und machte mit der Hand: seid ruhig, es geschieht euch nichts! Im weißen Giebel des Tempels über uns war ein Licht eingemauert. Es flackerte einige Male bei den Schüssen und brannte wieder klein und ruhig und die stille schweigsame Schwärze der Nacht sauste unversehens wie ein Strudel über uns, schön, maßlos und fremd.

Am dritten Tag kamen wir in den Tuntingsee. Dörfer wie aus Lehm lagen von langen Reihen von Dschunken umlagert, auf den schmalen gelben Uferstreifen. Die Dächer waren aus braun bemoostem Schilf. Regen und Wasser hatten Ufer und die Siedlungen zu eins gemacht. Die Sonne hob diese Niederlassungen kaum aus dem Land. Auf dem Wasser schwammen Flöße von Bambusstangen und Baumstämmen. Sie sehn aus gelb und grau, wie die Ufer, wie das Wasser, wie die Ortschaften. Sie sind wie Inseln so groß. Ein jedes ist ein ganzes Dorf mit Hütten und Tempeln, Weibern und Kindern, die alle umher spielen, arbeiten, kochen, schimpfen, baden, schlafen. Vorn ist etwas wie ein Tor, von Fahnen und bunten Flicken umflattert. Ein Altar steht dort. Vor dem Tor drehn schreiende Männer an einer Winde. Erst nach einer Weile sehn wir, auf welch merkwürdige Art das riesenhafte Floß weiterbewegt wird. Ein Kahn fährt jedesmal ein Stück voraus, ankert sich fest, und an ihm windet sich die Insel von Bambus und Baumstämmen durchs Wasser weiter.

Wir segeln sacht vorbei und überholen Floß um Floß. Im Sommer wirft der Jangtsekiang seine Wasser in diesen Tuntingsee und reguliert sich so. Der See wächst weit über die Ländereien wie ein Meer. Aber im Winter gehn die Wasser wieder ab. Überall stoßen Inseln und Bänke von Schlamm heraus, trocknen rasch und bewachsen sich mit dünnem Riet. Dörfer entstehn, um im Frühjahr, wenn die Flut steigt, wieder zu verschwinden. Weit und hoch im Land liegen schwere Schiffe, die nicht rechtzeitig wegkamen. Auf einer hohen Böschung sitzt ein toter Dampfer. Wir segeln rasch zwischen den milchkaffeefarbigen Landzungen, die in unendlich weicher Zartheit der Farbe ins Wasser gestrichen sind, fast eine Spielerei des Lichts unseres schönen Sonnentages. Ein Zug von Kulis, die am Ufer Schiffe schleppen, geht über eines dieser Bänder. Die Menschen stehn in ihrer Arbeit gebückt und doch groß, trächtig und schwarz in der Luft. Ihre nackten Beine leuchten kaneelfarbig. Und vor uns, jetzt wo der See uferlos wird, streichen zahllos die weiß gebreiteten Flügel der Segel, rund gebogen, hoch in den zarten Dunst der Ferne hinein. Große Salzdschunken mit geflochtenen Mattensegeln heben sich aus ihrem stillen Flug heraus.

Wir haben die Korbstühle vorn aufs Deck gestellt, liegen drin und strecken die Beine weg. Das dünne silbrige Blau des Himmels scheint über uns und die Erde zu sickern. Die Ruderkulis liegen vorn auf dem Rücken und schauen in die Luft. Vom hohen weißen Segel, das der Alte mit strengem Gesicht führt, strahlt ein weißer Glanz über das Schiff. Wir sind uferlos und verloren in die gelöste Luft und die schwebende Fremde, ein Vogel im Schwarm der andern Vögel. Über den braunen Landstrichen erscheint immer wieder leichtes dunkles Gewölk. Wenn es näher kommt, beginnt es in Millionen Tropfen zu beben, und bald fliegt es als schreiende Sturmwolken von Zügen wilder Enten und Gänse über unsere Köpfe.

Der Boy bringt mir das Gewehr. Aber man liegt so tief in den Stuhl und den lichtglühenden Tag gesunken. Ich sage ihm, er habe ja Enten gekauft. "Wann kommen wir nach Jotschau? Frag' den Laopan!" Er fragt. Der Laopan spricht allerlei. Der Boy übersetzt allerlei. Wir hören mit Müh' eine kleine arithmetische Problemstellung heraus. Der Laopan sagt nicht: Heute nacht! Sondern: Bis zum nächsten Ort sind es noch zehn Li. Wenn wir um zwei Uhr dort sind, so sind es noch achtzig Li bis Jotschau.

Es war mir nicht schwer auszurechnen, was der Aberglaube des Schiffers, aus Furcht dem Gott des Wassers etwas vorwegzunehmen, nicht aussprechen wollte, daß wir also gegen Mitternacht dort ankämen. Ich fragte: "Fährt er denn in der Finsternis?" Der Boy verhandelt lang. Schließlich sagt er uns: "Ich weiß nicht."

Wir kamen in der tiefen Nacht in ein Gewirr von Booten. Wir lagen schon und schliefen. Wir hörten aber das Schiff bald rechts, bald links anstoßen, bis es plötzlich still lag. An einem schmierigen Regenmorgen erwachten wir. Hunderte von Schiffen drängten sich rund um uns ans Ufer. Dort reihten sich ein paar elende Gassen von Hütten aus Rohr und Laub auf, inmitten derer Garköche, von Hunden und Schweinen umlagert, ihr Geschäft in offenen Räumen betrieben. Aber über diesem Elend stand auf Felsen, Abhängen und Treppen eine bewegte, romantische und unbegreifliche graue Silhouette — die Stadt Jotschau. Merkwürdige Türme und Tempelgiebel streckten sich in den grauen Regen. Ich lief hinauf und eine Stunde durch enge Gassen, in denen sich große Menschenmengen um die Läden preßten, Hunderte von Gemüsehändlern mit wunderbaren weißen Rüben, Kohlköpfen wie aus dem Märchen, schwellendem Salat und Fischhändler mit meterlangen Barschen umhereilten und ihre Waren ausschrien. Sahn sie mich, so blieb ihnen auf einmal der Mund tonlos offen. Bizarre, abenteuerlich fremde Tempel schoben sich auf die Kante des Abhangs.

Vor Jotschau hatte der See sich wieder zum Fluß verengert. Wir mußten heut noch einen halben Tag rudern, um an seine Mündung in den Jangtse zu kommen. Ich war unruhig und wollte den Dampfer nicht versäumen. Aber wir fuhren nur auf Gutglück, denn wir wußten nicht, wann der nächste Dampfer kommen könnte. Ich traf den Boy mit einem Einkaufskorb. Wir gingen zusammen zurück. "Was hast du gekauft?" fragte ich. Er lachte und zeigte chinesisches Gebäck, Vermicelle und Seetang. "Nicht für den Herrn und die Dame!" sagte er. "Porc chops for master and missie!" Er zeigte eine ganze Seite schöner Schweinekoteletten. Dann erzählte er, wie er die machen würde. "Stewed, stewed!" sagte er mit Betonung. Sein Hankaumaster habe sie immer so sehr gerühmt. Den ganzen Weg sprach er von seiner Kunst, "stewed Porcchops" zu machen und von den Erfolgen, die er damit bei seinen verschiedenen Mastern errungen.

Das Schiff war schon zur Weiterreise bereit, als wir unten ankamen. Es stieß sich etwas gewaltsam zwischen den vielen Booten hindurch. Es regnete wieder. Es war windstill dazu. Die beiden Kulis setzten spitze runde Hüte aus Fasern auf und hingen Pelerinen aus zotteligem Bast um die Schultern. Der Steurer spannte einen großen roten Schirm über sich, und wir ruderten langsam mitten im breiten Fluß dem Jangtse zu, dessen Tal man drunten blaß im Regennebel zwischen schroffen Hügeln plötzlich erscheinen sah. Wir saßen fröstelnd in der kleinen Kabine. Sie war ganz geschlossen. Nur die beiden Türbretter waren ausgehoben und ein eintönig grauer Himmel schaute zu dem Loch herein. Die zwei Ruderer standen groß in ihm in ihrer struppigen, tierhaften Tracht und ruderten unterm Regen gleichmäßig, hart und unermüdlich, als hätten sie eine Maschinerie im Leib.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch
Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

STURM

Nachmittags kamen wir nach einer Fahrt von vier Tagen nach Tschenlingschi und an den Jangtsekiang. Der Dampfer war noch nicht da. Kein Mensch wußte zu sagen, wann er komme: ob heut oder morgen oder in acht Tagen. Der Ort lag höher als der Fluß. Der Fluß ging im Sommer bis an die Mauern der Häuser. Aber jetzt im Winter war, wie überall, ein breiter Platz zwischen Ufer und Dorf, und eine neue Siedlung war darauf entstanden: arme Hüttenstraßen, in denen der Schmutz, das Laster, der Gestank und die Arbeit zu Haus waren. Wir lagen etwas flußabwärts von den dunkeln und verworrenen Rudeln der Dschunken und Sampans, die sich unterhalb der Stadt erregt zusammendrängten. Ein kleiner Schleppdampfer rauchte zwischen ihren altertümlichen Masten, und zwei riesenhafte eiserne Leichter ankerten schwarz am Rand des Schiffsrudels der Flußmitte zu und zeigten, daß Europa bis hierhin wirkte. Im Hinterland lagen die Kohlengruben von Pinschiangpa. Tschenling hatte einen Aufstapelplatz dieses Unternehmens. Wir sahen in ununterbrochenen Ketten Kulis mit Kohlenkörben laufen, eine Arbeit ohne Besinnung in einem grauen Tag.

Den Ort kannten wir in der ersten halben Stunde. Es war nur eine lange schmutzige Gasse voll Handwerkskram und Läden, hatte ein Tor und Reste einer Stadtmauer. Außerhalb des Tors lagen die großen europäisch gebauten Zollgebäude. Der Schiffer hatte das Boot unterhalb des Tors nur leicht aufs Ufer auflaufen lassen. Das Ufer stand einige Meilen flußabwärts, wo das Jangtsetal heranstieß, in schroffen Felsenriffen kerzengrad in der grauen Luft. Eine Pagode stieg nüchtern unfern über einem Hügelzug auf.

Der Boy ging öfter zu den Chinesen, die die Vertreter der Dampfergesellschaften waren. Einmal brachte er den Bescheid, die "Kwei Li" werde für morgen erwartet. Dann lachte er geniert, wand sich und sagte, er mache dann zum Abendessen seine berühmten Schweinekoteletten, von denen er uns immer erzählt hatte.

Der Tag wurde lang. Es regnete wieder zäh und heftig. Die Wolken strichen durch die Pagode hindurch, verschlangen sie und spuckten sie wieder steil und nüchtern, ein plump gespitzter Steinklotz, wie sie war, in die Luft ... Sie setzten sich schwer auf die Hügel. Das Jangtsetal war nur ein Kessel von Grau und öder Traurigkeit. Wir schlossen den Käfig unserer Kabine dicht zu, streckten die Beine in die Bettsäcke und tranken einen warmen Wein. Wir warteten aufs Abendessen. Der Wind stieß das Schiff ein paarmal ans Ufer. Der Boy reichte den ersten Gang durch die Schiebetür. Es war Reis, zusammengekocht mit Stückchen des feinen, kernigen Mandarinbarschs, der im Siangkiang dreißig und vierzig Pfund schwer wird. Ich ging trotzdem noch hinaus, weil ich sehen wollte, was das Aufstoßen des Schiffes zu bedeuten hatte. Ich sah unsern alten Schiffsführer ans Ufer springen und das Schiff abstoßen. Er wies mich mit einer Handgebärde zurück. Der Steurer half ihm. Die drei Ruderknechte standen auf dem Vordeck und schlugen ihre langen Ruder heftig ins Wasser. Man wollte das Schiff wohl für die Nacht in die schützende Mitte der Dschunkenstadt legen, die ein Stück flußaufwärts sich am Ufer aufscharte. Wir kamen schwer weg. Der Wind war heftig und stieß das Schiff in kleine Sampans hinein. Die Sampanleute schimpften. Der Alte arbeitete mit dünn aufeinander gepreßten Lippen. Bevor ich zu essen anfing, ging ich noch einmal schauen. Die große Kugel unserer Seidenlampe mit den roten Schriftzeichen brannte schon. Die Dämmerung war schwer. Ich sah, daß das Schiff schon etwa dreißig Meter vom Ufer und rundum kein anderes Boot war. Der Wind strich aus dem Jangtsetal gegen die Strömung und kräuselte das Wasser. Auf den Wellen kochte leiser Schaum.

