Ährenlese. (continued 2)
Reading edition
Nur einer machte hiervon eine Ausnahme, das war mein Großvater. Der stak voll alter Geschichten und Mären und war ein nachdenklicher Mann; was man ihn auch fragen mochte, er wußte Bescheid. Dann erzählte er, wie alles gewesen, und kannte und nannte es bei Ort und Namen und Zeit, und das tat er immer in seiner eigenen, wunderlichen Weise, die einem jeden zu Herzen ging.
Einmal fragte ich ihn, warum man denn den Ort »Wodansmühle« heiße, da doch nirgends eine Mühle zu sehen sei.
»Dinge und Menschen vergehen,« sagte der alte Mann, »aber Namen bleiben. Doch du sollst wissen, wie es mit der Mühle war, denn eine Mühle hat hier wirklich einmal gestanden. Wie käme sonst der Mühlstein in den Wald? Mühlsteine, die wild wachsen, gibt es nicht. Also höre zu!
In uralten Zeiten war drunten noch kein Dorf. Ein jeder baute sein Haus für sich mitten in das Feld hinein, das ihm gehörte, damit er alles hübsch nahe und beisammen habe und nicht so viele Schritte zu tun brauche. So wohnten die Bauern einzeln und verstreut über das ganze Land hin, gerade wie die Füchse und Dachse in ihren Gruben.
Aber ein Haus gab es, wo jetzt unser Dorf steht, das war eine Schmiede. Schon damals kreuzten sich drunten zwei große Heerstraßen, und wenn Züge bewaffneter Männer oder reisende Händler aus fernen Landen mit Rossen und Wagen und Karren vorbeikamen, dann hatte der Schmied, der auch eine Herberge hielt, alle Hände voll zu tun. Es war ein Ort, wo man etwas sehen und hören und lernen konnte. Menschen jedes Stammes und jedes Standes trafen hier zusammen und erzählten sich, was Neues und Wunderbares in der Welt passiert war. Fahrende Spielleute, die von einem Fürstenhof zum andern zogen, sangen hier oft ihre Lieder zum Lobe großer Könige und Helden, deren Kriegsruhm damals die Welt erfüllte.
Auch über mancherlei neue und geheime Künste berichtete man, die jenseits des Rheinstroms oder der Alpen von fremden, dunkelhaarigen Völkern geübt wurden. Seltsame Werkzeuge, Waffen und Münzen waren da zu sehen, welche man in Tausch und Kampf mit den Fremden als kostbare Schätze oder Gedenkzeichen davongetragen hatte.
Bei all solchen Gelegenheiten horchte der Schmied wohl auf, vernahm, was gesagt, und betrachtete, was gezeigt wurde, offenen und nachdenklichen Sinnes, wie ein verständiger Mann es tut, und machte sich über alles seine eigenen Gedanken. So währte das Leben in Werkstatt und Herberge den ganzen Frühling und Sommer hindurch, bis unwegsames Wetter im Spätherbst den Verkehr hemmte, und bis der schweigsame Schnee die weiten Lande in eine weiße Einöde verwandelte und stöbernd gewaltige Wälle auf der Wetterseite der Schmiede aufwarf. Dann ward es gar still da unten, und das Klappern und Klingen der Hammerschläge erstarb, wie der Herzschlag in eines toten Mannes Brust.
In einer wilden Märznacht nun, als der Schnee bereits am Schmelzen war, lag einmal der Schmied auf seinem Lager und lauschte im Einschlafen auf das schurrende Geräusch der Steinblöcke, die der überschäumende Bach zu Tal schob. Da drang es plötzlich an sein Ohr wie Heulen und Brausen. Erst unbestimmt und aus weiter Ferne, aber rasch sich nähernd, wie auf Fittichen des Sturmes, schwoll es an zu einem entsetzlichen, hohlen und tiefen Getöse, untermischt mit Pfeifen, Stöhnen und einzelnen wilden Schreien. Dazwischen erklang es wie das langgezogene nächtliche Geheul von Hunden und wie dumpfdröhnender Hufschlag.
