Zweite Abtheilung. Sitten und Gebräuche.
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Bei dieser Abtheilung machte es besondere Schwierigkeiten, den ziemlich umfangreichen, aber andererseits durchaus nicht vollständigen Stoff in eine leidliche logische Ordnung zu bringen. Es wurde vor Allem der Gesichtspunkt der Feste in das Auge gefaßt und zunächst diejenigen Sitten und Gebräuche erörtert, welche sich an noch gegenwärtige oder frühere kirchliche Feiertage anschließen. Dann folgen die Feste, deren Feier aus dem alltäglichen Leben und dem Bedürfnisse nach religiöser Weihe oder nach leiblicher Erholung hervorgegangen ist. Die Feste endlich, welche die einzelne Familie bei besonderen Ereignissen ihres häuslichen Kreises begeht, bilden den Schluß. Es lag nahe, namentlich „bei den Festen des bürgerlichen Jahres,“ an die feiernden Personen das oder jenes anzuschließen, was ebenfalls in das Gebiet der Sitten und Gebräuche gehört. Es werden daher bei der Kinderwelt außer dem Schulfeste auch Spiele und andere Erholungen besprochen und bei den Festen der Erwachsenen ist insbesondere auf die Eigenthümlichkeiten des Bergmannes und des Bauers näher eingegangen. Diese gesammte Anordnung kann vielfach angefochten werden, doch erschien sie immer noch als die übersichtlichste und ist deshalb gewählt worden. — Ein anderer Mangel liegt weniger in der Form, als in dem Inhalt. Manches, was vielleicht ausführlich behandelt ist, wird der oder jener für unwichtig halten, während er Anderes, was gar nicht erwähnt ist, vermißt. Wir gestehen dies gern zu; doch rechnen wir aus den in der Vorrede angeführten Gründen auf nachsichtige Beurtheilung.
Das Jahr mit seinen Festen.
I. Feste des Kirchenjahres.
§ 48. 1. Die Adventzeit. Als Vorläufer des Christkindes erscheint der Knecht Ruprecht (vgl. 613) mit dem Brunnenkind, Gestalten, die in ihrem Ursprung auf das deutsche Heidenthum zurückzuführen sind. Daneben fehlt es, abgesehen von der rein kirchlichen Feier dieser Zeit, hie und da nicht an Veranstaltungen, das fromme Gemüth in eine gehobenere Stimmung zu versetzen. Vgl. § 5 u. 6.
556. Es erscheinen der „Hans Ruprecht,“ ein verkleideter Knecht, der einen vollen Nußsack auf dem Rücken trägt, mit dem „Bornkinnel,“ einer in Weiß gekleideten Magd, als Vorboten des Weihnachtsfestes. Wenn das Paar eintritt, fallen die Kinder auf die Kniee, sprechen ein Gebet, z. B. das Vaterunser, und bitten, nachdem sie das Versprechen gegeben, recht fleißige und artige Kinder zu sein, zu Weihnachten wiederzukommen (Grünstädtel). — 557. Oder: In Pelz eingehüllt mit langen, gerollten Werglocken, großer Pudelmütze, knotigem Prügel und schwerem Sack eilt „Hans Ruprecht“ von Haus zu Haus, murmelnd, fluchend und drohend. In seiner Anwesenheit müssen die ängstlich hinter der Mutter sich versteckenden Kinder ihre gelernten Gebetchen und Sprüche hersagen. Bei seinem Fortgange verkündigt er, daß er am Weihnachtsabend wiederkommen werde und räth den Kindern, daß sie nur recht folgen sollen. Kaum ist er zur Thüre hinaus, so kehrt er wieder um, und wirft einige Aepfel und Nüsse in die Stube, die die nun kecker werdenden Kinder mit Freuden aufsuchen und verzehren (allg.).
558. Vom 1. Advent bis zum Weihnachts Heiligen-Abend blasen in Ehrenfriedersdorf die Stadtmusici vom Thurme, und zwar „nach dem dreimaligen Feldgeschrei“ (einem dreimaligen Signal mit den Trompeten) den Choral: „Sehet auf! der Herr wird bald kommen und alle seine Heiligen mit ihm und wird an demselbigen Tage ein groß Gericht sein. Halleluja!“ Am heiligen Abend selbst wird der Thurm illuminirt und daselbst das Transparent: „Gott segne unsere Stadt“ aufgestellt, d. i. die sogenannte Mette. — 559. Der Stadtmusikus, der zugleich Thürmer ist, giebt den Musicis ein Mahl, wobei man das Lied: „da Christus geboren ward“ singt und der Stadtmusikus eine kurze Ansprache an seine Musici hält.
§ 49. 2. Weihnachten. Vor Allem hat das Weihnachtsfest, wie überall, so namentlich auch im Obergebirge, eine reiche Ausstattung mit allerlei Sitten und Gebräuchen. Vgl. § 5 u. 6.
560. Das Haus rüstet sich auf die kommenden Festtage. Es wird ein Schwein geschlachtet, gebacken und gescheuert (vgl.§ 6 a. b.). — 561. Entweder bäckt man selbst, d. h. der Teig wird von der Mutter zu Hause vorgerichtet und dann bei dem Bäcker gebacken oder man kauft die fertige Waare bei dem Bäcker. — 562. Das Hauptbackwerk sind Stollen und Kuchen, daneben auch Bretzeln und Hörnchen (allg.). — 563. In Ehrenfriedersdorf darf ein Gebäck, „das Christkind“, ähnlich einem Niklaszopfe, nicht fehlen (vgl. § 6 d.).
564. Die Volksschulen schließen den Unterricht vor dem Feste mit der sogenannten „letzten Schule,“ auch „Schulmette“ genannt. Dieselbe wird entweder Abends gegen 5 oder früh um 6 Uhr unter Theilnahme der Eltern, anderer Verwandter und Angehöriger der Kinder gehalten. Jedes Kind bringt ein Licht mit, das es brennend vor sich auf die Tafel stellt. Es werden kindliche Weihnachtslieder gesungen, der Lehrer hält eine Ansprache oder bezügliche Katechisation und die Schüler oder Schülerinnen deklamiren geeignete Gedichte. Dem Lehrer wird entweder dabei oder nachher seitens der Kinder entweder durch eine gemeinsame Gabe oder durch Einzelgeschenke bescheert.
565. Die Kaufleute und andere Gewerbtreibende zeigen sich auch erkenntlich gegen ihre Kunden, indem sie dieselben mit einer Kleinigkeit, sei es auch nur ein Hering oder eine kleine Chocoladentafel, beschenken (Ehrenfriedersdorf).
566. In vielen Häusern herrscht an den drei heiligen Abenden noch die löbliche Sitte, nach Einbrechen der Dunkelheit um den beleuchteten Familientisch versammelt einige Weihnachtslieder zu singen. — 567. Arme, Kinder oder Erwachsene, ziehen von Haus zu Haus, und singen Weihnachtslieder, um dadurch sich etwas zu erwerben.
568. Die kirchliche Feier durch sogenannte Christmetten (vgl. 36 u. 37) findet sich noch mehrfach. Dieselben werden entweder am heiligen Abend (Lößnitz, Schneeberg) oder am ersten Feiertag früh 6 Uhr (Buchholz) gehalten; sie sind aber auch an einigen Orten durch einen Abendgottesdienst am Sylvester (vgl. 585) verdrängt worden. — 569. In den Bergstädten feierte man sonst — in Schneeberg bis 1860 — am Abend vor dem ersten Weihnachtsfeiertag „Bergmetten,“ zu denen die Bergleute von ihrer Wohnung aus mit brennenden Grubenlichtern gingen.
570. Die Bescheerung ist der Mittelpunkt des Festes für das Haus. — 571. Dabei darf es nicht an Lichterglanz, auch nach außen — die Bergleute z. B. setzen am heiligen Abend Lämpchen an die Fenster und illuminiren so (Schneeberg) — fehlen und die behagliche, hellerleuchtete und wohl durchwärmte Stube muß von Weihrauchduft — man zündet Räucherkerzchen an — erfüllt sein. — 572. Die Zeit der Bescheerung ist entweder am Abend vor dem Feste oder am Morgen desselben. Dieses scheint alte, jenes neuere Sitte zu sein.
§ 50. Außer den verschiedenen Gaben bei der Bescheerung finden wir im Obergebirge in den meisten Familien neben dem Christbaum auch die sonst mehr nur in katholischen Ländern gebräuchliche Christgeburt. Vgl. v. Reinsberg-Düringsfeld, Festkalender aus Böhmen, Wien und Prag 1861 u. L. Frank, „etwas von Glauben und Bräuchen in Sachsen“ (d. i. in der Provinz Sachsen), Aufsatz in den Hausblättern, 1861, 3. Bd. S. 374 ff.
573. Der Christbaum, ein Tannenbaum (vgl. § 38 g.), ist, wie überall in dem evangelischen Deutschland, mit Lichtern oder kleinen Oellämpchen besteckt, mit vergoldeten Aepfeln und Nüssen sammt allerlei kleinem Zucker- und Backwerk behängt.
574. Die Christgeburt, auch Christgarten, Paradiesgarten, Krippe, Bethlehem genannt, befindet sich entweder als Zubehör des Christbaumes am Fuße desselben oder ist als besonderes Schaustück in einer Ecke des Zimmers auf einem Tisch oder dergl. aufgestellt. — 575. Im ersteren Falle ist es ein mit einem Zaun umgebenes Bret, das mit Moos belegt ist. Ein mit Sand bestreuter Weg führt vom Eingang zu dem an der Seite stehenden Stall, in welchem sich Maria und Joseph, dabei das Christkind in der Krippe befinden. Die heiligen drei Könige, der eine von weißer, der andere von brauner, der dritte von schwarzer Gesichtsfarbe, stehen davor. Dem Stall gegenüber befinden sich die Hirten mit den Heerden. Der Engel, mit Draht an einen Baum befestigt, schwebt in der Luft und verkündigt die Geburt Christi. — 576. Ist die Christgeburt als besonderer Theil aufgestellt, so ist dieselbe gewöhnlich 1½ Ellen über dem Fußboden anfangend an die Wand gebaut und mit Moos, glänzenden Steinen, Erzen und dergl. ausgeschmückt. Unten ist der Stall, in dem, außer den heiligen Personen, sich noch Ochs und Esel befinden, „die dem Christkinde den ausgehenden Odem wieder eingeblasen haben sollen.“ Seitwärts erblickt man die Hirten mit ihren Heerden, denen der Engel erscheint. Im Hintergrunde ist Sand gestreut und auf dieser künstlichen Wüste kommen die heiligen drei Könige gezogen. Die Terasse enthält verschiedene Gruppen meist aus der biblischen Geschichte, theils Darstellungen der messianischen Weissagungen z. B. die Schlange im Paradiese, theils der Ereignisse aus dem Leben, besonders aus der Kindheitsgeschichte Jesu. Die Höhe bildet die Stadt Bethlehem, durch mehr oder weniger Häuser angedeutet. Ueber der Stadt ist ein großer Stern an der Wand befestigt. — 577. Oder: In einer künstlich angelegten Nische, die mit Tannenzweigen, zwischen denen vergoldete Aepfel und Nüsse prangen, ausgekleidet ist, erblickt man die Stadt Bethlehem, durch mehrere Straßen aus hölzernen Häuschen aufgebaut, vertreten, die sich terassenförmig in sieben bis acht Stufen nach oben verjüngen. Auf den Gassen stehen kleine Figuren, theils Männer, theils Frauen. Zu unterst ist ein größeres, offenes Haus, darin man das Christkind, die Eltern, die drei Weisen u. s. w. erblickt. Im Vordergrunde schließt sich an dieses Haus eine Wiese, wo die Hirten ihre Heerden hüten. — 578. Außerdem findet man auch häufig die sogenannten Pyramiden, im Volksdialekt „Perametten“ genannt. Dieselben sind entweder einfach, d. h. vier mit buntem Papier überzogene Stäbe, unten durch Querleisten verbunden und oben in eine Spitze vereinigt, sind mit Lichtern und anderem Christschmuck geziert, oder man trifft auch sehr kunstvoll zusammengesetzte an. — 579. Eine solche besteht gewöhnlich aus vier Stockwerken („Platten“), die an einem in der Mitte stehenden senkrechten Stab befestigt sind. An dem oberen Ende des letzteren sind zwei Flügel angebracht, welche sich durch die Wärme der auf die eigentliche Pyramide gesteckten Lichter drehen und dadurch das Ganze in Bewegung setzen. Auf den Platten stehen verschiedene Figuren, die gewöhnlich die Entwicklung der christlichen Kirche von Christus bis auf die Gegenwart darstellen. Auf der unteren Platte die Gründung der Kirche, dargestellt durch die Geburt Christi, die in der bereits beschriebenen Weise dem Auge vorgeführt ist. Auf der zweiten Platte sind die ersten Jahrhunderte angedeutet, z. B. aus flimmerigen Steinen gebaute Höhlen, darin Holzfigürchen, sollen an die Christenverfolgungen erinnern; auf der dritten Platte folgt das Mittelalter: Ritter, Bischöfe, die Reformation, Luther etc. bis endlich die vierte Platte mit der Neuzeit (geistliche und weltliche Beamte, Soldaten und dergl.) den Beschluß macht. — 580. Schon aus dem zuletzt Angeführten erkennt man, daß hierbei der Phantasie ziemlich freier Spielraum gelassen ist, wie überhaupt die oben gegebenen Beschreibungen durchaus nicht feststehende Typen der Ausführung sind, sondern nur die große Mannichfaltigkeit dieser Weihnachtsaufstellungen andeuten.
581. Der Hausvater baut meist selbst, in Gemeinschaft mit den Kindern, die Krippen und Pyramiden, die von Jahr zu Jahr aufgehoben werden, in den Vorabenden des Festes auf und nach Lust, Geschmack und Vermögen wird das oder jenes alljährlich hinzugefügt, was in der Darstellung eines Gartens, einer Stadt u. s. w. sich anbringen läßt. So findet man Springbrunnen, Jagden, selbst Bergwerke und andere Staffage aufgestellt, oft ist ein Theil der Gruppen durch Maschinerie beweglich. Die Figuren und Häuser sind meist im modernen Styl gehalten und den bekannten Spielwaarenfabriken des oberen Gebirges entnommen, aber mitunter findet man auch wahre Kunstwerke. Immer aber giebt dies Alles der Feier des Weihnachtsfestes im Obergebirge einen eigenthümlichen Reiz und erhöht die gemüthlichen Freuden des Familienkreises.
582. Zu einem rechten Weihnachtsfest gehört auch der brennende Leuchter. Fast in allen Familien nämlich wird ein Kronleuchter an der Decke aufgehängt. In den wohlhabenderen Familien ist derselbe oft sehr kostbar und geschmackvoll von Metall- oder Holzbronce, von geschliffenem Glas oder dergleichen, oft auch künstlich geschnitzt; so sahen wir z. B. einen mit zwölf Armen, deren jeder die buntgemalte Statuette eines Apostels trug, in der Mitte stand in gleicher Ausführung Christus. — 583. Vielfach sieht man statt des Kronleuchters, namentlich in den mittleren und unteren Ständen, einen aus Holz geschnitzten, mittelgroßen, buntbemalten Engel an der Decke schweben. Derselbe trägt an Drähten, welche in dem Holzleib befestigt sind, vergoldete Früchte (meist kleine, mit Rauschgold überzogene Holzkugeln), sowie Lichterteller oder Oellämpchen.