Plötzlich riß ein Windstoß das Boot auf. Es legte sich ein wenig. Die Kulis bogen sich über die Ruder. Auch der Alte ruderte. Aber der lange wütende Windstoß blies das Schiff dem Haufen der Dschunken zu, so stark die Männer auch ruderten. Da schleuderte der Alte hastig sein Ruder hin, erfaßte den Anker, warf ihn ins Wasser, und mit einemmal kamen Nacht und Sturm zugleich über uns hergefahren.

Die Wellen spritzten aufs Deck. Das Boot schaukelte. Der Wind umraste es heulend und stieß es krachend in der festen Ankerkette. Er warf Regengüsse an die Wände. Ich mußte die Türbretter vorschieben, und wir waren in die enge Kammer eingeschlossen. Sie tanzte wie ein Zauberkasten. Das Aluminiumgeschirr schleuderte vom Tisch, die runde Laterne hopste, die Stühle rutschten und schlugen um, die Koffer brachen in ihrem kunstvollen Aufbau zusammen. Alles warf sich durcheinander. Auf dem Boden lagen Kerzen, Eßgeschirr, Kleider, das Gewehr, Papiere und wir. Man konnte sich nicht anders festhalten. Schließlich flog die runde Leuchtkugel von ihrem Nagel, die Kerze erlosch. Gre begann in der Finsternis "große Seereise" zu spielen. In der Küche stöhnte der Boy, und die Frau Boy schluchzte, schimpfte und stieß Wehklagen aus. Die berühmten "Stewed chops" kamen nicht mehr.

Ich durfte Gres Fischreis mitessen. Sie hatte sich schließlich auf das breite Holzbrett geturnt, das die Tiefe der kleinen Kajüte einnahm. Das Segel mit seinen hundert Bambusstangen trommelte aufs Dach. Der Mastbaum, der durch unsere Kajüte führte, brüllte knatternd zwischen seinen Versteifungen, und bei jedem heftigen Hin und Her stöhnte er mit wildem Schmerz im Leib des Boots wie eine Gebärende.

Ich schob ein Brett aus der Tür und klemmte mich in den Spalt. Der Regen schoß wild auf mich nieder. Der Sturmwind fuhr wirbelnd aufs Schiff. Die Kulis ruderten nicht mehr. Die vier Männer lagen entkleidet vorn auf Deck mit den Händen in der Ankerkette. Der Sturm drückte uns mit dem Steuer nach vorn auf den dunkel erkennbaren Haufen der Dschunken zu. Wir waren keine zwanzig Schritt von ihnen weg. Ihre hohen Maste fuhren mit irren Schwankungen durch die dunkle Luft. Ihre Leiber donnerten aneinander. Aber in ihrer Mitte wäre die Rettung für uns. Die Männer hoben den Anker hoch. Der Sturm schmiß sofort hastig das Boot den Dschunken entgegen. Heimtückisch raste es den dunkeln aneinander tobenden Massen zu. Die Kette krachte wieder über den Bug, und das Schiff fuhr an ihr hoch, wie ein aufbäumendes Roß. Der Anker hielt. Wir wären sonst zwischen den plumpen mächtigen Fahrzeugen erdrückt worden. Von Dschunke zu Dschunke gingen Schreie. Alles war ein Gemengsel von Bewegungen, die in der Finsternis und im rasenden Geheul von Sturm und Nacht ertranken. Aber im Ort oben waren viele große, hell erleuchtete Fenster, und Musik erklang droben. Plötzlich jagt ein Kanonenschuß durch den brüllenden Sturm. Die Schiffer ziehen den Anker wieder hoch. Das Boot treibt den Leichtern entgegen, die ganz auswärts liegen. Die Leichter liegen undeutlich im Strom wie gefährliche Wälle aus dunklem Stahl.

Es waren Menschen auf ihnen. Sie standen hinter dem kleinen Aufbau des Steuerhauses, aus dem heraus sie das hüpfende Licht einer Öllampe beleuchtete, und schauten uns zu. Keiner half uns. Als das Boot so nah war, daß wir ihnen ein Seil hätten zuwerfen können, gingen sie ins Innere des Häuschens hinein. Unser Boot trieb, vom Sturm geworfen, schräg der schwarzen Mauer des äußersten Leichters entgegen. Der Leichter stieg wie ein furchtbares schwarzes Tier im sturmbewegten Wasser auf und ab. Der Wind bog unsern Mast mit einem grausamen Klang fest auf seine hohe Kante. Wir zerschellen an ihm!

So stand ich in die Tür geklemmt, festgeriegelt zwischen Leben und Tod. Ich fühlte die Tollwut dieser Nacht, die diesen Sturm durchdrang, diesen Ort, dieses Land überwogte, wie rasend um uns strudeln. Die vier in der Finsternis schweigend und verbissen arbeitenden Chinesen, die so toll waren, nur mit einem Anker gegen den Sturm in den Hafen flüchten zu wollen, und die Menschen auf den Schiffen, die uns nicht halfen, weil sie dem göttlichen Geist des Flusses die Opfer nicht entziehen durften, die er sich vielleicht ausgewählt. Hinter mir lag meine Kameradin, auf dem Boden stand in einem breiten Leuchter eine dicke, brennende Kerze, und ihr Licht schaukelte düster durchs Zimmer ... wir schwebten beide so zwischen dem wahnsinnigen Wind und der Tiefe des Wassers, vereinsamt in die schaurige Unverständlichkeit dieser fremdrassigen Nacht.

Und auf einmal stand das Schiff wieder, sein Hinterteil rieb sich heftig am Leichter, und an mir vorbei flog wie ein Schatten durch den Nebel ein nackter Mensch, zuckte wie ein schwarzer Muskel heftig auf die Kante des hohen Leichters hinauf. Ein Tau wurde ihm geworfen. Der Anker klirrte hoch, und das Schiff flog, am Tau gehalten und vom Sturm geworfen, mit einer erschreckten Schwenkung, wie ein Fisch, der an der Angelschnur gefangen davonrast, um den plumpen Klotz des Leichters herum, drehte auf einmal hinter ihm sacht ein und wurde dann, von den beiden Ungetümen vor dem Sturm geschützt, leicht an einem sicheren Platz verankert.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch
Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

AUF DER KWEI LI

Der Dampfer, der uns flußaufwärts bringen sollte, kam immer noch nicht. Die vielen Regentage und die Sturmnacht hatten unser kleines Boot mit Wasser durchsetzt. Man fühlte überall Feuchtigkeit. Wir liefen jede Stunde zum Chinesen, der die Agentur hatte; die Ungeduld ward fieberhaft. Wir ließen uns ans andre Ufer setzen. Es war eine unübersehbare flache Sandwüste, und Millionen von wilden Enten lebten drin. Wir gingen in der Verzweiflung durch den Sand, bis wir nichts mehr sahn, als den Himmel und die gelbe vogeldurchlärmte Einöde. Ich schoß nach wilden Enten und Gänsen. Jähzornig und unverletzbar strichen sie vor meinen Kugeln auf und davon. Dies war ihr Eiland. Hier war ihre einsame Insel, mitten in Asien, mitten in der Welt — das Reich der wilden Enten und Gänse. Weshalb kam man sie hierhin stören?!

Und wenn wir zurück nach dem Tschenglingufer kamen, war immer noch nichts von einem Dampfer zu sehn.

Am fünften Morgen wurden wir heftig geweckt.

"Er kommt! Er ist da!" rief der Boy.

Unser Boot ruderte schon die Strömung hinab in den Jangtse hinein, auf den Dampfer zu, der eine nur leichte Wendung auf Tschengling machte, als ob er sich zu landen noch überlegte. Dann stoppte er, fast mitten im Jangtse. Aber er warf keinen Anker. Die Knechte ruderten, daß die Stangen sich bogen. "Hund!" schimpfte ich voll Bangigkeit zu dem Riesenklotz hinüber. Aber wir erreichten ihn schließlich. Der Laopan warf sich mit einem Haken an die Bordwand fest.

Dort stand ein Chinese. Der sagte: "Kein Platz mehr frei. Wir können Sie nicht mitnehmen." Ich warf eine Handtasche hinüber. Die andern folgten meinem Beispiel. Koffer um Koffer ging über die Bordwand. Der Kapitän beugte sich auf der Kommandobrücke weit über die Reeling und brüllte:

"Kein Platz für Sie!"

Ich antwortete nur bei mir, das chinesische "maski" zurück ins Götzische übersetzend, hob Gre auf das kleine Fallreep, die Frau Boy kugelte ihr nach und lachte dazu, blaß und fern wie der Vollmond. Der Kapitän brüllte nochmals: "Ich sage doch: kein Platz mehr frei für Sie!"

"So werden wir im Mastkorb schlafen!" rief ich ihm zurück.

"Wir haben keinen Mastkorb!" schrie er wütend.

"Wenn Sie nur einen ordentlichen Whisky an Bord haben", brüllte ich hinauf.

"No", sagte er milder herab, "Black and white!"

Damit war unsere erste Unterhaltung geschlossen. Ich wußte, mit welchem Gentleman wir zu tun hatten. Der Dampfer fuhr schon. Er hieß "Kwei Li", was man mit "Rascher Gewinn" übersetzen konnte. Er gehörte zur "China Merchant Co.", einer chinesischen Gesellschaft.

Als der Kapitän und wir uns dann Aug in Aug sahn, war die gesellschaftliche Form, in der wir miteinander verkehrten, wie umgewechselt. Er bot uns seine eigene Kabine an. Aber ich sagte ihm, wir schlafen auf unsern Streckstühlen in unsern Schlafsäcken. Dann müßten wir wenigstens seinen Toilettetisch benützen. Aber auch das war überflüssig, da es ein ordentliches Badezimmer an Bord gab.

Verdammte Zeit! flüsterte er, alles ist von diesem "impossible people" besetzt und zeigte auf das Dutzend Männer, Frauen und Kinder, die sich in der ersten Klasse aufhielten, und in denen unschwer angelsächsische Missionare zu erkennen waren.

Dann leerten wir zusammen eine Flasche Whisky.

Unser Gepäck lag hin und her. Der Boy schaffte es zusammen in den Speisesaal des Schiffs. Der lag im Innern des obern Decks, zwischen die Kabinen eingeklemmt, ging aber nach vorn frei aufs Deck. Wir wußten nach nicht, was werden sollte. Die Koffer lagen schließlich in einem abgesperrten Gang hinterm Speisezimmer. Jeden Augenblick, wo man ging oder saß, erschien ein Herr, an dem einige Kinder hingen und grüßte mit einem überaus freundlichen Lächeln. Dasselbe machten die Damen. Ihre Toiletten waren ländlich. Als man schließlich auf all die so freundlich lächelnden Aufforderungen nie anders antwortete, als mit einem höflichen Lüften der Mütze, wurde man bei Gelegenheit zwischen Tür und Angel eingeklemmt und gefragt: "Are you going far?"

Diese liebenswürdige Fürsorge hörte erst auf, als die Herren sich vergewissert hatten, daß man nicht auch Missionar war. Es waren Kanadier. Ich sagte dem Kapitän, ich hielte ihn seinem Aussehn nach für einen Südfranzosen. Er war aber ein Inder. Er sagte, die Missionare gingen alle nach Ssetschuan hinauf und zum Tibet. Sie seien vor der Revolution geflohn und hätten seitdem in Schanghai in der Fremdenniederlassung den Mut abgewartet, wieder ins Innere zurückzukehren. Von der Bezeichnung "impossible people" ging er nicht mehr ab.

In einer Kabine war noch ein Bett frei. Eine alte Missionarin besetzte das andre. Dort wurde Gre untergebracht. Ich erkor mir als Schlafstelle den Platz auf dem alten roten Plüschsofa hinter der breiten Dampfheizung. Dann ging ich ins Bad. Ich eroberte es den Kindern der Missionare ab, die dort Ententeich und Feuerwehr spielten. Mit Hilfe des Boys, der mir einen Pack frischer Kleider brachte, setzte ich sie gewaltsam an die Luft. Er befreite mich von den schweren Kniestiefeln und dem Anzug, die neun Tage Feuchtigkeit und Regen eingesogen hatten.

Nach der Toilette erschien ich im Salon in Sandalen und Kniehosen. Ich setzte mich auf die Plüschbank. Nebenan saß eine der Frauen und erzählte den Kindern etwas. Puff! stürzt die ganze Horde auf mich los. Welche Sandalen! Puff! Sie bohren ihre Finger in die Ausschnitte hinein. Welche gelben Strümpfe! Puff! Welche Samthose! Puff! Ich zieh einen über und versetz ihm ein paar kräftige Hiebe. Aber sie nahmen die Sache nicht wie sie gemeint war, sondern als Laune, mit ihnen puffen zu spielen. Sie boxen mich an. Die dicke Mama, die mit einer goldnen Brille und einem gestauten fetten Gesicht daneben saß, ließ die Kinder gewähren.

