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Auf dem chinesischen Fluß

DER SCHIN TAN

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Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch

Wir waren einen Monat in Tschunking. Dann wurde das Hausboot, das in der ganzen Zeit im Kiating, inmitten eines Rudels ruhender Schiffe festgelegt war, in Ordnung gebracht, und eines Morgens begann die Talfahrt.

Die erste Hälfte des Rückwegs ging rasch und glatt. Der Mast war abgenommen und an der Seite festgebunden worden. Es wurde nur gerudert. Die alten Kulis, mit denen wir die lange Fahrt den Jangtsekiang heraufgemacht hatten, waren nicht mehr da. Die neuen Ruderer schienen nicht so gut, es waren zu junge Knaben und zu alte Männer und Faulpelze dabei. Sie waren nur mehr zu zwölf. Der Laopan wollte Geld schinden. Er bezahlte jedem Kuli für die ganze Reise zu Tal etwa anderthalb Mark. Es kam ihm teuer zu stehen.

Am sechsten Tag der Reise hatten wir schon weit über die Hälfte des Wegs hinter uns, und wir dachten, in drei Tagen in Itschang sein zu können. Da kam aber auf einmal Sturm den Strom herauf. Die Talenge faßte den Wind heftig zusammen und er schlug wie durch ein enges Rohr eingepreßt auf uns. Die Ruder setzten sich bald nicht mehr durch gegen ihn. Der Wind trieb das Schiff langsam immer nur wieder von einem Ufer zum andern, die Leute mochten sich in die Ruder werfen, wie sie wollten. Wir lagen halbe Tage lang am Ufer. Ich schoß Wildenten und Reiher, die in großen Trupps von Ufer zu Ufer flogen, und ging, die Flinte auf dem Rücken, mit Gre zu den Bauernhöfen, in die Berge und in die vereinsamten Bergbefestigungen hinauf. Verwilderte Orangen hingen klein und golden an den grünen Bäumen in der grauen harten Luft, und die winterliche Ackererde war unter den Schritten weich und zäh wie Teig.

Die Ruderer gewöhnten sich rasch an dieses träge Leben. Als am zehnten Tag der Wind schwächer wurde und wir auf die Weiterreise drangen, ruderten sie so faul, daß das Schiff nicht voran kam. Rund um uns gingen die Dschunken zu Tal. Ich zeigte auf sie. Die Kulis sagten, sie kämen nicht weiter, weil das Schiff zu wenig beladen sei und im Wasser keinen Widerstand gegen den Wind habe. Da ließ ich Steine aufladen. Diese Arbeit ging ihnen wider den Strich. Sie warfen ein paar Steine auf, fuhren weiter und ruderten bald wieder an Land. Sie gingen gleich zu einem Haus hinauf, in dem sie sich zum Teetrinken und Plaudern niederließen. Bei diesem Haus stand ein Bambusbusch. Ich schnitt zwei feste Stecken und besuchte die Teetrinker. Sie waren im Nu auf dem Schiff. Wir kamen dann gegen den Wind an.

Ein roter Engländer, Mr. Joney Nutknacker, der zufällig mit uns von Tschunking weggefahren war und der auch nach Itschang wollte, ließ uns nicht locker. Er fuhr in einem kleinen mit Matten eingedeckten Wupan mit drei Ruderern. Es regnete hinein, und die Wellen spritzten sein Bett mit Wasser voll. Infolgedessen hielt er sich mit Vorliebe auf unserer trockenen und gewärmten Kwaze auf.

Unsere Ruderer waren jetzt sehr fleißig. Sie ruderten und sangen dazu. Einer sang vor. Das war der Kuli Nr. 1. Er war einer jener großen ungeschlachten Ssetschuanesen, die die gewaltsame Brutalität der Tataren in ihrem Äußeren bewahrt hatten. Er war ein Hunne, ein Menschenschlächter, so wie er aussah. Und er war doch vielleicht ein liebenswürdiger und gutmütiger Mann. Die Ohrfeigen, die unser kleiner Diener ihm schenkte, weil er einmal kein Badewasser für uns warmgemacht hatte, steckte er jedenfalls als wohlverdient ein, obschon er den Boy mit einem Schlag seines breiten Kinns von oben herab hätte zermalmen können.

