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Auf alten Wegen

Operation

Reading edition

Wie seltsam dieses matte, fahlgelbe Licht ist, das durch die halbgeschlossenen Vorhänge dringt. Wie Rauch ist dieses Licht. So schwer, so atembeklemmend wird die Luft davon.

Es muß noch früh sein.

Von der Straße dringt kein Laut herauf in mein Krankenzimmer. Nur ab und zu kommt aus der Ferne kurzes Hundegebell.

Irgendwo, weitab, kräht ein Hahn.

So liege ich fünf — zehn Minuten. Zwischen Wachen und Schlaf. Alle Sinne sind fein gespannt und schlürfen jeden Eindruck. Nur der Körper ist noch so unsäglich schwer, noch so schlafmatt.

Eine nahe Kirchturmuhr holt zum Schlage aus. Vier Mal. Die Töne gehen langsam, wie mit schweren Schritten durch den fahlen Morgenschimmer und verhauchen mit weichem Seufzer in der Ferne.

Vier Uhr morgens!

Ich liege mit geschlossenen Augen. So weich und wohlig ist mein Lager. Und Schmerzen habe ich gar nicht. Ich fühle, wie mein Geist langsam in der Spannung nachläßt. Der Schlaf besänftigt ihn mit weicher Hand.

Traumbilder kommen.

Da klirrt irgendwo etwas. Hell und hart. Vielleicht der kurze Anschlag einer Weckuhr.

Wie kaltes Wasser übergießt mich dieser Ton. Alle Müdigkeit fällt plötzlich ab von mir wie ein Gewand. Hellhörig ist mein Geist; ganz frisch mein Körper.

Ich rucke im Bett auf und sitze aufrecht.

Durch den Vorhangspalt flutet das Morgenlicht. Ganz fahl ist es nun und überzieht alles im Zimmer mit einer Leichenfarbe.

Wenn ich mich vorbeuge, kann ich den Himmel sehen. Schwere, bleifarbene Wolken treiben darüber hin. Wie ein gieriger Hund muß der Sturm sie hetzen. Ich glaube sie stöhnen zu hören in ihrer Höhe wie sie dahinrasen, mit zerfetzten Rändern.

Von irgendwoher fängt mein Geist ein Wort auf.

Vielleicht aus dem entfernten Rollen eines Wagens.

Ich lege mich in die Kissen zurück und sage es unaufhörlich vor mich hin: »Operation ... Operation ...« Der Wagen rollt jetzt in der Ferne. Wie das Geräusch kleiner, rollender Kugeln trifft es mein Ohr, hart und häßlich. Und dieses Geräusch formt ersterbend das Wort: Operation ...

Irgendwo im Hause schlägt eine Tür. Ein jäher Knall. Ganz deutlich, scharf umrissen, steht das Bild vor meinem Geiste: Eine Dienstmagd oder eine Krankenschwester. Die Türklinke ist ihr aus der Hand geglitten und der Wind trieb die Türe zu. Nun steht das Mädchen da. Still ... erschrocken. Nicht zu atmen wagt sie. Hineinhorchend in die Totenstille der Klinik. Wohl zwanzig Kranke schlafen oder stöhnen da in ihren Betten.

Bläulichblaß wird das durchs Fenster sickernde Morgenlicht. Der Himmel ist jetzt von einer gleichmäßig grauen Dunstschicht verhängt und Regenspritzer schießen gegen die Scheiben, unregelmäßig, scharf klirrend.

Von der Straße kommen allerhand Geräusche.

Jemand pfeift.

Ich sehe in Gedanken den Bäckerjungen durch den Regenmorgen schlendern, pfeifend, die brennende Laterne vor der Brust, die helle Kiepe auf dem Rücken. Und beide Hände tief in den Hosentaschen.

Der Bengel hat famoses musikalisches Gehör. Schwierige Passagen aus einer modernen Operette pfeift er mit Virtuosität. Nun erklingt eine Mundharmonika. Wahrhaftig: der — der Faustwalzer. Tanzstunden- und Ballbilder flattern in meinem Gedächtnis auf wie jäh erschreckte Vögel. Es muß derselbe Bäckerjunge sein. Alle Bäckerjungen sind musikalisch. So gräßlich musikalisch.