584. Die gemüthvolle Auffassung des Weihnachtsfestes seitens des Gebirgers ist auch der Grund, daß bei ihm die sogenannten Weihnachtsspiele, dramatische Darstellungen der Begebenheiten bei der Geburt des Heilandes, in der „Engelschaar“ und dem „Dreikönigsspiel“ bestehend, bis 1847 wenigstens vereinzelt sich erhalten hatten. Zum Weihnachtsfeste 1861 sind sie, namentlich auf Veranlassung des von dem Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften in Zwickau herausgegebenen Buches von dem Gymnasiallehrer Gustav Mosen: „Die Weihnachtsspiele im sächsischen Erzgebirge (Zwickau 1861)“ in Kranzahl und Neudorf bei Annaberg erneuert worden. Vgl. § 99.
§ 51. 3. Sylvester und Neujahr. Der Schluß des alten und der Beginn des neuen Jahres bietet im Obergebirge nicht mehr und nicht weniger Charakteristisches als anderwärts. Wir begnügen uns mit folgenden Anführungen.
585. Am Sylvester wird Nachmittags 5 Uhr in Annaberg und einigen anderen Städten Gottesdienst gehalten (vgl. 36, 37 u. 568). — In Schneeberg wird Nachts 12 Uhr mit allen Glocken gelauten. Auch ist hie und da gebräuchlich, daß vom Thurme geblasen, auf dem Markte gesungen, von den benachbarten Bergen geschossen wird und dergl.
586. Das Glückwünschen zum Neujahr ist noch sehr in Gebrauch. Zunächst im Kreise der Familie; die Kinder überreichen ihren Eltern geschriebene Neujahrwünsche. Durch Freundschaft oder Amt Verbundene machen sich Neujahrsbesuche oder schicken Gratulationskarten und dergl. (vgl. 680). — 587. Die Stadtmusici und die Kurrendaner halten ihren Umgang in Annaberg, Schneeberg und anderwärts. — 588. Früher (bis 1834) hielten in Annaberg außer diesen noch folgende ihren Neujahrsumgang: der Kantor, der Kirchner, der Rathsdiener, der Marktmeister, der Gerichtsdiener, der Beifrohn, der Bettelvoigt, der Röhrmeister, die Wasserleute, der Nachtwächter und der Schornsteinfeger; zusammen elf Personen.
§ 52. 4. Epiphanias. Das Hoheneujahr (vgl. 325 u. § 5) bringt anstatt der Weihnachtsstollen Bretzeln und Pfannkuchen.
589. Von Hohneujahr (früher von Fastnacht) bis Gründonnerstag werden Bretzeln gebacken. Das Backen derselben hatte bis Ende 1861 Ein bestimmter Bäcker (seit Anfang 1862, mit Eintreten der Gewerbefreiheit, ist auch das Bretzelbacken freigegeben). Die Herumträger (die vom Thaler verkaufter Waare 3 Neugroschen erhalten) machen die Leute durch das Schnarren der sogenannten Bretzelschnarren auf das Kaufen aufmerksam. In Annaberg sind seit Neujahr 1859 statt dieser unangenehm tönenden Instrumente sogenannte Papagenopfeifen eingeführt. Zu Fastnacht (vgl. § 8 b) und Gründonnerstag verkleiden sich die „Bretzeljungen.“ Auch das Backen der Pfannkuchen beginnt am Tage der drei Könige; Palmsonntag ist gebräuchlich damit abzuschließen.
§ 53. 5. Fastnacht und Aschermittwoch. Fastnacht wird, wenn auch nicht kirchlich, doch durch das sogenannte Fastenbeten, durch Aussetzen der Schulen, durch Bälle und andere Lustbarkeiten ausgezeichnet. Hier und an Aschermittwoch ist vielfacher Schabernak gebräuchlich, vgl. § 7–9.
590. Fastenbeten. An vielen Orten ist es Sitte, daß gewöhnlich am Fastnachtsdienstag die Schulkinder der obern Klasse, sowie die erwachsene Jugend bis zum 18. oder 20. Jahre in der Kirche oder in der Schule sich versammeln, woselbst der Geistliche eine Katechese hält und einen vorher aufgegebenen Psalmen und Gesangbuchslied überhört. — Nach dieser Feier, der auch Eltern und andere Gemeindeglieder beiwohnen, werden die Kinder mit Bretzeln beschenkt.[1]
591. Aus dem Besuche der Schenke seitens der Bauern zu Fastnacht (vgl. 83) hat sich die Sitte entwickelt, daß auch die, welche mit der Landwirthschaft nichts zu thun haben, nicht gern leer ausgehen. Daher geben auch Fabrikherren ihren Arbeitern Geld, damit sie sich einen vergnügten Tag machen. Es wird getanzt, gespielt, Bier und Branntwein getrunken (Geiersdorf). — 592. Man hat sich zum Besten; der Gefoppte heißt der „Fastnachtsnarr“, vgl. 63 u. 616.
593. Aschermittwoch gehen die Knaben und junge Bursche früh in die Kammern und beschütten die Schlafenden mit Asche oder auch mit Wasser (Marienberg).
594. Das Aschtopftragen, ebenfalls ein Schabernak der jungen Leute, ist gebräuchlich: ein alter Topf mit Asche, Topfscherben und anderen Unrath gefüllt, wird fest zugebunden und damit schleicht sich ein Einzelner an ein Haus. In dem Augenblicke, wo Niemand in der Hausflur ist, schleudert er den Topf an die Stubenthüre oder wagt sich wohl in das Haus und wirft ihn durch die geöffnete Thüre in die Stube. Schleunigst muß er nun sein Heil in der Flucht suchen, denn alle Hausbewohner jagen dem Thäter alsbald nach. Wird er erwischt, so bekommt er tüchtige Prügel oder man setzt ihn in den nächsten Wassertrog, wenn er sich nicht mit einer Quantität Schnaps löst. Entkommt er, ist aber erkannt worden, so sucht man ihm denselben Possen zu spielen (Geier, Frohnau, Sehma, Raschau), vgl. 647. — 595. Oder: Man setzt einen großen Topf mit Wasser leise an die Stubenthür, so daß, wenn letztere geöffnet wird, der Topf umfällt und die Fluth sich in die Hausflur ergießt (Raschau).
596. Auch ist es Sitte, Aschensäckchen zu machen und den Vorübergehenden auf den Rücken zu streuen (Marienberg). — 597. Oefters gehen Kinder oder Kuhhirten, von den Knechten oder Bauern selbst geschickt, zu den Nachbarn, um noch einmal „Spieß einzurecken“ (vgl. 66). Hier aber werden sie mit einem Topf Wasser, der oft mit Asche schmutzig gemacht worden ist, beschüttet und mit Schimpf und Schande müssen die zum Narren gehabten abziehen (Dittersdorf).
§ 54. 6. Ostern. Das obere Voigtland hat einen alten, eigenthümlichen, an die Ostereier (vgl. § 10 b) sich anschließenden Gebrauch, das „Eierhärten.“
598. Schon vier Wochen vor Ostern sehen sich die Bub’n nach harten Eiern um und bezahlen ein solches, das eine recht feste, starke Schale hat, mit einem Neugroschen und noch theurer. Erscheint nun Ostern, so versammelt sich die ganze Jugend auf dem Markte und das Härten beginnt. Ehe jedoch der Eine mit dem Andern härtet, nimmt er das Ei des Gegners und pocht damit gegen die Zähne, indem er dabei mit der einen Hand das Ohr zuhält, um die Stärke der Schale zu prüfen. Glaubt er nun, sein Ei sei härter, so härtet er mit dem Gegner entweder „auf Rück’ und Spitz’“ oder blos „auf Rück’ oder Spitz’“ (d. h. sie schlagen entweder sowohl mit der Spitze als mit der unteren Seite der Eier oder nur mit der oberen und unteren Spitze zusammen). Der, dessen Ei zerbricht, hat verloren. Zuweilen kommt es vor, daß Einzelne mit Pech ausgegossene Eier haben. Wird es entdeckt, so werden ihnen unter allgemeinem Jubel schlechte Eier auf den Rücken geworfen und sie mit großem Hallo vom Platze getrieben. — In neuerer Zeit hat dieses Eierhärten sehr abgenommen, weil die Polizei nicht duldet, daß am 1. und 2. Osterfeiertag solch ein Lärm auf einem öffentlichen Platze gemacht werde (Markneukirchen).
§ 55. 7. Trinitatisfest (Pfingsten, s. § 13). Das Trinitatisfest wird in Annaberg und Buchholz als Todtenfest, ähnlich wie anderwärts das Johannisfest, gefeiert.
599. Die Hospitalkirche oder Gottesackerkirche zu Annaberg ist im Jahre 1517 der heiligen Dreieinigkeit geweiht worden und daher feiert am Trinitatisfest das Hospital seine Kirchweih. An diesem Tag war daher bis zur Einführung der Reformation der Gottesacker, in Folge einer Bulle Papst Leo X., ein vielbesuchter Wallfahrtsort, woran sich eine Art Jahrmarkt anschloß. Letzterer hat sich auch nach der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen (1539) erhalten. Es werden Buden auf dem Platze neben dem Gottesacker erbaut, in denen Eßwaaren, namentlich die sogenannten Fesselkuchen, eine Art Pfefferkuchen, verkauft werden. Auch Schaubuden befinden sich daselbst. — Die Gräber werden zu diesem Tage von den Angehörigen geschmückt und Mittag 12 Uhr die sogenannte Gottesackerpredigt gehalten. Es herrscht daher an diesen Tagen (mit Einschluß des Montags) ein reges Leben auf und um den Friedhof Annabergs. Näheres hierüber in dem Buche: „Der Gottesacker zu Annaberg“ (Annaberg 1860), S. 128 ff. Vgl. auch: Des Annaberger Naturdichters Gottlieb Grund Gedicht in erzgebirgischer Mundart: „das Trinitatisfest zu Annaberg“ in dessen vermischten Gedichten (Annaberg 1816), S. 194 ff. — 600. In Buchholz wird das Trinitatisfest ebenfalls mit Schmückung der Gräber und mit Predigt in der dasigen Gottesackerkirche begangen.
§ 56. 8. Das Reformationsfest. Das Reformationsfest, am 31. October, wird im ganzen Obergebirge mit großer, allgemeiner Betheiligung, namentlich durch zahlreichen Besuch der Kirche, gefeiert.
601. In Annaberg durchziehen am Vorabend des Festes, 6 Uhr, die Zöglinge des Seminars die Hauptstraßen der Stadt unter dem Gesang des Liedes: „Ein’ feste Burg ist unser Gott.“ — 602. In Johanngeorgenstadt wird Nachts 12 Uhr die Melodie dieses Schutz- und Trutzliedes der evangelischen Kirche vom Thurme geblasen. — 603. In Zwickau halten die Gymnasiasten einen solennen Fackelzug. — 604. Die Bäcker fast in allen Städten des Obergebirges backen sogenannte „Reformationsbrodchen.“
§ 57. 9. Martini. Des Martinstages, des 11. Novembers, wird wenigstens bezüglich leiblicher Genüsse auch im Gebirge gedacht (vgl. § 15 d).
605. Zu Martini, auch „Märtens“ genannt, wird gewöhnlich eine Gans, die „Martinsgans“ geschlachtet. Dieselbe ist von der Familie an diesem Tage ganz aufzuessen (Annaberg). — 606. Es werden die sogenannten „Martinshörner“ gebacken, welche hufeisenartige Gestalt haben und in allen Größen zu bekommen sind (allg.). In Marienberg bäckt man statt dessen sogenannte „Winterzecken“. — 607. Die Familienglieder beschenken einander mit solchen Hörnchen (Dittersdorf). — 608. Dem Lehrer an Elementarklassen wird von seinen Schülern ein großes Martinshorn, oft auch unter Hinzufügung anderer Gaben bescheert (Lößnitz, Zwickau, Plauen), vgl. 612.
§ 58. 10. Andreas. Der Tag des heiligen Andreas (30. November) wird hie und da durch weltliche Vergnügungen ausgezeichnet (vgl. § 16).
609. Die Gesellen bekommen Abends ein Essen oder es wird ihnen eine sonstige Lustbarkeit bereitet (Geier).
§ 59. 11. Nikolaus. Der heilige Nikolaus (6. Dezember), gewöhnlich „Nikels“ genannt, ist sehr populär, namentlich im östlichen Obergebirge.
610. Man bäckt in verschiedener Größe, Güte und Preis (von drei Pfennigen bis ein Thaler und darüber das Stück) sogenannte „Nikelszöpfe“, ein zopfartig gewundenes Gebäck, das nach unten sich zuspitzt (allg.). — 611. Die Kinder werden namentlich mit solchen Zöpfen beglückt. — 612. Die Schulkinder sammeln Geld und kaufen dafür einen großen Niklaszopf nebst einigen anderen Kleinigkeiten, die sie dem Lehrer in der Schule bescheeren. Gewöhnlich werden auch seine Kinder dabei bedacht. Oder das Geschenk wird gegen Abend dem Lehrer in seine Wohnung getragen, wo dann der Lehrer die Schenkenden durch Erzählen kleiner Geschichten, durch angestellte Spiele u. s. w. erfreut (Annaberg), vgl. 608. — 613. Mit dem auf Nikolaus folgenden Sonnabend beginnt in Annaberg der Christmarkt. Daher erfolgt oft schon an diesem Tage eine kleine Vorbescheerung, der Ruprecht (vgl. § 48) fängt an sich einzustellen und Haus und Familie beginnen die Zurüstungen auf das Weihnachtsfest.
