Das Ich.
Reading edition
321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische, chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens, Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer (Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung, elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand) Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet, wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.
322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches, also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit (langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat, widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen müsse. Das Gleichniss Fechner’s, dass Physisches und Psychisches wie die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter, der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen, was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen, als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.
323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut, aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet, auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage, Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht, im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene, ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege, auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges Wirkliches zurückzuführen.
324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines, mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände, die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können, eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet, oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.
325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des Bewusstseins, der Theorie der sogenannten „Psychologie ohne Seele” und der Psychologie des sogenannten „Materialismus” gegenüber. Jene geht davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich, sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar, behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur, dass dasjenige Substrat, welches die „Psychologie ohne Seele” für das ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt, weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit, dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines „atomistischen” d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei.
320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach dasjenige Wirkliche, welches die „Psychologie ohne Seele” nicht nur, obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur (materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte, hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem Vorigen sich ergibt, selbst die „Psychologie des Materialismus” ihm als Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der „Psychologie ohne Seele”, dass der von ihr als thatsächlich anerkannte Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe.
327. Zum Beweise für die andere d. i. für diejenige Behauptung, welche den thatsächlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus Theilen bestehenden Natur des Trägers derselben für vereinbar hält, haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus, auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der Kräfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den Schein selbstständiger Wirklichkeit hat, während die eigentlich Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden, welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur der Grundlage eines Phänomens die einheitliche, ja sogar einfache Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die Möglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phänomen der Einheit des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen.
328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben hängt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden mit dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt, dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer solchen, nämlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die Resultirende ohne einen solchen wäre wie Schiller’s Glocke, welcher, wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt dieser Punkt eben dasjenige dar, was für das Phänomen der Einheit des Bewusstseins der atomistische Träger desselben darstellen soll d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil für die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des Phänomens der Einheit des Bewusstseins.
329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es Phänomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen und untheilbaren Wirklichen bedürfen und daher mit allen denjenigen Phänomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten oder vergröberten) Körper voraussetzen, qualitativ schlechterdings unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen, dass alle diejenigen Phänomene, welche mit letzteren unvergleichbar, ihrerseits dagegen mit dem Phänomen der Einheit des Selbstbewusstseins insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Träger als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phänomen der Einheit des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phänomene aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern, als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren unvergleichbaren Phänomene (wie Vorstellen, Fühlen, Streben und Wollen) als psychische dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Träger haften werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthümlichkeit ins Auge gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine räumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, während das einfache theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort (mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen Punkts oder einer punktuellen Kraft; „Monade”, „Dynamide”) ausfüllt, so können die physischen Phänomene auch extensive und müssen die psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene schliessen die Ausdehnung und damit die Räumlichkeit ein, diese dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Räumlichkeit aus; jene erfolgen als Vorgänge innerhalb eines räumlich ausgedehnten Substrats selbst in räumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsveränderung, Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgänge innerhalb eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen oder unräumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen) Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen zwar im Raume, können aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche, dessen Vorgänge sie sind, räumlich ausgedehnt sein (Empfindung als Intensitätsveränderung, Hemmungsgefühl, Streben u. s. w.). Wie der Inbegriff der extensiven Phänomene die Grundlage der Physik, so bildet jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie, den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der elementaren Vorgänge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen.
330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmässig gegebener Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatsächlichen Phänomens der Einheit des Bewusstseins als Träger nicht nur dieses, sondern sämmtlicher ihm gleichartiger Phänomene vorausgesetzt wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wäre, aus den erfahrungsmässig gegebenen Zuständen eines atomistischen Wirklichen auf das Vorhandensein gleicher oder doch ähnlicher Zustände im Innern anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern den erfahrungsgemäss gegebenen Vorgängen des Vorstellens, Fühlens und Strebens ähnliche Zustände sein können, folgt keineswegs, dass, weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Träger des Phänomens der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind, ähnliche auch in allen übrigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen Materie angesehen werden, gegeben sein müssten oder thatsächlich seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatsächlich erfahrener intensiver Zustände d. i. erfahrungsmässig gegebener psychischer Phänomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter Vorstellungen, Gefühle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als deren unentbehrliche atomistische Träger denknothwendig vorausgesetzt werden müssen, mögen als solche „Seelen” d. h. reale Atome heissen, deren eigenthümliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form des Vorstellens, Fühlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren abgeleiteten Zustände erscheint, deren specifische Qualität aber eben so wie jene aller übrigen einfachen Wirklichen, welche den Boden des erfahrungsmässig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen, der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Härte oder Weichheit, ja wie die Körperlichkeit selbst nicht das Wesen des Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe für die äussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fühlende, strebende Thätigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar, unter welcher das Innere des Wirklichen für die innere Erfahrung erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, äusserer wie innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie dort unbekannt.
