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Auf dem chinesischen Fluß

IM SÜDEN DES SEES (continued 3)

Reading edition

August stürzte mir nach und holte mich bald ein. Er sagte etwas. Er zupfte mich am Ärmel. Ich kniff ihn in seine dicken Backen und gab ihm eine Zigarre. Ich zeigte auf das Kloster. Aus seiner Tür trat in diesem Augenblick ein grau gekleideter Mönch, der zu uns herabkam, sich vor mir verbeugte und mich anredete. August deutete: nein! und zeigte aufs Schiff zurück.

Da dachte ich mir, daß mich der Mönch zum Eintreten eingeladen habe; ich faßte August am Genick und schob ihn mit. Ich verbeugte mich tief vor dem Mönch, und wir traten ein. Wir kamen in einen großen Raum, dessen Vorderwand aus geschnitztem Holzwerk bestand, das mit weißem Papier überklebt war. Es war eine Schule, und eine Anzahl Buben saßen in den Bänken. Einige ergriffen atemlos erschreckt die Flucht. Über den Schulbänken ragten Entsetzen einflößende Götter ins Dunkle der Decke hinauf. An einem Pult saß ein schöner, alter Mann mit einem milden Gesicht und einer hohen, merkwürdig gebundenen Mönchsmütze. Er stand auf, kam heraus und schüttelte sich die Hände, indem er sich oft verbeugte. Die Kinder, die den Mut hatten, sitzenzubleiben, schauten mich groß und mit offenem Mund an. Ich wurde durchs Kloster geführt. Hinter dem Schulraum lag ein Höfchen. Ein kleiner Tempel mündete hinein mit Göttern aus Gold und Farben, die bedrohlich von der Höhe ihrer Altäre auf uns niedergrinsten und in gespreizten, erschreckenden Stellungen die Glieder verrenkten. Auf der andern Seite führte eine runde Tür in den Empfangsraum. Ich wurde unter hundert Verbeugungen dort hineingeleitet.

Ein Chinese kam herein, während wir umhergingen. Er wandte sich an einen der Mönche. Der nahm ihn mit in den Tempel. Sie stellten sich zusammen vor einen Altar. Der Mann brannte Papiergeld ab und zündete eine der papiernen Spiralen an, die von der Decke herabhingen. Der Mönch schlug oft auf einen Gong und schien laut zu beten. Er verrichtete allerlei Zeremonien um den Mann und den Altar. Dann ging der Mann wieder.

Wir setzten uns nieder. Ein Mönch drehte mir eine Zigarre, schob sie in seine Metallpfeife, und ich rauchte einige Züge daraus. Ich bekam Tee, Orangen und Sonnenblumenkerne vorgesetzt, und als wir gingen, gab man August einen Sack voll süßer Kartoffeln mit. Ich ließ dem Mönch ein Häuflein Käschstücke in die Hand gleiten. Da verdoppelte er die Portion der Kartoffeln.

Wir gingen schräg durch Erbsenäcker zum Fluß hinab. Die Kwaze lag in einer Bucht festgemacht. Alle winkten mir Eile zu. Ich ließ mich gemächlich über die Steine hinabgleiten. Gre lag im Fenster und zeigte mir ein riesenhaftes Butterbrot. Da machte ich rascher. Unser Frühstück war an jedem Morgen eine Verrichtung voll Poesie. Das Schiff zog langsam dahin. Die schöne Landschaft und der Strom schauten zu den Fenstern herein. Unsere Stube schwamm wundersam durch den aufgefrischten Tag.

Heute floß Schnelle um Schnelle. Jede zwei Stunden kämpften wir uns durch eine hindurch, bis die steilen Bergklötze aus dem weiten Land sich wieder zusammendrängten, eine Schlucht uns in ihre dunkle, gepreßte Straße nahm und Felsen und Berge in abenteuerlichen, feierlichen und brutalen Gebilden sich hoch über uns errichteten.

3. Dezember.

Ein Weg war oben in die Felsen gehauen und folgte allen ihren Windungen. Es schien eine Verkehrsstraße zu sein, nicht nur ein Zieherweg. Von Weile zu Weile gingen beladene Menschen droben. Große Inschriften waren über dem Weg in den Felsen gehauen. Wir waren in der schönen, gewaltigen Fong Siang-Schlucht. Der Weg war in die glatten Felswände hineingegraben. Die Zieher gingen nicht bis zu ihm hinauf. Er führte etwa dreihundert Fuß hoch über dem Wasser. Die Zieher durchkletterten die Felsenmassen, die am Ufer sich übereinandertürmten. Wir sahen sie manchmal gefährliche Kletterpartien machen. Hinter uns kam eine große Dschunke. Ihre Arbeiter und Kulis brüllten, daß das Tal scholl. Sie schienen uns überholen zu wollen. Die Dschunke hatte gegen hundert Zieher. Ihr dickes Tau ging schon über unsern Mast hinweg. Da sahen wir, wie auf einer schroffen Felsbank die Scharen ihrer Zieher mit unsern Kuli sich einen Augenblick mischten. Das Seil der Dschunke verfing sich gerade hinter einem Stein. Ein Kuli sprang hin und schob es los. Es war armdick. Es schnellte mit einem drohenden, grollenden Laut in die Luft und jagte, wie eine Peitsche für Ichthyosauren von Stein zu Stein und auf die Felsplatte zu, auf der die Zieher an die Seile gespannt lagen. Es schlug in die Gruppe hinein. Die Menschen schwankten, stürzten hin, zwei überschlugen sich; sie glitten bis an die Kante des Felsens; sie griffen hoch in die Luft; aber die Tiefe besaß sie schon, und sie fielen haltlos hintenüber und sausten ohne Schrei und ohne Laut hinunter ins Wasser. Das Wasser hatte sie gleich in seinen Strudeln zermalmt und vergraben.

Die andern ziehen weiter. Es ist nichts geschehen. Es sind keine Menschen vom Fels gefallen. Die Treiber brüllen, die Kulis singen und ziehen. Die Schar der Hundert trennt sich allmählich aus dem Haufen unserer Zieher und strebt rasch vorwärts. Die schwere Dschunke gleitet nah an uns vorbei und überholt uns.

Wir wissen nicht, ob die Ertrunkenen zu uns gehören. Ich frage den Boy. "Was weiß ich!" lächelt er. "Angenommen, sie seien tot, so gibt es in Kweitsou tausend andere." Ein Menschenleben war eine vorüberhastende Sekunde. Sie stürzten in Scharen durch die Tage. Sie ertranken spurlos in den kommenden. Es warteten Millionen, sie zu ersetzen.

Als das Schiff zum Reisessen anlegte, sprang die Schar unserer Zieher lustig und johlend zwischen den Steinen herab, dem Boot zu. Nur einer hinkte nach. Das war ein plumper, großer Bursch. Er hatte einen dicken Kopf und ein Gesicht, wie eine Bogenklampe mit einer großen Nase und einem langen verbogenen Mund. Die Äuglein verschwanden in all den wurzelhaften Dingen dieses Gesichts, und wirre, unordentliche, nie gekämmte Haare fielen unter dem weißen Kopftuch heraus. Er hatte einen steifen ungefügen Körper in einen Haufen flatternder Lumpen gekleidet, die aus allerhand Fetzen bunt zusammengestückelt waren. Auf seinen großen Füßen ging er mit komischer Plumpheit einher; und er lachte uns immer mit seinem faltigen Gesicht und seinen Schweinsäuglein zu, sobald er uns sah, und je fester gerudert wurde, um so mehr lachte er, als sei es eine ganz komische Geschichte, so wild zu arbeiten. Wir nannten ihn das Nilpferd.

Aber heute kam er mit einem elenden Gesicht lange hinter den andern. Er hinkte, kroch aufs Schiff und setzte sich auf den Balken vor unserer Tür. Als wir später die Tür öffneten, standen sie zu vier dort und die andern zeigten ihn und sagten etwas. Er hob seinen großen Fuß hoch, und wir sahen, daß auf der Sohle ein tiefer Fetzen herausgerissen war. Gre wusch die Wunde und verband den Fuß. Das Nilpferd zeigte sich sehr befriedigt. Er saß auf dem Balken, schlug das Bein mit dem verbundenen Fuß hoch über das andere. Alle sahen es, und er schaute es immer bewundernd an. Abends wurde er wieder verbunden. Der ganze Trupp scharte sich umher, um zuzuschauen.

4. Dezember.

Ein Pfad ging zu dem Felsenweg hinauf. Wir ließen uns an Land setzen. Der Weg windet sich an den Felsen entlang, klettert auf und ab, biegt sich um Schluchten, in denen Sommers wilde Bäche niederstürzen. Einmal hängt ein Felsberg mit ungeheurer Masse schräg weit über den Weg geneigt. Auf den einsamen und weglosen Höhen wohnen Orang-Utans, die manchmal Steinblöcke auf die Schiffe herabschleudern.

Ein Häuschen ist an die Steine geklebt, in dem die Zieher Tee und Essen bekommen. August kommt uns entgegen. Er hat die Treidlerbande verlassen, weil er uns durch diese wilden Fährlichkeiten leiten zu müssen glaubt. Ich kaufe ihm vier gekochte Enteneier in dem Häuschen. Er bricht die Schale ab und bietet uns immer zuerst an, bevor er selbst ißt. Er geht stumm hinter uns. Nur wenn der Weg zu schmal wird, tritt er zwischen Gre und die Tiefe, wartet, bis sie vorbei ist, und lacht. Wir überholen zwei Zieher, die sich einsam daherschleppen. Der eine ist ein Knabe, der andere ein älterer Mann. Beide scheinen sich innerlich verletzt zu haben. Sie sind bleich und rasten jeden Augenblick. Tief unter uns fließen Schiffe zu Tal. Andere ziehen den Strom hinan. Wir sehen unser Segel idyllisch dahinstreben. Leute kreuzen unsern Weg, die an Stangen die papierverklebten großen Körbe mit Baumöl oder Säcke mit Reis tragen. Der Weg ist wie eine schmale gewundene Rille im Fels. Der Fels steigt in wunderbarer Masse noch 1500 Fuß über ihn, nackt, glatt und fürchterlich.

Schließlich wird der Weg etwas breiter. Unter einer riesenhaften goldenen Inschrift im Felsen sind einige Haufen von Steinen aufeinandergelegt. Wir fragen August. Er spricht nicht. Er weiß, das verstehen wir nicht. Er stellt sich an den Rand der Tiefe, wirft den Kopf hintenüber, reißt den Mund starr auf, schließt die Augen zu und zeigt mit beiden Händen unter sich in den Abgrund. Wir erschrecken, aber wissen gleich, daß das die Darstellung des Verunglückens ist und daß die Steinhaufen mit den Baumsäulchen und der großen Inschrift symbolisch Gräber abgestürzter Zieher sind.

Der Weg führt um den Berg herum, noch einmal hoch hinauf. Die Schlucht ist gewaltig, und um einen Berggipfel schlingt sich ein Wolkenkranz. Tragende Menschen glänzen an den Wegbiegungen schwarz über der Tiefe. Drunten schallt der Gesang der Ruderer. Der Weg fällt in ein Seitental. Der Fluß verschwindet. Wir gehen durch Äcker, umsteigen einen anmutigen zauberischen Berg, auf dem sich weiße Tempelanlagen in rotflaumigem Herbstwald leuchtend einbetten, und kommen in eine verfallene Stadt. Zwei Tore in Ruinen, eine lange Mauer im Verfall, armselige verkommene Häuser, schmutzige Menschen. Die Straße führt mitten durch ein Haus hindurch. Manchmal kommt der kleine Wegaltar eines Gottes. Aus einer dieser Nischen schaut die heilige Frau Kuan Jün. Am Rand des Steins stehen zwei Paar roter blumenbestickter Schuhe. Sie sind ganz winzig, so groß wie eine Streichholzschachtel. Frauen, denen der Wunsch nach Kindern von der Göttin erfüllt wurde, haben sie hingestellt, und Frauen, die mit diesem Wunsch der Göttin sich nähern, sollen sie mitnehmen und wenn ihr Schoß fruchtbar geworden, neue hinstellen. Gre nahm sich ein Paar, liebste schöne heilige Kuan Jün aus China!

Wir sahen den Jangtse wieder. Er fließt in einem breiten Bett. Wir gehen auf der halben Höhe eines weitansteigenden Hügels, der mit Gräbern übersät ist. An einem Grab am Wege sitzt ein Chinese und schreit und klagt. August wiederholte seine Darstellung des Todes, schlug sich aufs Herz und wischte sich die Augen aus. Das heulende Wehklagen des Trauernden erklang schauerlich in dem dürren Grasberg. Eine blaurote Sänfte kam schwankend über den sandigen halb abgerutschten Weg. Eine tote Frau saß drin.