Dieser gutmütige Hunne sang also vor, und die andern holten jedesmal mit "Hejo, haija ... haija, haija!" ab und ließen die zwei großen Wriggruder im Takt dieses Refrains gehen, während ihre blauen Lumpen um die Körper tanzten. Der Singkuli sang:

Der Mandarin aus dem Tugendland und seine Frau fahren drinnen sehr warm und haben gut essen.

Und die andern riefen singend im Chor: Hejo, haija ... haija, haija!

Die Kwaze geht schnell. Sie kommt von Tschunking und hatte fünf Tage Wind. Wenn der Wind aufhört, sind wir in zwei Tagen in Itschang.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unsere Kwaze ist schön. Aber der Wupan, in dem der fremde Mandarin fährt, ist schlecht.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der fremde Mandarin im Wupan ist schäbig. Aber unserer ist reich. Er hat uns heut mit dem Bambus geschlagen. Wir waren faul und verdienten die Schläge wohl.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der im Wupan hat rote Borsten auf dem Kopf, wie die hellen Schweine. Die Frau unseres Mandarins hat ein schmales Gesicht und ein schönes kleines Kinn wie eine Kastanie. Sie ist schön und gibt uns Apfelsinen und Medizin. Ihre Nase ist so schmal wie ein Sonnenblumenkern.

Hejo, haija ... haija, haija!

Schnell, schnell, wir wollen uns von den Dschunken nicht überholen lassen und der fremde große Herr will bald in Itschang sein. Der fremde Mandarin ist so dick, wie ein Gott aus Gold.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Vogel fliegt mit uns und will Fische fangen. Der fremde Mandarin hat ein Bumbum und kann ihn töten.

Hejo, haija ... haija, haija!

Weshalb tötet er ihn nicht? Er gäbe uns den Leib und wir könnten das Fleisch in unserm Reis kochen.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unser fremder Mandarin ißt nur den Leib der Wildenten und reißt den Reihern die Federn aus der Brust. Wir essen alles im Reis, Weih und Reiher. Es ist gut.

Hejo, haija ... haija, haija!

Es wird Abend. Schnell, Ruderer, wir legen an und bekommen Reis!

Hejo, haija ... haija, haija!

Es ist wohl zu erwarten, daß der fremde große Herr uns etwas gibt in Itschang. Vielleicht zweitausend Käsch. Dann bekommt jeder hunderfünfzig Käsch. Dann geh' ich zu den Mädchen. Aber der Huang muß nach Haus. Ihn holt seine Frau ab.

Hejo, haija ... haija, haija! brüllten alle lachend dem Huang zu. Huang war mindestens siebzig Jahre alt.

Der Mond scheint. Wir rudern durch sein Licht. Die Mädchen von Kweitsou fu werden heute Nacht schimpfen. Sie kommen in Kähnen. Aber der Mandarin nimmt sich kein Mädchen. Er reist mit seiner schönen jungen Frau.

Hejo, haija ... haija, haija!

Nur der Rotborstige bleibt den Mädchen von Kweitsou fu.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Rotborstige ist aber ein Geizhals. Er fährt in einem Wupan für achtzehn Tael. Und als es gestern regnete, wurde sein Bett naß ... schnell, schnell! sagte er auf einmal, wie von außen einen Riegel vorschiebend. Er war schon etwas zerstreut, denn der Reis duftete aus dem Kübel. Auch der Chor sang nur mehr zum Teil: Hejo, haija. Viele drehten sich oft am Ruder um und steckten die Nase in den Geruch, der aus dem Kochloch heraufkam. Plötzlich hielten sie mit Rudern ein und stürzten sich über das Reisfaß, das der Koch im selben Augenblick vom Herde hob.