331. Wie aus der einfachen Qualität des atomistischen Wirklichen, welches als Träger der erfahrungsmässig gegebenen psychischen Zustände vorausgesetzt werden muss, dessen Unveränderlichkeit, so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustände, als deren Träger es gilt, dessen Veränderlichkeit. Während der ersteren zufolge die Qualität desselben und dadurch das Wirkliche immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich erhält, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nämlichen Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen könnte, wenn in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage gegeben wäre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme, dass viele und vielerlei Zustände im Wirklichen zugleich oder nach einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird zwar erleichtert, aber nicht überflüssig gemacht durch die Bemerkung, dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustände vorübergehende, also nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte dauernde „Seelenvermögen” oder Seelenkräfte sein sollen, welche schon Herbart treffend der alten Psychologie gegenüber als „mythologische Wesen” bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener Zustände in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll.
332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatsächlich der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben und müssen sonach in dem realen atomistischen Träger desselben als gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustände angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern es soll als einfache Qualität zugleich in so vielen verschiedenen Qualitäten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustände in demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die qualitative Atomistik die Gesammtheit der körperlichen Erscheinungen auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener Stoffe zurückführt, so leitet eine derselben entsprechende empirische Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustände ab, als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-, die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen Träger qualitativ verschiedene Zustände zugleich gegenwärtig sein können, in ganzer Schärfe hervortreten.
333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten „zufälligen Ansichten” ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache Qualität α sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualität durch β ausgedrückt werden soll, der Qualität nach verglichen wird, zeigt sich, dass jede der beiden Qualitäten Bestandtheile enthalte, die sich unter einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben müssen. Da jedoch die einfache Qualität, als einfach, keine Theile enthalten, also auch keine solchen, die sich, mit einer andern Qualität verglichen, wie plus und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern einer andern Qualität entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht den wahren Inhalt der Qualität, sondern blos eine zufällige Ansicht derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualität des Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber nicht können, die Qualität zwar verändert werden sollte, aber nicht kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in der zufälligen Ansicht der Qualität als solche angedichtet sind. Diese durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben in Folge des gegensätzlichen Verhaltens seiner Qualität zu deren Qualitäten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten, aber da jede einfache Qualität unveränderlich ist, niemals wirklich eintretenden Störungen sind es, welche Herbart „Selbsterhaltungen” des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit der Qualität desselben verträgliche Art des wirklichen Geschehens, den erfahrungsmässig gegebenen psychischen Vorgängen als metaphysische Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualität desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es sich handelt, in einer zufälligen Ansicht zusammengefasst wird, selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das andere Mal eine Gehörsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber die Qualität des Realen, dessen Zustände sie sind, qualitativ immer dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als Störungen der Qualität des Realen, die zwar eintreten sollten, aber, weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben würde, niemals eintreten können, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken gestellt, aber von jenem niemals erfüllt werden. Ob Zustände der Art überhaupt das Recht gewähren, dieselben als wirkliches Geschehen und zugleich als den einzigen Anknüpfungspunkt zu bezeichnen, welchen das streng einfache Reale für die erfahrungsmässig gegebene vielfache Mannigfaltigkeit psychischer Phänomene zu bieten vermöge, ist von der Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualität des Realen nicht einfach sein könne. Jenes, weil Einfachheit der Qualität die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses, weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit der Qualität ausschliesse.
334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht verschieden d. h. seiner Qualität nach unter einander homogen und der Qualität des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend vorgestellt, so entfällt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen der Qualität des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens, die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit der Qualität des Wirklichen selbst unverträglich zu machen droht. Nicht die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen; letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhält, wol aber schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein Anderes verhält.
335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen, an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern, aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung (z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C).
336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien, eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass, wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt Vortheile in Aussicht stellt.
337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden, wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner’sche Gesetz in einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste, so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren psychischen Bildungen sich entwickeln.
