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Auf alten Wegen

Die stille Geschichte

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Ich entsinne mich jeder Einzelheit, als hätte es sich gestern zugetragen In Riva am Gardasee war es, an einem Oktobertage. Das Wetter war unsäglich köstlich, über der dunkelblauen Flut des Sees wölbte sich ebenso blau der hohe Himmel und an den Ufern strebten mit steilen sonnengleißenden Hängen die Felsberge in die Höhe, granitene Wächter der Schönheit des Wassers und des Landes. Ich war langsam den Weg vom Fischerdörfchen Torbole hergeschlendert, hatte unterwegs, auf einem Felsstück ausruhend, mit einem Weinbauern kurze Plauderrast gehalten und trug mich nun mit der Absicht, auf der Terrasse meines Gasthofes, die weit in den See hineinsprang, den Anbruch des Abends zu erwarten.

Auf die leere Terrasse, deren Windlichter sich kaum bewegten, so ruhig war der Abend, traten lärmend und lachend fremde Gäste, Deutsche. Sie ließen sich an einem Nebentische nieder, bestellten Wein, und ihr Lachen und ihre Witze verscheuchten schnell und unwiederbringlich die stille Feierabendstunde meiner Seele.

Einer von den jungen Menschenkindern, ein Student schien es zu sein, denn sein bartloses Gesicht war von Narben zerschlissen, sah mich in meiner Einsamkeit. Und als sich unsere Blicke begegneten, hob er sein Glas und trank mir zu: »Salute Signore!«

Auch ich hob mein Glas und trank dem Jungen zu: »Glück und Gesundheit!« Da sprang er auf und sagte: »Sie sind ein Deutscher, ein Landsmann, ah so, ich glaubte, Sie wären Ausländer. Dann möchte ich bitten, mit Ihnen anstoßen zu dürfen.«

Wir stießen an und er lud mich ein, seinen Freunden und ihm Gesellschaft zu leisten. Während ich Platz nahm, trat noch ein Gast auf die Terrasse, diesmal unverkennbar ein Deutscher. Ein schöner hochgewachsener, blondbärtiger Mann, der leise und ernst lächelnd auf die fröhliche Gesellschaft blickte. Dann trat er an unsern Tisch heran und sagte: »Gestatten Sie mir, meine Herren, diesen einsamen schönen Abend in der Gesellschaft von Landsleuten zu verbringen. Wir sind ja hier nicht mehr auf ausländischem Boden, aber ich glaube, wir haben alle noch italienische Sonne in unsern Adern, denn auch Sie kommen doch sicher vom Süden.«

Er stellte sich vor, Schriftsteller Wellenthien oder so ähnlich, den Namen habe ich vergessen, wohl auch kaum richtig verstanden.

Jedenfalls kam bald, angeregt von dem roten köstlichen Wein, eine fröhliche Stimmung auf, die Wellen des Gelächters schlugen auf die stille, dunkle Seefläche hinaus und übertönten den Wassergesang der sich am Ufer brechenden Flut.

Und wie das so kommt, wenn Jugend beisammen sitzt, kam bald das Thema »Weib« aufs Tapet. Pennälergeschichten, Erlebnisse mit Backfischen aus der Studentenzeit, der Schwarm für die filia hospitalis, aber auch Geschichten von böserer Art erschienen und die Meinungen platzten jäh aufeinander. Embryonale und ausgewachsene Anhänger der Ansichten Tolstojs, Nietzsches, Goethes, Schopenhauers über die Frau fochten miteinander mit mehr oder weniger dialektisch gut geführten geistigem Florett; dazwischen trank man laut lachend mit erhitzten Köpfen, einer der Jungen stieg auf den Stuhl und deklamierte in das Stimmengewirr aus dem ›Faust‹ die Stelle: »Nenn' es dann, wie du willst ...« hinein. Es war sein Beitrag zu dem angeschnittenen Thema.

Da — und nun beginnt das, was ich in der Ueberschrift »Die stille Geschichte« nannte, — stand der Zuletztgekommene, der Blondbärtige, auf, hob sein Glas und sagte: »Trinken Sie mit mir, meine Herren, auf die Frau, auf die deutsche Frau. Ich will Ihnen auch eine Geschichte erzählen.«

Wir tranken aus; der Schriftsteller setzte sich wieder und wir gruppierten uns mit unsern Stühlen um ihn herum.

