Auf alten Wegen
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Ein Wort, das im Herzen des Volkes haftet und leicht von seinen Lippen geht, zu dessem Kern kein philosophischer Schnörkelweg führt, heißt: Die Erinnerung ist das Schönste, sie ist schöner als das Erleben selber. Die Erinnerung malt das Glänzende noch glänzender, das Helle noch leuchtender, dem Trüben gibt sie den verklärten Glanz der Versöhnung und das Harte und Häßliche überfährt sie weich und nimmt ihm die herben Linien.
Und wenn ein Mensch, hart geworden in der Not des Lebens, es verschmäht, Saiten der Erinnerung in seiner Seele zu rühren, wenn er, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, nur den Weg voraus sieht und ihn geht mit schmalen Lippen und herber Seele — einmal, und wenn auch nur ein einziges Mal in seinem Leben, quillt auch in solchem Hartgewordenen das leise, süße Spiel der Erinnerung auf, wenn er an seine Kindheit denkt. Mag sie hart, kalt und seelenlos gewesen sein, irgend eine Winzigkeit birgt auch sie, irgend ein stilles Glück, das in der Erinnerung noch ein letztes Leuchten auf den Weg des Einsamen wirft und ein leises Glänzen in seine Seele, und einen Hauch des Lächelns auf seine Lippen stiehlt. Und wenn du fragst, zu welcher Zeit am klarsten die Quellen der Erinnerung zu rinnen pflegen, so wird es die Zeit des Frühlings sein, wenn die Oede ringsum und das kühle Sterben leise schwellendem, neuem Leben weichen, wenn sich in die graue, seelenlose Landschaft Formen, Farben und Licht langsam einschmiegen und ein zärtlich-herber Glanz vom Himmel weht.
Da waren jüngst solche Tage herber Vorfrühlingsschönheit. Und an einem von ihnen überfiel mich in der großen Stadt, inmitten der steinernen Wände ringsum, die den Blick fingen, eine leise quälende Sehnsucht, irgend ein zärtliches, unbestimmtes, formenloses Sehnen.
In jedem Frühling trat diese leise Traurigkeit an mich heran, und während rings um mich herum aus den Gärten und Anlagen das neue Leben des Jahres erste zarte Atemzüge tat und die Wolken weiß über die hellblaue Himmelsfläche glitten, verfing sich meine Seele in den Maschen einer unbekannten dunkeln Stimmung. Es wird in solchen ersten Sonnentagen des Jahres, wenn die Leere vergangener Monde hinter uns versinkt, vielen Menschen so gehen, und es gibt ein Mittel, diesen rätselhaften Mächten zu begegnen. Man soll sein Ränzel schnüren und wandern, dort hinaus, wo sich das neue Werden fast hörbar gestaltet, wo die Wälder in zärtlich hellem Grün aus der Landschaft aufsteigen, wo die Bäche fessellos dahineilen und der Glanz des Himmels und der Wolken in sanften Spiegelbildern auf ihren Fluten ruht.
So kam es, daß ich aus der großen Stadt wanderte, erst ziellos, in die Weiten hinein, in einen köstlichen, herben Frühlingsmorgen hinein, und wie sich dann im Schreiten, erst nebelhaft und unbewußt, als schwach umrissene Erinnerung, dann schärfer und schließlich im lichten Umriß vor mir stehend, ein Erlebnis aus der Jugend vor meine Seele schob. Meine Seele ging auf alten, vielleicht töricht gewesenen Kinderwegen, die damals so köstlich waren, so roter Rosen blühend voll, so selig schwer von Sonnenglanz.
Und da sprang es mich an, an diesem Frühlingsmorgen, die Stätte von damals wieder zu suchen, einen stillen Blick zu werfen auf jene alten Wege, mit jenen Menschen von früher, wenn sie noch lebten, einen Händedruck zu wechseln und ein stilles Wort, und dann auf der Heimkehr in den rot verglastenden Abend den Tag mit seinen Erlebnissen noch einmal vor die Seele zu nehmen und ihn still dahin zu tun, wo so vieles ruht, Lautes und Leises, Schmerzliches und Schönes, Zärtliches und Dunkles — Erinnerung geworden.