Unter der Ebene am Flußufer steigen Hunderte von blendendweißen Rauchwolken heftig aus einer großen Niederlassung, und hinter diesem seltsamen Ort baut sich auf einer Plattform über den Fluß grau und streng, wie alle Städte in diesem grauen sonnenlosen Tal, das große Kwei-tschu-fu auf. Die Mauer, mit regelmäßigen Zinnen, umgürtet die Stadt, weit ins Gebirge hinauflaufend. Eine dünne, glatte weiße Pagode sticht auf einem hohen Berg in den Himmel.

Wir kommen zu der Niederlassung mit den vielen blendendweißen Rauchwölkchen, die so ungebärdig in die Luft quellen. Es ist ein Salzsiederdorf. Nur im Winter besteht es; denn es liegt eigentlich im Flußbett des Jangtse. In einem tiefen ausgemauerten Erdloch fließt eine Quelle, die salzhaltig ist. Eine Treppe führt hinab, und Hunderte von Kulis schöpfen ununterbrochen Wasser in ihr. Sie bringen es auf einen künstlich angelegten Hügel über der Quelle. Dort stehen zahlreiche Fässer. Aus jedem Faß führt eine Bambusrohrleitung zu einem Salzsiedekessel. Die Kessel liegen über großen, in die Erde gebauten Öfen. Jeder Kuli gießt sein Wasser in das Faß, das seinem Arbeitgeber gehört. Das Wasser läuft in dem Bambusrohr zum Ofen, verdunstet eilig mit festgeballten schneeweißen Wölkchen über der Hitze und läßt das Salz in der großen Eisenpfanne. Die weite Niederlassung wimmelt vor Arbeit. Hunderte von Menschen hasten und schaffen durcheinander. Aus einer nahen Kohlengrube bringen seltsam schöngebaute Kähne die Kohlen zum Heizen.

Wenn im Sommer der Fluß steigt, fliehen alle diese fleißigen Menschen, und der Jangtse überströmt bald die Quelle und die vielen großen Ofenanlagen.

August bekam Schelte, als wir wieder beim Boot anlangten. Aber ich sagte: "Laßt den August ruhig!" Sie lachten alle verbindlich und versuchten "ruhig" nachzusprechen. Die Kwaze schob sich dann bald in die lange Reihe von Dschunken und Wupans, die sich unterhalb Kweitschu Fus am Ufer zusammendrängten, die Kulis gingen an Land. Es war wie überall. In langen Reihen saßen Chinesen am Ufer und verrichteten, von Hunden umlagert, ihr Geschäft. Auf dem breiten Winterstrand hatte sich eine ganze Stadt gebaut. Große Reisläden, Ärzte, Händler mit alten Kleidern, Garköche, Teelokale, Töpferniederlagen, Bordelle ... alles durcheinander in geraden Straßen und mit Häusern aus Brettern, Bambus, Petroltins und Mattenwänden. Wir gingen auch oben durch die graue Stadt, gefolgt von Scharen von Männern und Kindern, denen wir eine Sehenswürdigkeit waren. Es gab mancherlei kunstfertige Dinge zu kaufen. Der Boy mußte für neue Lebensmittel sorgen. Er kam nachher mit seinen Einkäufen und zeigte sie uns. Er hatte Hühner und Fasane; sie kosteten etwa vierzig Pfennig das Stück. Hundert frische dicke Eier hatte er für zwei Mark gekauft, und schönes knochenloses Rindfleisch für sechs Pfennig das Pfund. Schweinskoteletten waren etwas teurer. Kräuterig gewürzter schmaler Schinken aus Jüan, kräftig und wohlschmeckend wie der beste Ardenner, war für achtzehn Pfennige das Pfund zu haben gewesen. Kleine Orangen kosteten sechzig Pfennig das Hundert. Nur Holzkohlen, mit denen unser Ofen geheizt wurde, waren verdächtig kostspielig, und ich unterhielt mich über ihren Preis etwas scharf mit dem Einkäufer. Der Boy wußte natürlich einen Grund für diese besondere Teuernis. Die Verkäufer hörten an seiner Sprache, sagte er, daß er ein Hupehchinese sei und die Ssetschuanleute verkauften dem gehaßten Nachbar deshalb die Kohlen so teuer.

Plötzlich erscheint das Nilpferd lachend an der Tür. Er ist schön zurechtgemacht, trägt Kleider, die zwar nicht neu sind, aber doch nicht nur aus Löchern bestehen wie die ersten. Er hat den Vorderkopf reinlich ausrasiert, die Mähne gestrählt und in ein sauberes weißes Tuch eingefangen. Als Gre ihn sah und auf die Umwandlung deutete, indem sie: "Chau di!" So bist du schön! sagte, schmolz er vor Glückseligkeit. Er verbeugte sich mit weiten Schwankungen und einem wilden Hintenausschlagen zwanzigmal vor ihr. Er machte ganz verliebte Schweinsäuglein, alle Falten seines Gesichtes lachten; er humpelte vergnügt mit seinem lahmen Fuß umher und vollführte ein paar Schritte von einem graziösen Nilpferdtanz.

Es wurde dunkel, und Boote mit aufgeputzten Dirnen fuhren zwischen den Schiffen umher und boten käufliche Liebe an. Diese Liebe war in Kweitschu Fu nicht teurer als Rindfleisch.

In der Nacht fielen mitten in meinen Schlaf wie eine Katastrophe abenteuerliches Gebrüll und Feuerschein. Der Feuerschein floß in flammigen Bächen durch die Spalten der Läden herein. Wir jagen aus den Betten hinaus. Rundum brennt der Fluß. Flammeninseln zucken und wandern durcheinander. Die Schar der kleinen Bettlerboote liegt mitten im Feuer, und aus allen Kähnen schlagen Ruder mit irrsinnigem Entsetzen in die flammenden Wellen. Feuer spuken an den schlagenden Rudern in die Höhe. Ganze Völker brüllen und heulen. Die nackten Kulis und Schiffer halten die brennenden Wasser von unserer Kwaze ab. Streifen feuerzüngelnder Wogen fließen ein Stück in der Strömung. Die schwarzen Bettlerboote zucken über den feurigen Grund wie Fledermäuse, die eine Fackel in einem Gewölbe aufgescheucht hat.

Eine Petroldschunke war in Brand geraten. Die Dschunke war rasch zerstört. Sonst blieb alles unversehrt. Die Strömung trug den Brand rasch flußabwärts und tötete ihn.

5. Dezember.

Das Nilpferd pflegt seinen verwundeten Fuß. Zweimal des Tags muß Gre ihn verbinden. Aber nun kommt jeder mit einem Leiden zu Gre. Die Frau Boy hat einen wehen Magen. August hat sich das Kreuz gezerrt. Der eine Gratisblitzer hustet, der Koch und der Stacheligel haben sich in den Finger geschnitten. Die Frau Boy bekommt Speisesoda, August eins hintenüber, der Huster Chinin mit Himbeersaft, der Koch und der Stacheligel einen rosa Leukoplaststreifen über den Finger. Diesen Streifen lieben sie stolz und zärtlich. Sie umwickeln ihn mit einem schmutzigen blauen Lappen, damit er reinlich bleiben soll.

Die Gratisblitzer essen noch an jeder Schnelle ihre guten Portionen und wechseln nur, je nach der Spezialität des Orts, zuckergebackenen Mais- oder Reiskuchen. An Bord hat man sie fortwährend und überall aufgestört. Nun haben sie ihren Platz gefunden. Sie liegen auf dem Dach des Steuerhauses auf dem Bauch und spielen Karten.

Unterhalb einer Schnelle liegt das Wrack einer großen Dschunke. Es ist an Land gezogen, ragt mit seinem zerrissenen runden Bauch hoch aus dem Wasser. Nackte Männer arbeiten drauf herum. Die Ladung liegt über das Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Es ist Baumwolle und Tang, den die Chinesen leidenschaftlich gern essen. Am Nachmittag treffen wir noch mehrere gescheiterte Dschunken, denen es nicht gelungen ist, die Schnellen zu nehmen. Auch aus dem Sand des Ufers schauen manchmal die Gerippe von Schiffen heraus, und am Beginn einer Schnelle liegt eines der grünen Postboote bis an die Nase im Wasser. Man sagt, daß ein Schiff, das beim Hinaufgehen verunglückt, meist nur Teilschaden nimmt, daß aber das Schiff, dem das Herunterkommen mißlingt, mit Mann und Ladung rettungslos verloren ist. An den Schnellen liegen überall öffentliche rote Rettungsboote, bereit zu helfen.

6. Dezember.

Alle Tage sind voll kleiner Erlebnisse. Alle Tage voll fremder aufreizender Dinge, voll Kampf und Genießen. Wir fuhren heut lang über die Dämmerung hinaus. Der Boy sagte, es sei kein Ort nahe. Man könne nicht allein in der Einsamkeit und der Nacht anlegen. Überall seien Flußräuber. Aber der Boy sprach nie den Namen "Räuber" aus. Er nannte sie immer nur: "Die schlechten Männer". Die Finsternis deckte den Strom dicht zu. Auch vom Ufer sah man nichts. Aber das Ziehtau fuhr straffgespannt durch den Lichtschein des Reisherds in die Nacht hinein, und hin und wieder riefen und antworteten Stimmen. Die Fahrt fand kein Ende. Bis auf einmal ein paar Lichter auf einer Höhe erschienen, und unter ihnen ging das Schiff mit großem Gebrüll zwischen Laopan und Mannschaft an Land. Es dauerte eine Weile, bis alle Zieher sich aus der finsteren Steinwüste des Ufers auf dem Boot zusammengefunden hatten. Sie aßen stumm ihren Reis und fielen gleich nebeneinander in ihre zerlumpten Decken und schliefen ein.

7. Dezember.

Das Dorf von gestern abend ist eine merkwürdige und große Stadt. Sie verschanzt sich über uns in ihre Mauern. Vor Sonnenaufgang schreite ich hinauf, klettere etwas seitlich eine hohe Treppe zwischen Häusern auf die Mauer zu. Eine Herde von kleinen Pferden steigt, mit Säcken und Körben behangen, im Zickzack die Treppe herab. Oben laufe ich eine Stunde an der Mauer entlang, ohne an ein Tor oder in die Stadt zu kommen. Zwischen den Häusern, die sich zahlreich vor der Mauer zusammengebaut hatten, wuchsen hohe vielästige Kaktusbäume, die ich nirgends sonstwo gesehen. Ich klettere zwischen Gräbern in den Berg hinauf, bis ich in die Stadt hineinsehe. Sie liegt mit weiten Gebäuden, engen Treppen und Gärten lang gezogen in der Mauer. Nun finde ich mich auch in sie hinein. Die Handwerker und Krämer öffnen gerade ihre Geschäfte. Bettler schliefen noch in Hausgängen. Ein dünner Sack deckte sie nur halb zu, der Kopf lag auf der kleinen Bettlertasse. Eine Straße führt auf der Mauer über den Fluß und dort durch Häuser hindurch. Man sieht in offene Schlafräume. Unten am Strand bläst der Wind den Sand in gelben Wolken auf. Im steilen Ufer der andern Flußseite schmiegt sich eine prunkvolle Anlage von Pavillons in ein Felstal.

Und ich allein stand hoch über der fremden Stadt, und mein einsames Herz kämpfte um China.

Dann ging ich eine zerfallene Stiege von der Mauer herab in ein Geschluff von Gäßchen. Der Nebel drückte den Rauch der Herde tief zwischen die Häuser nieder. Kein Mensch war da. Nur ein schmutzender Hund bekroch die Ecke. Aus der ganzen Stadt hob sich der Gestank in den modrigen Winkel zusammen.

Da kam sie.

Langsam auf den kleinen Füßchen kam sie daher, und die enge Gasse erzwang von ihren Schritten den atemberauschenden Zauber, als ob sie gerade auf mich zukäme. Sie kam heran. So fern und so goldenbleich wie der Mond war ihr Gesicht einen Augenblick lang neben meinen Augen. Ich spürte den fremd riechenden Dunst ihrer Haut, so drängte die Gasse uns zusammen; aber der geschweifte Bogen ihrer Augen öffnete sich nicht ein Krümchen einer Sekunde zu dem fremden und ungewohnten Ausländer.