Ich habe mich eigentlich nie um eine Bäckerjungenexistenz gekümmert. Nun dünkt es mich so angenehm, mit frischen, starken Gliedern durch den Morgen zu wandern, die sterbenden Schatten der Nacht unter den Füßen, und immer dem Scheine der an der Brust baumelnden Laterne nach. Und den Brotgeruch zu atmen, diesen köstlichen Duft frischen Brotes.

Und gesund zu sein. Viel essen zu können, gehen zu können. Wenn es einem gelüstet, gar laufen zu können. Und sich an der Sonne freuen zu dürfen, an den Bäumen, an Wolken, Kindern, Tieren.

Fast zwei Monate liege ich schon. Mein ganzes ferneres Leben lang wollte ich ein Bäckerjunge sein und mit der vor der Brust baumelnden Laterne durch die fahlen Morgen wandern, wenn jetzt plötzlich jemand ins Zimmer träte und sagte: »Du bist gesund! Erhebe Dich!«

Mit weicher Hand netzt der Schlaf wieder meinen Geist ... leise, unendlich leise ...

Von der Harmonika kommen nur noch verwehte Töne. Es spritzt heftiger gegen das Fenster. Ein unmelodisches Geräusch.

Ich liege mit dem Kopf tief in den Kissen Plötzlich fühle ich, wie jemand ins Zimmer tritt, und richte mich auf.

Ich hörte die Tür nicht gehen, hörte keinen Schritt. Die Krankenschwester steht an meinem Bette.

Ein absurder Gedanke durchzuckt mein Hirn: Aufzuspringen, das junge Weib davor mir zu umschlingen, ihre schmalen, blaßroten Lippen wund zu küssen und von diesen Lippen das Leben zu trinken, das junge, blühende, lachende Leben.

Schon der Kraftanstrengung des bloßen Gedankens folgt eine Reaktion.

Ich fühle mit trauriger Beschämung die Welkheit meiner Muskeln. Schlaff und müde liegen meine Hände auf der Bettdecke.

»Guten Morgen«, sagt Schwester Ines und greift nach meiner rechten Hand.

»Sie sollten doch schlafen, ungeduldiger Patient.«

In meinem Gehirn springt ein angstvoller Gedanke auf und quillt jäh über meine Lippen: »Wann ist die Operation, Schwester Ines?«

»Aber denken Sie doch gar nicht daran. Schlafen Sie nur. Ich gebe Ihnen jetzt eine Morphiumspritze und einen Schlummertrunk. Und dann schlafen Sie. Sie müssen schön schlafen. Wenn Sie dann aufmachen, ist alles vorüber.«

Wie gütig die Schwester spricht. Ihre Sprache ist so klingend. ›Wie wenn eine Quelle plätschert‹, muß ich denken.

Es ist heller geworden. Die bläuliche Dunstschicht ist aus dem Zimmer gewichen und ein grautrüber, regenschwerer Tag hat seine Herrschaft angetreten.

Schwester Ines entnimmt einem mitgebrachten Kästchen eine kleine Spritze und stellt sie in ein Glas auf die marmorne Platte des Nachttischchens.

Dann entblößt sie meinen rechten Oberarm und reibt eine Stelle mit einem spiritusgetränkten Wattebäuschchen. Ganz heiß und rot wird dort die Haut.

Mit einem Scherchen schneidet die Krankenschwester die Spitze von dem bräunlichen gläsernen Morphiumkapselchen und saugt das Gift mit der Spritze auf.

»Es tut nicht weh. Halten Sie ganz ruhig.«

Als sich die lange Nadel in die Haut bohrt, fühle ich einen kleinen, ruckartigen Schmerz.

Die Stelle schwillt weißlich an.

»Nun noch den Trunk«, sagt Schwester Ines und geht aus dem Zimmer.