Und während ich rüstig vorwärts schritt, nach dorthinaus, wo in der Ferne blauende Berge, in einen zärtlich lichten Horizont gebettet, herübergrüßten, spielte ein Bild von damals, das ich längst verblaßt und wesenlos in mir ruhen wähnte, in hellen, lebenden Farben vor meiner Seele. Meine erste Knabenliebe trat still vor mich hin und ich fühlte wieder wie damals in jenen kinderhaften, törichten und seligen Stunden ihre Süße und Keuschheit mich umwehen und grüßen. Aus jenen versunkenen Zeiten wuchs dieses Erlebnis blühend in mir auf, drängte sich an mich und reichte mir die Hände. Ich sah mich als Jüngling, rank und schlank, von knappen siebzehn Jahren, neben der Frau gehen, die ich heimlich verehrte, der ich als knabenhafte Opfergabe meine ersten Verse darbrachte, deren Wesen und Gestalt in meine Träume drangen und deren Duft um mich war, wenn ich in törichter Seelenpein schlaflos lag oder unbändig durch die Wälder der Umgebung in weißen Mondnächten streifte, kühle Flüsse in stürmender Jugendkraft durchschwamm oder hohe Bäume erkletterte, von dem Wunsche getrieben, die geliebte Frau sähe meine Kräfte, die ich für sie so wahllos verschwendete.
Und dann dachte ich an den Ausgang dieser Liebe, wie sie nicht still verronnen war, sondern jählings verlodert, und wie ihre Flammen mich fast verbrannt hatten, daß ich glaubte, nimmer wieder froh werden zu können und tagelang in fieberheißen Gedanken den Entschluß in mir trug, des Lebens Last, seinen Ekel und seine Fadheit von mir tun zu müssen. Ein anderer kam, ein ganzer Mann, und begehrte die geliebte Frau zu seinem Weibe. Und sie gab sich ihm, dem Fremden, wußte wohl kaum von meiner wilden Knabenliebe zu ihr und von meinen seligen, unseligen Stunden. Da lief ich tagelang durch die Wälder, aß nichts und trank nichts. Meine Augen waren heiß und rot, aber keine Träne kam. Alles war dürr in mir, leer, ausgebrannt.
Und dann kam wieder der Tag mit seinen Anforderungen an ein junges Leben, und die Tage wurden zu Monaten und die Monate zu Jahren; und die Jahre nahmen mich auf ihren Rücken und trugen mich durch aller Herren und Fürsten Länder. Ich sah das Leben leuchten und trug seine Freuden heim und füllte meine Seele mit ihnen, und ich lernte den Schmerz des Lebens kennen, als er mich in so vielerlei Gestalt antrat und über alledem versank in mir wesenlos die stille Geschichte aus meiner Knabenzeit und die Landschaft von damals, in die ich meine wilden Fahrten unternommen hatte.
Und nun, an diesem Frühlingsmorgen, trat das alles aus der Nacht hervor und leuchtete mich verjüngt an und grüßte und lockte mich.
Immer näher kam ich den Bergwäldern, hinter denen das Damals lag. Die Höhen, vom ersten Grün überflogen, bekamen Linien und drängten sich heran. Es dauerte nicht lange, da begann die Steigung, und nach stundenlanger Wanderung stand ich oben und sah rückwärts die große Stadt schemenhaft mit wenigen Türmen aus dem Glast herübergrüßen, und sah auf der anderen Seite tief unten das Dörfchen meines Ziels mit roten Dächern liegen. Und mein Blick suchte und fand die Wälder von ehedem. Die Fohlenkoppel und die Bluthöhe; alle Stätten von damals taten sich vor meinen Blicken auf.
Lange saß ich auf einem sonnenüberglänzten Felsstück, ließ den Blick in die Tiefe schweifen und dachte an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dachte an das, was zwischen dem Ehedem und dem Heute lag, und ob ich wohl Freude haben dürfte an dem, was ich getan, ob ich nicht in die alten Gassen zu meinen Füßen niedersteigen müßte mit Scham im Herzen und mit leerer Seele. Alle Wege meines Lebens durchschritt ich nochmals in dieser festlichen, glänzenden Stunde, und stand dann hochatmend auf und schlenderte den Weg hinunter und sah alle Stätten wartend dastehen; ganz wie früher war alles. Und dann — — dann durchfuhr es mich auf einmal wie ein herbes Weh; ich sah einen der Menschen von früher, erkannte ihn sofort, trotz des weißen Bartes und der gramvollen Züge. Und ich dachte daran, was für ein lustiger Kauz das gewesen war, wie er mich in die Kneipe mitgenommen hatte und mich gelehrt, einen Humpen auf einen Zug zu leeren, und wie er mir wilde Bierlieder beigebracht hatte. Ich ging an ihn heran und grüßte ihn. Er sah mich mit wesenlosen, fernen Blicken an und erkannte mich nicht. Da sagte ich meinen Namen, aber es rann kein freudiger Blick des Erkennens über seine Züge; leer blieben sie und fast verdrossen sprachen seine Lippen einige gleichgültige Fragen. Wo ich herkäme, wie es mir die ganze Zeit gegangen wäre, ob ich hierbliebe? Ich stand ihm kurz Antwort und schritt dann beklommen weiter, und dachte daran, wie alles auf Erden nur eine kurze Spanne sei, nur eine kurze Rast auf dem Wege in die Ewigkeit, und wie nichts Dauer hat und alles fließt.