Eines Tages kamen die Schnellen. Wir flogen eine nach der andern hinab. Es war ein sausendes Zutalschaukeln. Die Kwaze war noch fester als sonst in das Stoßen der erregten Ruder gespannt. Der vordere Steuerbaum flog hin und her. Der Laopan schrie erregt am Hintersteuer unter dem niederen Dach über das Schiff hinweg. Es war immer alles auf dem Spiel: Schiff und Leben. Ein Boot, das im Zutalgehn in der Schnelle scheiterte, war rettungslos und ganz verloren. Die Landschaft strudelte um uns auf, wild und stark wie die Schnellen.

Dann waren wir eines Morgens am Schin Tan. Der schmale Durchlaß einer wütenden Schlucht türmte sich über dem Strom auf, dunkel und rauh. Er engte ihn ein. Der Fluß wird hart und verwegen wie die Landschaft. Am linken Ufer unterhalb des grauen Städtchens, das droben auf Mauern und Pfählen steht, lag eine lange Reihe von Dschunken. Ein großer Zug von Kulis trug ihre Ladung am felsigen Ufer hinab und stapelte sie weit unterhalb der Schnelle im Sand auf. Dort nahmen die Schiffe sie wieder ein, wenn die Durchfahrt durch die Schnelle geglückt war. Einige kleinere Schiffe kamen an diesem Ufer den sprudelnden Fluß herauf. Die Schnelle war wie ein Wasserfall. Man sah die heraufkommenden Schiffe nur, bis wo der Mast ins Dach ging. Das sah so aus, als ob sie gesunken wären.

Am andern Ufer standen einige Häuschen auf einer langen Plattform. Es schallte Musik von dort herüber, und die Plattform wimmelte von Menschen, wie ein Fliegenglas voll schwarzer Fliegen. Drüben ist die Fahrrinne für die größeren Dschunken und für die zu Tal gehenden Schiffe. Diese müssen zwei Lotsen nehmen, zwei Lotsen für zwei Meter Fahrt. Manchmal sehen wir eine Dschunke sich von unserm Ufer lösen und nach der andern Seite rudern. Nach einer Weile stößt sie drüben wieder hervor, fährt langsam mit dem Rücken voran, der Kante der Schnelle zu, dreht auf einmal und sinkt in den Wasserfall hinein, springt und schleudert, kreiselt und taucht und taumelt durch die Wut des Stroms aufgeregt in wahnsinniger Eile zu Tal.

Von unserm Hausboot zog alles aus, was nicht bleiben mußte. Unser Diener kam und flehte uns an, wir möchten nicht mit die Schnelle hinabfahren. Das sei Gefahr fürs Leben. Aber wir gaben ihm die Handtasche mit dem Geld, den Papieren und Photographien. Dann fuhr das Hausboot ans andere Ufer. Dort lag auf der Plattform Zug neben Zug von Ziehern. In der Schnelle unmittelbar am Ufer stand, von sechs Tauen festgehalten, eine große Dschunke. In den Häusern spielten Musikanten auf Trommeln, Becken und vielen flehenden Geigen, um die Zieher anzufeuern. Zweihundert Menschen stemmten sich, auf dem Boden liegend, in die Ziehtaue. Die aufregende Musik fliegt in sie hinein. Die Dschunke steckt wie festgerammt, in dem kurzen Wirbel, der dunkel und glatt, wie ein Bogen aus kochendem Porphyr, mit rasender Kraft ans Bug schlägt und sich auswärts wölbt. Bis auf einmal ein kleiner Ruck ins Schiff kommt. Die zweihundert Zieher, die an die Seile angekrallt liegen, stürzen ein wenig vornüber, aber der kleine lockernde Ruck ist schon von den Seilen aufgefangen und festgehalten, und langsam, hartnäckig eisern folgt Ruck auf Ruck. Die Musikanten fiedeln begehrlicher, die Becken dröhnen ungeduldiger, und die Trommeln wirbeln, und durch die Muskeln droben rast ein Schauer, Tier und Schöpfung, finster und ewig, und Maß um Maß unterliegt die Tochter der Natur und der Willen des Menschen siegt sich hinauf.