Gre kam und setzte sich neben mich. Sie hatte einen zierlichen Reisefußschemel, der sich zusammenklappen ließ und für ihre kleinen Füße praktisch und zart war. Kaum hatte sie ihn für sich aufgestellt, als das Rudel darüber herstürzte und ihn sofort eintrampelte. Dann sollte es über meinen Apparat hergehn. Ich rettete ihn in einen Koffer. Mit Holdrio stürzte die zahlreiche Nachkommenschaft über das Kehrblech und den Besen, mit denen ein chinesischer Diener den Raum reinigen wollte. Die dicke Mama, mit der goldnen Brille, dem mancherlei Fett und dem gefrorenen Gesicht war in ihre Kabine gegangen. Dort hatte sie sich bei offener Tür auf ihr Bett gelegt und sang einmal ein religöses Lied aus einem dicken schwarzen Buch und einmal "I love you" aus losen Notenblättern. Alle Missionare waren derweil verschwunden.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Zieher an einer Schnelle

Wir schauten uns das Schiff an. Wir bewohnten als erste Kajüte einen kleinen Teil am Kopf. Es war ein riesenhafter Dampfer. Er gehörte einer chinesischen Dampfergesellschaft. Das übrige Schiff war durch drei lange Decks hindurch nur von Chinesen besetzt. Alles quoll vor Menschen. Alle Räume waren voll, alle Gänge waren mit ihnen zugestopft. Ganz oben war ein großes offenes Deck. Dort hatten sie sich mit Decken und Gepäckstücken kleine Kammern eingerichtet. Sie lagen auf Kotten und blauen kalkgedruckten Tüchern, und einer sang dem andern aus kleinen Büchern die alten Geschichten der chinesischen Volksliteratur vor. Wir fanden auch unsern Boy und die Frau Boy droben. Sie hatten sich mit unsern und fremden Stühlen eine wohnliche Kabine hinter einem Schornstein gebaut. Andre lagen auf dem Bauch und spielten Karten. Und auf einmal trafen wir auch die verschwundenen Missionare. Sie predigten hier oben und wollten mit schlauen Reden dem Konfuzius Seelen abfangen. Die Chinesen standen um sie herum, und der eine oder der andre warf spöttische Fragen in die Reden der Missionare, und alle lachten, wie Chinesen lachen, höflich aber deutlich: wir sind wir und du bist du, rede, mein großer Fremder!

Nachher bei Tisch unterhielten sich dann die Missionare über die witzigen Kniffe, mit denen sie in ihren Predigten den chinesischen Schweinen das Christentum näher brachten. Einer wetteiferte mit dem andern. Aber gegen allen Witz und die Milliarden, die Amerika und England in seine Missionen gesteckt hat, führten die Statistiken 150000 dem evangelischen Christentum gerettete chinesische Seelen an. China zählt 400 Millionen Menschen. Aber diese Missionare waren ja politische Agenten. Sie waren die Instrumente, mit denen die Fälle konstruiert wurden, die England den Anlaß geben, Kriegsschiffe zu schicken, Häfen zu öffnen und Macht zu erringen. Denn die europäischen Kanonen sind besser als die chinesischen, und für die Weltgeschichte hatte man ja die europäische Kultur.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Zieher

Der Kapitän gab mir die neuesten Zeitungen aus Hankau. Es stand viel drin über die Politik der Engländer in Tibet. Der Kapitän zeigte auf das "impossible people", als er mich auf die Artikel aufmerksam machte, und sagte, daß seit vier Wochen jeder Itschangdampfer mit Missionaren überfüllt den Strom hinauffahre.

Auf dem Schiff gingen viele Soldaten herum, die schwere schwarze Turbane auf dem Kopf hatten. Es waren ihrer einige Hunderte. Sie trugen Kakikleider, doch in chinesischem Schnitt. Es waren die ssetschuanischen Soldaten, die die Regierung vor vier Jahren gegen den Dalai Lama geschickt hatte. Die Engländer hatten sie gefangengenommen und sie nach Cales hinuntergebracht. Von dort fuhren sie über Singapore nach Schanghai und kamen endlich nach vier Jahren den Jangtse hinauf wieder in ihre Heimat zurück. Es waren schöne starke Burschen, etwas verkommen und verlaust, aber von einem gutmütigen Humor. Sie saßen den ganzen Tag in den Gängen auf dem Boden und suchten immer nach Flöhen. Ihre Strümpfe und Sandalen hatten sie sich aus Schnüren geflochten. Mit ihnen waren drei Soldatenmädchen. Es waren Tibetanerinnen. Sie waren grobhäutig und hatten breite Schultern wie Raubtiere. Sie waren schmutzig, wild, mit schweren schwarzen Köpfen und großen zornigen braunen Augen wie Lamas. Sie verließen nie den Liegeplatz im Gang an der Reeling. Ich wollte sie photographieren, aber sie drehten sich weg und drückten die Gesichter auf den Boden. Die Burschen lachten. Ich überrumpelte sie einmal. Da spuckte die eine mich an wie eine wilde Katze. Die Soldaten hatten auch noch eine vierte. Die soll sehr schön sein. Aber sie halten sie in einer Kammer verborgen.

Wir gehn so den ganzen Tag auf dem Schiff herum. Die Missionarskinder machen den Aufenthalt in der ersten Kajüte unmöglich. Zur Nacht wagt sich das Schiff nicht weiter. Es ist niedriges Winterwasser. Es ankert an einer Biegung bei einem kleinen Dorf und im Mondschein mitten im Fluß. Die Strömung preßt sich fest an seine Flanken, und es bebt die ganze Nacht hindurch. Die "impossible people" gehn Gott sei Dank früh zu Bett. Ich lege mich aufs Sofa. Der Boy hat mir ein Bett dort schön zurechtgemacht. Aus der Kabine der fetten Missionarin singt es noch eine Viertelstunde lang "I love you" und "Nearer o God." Dann schnarcht einer der Missionare. Die Dampfheizung zirpt, und manchmal geht ein jäher Klang durch sie. Man hört den Sand, den der Strom mit sich trägt, am Schiffsrumpf reiben.

Am nächsten Morgen ist Nebel, durch den die Sonne eine zaghaft kommende und gehende Wärme flicht. Der Wind treibt den Nebel. Dschunken erscheinen zurückgehalten in ihm, mit steilen Segeln stromab gehend. Die Maschine des Dampfers fliegt ununterbrochen, und das eintönige unverständliche Rufen des Tiefenmessers erklingt im Singsang beiderseits des Decks. Dieser Strom ändert Jahr um Jahr. Die Chinesen sagen: wenn das Wasser fällt, fällt der Boden. Wenn das Wasser steigt, steigt der Boden. Man weiß nie, wie man dran ist. Jeden Augenblick kann man aufsitzen. Um zehn Uhr kommen wir an einem japanischen Dampfer vorbei, der nah am Ufer auf Grund geraten ist. Aber den Japanern hilft kein Schiff. Wir fahren vorbei. Der Japaner heizt seine Kessel, und der schwarze Qualm zerfließt dick im dünnen Nebel. Auf einmal ist der Nebel weg.

Ich denke mir, hier ist jetzt kein Raum, in dem man eine Minute für sich und vor der Geschwätzigkeit der Missionare in Sicherheit sein kann. Ich nehme mir vor, mich in einer Arbeit vor ihnen sicherzustellen. Ich will unsre Erlebnisse auf Sumatra niederschreiben. Das Ufer gleitet nah vorbei. Es sind vom Strom zerbröckelte hohe Sandböschungen. Ein Rand Gras steht darüber. Strohhütten erheben sich manchmal wie kleine Pocken der Erde aus dem grauen Feld. Dahinter fließt die weite Ebene spärlich bewachsen. Der Jangtse ist gelb und fließt dick mit Sand gefüllt. Ein paarmal sehe ich, wie mächtige Rutsche Erde aus der Böschung jäh niederstürzen und von dem gierigen Strom verschlungen werden. Ich komme nicht ans Arbeiten. Das Land hat so etwas Neutrales und Ruhiges. Man ruht sich in diesem ewig gleichen Anblick aus. Karren mit vollen Holzrädern werden plump von Wasserbüffeln über die Kante der Böschung gezogen. Ein einsamer Wasserbüffel grast in der dürren Ebene. Sein Wächter sitzt hinten auf dem Gesäß des Tieres und schläft. Der Strom ist so mächtig und 1200 Kilometer von seiner Mündung noch breiter als der Rhein in Holland. Im Sommer wird er doppelt so breit. Man sieht weite, weiße Sandflächen, über die er des Sommers hindurchströmt. Jetzt haben sich provisorische Dörfer drauf erbaut, Häuser aus Holz und Ried.

Am dritten Tag dehnt sich der Jangtse zu weiten Seen aus. Weit übers gelbe Land liegen viele flache blaue Wasserschalen, in denen der Himmel glänzt. Wolken von Enten und Gänsen flattern aus ihnen auf. Sie ballen sich mit kinematographischem Zittern zusammen und verteilen sich in Schwärme, wachsen wieder zusammen. Sie sind bald wie schwarzes Konfetti und bald, wenn sie wenden und die Sonne die weißen Bäuche trifft, wie ein Durcheinanderflimmern silberner Kugeln. Wilde Schweine ziehn vorbei. Ein Schwarm Segler gleitet zu Tal. Ganz fern liegt ein weißes Dorf in grünen Bäumen. Dort ist das Ufer im Sommer. Eine Pinasse ist an Bord. Sie wird angefeuert, herabgelassen, fährt voran und steckt vorsichtig unsern Weg durch den See ab.

Am späten Nachmittag kommt die Stadt Schasi. Wir bleiben dort über Nacht. Ich geh allein einige Stunden durch die Gassen. Sie fallen bald aus der Dämmerung in die Nacht. Die Lichter erscheinen. Eine lange Straße gehe ich hinab. Sie will nicht endigen und ist voll Gedränge. Alle Häuser sind offene Läden. In allen Läden und in der Gasse schweben offene Lichter, Öllampen, hängen Seidenlaternen mit Schriftzeichen. In dieser Beleuchtung ist die Stadt ein angeräuchertes Durcheinander, wie auf einem alten holländischen Bild, aber geheimnisvoll von Fremdheit Überflossen.

Ich werde sacht geschoben. Die Geschäfte schließen rasch. Doch aus ihrem erlöschenden Leben taucht unversehens ein zweites Leben auf. Vor ihren Bretterverschlägen tun sich kleine Händler auf, vor jedem Laden ein Händler. Sie breiten ihre Schuhe, ihre Tücher auf dem Boden aus, nageln ihre Kleider, ihre Felle an die Bretterwände, Köche kochen in wandernden Öfen und beim Schein von Ölflämmchen in hoch aufgebauten Töpfchenreihen komplizierte Gerichte, Briefschreiber sitzen in ihren Winterkappen da, die ihnen eine wichtige Art geben, Wahrsager legen ihre Schildkröten aus, ein Scharlatan ordnet seine Töpfe und Flaschen, weiße Mäuse in einem klingenden Rad ziehn die Aufmerksamkeit auf ihn. Händler mit konservierten Enteneiern bieten die schmutzigen Dinger an und heben einigen die Kuppe ab, daß das schwarze gallertartige Fleisch, das wie eine polierte Trüffel hervorleuchtet, die Leckermäuler reize. Aber die meisten Händler verkaufen allerlei Kuriositäten: Keramiken, Stickereien, getriebene und ziselierte Handöfen, zinnerne Krüge und bronzene Räucherbecken. Es ist wie in Paris, wenn ein Arrondissement seine Messe hat. Ich kaufe einige alte Stickereien von einem Mandarinengewand: goldene Fohunde und Reiher in blauen Wolken.

Ich treibe weiter. Das Geschiebe der Menschen durchbricht mit wildem Gebrüll ein Rikschahkuli. Ein schlafender dicker Chinese sitzt in dem Gefährt. Er hopst wie ein Fußball. Ein Tragstuhl mit einem aufgeputzten und rot geschminkten Singmädchen gleitet vorbei. In einem andern sitzt eine schöne, zarte junge Chinesin. Singende Kulis eilen durch die Menge und schleppen auf Traghölzern schwere Steine in die Stadt. Alles Vorbeigehende ist immer nur auf Augenblicke zu sehn, im flackernden Schein von Lichtern, die sich mischen oder kreuzen. Und immer alles in den schönen samtigen Nebel der verräucherten vielfachen Beleuchtung getaucht. Der Vollmond steht über der Straße. Er steht dort nur, um eine lichtgrüne Decke über dieses dunkle bewegte Bild zu legen, die Zeichnungen des kunstfertigen und zarten Gitterwerks der Firmenschilder und die Drachen — und Reiherknäufe der aufgeschwungenen Dachenden als schwarze merkwürdige Silhouetten fern und unbeweglich über das Gedränge zu halten. Ich hülle mich in meinen Mantel, — und man sieht keinen Fremden in mir, und ich gehe ganz unter in der Fremdheit der nächtlichen, erregten Stadt.