Der Schmied war starr vor Entsetzen. Es war, als ob der Lärm durch alle Lücken des Hauses hereindränge und an allen Türen rüttelte, als ob gräßliche Stimmen durch die Esse herabriefen. Da, mit einem Schlage, hörte alles auf, es ward eine Weile totenstill, aber gleich darauf erscholl vom Hoftor her ein lautes, ungestümes Pochen und der herrische Ruf: ‚Auf da! Mach’ auf!‘
Der Schmied sprang von seinem Lager, eilte ans Tor und schob die schweren Riegel zurück. Da erblickte er beim ungewissen Widerschein des Schnees eine stolze, hochragende männliche Gestalt in weitem, wehendem Mantel und breitem Schlapphut, und neben der Gestalt einen riesigen Schimmel.
‚Mein Gaul hat ein Eisen gebrochen beim schnellen Ritt,‘ redete ihn der nächtliche Reiter mit tiefdröhnender Stimme an, ‚und du sollst ihn mir frisch beschlagen. Aber spute dich, denn mein Weg ist noch weit!‘ Damit nahm er den Schimmel beim Kopf und führte ihn in den Hof vor die Schmiede.
Nun begann der Schmied seinen Vorrat von Hufeisen von den Pflöcken herabzunehmen, aber alle erwiesen sich als viel zu klein.
‚Nimm dein Werkzeug und schmiede mir ein neues!‘ rief der Reiter ungeduldig. ‚Wie du es schmiedest, wird’s recht.‘
Schweigend machte sich der Schmied an die Arbeit, schürte das Feuer, fachte es mit dem großen Blasbalg aus Bockshaut an und schmiedete drauf los, daß die Funken weit umherstoben: das Hufeisen paßte wie angegossen.
‚Du bist ein wackerer Meister mit dem Hammer,‘ sagte der fremde Reiter, als der Schmied das Eisen heiß aufgenagelt hatte, ‚aber ein unweiser Mann. Weshalb fragst du nicht?‘
‚Herr,‘ entgegnete der Schmied demütig, ‚meine Väter haben mich gelehrt, daß es weise sei, bei der Arbeit zu schweigen und vorlaute Fragen zu meiden, denn dieses sei die Art der Weiber. Da Ihr mir aber eine Frage freistellt, so sagt mir, woher Ihr kommt zu so ungewohnter Stunde, und wohin Eure Fahrt geht!‘
‚Ich komme heint von der Friesen Strand Und fahre stracks ins Böhmerland!‘
erwiderte der Reiter. ‚Bis gestern bin ich auf Schiffen gewesen; nun muß ich mich wieder ans Roß gewöhnen.‘
‚Wer seid Ihr, Herr?‘ war des Schmieds zweite und erstaunte Frage. ‚Der schnellste Renner würde ja zu diesem Ritt mehr als sieben Tage brauchen!‘
Der Reiter lachte. Er warf dem Schmied das alte, zerbrochene Hufeisen hin, sprang auf den Rücken seines Schimmels und rief: ‚Da hast du deinen Lohn! Und damit du weißt, wessen Roß du beschlagen: ich bin der Wode, der mächtige Führer des Geisterheeres, und brause in Sturm und Wetter über See und Land, wo man Schlachten schlägt, und wo Männer fallen auf dröhnender Walstatt!‘ Bei diesen Worten hufte sein Roß, sprang über die sieben Ellen hohe Hofmauer und verschwand in der dunklen Nacht.
Zugleich aber erhob sich von neuem das wilde, grausige Getöse. Erde und Luft, bis zu den tiefstreichenden Wolken hinan, wimmelten von gespenstischen Gestalten, die in rasendem Ritte vorübersausten. Voran Weiber zu Roß mit wehenden Haaren, hinterher bleiche Krieger, die aus offenen Wunden bluteten. Heulend sprangen Hunde dazwischen mit funkelnden Augen und lechzenden Zungen, von denen feuriger Geifer floß, und darüber flatterten Raben mit rauhem Gekrächze. Immer neue, wilde Gestalten tauchten auf und drängten und schoben einander in eiligem Zuge, unaufhörlich, endlos! Da schlugen plötzlich kreischende Stimmen aus dem Getümmel an sein Ohr: ‚Weg frei! Platz da, oder du mußt mit!‘ Und wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, trat der Schmied von dem offenen Tor zurück, warf beide Flügel zu und schob die Riegel vor. Dann brach er ohne Besinnung zusammen.