Mein Herz stammelte ihr zu: Jasmina!

Opalenweißes Gesicht! Unter der pudrigen Schminke lockte die Haut föhnweich. Die kleinen Lippen leuchteten geschwungen, wie zwei feuerrote Blütenblätter, die der Wind einer Geranie entriß und vor sich frei herschweben ließ. Auf der Stirn war der sanfte himbeerfarbene Kreis aufgemalt, Künder heimlicher Sitten und Gemächer ...

Wie ihre Augen waren, weiß ich nicht. Ein goldner Glanz vielleicht, von langen Wimpern in einem schmalen Spalt zurückgehalten, fremd, wie Urgestein, das wieder in Feuer geraten war ... Aber ihre Wangen stiegen wie die gotischen Bogen unserer mittelländischen Dome hoch und geheimnisvoll in ihrem Gesicht auf. Ihr Gesicht begann durch die ganze Stadt zu leuchten, über die ganze Erde, umfassend Küsten und Rassen.

Es war das fremde Wunder, das sich mir, der nun monatelang europalos zwischen chinesischen Männern, Frauen und Kindern irrte und suchte, verschloß. Jetzt war es auf einmal greifbar wie eine Frucht vor mich hingestellt und ging auf porzellanenen goldnen Lilien davon, Mythe fremdrassiger Körperlichkeit. Wie in einer Katastrophe war ich zu dir hingestellt worden, in diesem Nebeltag des Jangtsetals, allein mit dir in dieser Welt: China ... o schönste junge Frau des himmlischen Reichs!

Das Geheimnis der östlichen Augen hob das Geheimnis des östlichen Schoßes in die Phantasie, und ich ging hinter der Fremden her, gebannt an diese Koralle der ssetschuanesischen Stadt, wie ein Verwunschener. Die weitfaltige Tracht verhüllte alles ihres Leibes. Nur die Hüften unter dem vorsichtigen Zwang der Füßchen, die Schmutz und Steinen auswichen, schaukelten in morgenländischer Lust.

Jasmina, Unerreichbare! Hoch und gestaltenreich wie eine Wolke ... Mond und Perle, Muschel und Nebel. Soll ich die Arme hoch und stark erheben?. Aber ich war nur mit hundert Kniffen bedacht, daß mein Fremdländertum, zu dem sie die Enge der Gasse hinzwang, nicht ihre chinesische Weiblichkeit verletze. An jeder Ecke suchte ich Vorwände, etwas zu sehn, was in der Gasse, die ihre goldnen Lilien immer in derselben zarten kristallenen Kadenz gingen, meinen Weg hinter ihr rechtfertigte, ohne daß meine Verfolgung ihrer östlichen Scham zum Bewußtsein kommen könnte.

Ich trug meinen Apparat in der Hand. Mit tausend Wünschen hätte ich ihr Bild halten wollen. Aber ich durfte, dankbar, nicht stören, was das Haus eines chinesischen Mannes, wie die geheime Ampel des fremden Volks, wundertätig mir in dem einsamen Nebelmorgen leuchten ließ.

Einziger Wunsch zu schauen, zu empfinden ... dann zu leiden an dem Unlösbaren ihrer Bindung an das Volk des östlichen Landes ... Wehmuterstrahlend ein keuscher Ritter zu sein, der den Weg nach dem Heiligen Land suchte, durchbohrt von der Sehnsucht ewig unstillbaren Mannestums. Seele und Leib hingen gekreuzigt über den Rassen.

Wie sie gekommen war aus dem Gewirr, so verschwand Jasmina ins Gerümpel der Stadt. Mein Abenteuer war aus. Ich stieg hinab aus der Stadt zum Hausboot. Meine Augen waren so heiß wie mein Herz. Es war geschehn, daß zum erstenmal Blut an Blut gekommen war zwischen China und mir.

Gre wurde nicht eifersüchtig und lachte mich auch nicht aus. Sie schwieg, wie in der Messe, wenn die Heilige Wandlung durch die Hallen steigt. Von der ich ihr erzählte, war ja kein Weib, war eine Lotosblume, auf eine Vase gemalt, auf einen Teich gezaubert, vom erhabenen Urrätsel China auf die grüne Wasserfläche heraufgehoben.

So soll sie nun die Jahre weiter blühn auf dem See meiner Seele.

Wir segelten bald weiter und in einen ereignisvollen Tag hinein. Die mächtige Sin-Long-Schnelle machte uns schwer zu schaffen. Das erstemal wurden wir zurückgetrieben. Der Boy kam wutschreiend nach vorn gestürzt und zeigte mir, daß die Schiffer mit einem kleinen Ruder als Vordersteuer die Schnelle nehmen wollten. Sie hatten bei der Landung in der Nacht das große Steuer gebrochen. Der Laopan wollte kein anderes kaufen. Ich zwang ihn. Er pumpte sich bei mir das Geld zu einem Baum. Der Baum kostete eine Mark. Der Laopan fuhr ohne jeden Pfennig. Das Geld, das der Besitzer der Kwaze ihm mitgegeben, hatte er in Salz angelegt. Im Laopan war der Handelsgeist des Chinesen. Der Transport kostete nichts, durch den Provinzzoll schmuggelte er die Waren, weil man Schiffe, in denen Europäer reisen, nie anhält, und er konnte sein Salz in Ssetschuan vorteilhaft verkaufen. Er hatte es unter unserm Wohnraum verborgen.

Der zweite Versuch, die Schnelle zu nehmen, warf uns auf einen Stein, von dem wir nur mit Mühe abkamen. Da flüchtete alles von Bord. Die Gratisblitzer voran; die Frau Boy kam ins Zimmer und sprach das einzige europäische Wort, das sie wußte: "Missie!" und deutete meiner Frau dringlich nach dem Ufer. Der Boy nahm die Handtasche. Wir blieben. Ich half vorn mit. Vom Ufer aus zerrten vier Reihen Zieher an unserm Boot. Alles was Arme und Beine hatte aus den Dörfern rundum war an den Seilen. Ein drittes Tau war oberhalb der Schnelle an einem Felsen befestigt. An ihm zogen die Schiffer; der Stacheligel und der Segelknecht und ich hielten uns mit Bambusstangen gegen das Ufer gestemmt, in dessen Steine die Strömung das Boot immer hineindrücken wollte. Auf einmal stießen die Strudel das Fahrzeug jach in die Mitte des Flusses. Da wurde gebrüllt, gesungen, getrommelt, gestöhnt, gezogen, die ganze Landschaft lauschte, wie erregt verstummt, dem Lärm unserer Kulis. Auf den Steinen am Ufer hockten Chinesen in ihren langen Kleidern wie riesenhafte Vögel. Die Gäste kamen aus den Garküchen heraus. Die Trommeln gingen eintönig und hölzern, wie ein heftiger Pulsschlag all der Kraft, die sich hier gegen den großen Strom in die Taue festspannte. Das Wasser rieb sich rauschend am Leib des Schiffs. Es prasselte unter unsern Füßen wie von einem Gewitterregen. Das waren die Sandkörner, die die Strudel an die Planken hetzten. So kamen wir nach vier Stunden leidenschaftlicher Arbeit durch die Schnelle.

Am Abend gingen wir durch ein steiles Städtchen. In die enge dunkle Gasse warf eine offene Tür viel Licht, man hörte Lärm und Beckenschläge. Im Innern lagen und hingen Menschen, Tiere, Silberbarren, alles Flitterwerk aus farbigem Papier. Ein großer bunter papierener Tragstuhl mit Püppchen, Rosetten und Bändern stand da. Die Kerzen flatterten über die kühle Buntheit, und Schießfrösche krachten. Weiße buddhistische und schwarze taoistische Priester bewegten sich murmelnd, Gonge schlagend und Papier verbrennend, mit leblosen Gesichtern zwischen den farbigen Spielereien umher. Im Hintergrund ist etwas verhängt. Dort liegt ein Toter. "Der taoistische Priester führt ihn zum Himmel, der buddhistische öffnet ihm die Tür." Auf der Gasse sahen wir auf einmal einen tellergroßen Teich zwischen einem Lehmwällchen, und drauf schwamm ein Schifflein mit einem Licht. Im Schifflein schwimmt die Seele in die Ewigkeit, und sobald die papierenen Anzüge, Pferde, Tragstühle, Diener drinnen durch das Aufgehen in Flammen eine reale Existenz für die Schattenwelt gewinnen, begleiten sie den Toten auf seiner Reise.

8. Dezember.

Den Tag begannen wir mit dem Besuch eines großen Höhlentempels, der gegenüber der kleinen Stadt Pan To in Felsen liegt. Wuchtige Gestalten plumper Götter schlafen bunt bemalt im Stein. Durch einen Spalt über der abschließenden Wand fällt reiches Licht auf sie. Das übrige des Tempels schwimmt mit den Bildern sämtlicher Schüler des Kung Tse in mattem Dunkel. Die Mönche sind überaus liebenswürdig und führen uns bereitwillig durch alle Räume. Ich darf überall photographieren. Die Mönchszellen liegen in Felsenkammern. Außerhalb des Tempels ist, von einer kleinen Pagode umbaut, ein seltsamer Gott aus den Felsen gehauen. Er sitzt groß und schwerfällig da, wie ein Elefant. Sein Körper ist bis zum Kopfscheitel mit Nischen besät, und in jeder Nische brennt ein Öllicht. Der ganze Gott trieft von herabfließendem Öl und er hält das Insignum der männlichen Fruchtbarkeit, der sein Geist dient, trächtig zur Schau.

Der Mönch, der uns führt, verbeugt sich noch immer, während wir schon wieder den Weg zum Ufer hinablaufen. Wir fahren gleich weg. Ich sehe auf einmal die Eule am Steuer stehen. Unter dem Dach guckt ihr giftiges Gesicht zwischen den hohen Schultern böse heraus. Der Laopan aber läuft an Land mit den Ziehern. Das ist neu und interessant. Der Boy radebrecht die Erklärung. Er ist aufgeregt. Während wir oben im Tempel waren, haben sie den Laopan einfach abgesetzt. Der gestrige Tag hat sein Schicksal besiegelt. Er läuft, in seine dicken Kleider gepackt und mit seiner kleinen Gestalt hinter den Ziehern her und streckt den Ziegenbart hoch in die Luft. Er läuft da, wie das fünfte Rad. Gres Herz schmilzt. Er bekommt die leeren Weinflaschen von gestern und heut. Eine war eine weiße. Für die gibt es in Tschungking einen halben Pfennig mehr.

Es regnet. Aber es regnet über einer fremden schönen Landschaft. Mehrstufige bewegte Höhenzüge verdehnen sich ins Land hinein. Über alle Linien der Berggrate laufen einzelne auseinander stehende hohe Bäume. Sie verdichten sich auf einer Kuppe oder in einer Hügelflanke um einen weißen Tempel. Ferne und nahe Bergspitzen sind mit kleinen grauen Bergfestigungen wie mit Hüten bedeckt. Die Städte des Tals haben sie sich für unsichere Zeiten gebaut. Auch in hohen Felswänden sind Zufluchtsstätten ausgehauen, zu denen nur Leitern hinaufführen.

Der neue Steuerer setzt uns am Nachmittag auf einen Felsen auf. Die Gratisblitzer springen mit einer Stange ans Ufer und lachen ihn aus. Der Laopan steht am Ufer und tut, als sei nichts geschehen. Die Eule wird giftig. Sie schleudert jähzornige Flüche ans Land. Sie sagt dem Laopan: "Du flickst das Schiff mit Blechstücken von Petrolgefäßen, wenn etwas geschieht; ich schlage meine Knochen in das Loch, das ich hineinfahre." Der Laopan hilft aber bald heißblütig mit, das Boot freimachen.

Nahe der Stelle, wo wir aufsaßen, wühlte eine Schar Menschen das Ufer auf. Wir gingen hin. Es waren Goldsucher. Sie hatten schiefe gerillte Bänke, über die sie die Körbe auswuschen, die andere Männer fortwährend mit Ufersand und Steinen füllten. Die Leute waren sehr mißtrauisch, und wir konnten nicht erfahren, wie sie dem ausgewaschenen Sand zum Schluß das Gold entzogen.