II. Feste des bürgerlichen Jahres.
§ 60. 1. Feste und Vergnügungen der unerwachsenen Jugend. Jede Jahreszeit bringt der Kinderwelt bis zu ihrem Austritt aus der Schule und darüber hinaus besondere Vergnügungen, die nach der verschiedenen Gegend ihr Charakteristisches haben und weil sie den Gesichtskreis des heranwachsenden Geschlechtes mit bedingen helfen, nicht ohne kulturhistorische Bedeutung sind.
a. Der Winter: 614. Das hauptsächlichste Wintervergnügen ist das sogenannte „Ruscheln“, d. h. Herabfahren von Anhöhen auf kleinen Schlitten. Es wird mit seltener Ausdauer und Kühnheit schon von vierjährigen Knaben und Mädchen getrieben und hat selbst unter den Erwachsenen entschiedene Anhänger. Allerdings wird es auch durch die bergige Gegend wesentlich begünstigt. — 615. Daß daneben das sogenannte „Zschinnern“, Schlittschuhfahren, Schneebataillen und Anderes nicht fehlen, ist selbstverständlich.
b. Frühling. 616. Am 1. April hat man sich gegenseitig zum Besten. Wer sich anführen läßt, wird „Aprilnarr“ genannt (allg.), vgl. 592. — 617. Sobald die ersten Frühlingsblumen zum Vorschein kommen, wandern die Kinder hinaus in Wald und Flur, um Blumensträuße zu pflücken; namentlich haben die Himmelschlüssel (primula veris) zahlreiche Freunde. — 618. Die erwachsenen Knaben betheiligen sich bei dem Viehaustreiben, das gewöhnlich am ersten Mai (vgl. § 12 c) seinen Anfang nimmt. Die Hirten entwickeln ein gemüthliches Naturleben: Eine Hauptunterhaltung ist das Knallen mit ihren großen Peitschen, worin jeder den anderen zu übertreffen sucht. Oder sie rufen sich gegenseitig von entfernten Höhen mit lauter Stimme zu: „I nu aha, welle Zeit is deh? aha!“ Die Gegenantwort lautet: „Uem die gestrige Zeit“ (Geiersdorf), vgl. 642. — 619. Das Anschlagen, ein Kinderspiel, das etwa seit 1840 aufgekommen ist, wird gespielt, sobald die Straßen vom Winterschnee trocken sind. Man wirft einen Spielpfennig mit der Breitseite an eine Häuserwand und sucht dadurch denselben möglichst weit abzuprellen. Wessen Pfennig am weitesten fällt, hat gewonnen. — 620. Wenn die Frühlingswinde wehen, lassen die Knaben Drachen steigen, ein Vergnügen, das etwa seit 1810 auf unseren Bergen heimisch geworden ist. — 621. Aelter ist das Schießen mit sogenannten Himmelsbolzen. Ein solcher Bolzen ist ein von weichem Holz geschnitzter Pfeil, etwa eine halbe Elle lang, in der Mitte mit einer Kerbe. Dazu gehört ein biegsames Stäbchen mit einer Schnur, an deren Spitze ein kleines Hölzchen befestigt ist. Letzteres legt man in die Kerbe, nimmt den Pfeil mit der Spitze zwischen Daumen und Zeigenfinger der linken Hand und schnellt ihn nun mittelst des peitschenartigen Stäbchens durch die rechte Hand in die Höhe. — 622. Auch das Stelzenlaufen ist sehr gebräuchlich und wird mit großer Virtuosität betrieben.
c. Sommer: Im Zusammenhange mit den zuletzt erwähnten Unterhaltungen des Knabenalters schließen wir eine kurze Uebersicht der gebräuchlichsten Spiele der Sommerzeit an, insofern sie etwas Charakteristisches an sich tragen:
§ 61. aa. Spiele der Knaben dieses Jahrhunderts in Annaberg waren: 623. Das „Hödern.“ Die Spielenden bilden einen Kreis. Einer zählt aus und wen das letzte Wort trifft, muß „hödern,“ d. h. Einen aus der Zahl der Mitspielenden, die alsbald nach allen Seiten aus einander stieben, zu fangen suchen. — 624. Das Spittelschlagen. Jeder Spielende hat ein ohngefähr eine Elle langes, an der einen Seite zugespitztes Holz von der Stärke einer Bohnenstange. Dieser Spittel (wohl Deminutiv von Spaten?) wird von einem der Spielenden mit wuchtender Hand fest in den Boden eingehauen. Ein anderer sucht nun, indem er einen Stab dicht neben dem des ersten einschlagen läßt, diesen herauszuschlagen und so fort die übrigen Spieler. Wer den Spittel des anderen herausschlägt, ist Sieger. — 625. Das Schweinchenschlagen (vgl. 635). Jeder Mitspieler, bewaffnet mit einem kurzen Stock, macht vor seinem Platze ein kleines, rundes Loch in die Erde. In der Mitte des Kreises, den man gebildet, liegt ein rundlicher Stein oder eine kleine Kugel. Diese beginnt man nun mit den Stöcken zutreiben. Wer sie also schlägt, daß sie in eines der Löcher rollt, empfängt von dem Betroffenen einen Gewinn. — 626. Außerdem übte man seinen Muth, seine Kraft und List in großen Schlachten, die man sich auf und an den alten Berghalden lieferte und wo es mitunter nicht ohne blutige Köpfe ablief.
§ 62. bb. Knabenspiele der Gegenwart (gesammelt 1858): 627. Räuber und Schütz. Eine Partei macht die Räuber, die sich verstecken. Auf ein von diesen gegebenes Zeichen bricht die andere Rotte, die Schützen, auf, um dieselben zu suchen und zu greifen. — 628. Fuchs in’s Loch: Einer der Gesellschaft ist Fuchs, der seinen Bau (Loch) an einem bestimmten Platze (einem Baume, Steine etc.) hat. Die Uebrigen umkreisen denselben neckend und der Fuchs sucht einen derselben mit seinem Plumpsack zu schlagen, muß aber dabei, sobald er über das ihm angewiesene beschränkte Revier hinausgeht, auf Einem Beine hüpfen. Gelingt es ihm, einen Anderen zu treffen, so wird dieser an seiner Stelle Fuchs. — 629. Stando. Einer aus der Gesellschaft wirft einen Ball gegen eine Wand und ruft einen auf, der ihn fangen soll, während die Anderen die Flucht ergreifen. Sobald letzterer den Ball gefangen, ruft er: „stando!“ bei welchem Wort Jeder auf seinem Platze stehen bleibt. Der Ballinhaber wirft nun nach Einem, trifft er ihn, so übernimmt dieser das Ballwerfen, wo nicht, so erhält der Fehlwerfer von Jedem einen Schlag. — 630. Katze und Maus. Die Gesellschaft bildet einen Kreis. Eine Person, die Katze, ist außerhalb des Kreises, eine andere, die Maus, innerhalb desselben. Hierauf beginnt die Katze: „Mäuschen, Mäuschen, komm heraus!“ worauf die Maus erwiedert: „Ich komm’ dir doch nicht ’raus!“ Darauf die Katze: „Kratz’ ich dir die Augen ’raus!“ und die Maus: „Fahr ich zu mein’ Löchel ’naus.“ Die Katze sucht nun in den Kreis zu dringen; gelingt ihr dieses, so muß die Maus heraus gelassen und die Katze zurückgehalten werden. Erhascht die Katze die Maus, so werden zwei andere zu diesen Rollen gewählt. — 631. Mauerbrechen. Die Gesellschaft bildet zwei Abtheilungen, die mit den Händen fest zusammenhalten. Von der einen Partei wird Einer gewählt, der die andere Reihe zu durchbrechen sucht, kommt er bei dreimaligem Anlauf nicht hindurch, so muß er „Spießruthen laufen“. — 632. Schlange. Die ganze Gesellschaft bildet durch Handreichen eine lange Reihe. Der erste beginnt nun in verschiedenen Wendungen zu laufen und ihm nach müssen die Anderen, sich fest an den Händen haltend, in derselben Richtung ziehen. — 633. Krimmer (d. i. Habicht). Man zählt aus und der Getroffene ist der Krimmer. Dieser sucht die Anderen, die sich zerstreuen und ihn mit dem Verschen necken: „Krimmerle, Krimmerle, geck, geck, Schneit mer meine Haare weg,“ mit seinem Plumpsack zu treffen und dadurch zu seinen Gefangenen und Mithelfern zu machen. Das Spiel dauert so lange, bis Alle in die Gewalt des Krimmers gekommen sind — 634. Anbrennen. Man zählt aus. Der Zurückgebliebene stellt sich mit zugehaltenen Augen an einen Baum und zählt laut bis zu einer bestimmten Zahl. Unterdeß verstecken sich die übrigen. Nun sucht er. Entfernt er sich jedoch zu weit vom Baume, so springt ein Mitspieler schnell aus seinem Versteck hervor und eilt dem Baume zu. Der Häscher rennt auch dahin. Kommt jener eher, so befreit er sich vom weiteren Mitspielen, indem er dreimal an den Baum pocht und ruft: „eins, zwei, drei erlöst“. Kommt jedoch der Haschende zuerst an den Baum, und pocht dreimal an den Baum mit den Worten: „N. N. eins, zwei, drei angebrannt“, so wird der Andere dadurch sein Gefangener. Sind alle wieder versammelt, so wird der zuerst Angebrannte jetzt der Anbrennende. — 635. Sautreiben (vgl. 625). Die Zahl der Spielenden darf nicht zu groß sein. Es sind z. B. sechs, so gräbt man in einem Kreis fünf kleine Löcher und in die Mitte ein größeres. Jeder Spieler ist mit einem kurzen Stock bewaffnet, und außerdem braucht man noch die sogenannte Sau, ein Stück Holz oder sonst einen Körper, der sich leicht fortschlagen läßt. Nun stellt man sich an, indem die sechs Spielenden mit ihren Knitteln die „Sau“, die abseits an der Erde liegt, halten. Einer zählt: „eins, zwei, drei.“ Bei drei eilen alle den Erdlöchern zu, um die kleinern zu besetzen. Der dem dies nicht gelingt, ist der „Sautreiber“, oder „Saumelker.“ Dieser sucht nun die Sau in das große Loch in der Mitte hineinzubringen, was aber die andern zu verhindern streben, indem sie dieselbe mit den Knütteln fortschlagen. Dabei aber müssen sie dem Sautreiber gegenüber stets ihre Stöcke in das von ihnen besetzte Erdloch halten, denn gelingt es jenem in ein leerstehendes seinen Stab zu stoßen, so kommt der Hinausgetriebene an seine Stelle. Ebenso ist er erlöst, wenn die Sau in das große Loch gelangt, wo dann das Spiel von neuem beginnt. Vgl. 619–622 und Vogelsang, Turnlehrer in Annaberg, Leitfaden beim Unterrichte im Turnen, 2. Aufl. Annaberg 1862, S. 88 ff.
§ 63. Das Hauptfest in Annaberg für alle schulpflichtigen Kinder ist das Schulfest, das die ganze Stadt in freudige Aufregung setzt. Ehe wir aber zur näheren Beschreibung desselben übergehen, wollen wir des früheren Schulfestes, des Gregoriusfestes, gedenken, welches bis zum Jahre 1824 die in Annaberg damals bestehende „lateinische Schule“ feierte.
636. Das Gregoriusfest des Lyceums: Dasselbe begann am Montag nach dem Sonntag Rogate und dauerte bis Mittwoch vor Himmelfahrt. Schon vier bis fünf Wochen vorher begann das Ueben der Trommler und Pfeifer. Jene bestanden aus Primanern, diese aus Sekundanern. Nach vier Uhr, wenn die Schulstunden zu Ende waren, mußten die „Serviteure“, d. h. die unteren Alumnen, die Trommeln vor das Thor tragen. Von den unteren Klassen schlossen sich mehrere freiwillig an. Draußen fanden sich dann auch die Schüler der oberen Klassen dazu und übten sich nun tüchtig auf der Trommel und der Pikelpfeife. Dies war schon ein Vorgeschmack von den Freuden des eigentlichen Festes. Dieses selbst wurde am Montag, früh 3 Uhr mit Reveille eröffnet, wobei die Trommler und Pfeifer, sämmtlich kostümirt in rothen Collets mit blauen Aufschlägen, abwechselnd aufspielten. Um 6 Uhr wurde Appell geschlagen und nun strömte Alles herbei, was zur Schule gehörte. Alle Schüler, vom obersten bis zum untersten, waren verkleidet: da gab es Husaren, Dragoner, Schäfer, Köche, Jäger u. s. w., besonders viele Harlekine mit Pritschen. Von den höheren Klassen hatten sich mehrere beritten gemacht — wer nur irgend eine Mähre auftreiben konnte, entlehnte sie — und paradirten kostümirt und mit Seitengewehren verschiedener Art bewaffnet stolz zu Roß. Diese Reiterei zog nun abgesondert durch die Gassen der Stadt und machte auch Ausflüge nach Klein-Rückerswalde, Frohnau und Buchholz. Die Nichtberittenen dagegen begannen 7 Uhr ihren Umzug durch die Stadt. Voran ging die Schulfahne, dann folgte die Musik, bestehend aus Geigen und einer Baßgeige, die von Schülern des Sängerchors gespielt wurden, darnach kam das Lehrerkollegium und endlich die Schüler aller fünf Klassen. An der Seite schritten zwei Primaner mit Sparbüchsen, welche die Beiträge, die aus jedem Hause verabreicht wurden, einsammelten. Dieser Umzug dauerte bis 9 Uhr. Um 10 Uhr begann das Theater in dem zweiten Stockwerk des Rathhauses. Gewöhnlich kam ein deutsches Lustspiel zur Aufführung, mitunter auch eine deutsche Oper. Sämmtliche Spielende waren Primaner und Sekundaner, denen ausnahmsweise auch einzelne Tertianer beigegeben wurden. Die Spielenden waren natürlich entsprechend kostümirt und machten ihre Sachen nach Verhältniß recht gut. Nach Beendigung der Komödie begaben sich Alle zum Mittagsessen nach Hause und um 2 Uhr begann abermals ein Umzug durch die Stadt, der bis nach 5 Uhr dauerte. Zum Zapfenstreich ½8 Uhr fanden sich wieder alle Schüler, größtentheils in Mißgestalten verwandelt, mit scheußlichen Larven vor den Gesichtern, an der Schule ein. Da gab es Gespenster, Wechselbälge von allen Größen u. dergl., selbst Nichtschüler mischten sich unter die Masken. Die Primaner trommelten und spielten die Janitscharenmusik, zu der die Schule sämmtliche Instrumente besaß, die übrige Musik besorgten die Stadtmusici und so durchzog der Zapfenstreich die ganze Stadt bis in die kleinsten und abgelegensten Gassen. Bei den Wohnungen der Behörden und sonstiger Notabilitäten wurde Halt gemacht und ein kurzes Ständchen gebracht, wofür nicht selten eine Erfrischung in Bier verabreicht wurde. Nach 10 Uhr traf der Zug wieder an der Schule ein, worauf Alles nach Hause strömte. — Dienstag, der zweite Tag, verlief ähnlich wie der erste, früh 3 Uhr Reveille, dann um 6 Uhr Appell, dann der erste Umzug, hierauf wieder Aufführung eines zweiten Lustspieles im Rathhause und nach Tische der zweite Umzug. Letzterer sammelte sich gegen 4 Uhr auf dem Marktplatz unter Anschluß der Reiterei. Von dieser hatte Jeder auf seinen blankgezogenen Säbel eine Citrone gesteckt und so ritten sie mehrmals im Kreise auf dem Platze umher. Dann zogen Alle, die Reiterei voran, nach der Schule zurück, worauf man sich nach Hause begab, um sich ½8 Uhr zum Zapfenstreich einzufinden, der auch diesmal den Tag beschloß. — Mittwoch, als dem dritten Tag, war keine Reveille. Um 8 Uhr fand ein grotesker Aufzug statt, dessen Kostüm früh erst angeordnet und bekannt gemacht wurde. Ein Mal wurden lauter Mohren dargestellt und sämmtliche Schüler erschienen dann schwarz gefärbt, ein anderes Mal kamen andere Wilde zur Vorführung u. dergl. Unter Vortritt der Janitscharenmusik ging es nun durch die ganze Stadt; an beiden Seiten gingen Schüler mit Sparbüchsen, deren Einnahme, die aus allen Häusern gesammelt wurde, man zu dem am Abend zu veranstaltenden Balle verwendete. Kehrte der Zug gegen 12 Uhr von seiner Wanderung an die Schule zurück, so trat der Präfekt vor die Fenster des Rektors, der im Schulgebäude wohnte, und brachte dem Superintendenten, sämmtlichen Behörden, dem Rektor u. s. w. ein Lebehoch, welches von Allen dreimal wiederholt ward. Um 2 Uhr war Alles abermals auf dem Platze, die oberen Schüler in gewöhnlichem, anständigem Anzuge, die kleine Gesellschaft aber noch in ihrem Festkostüm. Es begann der Auszug nach einem vor dem Thore gelegenen öffentlichen Orte (das eine Jahr nach „Gensel’s Garten“, das andere nach dem Schießhaus) unter schallender Janitscharenmusik. Dort angekommen unterhielt sich Jeder auf seine Weise, die Schüler der oberen Klassen tranken Bier und rauchten Tabak aus Thonpfeifen, die der unteren hielten sich schadlos an Kuchen, den die Frau des Schulkalfaktors daselbst feilhielt. Gegen Abend wurden die drei unteren Klassen entlassen, Prima und Sekunda aber begaben sich in die Stadt, um die von den Eltern erbetenen Mädchen zum Balle abzuholen. Dieser dauerte gewöhnlich so lange, bis die Glocken zum Gottesdienst des Himmelfahrtfestes riefen. So endete das Fest. — Einige Tage später gab der Rektor dem ganzen Lehrerkollegium einen solennen Schmaus. Er konnte dieses um so eher, da ihm die Einnahme bei dem ersten Umzug, das Eintrittsgeld bei dem zweimaligen Theater und das sogenannte Rollengeld (jeder Schüler, der in einem Stücke auftrat, mußte diese Bevorzugung mit einem entsprechenden Betrage von 10 Neugroschen bis einen Thaler vergüten) zuflossen. Alle diese Gaben hingen zwar von dem Belieben des Einzelnen ab, fielen aber oft sehr reichlich aus. — 637. Ein früherer Lyceist, der vor drei Jahren (1859) hochgeachtet und hochbetagt starb, urtheilte über dieses Fest also: „Ich werde die drei so fröhlich verlebten Tage nie vergessen. Freilich würde dieses Fest jetzt bei dem höheren Bildungsgrade als abgeschmackt erscheinen, allein das damalige Publikum (um 1800) vertrug schon etwas und die tolle Lust der Jugend fand allgemeinen Beifall und Theilnahme. Die Spenden fielen reichlich aus und Jeder trug sein Scherflein bei. Das Wetter hat uns immer begünstigt. Auch kann ich mich nicht entsinnen, daß nur ein Mal ein Exceß dabei geschehen oder daß Jemand zu Schaden gekommen wäre.“