Der Nebel hielt uns auf einmal mitten im Strom fest. Der Dampfer warf Anker. Ich spazierte auf dem obersten Deck. Die Missionare predigten. Die Chinesen lachten. Sie spielten Karten und saßen herum. Da zog ein Europäer, den ich noch nicht an Bord gesehn hatte, seine Kappe und sagte auf deutsch: "Schlechtes Wetter für die Fahrt." Ich nickte verbindlich ja. Der Fremde: "Der Herr ist in Tschenglin an Bord gekommen." Ich wie vorhin. Ich hatte keine Vorstellung, von wo er auf einmal aufgetaucht war, und mochte weiter nichts mit ihm zu tun haben. Aber er fragte zum drittenmal: "Der Herr geht seine Filialen besuchen?" Ich: "Meine Filialen, welche?" Der Fremde: "Der Herr ist doch der Chef von Arnsberg & Co." Also auf einmal war ich der Chef eines großen deutschen Ostasienhauses. Ich erkundigte mich, woher seine Information stamme. Er: "Oh, die Chinesen sagten es auf dem Dampfer."

Da kam einer der chinesischen Stewards die Treppe heraufgestürzt, an der wir standen: "Master, your boy, your boy!" rief er mir zu. Ich fragte erschrocken: "Was denn, my boy?" "He fight!" rief der andre aufgeregt und zog mich mit. Wir liefen den Gang hinab, dann eine Treppe in ein dunkles Loch hinein, wieder ein Loch und waren auf einmal in einem großen Raum, in dem es von Chinesen wogte. Überall ragten die hohen Turbane der ssetschuanischen Soldaten heraus, und in der Mitte sah ich aus einem hin und her schlagenden Knäuel den Kopf unseres Boys immer heraustauchen und verschwinden. Alle Chinesen schrein und heben die Arme. Ich dringe in das Wirrwarr hinein, schwimme eine Weile zwischen den brüllenden Menschen und zwänge mich durch. Kaum hat mich der Boy gesehn, als er wie ein Panther auf einen großen pockennarbigen Chinesen losstürzt und brüllt: "Der hat ihn gestohlen!" Andere dringen wütend auf den Boy ein. Ich schiebe sie zurück und frag': "Was hat er genommen?" Der Boy hebt seine Hand hoch und zeigt den Finger, an dem sein goldner Ring (seine Sparbüchse) sonst steckte. Der Ring fehlte. Der Boy sagte: "Den Ring hat er genommen und meine Mütze auch, sie hat 1 Dollar 40 gekostet." — "Wer?" — "Dieser Mann." Wutsch, hatte der die kleine Faust des Boys in den Zähnen. Ich schob die zwei auseinander. Ich fragte: "Wer ist der Mann?" — "Ein Angestellter des Kompradors", sagte der Boy. Ich bat den Chinesen, der auch Pidgin sprach, er solle zum Kapitän mitkommen und schob ihn hinaus. Er sagte lächelnd, es sei nicht wahr, er wisse nichts vom Ring. Der Boy stürzte, wie ein Tier aufs Futter, hinter uns her. Er hatte einen dicken roten Kopf und seine Augen waren blutunterlaufen. Ich fand den Kapitän nicht. Auch der Boy war auf einmal verschwunden. Die Sache wurde zu einem Kuddelmuddel, in dem ich nicht mehr zurechtkam.

Da ging ich zu dem einen Missionar, mit dem wir öfters sprachen und erzählte ihm den Fall. Er sagte mir: "Seien Sie vorsichtig und tun Sie gar nichts. Wir Europäer kommen nie durch ihre Konflikte. Überlassen Sie die Leute sich selber." Ich bat ihn, bei Chinesen zu erfragen, was losgewesen sei. Er kam bald zurück und erzählte mir, daß die Stewards Hankauchinesen, wie unser Boy, seien, die Kompradorsangestellten aber Kantonesen. Zwischen den beiden Teilen seien die ganze Reise schon Reibereien im Gang gewesen. Mein Boy habe sich auf Seite seiner Landsleute dran beteiligt. Die Feindschaft des Südens gegen den Norden! Einer der Kompradorleute sei heut morgen, während der Boy und die Frau noch in ihrer Stuhlkammer schliefen, hingegangen, habe gefragt: wo sind eure Fahrscheine? Der Boy habe ihm eine landesübliche unflätige Antwort gegeben. Da habe der andere die Decke von den beiden weggerissen und sei erzählen gegangen, er habe die beiden erwischt. Es entstand eine Keilerei. Die Soldaten stellten sich auf die Seite der Kompradorleute. Der Boy mußte in eine Stewardkammer flüchten.

Weiter bekam ich nichts heraus. Der Boy kam wiederholt und fragte: "Gibt der Mann mir meinen Ring wieder?" Ich sagte ihm: "Ich weiß das nicht. Das mußt du selber mit ihm abmachen. Ich bin ein Fremder, kenne eure Sprache nicht und kann nichts machen." Er sagte: "All right", ging und kam immer wieder. Endlich bat ich ihn energisch, mich ungeschoren zu lassen.

Inzwischen war der Nebel gegangen. Wir fuhren unter schön bewegten hohen Hügeln, und in der Ferne zogen Gebirgsmassen auf. Durchs Wasser jagten ganze Rudel von Fischottern. Dörfer und Städtchen lagen in grünen Hängen. Die Missionare packten alle. Wir hatten das Deck ganz für uns allein. In den Bergmassen in der Ferne lagen unsere kommenden Monate. Was brachten sie?

In der Dunkelheit kamen wir vor Itschang an. Der Dampfer ankerte im Strom. Ein Boot und ein Brief warteten auf uns, und wir wurden noch am Abend in eines der Häuser aufgenommen, die manchmal plötzlich wie eine heimatliche Insel in einer fremden Reise liegen und die Freunde für die Zukunft werden.

Unser Gastgeber war der europäische Zolldirektor der chinesischen Zollverwaltung; denn Itschang gehörte zu den "offnen" Städten Chinas. Er lebte in einem kleinen Palast, Gelehrter und Gentleman. Er wußte etwas von chinesischen Dingen.

Das Ehepaar hatte einen halbjährigen Sohn. Er hieß Tang. Dieser hatte eine dicke chinesische Amme, in der etwas buddhistisch Weltversunknes von Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Vorsorglichkeit war. Diese Tugenden sind die Gefahren auch, denn die Kinder, die in der Obhut chinesischer Ammen aufwachsen, werden aufs unerhörteste verzogen. Die dicke Amme zwitscherte von früh bis spät mit Tang. Alles war goody friend: Lämpu goody friend ... bath goody friend ... milk goody friend ... Sie turbelte ihn wie ein Puppenmännchen in den Händen herum und sagte: How fashion this man!...

Die Amme wurde von der übrigen Dienerschaft mit "Mutter" angeredet. Der Koch durfte gerade acht Tage lang nicht Mutter zu ihr sagen, weil er gespielt hatte. Es war ihm nur erlaubt, sie Schwester zu nennen.

Der bedienende Boy war ein älterer schlanker Mann. Ab und zu schleppte er sich herum, wie eine erfrierende Fliege. Dann verschwand er, und wenn er nach kurzer Zeit wiederkam, glänzten seine Augen, seine Schritte federten, seine Bewegungen waren feurig. Ein Geruch, süß und leise, nach Opium schwebte irgendwo aus einem Keller ins Haus herauf.

Der Kuli, der die Öfen besorgte und sonst nichts zu tun hatte, war ein altes verbeultes Tier.

"Alter Prinz," sagte ihm der Hauptboy, "der große Herr hat befohlen, du sollst im Schlafzimmer der fremden Herrlichkeiten heizen!"

"Ich werde es tun, Hausobermeister!" erwiderte der alte Prinz.

"Der große Meister", meldete die Amme, "hat heut Tauben gekauft und wird sie morgen braten."

Und als nächsten Tags die Tauben auf den Tisch kamen, sah ich, wie der "Hausobermeister" heimlich, als er seinem Herrn zum Bedienen die Platte hinhielt, ihm einen der Braten zuschob. Es war die fetteste und jüngste Taube. Der zweite Koch war der Meister. Eine alte Frau hatte keine andere Verrichtung, als die Klosetts zu besorgen. Ihr Titel war: "Herrliche Tante."

Am nächsten Morgen kam der Boy wieder und fragte, als ob ich ihn nie damit abgewiesen hätte: "Herr, bringen Sie den Kompradorboy nun ins Gefängnis?"

"Muß es gleich sein?" fragte ich scherzhaft zurück. "Ja!" sagte er ernst und mit fiebrigen Augen, "denn die Kwei Li fährt am Nachmittag wieder nach Hankau zurück und da geschieht ihm nichts, weil er seine Freunde dort hat und der Herr sich der Sache nicht mehr annehmen kann!"

"Geh doch zum Richter!" sagte ich ihm. "Mir hat er nichts gestohlen!"

Ich solle ihm dann wenigstens einen Brief mitgeben.

Dann schrieb ich auf eine Visitenkarte, er sei mein Diener. Später hörte ich, er sei mit der Visitenkarte zum englischen Konsul gegangen und, abgewiesen, zu den zwei andern Europäern, die in Itschang wohnten. Dann auf die Schiffsagentur und schließlich, als er nichts erreichen konnte, zu allen seinen chinesischen Bekannten in der Stadt, und er habe ihnen gesagt, auf der Karte stünde, der Kompradorangestellte habe ihm seinen Ring gestohlen und man solle ihn ins Gefängnis bringen.

Unser Gastgeber war der Zolldirektor der Stadt, die eine große Bedeutung hatte, weil in ihrem Hafen alle Güter des Jangtse- und Tibetgebiets auf den besonders gebauten Schnellenbooten bis Itschang gebracht und dort zum Meer oder nach Hankau weiter verfrachtet wurden.

Um tiefer stromaufwärts zu reisen, mußte man in Itschang sich ein Schnellenboot besorgen. Nam San, ein kantonesischer Kaufmann, der sich zur Flucht in der Revolutionszeit eines hatte bauen lassen, vermietete es uns mitsamt der Mannschaft. Wir zahlten eine feste Summe. Darin war einbegriffen: Lohn und Verpflegung von zwanzig Ruderknechten, fünf Schiffern und dem Kapitän, alle Ausgaben und Abgaben unterwegs für Hilfstreidler usw. an den Schnellen, einen Monat Aufenthalt in Tschungking und die Talreise nach Itschang. Man rechnete 30 Tage hinauf und 10 Tage flußabwärts, so daß wir voraussichtlich das Boot zweieinhalb Monate benutzten. Der Preis war in damaliger deutscher Währung 750 Mark.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

25. November.

Unsere Freunde begleiteten uns zum Hausboot. Es lag inmitten von Sampans und Dschunken. Es war eine Mittagsstunde, in der Sonnenglast und Wolkenschatten über die Berge liefen. Die Berge errichteten sich am Strom wie eine Reihe von Pyramiden. Das Boot war ein langes Fahrzeug aus hellem Holz, in den schönen bauchigen Formen gezimmert, die sich die chinesische Schiffbauerei bewahrt hat, aber für die Befahrung der Schnellen flachleibig. "Kwaze" war der technische Name dieser Hausbootart. Mittschiffs lagen unsere Räume, ins Fahrzeug halbversenkt. Hinter ihnen stieg das Steuerhaus wie ein kleiner Turm über das Dach, und vor unserer Türe lag ein langes Vorderdeck wie ein Altan. So waren die Boote gebaut, die die Jangtse-Schnellen besiegen mußten. Das ganze Vorderdeck war für die Ruderer und Zieher bestimmt. Als wir kamen, waren sie schon bereit zu fahren. Es waren ihrer zwanzig, junge und alte, mit nackten Beinen, kurzen, zerschlissenen, blauen Hosen und ausgewaschenen ganzen oder zerlumpten blauen Kitteln. Dazu kamen fünf Schiffer und der Laopan, der Führer. Der Laopan empfing uns. Er war klein und in der winterlichen Fülle der Kleider rund wie eine Kugel, hatte ein schlaues Gesicht mit einer krummen Nase, einem Knebelbärtchen und zugekniffenen Äuglein und trug einen schwarzen Turban.