9. Dezember.

Pagoden stachen weiß und spitz auf den Bergen in den Himmel. In der Tiefe des nebeligen Morgens dämmerten Hügelzüge auf, die dicht mit grauen Häusern übersät waren. Das war Wan Schien. Wir kamen näher. Wie dunkle schwere Blätter lagen die Dächer übereinander. Ein Nebenfluß des Jangtse durchschnitt die bebauten Hügel, und eine Brücke sprang als ein feiner dünner und doch mächtiger Bogen, wie ein Klang aus Stein, von Ufer zu Ufer. Auf dem Scheitel seines Gewölbes saß ein Haus. Auf den kahlen Stadtmauern breiteten Türme ihre ausgeschwungenen Dächer über mehrere Geschosse, und hinter der Stadt klang eine vertraute Landschaft auf. Wir sahen sie tausendmal auf chinesischen Vasen, auf Tuschbildern. Die zierliche Kühnheit des Schwungs dieser Berge, das zahllose abwechselnde Wiederholen derselben anmutig und kokett, bizarr und fremdartig aufhüpfenden Formen war so chinesisch wie die dunkle geschlossene Stadt und die flachäugigen struppigen oder gepflegten Männer, die am Ufer standen. Diese Landschaft war so, als ob Götter der Wohlförmigkeit, aus dem Himmel herniederfassend, sie mit schlanken feinen Händen aus der Erdkruste herausgezupft hätten.

Wir gingen gleich zur Stadt hinauf. Am Ufer dehnten sich die Buden einer weiten Winterstadt von Händlern und Garköchen aus. Darüber hockten auf hohen Stangen und an die Stadtmauer geklebt, Scharen von Häusern und Hütten. Treppen führten schmutzig und steil zwischen ihnen durch finstere Tore, in gewundene dunkle Gassen. Bettlerkinder fallen uns an. Ich begehe die Torheit und gebe einem mehrere Käsch. Obgleich dieses Wesen nackt war, so blieb es doch unerkenntlich, ob wir einen Knaben oder ein Mädchen vor uns hatten, so war sein magerer Leib schwarz verkrustet. Es hatte seine Schultern mit einem dünnen Sack bedeckt und hielt uns in der Hand eine Kumme bettelnd hin. Kaum hatte es sein Geld, so schwärmten auf einmal von allen Seiten verkrätzte und nackte Kinder herbei. Sie gingen hinter uns her, und das ganze Rudel plärrte im Takt mit weinender Stimme, immer dieselben zwei Wörter. Die Stadt ist so malerisch, so dunkel hin und her und auf zum Licht und ab ins Düstere. Ihr Leben ist so heftig und so vielfach in die braunen Schatten der engen Gassenwirrnis gepreßt. Läden mit schönen Kupferarbeiten locken uns. In andern Auslagen liegen tellergroße Reiskuchen aus farbigen Ringen, Kringeln und Blumen. Sie sehen aus wie ein schönes steifes Biedermeierbukett.

Die Bettlerkinder lassen uns nicht. Die Öfen der Garköche sind in die Gassen gebaut. In jedem warmen Ofenloch sitzt ein schwarzer nackter Balg vor der Kälte festgeklemmt. Man sieht nichts von ihm, als den mageren geschwärzten Hintern. Sie alle löst der Zug hinter uns aus den warmen Steinen. "Jang sien scheng ... e ... ne, jang sien scheng ... e ... na" weinen sie im Rhythmus hinter uns her. Ich drohe. Es nützt nichts. Ich hebe den Stock. Sie kommen weiter mit. Sie betteln für einen Unternehmer. Dessen Stock wird kräftiger sein als meiner, wenn sie abends leer heimkommen. Sie haben also nichts zu verlieren. Sie fürchten sich auch nicht, weil sie auf die starke Gilde vertrauen, deren Macht sie schützend hinter sich haben. Ich kann mich schließlich nicht mehr anders wehren und belade mich mit der Rachegefahr der ganzen Zunft. Ich haue dem ersten, den ich erreiche, meinen Stock einige Mal über das schmutzige Fell. Die ganze Bande schreckt ein wenig zurück. Aber gleich sind sie wieder alle um uns und skandieren jammernd: "Jang sien scheng ... e ... ne ..., jang sien scheng ... e ... naaaa ...!" Da kamen wir an zwei chinesischen Schutzleuten vorbei. Sie standen in der Straße und hielten dicke Knüppel in der Hand. Sie befreiten uns im Nu vom ganzen Schwarm.

Während wir beim Mittagessen im Hausboot sitzen, entsteht in der Küche ein furchtbarer Lärm. Der Boy schreit, die Frau brüllt stöhnend. Ich gehe hinaus. Die Frau Boy hängt an ihrem Gemahl. Sie hat sich an seinen Kragen festgekrallt und läßt sich nachschleppen. Sie hat die Augen geschlossen und stöhnt. Eine alte Waschfrau wusch unser Zeug in einer roten Holzwanne. Die hilft mit, und wir befreien den Boy von der kleinen Furie. "Bad fu jen!" sagt der Boy. Eine schlechte Frau. Die Frau Boy zieht sich böse in die Schlafkammer hinter der Küche zurück. Von dort wirft sie uns ihre Haarspangen, ihr Halstuch und nach und nach all ihre Kleidungsstücke an den Kopf. Der Boy erklärt:

"Sie wollte nicht waschen für die Missie und sagte: wenn ich die Ama der Missie wäre, so würde ich waschen. Der Boy antwortete ihr: du kannst die Ama der Missie nicht sein, denn die Missie hat kein Baby! Die Missie hat thousand more und flickt ihre Sachen trotzdem selber, und wir haben zwanzig Dollar Monatslohn und ich muß Wäscherinnen bezahlen. Der Boy sagt ihr auch: du hast fast nichts zu tun. Du kannst dir deine Schuh doch selber nähen und sticken. Sie antwortete: Weshalb? Man bekommt ja Schuhe fertig zu kaufen ... Sie ist ein schlechtes Weib." Der Boy war ganz rot und aufgeregt.

Es war wohl kein Zweifel, daß die Sache auch noch ein anderes Gesicht hatte. Es schien ein kleiner hysterischer Eifersuchtsanfall zu sein, der die Frau Boy so wild machte. Ihr Mann wollte gerade mit den genießerischen Gratisblitzern in die Stadt gehn ... Aber dieser Auftritt war nur eine Wiederholung von zahlreichen Beobachtungen, die wir in den Dörfern und Städten machten. Überall wird über die untergebene und unselbständige Stellung der chinesischen Frau geschrieben. Dem Buch nach besteht sie vielleicht. Aber das Leben überholt das geschriebene Wort. Der Chinese drängte seine Frau immer ins Innere des Hauses und dort wucherten die Frauen in Unselbständigkeit und Faulheit, nur Konkubinen oder Erzeugerinnen. Sie setzten sich in ihrem passiven Dahinleben zusammen und klagten und schimpften und allmählich hat sich in ihnen mit der Verkümmerung der vortrefflichen Instinkte ihrer Rasse auch eine Bosheit angesammelt, die heute manchem Chinesen das Leben schwer machen mag. Man sieht überall Chinesinnen, die mit einer Dynamik die Männer ankeifen, gegen die die berühmte Maulfertigkeit der Damen der Halle in Paris christliche Sanftmut ist. Die Frauen scheinen mir auch untüchtig zu sein, die entsprechenden Produkte des Lebens, zu denen das Wort des Gesetzes sie zwang. Das "Mulier taceat in ecclesia" hat in China auch gegolten und in dem einfügsameren aber instinktstärkeren und zäheren Geist dieser Rasse üblere Folgen gebracht, als in den christlichen Ländern. Die Frauen sind hübsch und gesund. Man sieht sie überall in den Türen ihren Säuglingen üppig fruchtbare schöne Brüste reichen; die Kinder sind meist von lieblicher Schönheit und kernigem Wohlergehen, aber verwahrlost, wie das Innere der Häuser.

Auch im Kind liegt schon die eingepreßte Heftigkeit und Wehrhaftigkeit des Frauencharakters. Wie bei einem Konflikt mit den Eltern solch ein Kind seinen Willen durchsetzt, ist wertvoll zu erleben. Diese Vitalität des Trotzes! Diese Spannkraft des Gebrülls! Einmal sah ich ein Mädchen von etwa zwölf Jahren an einem Mann vorbeigehen, der eine der großen Laternenkugeln aus Marienglas trug. Das Mädchen schlug mit einem Korb unachtsam dagegen und das Glas zersplitterte. Das Mädchen wartete nicht erst die Vorwürfe des Mannes ab, sondern ging sofort zum Angriff über, fuhr mit heißem Zorn gegen den armen Laternenträger los und nahm ihm mit wütender Strafrede jeden Einwand, daß doch sie es sei, die die Laterne zerstört habe, vor der Nase weg. Der Mann geriet in die Defensive und zog sich mit den Scherben seiner Laterne geschlagen zurück.

Nachdem die Frau Boy gebändigt in ihrem Bett lag, ging der Boy in die Stadt. Einer der fingerhutgroßen Schuhe flog noch zornig aus dem Vorhang heraus.

Damit waren unsere chinesischen Erlebnisse dieses Tages aber noch nicht zu Ende. Als wir nachher zwischen den Buden der Winterstadt umherschlenderten, von August, dem Laopan und einigen unserer Schiffer begleitet, kam ein Chinese auf uns zu und grüßte uns. Wir hatten ihn nie vorher gesehen. Er blieb uns dicht auf den Fersen, und als wir unser Boot wieder betraten, reichte er uns eine Visitenkarte und einen Brief. Auf der Karte stand: André Pithous, enseigne de vaisseau. Den Brief riß ich gleich auf. Er war von unserm Gastgeber aus Itschang. Er hatte folgenden Inhalt:

"Itschang, den 27. November.

Lieber Herr Jacques!

Namsang war soeben in großer Aufregung bei mir. Der Kapitän des Hausboots hat einen Booten hierhin geschickt, der um Unterstützung gegen Ihren Boy bitten soll. Ihr Boy hat acht Passagiere an Bord geschmuggelt, und da der Raum infolgedessen sehr beschränkt ist und der Reis nicht ausreicht, so fürchtet der Kapitän einen Streik seiner Leute. Es dürfen nicht mehr als 25 Chinesen an Bord sein, ausschließlich Ihrer Dienerschaft. Was drüber ist, ist vom Übel. Ihr Boy wird mir hier als ein minderwertiges Subjekt geschildert, und Namsang riet dringend, in Tschunking einen anderen Diener zu nehmen. Vor allem entledigen Sie sich aller überflüssigen Menschen an Bord und vertrauen Sie nur dem Laopan. Sie setzen sich sonst der Möglichkeit eines Überfalls aus, denn wer weiß, was für ein dunkles Handwerk diese Passagiere Ihres Boy betreiben? Um so mehr, als Ihr Boy, wie an Bord der Kwei Li behauptet wird, ein alter Flußpirat ist und öfters im Gefängnis saß.

Unter den obwaltenden Umständen wäre es vielleicht geraten, ein Rotboot (Hung tschuan) mit Soldaten zu engagieren. Dann darf sich der Boy nicht mucksen. Vielleicht versuchen Sie, Namsangs Boy, der einen französischen Offizier, durch den ich Ihnen diesen Brief schicke, bis Wan Schien begleitet, zu engagieren. Suchen Sie jedenfalls Herrn Kanin auf, der in Wan Schien wohnt, ein deutscher Kaufmann ist und für die Firma Arnberg & Co. arbeitet."

Ich rief den Boy. Der Chinese, der uns den Brief gebracht, war spurlos verschwunden. Wir gingen den im Brief erwähnten Herrn aufsuchen. Die Stadt hatte etwa 100000 Einwohner. Sie war dem europäischen Handel verschlossen, und wenn ein deutscher Kaufmann trotzdem in ihr wirkte, so tat er das im geheimen. Nach zwei Stunden hatten wir die Post und in der Post einen Chinesen gefunden, der den Fremden kannte. Er führte uns. Wir stiegen hoch hinan über zahlreiche hin und her irrende Treppen. Dann gingen wir in ein Haus. Aber es war, als ob dieser ganze Stadtteil zu diesem einen Haus zusammengebaut wäre. Hundert Höfe, Galerien, einzelne Häuser, wuschelten sich ineinander. Endlich kamen wir in das richtige Haus. Ich wurde bereitwillig aufgenommen, erzählte, und der Deutsche sagte: "Ich hab seit sechs Jahren einen Diener, das ist das schlaueste, halunkenhafteste Produkt der gelben Rasse. Den wollen wir auf Ihren Boy loslassen, und er soll zunächst ein wenig auskundschaften. Wenn Sie wollen, kann er Sie auch bis Tschunking begleiten."