§ 64 (638). Das Schulfest der Bürgerschule. Dieses seit Errichtung einer Bürgerschule im Jahre 1835 gebräuchliche Fest hat der Natur der Sache nach einen ächt kindlichen Charakter, erfreut sich aber dessenohngeachtet oder vielmehr eben deshalb der entschiedenen Gunst des Publikums der Gegenwart. Es fällt auf keinen bestimmten Tag, sondern wird je nach Umständen, gewöhnlich an zwei ersten Wochentagen im Spätsommer abgehalten. Schon mehrere Tage vorher rüstet sich Alles darauf. Die Mütter sorgen für nette Kleidung namentlich der Mädchen; da wird genäht, gewaschen und geplättet, Kränze gewunden und allerlei Festschmuck, Fähnchen, Stäbe u. s. w., neu aufgeputzt. Draußen vor dem Thore, auf dem Schießhause und dem umgebenden Platze läßt man es auch nicht an Vorkehrungen fehlen. Es werden Buden aufgeschlagen, Schaukeln errichtet, „Reitschulen“ (Karoussels) aufgebaut u. dergl.; ganze Lager Bier werden hinausgeschafft und die Bäcker bereiten sich auf vermehrten Absatz vor. Am Tage vor dem Feste windet man Kränze und Guirlanden im Schulhause, womit man das Gebäude im Inneren und auswendig festtäglich anputzt. Ist endlich der erste Festtag angebrochen, so durchziehen vier Tamboure in der 7. Morgenstunde die Stadt, um den sehnsüchtig harrenden Kindern das Zeichen zum Sammeln zu geben. Alsbald strömen Schüler und Schülerinnen, diese meist mit Kränzen, die an einem Stab getragen werden, jene mit grün und weißen Fähnlein, in festlichem Schmuck fröhlich und lustig nach dem Schulgebäude. Zunächst sammeln sie sich in den verschiedenen Klassen und werden von da, geordnet von ihren Lehrern, auf den angrenzenden Neumarkt geführt. Hier stellt sich die gegen achtzehnhundert Köpfe betragende Kinderschaar, voran die unteren Abtheilungen, auf, und gegen 8 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Eröffnet wird derselbe durch den Primus der ersten Bürgerschulklasse, der als Zeichen seiner Würde einen Marschallsstab trägt und geleitet von seinen beiden Schulnachbarn langsam vorwärts schreitet. Hierauf folgt das erste Musikchor, das einen munteren Marsch aufspielt, und hinter demselben die Fahne der „Bürgerschule“, von einem Zögling derselben getragen. Diesem Kopfe des Zuges schließt sich der Cötus an und zwar zunächst die vier unteren Klassen der Bürgerschule. Jeder Klasse schreitet bei den Knaben der Träger der Klassenfahne, bei den Mädchen die Trägerin einer an einem Stab befestigten Lyra, voran. Etwa in der Mitte des Zuges läßt ein zweites Musikchor seine heiteren Klänge ertönen und nach diesem kommen drei Knaben, deren mittelster die Fahne der gesammten Bürgerschule (d. h. Bürgerschule und Selekta) trägt. Darnach folgen, an der Spitze ihre Fahne, die fünf Klassen der Selekta, sowie die drei oberen Klassen der Bürgerschule, von denen die erste Knabenklasse, bewaffnet mit Armbrüsten, den Schluß bildet. Zur Seite des langen Zuges, der ein lebendiges Wogen von Fähnlein und Kränzen, von weißen Kleidern und bunten Bänderschmuck darstellt, schreiten ordnend und helfend die Lehrer der Anstalt. Man zieht inmitten einer zahlreich sich drängenden Zuschauermenge, meist Väter und Mütter oder andere Verwandte der festlich geschmückten Kinder, vom Neumarkt hinunter nach dem Marktplatz, der mehrmals umwandert und dann von dem dreireihig gestellten Kinderkreis, in der Mitte die Musikchöre und das Lehrerkollegium, umschlossen wird. Hier stimmt man das Lied: „Den König segne Gott“ an und läßt einige Vivats ertönen; dann kehrt der Zug nach der Bürgerschule zurück, von wo man sich nach Hause begiebt. Nach eingenommenen Mittagsessen erfolgt um 1 Uhr der Auszug von der Bürgerschule aus nach dem Schießhausplatz, auf dessen weiter Fläche sich bald ein vielgestaltiges Leben entwickelt. Für die verschiedenen Wünsche der Kinder ist gesorgt. Mehrere Buden mit verschiedenen Eßwaaren, wie sie der Bäcker und Konditor, auch der Fleischer liefert, sind aufgestellt, allerlei Obst wird feilgeboten. Bier wird im Schießhause verabreicht. Für die einzelnen Klassen sind Spielplätze angeordnet: dort schießen die oberen Knaben einen Vogel ab, während hier die Mädchen mit einem gußeisernen Stoßvogel, der an einer Schnure schwebt, einem sogenannten Stechvogel, die Scheiben eines großen Sternes zu treffen suchen. Dort drehen sich lustig die Reitschulen mit fröhlichen Kindern übervoll besetzt, während hier eine Anzahl Schaukeln Andere lustig hin und her schwenken. Eine Walze, wo es gilt, das Gleichgewicht zu halten, damit man durch die Drehung derselben nicht herabfällt, ist hier der Mittelpunkt eines Kinderkreises, während dort Knaben oder Mädchen munter am Rundlauf sich herum schwenken. Hier sind an eine Stange eine Anzahl Gegenstände, Pfefferkuchen, Schreibbücher u. s. w. an lange Bindfäden geknüpft, wovon dem zu Theil wird, der mit verbundenen Augen den Faden glücklich findet, während dort auf langem in der Schwebe gehenden Balken zwei Parten sich jauchzend auf- und niedersteigen lassen. Dazu kommen noch die verschiedensten anderen Spiele, die im Freien gebräuchlich sind, Schlangeziehen, Haschen, „mein Knötchen geht ’rum“ u. dergl. Ueberall sind Lehrer oder Zöglinge der oberen Seminarklassen als Leiter und Mitspieler gegenwärtig, an Preisen und Gewinnen fehlt es auch nicht und wo das eine Spiel zu ermüden anfängt, ist bald ein Vorschlag zum Wechsel da und ausgeführt. Zwischen diesem regen Leben wandern die Eltern und andere Zuschauer auf und ab, bald hier bald dort stehen bleibend und ihre kleinen Lieblinge beobachtend, oder man lagert sich auf den weichen Grasplatz oder sucht in den für die Gäste aufgeschlagenen Zelten und Buden ein Sitzplätzchen und erquickt sich mit Kaffee oder Bier oder schaut hinaus in das wechselvolle Bild der sich belustigenden Jugend, oder horcht auf die Klänge des Koncerts, das das Stadtmusikchor unter dem Schatten der großen Linde ertönen läßt. Kurz Alles freut sich mit und an den Kindern und erquickt sich an der heitern, lebensfrohen und doch sittsam bescheidenen kleinen Welt. Nach 7 Uhr erschallen die Trommeln und geben das Zeichen zur Rückkehr in die Stadt; der Zug ordnet sich von neuem und kehrt unter den Klängen der Musik, unter Jubel und Jauchzen der Kinder, umdrängt von dichten Zuschauerschaaren zur Bürgerschule zurück, von wo man sich nach Hause begiebt. Am Morgen des zweiten Festtages nach 8 Uhr ziehen die Kinder abermals in der beschriebenen Weise auf den Schießanger, dort empfängt jedes einen „Butterstollen“ und nun beginnt Spiel und Lust von neuem. Mittag 1 Uhr vereinigt ein Festmahl die Lehrer sammt den Spitzen der Behörden und zahlreichen Freunden der Schule, das in der heitersten, geistig gemüthlichen Stimmung gewöhnlich bis nach drei Uhr sich ausdehnt. Der Nachmittag verläuft abermals im unermüdeten Genießen der gebotenen Spiele seitens der fröhlichen Kinderschaaren, im Schauen und Sichmitfreuen des wieder zahlreich versammelten Publikums, bis endlich der hereinbrechende Abend der Festlust ein Ende macht und der Einzug nach der Stadt die zwei frohen Tage schließt. Ein gemüthliches Tanzvergnügen vereinigt gewöhnlich noch Lehrer und deren Freunde bis in die späteren Nachtstunden, worauf ein schulfreier Tag Lehrenden und Lernenden die nöthige Ruhe gewährt und Herz und Sinne wieder in die gewohnten Gleise zurückkehren läßt.
639. Mit gleicher Betheiligung der Eltern an dem Freudenfest ihrer Kinder feiern auch die meisten anderen Städte und Dörfer des Gebirges ein Schulfest seitens der Volksschulen mit Umzug, Spielen im Freien und allerlei leiblichen Genüssen.
640. Außer den Spielen und deren Vereinigung im Schulfest ist während der zweiten Hälfte des Sommers ein Hauptvergnügen namentlich der ländlichen Jugend, das „in die Beeren gehen.“ Dort, wo noch größere Waldungen an die Ortschaften grenzen, ziehen Knaben und Mädchen in der Zeit, wo die Heidelbeeren, hier „Schwarzbeeren“ genannt, reifen, oft schon am frühen Morgen mit Tragkörben, in denen Töpfe und Krüge sich befinden, hinaus in den Wald, um Beeren zu sammeln. Am Abend kehren sie dann mit gefüllten Körben zurück. Außerdem werden fast täglich, wenn es die Witterung erlaubt, nach beendigten Schulstunden kleinere Streifzüge „in die Beere“ unternommen und für manche ärmere Familie sind diese eingetragenen Waldbeeren ein werther Zuschuß zu des Lebens Bedürfnissen (vgl. 865–870).
§ 65. d. Herbst. 641. So lange die Witterung es gestattet, dauert die Lust der Kinder im Freien fort. Spiele und Herumstreifen in Flur und Wald, sowie die Betheiligung bei dem Ernten des Getreides und der anderen Feldfrüchte, insbesondere der Kartoffeln, gelten der leicht befriedigten und nach Thätigkeit trachtenden Jugend als Feste. — 642. Das Hüten des Viehes ist bereits bei dem Frühling erwähnt: im Herbste erreicht es seinen Höhepunkt, denn nun sind mit Ausnahme der Kartoffel-, Kraut- und Rübenfelder die Fluren leer und es kann vom Michaelistag (29. September) an, wie die Hirten zu sagen pflegen: „über und über gehütet werden“, d. h. die Heerden dürfen auf die abgeernteten Felder, auf Wiesen u. s. w. auch anderer Besitzer getrieben werden, ohne daß diesen ein Verbietungsrecht zusteht. Es bleiben dann meist die Hirten vom Vormittag bis Abend ohne Unterbrechung auf dem Felde (vgl. 618 u. 871–875). Vgl. auch 781.
§ 66. 2. Feste und Vergnügungen der erwachsenen Jugend. Das Hauptvergnügen der erwachsenen Jugend ist auch im Gebirge der Tanz. Die verschiedenen Tänze der ländlichen Bevölkerung haben nichts Charakteristisches, es sind meist Rundtänze, nur mit etwas ungenirteren Manieren, tollerer Lust und geringerem Comfort als in der Stadt. Wir erwähnen außerdem noch zwei Gebräuche (von denen der zweite auch auf Bällen der gebildeteren Kreise vorkommt):
643. Die gewöhnlichen Tänze sind: Rutscher, Dreher, Walzer, Reiter, „Hopsel“, baierische Polka oder „Sackmütze“; Galopp, Schottisch, Tirolienne. Letztere drei haben erst in der neuesten Zeit auch bei der ländlichen Bevölkerung, d. h. bei der jüngeren Generation, Eingang gefunden.
644. Burkard: Mitunter machen die Tanzenden unter sich aus, daß die Jungfrauen die Rolle der jungen Burschen übernehmen, d. h. diese werden von jenen zum Tanz aufgefordert, sowie von ihnen mit Bier u. s. w. bewirthet. Man nennt dies „Borkert“ oder „Burkert“. Ob diese Benennung mit dem heiligen Burkhardus, dessen Gedächtnißtag der 14. Oktober ist, in Zusammenhang steht, wissen wir nicht. Auf den städtischen Bällen wird dieser Wechsel der Rollen als „Damenengagement“ bezeichnet.
645. Das Heimblasen: Ist das Tanzvergnügen zu Ende, so nimmt ein Bauernbursche seine Geliebte am Arm und geht mit ihr vor den Platz der Musikanten. Dort bestellt er, indem er ihnen den Rest seines Geldes reicht, das „Heimblasen.“ Das Paar geht nun voran und die Musici geben ihnen, einige lustige Märsche blasend, die weithin in die nächtliche Ruhe hinaustönen, eine Strecke das Geleite. Darauf kehren diese zur Schenke zurück, um abzuwarten, ob vielleicht ein anderes Paar denselben Dienst begehre.
§ 67. Reste der sogenannten Rockenabende finden sich noch hie und da auf dem Lande.
646. An Winterabenden kommen eine Anzahl Spinnerinnen oder Spitzenklöpplerinnen bei einer befreundeten Familie zusammen. Dabei wird nun weniger gesponnen oder geklöppelt, sondern geplaudert und erzählt. Die jungen Burschen stellen sich auch ein und geben der Unterhaltung die höhere Würze. Ein Gläschen Schnaps und einige „Schälchen feiner Kaffee“ (vgl. 876–878) erhöhen die heitere Stimmung. Man nennt derartige Zusammenkünfte die „lange Nacht“, oder, finden sie unter Klöpplerinnen zu der Zeit, wo diese aufhören bei Licht zu arbeiten, statt, sagt man wohl auch „’n Klöppelstock versaufen.“ — 647. Mancherlei Schabernak wird dabei getrieben und verschiedene Spiele verkürzen die Stunden der Nacht; z. B. eine Variation zu dem unter Fastnacht (vgl. 594) erwähnten Aschtopftragen. Die jungen Burschen gehen hinaus und beschließen einen bereit gehaltenen Topf den Mädchen zu überreichen. Einmal füllt man denselben mit Bretzeln, ein andermal mit Kaffee, oder mit Asche, mit Unrath u. s. f. Einer wird durch das Loos bestimmt, den Topf hineinzutragen. Vermögen ihn dabei die Mädchen fest zu halten, so wird er gebunden und zum Gelächter Aller im Dorfe herumgeführt (Wünschendorf b. Lengefeld).