Als er zu sich kam, war es heller Morgen, und der nächtliche Spuk erschien ihm wie ein Traum. Da sah er neben sich etwas in der Sonne blinken. Es war das gebrochene Hufeisen, das ihm der Wode als Lohn zugeworfen hatte, und als er es aufhob, siehe! da war es von gediegenem Golde. Nun wußte er, daß er den gewaltigen Gott der Schlachten und toten Heerscharen, den weisen Zauberer und Wanderer mit seinem wütenden Gefolge selbst gesehen hatte, und verwahrte sein goldenes Hufeisen zum Andenken an das nächtliche Abenteuer. Bald darauf aber drang auch die Kunde ins Land, daß vier Tage nach jener Nacht im Böhmerlande eine blutige Schlacht geschlagen worden sei.
Als der Frühling wiederkehrte und die liebe Sonne die Straßen wieder getrocknet und wegsam gemacht hatte, nahm eines Abends ein fremder Mann Herberge in der Schmiede. Dieser führte mancherlei dem Schmied unbekanntes Werkzeug mit sich und sagte, er reise an den Hof eines Königs, um dort neue Kunst auszuüben. Da nun der Schmied ihn fragte, wozu all das seltsame Gerät nütze sei, erzählte ihm der Fremde von einer neuen Art, Körner zu mahlen.
‚Eure Weiber‘, sprach er, ‚sind übel daran, denn sie haben viel Mühe, jeden Tag genügend Getreide in ihren Handmühlen zu zerquetschen. Bei uns zu Hause dagegen schütten die Leute das Korn einfach zwischen zwei große, runde Steine, die sich schnell aufeinander drehen, nicht von Menschenkraft getrieben, sondern von der Gewalt der Sturzbäche und mittels eines Wasserrads. Das schafft anders, kann ich Euch sagen. Ein Bauer braucht nur einige Tage, um für das ganze Jahr seinen Vorrat von feinstem Mehl zu mahlen. Weise Männer aber wissen zu berichten, diese neue Kunst stamme von dem mächtigen Gotte Wodan, auch Wode oder Wanderer geheißen, der ein großer Zauberer ist und aller Kunst und Weisheit Meister.‘
Sobald der Schmied dies vernahm, erzählte er dem Fremden, wie er kürzlich den Gott leibhaftig gesehen und seinen Schimmel beschlagen habe, und zeigte zum Beweise das goldene Hufeisen vor. Da er nun aber auch ein kluger und unternehmender Mann war, der gern aus allem Neuen, wenn es gut war, Nutzen zog, so ward er mit dem Fremden handelseinig, daß er ihm eine Mühle bauen solle, und zwar ganz nach der Art, wie Wodan es die Menschen gelehrt habe. Zum Lohn dafür versprach er ihm des Gottes Hufeisen.
Am andern Tage zogen die beiden den Bach entlang bergaufwärts, und der Fremde hielt die Stelle, wo das Wasser ein so starkes Gefälle hat, für die geeignetste zu seinem Werk. Die Mühle wurde alsobald gebaut und zu Ehren des Gottes die Wodansmühle genannt.
Späterhin, als fremde Horden aus Osten in diese Gegend hereinbrachen und die einzelgelegenen Bauernhöfe plünderten und verwüsteten, fanden die Leute, daß es besser sei, sich zusammenzusiedeln und in Dörfern beieinander zu wohnen, zu Schutz und Trutz und gegenseitiger Hilfe in Kriegs- wie in Friedenszeiten.
Da ist denn ein Streit entstanden, ob sie sich um die Schmiede oder um die Mühle anbauen sollten. Endlich ist ein alter, erfahrener Mann aufgestanden, der war klüger als alle anderen miteinander und hat gesagt: ‚Die Mühle brauchen wir nur einmal im Jahre, zu der Zeit, wo unser Korn reif ist; aber die Schmiede brauchen wir alle Tage. Laßt uns also das Dorf um die Schmiede bauen!‘
Und so ist es denn auch geschehen, und die Schmiede steht noch heute mitten im Dorfe, wie es recht und billig ist.«
Rudolf Vogel.
Der Lindenbaum.
Vor längerer Zeit hielt ich mich einige Jahre hindurch in einer kleinen Stadt auf und war dort an einen alten Herrn empfohlen, der ein Studiengenosse meines Vaters gewesen war. In dem Hause dieses Mannes ging ich aus und ein und genoß dort viel Freundlichkeit.