Noch ganz deutlich steht das Bild von damals vor meinen geistigen Augen. An einer Tuffsteingrotte lehnte der Kellner, ein schwarzbärtiger Bauer. Auch er hörte zu. Der Schriftsteller begann:

»Ich habe die Geschichte noch niemandem erzählt, sie schien mir zu keusch zum Erzählen. Lachen Sie nicht, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, daß sich diese stille Geschichte eigentlich kaum erzählen läßt, es sei denn, eine Geige erzählte sie mit zärtlich scheuem Strich in eine weiche Nacht wie diese hinein. Und wenn ich sie Ihnen erzähle, mit knappen Worten, dann weiß ich, daß Sie sie nie vergessen werden, in einst, vielleicht schlimmen Stunden, wird sie urplötzlich wieder vor Ihnen stehen. Deshalb erzähle ich sie Ihnen, meine Herren. Und auch zum kleinen Teile darum, um meinerseits nicht müßig zu sein bei dem Thema, das Sie sich hier stellten.

Zwei Jahre sind es her. Ich hatte mich überarbeitet, war nervös, die bekannten neurasthenischen Herzbeschwerden plagten mich, kurz, ich beschloß, in ein Bad zu gehen und mich der Behandlung eines Spezialisten zu unterwerfen. In den ersten Tagen fehlte mir die Lust, mich sofort in die ärztliche Fron zu begeben. Ich lag vielmehr den ganzen Tag im Langstuhl im Garten des Kurheims und bemühte mich, an nichts zu denken. Da kam eines Tages durch den Garten ein neuer Gast, geleitet von der Besitzerin des Hauses. Ein junges Mädchen war es, weiß gekleidet, vielleicht achtzehn Jahre alt. Ihr Blick flog über mich hin, und als ich nickte, lächelte sie leise und dankte zurück. Mein Pseudoname als Schriftsteller hatte damals schon einen guten Klang, und, ich weiß nicht mehr, weshalb ich es tat, ich schrieb mich damals mit diesem Pseudonym ins Fremdenbuch ein und als unverheiratet, obgleich ich Frau und einen zweijährigen Buben hatte. Es geschah jedenfalls, daß ich diese Eintragung vornahm, gänzlich unbewußt, ohne jede Absicht, vielleicht auch infolge der damaligen starken nervösen Depression, die auf mir lastete. So kam es, daß ich als Junggeselle galt und von den Damen der Pension ob meines literarischen Namens mehr oder minder offensichtlich verehrt wurde. Und darin machte der letztgekommene Gast, das junge Mädchen, keine Ausnahme. Sie saß oft neben mir im Garten, brachte mir Blumen, eine Zeitung, eine Erfrischung, war liebreich um mich bemüht und küßte mir die Hand, als ich ihr meinen letzten Roman mit Autogramm überreichte. Ihre liebe, leise Art tat meinen kranken Nerven unsäglich wohl, und nach acht Tagen fühlte ich mich stark genug, mich einer energischen ärztlichen Behandlung zu unterwerfen. Als ich am andern Morgen in das Sprechzimmer des Herzspezialisten kam, fand ich niemand weiter vor. Nach kurzer Zeit schon ging die grüne Friestür, die in das Sprechzimmer führte, geräuschlos auf, und meine Bekannte aus der Pension, trat, vom Arzte mit einigen verbindlichen Worten entlassen, heraus. Wir begrüßten uns mit einem Händedruck und nach einer Minute sah ich dem Arzte in die funkelnden Brillengläser hinein und erzählte ihm von der Art und den Aeußerungen meines Leidens. Der Spezialist klopfte mich ab, horchte mit dem Stethoskop und konnte versichern, daß nichts Ernstliches vorlag. Es war lediglich eine kleine Herzaffektion infolge geistiger Ueberanstrengung. Trotzdem, mehr zu meiner Beruhigung, wollte er doch eine elektrokardiographische Aufnahme meines Herzschlages machen. Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen ein Elektrokardiograph bekannt ist. Es ist eine geniale Konstruktion, mit der man die Kurve des Herzschlages photographisch herstellen kann. Ich setzte mich in einen Sessel, der Arzt legte mir, durch nasse Umschläge isoliert, um die Pulse die Drähte, die den galvanischen Strom von mir in den Apparat hineinleiteten. Ein kurzer Druck, der Apparat fing an zu arbeiten und nach einem Augenblick schon hielt der Spezialist den Film in der Hand, der, noch unentwickelt, die Kurve meines Herzschlages enthielt. In einem kleinen Nebengemach, das er sich als Dunkelkammer eingerichtet hatte, nahm er die Entwicklung des Films selber vor und brachte mir nach fünf Minuten den langen photographischen Streifen, der noch von Nässe triefte, und zeigte mir mit Erklärungen die Regelmäßigkeit der Kurve, deren Zacken einen gleichmäßigen Ausschlag aufwiesen. Er trocknete die Photographie, während wir plauderten, zwischen zwei weißen Löschblättern ab und gab sie mir, als Andenken, wie er sagte.