§ 68. Bei dieser Gelegenheit führen wir einige Wettspiele an, wie sie von Klöpplerinnen häufig ausgeführt werden (vgl. Dr. Schubert, Oberlehrer an der Realschule zu Annaberg, „Barbara Uttmann und die Spitzenklöppelei im Erzgebirge“, Aufsatz in Weber’s Volkskalender für 1861).
648. Das „Haschen“ findet entweder zwischen einer Mutter und ihren Kindern, oder überhaupt zwischen einer geübteren und minder geübten Klöpplerin statt und besteht darin, daß z. B. die Mutter dem Kinde hundert, d. h. hundert gesteckte Nadeln vorgibt. Das Kind zählt nun nach der ersten gesteckten Nadel fort und sagt laut: 101, nach der zweiten Nadel 102 u. s. f., wogegen die Mutter nach der ersten gesteckten Nadel mit 1 anfängt, nach der zweiten Nadel 2 u. s. w. zählt. Beide zählen nun ihre gesteckten Nadeln für sich, aber laut fort. Hat nun die Mutter die ebensovielste Nadel gesteckt, wie sie das Kind fortgezählt hat, dann hat jene dieses eingeholt oder „gehascht.“ Je länger es dauert, bis sie dahin kommt, desto fleißiger und geschickter ist das Kind. — 649. Das „Zählen“ findet zwischen zwei Klöpplerinnen von gleicher Fertigkeit oder Gewandtheit statt. Nach der ersten gesteckten Nabel sagt die eine: „Bist mir eine“ (nämlich Nadel), und hat die zweite die erste Nadel gesteckt, dann antwortet sie: „Bin dir keine“ u. s. w. Angenommen, daß der einen ein Faden reißt oder sonst in der Arbeit eine Verzögerung eintritt, die andere aber dieselbe ununterbrochen fortsetzen, d. h. ihre Faden schlagen und die nach jedem Schlage nöthige Nadel fortstecken und der Andern voraus zählen kann, so überholt sie natürlich ihre Mitarbeiterin um ein großes Stück. Je weiter diese nun in ihrem Zählen: „bist mir zwei, bist mir drei“ u. s. w. vorschreitet, desto emsiger muß jene dann arbeiten, um diese Nadeln wieder herunter zu arbeiten und das Guthaben auszugleichen. An dem raschen Zählen kann man die Fertigkeit einer Klöpplerin bemessen. Wenn man hört, wie schnell das Zählen der Nadeln nacheinander folgt, und dabei erwägt, daß von den beiden Klöppeln jeder zu dem ganzen Schlag dreimal oder zum halben Schlage zweimal um seine Axe gedreht und dann die Kreuzung der gedrehten Faden erfolgen muß, bevor die Nadel gesteckt und die Masche gebildet werden kann, dann erstaunt man, wie alle diese Bewegungen in so kurzer Zeit erfolgen können. — 650. Bei dem „Wetten“ zwischen zwei oder mehreren Klöpplerinnen bestimmen sie sich gegenseitig die innerhalb einer gewissen Zeit, gewöhnlich einer halben bis einer ganzen Stunde, zu fertigende Arbeit. Wer mit seiner Arbeit zuerst fertig ist, erhält von jeder der übrigen Klöpplerinnen eine Stecknadel als Gewinn. — 651. So einfach diese Mittel scheinen mögen, so tragen sie doch nicht wenig dazu bei, den Fleiß zu steigern, die Fertigkeit zu vergrößern, die Leistungen zu erhöhen und den so geringen Verdienst der Klöpplerinnen wenigstens relativ zu vermehren.
§ 69. Von Handwerksgebräuchen der Gesellen sind uns folgende zwei mitgetheilt worden, die bis in dieses Jahrhundert in Annaberg stattfanden.
652. Der Umzug der Posamentirgesellen: Am dritten Pfingstfeiertag Nachmittags hielten die Posamentirgesellen einen solennen Umzug mit Musik, welcher mit Trompetenfanfaren, die vom Thurme geblasen wurden, abwechselte. Den Zug eröffneten zwei Harlekine in aus lauter bunten Tuchflecken zusammengestückten Anzügen, dazu spitzen Hüten, unter denen bemalte Gesichter schmunzelten, in der Hand die Pritsche. Dann folgten die übrigen Gesellen, welche die Insignien des Posamentirhandwerks und hohe zinnerne Trinkkannen trugen. So bewegte sich der Zug durch die Stadt nach der Herberge. Vor derselben bestieg einer der Harlekine einen hölzernen Stuhl und brachte eine Anzahl Gesundheiten aus. Hierauf zog man in die Herberge ein und verbrachte diesen und den folgenden Tag unter Tanz und anderen, namentlich in Verkleiden bestehenden Belustigungen. — 653. Das Deponiren: Sämmtliche im Laufe eines Jahres zu Gesellen gewordenen Lehrlinge mußten sich an einem bestimmten Tage auf der Herberge einfinden, woselbst schon die früheren Gesellen vereinigt waren. Jeder Novize mußte sich auf einen Stuhl setzen. Zuerst bekam er hier von dem Altgesellen eine Ohrfeige. Dann trat ein anderer Geselle, der als Zimmermann gekleidet war, vor und bearbeitete den Neuling mit einer hölzernen Axt, um, wie man sagte, die anhängenden Spähne abzuhauen. Ein Anderer seifte ihn hierauf ein und barbierte ihn mit einem hölzernen Messer; es folgten dann noch gegen zehn solcher grober Manipulationen, die sämmtlich mit bezüglichen, dazu gesprochenen stehenden Versen begleitet waren. Hatte der arme Bursche endlich Alles geduldig über sich ergehen lassen, so galt er nun als richtiger Geselle. Den Abend beschloß ein fröhliches Trinkgelag. Vgl. 659.
§ 70. 3. Die Feste und Vergnügungen der Erwachsenen. Die Bevölkerung des Obergebirges läßt sich, insofern durch Stand und Beruf gewisse charakteristische Züge bedingt sind, in drei Hauptgruppen zerlegen, den Bürger in der Stadt, dem die Gewerbtreibenden auf dem Lande in Sitte und Gewohnheit mehr oder weniger ähneln, den Bergmann und den Landmann. Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß diese Unterschiede vielfach in einander übergehen und sich vermischen. Vgl. Sigismund, „Schilderungen vom Erzgebirge“, Briefe in der wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung, 1858, 1859; mit geringen Aenderungen wieder abgedruckt in Lorck’s Eisenbahnbüchern unter dem Titel: „Lebensbilder vom Sächsischen Erzgebirge“, Leipzig, 1859, und (Oehme, Stadtrath in Annaberg), „ein Bild für das Niederland von dem östlichen Obergebirge“ (1858), S. 39 ff.
§ 71. a. Der Bürger in der Stadt. Die gewöhnliche Erholung des Bürgers ist der Besuch des Bierhauses. Entweder begiebt er sich nach einem der vielen öffentlichen Schanklokale der Stadt oder deren nächsten Umgebung oder er besucht denjenigen seiner Mitbürger, der den Reihschank hat. Letzterer ist eine eigenthümliche Einrichtung, die sich in mehreren Städten und Städtchen des Obergebirges (z. B. Annaberg, Buchholz, Marienberg u. s. w.) bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
654. Alle innerhalb der Ringmauern gelegenen Häuser haben die Gerechtigkeit, Bier zu brauen und zu verschänken. Von dieser Gerechtigkeit kann natürlich nicht gleichzeitig, sondern nur nach einander Gebrauch gemacht werden. Die Reihenfolge wird durch das Loos bestimmt. Wer nun sein Loos nicht verkauft, sondern sein Gebräude, das für ihn dann in dem kommunlichen Brauhaus gebraut wird, selbst ausschänken will, der verwandelt, wenn die Reihe ihn trifft, seine Wohnung in ein Schanklokal. Die Fässer werden in den Keller gebracht, er empfängt, sobald sein Vorgänger ausgeschenkt hat, die erforderliche Anzahl Biergläser sowie die zinnernen Maßkannen durch die Braudeputation, das Bierzeichen („das Bierreiß“) wird zum Dachfenster herausgesteckt und der Bierschank „aufgethan“. Namentlich die Freunde, Nachbarn, alle, die mit dem Wirth in geschäftlichen oder anderen Beziehungen stehen, sowie Fremde, kommen nun zu Biere wie in eine öffentliche Wirthschaft. Frugales Essen („kalte Speise“) ist ebenfalls, natürlich Alles gegen baare Bezahlung, zu haben. Auch ist der Verkauf über die Gasse gestattet. Je schneller das Bier abgeht, desto lieber ist es dem Inhaber. Er hat dann in Kurzem den gehofften Nutzen und kann zu seiner gewohnten häuslichen Ordnung wieder zurückkehren. Am letzten Tage wird „den Gästen der Zapfen gegeben“, d. h. sie werden mit Brod, Wurst und Häring traktirt. — Im Falle, daß das bedungene und übernommene Bierquantum nicht binnen 24 Tagen verschenkt ist, so nimmt das Haus, was durch die Loosung als das nächstfolgende bestimmt ist, das „Reiß“, jedoch darf der frühere Wirth seinen Vorrath noch selbst verschenken.
§ 72. Eine andere Erholung des Bürgerstandes während der schönen Jahreszeit ist das Schießen mit Büchsen nach der Scheibe oder mit der Armbrust nach dem Vogel. Zu diesem Behufe bestehen in den Städten des Obergebirges, wie überall in ganz Deutschland, Schützengesellschaften, deren Gründung, was unsere Gegend anbelangt, meist im 16. Jahrhundert geschehen ist, als der Zeit, wo die Mehrzahl der Städte des Obergebirges in Folge der fündig gewordenen Silberadern ihren Anfang genommen haben. Wir führen zur Charakteristik einiges über die zu Annaberg bestehenden beiden Schützengesellschaften, die Büchsenschützen und die Armbrustschützen, an.
655. Die Gesellschaft der Freischützen oder Büchsenschützen hat ihren ersten Auszug im Jahre 1507 gehalten. Ihre Dienstleistungen bestanden darin, daß sie, abgesehen von den Schießübungen, bei Jahrmärkten, Feuers-, Kriegs- und anderen Gefahren die nöthigen Wachen gegen Vergütung verrichtete, nicht minder zu Visitationen, Exekutionen und als Eskorte, sowie bei feierlichen Aufzügen zur Erhaltung guter Ordnung gebraucht wurde. Bis zum Anfange des 7jährigen Krieges genoß dieselbe einen landesherrlichen „Vortheil“ von 43 Thalern aus den Einkünften des Mühlenamtes Annaberg. In Folge eines von dem Annaberger Kauf- und Handelsherrn Christoph Gülden (starb 1604) gestifteten Legates empfing die Gesellschaft bei den 25jährlichen „Aufschießen“ je einen Thaler aus der Stadtkasse, den sogenannten „Rathsvortheil“, sowie, ebenfalls in Folge eines Vermächtnisses, den „Musketen-Thaler“. Die Stadtkämmerei mußte ihr ferner jährlich sechs Paar größere und sechs Paar kleinere Scheiben, im Ganzen also 24 Stück, verabreichen, sowie der Rathskellerpachter zu dem Auszuge acht alte Kannen Wein liefern. Diese Emolumente sind jedoch in neuerer Zeit mit einem Gesammtkapital von 526⅔ Thaler abgelöst worden. Außerdem sind dem Verein von einigen Freunden Legate ausgesetzt, wovon die Zinsen an bestimmten Tagen ausgeschossen werden und zwar 1. 60 Thaler von dem Geleits- und Landaccis-Kommissar Mathesius im Jahre 1801; 2. 25 Thaler von den Erben des Kaufmann und Bürgermeisters Christian Jakob Eisenstuck im Jahre 1811; 3. 50 Thaler vom Kaufmann und Bürgermeister Querfurth im Jahre 1817; 4. 50 Thaler von dem Kaufmann und Bürgermeister Benedikt im Jahre 1826. An der Spitze der Gesellschaft steht ein Hauptmann; die Gliederung abwärts ist militärisch: ein Oberlieutenant, vier Lieutenants, ein Feldwebel, zwei Sergeanten, drei Jaloneure, acht Korporale und die gewöhnlichen Schützen. Außerdem gibt es noch zwei Aelteste, den Schützenschreiber und Kassirer. Die Uniform besteht in blauen Röcken mit silbernen Knöpfen, schwarzsammtenen Kragen und Aufschlägen, ferner schwarzen Tuch- oder weißen Leinwandbeinkleidern und Schützenhut mit weißen und grünen Hahnenfedern. Die Chargirten haben als Abzeichen am Kragen silberne Tressen und die höheren Offiziere außerdem noch Epauletten und Säbel, während die übrigen nur kurze Seitengewehre tragen. Jeder, der Mitglied wird, verpflichtet sich, auf 20 Jahre der Gesellschaft anzugehören und muß jährlich mindestens zehn Schießtage (jeden zu 45 Pfennigen Einlage) abschießen, sowie außerdem beim Aus- und Einzuge je 62 Pfennige einlegen. Im Laufe des Jahres werden vier Feste gefeiert: 1. das „Quartal“ (bis 1861 Mittwoch in der Osterwoche, seit 1862 aber 14 Tage nach Fastnacht), bei welchem der Rechenschaftsbericht abgelegt und ein neuer Aelteste gewählt wird; 2. der Auszug (s. u.) am Montag nach dem Sonntag Quasimodogeniti; 3. das Augustvogelschießen und 4. der Einzug, gewöhnlich im September, wenn alle Legate und Vortheile aufgeschossen sind. Außerdem werden zwischen Auszug und Einzug 25 Schießtage, gewöhnlich des Sonntags nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst, gehalten, wo der Schütze für seine Einlage drei, am Tage des Auszugs vier Schüsse frei hat. Während der Schießübungen sitzen der Jour habende Offizier, der Schützenschreiber und die beiden Aeltesten an dem erhöhten Schützentisch in der Mitte des Schießstandes. Auf jenem steht eine drei Viertelellen hohe Trinkkanne, der sogenannte „Willkommen“. Auf dem Deckel derselben ist ein Knopf und über diesem hängt ein Kranz von etwa 8 bis 9 Zoll im Durchmesser, der aus einer Menge alter Münzen von verschiedener Größe und verschiedenem Werthe, die an starkem Drahte befestigt sind, besteht. An diesem Kranze ist eine Hülse, in welcher ein großer, frischer Blumenstrauß steckt. Wer getroffen hat, muß an den Schützentisch treten, um es zu melden. Dies geschieht aber nicht in Worten, sondern durch Riechen an den Blumenstrauß. Der Gewinn oder „Vortheil“ („Vortel“) an einem gewöhnlichen Schießtage besteht in 18 Neugroschen und einem zinnernen Teller, doch kann solchen nur ein wirkliches Mitglied und auch nur einmal jährlich erhalten. Als Gegengabe hat der glückliche Schütze für den nächsten Schießtag einen frischen Strauß auf den Kranz zu besorgen. Der Preis auf den Königsschuß, der am Tage des Auszuges gethan wird, beträgt 3⅓ Thaler. An einem besonderen Schießtage im Herbste wird der sogenannte „Musketenthaler“ geschossen und am Tage des Einzuges die „Ritterscheibe“. Letztere hat etwa eine Elle im Durchmesser und ist mit einem Bilde bemalt, unter dem die Jahreszahl und die Namen der jedesmaligen Aeltesten stehen. Auf jenem Bilde wird ein Kreis, der jedoch nicht gerade im Mittelpunkte der Scheibe sich zu befinden braucht, abgezirkelt und dessen Stelle nur der Jour habende Offizier und die beiden Aeltesten kennen. Es ist daher blindes Glück, wer das Centrum trifft. Diese Ritterscheiben werden aufbewahrt und es ist die ganze Decke der Schützenstube mit denselben getäfelt. Außerdem sind noch eine Anzahl interessanter Scheiben in und an dem Hause befestigt, darunter auch die, nach welcher Kurfürst August der Starke bei einem Besuche Annabergs, am 30. Juni 1708, auf dem Schießhause geschossen und „einigemal scharf getroffen“ hat. — 656. Zum Schluß geben wir noch eine kurze Beschreibung des Schützenauszuges, dem der Einzug im wesentlichen ähnelt: In früher Morgenstunde, doch nicht eher, „als bis es so hell ist, daß man im Freien einen Brief lesen kann“, marschirt durch die noch leeren Straßen das Musikchor, einen schmetternden Marsch blasend. Unter den Instrumenten zeichnen sich besonders aus ein hoher, hellblinkender, mit Roßschweifen gezierter „Halbmond“, ein anderes mit lauter Klingeln behangenes pyramidenförmiges Messinginstrument, die große Trommel und die Becken. Vor der Wohnung des ältesten (d. i. bejahrtesten) Schützen, der „Aeltesten“ und anderer Chargirter wird ein kurzes Ständchen gebracht und diese Reveille bis gegen 8 Uhr fortgesetzt. Hierauf versammeln sich die Schützen mit ihren Offizieren auf dem Rathhause und von hier aus setzt sich der Festzug in Bewegung. Denselben eröffnen 3 Jaloneure, die an ihren Büchsen rothe Fähnlein befestigt haben. Diesen folgen 2–3 Kolonnen Schützen, je zu 12 bis 16 Mann unter Anführung eines Offiziers. Hierauf kommt das Musikchor, dem 8 Tamboure, unter Leitung des Regimentstambours, voranschreiten. Letzterer trägt einen mit breiten Goldtressen und einer Kokarde gezierten Hut auf dem Kopfe, ein breites Pandelier über die Brust und in der Hand schwingt er den vergoldeten, mit grüner Schnur umflochtenen Regimentsstab. Hinter der Musik geht, in der Mitte zweier Begleiter, der vorjährige König im Festschmuck, mit Ehrenkranz und Blumenstrauß. Ueber seinem Haupte flattert die Schützenfahne, von einem Sergeanten mit zwei Mann Bedeckung getragen. Den Zug schließen die übrigen Schützen, jede Kolonne unter Anführung ihres Offiziers. Auf dem Schießhaus angekommen, beginnt alsbald das Schießen nach der Scheibe. Mittag folgt Festessen und nach 2 Uhr wird das Schießen fortgesetzt bis gegen 6 Uhr, wo man unter klingendem Spiele in die Stadt zurückkehrt. Den Abend herrscht reges Leben in dem Schießhaus. Man vergnügt sich mit Tanz und anderen Belustigungen bis spät in die Nacht.