Herr Doktor Lindow war ein stattlicher und jovialer Sechziger und ein großer Natur- und Gartenfreund, der herrliche Blumen und köstliches Obst zog, und sein Garten, der sich in glücklicher südlicher Lage in Terrassen zu einem kleinen See hinabsenkte, war im Sommer und Herbst ein wahres Füllhorn köstlicher Dinge.
Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine mächtige Lindenlaube, die sich auf den stillen, von Schilf und Weiden umkränzten See öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im August in heiterem Gespräch mit dem alten Herrn, der an jenem Tage besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche Gewandtheit auszeichnete. Plötzlich hörten wir dessen Stimme aus dem Wipfel eines Baumes, der seine Zweige wagerecht nach dem Ufer des Sees hinausstreckte. »Großvater!« rief der Junge, »nun passe mal auf, wie ich es jetzt schon gut kann!«
Damit war er auf einen der wagerechten Zweige hinausgerutscht und hing plötzlich an den Knien daran, mit dem Kopfe nach unten. Zu meinem Schreck ließ er sich dann los, griff aber geschickt in das Laub des unteren Zweiges, daß sein Körper im Fallen sich wendete und der Kopf wieder nach oben kam, und so von Ast zu Ast rutschend und stürzend gelangte er, indem er rechtzeitig seinen Fall durch wiederholtes Eingreifen in die Zweige milderte, glücklich unten an.
»Gut, mein Sohn,« rief Herr Lindow, »kannst mal herkommen!« Nachdem er den Knaben für seine Leistung reichlich mit Obst belohnt hatte, wandte er sich zu mir und sagte: »Eine alte Familienkunst, die ich schon von meinem Vater gelernt habe, und die hoch in Ehren gehalten wird, seitdem sie mir einmal einen so großen Dienst geleistet hat.«
»Welcher Art war dieser Dienst?« fragte ich etwas verwundert.
Der Doktor lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück und sah sinnend vor sich hin wie einer, der sich eine Geschichte im Geiste zurechtlegt, und sagte dann: »Sie wissen doch, daß ich als Student zu zehnjähriger Festungshaft verurteilt worden bin?«
»Ja, gewiß!« antwortete ich. »Damals, als auch Fritz Reuter zu dieser Strafe verdammt wurde, und aus denselben Gründen.«
»Gewiß,« fuhr Lindow fort, »allein ich hatte es in einer Hinsicht besser als Reuter, da ich meine Zeit in der einzigen kleinen Festung meines engeren Vaterlandes absitzen durfte, wo ich es verhältnismäßig gut hatte. Diese war nun eigentlich gar keine Festung mehr, denn die Außenwerke hatte man längst geschleift, und nur ein auf einem steilen Felsen gelegenes Kastell war übriggeblieben, welches dann und wann als Gefängnis benutzt wurde. Dort hatte ich ein ganz wohnliches Zimmer, allerdings mit schwerer, eisenbeschlagener Tür und einem tief in die dicke Mauer eingeschnittenen, stark vergitterten Fenster.
Ich war der einzige Festungsgefangene dort, denn mehr dergleichen politische Verbrecher hatte das kleine Fürstentum nicht hervorgebracht, und man ließ mir am Tage ziemlich viel Freiheit, doch wurde ich nachts sorglich eingeschlossen. Wie sollte ich auch entkommen? An drei Seiten fiel der Felsen wohl an die hundert Fuß steil ab, und an der vierten, wo sich zwar ein Weg ins Tal hinabschlängelte, war mir der Ausgang durch hohe Mauern und mächtige Tore mit Schildwachen davor genügend versperrt.