Uns schauert ein wenig. Die Lotsen sind grade an Bord gekommen. Zwei junge dünne Burschen in den reinlichen langen Gewändern der besseren Klasse. Die Ruderer haben sich alle ausgezogen und ihre Kleider geborgen. Außer den Rudern wird alles festgebunden. Die Kulis legen sich nieder und halten sich an. Wir beide werden ins Innere des Boots eingeschlossen. Aber wir schieben die großen Fenster auf. Das Boot treibt langsam schräg rückwärts, auf die Kante der Schnelle zu. Wir sehen sie in tiefem dunklem Bogen ruhig, aber gewaltvoll abstürzen und dann plötzlich in einem ungeheueren Strudeln und Schießen, Donnern und Spritzen sich erregen und in heißen Bogenwellen talwärts fliegen, sich beruhigend.

Wir wissen, daß unter dem wilden Wasser die Felsenhaufen unsichtbar einen engen Paß bilden, der nicht viel breiter ist als unsere Kwaze. In diesen Durchgang müssen wir hineinstürzen. Dann glückt es. Mit einemmal hat uns die saugende Kraft gefaßt. Das Schiff geht etwas herum, neigt sich in den Wasserfall. Der Lotse hinten am Steuer brüllt über das Schreien, Fauchen und die Kanonenschüsse des Wassers hinweg. Wir steigen hinten hoch, wippen über, alles rutscht und stürzt, die Ufer, die Felsenklötze, die Berggrate, wir im Innern Eingeschlossene. In schweren Fetzen schlagen die Wellen aufs Schiff herauf. Wir wissen nicht: ist es Leben oder Tod? Einen Augenblick lang kochen alle Bewegungen, die es gibt, zugleich mit uns auf.

Wir haben uns ans Fensterbrett festgekrallt. Das Zimmer schwänzelt wild herum. Die Landschaft schüttelt sich. Das Schiff fliegt, stolpert, bäumt auf, macht Sprünge wie ein Karpfen außerhalb des Wassers und dreht sich, wie kreisend zu Tal rollende Felsen, ins Gewoge zurück. Unter unsern Augen saust und stockt das Wasser, schleudert auf, bohrt und windet sich und schießt geradeaus. Wir sehen die Kulis über die Ruder herfallen, das Schiff richtet sich auf und noch durchtobt uns das feurige Flammen dieses wehrlosen verwilderten Sturzes, so gleiten wir schon eilig wie in gutem Wind mit wohligem, ebenmäßigem Schaukeln mitten im Fluß zu Tal. Am Ufer schauen uns die Leute nach. Das war der Schin Tan.

Eine halbe Stunde unterhalb wird das Schiff ans Land gerudert. Die beiden Lotsen wollen sich von uns verabschieden. Sie verbeugen sich oft, und ein jeder von uns schüttelt sich wiederholt selber die Hände. Die Lotsen zeigen zur Schnelle zurück und wir sagen: bu chau — das war gefährlich. Aber sie wehren lachend ab und sagen: Mas ki — was liegt daran! — und gehen unter vielen liebenswürdigen Verbeugungen an Land. Der Boy und die andern kommen wieder an Bord. Wir strömen zu Tal. Die Ruderer singen und arbeiten ununterbrochen. Wildenten fliegen auf und gehen jäh vor uns hoch. Meine Flinte holt noch eine aus dem Himmel, eine schön braun-, grau- und weißgefiederte mit einem grünmetallischen Helm. Ihre Farben sind wie Email so kühl und glänzend.

Am nächsten Nachmittag waren wir in Itschang und bald auf der Reise nach der Küste zurück, und andre Weltteile und Rassen kamen. Doch keine mehr, die in derselben Geste ein solch überströmendes Gewähren zugleich mit solch rätseldurchschauertem Sich-Versagen uns hinhielt. Wir sprechen das Wort: Heiliges China! wenn wir in der Folge uns all die Erhebungen und all die Liebe, und all das Unnennbare, Unerfüllbare ... das, wie einer andern Schöpfung Entquellende vergegenwärtigen wollten ...

Illustration from Auf dem chinesischen Fluß: Reisebuch
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