Dieser Boy kam. Er war ein schlank gewachsener, sehr schöner Kerl mit einem schmalen Kopf und großen feuchtglänzenden Augen, ein Apollo der gelben Rasse, eben, wie aus Bronze, schmachtend und verschlagen, geschmeidig und jung. Sein Herr erklärte ihm, er winkte "ja" und ging los.

Als wir abends an Bord kamen, saß der Sherlock-Holmes-Boy mitten zwischen der Mannschaft. Er ging mit uns ins Zimmer und sagte, daß alle acht Gratisblitzer zu unserm Boy gehörten, daß der Boy aber mit dem Laopan ein Übereinkommen getroffen habe. Später kam unser Boy und fragte uns mit verlegenem, lächelndem Gesicht, ob wir erzählt hätten, daß sein Freund im Kupfer arbeite, und ob wir erzählt hätten, er koche so gut und sei so fleißig und hielte den Laopan und das ganze Schiff in Zucht. Das war nun wahr und nicht wahr. Der Gauner schien sein Werk gut begonnen zu haben. Am nächsten Morgen sollte er nun die wichtigere Arbeit vollführen und etwas über die Vergangenheit und die Zuverlässigkeit unseres Boys erkundschaften.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Brücke in Wan Schien

Wir legten uns zu Bett, mit einem Kopf, der voll rätselhafter chinesischer Zeichen und Dinge drehte. Log der Laopan, log der Boy? Waren die Tatsachen, die wir gesehen hatten, das Streiten mit dem Laopan und seine Entthronung denn nur eine Lüge?

10. Dezember.

Schon am frühen Morgen sahen wir den Detektiv wieder am Werk. Man hatte uns öfter gesagt, die Chinesen seien alle vortreffliche Detektive, und es gelänge den Stadtpolizisten immer mit einem einfachen überraschenden Aufblitzenlassen der Blendlaterne, mit der sie in der Nacht an den Gassenkreuzungen warten, Verbrechern Geständnisse abzufangen, so wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms die Vögel aus der Finsternis an die funkelnden Scheiben reißt. Man erzählte auch, daß der deutsche Polizeimeister von Hankau seine anerkannten großen kriminalistischen Erfolge dem Mitwirken seiner chinesischen Diener verdanke.

Der Chinese, der uns den Brief gebracht hatte, und der unter Umständen unsern Boy ersetzten sollte, ließ sich nicht mehr blicken. Wir entschlossen uns rasch zum ersten Schritt und befreiten uns von der unterhaltsamen Gesellschaft der Gratisblitzer. Wir taten es schweren Herzens. Ich ließ ihnen sagen, das Schiff habe nur die Konzession, außer den europäischen Reisenden 25 Mann chinesischer Besatzung mitzuführen. Dem Magistrat der Stadt sei von irgendwelcher Seite gemeldet worden, daß auf unserm Boot acht Mann mehr mitreisten. Und der Magistrat wolle am Nachmittag Soldaten schicken, die diese Angelegenheit untersuchten. Ich hoffe, daß sie uns den peinlichen Besuch des Militärs ersparten.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Wan Schien

Sie begannen gleich ihre Sachen zusammenzulegen, stopften ihre Toilettedinge in die Waschschüssel, ihre Waschschüssel in einen Korb und umwickelten den Korb mit ihren Betten, schnürten zu, zogen alle ihre Kleider über und wollten gehen. Wir gingen zu ihnen hinaus und sagten, es täte uns leid, aber wir kämen gegen chinesische Vorschriften nicht an. Sie lächelten höflich, verbeugten sich vielmals vor uns und verließen das Schiff. Gott sei Dank die Form der Kündigung schien ihnen "das Gesicht" nicht genommen zu haben, und wir konnten wenigstens ohne Furcht vor der Rache ihres beleidigten Ehrgefühls reisen. Nur dem dicken Genießer ging es an die Nieren, daß er das sichere und bequeme Boot aufgeben mußte. Er ging böse und ohne Adieu. Sie wollten zu Fuß über Land die Reise fortsetzen. Einen baten wir an Bord zu bleiben. Es war der magere Geldlose.

Wir hätten alle Schwierigkeiten mit einem Schlag beendigen und den Boy und die Frau Boy an die Luft setzen können. Aber wir waren sonst so bequem mit ihm gefahren. Er hatte in einem französischen Haus kochen gelernt, und unser Tisch übertraf alle Küchen, die wir bisher in China genossen hatten. Ja, selbst wenn er Flußräuber gewesen wäre! In China hängt der Beruf nicht immer mit dem Charakter zusammen. Die sonderbaren und oft willkürlichen Umstände dieses dezentralisierten Reichs, Selbstwehr und Not mochten oft Menschen zu Räubern machen, die im Grund etwas anderes waren. Es sprach wohl allerlei dafür, daß die Mitteilung stimmte. Der Boy kannte jeden Ort am Fluß und sein rasches, tatkräftiges und fachmännisches Eingreifen, wenn der unfähige Laopan das Schiff in Gefahr brachte, seine Furcht vor Schiffsräubern vor allem schienen auf seinen früheren Beruf hinzuweisen. Doch ich gestand mir den Hauptgrund, weshalb ich unseren Schwierigkeiten kein radikales Ende bereiten wollte, nur halb ein. Es schien mir von einem kämpferischen Reiz zu sein, fremdes Land mit einem Menschen zu durchreisen, der nicht nur brav und langweilig das war, was man an ihm sah, sondern auch Möglichkeiten von heftigen Zusammenstößen und nackten Abenteuern in sich barg.

Wir konnten uns vorläufig noch zu nichts anderm entschließen, als unsere stets offnen Koffer und die Kiste mit den Dollarstücken, die unter meinem Bett stand, zu schließen. Wir blieben noch den Tag in Wan Schien und warteten. Der Laopan pumpte mich noch einmal an, um Reis zu kaufen. Wir gingen wieder durch die graue Stadt. Es waren am Morgen große Plakate angeschlagen worden. Die Regierung begann ihren heftigen und rücksichtslosen Kampf gegen das Opium auch nach Ssetschuan auszudehnen. Diese Provinz lebte zum Teil vom Opiumbau. Der Krieg galt nicht nur den Genießern, sondern auch denen, die vom Mohnbau ihr Leben fristeten. Die Plakate drohten jeder Person, die Opium pflanzte, den Tod an. Auch die unverbesserlichen Raucher wurden erschossen und überall an unserm Weg hörten wir von Hinrichtungen. China hatte auch gerade den Kampf gegen das englisch-indische Opium aufgenommen, und in Schanghai war eine Ladung verbrannt worden. Daraus drohte das tugendsame England, das so viel Geld aus den Lastern eines fremden Volks gewann und seit Jahrzehnten diese Laster emsig pflegte, einen Konflikt zu machen. In den Tälern hinter Wan sollten noch überall Mohnäcker blühen. Überall entstand Aufruhr, den das Militär kaum zu unterdrücken vermochte. Die Opiumbauer, deren Erwerb man so energisch unterband, wurden Räuber und machten den Verkehr auf dem Jangtse unsicher. Dschunken und Postboote wurden überfallen und ausgeraubt. Die chinesische Regierung hatte uns mit der Übergabe des Reisepasses zugleich mitgeteilt, sie warne uns, das Innere Ssetschuans zu bereisen und müsse jede Verantwortung für diese Gegenden ablehnen.

Während wir durch die Morgengassen gingen, kam uns auf einmal ein seltsamer Zug entgegen. Vorn ging ein Mann, der hatte eine hohe Narrenmütze auf. Die linke Hälfte seiner Kleidung war blau, die andere rot. Er trug ein Schild an einer Stange, das mit Zeichen bedeckt war. Hinter ihm schritt ein Soldat, der einen festen Bambusstock in der Hand hatte. Hinter dem Soldaten kam wieder ein solch närrisch gekleideter Mann, gefolgt von einem anderen Soldaten. So gingen vier Männer und vier Soldaten durch die Gasse. Der Boy erklärte uns: auf den Schildern stand: "Jetzt haben wir wieder einen erwischt, der Opium geraucht hat." Die Erwischten mußten ununterbrochen einer nach dem andern rufen: "Ich hab Opium geraucht!" Die Bambusstöcke der Soldaten besorgten eine regelmäßige Folge dieser Rufe. Die Soldaten salutierten uns. Sie salutierten Europa, den Geist ihrer neuen Republik. Später trafen wir den Zug noch einmal, und wieder schlugen die Soldaten an.

Als wir abends nach Hause kamen, hörten wir, daß der Untersuchungsboy da gewesen sei. Unser Boy sagte es uns mit einem betretenen Gesicht. Er schien die Gefahr zu riechen. Er war emsig, aufmerksam und briet zum Essen zwei Wildenten, ein Meisterstück. Wir hatten uns entschlossen, mit unserm Boy weiter zu fahren. Wir schrieben dem Besitzer des schlauen Dieners adieu und Dank und gaben dem Laopan den Befehl, am nächsten Morgen um zehn Uhr aufzubrechen.

11. Dezember.

Die Kulis sind widerspenstig. Sie wollen schon um sieben Uhr aufbrechen. Ich gehe einfach an Land. Da können sie nicht weg. Ein Leichenzug fährt über den Strom. Ein flaches großes Boot ist ganz in Rauch gehüllt, Pulverfrösche knattern endlos. Weißgekleidete Menschen fahren in einem Kahn voraus. Frauen und Mädchen, die über farbigen Seidenkleidern weiße Tücher sehr schön und sorgfältig um den Kopf gefaltet und hinten in langen Streifen herabhängen haben, stehen am Ufer und schauen dem Zug nach.

Bis zehn Uhr gehe ich photographieren. Nun sollen wir weg. Aber jetzt wollen die Kulis auf einmal nicht mehr. Diesmal scheint es gegen den Laopan zu gehen. Am Morgen ging es gegen mich. Ich sprach einmal energisch das Wort: Kuan! Das heißt: Magistrat, Behörde! Auf einmal griffen sie ans Ruder und fuhren. Der Boy sagte: "Es sind schlechte Männer. Es sind Ssetschuan-Männer!"

Das Boot fuhr den breiten schnellenlosen Fluß in eine sachte weite Landschaft hinauf. In einem Städtchen war Markt. Das Ufer wimmelte von blauen Chinesen. Sie hingen zwischen den Felsblöcken das Ufer hinan, wie Beeren einer riesenhaften Dolde. Eine rot gekleidete Frau brannte zwischen all dem Blauen, wie ein Flämmchen. Mit Menschen und Vieh überladene Kähne lagen am Ufer. Wu Lin Tschi hieß das Städtchen. Steil gingen seine Gassen in die einzige wagerechte Straße hinauf. Der ganze Markt kam uns nach. Einigen verschlug es den Atem, so unerwartet Fremde vor sich zu sehen, und Frauen und Kinder stürzten über Hals und Kopf in die nächsten Türen hinein. Aber die Menschen wurden rasch heimelig. Freundlich schüchtern begannen sie bald uns zu folgen. Wir gingen in eine alte verkommene Tempelanlage hinein. Einmal ist ein Tempel nicht von Soldaten besetzt. Die wilden Götter tanzen in der dunklen Einsamkeit. Sie sind grausiger, als sonstwo. Sie sind ein Haufen unheimlicher Scheusäligkeit mit Vogelbeinen, aus den Flanken dringenden Rippen, gezückten Schwertern, Bleckkiefern mit Zahnsägen, Adlerköpfen, wüsten Nasen, drohenden Fäusten. Alle haben das Maul dick und schmutzig mit braunem Zucker beschmiert. Das soll sie gut stimmen. Mitten zwischen ihrer Gruseligkeit aber steht eine kleine zarte Frau, schmal, lieblich und ruhig. Sie trägt ein Kindlein auf dem Rücken und an einem Arm hängt ein winziges Paar Schuhe, das Ex-voto eines fruchtbar gewordenen Schoßes, — Kuan Jin.

Die Anlage des Tempels läuft nach hinten in eine düstere, großartig grausame Landschaft, in der zwischen grauen ungestümen Felsblöcken sich zahllose Gräber eingenistet haben. Auf dem Kamm der Anhöhe aber wachsen mächtige Baumkronen in den Himmel. Fern hinter der Stadt, die allmählich in das graue Gräberfeld versinkt, zieht ein ungeheures Gebirge auf. Wir gehen über die Felder auf den hohen schmalen Dämmen, die die Reisäcker voneinander trennen. Am Tempel bleibt das ganze Städtchen stehen und schaut uns nach.