Wir waren ungeduldig, in unsere Kammern zu kommen und uns einzurichten. Unsere Freunde gingen über den langen Steg, der das sumpfige Ufer überspannte, zur Stadt zurück. Wir stiegen die drei Stufen in unsere Räume hinab. Zuerst kam das Wohnzimmer. Es hatte vier große Schiebefenster. Ein Tisch stand in der Mitte unter einer europäischen Lampe. Ein Schrank für Geschirr war an eine Wand angebaut. In einer Ecke hatte unser Boy einen Blechofen aufgestellt und das Rohr zum Fenster hinausgeleitet. Der Raum war so hoch, daß ich mit den Fingerspitzen die Decke kaum erreichte. An das Zimmer schloß sich die Schlafkammer an. Sie hatte zwei Betten an den Schiffswänden und einen Gang dazwischen, der in eine dritte Kammer führte, in der wir unsere Koffer und allerlei Vorräte unterbrachten. Wir zogen alte Stickereien, die wir in einer Pfandleihe gekauft, aus der Kiste und behingen damit die Wände und stellten auf den kleinen Tisch in der Ecke einen bronzenen Mandarin und einen wandernden Holzheiligen, der einen Kopf wie eine Rübe hatte und aussah, als ob er, so wie er vor uns stand, aus einer Baumwurzel gewachsen war. Eine unserer dicken Seidenlampenkugeln hingen wir im Wohnzimmer und eine in der Schlafkammer auf. Auch mein Gewehr bekam eine Stelle, an der es gut zu sehen und rasch zu erreichen war. Aus der Abstellkammer führte eine Treppe und eine Tür in die Küche hinauf. Die Küche war zugleich Ruderhaus. Sie war schon in dem schräggestellten hinteren Aufbau, und der Steurer ging auf einem Brett, das quer vor der Tür in halber Höhe angebracht war, hin und her. Dieser hintere Aufbau reichte über das Dach unserer Räume hinaus und war über der Steuerbank nach vorne offen. In dieser Öffnung bewegte der Laopan den Baum des Steuerruders und schaute seinen Weg. Der Boy und die Frau Boy schliefen in einem Raum hinter der Küche, hoch über dem Wasser und dem Ruder. Ihr Bett füllte den ganzen Raum.

Wir richteten mit Eifer ein. Wir wollten uns gleich ein Zuhaus machen für die lange Reise. Das Schiff trieb derweil langsam flußaufwärts. In den Schlägen der Ruderer ruckelte es in regelmäßigen Takten. Das Schiff wurde nach der Landessitte gewriggt. Es hatte zwei Ruder, von denen jedes zwanzig Meter lang war. Sie lagen auf ausgebauten Balken zu beiden Seiten des Vorderdecks, und an jedem Ruder arbeiteten zehn Kulis. Einer sang vor. Auf dem Dach lag das Segel. Es war kein Wind. Das Segel war weiß und blau gestreift; hohe militärische Beamte reisten mit diesem Segel. Wir verdankten es wohl chinesischer Höflichkeit.

An diesem ersten Nachmittag fuhren wir nur schräg flußan ans andere Ufer. Kein Schiffer, der die obere Jangtsereise beginnt, wagt es, am ersten Tag weiterzugehen. Drüben wird dem Geist des Flusses ein Huhn geopfert. Aber wir sahen nicht, daß unsere Schiffer das taten. Sie zogen nur mit furchtbarem Lärm allerlei Balken hervor, stellten sie auf, legten die langen Ruder drüber und deckten das ganze Vorderdeck mit aus Bambus geflochtenen Matten ein. In der Mitte des Vorderdecks war eine Versenkung. Darin stand der Kochherd, und ein dicker, schmutziger Bursche, der aussah wie ein Neger, kochte Reis. Der Reis wurde in einem Holzfaß ohne Boden gekocht, das über eine eiserne Pfanne gestülpt und mit Säcken zugedeckt war.

Es war mir immer schon aufgefallen, daß die Chinesen sich ihrer üblichen zeremoniösen Verrichtungen enthielten, wenn wir dabei waren. Auch die Hunanschiffer, die uns den Siankiang heruntergebracht hatten, sahen wir niemals den Gott rufen und Papiergeld verbrennen. Rund um uns lagen andere Schiffe, die morgen mit uns die Reise fortsetzen wollten. Auf allen klebten rote Papiere, auf allen bumsten die Gonge und alle riefen den Gott, damit er merken sollte, daß ihm Opfer dargebracht wurden. Überall rundum verflammten Papiere.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Fischerboot

Wir sahen uns abends noch den Proviant an, den der Boy in Itschang gekauft hatte. Es war ein kleiner Hühnerhof, zwei geschossene Fasane, eine Seite Schweinsrippen, ein Kloben Rindfleisch und ein Lammschlägel, der ein Ziegenschlägel war, ein Sack Mehl, eine Kiste mit Dosen voll Milch und Butter. Ein Korb war angefüllt mit Kuchen- und Brotformen, die der Boy aus den Blechwänden von leeren Behältern hatte machen lassen. Eine Kiste mit deutschem Wein stand unter einem Bett, und wir freuten uns, in den kleinen, flußan in fremde Länder wandernden Stuben so üppig unsern Haushalt führen zu können. Wir hatten in Itschang Tassen und Schüsseln gekauft, billige chinesische Sachen, mit einfach stilisierten bunten Zweigen bemalt. Mit ihnen war der Boy nicht zufrieden. Das sei Kuligeschirr, sagte er und packte eine hohe Vase aus; sie hatte einen bauchigen Wulst und einen weiten Trichter. Sie war aus einem japanischen Bazar europäisch bemalt. Er hielt sie mir stolz hin. Ich fragte: "Wozu ist das?" Er konnte sich nicht erklären. "Me no save in English", sagte er schließlich, setzte sie nieder, und um zu zeigen, wozu sie diente, spuckte er hinein. Ich nahm das scheußliche Ding und warf es hinaus in den Fluß. Der Boy erschrak. Ich lachte ihn aus. Ich sagte ihm: "Me no ... spucken!" Er sah mich ganz ängstlich an. Es wurde kein Licht hinter seinen dummen, großen Krötenaugen. Dann sah ich noch, daß das Eßgeschirr des Boys und der Frau Boy in europäischer Art war. Es hatte goldene Ränder, und breite, geschmacklose Blumen waren um die fünffarbige republikanische Fahne aufgedruckt. Diese Industrie verdankt das Land der japanischen Betriebsamkeit, und durch dieses Loch zieht Europas technische Sieghaftigkeit in China ein.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Gräber abgestürzter Zieher

Kaum wurde es finster, so legten sich die Chinesen auf dem für die Nacht überdachten Vorderdeck in zwei Reihen nieder. Wo der eine den Kopf hatte, da hatte der aus der andern Reihe die Füße. Sie lagen ganz nackt nebeneinander, deckten sich in ihre Lumpen und waren gleich eingeschlafen. Unsere Lampe brannte lange zwischen den hellen Wänden und den Stickereien und über dem Tisch und unsern weiten Korbsesseln und über dem goldnen guten Mandarin, über dem Fasan und der Flasche vom Rhein. Es war ein Glück, so einsam in der Ferne zu wandern. Wir hatten die Fenster geöffnet vor der Nacht, die draußen stand. Der Fluß klang, und das fremde Land wartete.

26. November.

Ich erwachte. Es kam nur ein schwaches graues Licht durch die geschlossenen Schiebeläden über meinem Bett. Alles war mäuschenstill. Aber das Schiff fuhr. Ich fühlte es weich und geräuschlos gleiten. Ich öffnete den Fensterladen vom Bett aus und sah ein nahes Ufer dunkel, jäh und hoch hinaufragen. Da sprang ich auf. Wir hatten den ersten Aufbruch verschlafen. Wir fuhren in einer tiefen Schlucht. Die Morgensonne hob kaum Strahlen über den Rand der steilen Berge, die in mächtigen Buckeln von den Pyramiden, Kegeln, viereckigen Klötzen, hohen Sarkophagen, zerhackten Steilen, die ihre Grate bildeten, niederwärts in den Jangtse fuhren. In ihre bewegten Massen gruben sich Täler und enge Schluchten, in denen das Sommerwasser die Steine weißgewaschen hatte. Höhlen und Grotten schauten wie dunkle Augen aus den Steinwänden, und die Kanten der Felsenmassen hoch oben schäumten von krausen roten Herbstwäldern, die nur noch lebten, weil nie ein Mensch in ihre Steilheit gelangte. Auf Terrassen leuchteten später kleine weiße Häuschen; dunkle, ewig grüne Orangenwälder, in denen die goldnen Kugeln bis herab zu uns schimmerten, zogen sich hinter ihnen den Berg hinan. Über alle Hänge waren die milden Flammen einzelner sterbender roter Bäume aufgestellt, und verstreute Palmen erhoben sich neben ihnen sonderbar und befremdlich.

Es sah alles aus, wie von wilder Absichtslosigkeit geschaffen, die Flanken der Berge wie ihre unebenen Grate, die süße Zartheit der kleinen Einzelheiten wie die brutale Dunkelheit der ganzen Schlucht. Aber als das Auge gewohnt war, in die steilen, braunen Erd- und Felsenmassen zu schauen, sah es, daß alle diese Berghänge bis in den letzten Winkel und den äußersten schmalen Vorsprung von den Menschen bearbeitet waren. Wie Treppen stiegen die kleinen Gärten bergan. In steilen Halden krochen Obstbäume hinauf. Auf schmalen Steinplatten schmiegten sich die Häuschen an die Ackergärten an.

Wieder schiebt sich eine schwere Felswand aus dem Bergstock. Oben auf ihr liegt ein Dörfchen. Graue, breitdachige Häuschen drücken sich zwischen Gesträuch auf eine schmale Plattform. Über dem Dörfchen steigt der Fels weiter schroff zum Himmel. Das Dörfchen ist zwischen Himmel und Erde eingeklemmt. Mehrgeschossige Leitern verbinden es mit der Welt. Die Leitern stehen senkrecht und hoch an die Steinwände angeklammert. Wir sehen, wie oben gerade ein Mann sich über die Kante auf die erste Leiter schiebt, langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse herabklettert. Aber wir waren schon um die Flußbiegung, ehe er ganz unten ankam.

Wir haben anfangs immer nur hinaufgeschaut. Die fremden Höhenwände schwammen zwischen dem Glanz der blanken Himmelsstreifen und der dunkel strahlenden Bräune des Stromtales. Aber von unserm Schiff aus geht ein Seil ans nahe Ufer und scheint sich in den Felsblöcken, die dort übereinandergetürmt sind, geheimnisvoll weiterzubohren. Auf einmal schnellt das Seil hoch, und auf einer steinernen Kanzel erscheinen Mann um Mann, unsere Ruderer, gleiten über den Stein, das Ziehseil auf der Schulter und verschwinden jenseits wieder. Die Zieher kommen auf eine ebene Bahn, die in doppelter Haushöhe über das Geröll fuhrt. Sie watscheln in zwei Reihen. Ein jeder ist mit einem eignen Strick an das Ziehseil gebunden, und sie beugen sich alle vornüber. Der Kuli, dessen hartes, geschlossenes Gesicht mir gestern gleich auffiel, geht hinterher. Er befehligt die andern und zieht nie. Er ist der Vogt.

Hinter uns kommen und vor uns ziehen andere Schiffe talaufwärts. Ihre Zieher sehen wir in Haufen zwischen den Steinen herumklettern. Die Strömung ist nicht sehr stark. Hinter der Schlucht fließt der Jangtse rasch in die breite Ebene aus. Auf einmal hört droben der Weg vor einem hitzig und roh in den Fluß springenden Felssturz auf. Die Kulis stürzen zwischen den Felsblöcken dem Wasser wieder zu. Sie haben Strohsandalen an, die sie mit Schnüren an die nackten Füße binden. Im Nu sind sie auf dem Deck, haben die Ruder in der Hand und schlagen ins Wasser; nach vorn einen kurzen Stoß, das Ruder dreht dann in der Hand, indem es ruckweise wieder zurückgerissen wird. Der Vogt singt dazu. Er steht vorn am linken Ruder, drückt den Kopf in den Nacken, daß sein Hals frei ist, und reißt den Mund beim Singen groß auf. Am rechten Ruder löst einer ihn regelmäßig ab. Das ist ein kleiner, dicker Kerl mit einem frechen, lachenden Gesicht. Er könnte genau so gut eine böhmische Dienstmagd wie ein chinesischer Kuli sein, so sieht er aus. Sie singen um die Wette. Die Ruder schlagen gewaltsam ins Wasser. Das Schiff wird vom Ufer frei. Es geht langsam flußan. Die Strömung wirft sich stärker ans Boot. Es bleibt im Strom haften. Die Singkulis singen laut, schreien tirilierend, und auf einmal überfällt es die Ruderer wie ein Taumel. Sie springen hoch auf, wenn sie die Ruder zurückziehen und stampfen wütend nieder. Sie schreien, lachen brüllend und singen, arbeiten. Die Arme, die Lumpen, die Leiber, die Ruder fliegen. Der kleine Dicke steht ganz an der Spitze seines Ruders. Er hat es mit einer Hand beim Knauf und zieht so mit. Er reißt den Mund weit auf und gibt schrille, aufbohrende Töne von sich, die das Meckern eines aufgeregten Bocks mit dem rauhen Gebrüll eines Esels verbinden. Die ganze Schar liegt tief in einem wirbelnden Hexensabbat von Geschrei, Gestampf, Bewegung und Lachen. Sie ist an der Arbeit wie man auf unsern Bauernfesten beim Tanz ist, in einem johlenden Verlorensein an die krampfende, heiße Kraft der Muskeln. Das ganze Schiff erdonnert von ihrer Arbeitswut. Es ruckelt heftig und schwankt und drängt langsam durch die gurgelnde Strömung hinauf. Von den Schiffen, die uns folgen, dringt derselbe Lärm heran. Die ganze Schlucht schallt vom brünstigen Gebrüll der Arbeit. Große Weihe streichen über uns zahlreich durch die Luft und jagen zu den Felsenspalten hinauf. Schwerbeladene Schiffe gleiten auch an uns vorbei zu Tal. Sie haben fünfzig und sechzig Ruderer an Bord.