§ 73. 657. Die Armbrust- oder Bogenschützen feiern ihr Schützenfest sehr solenn in den ersten Tagen des August. Wir wollen dasselbe hier nach der Weise beschreiben, wie es in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts gefeiert wurde, da es neuerdings vielfach von seinem alten Glanze verloren hat, obgleich es immer noch ein sehr heiteres Fest, namentlich für die höheren Stände ist. Montags früh wurde Reveille geschlagen und um acht Uhr fand der Auszug statt. Den Zug eröffnete der Zieler, welcher einen großen, hölzernen, einem Papagei ähnlichen Vogel auf der Schulter trug; dann folgten die Bolzenjungen, deren gewöhnlich jeder Schütze einen gemiethet hatte. Diese trugen die Rüstungen ihrer Herren geschultert. Nun kam das Musikchor. Hinter diesem schritt der vorjährige König des Hauptvogels, geleitet von zwei Rathsherren, dann der König vom „Gesellenvogel“ in der Mitte der beiden Schützenältesten und hierauf die übrigen Schützen mit den oft sehr zahlreichen Gästen. Den Beschluß machte eine Kompagnie Freischützen (dies ist jetzt beseitigt). Das Schießen nach dem Hauptvogel füllte nun diesen Tag, sowie gewöhnlich den Vormittag des folgenden, war aber am ersten Tage durch das Mittagsessen, das die meisten auf dem Schießhause einnahmen, unterbrochen, sowie durch die zum Kaffee herauskommenden Frauen verschönert und durch reiches Frühstück am zweiten Tage belebt. War der Königsschuß endlich am Dienstag geschehen, so folgte großes Festmahl, an dem auch die Frauen sich betheiligten. Nach dem Diner begann das Abschießen des „Gesellenvogels“ durch die jüngeren Herren, sowie gleichzeitig das jedoch erst in neuerer Zeit eingeführte Damenschießen, wobei die Frauen und Fräuleins mittelst eines „Stechvogels“ (vgl. 638) einen Stern abschießen. War auch in diesen beiden Schießen der Königsschuß geschehen, so folgte der Einzug in der beim Auszug angegebenen Ordnung, nur statt der vorjährigen Könige die neubeglückten voran. Dem Zuge schlossen sich sämmtliche Damen, von Herren geführt, an, an ihrer Spitze die Königin mit einem großen blumenreichen Kranze. An diesem Abend folgte großer Ball, nachdem schon am ersten Tag ein solcher, meist aber weniger besucht, stattgefunden hatte, und damit schloß das Fest. — Die Einlage beim Hauptvogel betrug 1½ Thaler, der Gewinn 15 Thaler, die der Landesherr zahlte, einige schwere zinnerne Teller, eine Anzahl Flaschen Wein und die Grasnutzung des Stadtgrabens vom böhmischen bis zum Wolkensteiner Thore. Beim Gesellenvogel war 20 Neugroschen Einlage. Die Damen zahlen keine Einlage, gewinnen aber nette Quincaillerien. — Im Spätherbste fand dann noch der Vogelkönigschmauß statt, ein reichbesetztes Mittagsessen. Nach aufgehobener Tafel folgte Kaffee, bei dem auch die Frauenwelt sich einstellte, sowie am Abend Ball. — 658. Ein eigenthümlicher Schmuck, den sowohl der König der Armbrustschützen als der der Büchsenschützen bei den Festzügen über Schulter und Brust trägt, ist ein großer Kranz aus kleinen metallenen Scheiben, Schilder genannt, aus alten seltenen Münzen bestehend. Die Büchsenschützen gebrauchen ihren alten „Schilderkranz“ noch, die Armbrustschützen haben den ihren modernisiren lassen. Vgl. auch „Michel’s Erzählung vom Vogelschießen in Annaberg“, Gedicht in erzgebirgischer Mundart von Gottlieb Grund, dem „Annaberger Naturdichter“ (oben bei 599 bereits angeführt), S. 186 ff.
§ 74. Außer den Schützenfesten, bei denen alle Stände und Innungen vertreten sind, haben einzelne Korporationen und die verschiedenen Zünfte ebenfalls ihre besonderen Festivitäten. Auch hier steht uns blos ein skizzenhaftes Material zu Gebote.
659. Der Bäckerauszug: Bald nach Mittag 12 Uhr an einem Sonntage im August versammeln sich die Bäckergesellen, wohl auch einige Meister, bei dem jüngsten Bäckermeister, der die Gesellenlade in Verwahrung hat. Es beginnt der Zug, den das Musikchor eröffnet und der von den Bäckergesellen und Mühlknappen (die Meister betheiligen sich höchstens als Zuschauer) gebildet wird. Erstere erscheinen in schwarzem Frack und Hosen, weißer Weste und Handschuhen, ein Dreimaster deckt den Kopf und ein Degen ziert die Seite. Die Mühlknappen gehen in gleicher Kleidung, haben aber außerdem noch Schurzfelle vorgebunden. Voran weht die Fahne der Bäckerinnung, deren Träger zwei Marschälle zur Seite hat. Die „Lade“ wird von zwei Gesellen getragen, ein dritter trägt den „Willkomm,“ eine silberne Trinkkanne, ein Vierter einen mächtigen Blumenstrauß. Der Zug bewegt sich durch mehrere Gassen und hält vor der Wohnung des Obermeisters und des Vorsitzenden der Innung sowie der obersten städtischen Beamten eine Weile still. Endlich zieht man in die Restauration ein, wo das „Quartal“ abgehalten wird. Dort werden zuerst die offiziellen Geschäfte (z. B. Bezahlung der Krankensteuer, Rechnungsablage etc.) erledigt, dann folgt Abendessen, bis endlich Tanz die Feier schließt. Das Recht zu diesem Auszug soll auf der tapferen Vertheidigung Wien’s, bei der Belagerung durch die Türken im Jahre 1683, seitens der Bäcker beruhen; Kaiser Leopold I. habe in Folge dessen den Bäckerinnungen des deutschen Reiches das Privilegium zu solcher jährlichen Festfeier verliehen.
660. In mehreren Städten (z. B. in Buchholz, Elterlein) und Dörfern (Sehma) des Obergebirges bestehen Vereine derer, die bei der Aufführung von Kirchenmusiken sich betheiligen, die sogenannten Kantoreigesellschaften. Dieselben haben wie andere Korporationen ihre „Lade“ mit Urkunden und auf den Verein bezüglichen Denkwürdigkeiten, sowie einen Ladenvater und übriges Vorstandspersonal. Im Oktober feiert man zwei Tage lang den sogenannten Kantoreischmaus oder „Kränzelschmaus“, den nach bestimmter Reihenfolge je ein Mitglied ausrichtet, mit Umzug, Mittagsmahl, Kaffee, Tanz und Abendessen.
§ 75. (661). In Ehrenfriedersdorf giebt es eine „Thurmlautbrüderschaft“ oder „Thurmbrüderschaft“, einen Verein, welcher gegenwärtig (1862) aus 30 Mitgliedern besteht. Der Zweck dieses Vereins ist: das Einlauten an den drei hohen Festen, sowie am Neujahrsfest, und überhaupt das Lauten bei jeder festlichen Gelegenheit, zu besorgen. Was die Veranlassung gegeben hat, diesen Verein zu bilden, weiß man nicht und über die Zeit der Entstehung ist nur so viel bekannt, daß sie in den Anfang des 17. Jahrhunderts fällt. Im Jahre 1772, wo in Ehrenfriedersdorf 596 Menschen in Folge der Hungersnoth starben, starb dieser Verein bis auf 3 Mitglieder aus. Doch diese kamen ihrer Pflicht mit Hilfe ihrer Frauen getreulich nach, bis sich die Mitglieder wieder vermehrten. Die Einrichtung dieses Vereins ist innungsmäßig. Die Mitglieder nennen sich „Brüder,“ besitzen eine Lade und werden von einem Ladenvorsteher, einem Ladenschreiber und einem Kassirer geleitet. Wer Mitglied oder vielmehr „Bruder“ werden will, darf nicht unter 21 und nicht über 35 Jahre alt sein, und muß bei seinem Eintritt einen Thaler Eintrittsgebühren bezahlen. Söhne und Anverwandte haben nach dem Tode eines „Bruders“ den nächsten Anspruch auf Annahme. Alle Jahre, den 7. Januar, wird das Stiftungsfest oder „Hauptquartal“ gehalten. An diesem Tage versammeln sich die Brüder, schwarz gekleidet, in der Wohnung des Ladenvorstehers, von wo aus sie in geordnetem Zuge mit Musik, welche, nach den Statuten, den Choral: „Ich freue mich in dir“ spielt, an den Ort, wo sie ihre Festlichkeit halten, ziehen. Die Ordnung des Zuges wird nach der Aufnahme der „Brüder“ bestimmt, so daß die ältesten oder die am längsten Thurmbrüder sind, voranschreiten. Früher wurde bei diesem Zuge eine aus Pappe nachgebildete Glocke mit herumgetragen. Die Festlichkeit besteht, nach gehaltenem Quartale, in einem einfachen Festmahle und darnach in gemüthlichen Belustigungen, wie Gesellschaftsspielen, Deklamationen, Gesang etc. Während des Quartals, sowie beim Dienste auf dem Thurme ist alles unnütze Reden, Zanken, Fluchen, Schwören und Tabakrauchen bei Strafe verboten; ebenso auch alle Nachlässigkeit im Kommen zum Lauten und alles unfriedliche, unsittsame und ungebührliche Betragen beim Nachhausegehen vom Thurme, sowie das Wegbleiben aus dem Gottesdienste am ersten Feiertage der drei hohen Feste und am Neujahrstage. Für ihre Bemühungen erhalten „die Brüder“ jährlich 1 Thlr. 25 Ngr. auf der Stadtkasse. Dies ist für das viermalige Lauten an den hohen Festen und am Neujahrstage; besondere Fälle werden besonders vergütet. — Stirbt ein Bruder, so haben die Hinterbliebenen für das Begräbnisgeläute nichts zu bezahlen, weil es ein Theil der Brüder selbst thut, während der andere Theil den Verstorbenen zur Ruhestätte begleitet, ihn auch womöglich trägt. Die „Thurmbrüderschaft“ unterhält auch eine Begräbnißkasse unter sich, aus welcher bei jedem Sterbefalle gegenwärtig 5 Thaler gezahlt werden. — Im Jahre 1821 feierte ein Weißgerber, Kreyer mit Namen, sein 50jähriges Jubiläum als „Thurmbruder.“
§ 76. In den Ortschaften des Gebirges fehlt es wie anderwärts selbstverständlich nicht an zahlreichen Vereinen theils zu wissenschaftlichen und allgemeinen Bildungszwecken, theils zur Pflege gewerblicher, geselliger, oder wohlthätiger Absichten (in Annaberg besteht sogar ein homöopathischer Verein): es giebt Gewerb- und Lesevereine, Tauben- und Blumenvereine, Gesang- und Musikvereine, Frauenvereine, Brüderschaften (Sehma), Gesellschaften für heitere Unterhaltungen mit allerlei Namen u. s. w. Alle diese Vereine feiern zu bestimmten Zeiten ihre Feste oder halten sonst Zusammenkünfte, bieten aber sonst nichts Eigenthümliches, so daß wir von einem näheren Eingehen auf dieselben absehen.
§ 77. Jahrmärkte. Ein charakteristisches Gepräge tragen theilweise noch die Jahrmärkte und wir schalten dieselben hier ein, da sie mit den Handel und Gewerbe treibenden Ständen zunächst im Zusammenhange stehen. Im Uebrigen sind sie Volksfeste, an denen sich alle Stände betheiligen. Freilich verlieren sie in der neuern Zeit immer mehr von ihrer Poesie, seitdem die Quacksalber und Zahnbrecher von ihnen verschwunden, die Händler mit den „Planeten“ (§ 17) und die Bänkelsänger mit ihren Schauergeschichten, die sie durch Bild und Lied illustriren, seltener werden, die verschiedenen Bedürfnisse des Lebens auch auf kleineren Dörfern jederzeit zu haben oder in Folge der besseren Straßen und des gesteigerten Verkehrs aus der nächsten Stadt leicht zu beziehen sind, und überhaupt auch der schlichte Landmann das horazische nil admirari (über nichts zu erstaunen) gelernt hat. Dennoch aber haben die Jahrmärkte, namentlich diejenigen gewisser Orte oder zu bestimmten Zeiten, im Gebirge noch immer eine Art ererbte Zugkraft und wirken vorzüglich in dem jüngeren Geschlecht der Städte und in einem großen Theil der Dorfbewohner eine stille Sehnsucht und laute Begeisterung für ihre Freuden und Genüsse. Letztere, weniger der Zweck zu kaufen, bilden den Glanzpunkt für die Einbildungskraft des besuchenden Publikums.