Wir hatten uns wieder gesetzt und während er Eintragungen in sein Krankenbuch machte, sah ich plötzlich auf dem Schreibtische eine noch nasse Kurve liegen, ausgebreitet, etwas abseits, über Büchern und Zeitschriften, gleichsam, als wollte der Arzt das Elektrokardiogramm, wie der technische Ausdruck heißt, ständig vor Augen haben. Mein Blick glitt über die lange Kurve und haftete an einem Zackenausschlage. Ganz jäh stieg in der gleichmäßigen Zackenreihe eine Zacke auf und sank dann tief herunter. Als der Doktor aufsah, bemerkte er meinen Blick und instinktiv hob er ein Blatt und warf es über das Photogramm.

Dann lächelte er und sagte: »Nein«, dabei das Blatt wieder zurücknehmend, »Sie sind ja Schriftsteller, Seelenkenner, Menschenkenner. Weshalb sollte ich Ihnen etwas verhehlen. Wissen Sie, was das dort ist? Meine Schweigepflicht als Arzt verletze ich ja nicht, wenn ich es Ihnen sage.«

»Baldiger Tod!« sagte ich instinktiv, seine Frage beantwortend.

Er nickte, tiefernst: »Jawohl, Sie haben recht, baldiger Tod, und sogar recht baldiger Tod.« Dann versank er in Sinnen.

»Und ein junger Tod,« erwiderte er, fast unbewußt, schüttelte sich dann und lachte: »Ach was, ein alter Mann ist es!«

Ich sah ihn ernst und durchdringend an. Da fuhr er nervös über die Stirn, stand auf und sagte: »Also, liebster Freund, Ruhe, Schonung, Diät brauchen Sie. Und wenn der Schreibtisch ruft, noch mindestens vier Wochen Dispens. In drei Tagen möchte ich Sie nochmals sehen.«

Ich ging. Ging in rätselhafter dunkler Stimmung durch den hellen Frühlingstag und wußte das eine, das wir im Laufe heller Tage so oft und so schnell vergessen: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.

Die Allee, durch die ich schritt, stand in Blattfülle, die Wege des Kurparkes waren von Blütenreihen, blau und weiß und rot, flankiert. Ein Duften war überall, eine Farbenüberfülle, ein Lichtrausch, und —- so mußte ich denken -- mitten durch diesen Glast, dieses selige Glänzen, diese Schönheit der Welt, ging ein Wesen, jung wie alles umher, sehnsuchtdurchseligt, blutdurchpulst und wußte nicht darum, daß, wenn die Blütenblätter schwer und blaß hier zur Erde brachen, auch seine Seele dahinging, auch sein Leben verhauchte wie eine sterbende Rose.

Das griff mir so an die Seele, daß ich weinte, mich der Tränen nicht schämte. Es war eine Stunde, die ich durchlebte, wo mir alles Leid und alles Glück der Welt nah gegenüberstand, wo ich das rätselhafte Sein alles Irdischen, schattenhaft erkennend, erschauernd meinen Körper streifen fühlte.

Im Garten der Kurpension kam mir Marlene entgegen, ein wenig blaß, mit blutleeren, hellroten Lippen. Sie scherzte über unsere Begegnung beim Arzte. Er hätte ihr beste Hoffnung gemacht, alles würde gut werden. Es durchlief mich eisig. Ich dachte an fallende Blütenblätter.