Über Mangel an Aussicht konnte ich mich an diesem Orte freilich nicht beklagen, denn der Felsen war ein letzter Ausläufer des am Horizonte dämmernden Gebirges und lag als einzige wesentliche Erhöhung in einer sanft gewellten Ebene. Aber nichts ist wohl geeigneter, die Sehnsucht nach der Freiheit zu verschärfen, als ihr steter, ungehinderter Anblick. Und an schönen Sommersonntagen wurde diese Sehnsucht fast zum körperlichen Schmerz in mir, denn an solchen krabbelten auf allen Wegen die Menschen aus dem Städtchen hervor in die freie Natur, wie Ameisen aus ihrem Haufen. Auf der Landstraße rollten Wagen und schritten leichtfüßige Wanderer den blauen Bergen zu. Von den Gasthäusern vor dem Tore wehten Fahnen, während aus dem Grün der Landschaft farbige Mädchenkleider und helle Strohhüte hervorschimmerten und bald von hier, bald von dort eine Tanzmusik oder das Rollen von Kegelkugeln zu mir heraufschallte. Dann kamen auch wohl leichtgeflügelte Schmetterlinge aus der Tiefe emporgeflattert, glätteten ihre Flügel ein wenig auf dem durchsonnten Rasen des Walles und taumelten dann sorglos weiter in die Freiheit. Die Schwalben, die sich um das alte Gemäuer des Kastells jagten, schossen dicht über mich hin und riefen wie zum Hohne: ‚Komm mit, komm mit!‘
Als nun dies alles wieder einmal an einem gewissen Sommersonntag geschah, da glaubte ich’s nicht mehr ertragen zu können und begab mich auf die entgegengesetzte Seite des Felsens, wo mir der Anblick der Stadt und das fröhliche Getümmel um sie her gänzlich entzogen war. Hier strömte aus der weiten Heidefläche ein Fluß dicht an die eine Wand des Felsens heran und bildete mit diesem einen Winkel, in welchem ich gerade unter mir den großen Garten eines wohlhabenden Fabrikanten sah, und etwas weiter entfernt dessen Landhaus. Deutlich wie eine gut gezeichnete Landkarte lag der Garten mit seinen sauberen Steigen, Rasenflächen und Gebüschgruppen unter mir, aber auch ebenso leblos wie eine Landkarte war er meist, denn außer einem alten Gärtner, der sich dort zu tun machte, und seiner ebenso alten Frau hatte ich noch niemals einen Menschen darin gesehen.
So saß ich nun dort an jenem Sonntagnachmittag, ließ meine Beine über den Rand des Felsens baumeln und schaute abwechselnd in die saubere grüne Einsamkeit zu meinen Füßen und dann über den Fluß hinweg auf die eintönige Heide. Da überkam mich mit einemmal ein Gedanke, der mein Gehirn mit einem solchen Rausch erfüllte, daß ich mich zurücklehnte und meine Hände in das Gras klammerte aus Furcht, von einem Schwindel ergriffen zu werden und plötzlich hinabzustürzen.
Es stand nämlich in dem letzten Winkel des Gartens ein uralter Lindenbaum, und zwar so nahe an dem Felsen, daß seine Zweige diesen fast berührten. Seine ungeheure grüne Kuppel wogte gerade unter mir, die Entfernung konnte nicht mehr als zwanzig Fuß betragen. Sonderbar, daß mir dies bisher nie so aufgefallen war wie jetzt! Wenn ich in den Baum hineinsprang, war ich ja so gut wie unten. Es hatte auch gar keine Gefahr, denn die dichtbelaubten, elastischen Zweige würden mich sanft aufnehmen und den Sturz mildern, und dann: wie oft hatte ich mich nicht als Knabe so von Zweig zu Zweig absichtlich aus Bäumen fallen lassen! Das war eine Kunst, die gefährlicher aussah, als sie war, und mir schon oftmals den Beifall erstaunter Zuschauer eingebracht hatte. Wenn ich das hier ausführte, konnte ich ja in ein paar Sekunden unten sein. Und dann war ich frei!
Aber wie lange? Ich war ohne Mittel, denn genügendes Geld bekam ich als Gefangener natürlich nicht in die Hände, und obwohl die Landesgrenze nicht allzuweit entfernt war, so wäre mir die Flucht doch wohl nur in einem bereitstehenden Wagen mit schnellen Pferden gelungen. Auch fehlten mir Legitimationspapiere, und diese waren höchst nötig, um mich an der Grenze auszuweisen. Woher dies alles nehmen?
Doch diese Gedanken kamen mir alle erst später bei ruhiger Überlegung; zunächst berauschte mich der Gedanke, wie leicht ich entkommen konnte, wenn ich wollte, so sehr, daß ich förmlich in ihm schwelgte. Falls ich dort hinabsprang und mich von Zweig zu Zweig stürzen ließ, war Gefahr nur dann vorhanden, wenn sich zu große Lücken zwischen den Ästen fanden, oder wenn diese in bedeutender Höhe vom Boden aufhörten. Ich suchte mir einen anderen Ort auf dem Felsen, legte mich dort auf den Bauch und betrachtete die Linde ans größerer Entfernung von der Seite. Sie war so normal gewachsen, wie dies für einen Musterbaum ihrer Art nur möglich ist, die grüne Kuppel zeigte keinerlei Unterbrechung, und die untersten Zweige hingen bis auf den Boden hinab.