662. Die Annaberger Märkte. Annaberg hält zwei Märkte, Montag nach Lätare und Montag nach St. Anna (26. Juli). Letzterer dauerte früher acht Tage und wurde mit der Rathhausglocke ein- und ausgelauten. Tanz und Musik, Bier und Branntwein, Grog und Punsch, Wein und Kaffee, Häring und Pöklinge, Wurst und saure Gurken, Kuchen und Pfefferkuchen, Elektrisirmaschine und Liebesspiegel, Bänkelsänger und Fleckseifenmänner u. s. w. sind etwa die Stichwörter für das, was vor Allem anzieht und fesselt.
663. Der Buchholzer Markt. Buchholz hat Einen Jahrmarkt am Montag vor St. Katharina (25. November). Derselbe wird namentlich zum Einkauf von Wintersachen benutzt und bietet ebenfalls einen Reichthum aller möglichen Genüsse. Vgl. „der Jahrmarkt zu Buchholz“, Gedicht in erzgebirgischer Mundart von Grund, S. 190 ff.
664. Der Auer Markt. Derselbe fällt in der zweiten Hälfte des August, Montag nach Bartholomäus. Lange vorher wird geklöppelt und gespart, um nach Aue auf den Markt zu gehen; selbst die kleinsten Kinder werden auf dem Arm dahin getragen. Jede Frau kauft sich ein kleines Töpfchen und eine Bratwurst, was sie dann mit nach Hause nimmt. Viele Leute rechnen ihren Geburtstag darnach, indem sie sagen: „soviel Wochen vor oder nach dem ‚Draarmark‘“ (Dreiermarkt). Ueberhaupt ist derselbe der größte „Freßmarkt“ in der Umgegend und wer davon nach Hause geht, ohne gehörig angeheitert zu sein, ist kein rechter Kerl.
§ 78. b. Der Bergmann und seine Feste. Ein wesentliches Glied in der obergebirgischen Bewohnerschaft ist, trotz der geminderten Ergiebigkeit der unterirdischen Schätze, noch immer der Bergmann.
665. Das Leben des Bergmanns. Am frühen Morgen erhebt er sich von seinem Lager, begrüßt die Seinen mit einem frohen „Glück auf!“ und nimmt sein einfaches Frühstück ein. Hierauf zieht er den blousenartigen Bergkittel an, schnallt das Bergleder mit der daran befestigten Blende um und setzt den Schachthut auf. Herzlicher als Andere nimmt er von Weib und Kind Abschied, weiß er doch nicht, ob er von seinem gefahrvollen Tagewerk wiederkehrt, und begiebt sich auf den Weg zu seiner Grube. Dort versammelt er sich mit seinen Mitarbeitern in der Betstube des Huthauses zu der gewöhnlichen Morgenandacht. Es wird ein Lied aus dem Gesangbuch gesungen und ein gemeinsames Gebet gesprochen. Nun begiebt man sich in den Schuppen, wo die Werkzeuge aufbewahrt sind. Der Bergmann nimmt Fäustel und Bohrer, die Fimmeln (eiserne Keile) und die Brechstange, Schaufel und Kübel und schafft dieselben, entweder selbsttragend oder mit Hilfe eines sogenannten „Hundes“ (d. i. eines Bergkarren) vor Ort. Er beginnt seine Arbeit: mit Fäustel und Bohrer sprengt er ein Loch von einer halben bis drei Viertel Elle Tiefe in den Felsen, reinigt es und treibt, nachdem er eine eiserne oder kupferne „Nadel“ hineingesteckt hat, wieder Steine oder harten Lehm darauf. Dann wird die Nadel herausgeschlagen und in die Oeffnung zwei bis drei mit Sprengpulver gefüllte Raketen gesenkt, an deren oberster Spitze ein Stück Schwefelfaden befestigt ist. Letzterer wird angezündet, der Bergmann eilt zu einem geschützten Ort und der Schuß erfolgt. Ist die Gefahr vorüber, so begiebt sich der Arbeiter wieder an den Sprengort, räumt den losgesprengten Schutt in den Kübel, der dann mittelst Haspel nach oben abgeführt wird und sieht, ob er gute Anbrüche gewonnen. So arbeitet er „tief unter dem Schall der menschlichen Rede“ im einsamen Schacht bis Mittag, fährt dann aus und verzehrt oben im Lichte des Tages sein einfaches Mittagsbrod. Ein kurzes Schläfchen stärkt ihn zu neuer Arbeit, die er am Nachmittag bis zum Abend fortsetzt. Nun ist sein schweres Tagewerk vollbracht und er eilt heim zu den Seinen, die ihn freudig begrüßen. Mit ihrer Hilfe legt er die schmutzigen Kleidungsstücke ab und erholt sich nun beim schlichten Abendbrod, umgeben von Weib und Kind, bis er das nächtliche Lager aufsucht.
§ 79. Das Bergfest. Einen Lichtblick im einförmigen Leben des Bergmanns bildet das jährliche Bergfest, das in einigen Bergstädten des Gebirges zu Fastnacht (Marienberg, Ehrenfriedersdorf), in Annaberg früher auch an diesem Tage, seit 1821 aber an einem Donnerstag in der Mitte des Juli (in der 2. Woche im Quartale Crucis) gefeiert wird. Wir lassen eine Beschreibung des letzteren folgen.
666. Am Morgen versammeln sich die einzelnen Bergleute bei ihrem Steiger. Dort wird eine kurze Morgenandacht, in Gesang und Gebet bestehend, gehalten und ein Imbiß eingenommen. Mit ihrem Steiger an der Spitze begeben sich nun die einzelnen Trupps auf den allgemeinen Sammelplatz, den Marktplatz. Eine Abtheilung holt hierauf unter dem Schall der Musik die Fahne aus dem Bergamtsgebäude. Nachdem dieselbe bei dem übrigen angelangt ist, setzt sich der Zug in folgender Ordnung in Bewegung. Voran schreitet ein Schichtmeister in sogenannter ganzer Parade: Den Kopf bedeckt der 7 Zoll hohe cylindrische Schachthut mit grünem Manchester überzogen, oben und unten mit Goldtresse eingefaßt, vorn das königliche Wappen aus Blech getrieben und vergoldet, an der linken Seite die sächsische Kokarde, aus welcher der schwarze, unten gelb unterbundene 7 Zoll hohe Federstutz hervorragt. Den Oberleib bedeckt die „Puffjacke“, eine enganliegende bis in die Taille reichende Jacke von blauschwarzem Tuch in kurze Schößchen auslaufend, vorn mit einer Reihe vergoldeter Knöpfe und oben mit stehenden goldbetreßten Kragen von schwarzem Manchester, darauf ein silberner Stern. Auf den Schultern Patten von schwarzem Manchester mit goldenen Franzen, dann am Oberarm enggefältete Tuchpuffen, und am Handgelenke Aufschlagspatten von weißem Tuch. Der Unterleib ist mit engen weißen Tuchbeinkleidern, woran sich Kamaschen von weißem englischen Leder schließen, bedeckt; um die Kniee sind die schwarzledernen Kniebügel und hinten das ebenfalls schwarze Bergleder befestigt. An der Seite hängt der Säbel mit vergoldetem Gefäß in schwarzer Lederscheide. In der Rechten trägt der Steiger einen schwarzen Stock, dessen Griff das vergoldete Steigerhäckchen bildet, sowie vorn an der Brust das Tzscherpertäschchen von Leder mit zwei Tzscherpern (Messern mit drei Zoll langer Klinge und drei Zoll langen beinernem Heft). — Hinter dem Schichtmeister folgen die Knappschaftsältesten, ähnlich wie dieser gekleidet, nur statt des Hutes den Kopf mit der sogenannten „fliegenden Kappe“ bedeckt, einer Art Haube von weißer Leinwand, hinten mit weißem zwei Zoll breiten, flatternden Bande. Es kommen nun drei Züge Häuer, jeder Zug in drei Reihen zu 6 Mann marschirend und angeführt von je einem Steiger. Die Häuer tragen Schachthüte und Paradekittel von schwarzer Leinwand, unter deren liegendem Kragen ein mit Spitzen besetzter weißer Leinwandkranz hervorsteht. An die bis zu den Knieen reichenden weißen Leinwandbeinkleider schließen sich weiße Strümpfe und schwarze Schuhe; dazu kommen noch Kniegürtel, Bergleder und Tzscherpertäschchen. Auf der rechten Schulter tragen sie die Bergbarde, eine beilartige Waffe an 5 Viertel Ellen langem Stiel. Es schließt sich das Chor der Berghoboisten an, d. i. das städtische Musikchor in Bergmannstracht, und zwar schwarze Kittel und Schachthüte mit goldgelben Tressen besetzt. Außer den gewöhnlichen Blasinstrumenten sind die „russischen Hörner“ eigenthümlich, deren längstes Mannshöhe hat, sowie der Transport der Pauken. Letztere werden auf einem Gestelle von zwei Bergjungen an weiß und grünen Tragbändern vor dem Paukenschläger getragen. Nach dem Musikchor erblicken wir die mit Goldtressen besetzte Bergfahne, die auf weißseidenem Grunde das sächsische Kurwappen entfaltet. Sie wird von dem ältesten Steiger getragen, zu dessen Seiten je ein Obersteiger einherschreitet. Dahinter gehen die Beamten der theilnehmenden Gruben in halber Parade, d. h. in blauschwarzer mit goldenen Tressen und Knöpfen besetzter Kleidung, an der Seite den Säbel, auf dem Kopfe den dreieckigen Hut mit grünseidener silberner Kokarde. In ihrer Mitte haben sie den Bergprediger (Annaberg hat bekanntlich die einzige Bergkirche Sachsen’s, dessen Geistlicher gegenwärtig zugleich Diakonus an der Stadtkirche ist) in seiner Amtstracht. Das Centrum des Zuges bilden die Berghandwerker. Die Bergschmiede erscheinen in weißen mit rothen Puffen versehenen Oberhemden mit schwarzem Kragen und Aufschlägen, dazu weiße Beinkleider. Die Lenden sind mit dem schwarzen Schurzfell umgürtet, den Kopf bedeckt ein schwarzer Schachthut und in der rechten Hand tragen sie den Hammer. Die Maurer sind mit grünem Schachthut, schwarzem Kittel und weißen Hosen, in denen an der Seite eine Schmiege steckt, und gelbem Schurzfell bekleidet. Als Stab führen sie ein langes Ellenmaß in der Hand. Die Zimmerlinge gehen wie die Häuer, nur ruht, statt der Bergbarde, eine Axt auf ihren Schultern. Nach diesen Berghandwerkern folgen einige Züge Häuer, dann einige Züge Lehrhäuer. Letztere sind daran kenntlich, daß sie keine Kniebügel haben. Bei den Knechten, die mit den Bergjungen den Schluß bilden, fällt auch noch der weiße Landwandkragen und das Tzscherpertäschchen weg, und statt der Barde stolzieren sie mit gewöhnlichen Stöcken einher. Die Bergjungen ermangeln auch der Stöcke. Der letzte Mann des Zuges ist der jüngste Steiger. Der wohlgeordnete Zug, aus etwa 300 Personen bestehend, marschirt nun unter den Klängen der Musik in die Kirche, wo Gottesdienst mit Predigt abgehalten wird. Dann wird auf den Markt zurückgezogen, von wo aus die Theilnehmenden sich zerstreuen, um dann mit ihren Frauen zurückzukehren und den Rest des Tages bei Tanz, Bier und anderen Genüssen festlich zu begehen.
§ 80. Eine eigenthümliche Feier hat außer dem Bergfest noch die Knappschaft zu Ehrenfriedersdorf, die sogenannte lange Schicht.
667. Dieses Fest wird am Montage nach dem Osterfeste mit Umzug durch die Stadt unter dem Geläute des Bergglöckleins begangen, zum Andenken an die lange Schicht von 61 Jahren des Oswald Barthel daselbst, welcher 1507 verschüttet, erst 1568 zwar todt, aber doch unversehrt wiedergefunden wurde.
§ 81. c. Der Landmann und seine Feste. Der Landmann hat, wie überall, so auch im Gebirge, die meisten Eigenthümlichkeiten bewahrt und hält mit einem achtungswerthen Konservatismus alte Sitten und Gebräuche fest, ist aber auch schon, namentlich in dem jüngeren Geschlechte von dem nivellirenden Leben der Gegenwart berührt worden. Wir führen hier nur das an, was ihn zunächst gemäß seiner Beschäftigung angeht, bemerken aber ausdrücklich, daß Vieles, was wir z. B. unter Aberglauben und sonst bereits brachten, sowie Manches, was in dem Folgenden noch vorkommen wird, vorzüglich unter der ländlichen Bevölkerung heimisch ist.
§ 82. Die Kleidung sowie die häusliche Einrichtung des Landmanns hat immer noch gewisse feststehende Formen, die aber auch mannichfachen Modifikationen nach Geschmack und Vermögensumständen unterworfen sind. Es kann daher das hier Gesagte nur einen relativen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit haben.
a. Die Kleidung. 668. Die Kopfbedeckung bei der häuslichen Arbeit ist entweder ein Käppchen von schwarzem Sammtmanchester oder eine sogenannte „Schwanzmütze“. Letztere ist aus buntem Baumwollengarn, ähnlich einer Nachtmütze gewirkt. Auf dem Felde trägt man einen niedrigen Filz- oder Strohhut, mitunter von etwas grotesker Form, oder eine Tuchmütze. — Das Haar wird schlicht gekämmt getragen. Nur noch bei alten Bauern findet man es nach dem Hinterkopf bis in den Nacken gewöhnt und dort mit rundgebogenen Messingkamm zusammengehalten; darauf den dreieckigen Hut, den sogenannten „Nagelzwicker.“ — Im linken Ohr hängt häufig ein silberner Ohrring, in dessen innerer Fläche zuweilen der Anfangsbuchstabe des Besitzers, ebenfalls aus Silber gearbeitet, angebracht ist. — Um den Hals wird ein rothes oder gelbes Kattuntuch, über das der Hemdkragen von gröberem Zwillich sich legt, lose geschlungen. — Die Weste reicht meist vom Halse bis über die Magengegend und ist aus blauem Sammtmanchester oder scharlachrothem Wollenstoff oder sonst einem bunten, geblumten Zeuge, mit einer Reihe blanker Knöpfe aus Zinn, Neusilber oder Messing. Bei älteren Leuten sieht man mitunter an der Sonntagsweste (statt Weste sagen diese „Brustlatz“), Silbergeldstücke, z. B. Zwanzigkreuzer, halbe Gulden, mittelst Henkel als Knöpfe verwendet. — Die silberne, auch stählerne oder messingene Uhrkette meist mit Uhrschlüssel und Petschaft zieht sich entweder quer über die Brust oder „baumelt“ unter der Weste hervor. — Die Beinkleider sind gewöhnlich schwarze oder gelbe Lederhosen, die entweder bis unter die Kniee oder bis zu den Knöcheln reichen, wo dieselben gebunden werden. Die Füße und den noch unbedeckten Theil des Beines schützen dann Stiefeln mit höheren oder niedrigeren Schäften, entweder Aufschlag- oder Steifstiefel, oder auch graue, blaue oder weiße Strümpfe und dazu derbe Schnallenschuhe. Der ältere, ärmere Landmann trägt wohl auch sogenannte Beinstrümpfe, die vom Knie bis an die Knöchel reichen und aus Leinwandstreifen zusammengenäht oder im Ganzen (aus Wolle gestrickt) sind; der Fuß ist dann bloß. — Das Obergewand bildet entweder die Jacke („Koller“ oder „Wamms“) oder der Rock, letzterer sehr lang, erstere mit Taschen an der äußeren Seite. Der Stoff ist entweder blaue Leinwand oder grobes, meist blaues Tuch. Die Jacke wird häufig auch von schwarzem oder blauem Sammtmanchester getragen, mit großen Metallknöpfen besetzt. Im Winter wird der Mantel oder der Pelz angezogen; letzterer meist ein Schafpelz ohne Ueberzug, ein sogenannter „Zippelpelz“. Im Sommer arbeitet man viel ohne Oberkleid, die Hemdärmel heraufgeschlagen und baarfuß. Dazu trägt man noch eine hohe, gewöhnlich blaue Leinwandschürze, oder eine ungefärbte Lederschürze. Der obere Theil derselben dient dann zugleich als Tasche zur Bergung des Schnupftuches, der Pfeife oder Schnupftabaksdose.