Am Abend saßen wir zusammen, die Gäste der Pension, Besuch von auswärts. Bunte Papierlaternen durchbrachen mit schwachem Schimmer die Sommernacht; eine junge Dame spielte Geige. Zum Schluß ein Chopinsches Nocturne. Ich hörte die Geige aus dem Dunkel singen, tief, zitternd, in großen klagenden Strichen schwamm die dunkle, schwermütige Weise in die Nachbargärten. Es war mir unsäglich trüb zumute. Die hellen Stimmen taten mir weh. Marlene saß in einem Korbstuhl, aus dem Dunkel schien ihr weißes Gesicht in unbestimmtem Oval. Ihre Augen sahen seitwärts. Ihre schmalen Hände lagen auf den Lehnen des Stuhles. Unsäglich müde Hände waren es, kranke Kinderhände. Auf diesen Händen stand die nahe Ewigkeit zu lesen.

Am andern Tage gingen wir durch den Kurpark. Fütterten die Goldfische und Schwäne auf einem Weiher. Marlene fühlte sich matt, begehrte zu sitzen. Auf einer Bank, überrieselt von gelben Blütendolden, küßte ich Marlene. Ich weiß nicht, weshalb. Ob aus Mitleid, ob aus Sehnsucht? Fragen, auf die ich heute die Antwort noch nicht finde. Sie küßte mich wieder. Ihre Lippen waren kalt. Am andern Tage reiste ich ab, ich mußte reisen, keine Gewalt der Erde hätte mich an diesem Erdenwinkel zurückhalten können. Ich sehnte mich nach dem Meere, nach herber Luft, nach Sturm und Wogenschrei. Nun reisten mir ihre Briefe nach. Marlenens Briefe, schmale Blätter mit krausen, zierlichen Zeilen. Als ich nach Hause kam, erzählte ich meiner Frau alles, zeigte ihr die Briefe. Sie las sie, saß dann ganz still. Dann stand sie auf und küßte mich. Ich gab ihr die Hand. Fast täglich kamen die Briefe. »Liebster!« stand darinnen, »denkst Du daran, wie wir uns küßten?« Meine Frau las alle Briefe, las auch die, die ich Marlene zurückschrieb. »Liebste!« stand darinnen, »ich denke daran, wie wir uns küßten im Frühling«.

Und dann kam der letzte Brief. Aller reife Duft des Sommers, aller Glanz der Sonnentage war in ihm und, das Wort: »In Kürze komme ich zu Dir.« Meine Frau war blaß, als sie den Brief las, aber sie lächelte. Sie lächelte tapfer. Und ich küßte sie, und küßte meinen Buben. Ich schrieb zurück: »Ich erwarte Dich.« Und dann — dann kam nach wenigen Tagen ein Brief mit unbekannter Schrift. Marlene war plötzlich gestorben, mitten im Sonnenglanz, ein Lächeln und meinen Namen auf den Lippen. Meine Frau und ich fuhren zum Begräbnis. Unser Bübchen nahmen wir mit; weiße Blüten streute er mit seinen Patschhändchen in die dunkle Gruft.

Als wir heimwärts fuhren, war ein Regen über dem Lande. Alles war dunkel, glanzlos, regenschwer. Die Natur weinte über den Heimgang ihres schönen Kindes. — Sehen Sie, meine Herren, das ist meine Geschichte von einer Frau. Von zwei Frauen. Meine Frau ist gestorben, das zweite Seelchen, dem sie Leben geben wollte, riß sie mit sich hinab in das dunkle Reich, das wir nur ahnen, nicht kennen.

Ich bin einsam geworden, ein Weltflüchtling. Aber vielleicht reif und tief in meiner Kunst, wie ich es nie geworden wäre. Und wenn ich nach Deutschland von meinen Wanderfahrten zurückkehre, und meinen Jungen im Arm halte, dann weiß ich, daß ein Segen auf meinem Leben ruht, daß ich gewappnet bin gegen alles Lauernde und Böse. Dann duftet die Vergangenheit wieder um mich in tausend Lenzblüten und ich, der langsam Alternde, bin jung, jung und wieder ein Kind mit meinem Kinde.«

Er stand auf, grüßte, und ging langsam davon. Die Gesellschaft war stumm geworden. Kaum ein Wort fiel. Schweigend gingen wir auseinander. Der See lag dunkel und farblos und ein kühler Nachtwind wehte von seiner Fläche her. Die Wellen aber schlugen wieder an die Mauerbrüstung, klingend und klagend.

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