Plötzlich ertönten stramme, taktmäßige Tritte und riefen mich aus meinen Gedanken zurück. Der Posten, der in dieser Gegend stand, ward abgelöst, und es schien mir klug, mich zu zeigen, da man sonst wohl nach mir geforscht hätte. Ich ging deshalb schnell hinter den Wällen herum und kam, scheinbar gelangweilt, an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein, setzte mich auf eine alte Kanone und schaute wieder auf die Stadt und das fröhliche Treiben der Landstraßen hin.
Im Geiste aber war ich bei meinem alten Lindenbaum. Ich stand am Rande des Felsens und suchte mit dem Fuße nach einem sicheren Absprung. Nun war es so weit. Los! Mich schauderte zwar ein wenig, aber es mußte sein. Wie mir das grüne Laubwerk um die Ohren sauste! Ich war gerade richtig gesprungen, der Ast gab mächtig nach, aber er brach nicht. Ich ließ ihn nicht los, bis er sich tief auf den nächsten gebeugt hatte, und dann rauschte und rutschte ich durch die knickenden kleineren Zweige tiefer und tiefer von einem Aste zum anderen und schnell war ich unten. Jetzt hinab an den Fluß und durch die seichten Sommergewässer an das andere Ufer! Hier das kleine Kieferngehölz verbarg mich einstweilen. Aber ich mußte weiter, — weiter über freie Räume, wo ich fernhin sichtbar war. Nur immer vorwärts der Grenze zu! Vielleicht bemerkte mich doch niemand. Ein Flüchtling muß Glück haben. Da: ‚Bum!‘ Was war das? Ein Alarmschuß von der Festung! Nun ging die Hetzjagd an.
So sehr hatte ich mich in diese Gedanken vertieft, daß es mich wie eine Erleichterung überkam, als ich mir plötzlich klarmachte, daß ich ja noch kein gehetztes Wild war, sondern ganz gemächlich am Sonntagnachmittag auf einer alten Kanone saß und bloß spintisierte.
Von nun ab ließ mich der Fluchtgedanke aber nicht mehr los, und sooft ich es nur ohne Aufsehen zu tun vermochte, studierte ich meinen alten Lindenbaum, bis ich ihn zuletzt fast auswendig konnte. Den verhängnisvollen Sprung habe ich im Geiste so oft gemacht, daß es nicht zu zählen ist. Dabei zermarterte ich mich mit Grübeleien, wie ich mir Geld und alles sonst zur Flucht Nötige verschaffen möchte, verwarf einen Plan nach dem anderen und kam zu keinem Ende damit. Denn alles hing davon ab, daß ich Briefe sicher aus der Festung beförderte, und ich fand niemand, dem ich mich hätte anvertrauen mögen.
Indes war die Zeit der Sommerferien für die Schulkinder gekommen, und als ich eines Tages wieder in den sonst so verlassenen Garten des Landhauses hinabschaute, bemerkte ich dort eine wundervolle Veränderung. Was mir an weiblichen Wesen auf der Festung zu Gesicht kam, war nicht dazu angetan, mich zu verwöhnen, denn es gehörte zu der Gattung der Regimentsmegären und Scheuerdrachen; deshalb erschien mir wohl das junge, etwa siebzehnjährige Mädchen dort unten wie ein Wunder von Schönheit und lieblicher Bildung, und es erfüllte mich etwas wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der solche wohlgerundete Anmut mit leichter Meisterhand in die Welt gestellt hatte.
Während das junge Mädchen, langsam alles betrachtend, durch den Garten ging, wurde sie von einem ungefähr vierzehnjährigen Knaben umschwärmt, der mit einem Bogen von Eschenholz leichte Rohrpfeile in die Luft schoß und sich an ihrem hohen Fluge vergnügte. Durch einen Zufall stieg einer dieser Pfeile bis zu mir empor und fiel neben mir nieder. Dadurch wurde der Knabe meiner gewahr und machte seine Schwester auf mich aufmerksam. Ich nahm meinen Hut ab und warf, indem ich grüßte, den Pfeil wieder hinunter. Mein Schicksal und meine Anwesenheit auf der Festung waren in der ganzen Stadt bekannt, und so mochten diese jungen Leute auch wohl gleich wissen, wen sie vor sich hatten. Denn sie sprachen miteinander und sahen zu mir empor, der Knabe unverhohlen und voll Neugier, das Mädchen flüchtiger, aber, wie es mir schien, mit einem Ausdruck von Mitleid in den schönen Zügen.