So ging es stundenlang, ohne daß die Wut der Ruderer sich merklich kühlte. Dann wurde das Schiff ans Ufer gerudert. Die Schiffer schlangen die Bambustaue um Felsblöcke und legten das Schiff fest. Die Kulis stürzten über das Faß mit Reis, das weiße, dicke Dämpfe ausschlug. Ein jeder haute mit einer Kelle seine Schüssel voll, hockte sich in die Knie nieder, und die Stäbchen schaufelten hastig den Reis in den Mund. Wir sind ihrer Neugier preisgegeben. Halb scheu, halb selbstverständlich kommen sie an unsere Fenster und schauen sich die fremdländischen Affen drinnen an. Einer, der keine Zeit verlieren will, löst seine Hose und setzt sich vors Fenster. Ich rufe dem Boy, er soll ihm einen geeigneteren Ort zeigen. Der Bursch springt erschreckt auf und läuft in seiner gelösten Toilette davon und beendigt das Geschäft anderswo.

Gleich nach dem Reis gehts weiter. In einer späten Nachmittagsstunde haben wir die Schlucht besiegt. Ihr Eingang liegt schwerfällig und zerklüftet umstürmt hinter uns, ein dunkler Spalt in der Erde. Die Landschaft weitet sich, und mit den wilden hingeworfenen Steinblöcken sieht sie aus wie eine ungeheure, von urhaften Katastrophen zersprengte Riesenstadt Neuyork, London, Paris, Berlin bis in die Fundamente und Untergrundbahnen hinab zerstört. In der Ferne hinter ihr schwingen leichte Hügelzüge auf. Wir laufen an einem Dörfchen an. Die Häuser verbergen sich alle in dichtem Bambuswald. Aber am Ufer ist fleißiges Getriebe. Dort sind lange Reihen von Schuppen, vollgestapelt mit den hohen Rollen der Bambusseile. Sie werden hier gemacht. Die Bambusstämme werden in schmale Streifen zerspleißt, diese Spleißen mehrfach durcheinandergezopft und ineinandergeflochten und das fertige Tau in einem Kessel über einem Erdlochfeuer ausgekocht. Unser Laopan ging gleich mit einem der Schiffer hinauf Tauwerk kaufen. Die Kulis sprangen an Land und setzten sich gleich auf den ersten Stein hin, um ihre Bedürfnisse zu verrichten. Eine Zahl anderer Schiffe lag vor uns. Der ganze Strand saß voll Chinesen, die jener Beschäftigung anheimgegeben waren. Schmutzige, verkrätzte Hunde kamen zwischen den Steinen angeschlichen. Jeder Hund stellte sich in die Nähe eines Mannes und wartete, und kaum war der Mann weg, so stürzte der Hund über die Mahlzeit. Bauern kamen mit Körben, um sich den Dung für ihre Äcker zu sammeln. Sie mußten mit den räudigen Hunden kämpfen. An einigen Stellen haben die Bauern irdene Töpfe in den Boden gegraben, in die die Hunde nicht hineinlangen.

Mächtige Dschunken drückten sich um unser Hausboot zusammen. Die Leiber der Dschunken waren breit gerundet und schwanger voll Ladung. Die Schiffswände standen hoch über unser Boot hinaus und machten unsere Zimmer dunkel. Haufen von Menschen, Männer, Frauen und Kinder, krochen unter den rund überdeckten Räumen herum und kamen an unsere Seite. Sie wollten uns alle sehen. Überall auf den Dschunken trieben sich zwischen den andern Reisenden Haufen von tibetanischen Soldaten herum. Das war uns nicht sehr recht. In Itschang hatten wir gehört, daß die Soldaten in Wanschien, einer Stadt, die halbwegs von unserm Ziel lag, entlohnt werden sollten. Man fürchtete, daß sie sich das nicht gefallen ließen. Das ganze Land war ohnehin von Soldaten, die die republikanische Regierung entlassen hatte, unsicher gemacht. Wir ließen die Läden schließen. Ich nahm die Flinte, und wir wollten durch eine Bambusschlucht die Bergwand hinangehen. Vielleicht gab es Hasen oder einen Fasan. Da leerten sich alle Boote. Die Soldaten und hundert andere Chinesen folgten uns, die Kinder des Dorfes liefen zusammen und schlossen sich an, die Tauwerkverkäufer ließen ihre Kunden stehen und kamen mit. Ich hatte gut sagen: "Dso, dso!" (Geht, geht!) Sie lachten nur höflich, nickten und folgten uns. Da drehte ich die Flinte um, hob lachend die Rohrmündung auf die Zudringlichen, und die ganze Karawane stürzte auf einmal zurück und auseinander wie eine Schar Spatzen, in die ein Schrotschuß kommt. Sie liefen, was sie Beine hatten, den sandigen Hang hinab und rasten dem Schutz der Seilerschuppen zu. Wir lachten ihnen nach und stiegen in die Einsamkeit der Berge hinauf.

Das Flußtal legte sich unter uns. Der Strom schoß mächtig durch das Gebiet der ungeheuerlichen Felsenwüste herab. Wir sahen die erste Schnelle, die wir morgen früh zu besiegen hatten. Auf einem Baum hockte ein großer, schöner Vogel. Das Laub verbarg halb seine Größe und sein Gefieder. Aber es war klar, daß es ein Fasan war. Ich schoß, und er fiel lautlos zwischen den Ästen herab. Wir stiegen hin. Es war kein Fasan. Es war ein schöner, schlanker Vogel, der Ähnlichkeit mit einem Fasan hatte, aber schmäler und zarter war. Gre war betroffen und gerührt von seinem lautlosen Hingang und seiner schmalen, farbigen Schönheit. Sie weinte eine Träne. Auch mein Herz war weich. Ich bin kein Jäger. Wir nahmen ihn mit. Als der Boy ihn sah, lächelte er überlegen: "Er ist nicht zum Essen." Ganz Utilitätsmensch war dieser Boy. Ich machte mir dabei das parallele Geständnis, daß, wenn ich nun wirklich einen Fasan geschossen hätte, mein Herz nicht weich geworden wäre. Aber die Kulis aßen ihn doch. Sie brieten seinen schmalen, nackten Leichnam in der riesenhaften runden Halbkugel über ihrem Herd, in der der Koch den Reis bereitete. Sie machten das sehr fachmännisch und sorgsam mit Gewürz und kleinen gehackten Gemüsen.

Ich machte auf einmal eine interessante Entdeckung: an der Hand der Frau Boy stak der gestohlene Ring. Er war unverkennbar, weil die Schriftzeichen lateinisch und nicht, wie üblich, chinesisch waren und obendrein ein verkehrt gezeichnetes S hatten. Ich sagte nichts mehr. Es war mir die erste rein chinesischen Angelegenheit widerfahren und klargeworden: der Komprador-Angestellte hatte dem Boy "das Gesicht" genommen. Der Boy wollte sich rächen, indem er durch eine falsche Beschuldigung den Gegner ins Gefängnis zu bringen versuchte.

Die Angelegenheit war nun erledigt worden — wohl durch die üble Nachrede, mit Hilfe meiner Karte. Aber ein Europäer hätte den Ring verborgen gehalten.

27. November.

Wir waren früh an der ersten Schnelle. Haufen von Booten lagen da und warteten. Wir sahen sie eines nach dem andern hineingehen, die großen, steifen Dschunken und die kleinen, schaukeligen Wupans, und dachten mit Aufregung an den Augenblick, wo die schießenden Strudel unser Schiff erfaßten. Die Bewegung des Wassers sah nicht so gefährlich aus. Aber die Schiffe gingen so langsam hindurch, ihre Zieher verschwanden im Felsengeröll des Ufers. Die Schiffer brannten Pulverfrösche und Papiere ab, um Gott zu Hilfe zu rufen, waren verbissen, stumm und heftig an der Arbeit, und in der Mitte des Stroms schossen die zu Tal gehenden Dschunken rasend im Strudel vorbei.

Endlich kamen wir selber dran. Wir lagen hinter einer felsigen Ecke, noch vor dem Strudel geschützt. Dann rief der Laopan etwas vom Steuerruder. Der kleine Schiffer, der mit seinem Schnauzbart und seinen kleinen, fremden Augen einem Seehund glich und den wir nach diesem Tier nannten, schlug auf eine Trommel, die vor ihm stand. Alles, was an Bord bei uns war, stieß mit Stangen das Schiff vom Gestein ab, auf das es zutreiben wollte. Alle brüllten auf einmal. Das Seil schnellte, unsichtbar gezogen, über den hohen Steinen straff auf. Es hing fast in der Tophöhe des Mastes. Das Schiff legte sich tief über, glitt erst zurück und fiel dann in die strudelnde Schnelle, in der es aufsprang und am straffen Seil angespannt hin- und herging. Die Schiffer stürzten alle auf das lange Vordersteuer und hoben es ins Wasser. Sie hängten sich dran, um mit ihm das Schiff hinüberzudrücken und sangen schreiend den Takt zu ihrer gewaltsamen Arbeit.

Auf einmal fuhr, wie ein erschreckter Ruf, ein Krachen durch das Holz des Schiffs. Der Boy stürzte nach vorn, der Seehund fiel die Treppe herunter in unser Wohnzimmer. In einem Augenblick waren Tische, Stühle, Schrank hinausgeräumt, die Bodenbretter hochgehoben, und wir sahen das Wasser in einem armdicken Strahl durch den Bauch der Kwaze ins Schiff einschießen. Wir waren auf einen Fels geworfen worden und leck gesprungen. Draußen klang die Trommel. Das Wasser füllte rasch die Kammer, in der das Loch war. Zwei Männer begannen es auszuschöpfen. Einer trat auf das Loch. Sie schöpften wie rasend. Wir sahen das Wasser allmählich geringer werden, und bald kam der Boden zum Vorschein. Er war nur aufgekracht, nicht durchlöchert. Wir gaben ein Kissen her. Der Seehund riß es auf und stopfte die Daunen in die Bruchspalten. Die andern fuhren fort zu schöpfen. Der Schiffer schlug die Daunen mit einem Meißel immer fester hinein. Das Wasser floß immer dünner durch die splitterige Wunde.

Inzwischen ging das Boot weiter und war auf einmal mitten in der Schnelle. Alle waren ganz stumm, und die nicht am Leck Beschäftigten hingen am Baum des Vordersteuers. Die Trommel klang eintönig und wild in die Muskeln der Arbeitenden. Das Seil fuhr straff gespannt über die Steine des Ufers. Manchmal schoß ein Krachen hindurch, als ob es bersten wollte. Wir sahen nun auch die Zieher. Sie hatten fremde Hilfe bekommen, und wenigstens fünfzig Menschen hingen zwischen den Steinen niedergebeugt am Ende des Taues. Wir sahen nicht, daß wir vorwärtskamen.

Lauter und eindringlicher ging die Trommel. Auf dem Felsen saßen zwei Fischer und schauten nicht einmal herüber zu uns. Sie zogen gleichmäßig geduldig kleine Netze an Gabeln immer wieder durchs Wasser. Eines der roten, mit Soldaten besetzten Rettungsboote stand in einem Felsloch und war bereit. Vor uns hing eine mächtige Dschunke im Schnellen. Das Wasser spritzte vorn an ihr hoch. Ein nackter Chinese stieg im Uferwasser hinter einem Seil her, das sich immer zwischen Steinen verfing. Wenn das Tau der Dschunke risse! Wenn die Schnelle die Dschunke auf unser Hausboot schleuderte!