338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein hat Lotze den Ausdruck „ictus” geprägt. Derselbe macht anschaulich, dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang, die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens (z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen) in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen) dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen) und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet, eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine durch die andre zu messen.
339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene, ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken, so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen, nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel, die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen („Bewusstseins-Atome”) nach statischen und mechanischen Gesetzen vor Augen haben.
340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden (Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins (Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt, dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums, Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen (eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt, aber niemals ungeschehen gemacht werden.
341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich, wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander, sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander, in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige „itio in partes”. So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen, so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen, sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact zu setzen.
342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein „mechanischer”, demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache, dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind, knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus, welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich, warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen, vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.
343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.
344. Aggregate dieser Art sind von Herbart „Complicationen” genannt worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen) Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen; so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann, weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein, als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können, eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist; eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.
345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h; Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.), welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom, Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins, wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein und können, wie diese letzteren zu „Gemengen” einfacher Stoffe (wie die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen, von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen, sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.
346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann: so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen, sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend „Verschmelzung” genannt und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten, wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.
347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu, unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst, in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern, von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.
348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist, so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren (nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam „mechanische”, und die Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam „chemische” Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist daher wesentlich verschieden.
349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander, so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat), also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den grössten Einfluss üben müssen.
350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen, zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen, sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen, in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen, aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile gleichsam „wider Willen” festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter, einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile, zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen Sinne der Begriff.
351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind, beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam „die Seele” dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten, in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben, dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden, während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist, dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall, so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt), erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet, die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der „Scholle” losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen) über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat, erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen, eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto) vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung (in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus, um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen, um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann, statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses „Ideal”, dem sich das wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen, den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert, aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern, als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet, dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.
352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung) sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht im Bewusstsein anwachsen muss.
353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive (innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen, niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige, welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb als „Ich” bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen, aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht, allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden, durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.
354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt, liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild „Ich-ähnliche” Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann, während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus, seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.
355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception solcher „Neben-Iche” zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner gesunden Momente von dem, was er während seines „Aussersichseins” geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden, wenngleich innerhalb desselben „Bewusstseinsraums” befindlichen, ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber von demselben gänzlich verschieden ist.
356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung, welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn daseiend d. h. als sein „Eigenthum” betrachtet, Sonne und Mond als bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche (wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche) Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche) bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden, als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch aus „unbewussten” d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu „bewussten” d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.
357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet, gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander, indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität des andern „gebunden” und dadurch sowol der gebundene Theil der Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat, sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im Bewusstsein, die sogenannte „Schwelle des Bewusstseins” (wie der Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe, da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann, zwar („als Spur”) nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der frühere „latent” gewordene Zustand ist, welcher neuerdings „patent” d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und, je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen, als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte (Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung (z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte Vorstellungen, welche nach Herbart „freisteigende” heissen, machen, wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch für „Eingebungen” (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.
358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich, wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus, aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe) identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt, um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft, welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres, das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte „Praxis” im Leben und der „Empirismus” in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch als „Juxtaposition” d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen, das zweite als „Analyse”, aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht, die dritte als „Synthese”, auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht, bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches (mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges (organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil: die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist, neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind, im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde, die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe) zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen Theilgründe begründet.
359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen, von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung, welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung, die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere, werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle, das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht, Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar, deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt; Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst werden können, werden (von Herbart) treffend als „vage”, solche, die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als „fixe” bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene, da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können (indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer „Subjectivität” halber auch wohl „subjective Gefühle” genannt worden. Diese, die fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen „objectiv” (allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls, dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf jenes also „dunkel” ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte (die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt, sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt, im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.
360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-, Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen, als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen, in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher, auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber, wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden (sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.
361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als (magnetisches, elektrisches) „Ungewitter”, so werden plötzlich hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird, als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten, aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund, doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben, Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht, dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen (also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen, werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische (Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn, welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.
362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin, dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen, also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen „Ort” im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist, dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur „imaginirte” zur „geschmeckten” Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen Wahrnehmung bewegt, also ihren „Ort” im Bewusstsein wirklich verändert.
363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen, wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten, dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt, erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand- und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts) Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.
364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen, so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder (Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien) und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit (Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände der Vorstellungen herausgestellt haben.
365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl, Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache, Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens, die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden, Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.
366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer „Parasiten” den physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle, Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der Seele dar.