Da ich nun fortwährend mit Fluchtgedanken beschäftigt war und alles, was mir passierte, mit diesen in Zusammenhang brachte, so fiel mir auch jetzt sogleich ein, daß sich hier eine Gelegenheit biete, wieder mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Wenn das schöne Mädchen mir vielleicht auch nicht helfen konnte, so würde sie doch gewiß nicht einen armen Gefangenen verraten, der sich vertrauensvoll in ihre Hand gab. Aber ein Zweifel fing sofort an mich zu plagen, nämlich, ob ich das Mädchen wiedersehen würde. Vielleicht war sie nur zu einem kurzen Besuch in diesem Landhause und kam nie wieder. Aber dennoch arbeitete ich im Geiste schon an einem ausführlichen Brief, in welchem ich meine Lage und alles, was zu meiner Befreiung nötig war, gründlich auseinandersetzte.
Als ich gegen Abend wieder in meine Zelle eingeschlossen wurde, schrieb ich alles sorgfältig auf und setzte die Mittagsstunde von zwölf bis ein Uhr zu einer Antwort von ihrer Seite fest. Um diese Zeit befanden sich auf der Festung alle beim Essen, und ich wurde folglich am wenigsten beobachtet. Auch pflegte sich dann die Schildwache in meiner Nähe einer stillen, innerlichen Beschaulichkeit hinzugeben. Ihre Antwort sollte das Mädchen auf ein Zettelchen schreiben, dieses mit ein wenig Wachs oder Pech an einen Rohrpfeil kleben und durch ihren Bruder zu mir hinaufschießen lassen.
Mit fieberhafter Spannung wartete ich am anderen Tage darauf, daß die Schöne wieder im Garten erschiene, doch vergebens: alles blieb leer. Nur der Knabe tollte eine Weile dort herum und übte sich mit langen, schlanken Gerten, die er als Wurfspieße benutzte. Endlich, am Nachmittag, sah ich das helle Kleid aus dem Grün hervorleuchten. Das Mädchen ging langsam durch den Garten und verschwand unter dem alten Lindenbaum. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie wieder zum Vorschein kam, nun aber wandelte sie auf dem Steige unter mir hin. Jetzt galt es. Ich räusperte mich, so laut ich konnte, und sobald sie aufblickte, zeigte ich meinen mit einem Steine beschwerten Brief. Als sie verwundert und etwas verwirrt wegsah, warf ich ihn hinab. Er fiel ihr gerade vor die Füße, und ich bemerkte, wie sie erschrak und im ersten Augenblick weiterging, ohne ihn aufzunehmen. Dann besann sie sich, kehrte um, hob das Papier auf und ging damit unter den Lindenbaum zurück. Nach einer Weile kam sie wieder hervor und schritt, mir den Rücken wendend, langsam auf das Haus zu. Wie im Krampfe zog sich mein Herz zusammen, als sie so, ohne ein Zeichen zu geben, davonging. Doch da! Plötzlich blieb sie stehen und ließ flüchtig den Blick zu mir heraufgleiten. Dann wendete sie sich wieder ab, nickte dreimal eindringlich mit dem Kopf und lief eilig dem Hause zu.
Beinahe hätte ich laut aufgejauchzt, als ich dies bemerkte, und den ganzen Abend hatte ich die größte Not, die außerordentliche Heiterkeit zu unterdrücken, die mich erfüllte.
Am anderen Tage ging alles gut. Der Knabe kam und schoß mit seinen Rohrpfeilen wie zur Übung an dem Felsen in die Höhe. Dann nahm er einen anderen Pfeil, zielte sorgfältig und schoß ihn zu mir empor. Es war zu kurz: ich sah den leichten Boten bis dicht an meine Hand steigen und dann wieder zurücksinken. Das zweite Mal aber gelang es; ich löste schnell den kleinen, schmalen Zettel ab und warf den Pfeil wieder hinunter.