Am Ufer richtete sich ein gescheitertes Schiff hoch auf. Es war an Land gezogen worden. Das Tal scholl von den Schreien der arbeitenden Zieher. Auf der Dschunke schlug man den Tamtam und brannte Pulverfrösche ab. Drinnen in unserm Zimmer deckte man das Leck zu. Es ging noch ein zweites Kissen voll Daunen hinein. Dann brachte der Koch seinen ganzen, warmgequollenen Reis. Der wurde in einer dicken Schicht über das Leck gestrichen und festgeschlagen. Ein leerer Petrolbehälter wurde aufgeschnitten und drübergenagelt. Meine ganze Nagelkiste ging drauf. Aber es kam kein Wasser mehr herein.

Wir siegten uns langsam durch die Schnelle hindurch. Wir brauchten dreiviertel Stunden, um hundert Meter zu machen. Die Kwaze glitt oberhalb der gefährlichsten Stelle auf das sandige Ufer. Ich mußte ans Land, den Ziehern zuschauen. Hinter uns wollte noch eine ganze Schar Dschunken durch die Schnelle. Ihre Treidler schrien zwischen den Felsen. Das hatte ich nie gesehen: diese selbstvergessene Wucht der Arbeitskraft, diese Energie der Muskeln und das rasende Einordnen des Willens in einen Zweck. Wir liefen ihnen entgegen. Sie kamen aus einer Sandmulde in Steingeröll. Sie lagen zwischen den Steinen und hingen am verästelten Tau. Sie beugten sich tief auf die Erde und krallten sich an die Blöcke fest, bohrten sich in das Geröll hinein wie Schrauben. Sie preßten die Beine gegen die Felsen und spannten eine jede Muskel ihres Körpers in den steinernen Rahmen, zogen und schwitzten und wandten ihre Augen nicht ab von der nackten Erde, an der sie hingen. Die Adern sprangen und die Muskeln sprangen. Das Schiff hing fest und minutenlang unverrückbar am Tau in der Schnelle. Das Tau federte und krachte. Die Vögte gingen von Mann zu Mann, streichelten ihnen über den Rücken und beobachteten mit Geieraugen ihre Muskeln, und sangen: Zo oh ohe! Je ue uhe! Je wei o ho! Und die Zieher preßten sich in die Seile und skandierten das Lied der Aufseher mit kurzen, hart herausgestoßenen: Hä, hä! Hä, hä! für sich in der Tiefe ihres Wesens die angespannte Kraft des Leibes zu einem Laut werden lassend. Die Vögte brüllten und drohten und schossen wie Bluthunde von einem zum andern. Das Schiff ging langsam hoch. Die Zieher bohrten sich von Stein zu Stein weiter.

Es waren alte Männer unter ihnen mit grauen Haaren und altersmageren Beinen und Knaben mit glatten, hageren Körpern und ganz jungen Gesichtern. Die Knaben hatten graue Fäden in ihren langen, schwarzen Haaren. Verlumpte Weiber waren mit ans Seil gespannt. Eine war schwanger. Die andere eine idiotische Greisin. Das Schreien und Rauschen des schnellenden Flusses raste um die Boote. Zwischen den Steinen sang der Wille der Menschen wütend und laut: Zo oh ohe! Je wei o ho! Und die Muskeln knirschten kurz, hart und wild wie eine bergan stampfende Lokomotive: Hä, hä! Hä, hä!

Das war eines der größten Menschenerlebnisse der Erde und meines Daseins. So gab es Hunderte von Millionen Kräfte in diesem Land. Das Land war so alt, und seine Menschen führten ihr Leben in Formen, die uns fossilienhaft närrisch schienen, und hatten sich doch diese Urkraft des Willens und diese Brutalität der Natur bewahrt. Was vom kommenden Erdenschicksal hielten sie in ihrer Kraft gebunden?

28. November.

Hoch in den Felsen zieht der Zieherweg. Er ist in die glatte, senkrechte Felswand eingehauen; wie der Weg eines Ungetümen, vorsintflutlichen Wurms steigt er in Windungen auf und ab, aus dem Gestein gefressen. Droben gehen die Zieher. Sie schweben am Seil über der Tiefe. An einigen Stellen sind Ketten in die Wände eingelassen. Die Steine sind von den Leibern, die sich jahrtausendelang arbeitend und in Angst vor dem Abgrund angedrückt haben, glattgeschliffen.

Das Tal ist ungeheuerlich und anmutig. Die Zeit hat in ewigem Wechsel Burgen, Türme und gotische Kirchen aus den Graten der Berge gehauen, die Luft fließt um diese dunklen, strahlenden Gebilde. Altäre schauen mit farbigen Götterbildern aus hohen Felswänden. Die Höhlen sind von Opferfeuern geschwärzt, und kein Mensch weiß, wie die Beter hinaufgekommen sind. Felsberge bersten aus den gewaltigen Hängen heraus und führen ihre Schichtung in ungeheueren gewölbten Bogen gebrochen durch die Bergflanke. Dörfer und Städtchen liegen in schmalen Streifen oben in den Bergwänden, eingeschlossen in herbstbunte Tuffe von Bäumen, die golden und granatrot sind und einen Schimmer von Grün bewahrt haben. An einsamen, kahlen und dunkeln Stellen bauchen sich die Kugeln einiger uralter, schwerer und grüner Dattelbäume über kleine weiße Tempel. Ein Landschaftsgefühl von verfeinerter Art hat sie so gestellt. Oft brennt hoch oben in den Hängen von braunem, dürrem Sperrgras die einzelne Flamme eines schmalen Herbstbaumes wie eine große, rote Edelsteinsäule. Kleine, weiße Ziegen hängen in Scharen zwischen den Sträuchern und laufen über die Kanten der Abgründe. Die großen Weihen schweben aus den hohen Felsen nieder und durchstreifen schreiend über uns die Luft. Alles ist Größe, von Anmut beschienen. Das ist China.

Der Singkuli ruft den Schrei der Weihe nach, und die Ruderer fallen ein: Dallalalala! rufen sie. Damit rufen sie den Gott des Windes, und wenn der Wind das Segel straff buckelt, dann hüten sie sich, diesen Schrei weiter auszustoßen. Die Kulis wechseln oft zwischen Ziehen und Rudern.

Wir übernachten am Fuß eines hochgebauten Städtchens. Wir waren dem Schiff vorausgegangen und hinaufgestiegen. Das Städtchen war steil gebaut. Die äußersten Häuser standen zum Teil auf hohen Pfählen überm Abhang. Die Hauptgasse führte manchmal auf Brettern über die Höfe und Dächer der unteren Häuser, und wenn sie keinen Platz hatte, mitten durch die Stuben der Chinesen. Unfreundliche Menschen kamen in die Türen und gingen an uns vorbei. Die Kinder riefen uns feindselig nach.

Drunten im Jangtse sahen wir, schon in der Dämmerung, unser Hausboot gegen eine Schnelle kämpfen. Wir gingen hinab. Es wurde rasch Nacht. Das Boot war schon festgemacht, als wir unten ankamen. Unsere Lampen brannten. Der Laopan wollte uns etwas sagen. Ich mußte den Boy als Dolmetscher rufen. Der Laopan wollte uns erzählen, daß diese Schnelle der Schin Tan sei; jetzt gebe er sich noch harmlos, aber wenn wir wieder herunterkämen, dann sei er die gefährlichste Schnelle des Jangtsetales. Vielleicht aber wollte mir der Laopan etwas anderes sagen. Ich merkte, er vertrug sich nicht mit unserm Boy, und der Boy fuhr ihn manchmal jähzornig an. Ich fragte den Boy: "Wer sind die Leute, die immer hinten im Ruderhaus sitzen und nicht mitarbeiten?" Er sagte: "Sie gehören zum Kapitän." Und erzählte, daß nur der eine von ihnen sein Freund sei. Der Laopan wollte von diesem für die Mitfahrt sieben Tael haben. Er habe aber kein Geld mehr.

Die Leute waren also ein Nebengeschäft vom Boy oder vom Laopan. Sie benutzten die Gelegenheit, daß wir ein Schiff gemietet hatten, um billig zu reisen. Da nannten wir sie "Die Gratisblitzer". Es schienen sonst ordentliche Gesellen zu sein. Der Geldlose war Verkäufer und ein anderer war Arbeiter in einer Gewehrfabrik. Mehr konnten wir nicht erfahren. Es war auch ein ganz Dicker unter ihnen, der den ganzen Tag irgend etwas aus seinen Taschen heraus aß. Man hatte mir erzählt, daß Chinesen mit Vorliebe auf dem Schiff eines Europäers reisen, weil diese Schiffe vor den Flußräubern sicherer waren, als die Dschunken.

Wir aßen zu Nacht. Es war wunderbar, in dieser fremden Einsamkeit zu zweit zu hausen, und wir waren glücklich und immer neu gespannt von dem mannigfaltigen rätselhaften Dadraußen. Wir schoben ein Fenster in der Nacht auf. Der Schnellen rauschte. Die Nacht war finster, wenn man sich ins Fenster legte. Aber hatten wir eine Weile hinausgeschaut, so sahen wir plötzlich die Berge ihre schwarzen Bogen jäh über unsere Stirn aufbauen. Wir hatten sie ferner und sachter gedacht und erschauerten. Andere Boote lagen rund um uns mit einigen verdeckt brennenden Feuern und rasch lärmenden und verstummenden Rufen. Im Berg gegenüber gingen ein paar Lichter geheimnisvoll nach oben.

29. November.

Vom Hügelstädtchen steigt der Hochzeitszug Zum Fluß hernieder, rasch, rot, und die Geigen Säuseln in den klingenden Gong hinein. Die Gaben brüsten sich auf schönen Platten. Im roten Stuhl sitzt rotverhüllt die Braut, Um die der Zug so feierlich, so fremd Zum Jangtseboot den Hang hinab sich windet. Wir stehn im Sand und sehn die fremde Sitte Und sehn den Kahn den Fluß hinübergehn; Der Zug entsteigt ihm, bildet feierlich sich neu, Bewegt sich langsam, rot, musikumrauscht Jenseits den Hang hinauf, auf dem das andre Städtchen In grauen Mauern liegt und wartet. Der rote Tragstuhl, der die junge Frau Aus einem Städtchen in das andre Städtchen, Aus einem Kreis in andre Kreise trägt, Geht hoch, geheimnisvoll verschlossen in dem Troß ... Und aller Geigen helles Singen, Und all das schüttelnde Getön der Becken Und der Posaune Ruf aus alter Bronze Umhüllt ihn, wie ein Rausch von fremden Rätseln. Wer bist du, Frau? — Wir standen neben dir Und konnten dich, Verhüllte, doch nicht sehn. Wir hielten offen unser Herz dir, Feierliche — Dein roter Stuhl blieb hart verschlossen. Wir haben dich geliebt, Geheimnisvolle; Denn fremd wie deine Nähe war, So fremd, wie dich der Gäste und der Geiger Zug Von einer Stadt zum andern Städtchen trug, So fremd sind unsre eignen Schritte uns, Wenn sie dem Glück entgegengehn.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Das Salzdorf

Nachmittags.

Die Ufer sind überall mit ganzen Völkerschaften von Ziehern bedeckt, und an den stärkeren Schnellen ergänzen sie die Bewohner der nahen Berge. Der Boy steigt jetzt an jeder Schnelle aus. Die Frau Boy wäre nicht um ein Hundert schönster Nephritspangen an Bord zu halten und kollert mit den abgebundenen Füßchen, die in hellseidenen, blumenbestickten, fingerhutgroßen Schuhen staken, über die Steine. In der kühlen Witterung war es bei ihr mindestens acht Kleider kalt, und sie sah in all dem Zeug, das sie nach chinesischer Sitte übereinander anzog, aus, wie ein Spatz, der sich aufbläst. Der Boy trägt in unserer Handtasche unser Geld, die Dokumente und die photographischen Platten. Die Gratisblitzer folgen ihnen. Die ganze Gesellschaft läßt sich stets sofort bei einem Garkoch nieder und fängt an zu essen. Der Beleibte schlägt dabei alle andern. Sie lassen sich jedesmal Tee geben, essen ein Körbchen voll Erdnüsse, eins voll Sonnenblumenkerne, eins voll kleiner Orangen, drei bis fünf Reiskuchen, die in großen Scheiben locker gebacken sind, sechs bis zehn dicke, geröstete und überzuckerte Maiskugeln. Bäuerinnen hausieren zwischen den Steinen, Hütten und Schiffen mit allerlei eßbaren Dingen, die sie in Körben tragen, und auch bei ihnen kaufen die Eßfreudigen noch Vorrat für die Fahrt bis zur nächsten Schnelle.