12. Dezember.

Beim Morgengange kam ich in ein Töpferdorf, das in einem Hügel qualmte. Schon von weitem schollen mir wild aufgeregte Stimmen entgegen. Oben im Dorf hatten zwischen den kleinen Töpfen und den faßdicken Wassertöpfen ein Mann und eine Frau Streit. Die Frau stand oberhalb des Wegs, der Mann im Weg. Der Mann brüllte im Baß, die Frau schrillte im höchsten Sopran. Sie hatten beide die Gesichter in die Luft gestreckt, wie kampfbereite Hähne, und schauten immer aneinander vorbei, wenn sie sich anschrien. Sie sprangen gegeneinander wie zwei Hunde, die wütend an ihren Ketten hängen. Der Lärm war furchtbar. Aber sie wußten, daß sie nicht aneinander kämen. Die Frau keifte wie ein tollwütiges Piston hinab und er dröhnte wie eine verstimmte Orgel hinauf, bei der auf einmal alle Luft rasend durch eine Pfeife jagt. Keiner vermittelte, wie es sonst bei chinesischen Streitereien sofort geschieht. Jedermann wußte: die Entfernung schützt vor dem Äußersten. Die Entfernung ließ jedem "sein Gesicht". Es brauchte keiner die Beleidigungen durch mutige Ohrfeigen zu rächen, um sein gekränktes Ehrgefühl wieder zu heilen.

August ging mit mir. Er nahm sonst das Leben von der allerheitersten Seite. Jede krumme Schulter stachelte sein lustiges Gemüt. Hier ging er vorbei, als ob die beiden friedfertig zusammen plauderten. Er schaute nicht hin. Ich zupfte ihn und zeigte auf die beiden. Aber er winkte mir mit der Hand ab. Er schnitt ein geringschätziges Gesicht, sagte: bu chau, das ist nicht schön! und ging weiter. Auch die Arbeiter, die Töpfe zum Strand hinuntertrugen, schienen den Auftritt nicht zu bemerken.

Unten, wo das Hausboot auf mich wartete, lag ein Haufen fertiger Tonsachen. In die Wand eines faßgroßen Gefäßes war das Zeichen des Jin Jang eingeschnitten. In den Städten sah man dieses Zeichen manchmal auf Hauswänden gemalt. Es war ein schwarzer Fisch, der eng mit einem roten zusammengeschlungen war. Es waren keine Fische, es waren Fötusse. Die Entstehung dieses merkwürdigen Zeichens war die folgende: Anfangs war das Nichts. Aus ihm dämmerte allmählich die Form auf, die erste Begrenzung einer Einheit. Das war ein Punkt in einem Kreis, die "erste Ursache", "ein Zeitgeist".

Lange später spaltete sich dieser Zeitgeist in zwei Prinzipien. Das eine war ein tätiges, das andre ein stilles. Das eine war ja, das andre nein. Das Licht und die Finsternis, das Männliche und Weibliche. Und alle Dinge entstanden aus der vereinten Wirkung dieser beiden Prinzipien. "Die beiden Elemente der Natur sind des Menschen Eltern", lehrte Laotses Schüler Tschuang Tse. Das war die chinesische Erschaffung der Erde und alles Lebens. Das wurde Jin Jang genannt.

Das Zeichen war das Rätsel von allem chinesischen Leben. Es war voll fruchtbarer Geheimnisse, eine Sichtbarmachung der geheimsten und stärksten Dinge der Rasse. Wir hatten es wie oft erlebt auf unserer Reise. Die Verwaltung hatte nie einer bewaffneten Gewalt bedurft. Die Instinkte ergaben sich dem Ganzen. Die Gesellschaft hatte sich von selbst in Kreise eingeteilt, von denen der eine sich in den andern fügte. Und doch war, trotz dieses Einordnungsgefühls der Masse, in einzelnen etwas Widerspenstiges. Es sah so aus, als ob mit diesem Widerspenstigen ein jeder seinen Zwang sich einzufügen regelmäßig ventilierte und seine Kraftinstinkte frisch hielt, dem Jin das Jang vermählte.

Der Europäer hält die Chinesen im allgemeinen für Schurken, weil sie sich in ihrem alten Landgebilde nicht so ohne weiteres den europäischen, oft räuberischen Erwerbssinn gefallen ließen, und sich nicht beeilten, den Jang Kwei Tse, den fremden Teufeln, ihre Seele zu erschließen, die aus ganz andern Ursubstanzen besteht und aus andern Evolutionen entwickelt ist als unsere. Unsere Kulis hielten wir auch nicht mehr für die harmlosen Naturburschen, für die wir sie anfangs ansahn. Sie hatten Tücken. Sie waren heut Freund und Arbeiter in unserm Dienst, glühend vor Arbeitskraft und konnten morgen, wenn eine andre Macht sie kaufte oder ein anderer Gedanke sie führte, unsre Mörder sein, mit derselben Wut der Hingabe, derselben selbstlos überschäumenden Härte, mit der sie jetzt am Ziehseil und an den Rudern hingen.

Wir reisten mit offenen Koffern. Unser Geld war jedem zugänglich. Es wurde nie etwas gestohlen. Aber auf dem Kohleneinkauf betrog uns der Boy. In jedem Chinesen waren endlose Abstufungen hinab des Befehlens und Befohlenseins. Alles, was wir in den letzten Wochen an Chinesischem erlebt hatten, war unklar und zwiespältig geblieben. Das Land war ein Hexenkessel von Ehrlichkeit und Betrug, feiger Hinterlist und Mut. Das rote und das schwarze Prinzip kreiste durch alle seine Atome.

So schien im Zeichen dieses Jin Jangs die Volksseele die geheimnisvollen Mysterien ihres Innern gefunden und zu einem Bild gemacht zu haben. Schlechtes und Gutes, das in ewigem Kreislauf ineinander drängt und sich — ein Fludium fortwährender Erzeugungskraft — zu stetem Neuwerden befruchtet; eine ewig fließende Regeneration aus den Spannungen der Rasse. Die Ausübung der alten Gesittung und Gewohnheiten schienen uns teils närrisch, teils verbrecherisch; das Wissen und Denken fossilienhafte Formelversteinerung. Aber in den Elementen, die wir aufspürten, und die lebendig in den Menschen waren, lebte eine Wahrheit, die uns schauern machte. Wir konnten sie aus unsern fremden Gefilden heraus nur intuitiv erfassen, und das Jin Jang gab uns in seinem Bild ihr Symbol.

In diesen beiden feindlichen Fötussen, die sich so innig zu solcher Gemeinsamkeit umschlingen, wirkt etwas wie die Naturkraft der positiven und negativen elektrischen Ströme, die sich anziehn und abstoßen und eine Philosophie, die machtvoller ist als die, die jemals ein europäischer Kopf ersann. Denn sie ist nicht aus der Spekulation gedanklicher Erwägungen, aus dem Aufrechnen hirnhafter Abstraktionen gegeneinander entstanden, sondern ist eine schöpferische Wirksamkeit, die in 400 Millionen Seelen wahrhaftig und schwebend lebendig ist. Ein erregendes, tiefes und hohes Geheimnis des Menschseins — uns halb gelüftet, mit Wonnen und Schauern, Grübeln und sich verlierendem Versinken von uns genossen.

Das stand auf dem großen Tongefäß. Das Tongefäß fährt aber vielleicht dieser Tage auf einer Dschunke nach Schanghai hinab und kommt in ein europäisches Haus, und ein Kaufmann steigt morgens zum Bad hinein und denkt dabei nach, wie er immer mehr der Angestellte seines chinesischen Kompradors wird, als dessen Herr er sich aufspielt. Das erscheint ihm von seiten Chinas als hinterlistig und betrügerisch und das Zeichen des Verkommens.

13. Dezember.

Die Operation in Wan Schien, die wir anfangs fürchteten, hat unerwartet geholfen. Der Pirat ist von großer Aufmerksamkeit, gehorcht auf einen Wimpernschlag und läßt alle Künste seines Kochtalents spielen. Nur einmal noch versucht er etwas zu retten. Er begann in seinem englisch-chinesischen Gestammel den Deutschen aus Wan Schien schlechtzumachen. Er kenne ihn von früher ... Er peitsche seine Diener und habe zwei chinesische Mädchen gekauft usw. Ich sagte ihm: "Es ist gut, spring mein Sohn, die Sache ist erledigt." "Finish?" fragte er. Er verstand nicht. Ich winkte ja.

Der geldlose Freiblitzer scheint von Dankbarkeit erfüllt zu sein. Er lacht uns immer an mit seinem gelben abgemagerten Gesicht und hilft, wo es geht. Er macht dem Boy plötzlich die halbe Arbeit. Der Boy tyrannisiert ihn und spielt ihm gegenüber den Herrn. Er hat ihm wahrscheinlich gesagt, daß er auf seine Fürsprache bleiben durfte und er rechne drauf, daß er ihm das in Tschungking lohne.

Einen neuen Patienten haben wir auch. Unter den Ziehern sind zwei Brüder, zwei kräftige Kerle mit langen Haaren und langen Röcken. Sie sehn aus wie Pilger aus "Tannhäuser". Der Kranke scheint Ischias zu haben. Vielleicht ließen ihn aber auch die Pflaster der andern nicht ruhn. Jedenfalls gibt Gre ihm dreimal am Tag ihr Universalmittel Chinin mit Himbeersaft und außerdem Säcke mit heißem Sand. Er ist nun der Held. Es ist eine außerordentlich wichtige Sache, diesen Trank zu nehmen und die Säcke aufzulegen. Alle sind bei dieser Operation beschäftigt. Wenn wir kommen, zeigt er auf seinen Schenkel, lacht und sagt, es sei schon besser. Er kann sich nicht bewegen und wohin er sich setzen will, trägt ihn sein Bruder mit nie müder Bereitschaft.

August hat, seitdem es ihm mit seinen Kreuzschmerzen nicht geglückt war, eine Wunde am Bein. Er bekommt eine der kleinen Reisweintäßchen voll Wasser, in das ein wenig Karbol gemischt wird. Bevor wir Zeit haben, ihm zu sagen, daß er sich damit die Wunde auswaschen solle, hat er es rasch hinuntergetrunken. Das bekam ihm wenig. Es scheint sich aber allmählich die Vorstellung herausgebildet zu haben, daß wir die Reise nur unternehmen, um Medizin zu verteilen. Der Singkuli Nr. 2 puffte Gre heute in die Seite, rieb sich den Bauch und verzog das Gesicht. Dann winkte er, sie müsse ihm etwas dagegen zu trinken geben. Ich wies ihn mit einem Nasenstüber ans Ufer, wo sechs Chinesen auf Steinen ausdauernd und andächtig und von Hunden umlagert bei ihrem Geschäft saßen.

14. Dezember.

Tse Pau Tsai. Ein merkwürdiger Klang. Es heißt Edelstein. Einer Ebene am Jangtse entsteigt plötzlich die schmale Säule eines schroffen hohen Felsens. Ein Städtchen schachtelt sich um seinen Fuß herum. Aus den Dächern heraus lehnt sich eine Pagode an den Fels und ihre geschwungenen Dächer, die wie Nasen übereinander stehn, reichen bis über die obere Kante des Steins. Droben erscheinen niedrige weiße Gebäude. Wir gehn zur Stadt hinauf. Schöne Tempel sind in ihr. Ein jeder liegt voll Soldaten, und in den Höfen stehn altertümliche schwere Gewehre mit gußeisernen Rohren auf verfallenen Gestellen. Die Soldaten tun sehr wichtig und ernst und schießen ihre scharfgeladenen Gewehre in die Luft, als wir wieder gehn. Dann steigen wir durch die Pagode zum Felsen hinauf. Es ist ein Kloster oben. Viele Hallen liegen voll Götterfiguren. Sie sind in Trümmer zerschlagen. Ein Chinese tat es, der ihnen untreu wurde und das Christentum, das er annahm, fanatisch gegen sie wandte. So bleiben sie nun liegen. Es müssen merkwürdige Darstellungen gewesen sein. Man sieht in ihnen viele Torsos von schwangeren und gepfählten Frauen. Fern ziehen durch die graue Luft die mächtigen Stufen eines riesenhaften Gebirgszugs. Um den Felsen-Einsamen fließt eine milde, weiche Landschaft auseinander, die drunten im Dunst des Tages silbern verschwimmt.