Sie schrieb: ‚Ich will alles tun, was ich kann. Mein Onkel will mir dabei helfen. Sie dürfen ihm vertrauen, wie auch meinem Bruder Paul, der alles weiß und stolz auf dies Geheimnis ist. Haben Sie guten Mut! In vierzehn Tagen kann alles bereit sein.‘
Diesen kleinen Zettel drückte ich an meine Lippen, las ihn wohl hundertmal und bewahrte ihn als meinen größten Schatz.
Über die nächsten vierzehn Tage will ich kurz hinweggehen. Genug, die Stunde war da, wo alles bereit war, und zwar sollte die Flucht am hellen Mittage stattfinden. Das Glück begünstigte mich in jeder Hinsicht. Am Vormittage stieg ein Gewitter auf; über der Heide stand eine blauschwarze Wolkenwand, in der die Blitze zuckten, und der Donner ertönte lauter und lauter.
Einige Minuten nach zwölf stand ich an dem Rande des Felsens und wartete auf den nächsten Donner, der das Geräusch meines Sturzes übertäuben sollte. Da zuckte ein greller Blitz auf. ‚Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht...‘ zählte ich unwillkürlich, und dann knatterte und rollte es mächtig in den Wolken. ‚In Gottes Namen!‘ sagte ich innerlich und sprang zu.
Wie ich hinuntergekommen bin, weiß ich noch heute nicht. Es donnerte, rauschte und sauste mir um die Ohren, Zweige schlugen mir ins Gesicht, und mit einem Male hatte ich Boden unter den Füßen. Ich eilte schnell durch Laubengänge, die mich den Blicken verbargen, dem Ausgange zu. Wie oft hatte ich diesen Weg schon im Geiste gemacht! Da, in der Nähe des geöffneten Gartentores stand, von Buschwerk gedeckt, eine helle Gestalt. Sie war es. In überschwellender Dankbarkeit streckte ich ihr beide Hände entgegen, und da Worte unsere Empfindungen nicht ausdrücken konnten, so küßten wir uns, als könne es gar nicht anders sein. Aber sie drängte mich bald von sich: ‚Schnell, schnell,‘ rief sie, ‚und reisen Sie glücklich!‘ O Wonne und Qual, in der Nußschale eines kurzen Augenblicks vereinigt!
Doch ich mußte weiter. Auf der Straße sah ich den Knaben Paul, dem ich in einiger Entfernung folgen sollte. Er führte mich zu einem kleinen Gehölz in der Nähe, wo eine Kutsche mit zwei schönen Pferden hielt. Ein ältlicher Mann, der dabeistand, schob mich hinein und rief mir zu: ‚Im Wagenkasten ist ein neuer Anzug und was Sie sonst noch brauchen, in der Seitentasche Geld und Papiere. Reisen Sie mit Gott!‘ Ich wollte ihm danken, allein die Pferde zogen an, und fort ging’s in Sturm und Regen und rollendem Donner, was die Gäule laufen konnten.
Nun, ich kam nach allerlei kleinen Abenteuern über die Grenze und weiter und war frei. Frei und doch wieder gefangen, denn den Kuß am Gartentor vergaß ich mein lebelang nicht.«
Mit diesen Worten schien Herr Lindow seine Erzählung beenden zu wollen. Da aber trat Frau Lindow zu uns heran, die schon eine Weile bei einigen Gemüsebeeten in unserer Nähe beschäftigt gewesen war. »Nun,« fragte sie, »was erzählst du denn da wieder für eine lange Geschichte?«
»Oh,« antwortete er ihr in scheinbar gleichgültigem Tone, »es ist die Geschichte von dem berühmten Kuß am Gartentor!«
»Ach du!« sagte Frau Lindow. »Ja, das kommt davon, wenn man sich mit Verbrechern einläßt.«
Mir ging plötzlich ein Licht auf, entzündet an dem schimmernden Glanze der Augen, mit dem die beiden alten Leute einander ansahen.
»Alte,« rief der Doktor, »denkst du daran, daß es jetzt gerade vierzig Jahre sind seit jenem verhängnisvollen Kuß? Komm, laß uns anstoßen auf ein glückliches Alter!«
Wir erhoben uns, und die Gläser klangen aneinander. Dann küßten die beiden Alten sich, und ein Abglanz wie von ewiger Jugend verklärte ihre glücklichen Gesichter.
Heinrich Seidel.