Nur der arme, magere und bleiche Verkäufer streicht um die Buden herum und kann sich nichts kaufen. Auf dem Schiff geben ihm die andern mit zu essen. Reis bekommt er aus dem Faß der Kulis, soviel er will. Den Gratisblitzern genügt der Reis nicht. Bald bringen sie sich ein Stück Schwein, bald ein Stück Ziege und dicke Bündel von schönem, saftigem Gemüse mit. Wenn der Koch mit seinem Reis fertig ist, bemächtigen sie sich der großen Eisenhalbkugel und kochen und braten darin mit viel Umständlichkeit und Sorgfalt ihre Sachen. Der Boy hockt zwischen ihnen und ißt mit und redet ganz großartig, wie ein General, immer gegen den Kapitän.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Goldsieber

Die Kulis kommen an unsere Fenster, wenn wir gegessen haben, schauen ein Weilchen herein und stecken dann den Daumen in den Mund, indem sie dabei die Faust hochheben. Anfangs dachten wir, sie wollten etwas zu trinken haben. Aber sie baten uns nur um die leeren Weinflaschen. Sie sammelten sie mit Leidenschaft, denn für jede Flasche bekommen sie hundert Käsch, das war soviel wie ein Tagelohn. Zwanzig Pfennige! Wenn sie gut gearbeitet hatten, gaben wir ihnen Zigaretten. Sonst rauchten sie alle zwanzig aus einer Pfeife, die sie aus einem Bambus gemacht hatten, und in die eine Pille ihres haarfein geschnittenen gelben Tabaks ging. Sie drehten sich auch aus den dunkeln Tabakblättern dicke Zigarren. Sie sahen aus wie Schweizer Stumpen und wurden in einem Metallpfeifchen geraucht. Auch dieses Pfeifchen war gemeinsamer Besitz. Die Zigarren waren furchtbar stark, aber schmeckten nicht schlecht. Sie waren würzig und derb.

30. November.

Wir wollten den Jeh-tan nehmen, eine der heftigsten Schnellen. Wir waren mitten drin. Die Schlepper hingen weit vor uns im Sand am Tau. Ihre Zahl war wenigstens verdreifacht worden. Die Schifferknechte warfen sich heftig auf das Vordersteuer. Aber das Boot konnte das Bug nicht gradaus halten. Die Wirbel drückten es heftig zur Seite. Auf einmal schoß es längsseits in den Strudel. Leute liefen aus den Verkaufsbuden am Ufer heraus. Auf den wartenden Schiffen hinter uns kamen alle heraus, um zu schauen. Der Seehund schlug auf die Trommel. Das Tau springt weg. Wir stürzen in der Schnelle sausend zurück, wieder flußabwärts. Der Boy fährt wütend aus seiner Kammer auf den Laopan am Steuer, brüllt ihm ins Gesicht, stößt ihn weg, nimmt selbst das Ruder und brüllt immer wieder dieselben Worte, während er den Balken führt: "Muo dau, bu chau! Muo dau, bu chau!" (Ich fragte nachher. Es heißt: "Du bist ein schlechter Trottel!") Das Schiff gleitet von dem gefahrvollen Zusammenstoß mit den flußab wartenden Dschunken weg und treibt in der Mitte des Flusses hastig zu Tal. Auf dem Vorderdeck haben die Schiffer die Arbeit hingeworfen. Der eine mit den stachelig aufgerichteten Haaren, das Stachelschwein, schimpft. Alle schimpfen auf einmal zurück auf den Laopan. Am wütendsten ist der kleine Pockennarbige mit dem breiten, runden Rücken. Er ist ganz Gift und Galle. Dann setzt er sich vorn auf den Steuerbaum. Er sitzt da wie eine jähzornige, dicke, häßliche Eule. Der Laopan ruft Befehle. Niemand folgt. Alle schimpfen ihn an. Die Eule dreht sich nicht um und wettert giftig mit seinem galligen abgewandten Gesicht und mit kurzen Worten. Eines der roten Rettungsboote war uns gefolgt. Aber die Strömung treibt uns von selber sacht dem Ufer zu.

Als wir zwei Stunden später, so weit waren wir den Fluß hinabgeworfen worden, von neuem in die Schnelle gingen, riß das Ziehtau. Auf einmal fiel es lautlos in zwei Stücke auseinander. Aber die Schiffer hatten das Boot vorher mit einem andern Tau an einen großen Stein am Ufer festgemacht. Wir trieben nur gegen das Ufer. Die Zieher hatten gleich ein anderes Seil und zogen uns mit stöhnendem Seufzen aus den rasenden Wirbeln.

Den ganzen Tag über endigte das Gekeife zwischen Mannschaft und Laopan nicht. Sie fuhren immer wieder gegen ihn auf. Der Boy stand neben ihm auf der Steuerbrücke und schimpfte ihm zornig ins Gesicht. Den Laopan schien es wenig zu kümmern. Er antwortete kaum mehr.

Die auseinanderschweifenden Berge sammelten sich wieder, wogten ineinander hinein, ein jähes Tor von Felsenbergen und Pyramiden schlang uns ein; die Grate zackten sich stürmisch übereinander. Wolkenreiter fuhren in dunklen Scharen hindurch, preßten sich in die wilden, herbstlich gefärbten Seitenschluchten. Die Ufer waren felsenhohe Halden, aus Sand und zahllosen Steinblöcken aufgetürmt.

In einer solchen Landschaft legten die Schiffer das Boot in der beginnenden Dämmerung zwischen mächtige, hohe Ssetschuan-Dschunken. Über die Brüstungen der Dschunken beugten sich Scharen von tibetanischen Soldaten, um in unser Wohnzimmer zu schauen, in dem die Lampe schon brannte. Die Läden waren noch offen.

Beim Landen erneuerte sich der Streit mit dem Laopan. Nun rupften ihn die Zieher. Er hockte vorn zwischen ihnen und schimpfte abgewandt in die Dunkelheit hinein. Wir stiegen, um dem Lärm zu entgehen, zwischen dem Geröll hinauf. Aber wir kamen nicht bis an das bewachsene Land. Wir setzten uns oben auf einen Stein. Die Nacht war schon da. Auf den Schiffen unter uns brannten verhohlene Lichter und Feuer. Chinesen strichen unerkennbar zwischen den Steinen herum. Einige von den tibetanischen Soldaten schienen unter ihnen zu sein. Der Strom rauschte. Die Schlucht war in die Finsternis der Nacht gesunken und doch schroff und wüst in ihren Massen, die wie dunkle, stöhnende Atemzüge der Erde dann und wann aus der Nacht heraustauchten. Wir sahen mitten im Strom mit Geschrei und dem polternden taktfesten Lärm der Ruderschläge, dem dumpfen Skandieren der Ruderer, wie eine wilde Jagd, zwei große Gespensterschiffe den Schnellen herabstürzen. Wir sahen es und sahen es nicht, so wie die kernige Finsternis mit den Augen spielt. Es war fremd und kalt.

Wir stiegen hinab in unser gutes, warmes Wohnzimmer. Der Boy brachte das Nachtessen. Das Essen war merkwürdigerweise immer bereit. Er erzählte dabei, daß im vorigen Jahr an dieser Stelle des Nachts zwei Amerikaner in einem Hausboot von Chinesen überfallen wurden. Die Chinesen schnitten ihnen in den Betten die Hälse durch.

Eine der Dschunken, auf der Soldaten fuhren, stieß, von der Strömung gedrängt, mit einem dumpfen Gedonner an unser Boot. Wir erschraken. Der Boy sagte mit einem lächelnden Gesicht, uns könnte so etwas nicht geschehen wie den Amerikanern. Er ging ins Schlafzimmer und brachte die Büchse herein. Er sagte "Angenommen ... so macht der Herr piff paff!" und gab mir die Büchse.

Wir schliefen schlecht. Die ganze Nacht war durchwühlt von tausend Geräuschen. Schließlich kam ein Geräusch immer wieder. Ein kleiner Feuerschein zuckte über die Decke des Wohnzimmers, die ich von meinem Bett aus sah. Der Lärm war vielleicht im Wohnzimmer, vielleicht draußen. Das konnte man nicht unterscheiden. Ich stand geräuschlos auf. Neben dem Bett lagen die Büchse und ein Revolver. Mit dem Revolver ging ich nach vorn. Das Wohnzimmer war leer. Aber vorn auf dem Deck lärmte es. Es war noch nicht drei Uhr. Ich zog die Tür auf, und aus dem Ofenloch lachte mich das fette Negergesicht des dicken Koches an. Um diese Zeit machte er schon Feuer und stellte den Reis auf, mit dem die Zieher ihren Arbeitstag begannen.

1. Dezember.

Wir fahren noch immer in der Schlucht. Alle Flanken und Flecken der Felsen sind mit Obstgärten, kleinen Äckern, Wiesen von zahlreichen Menschen ausgenutzt. Das sieht sehr lebendig aus. Aber schön ist es erst, wo das violettrote Herbstgesträuch auf Stein schäumt: das sind blühende Felsen, eine senkrechte norddeutsche Heide im Sommer. Die Bergwände sind lebendig von ihrer Schönheit, vom Fleiß der Bauern und der rufenden Arbeit der Schifferknechte. Immer in Rudeln treiben die Boote zu Tal. Es kommen wuchtige Fahrzeuge; sie haben hundert Menschen an ihren langen Wriggrudern, und alle sind in der heißen Bewegung von Dampfmaschinenkolben, der heiligen Bewegung des Erschaffens. Einer steht zwischen jedem Ruderpaar in der Mitte hoch über die andern heraus. Er hat ein langes Rohr in der Hand und streichelt und prügelt damit. Er steht da wie der Taktschläger in den alten Kriegsgaleeren und singt den Takt für die mit kurzen Schlägen arbeitenden Ruderer: Si-e, si-e! Das Si-e, si-e zieht wie atemlos rasche Peitschenhiebe durch die arbeitende Masse auf dem Schiff. Und der Chor nimmt ab, feierlich fast: Ho e ho! Alles ist mit Gut bepackt. Die Waren überschwemmen die Dächer der Schiffe und sind an den Seitenwänden angebunden. Die Dschunken liegen tief im Wasser. Sie eilen mit dem Fluß schwer der Welt zu, die auf sie wartet. Heute überfuhren wir die Grenze von zwei Provinzen und sind nun in Ssetschuan.

2. Dezember.

Im frühen Tag, aufgeweckt durch den furchtbaren Lärm des Aufbruchs, stieg ich den Berg hinan. Gre pflegte noch ihren geliebten Morgenschlaf. Am Ufer zwängte sich eine lange, schmale Stadt mühsam in ihre grauen Mauern. Die Berge wichen hinter ihr zurück und fuhren fern mit merkwürdigen Launen durch die Landschaft. Die Schlucht lag nah hinter uns. Ein Berg schoß mit jähem Bogen an ihrem Eingang in die Höhe. Ich stieg durch Erbsenäcker und Hirsefelder bergan. Alle diese Pflanzen sind mit der Richtschnur eingesät, und sie leuchten in ihrem ersten Grün vor saftiger Kraft. Die Bauernhäuschen, die braun und grau, schilfbedacht kaum aus den Steinen und Äckern herausschauten oder sich in Bambusbüschen bargen, verrieten sich nur durch die kleinen Rauchsäulen ihres Morgenfeuers. Der Geruch des nassen, brennenden Holzes mischte sich in die Düfte, die von den Grashängen und den Wäldern herniederfielen. Hunde kamen mir von weitem entgegengesprungen. Sie waren gepflegt und ungebärdig und stellten sich mit wütender Energie. Die Frauen flüchteten vor mir in die Häuser. Die Hunde kamen mir nach. Ich sah drunten das Boot friedlich und langsam am Ufer hinaufkriechen. Es überholte mich; bald sah ich nur mehr das Segel, dann verschwand es hinter den Felsen des Ufers. Über mir stand unter einem weiten, schweren Baum ein weißes, kleines Kloster und davor ein hoher steinerner Greif. Ich wollte noch hinauf und photographieren.

Unten kam August über eine Sandkuppe. August war der Schiffskuli, der aussah wie ein böhmisches Dienstmädchen. Er war ein pausbäckiger Junge mit blonden Haaren und vielen Sommersprossen, kurz und dick, und von der großen, humorvollen Gutmütigkeit, die im Namen August, den wir ihm gaben, für uns zu liegen schien. Als er mich über sich sah, rief und winkte er mit aller Energie, ich solle zurückkommen. Der Laopan hat ihn geschickt, dachte ich mir, und ich kümmerte mich nicht um sein Winken. Ich stieg dem Kloster zu. Dem Laopan lag an einer raschen Reise, weil er im Pauschale bezahlt wurde.

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