Wir wollen den ganzen Tag hierbleiben. Ich geb der Mannschaft einen Djau. Sie bringen es fertig, mit diesen anderthalb Mark sich zu fünfundzwanzig Mann zu betrinken. Es ist das erstemal auf der Reise, daß sie Branntwein trinken. Sie kommen abends streitsüchtig an Bord und brüllen herum. Sie legen sich gleich schlafen. Auf einmal wird es wieder laut. Bums! fliegt unsre Tür auf, und ein nackter Bursch stürzt die Treppe herunter. Ich befördere ihn hinaus und sende ihm etliche deutsche Flüche nach. Bald schlafen sie. Nur August steigt noch herum. Aber er hat einen fröhlichen Rausch. Während wir baden, öffnet er von außen das Fenster. Ich schmeiße ihm einen Topf warmen Wassers über den Kopf. Er lacht und winkt, ich möge ruhig sein, er schaue nicht mehr herein.

15. und 16. Dezember.

Die Stadt der Tempel — Tsongtsau! Eine Stadt, die stirbt und in der die Reste alter Blüte verfallen. Ein einziger Tempel macht eine Ausnahme. Es ist die schönste Tempelanlage, die wir in China gesehn. Die Gebäude wachsen eng nebeneinander auf, Tempel, Theater, Höfe, Pavillons. Es ist eine Seidenstickerei auf Goldbraun. Mächtige Holzsäulen halten Dächer über den Besucher, die aus farbigem Email zu sein scheinen. Am Theater sind subtile Schnitzarbeiten. Viel Gold und Farben sind in die weiche Düsternis der Anlage eingelassen. Es ist Größe und spielende Freude an Ausschweifung in Kleinigkeiten. Die Strenge und Anmut Chinas ist in diesem Werk. Es ist der einzige Tempel, der gepflegt ist. Fast alle andern Tempel Tsongtsaus sind geschlossen, einige Kasernen.

Die Stadt liegt in eine weite Mauer gegürtet auf Felsen, und mit merkwürdigen Überraschungen durchklettern sie ihre Gassen. Einst blühte sie als Examenstadt. Das ist vorbei. Aber von jener Zeit hat sie noch einen Hauch in ihrem Innern, in schönen, sonderbaren, reichen Hausfassaden, feinen Brückenbauten, mächtigen Anlagen von Beamtengebäuden und Tempeln. Am Fluß ist eine große Winterstadt mit breiten Straßen aufgebaut. Ein emsiges Leben füllt sie. Viele Schiffe reihn sich an ihr auf. Ganze Haufen von Orangen und Nüssen gibt es, Fasanen und Hasen; ich kaufte ein Paar Wildtauben für zwölf Pfennige. Das Leben gibt sich so chinesisch wie es ist. Bettler jammern einen halben Tag vor unserm Boot und folgen uns bis in die Stadt. Es sind entsetzliche, krätzige Wesen, Knaben, kleine Mädchen und Männer, mit Schmutzkrusten bedeckt, mit nie gereinigten Haaren, von den Ofenlöchern geschwärzten Leibern und, als einzige Bekleidung, den zerfetzten Sack über dem Rücken. Sie dringen bis aufs Hausboot hinauf. Die Chinesen wagten nicht, sie zu vertreiben. Ich mußte es selber besorgen.

Scharlatane und Wahrsager, Barbiere und Ärzte schieben ihre Tische mitten in den Verkehr. Alte Herren tändeln durch die Menge und rauchen ihre selbstgedrehten Zigarren aus anderthalb Meter langen Bambuspfeifen. Ein jeder Platz ist Bedürfnisanstalt; doch findet man schon Rudimente des W. C. Eine Matte ist im Halbkreis aufgestellt. Primitivste Freudenhäuser mit einer urhaften Einrichtung locken die Kulis. Große Teehallen beben vom Geschrei ihrer Besucher. Mitten in den Wegen vermieten am frühen Morgen Leute Waschbecken, warmes Wasser und Tücher an die Kulis.

Wir blieben zwei Tage in Tsongtsau. Man durchstreift eine solche Stadt wie zu einer Entdeckungsreise, und die Neugier ihrer Bewohner folgt uns, wie Dorfkinder einer Menagerie. Diese Neugier ist gutmütig und liebenswürdig, teils scheu, teils naiv aufdringlich. Der photographische Apparat feiert Triumphe. Wenn ich die Chinesen durch die Mattscheibe schauen lasse, sind sie ganz weg vor Entzücken und Heiterkeit. Dieses liebliche Reduzieren der Zeichnung, belebt vom kühlen Glanz der Farben, ist etwas, das ihrem Sinn liegt.

17. Dezember.

Eine leere Stadt, eine Stadt, die keine Stadt ist, liegt auf einem Berg. Weite Festungsmauern umspannen mit schönen betürmten Toren ödes Land, aus dessen dürrem Gras nur Haufen von entlaubten Maulbeerbäumen wachsen. Im Innern verfallen einige große Jamen und Tempel. Kein einziges Wohnhaus hat diese Stadt jemals besessen. Es ist ein Fungtuschien, das kein Fungtuschien wurde. Das wirkliche Fungtuschien liegt eine Weile davon ab, unten am Fluß. Es wurde einst vom Hochwasser weggespült und die Regierung wollte die Bewohner, die gerettet wurden, in sicherer Lage neu ansiedeln. Sie baute die Mauern und die öffentlichen Gebäude. Aber die Bewohner kümmerten sich nicht darum und setzten sich wieder in ihr altes Nest.

Wir kamen auf einem langen Fußweg über Land in die Stadt. Eine große weiße Pagode auf einer Bergspitze hatte seit langem ihre Nähe angezeigt. Der Zugang führte über eine gedeckte Brücke, auf der sich drei Haushalte eingerichtet hatten. Fungtuschien ist eine Wallfahrtsstadt, oder ist es gewesen. Wir fanden all die zahlreichen Tempel — jedes dritte Haus ist ein Tempel — von Soldaten besetzt oder an Handwerker und Teehäuser vermietet. In einem wurden Möbel gezimmert, im andern Gewehrrohre fabriziert, hier war ein Reismarkt, dort eine Garküche und dort eine Spinnerei und Weberei, wo vordem die Götter einen Lieblingsplatz hatten, von dem aus sie den Menschen geneigter waren als anderswo. In allen Tempeln waren feine Schnitzereien und überall hielten "Hunde Fo" Wache, die wunderbare Ornamente aus Stein waren. Aber die Gassen wimmeln von Mönchen. In jedem Ofenloch klebt ein schmutziger Bettler, und unter den Geschäften gibt es viele Pfandleihhäuser, in denen das verstorbene Regime einige alte, seidene, reichbestickte Mandaringewänder für uns untergebracht hat.

18. Dezember.

Der Strom kommt mit verhaltener Macht aus der Unendlichkeit des Nebels. Auf einem Bergkamm wischt der Nebel langsam eine plumpe Pagode aus der Luft. Die Hügel laufen so zart rund um den grauen Dunst. Nur die Äcker leuchten von dem starken Grün der Pflanzen. Ein Ufer ist nur ein Hauch. An dem andern Ufer, an dem wir fahren, ist alles Silhouette. Stromauf schmiegen sich die hohen Flügel der Segelschiffe, die uns vorausfahren, in die weiche Luft, und an ihrer Seite tauchen rasch die großen, vom Rudern erdonnernden, vom Schreien erfüllten großen Dschunken auf und gleiten hastig und mächtig zu Tal. Ein feiner Staub sprüht aus der Luft. Der Westwind wirft ihn heftig gegen unsre Gesichter. Aus den zerrissenen Felsenufern erheben sich von Zeit zu Zeit große Reiher, segeln einsam und in bizarrer Körperhaltung vor uns vorbei, bis der Nebel ihre breiten Flügelschläge ganz einschlürft.

Im Nebel zeigt sich das Fremde noch fremder: die weißen Hausgiebel in Akkoladenform, die kleinen Türme mit den Dächern, die wie Tannenäste von der Achse des Gebäudes abschweifen, die kargen hohen Pagoden, die Eingänge der Tempel, die wie mit bunten kleinen Scherben beworfen in den großen, einfachen weißen Mauern stehn, und über dem Menschenwerk die Schöpfung Gottes — die mit dünnen langen Baumreihen ausgezogenen, spielerischen Züge der Hügelkämme ... ein landschaftliches Pizzicato.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Alte Ssetschuanesen

Wir haben uns angewöhnt, seitdem das Land gemächlicher geworden ist, die Hälfte des Tages zu Fuß am Land zu gehn. Am Ufer sind jetzt überall ganze Scharen von Goldwäschern. Ihre Arbeit zwischen Steinen sieht in der grauen farblosen Luft so armselig aus. Die Leute sind alle zerlumpt gekleidet. Es ist lächerlich, daß sie Goldgräber sind.

Allenthalben kommen die steilen Weglein zwischen den Ackergärten Menschen herab und setzen sich ins nächste Fährboot. Wenn es so voll ist, daß es fast untergeht, beginnt es rasch in den grauen Strom hineinzufahren und sich quer ans andre Ufer treiben zu lassen. Wir hören die Trommel unserm Schiff Zeichen geben. Eine Schnelle rauscht, und Zieher schreien unsichtbar im Nebel.

Da kommt jenseits auf der halben Höhe eines Berges ein Leichenzug. Schalmeien tönen hart und dumpf, der Gong brummt wie eine Glocke, und langsam taucht der Zug durch den Nebel vorbei: weiße Fahnen, ein roter Baldachin, ein roter Tragstuhl, weißgekleidete Menschengruppen. Die Landschaft ist eintönig, einsam und traurig. Die Musik des Leichenzugs ist wie der Atem dieser eintönigen, wehmütigen und sonderbaren Nebellandschaft.

Aber diesen grauen Tag schloß die einzige Sternennacht, die wir bisher auf der Reise hatten. Stromauf und -ab flutete ein leiser heller Nebel, in dem die Strömung sacht rauschte. Der Sand knisterte am Boot unter unsern Füßen. Die Gipfel der Berge waren voll schwarzer Klarheit und drüber dehnte sich der flimmernde Glanz des Himmels. Ein Boot mit einer Fackel kam im Nachtnebel heran. Ein Mann wollte uns Gemüse, Eier und Hühner verkaufen. Er hatte auch in kleinen runden Schüsseln die vielen Speisen für die Chinesen.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Garkoch

19. Dezember.

Futso'u ist eine große Stadt. Sie taucht uns geheimnisvoll und langsam auf einer Bergecke entgegen, und plötzlich scheint die Sonne über sie. Sie ist nicht viel anders wie die andern Städte, die wir durchgangen sind. Sie liegt über dem Zusammenfluß des Kung tan Ho mit dem Jangtse. Im Kung tan Ho lagen die merkwürdigsten Schiffe, die ich jemals gesehn. Es waren riesenhafte, plumpe Fahrzeuge drunter. Aber sie waren alle wie verdrückt. Sie waren nicht in graden Linien gebaut wie andre Schiffe, sondern wie ein Pfropfenzieher umgebogen. Die Kiellinie verlängerte sich nach außen durch den Rand der Steuerbordreling. Hoch über ihre Mitte ging eine fliegende Brücke, bis zu der das Steuer reichte, dessen Hebel aus einem etwa 30 Meter langen Baumstamm bestand. Die Chinesen nannten diese Fahrzeuge Wai pi kü'rh. Die Kenntnis der Ursache, weshalb diese Dschunken so absonderlich gebaut waren, hatte sich unter den Schiffern verloren. Der Fluß hatte eine besonders heftige und in kurzer Biegung drehende Stromschnelle, und es waren vielleicht alte Erfahrungen, die den Schiffen nach und nach diese Form gegeben hatten.

Hinter Futso'u liegen alte Opiumbau-Täler. Die Bevölkerung war, seitdem die Regierung das Mohnpflanzen verbot, in Aufstand getreten und zum Teil Räuber geworden. Vor zwei Tagen hatten Soldaten hier zwölf dieser Räuber gefangen und nach Tschunking geführt. Ich sah, daß hier noch Opium geraucht wurde und ließ mich von dem brenzligen Geruch auf ein Schiff im Kung tan Ho führen. In einem offenen Verschlag lagen zwei Chinesen an einem der Opiumlämpchen, bereiteten sich gegenseitig die Pfeifen und schauten mich, stumpfsinnig und schon in ihr Verdämmern gesunken, an.