Ich sehe ihr nach, wie sie durch den Raum geht, mit so hohen, schönen Bewegungen. Die Schwester hat das Zimmer verlassen und ich sehe sie noch vor mir. Ganz deutlich sehe ich ihre adeligen, zierlichen Hände mit dem feinverlaufenden bläulichhellen Geäder.

Wie sonderbar wohlig mir wird. So wohlig schwer. Ich möchte schlafen ... immerfort schlafen ... einen Tag und eine Nacht lang.

Und dann Bäckerjunge werden. Durch hohe, fahle Morgen wandern, immer dem Schein des Laternchens nach. Und den Duft des Brotes atmen, diesen köstlichen Duft. Und ab und zu auf der einsamen Wanderung solches Brötchen essen. Solches gestohlene Brötchen, das noch ganz warm ist.

»Hier, trinken Sie bitte.«

Schwester Ines ist wieder geräuschlos ins Zimmer getreten. Mit einem Zuge leere ich das dargereichte Glas. Die Schwester ordnet mein Kopfkissen, meine Bettdecke. Dicht vor meinen Augen sind ihre Hände, diese adeligen, schmalen Hände. Wie Wesen mit eigenem Leben erscheinen sie mir. Trotz der Schwere aller Gefühle spüre ich den sinnlichen Reiz, der von diesen Händen ausgeht. Es kommt wie ein Duft von diesen Händen. Ein leiser Duft seltener Orchideen.

»Nun müssen Sie schlafen.«

Es ist wieder, als plätscherte die leise Quelle im Zimmer. Irgendwo von der Decke senkt es sich schwer auf mich herab.

Ich fühle, wie mich Träume umspinnen ... Auf einer Wiese bin ich. Im Walde. Schon lange bin ich im Walde. Da klingelt etwas melodisch. Ich sehe einen Schnitter seine Sense wetzen. Er steht bis an die Knie im hohen Gras und dengelt.

Aus weiter Ferne tönen Stimmen und ich höre sie doch ganz nah.

Plötzlich erwache ich jäh.

Wo bin ich?

Ich liege auf dem Operationstische. Aerzte und Schwestern in weißen Gewändern sind um mich her. Der eine Arzt hat die Aermel bis zum Ellenbogen aufgekrempelt.

Da ist wieder das Klirren.

Eine Schwester legt Instrumente auf eine gläserne Tischplatte Ueberhaupt diese entsetzlichen Instrumentenschränke rings herum. Durch ein breites Fenster vor mir sehe ich den Himmel. Er ist noch so schwer, so bleigrau. Vor dem Fenster strecken zwei verkümmerte Bäume nackte kahle Arme wie Bettler. Als ob sie um Sonne flehten, sieht es aus.

Eine Schwester schnürt meine Beine am Operationstische fest. Mit breiten Riemen.

»Sie sollen doch schlafen«, sagt der Doktor zu mir.

Der zweite Arzt legt mir eine weiße Maske aufs Gesicht.

»Atmen Sie tief ein«, sagt er.

Klopf .... klopf .... fallen die Aethertropfen. Ich atme gehorsam, tief ... Widerlich bitter schmeckt es ...

Ich beuge den Kopf etwas zur Seite und sehe, wie der Arzt aus zwei kleinen Fläschchen abwechselnd auf die Maske tröpfelt.

»Atmen Sie nur ganz tief.«

Mir wird langsam so wohlig schwer. Als wäre ich zehn Stunden gegangen. Durch lauter Waldgestrüpp gegangen. Und jetzt will ich schlafen.

Das Tropfen hört auf.

Ich bin plötzlich wieder ganz munter.

»Ich bin noch ganz wach«, sage ich und meine Stimme klingt so seltsam laut. Und die andern Stimmen sind so fern. Und mein Herz schlägt wie rasend. Und so laut schlägt mein Herz.

Ein Lied kommt mir ins Gedächtnis. Ich sage es auf. Es sind meisterliche Verse eines längst Verstorbenen.

Wieder bin ich im Walde. Unter der köstlich schattigen Buche dort will ich ruhen. Ich lege mich auf den samtenen Moosteppich.

Lauter kleine rosafarbene Wolken gehen dicht an meinen Augen vorüber. Und ich schlafe ... schlafe ...

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