Weiter schritt ich durch die Gassen: Kinder glotzten mich an, den Finger im Munde, und ich kannte niemand von ihnen. Dann sah ich wieder Bekannte von früher, aber keiner erkannte mich, fremd schritten wir aneinander vorüber, und es stand mir nicht mehr der Sinn danach, sie anzusprechen. Alles trieb mich dort hin, wo die geliebte Frau wohnte. Sie durfte nicht älter geworden sein, in ihren lieben Zügen sollte mich unentstellt meine Jugend noch einmal grüßen, noch einmal voll und tief verklärt in reiner Schöne die Augen zu mir aufschlagen, und dann wollte ich weiter wandern, wieder ins Leben hinein, und der Tag von heute sollte trotz aller Enttäuschung leise und schön in mir nachklingen, wie ein Geigenlied in Sommernächten.
Ich kam vor ihr Haus und wanderte unentschlossen davor her, auf eine Gelegenheit wartend, daß jemand aus der Tür träte, den ich mit einer Frage angehen könnte. Bald traten nacheinander zwei Frauen heraus. Die eine ging an mir vorüber, sah mich an und ich sah sie auch an. Und ich mußte in tiefster Seele lächeln. Nein, das konnte sie nicht sein, das war eine alte Frau, verhärmt und mit Falten im Gesicht. Da fragte ich das Mädchen, das unschlüssig am Tore stand und etwas zu überlegen schien. Ja, das wäre die Frau des Hauses, sie wäre nur nach drüben gegangen und kehrte gleich zurück. Was ich für ein Verlangen hätte?
Ich steckte dem Mädchen ein Geldstück zu und erfuhr in wenigen Minuten alles. In großen Linien malte die Magd mir ein Lebensschicksal dahin, und ich hörte zu; wie aus der Ferne drangen die Worte auf mich ein. Dann ging ich mit einigen nichtssagenden Worten und grüßte die geliebte Frau, als sie mir bei meiner Heimkehr über den Weg lief. Sie lächelte befremdet, und ich sah ihre Züge, alt und herb, und sah die künstliche Röte auf ihren Wangen, die Jugend vortäuschen sollte, wo doch längst das Alter sein Herrscherrecht angetreten hatte.
Ich ging still an ihr vorüber, und ging still aus dem Dorfe hinaus. Keinen Menschen mochte ich mehr sehen. Eine wilde Lust faßte mich an nach der Arbeit meines Tages, und ich sehnte den morgigen Tag herbei, wo ich alles Heutige abtun wollte in rastloser Arbeit.
Bis der Abend kam, wanderte ich zurück, aß irgendwo in einer Dorfschenke mein Abendbrot und saß dort noch lange, bis zur Abfahrt des Zuges. Und zwischen dem Geschwätz der Bauern, dumpfem Gläserklang und dicken Qualmwogen kamen mir Verse in den Sinn. Die schrieb ich auf und hörte sie nachher immerfort singen aus dem Schüttern des Zuges. Kurz vor meinem Orte stieg in mein Abteil eine alte Frau ein, die hatte zum Verkauf einen Korb erster Frühlingsveilchen. Da kaufte ich ihr einen großen Strauß ab, wickelte die Blüten in das Papier mit den Versen und warf alles aus dem Fenster in die helle Frühlingsnacht. Die alte Frau sah mich erstaunt an; ich aber lächelte und sagte ihr, was ich dort hinausgeworfen hätte, wäre ein kostbarer Lebensschatz, und ich wäre eigentlich ein Verschwender. Da rückte das Weiblein von mir scheu ab und atmete auf, als ich beim nächsten Zugaufenthalt ausstieg.
Die ganze Nacht aber waren die Verse um mich, in denen meine Jugend noch einmal rot und leuchtend aufglomm, in denen alle die alten Wege wieder in Blüte standen und alles so hell war, so morgensonnenschön und an mir vorüberglitt wie ein Lied, kaum erfaßt und nur wesenlos gefühlt. Und ich wußte plötzlich mit Gewißheit, daß ich das alles unverlierbar in mir trug, und daß es nur wartete, still emporgenommen zu werden, daß es aber nie und nimmer ein Tag wie heute, die Stunde der Gegenwart aufnehmen konnte, weil es längst in mir war, in meiner Seele, nicht mehr außerhalb, sondern unverlierbar in mir ruhte, ganz mein Eigentum, ganz Erinnerung.