Als wir aufs Schiff zurückkamen, trat mir ein Chinese entgegen, der ein ganz zartes schönes Mädchen von etwa sechs Jahren auf den Armen hatte. Er verbeugte sich und zeigte uns den Kopf des Kindes, der von bösem Ausschlag verwüstet war. Wir konnten ihm nur "schi, schi!" sagen, d. h. sauberhalten. Dieser Besuch wurde abgelöst durch den Besuch eines im Jangtsetal gefangenen kleinen Orangs, der uns allerlei komische Kunststücke vormachte. Dann sahen wir den Laopan den Hügel von der Stadt herunterkommen. Die kleine dicke Kugel kam, wie an einer Schnur hin und her pendelnd, rasch heruntergelaufen. Er hatte die Hälfte seines Reises verkauft. Das sah man ihm und, als wir weiterfuhren, auch dem Schiff an. Man hatte ihn für die Abfahrt ans Steuer gelassen. Ich vermute, um ihm vor seinen Bekannten, die am Ufer standen, "das Gesicht" nicht zu nehmen. Ein Rausch in China war ungewöhnlich selten, aber auch ungewöhnlich billig. Wir blieben über Nacht an einem Dorf, in dem nur Körbe und Matten gemacht und Schweine geschlachtet wurden.

20. Dezember.

Wir sind glücklich, daß die Schwierigkeiten, die uns in Wan über den Weg liefen, so gut überwunden sind. Der Boy ist vielleicht ein Pirat gewesen, aber er ist ein ganz außerordentlicher Diener. Wenn es nur keine Holzkohlen gäbe! In Futso'u mußte er wieder welche kaufen. Wir haben bisher mehr Geld für Holzkohlen als für Essen verbraucht. Dafür besteht im China der Europäer das Wort "Squeeze". Es gab einen Zusammenstoß. Ich glaube, er weinte. Aber nach solchen Auftritten, bei denen seine ehrgeizige Veranlagung sehr zu Schaden kommt, ist er immer von neuer Frische. Die Instinkte seines chinesischen Einordnungsgefühls sind neu gestärkt. Er tritt in seinen Kreis zurück. Das Jin hat über das Jang gesiegt.

21. Dezember.

Mit der Flinte ging ich morgens einen Hügel hinauf, der steil über dem Fluß stand. Eine weite Mauer umschloß ihn. Es sind Türen in der Mauer. Aber sie sind fest und verschlossen. An einer brüchigen Stelle klettere ich hinauf. Innerhalb liegen nur Äcker. In einer Mulde steht ein Bauernhof und Bambus. Von unten hat man ihn nicht gesehn. Ich geh hin. Männer und Knaben kommen mir entgegen. Der alte Bauer hat eine Pfeife wie eine Waffe in der Hand. Sie ist ganz aus Eisen, eine kleine Keule. Er ruft mir zu "Zoa, zoa!" (Geh', geh'!) Er war sehr heftig und bös. Ich ging doch am Hof vorbei, weil ich nicht denselben Weg zurücknehmen mochte. Alle kamen ein Stück hinter mir drein, wie Räuber, die sich nicht sicher sind, ob sie den Überfall wagen dürfen, bis sie sahen, daß ich den Pfad zum Fluß hinabging. Sie riefen etwas nach. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Fluchwort gegen die Fremden war, das gefürchtete "Jang Kwei Tse" — Fremder Teufel! Wir haben es noch nirgends gehört.

22. Dezember.

Die Landschaft wechselte wieder. Kleine heftige Hügel sprangen im silbernen Dunst aus den Uferfelsen. Hinter ihnen wogte das Land hügelig weiter bis zu kühn gewölbten Gebirgen, die der Nebel in sich gefangen hielt und nur figurenweise der Luft gab. Bauernhöfe lagen in Bambus verborgen. Nur ihr Rauch verriet sie. Rund um sie war der Boden bis ins allerletzte ausgenutzt und die Äcker mit Hirse, Getreide, Kohl, Erbsen sahen aus wie Mustergärten. Alle die Millionen kleiner Pflanzen standen in geraden Strichen, und der fettbraune Boden schimmerte durch. Die Äcker waren heftig grün, wie Patina auf Bronze, über die dunkle Erde gelegt.

Die Hunde der Bauernhäuser fielen mich an. Die Weiber standen mit offenem Munde, von meinem Erscheinen betroffen, in den Höfen und stürzten plötzlich Hals über Kopf ins Haus. Der Riegel klappte zu. Schwere feindselige Wasserbüffel gingen durch die Landschaft. Über einer Stadt, hoch im Gebirg, zog eine zinnen- und turmbebordete Mauer über Anhöhen und in Täler hinab.

Gegen Abend weitete der Jangtse sich aus. Er wurde ein See, im Dunst der Abendröte erglühend. Schiffe mit hohen Segeln standen mit langsamem Weg im Blut des Wassers. Wasserbüffel pflügten auf der Kante der Hügel gegen den brennenden Himmel und glimmerten dunkel gegen das Licht. Der Bauer führte den alten Pflug. Er sah aus in seiner Faust wie ein starker hölzerner Bogen.

Wir kamen in ein kleines Dorf, das in den Ausgang einer Schlucht gebaut war. Ein kleiner Tempel ohne besonderes Aussehn stand am Weg. Er war offen, und wir gingen hinein. Es schien der Tempel einer Schiffergilde zu sein. Überall lagen roh gezimmerte Schiffsmodelle. Überall war auch Verfall in ihm. Nur auf allen Altären standen Fayencen von großer alter Schönheit, blau und weiß, eigenartig und seltsam in den Zeichnungen, und tief und leuchtend im Schmelz. Es waren zum Teil kindergroße Vasen, immer in abgestimmten Sätzen von fünf Stücken zusammen. Ein alter, halb vertrottelter Chinese kam nach langer Zeit heraus, sagte etwas mit seinem zahnlosen Mund, und ich gab ihm einiges Geld.

Wir lagen über Nacht eine halbe Stunde flußaufwärts. Ich sagte dem Boy, er solle mit dem Gratisblitzer in das Dorf und zu dem Tempel gehn und versuchen, ob er die Fayencen kaufen könne. Das Trinkgeld für ihn, wenn es gelinge, sei sein doppelter Monatslohn. Wir warteten erregt auf die Rückkehr der beiden. Es wurde tiefe Nacht. Ach, wir haben uns umsonst erregt. Der Alte ließ uns sagen, er möchte ja wohl die Gefäße verkaufen, aber jedermann in der Gegend kenne sie, und ich solle ihm es nicht verargen, daß ihm sein Kopf lieber sei, als meine Silberstücke. Diese fünfundzwanzig Vasen waren so mächtig, so schön, so seltsam, wie ein ganzer großer Berg voll blauen Rittersporns in einer Schneelandschaft und unter einem seidenblauen Himmel.

3. Dezember.

Drei kleine chinesische Erlebnisse hatte ich heut.

Morgens drohte eine Dschunke mit uns zusammenzustoßen. Alle Mann stemmten sich gegen das schwere Fahrzeug. Ich griff mit ein und kam grade neben den Koch. Dieser schwerfällige fette Kerl glitschte aus und sank zwischen die Wände der beiden Boote, die unaufhaltsam sich einander näherpreßten. Ich bekam ihn noch rechtzeitig zwischen den Beinen zu fassen und zog ihn heftig herauf. Dabei rutschte sein Kopftuch ab, und ein anderthalb Meter langer Zopf rollte sich auf. Alle Kulis stürzten auf ihn los, einer nahm sein Messer, einer ein Beil, und sie wollten ihm im Scherz den Zopf abschneiden. Andre traten doch besorgt dazwischen. Keiner hatte gewußt, daß der Reiskoch noch einen Zopf trug. Heimlich verbarg er das Zeichen, mit dem er an dem alten China hing. An den Toren der Städte standen Soldaten, die jeden Zopf abschnitten, der vorbeikam.

Mittags stand ich einem Chinesen drei Minuten lang auf der nackten dicken Zehe. Das kam so: Wir gingen in einen Tempel, der ganze Ort hinter uns drein. Sie schoben sich einer vor den andern, um von den fremden Affen keine Bewegung zu verlieren. Im kleinen Tempel, von Menschen umringt, sah ich einen merkwürdigen Gott. Ich blieb plötzlich stehen, zog den Apparat heraus und trat einen Schritt zurück, um Distanz zu bekommen. Ich fühlte, daß ich auf etwas Weichem stand, schaute zum Boden und sah einen nackten Fuß. Er rührte sich nicht. Meine Stiefel waren nicht aus Samt. Ich dachte mir: mach' die Probe und bleib auf der Zehe stehn. Ich machte die Aufnahme. Es dauerte eine ganze Weile. Ich spürte die weiche Zehe unbeweglich unter meinem Absatz. Als ich fertig war, gab ich die Zehe frei und drehte mich rasch um. Hinter mir stand ein junger Mann mit einem schönen, ebenen Gesicht. Er schaute an mir vorbei auf den Gott. Er warf keinen Blick auf seine geschundene Zehe und brachte nicht einmal durch Zurückziehen des Fußes den Verdacht drauf, daß irgend etwas an ihm mit mir zu tun hatte. Was war die Ursache eines solchen Benehmens?

Abends kamen wir auf einmal an eine Bucht, die das Flußufer zwischen Felsen bildete. Es wäre schwierig gewesen und ein großer Umweg, über die Felsen zu klettern, und ein Chinese hatte sich in seinem Erwerbssinn diesen Umstand zunutze gemacht, seinen alten Kahn in der Bucht verankert und von achtern und vom Bug Bambusstangen ans Ufer gelegt. So war eine primitive und nicht sehr sichere Brücke geschaffen. Wir turnten hinüber, hinter unsern Ziehern her. Unser Schiff legte mit andern gleich hinter der Brücke an, und der Chinese ging mit seiner Fackel absammeln. Der Laopan gab ihm für jeden Zieher etwa einen halben Käsch. Ich gab ihm für uns beide dreißig. Hätte ich ihm auch nur einen halben gegeben, so wäre er zufrieden gewesen. So aber kam auf einmal, durch das unerwartete Überzahlen angelockt, der Geist des Verdienens mit den Vorspiegelungen abenteuerlicher Möglichkeiten, die er aus den reichen und wohl auch dummen Fremden herausholen könnte, über ihn. Er kam gleich und wollte mehr haben. Die halbe Nacht lang mochte er sich nicht vom Hausboot trennen, und er verbrannte eine Fackel nach der andern vor unsern geschlossenen Fensterläden und rief seine Forderungen herüber.

24. Dezember.

Wie eine Überleitung kommt ein Auftakt in die Landschaft. Aus dem Hügelland sammeln sich wieder die Berge zu einer breiten Schlucht. Sie ist voll Buchten, und eine jede sieht mit ihren verzogenen Ufern und dem ruhig und breit strömenden Fluß aus wie ein Gebirgssee. Überall heben sich die Schächte kleiner Kohlengruben aus den Flanken der Berge. Auf fernen Höhen stehn religiöse Denkmäler: Ehrenbogen, aus denen sich zahllose steinerne Arme wie Krallen zum Himmel aufheben. Eine stürmische Bö jagt uns mit vollem Segel durch die Schlucht.

In einer Nachmittagsstunde erschienen, erst in der grauen Luft geheimnisvoll zurückgehalten, die Dächerscharen von Tschunking hoch über dem Strom auf einem geneigten, riesenhaften Felsenplateau, in grauen Farben in die dunstige dunkle Luft geschüttet. Der Strom ist hier, 2500 Kilometer von seiner Mündung ins Meer, noch zwei Kilometer breit. Die Stadt baut sich über seiner mächtigen Bahn fremd und großartig auf. Ein breiter Fluß strömt in den Jangtse, und an seinem Ufer, gegenüber von Tschunking, dämmert eine andre große Stadt im Nebel.

Wir mußten mit unserm Boot zuerst am Zoll anlegen, warten. Die Zollstation war auf dem der Stadt entgegengesetzten Ufer. Wir gingen am Strand hinauf und schauten sehnsüchtig und voller gieriger Erwartung nach Tschunking hinüber. Was wartete dort auf uns? Die Stadt war eines der großen Mäusenester Chinas. Wir sahen am Ufer unterhalb eines Tors dunkle schwere Menschenmassen sich zusammendrängen. Wir gingen zum Boot und fragten. Der Boy erkundigte sich. Er kam, lächelte und erzählte, daß man jetzt drüben die zwölf Räuber köpfte, die man vor einigen Tagen in Futsou gefangen hatte. Die Menschenmasse quoll hin und her. Die hohe Treppe zum Tor hinauf war wie ein dunkles bewegtes Band.

Den Fluß aufwärts standen steile Gebirge im grauen Abend. Es waren die ersten Regungen des Tibet. Sie hatten kalte, verhüllte, befremdende Formen. In dieser Stunde begann man zu Haus in Europa den Weihnachtsbaum anzuzünden.

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch
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