669. Die Bauerfrau trägt Wochentags eine Haube von dunklem Zeuge oder ein rothes Kopftuch, „Gucke“ genannt. Der Zopf ist einfach geflochten. Den Oberkörper verhüllt ein enganliegendes Leibchen nebst buntem Halstuch. Die Arme sind bis auf die kurzen Hemdärmel bloß oder es wird eine dunkelfarbige Jacke („Kaschet“ oder „Kundusch“) von Tuch, Kattun oder einem ähnlichen Zeuge, im Winter mit Pelz gefüttert, angezogen. Der kurze Rock ist von Flanell oder einem entsprechenden Wollenstoff meist roth oder roth gestreift nebst blauer Schürze. Dazu kommen noch blaue oder weiße Strümpfe und rindslederne Knorrenschuhe oder wohl auch bloße Füße in Holzpantoffeln. Am Sonntag fehlt es nicht an mancherlei Schmuck und Putz: weiße Haube mit bunten Atlasbändern und Rosetten, schwergoldene Ohrringe, Halskette mit Dukaten, seidenes Kleid mit Bauschärmeln, baumwollene Handschuhe und Taschentuch, buntseidene Falbelschürze, weiße Strümpfe und zierliche Schuhe.
§ 83. b. Lage der Gebäude: 670. Gewöhnlich bilden die Gebäude eines Bauerngutes ein geschlossenes Viereck. Die dem Dorfe zugekehrte Vorderseite bilden der Giebel des Wohnhauses, die durch ein Thor geschlossene Einfahrt, an die oft noch ein Schuppen stößt, und die Giebelseite der Scheune. Der Vorderseite des Wohnhauses sammt dem Stalle liegt die Scheune gegenüber, während die hintere Schmalseite der Schuppen und eine nach den Feldern führenden Ausfahrt, das Feldthor, einnehmen. Unmittelbar an diese Baulichkeiten gränzt der Blumen- und Gemüsegarten nebst dem mit Obstbäumen besetzten Grasgarten, an die sich dann als weitere Umgebung des Gutes die Felder und Wiesen anschließen. Im Hofraum sehen wir, nahe bei dem an den Stall angrenzenden mit Pfosten belegten Jauchenloch, den mit der Düngergabel geflochtenen Misthaufen (man sagt: „ein Misthaufen mit der Gabel geflochten ziert das ganze Gut“, vgl. 10), ein Häuschen für die Tauben, wenn diese ihren Schlag nicht an der Giebelseite des Wohngebäudes haben, die Hundehütte, aufgeschlichtetes Scheitholz und dergl.
§ 84. c. Die einzelnen Gebäude. 671. Wohnhaus und der Stall sind meist im Erdgeschoß von Bruchsteinen (Gneus oder Schiefer), wohl auch von bloßem Balkenwerk mit Lehmziegeln ausgesetzt, das Stockwerk aus Fach- oder Klebwerk erbaut. Der Anstrich vorherrschend weiß, die Balken schwarz, roth, braun oder blau. Die Fenster des Wohngebäudes sind klein, meist 4 oder auch 6 Scheiben enthaltend, deren eine in einem verschiebbaren Rahmen eingelassen ist. Die Rahmen, Fensterladen und Thüren entsprechen mit ihrem Anstrich dem übrigen Holzwerk des Gebäudes. Ueber der Hausthür, die gewöhnlich in eine Ober- und Unterthüre, von denen die erstere am Tage offen steht, getheilt ist und deren Gewände Holzpfosten sind, stehen gewöhnlich außer der Hausnummer die Anfangsbuchstaben des Besitzers und das Jahr der Erbauung (oder man findet auch diese Angaben in den mittleren Balken der Wohnstubendecke eingeschnitten), vereinzelt noch ein frommer Hausspruch, z. B.: „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad’ gelegen.“ — Das Dach ist meist mit Stroh, oft auch mit Schiefer gedeckt. In ersterem Falle ist der First mit Schindeln oder Rasen belegt. Die Feueresse streicht man, wenn sie äußerlich mit Bretern verkleidet ist, wie das übrige Holzwerk an. An der Giebelseite fehlt selten die Käsedarre. — 672. Durch die Hausthüre (der Platz vor derselben wird hie und da „Heist“ genannt) tritt man zunächst in die mit Schieferplatten gepflasterte oder mit Lehm ausgetretene geräumige Hausflur, die man zur Winterszeit mit Stroh auszulegen pflegt (vgl. 10). Daselbst befindet sich öfters, wenn es nicht im Hofe seinen Platz hat, das Wasser- und Milchhaus. In letzterem schwimmen die mit Milch halb gefüllten Blechtöpfe, darüber hängen die blankgeputzten „Milchseier“ und daneben lehnen thönerne Milchäsche und die weißgescheuerten „Scheffelgefäße“ (d. h. Kannen, kleinere Fässer und dergl.). Hier steht auch das Butterfaß mit der „Butterstörl“ (Scheibe mit Stiel zum Buttern) oder die „Butterrolle“ (Rolle, um das Butterfaß hin und her zu schwingen). In der Nähe des Wasserhauses ist gewöhnlich der Trog, wo das Viehfutter bereitet wird, in den durch eine Röhre heißes Wasser aus der an die Rückwand anstoßenden Küche unmittelbar zu leiten ist. Sonst findet sich in der Hausflur noch der Brodschrank („Kappel“ oder „Almet“), öfters auch ein Schrank mit allerlei Küchengeschirr. An der Balkendecke sind vorsorglich „Schwalbenbretchen“ angebracht, damit der gerngesehene Vogel hier sein Nest aufbaue (vgl.§ 22 i). — 673. Wir wenden uns rechts, wo die rothangestrichene Thüre, in der sich ein „Guckfenster“ befindet, durch das der Hausherr das in der Flur und dem gegenüberliegenden Stall arbeitende Gesinde beobachten kann, zur Wohnstube führt. Diese ist geräumig, mit drei Fenstern nach dem Hof und zwei nach der Giebelseite. Der vordere Theil derselben ist oft mit Steinplatten belegt, der übrige gedielt. Im Winter wird der Fußboden auch hier, wie in der Hausflur, mit Stroh belegt. Die Wände sind weiß oder gelb angestrichen, die Decke tragen mächtige, von der Zeit oder auch mit Farbe geschwärzte Balken. Hie und da sind auch die Wände aus Holzbohlen, in die Fugen derselben steckt man dann in der Nähe des Spiegels die Pathenbriefe. Ueber der Thüre sind die Wochenbuchstaben zu einem immerwährenden Kalender angemalt und oberhalb derselben das „Kuppchenbret“, zum Aufbewahren der täglich in Gebrauch kommenden Kaffeetassen (von denen man die Obertasse auch „Kuppchen“ nennt). Rechts von der Thüre steht das „Seegerhaus“ mit der Wanduhr und daneben das Tellerbret oder „Zübrät“ mit Schüsseln und Tellern von Zinn, Steingut oder Thon. Links hängt ein weißes, breitgespanntes, mit Spitzen oder Franzen besetztes Handtuch, hinter dem das zum täglichen Gebrauch verwendete versteckt ist. Daneben zieht sich die Ofenbank um den umfangreichen Ofen, gewöhnlich einem sogenannten Gabelofen, mit eisernem Kasten und grünem Kachelaufsatze. Hinter diesem befindet sich die behagliche „Hölle“. Oberhalb desselben sind an der Decke Stangen, die sogenannte „Wäschtreiche“, angebracht und die Decke des Ofens wird als Trockenplatz für Spähne, Schalen, Obst etc. benutzt. Oft steht auch auf dem Ofen ein Gestelle zum Trocknen der Käse oder der würflich geschnittenen Möhren oder Runkelrüben, die man dann feingemahlen dem Kaffee zusetzt. In der Nähe hängen Majoranbündel zum Abdörren, deren abgestreifte Blätter der Blutwurst zugemischt werden. In der Fensterecke thront der große, unten mit Querleisten versehene Familientisch, hinter dem sich längs beider Wände Bänke hinziehen und um den hölzerne Stühle oder Schemmel stehen. Hie und da nimmt ein langes, schlichtes Kanapee, wohl auch ein einfaches Pult, einen Theil der Wand ein; oder ein Schränkchen, eine offene Nische und dergl. dient als Aufbewahrungsort von einem Messerkörbchen, sowie von Bibel, Gesangbuch und Kalender, wenn letzterer nicht in Gemeinschaft mit der Ruthe, dem „Birkengottfriedel“, hinter dem kleinen, schräg von der Wand abhängenden Spiegel steckt. Die Fenstersimse sind theils mit Blumentöpfen besetzt, in denen Rosmarin-, Balsamin- und Muskatstöckchen, Katzenkraut, Fuchsien und dergl. von der Hausfrau gepflegt werden, während der Hausherr sich mehr für die selten fehlende Lerche, Meise oder sonst einem im Käfig gehaltenen Singvogel interessirt. Als Schmuck der Wände sieht man fast überall einige eingerahmte Bilder mit ziemlich handwerksmäßigen bunten Lithographien, entweder Darstellungen aus der biblischen Geschichte, aus der Geschichte des Tell, der Genoveva u. s. w., wohl auch ein Portrait von Franz Drake, dem Kartoffeleinführer, oder sonst einem Volksfreund, nicht selten auch sogenannte Spruchblätter, z. B. mit den Worten: „des Morgens denk an deinen Gott, des Mittags iß vergnügt dein Brod, Abends verschlafe deine Noth“. Von Geräthschaften, die sich meist dauernd in der Wohnstube befinden, gedenken wir noch der „Käsebank“ zum Bereiten der Käse, der Handmandel, eines Bretes nebst Walze zum Glätten der Wäsche, des Spahnleuchters, eines zwei Ellen hohen Gestelles, oben mit einer Zange zum Einklemmen der langen Leuchtspähne, sowie der über den großen Tisch hängenden Blendlampe. Sämmtliches Holzwerk der Stube, wie Thüren, Fenstergewände und Rahmen, Tische, Bänke, Stühle u. s. w. sind gewöhnlich roth oder blau angestrichen. — 674. Neben der Wohnstube befindet sich häufig ein einfenstriges Nebenstübchen, „Stöbel“ genannt, der Aufenthaltsort der Herrschaft am Tage, mit einfachem Meublement und den Hausgeräthen, die vom Hausherrn und der Hausfrau gebraucht werden. — 675. Von da führt eine Thüre in die Küche, die mit Ofen, eingemauertem Kessel und Heerd, über dem sich der weite Schornstein öffnet, mit Küchentisch, Küchenbank, Topfbret, an dem die bunte „Salzmeste“ und das Löffelgesteck hängt, ausgestattet ist. Oefters wird aber auch, da der Wohnstubenofen zugleich zum Kochen verwendet wird, die Küche nur durch einen zum Kaffeebrennen u. s. w. verwendbaren Heerd vertreten. — 676. An die Küche grenzt der Backofen, der nur in wenigen Bauergütern fehlt. Daneben ist die Treppe, die zum Keller führt. Hier lagern die Vorräthe an Kartoffeln, Möhren, Kraut, Runkel- und Kohlrüben. In einem „Kellerloch“ stehen Töpfe mit eingesottenen Preiselsbeeren, Flaschen mit getrockneten Schwarzbeeren, Körbe mit schwarzem Rettig, Meerrettigstangen etc. Aus einem Winkel duften uns Fässer mit Sauerkraut, saueren Gurken, wohl auch mit Pöckelfleisch entgegen, während an der Wölbung ein paar Schinken hängen. Ein Fäßchen Bier und einige Flaschen Schnaps dagegen kommen seltener vor, da die nahe Schenke jetzt derartigen Bedarf liefert.
677. Auf der anderen Seite der Hausflur liegt der Stall. Die Eingangsthüre desselben ist öfter zum Schutz gegen die Kälte mit Strohbändern umflochten, während die Wohnstubenthüre nicht selten an der Außenseite ein dickes Strohpolster trägt. An der inneren Stallthüre hängen Kartätsche, Striegel und „Pferdeschwanz“, daneben lehnen die Mistgabel, der Misthaken („Mistkralle“, „Mistgrahl“, auch „Mistkratze“ genannt) und Besen. Auf zwei Stangen in halber Höhe ruhen die Scheffel oder „Stötze“ (Kübel zum Futterreichen), während auf der anderen Seite Geschirre, Peitschen und anderes Geräth an der Wand hängen. In der Nähe der Küche steht, wenn es nicht in der Hausflur seinen Platz hat, das Brühfaß, auch Siedfaß oder Stampftrog genannt, in welchem das Wurzelwerk für das Vieh mittelst eines scharfen, schlangenförmigen Eisens gestoßen und mit heißem Wasser aufgebrüht wird. Unweit der Pferde findet sich ein großer Kasten mit Häckerling, nebst Sieb und Saufeimer. In der Mitte des Stalles zieht sich ein Plattengang hin, zu dessen Seiten das „Sudelgleiß“ läuft, in welchem die Unreinigkeiten in das Sudel- oder Jauchenloch fließen. Rechts und links befinden sich die Stände des Rindviehes und der Pferde, während an der Wand die Tröge oder Krippen, darüber die Raufen oder Leitern angebracht sind. Im hinteren Theil findet man wohl noch Ziegen aufgestellt, sowie das Behältniß für die Schweine, darüber den Hühnerstall. Am Boden haben Kuhhasen und Kaninchen ihre Wohnung und aus einer Ecke schnattern uns Gänse und Enten entgegen.
678. Von der Haustür führt eine meist hölzerne Treppe in das obere Stockwerk. Wir treten auf einen geräumigen Saal, „Boden“ genannt, wo ein paar große Schränke mit Namenszug und Jahreszahl, die den sonntäglichen Anzug der Bauersleute bergen, eine Ziehmandel, die Häckerlingslade (wenn diese nicht im Schuppen ihren Platz hat) und ähnliche Geräthe stehen. Links ist die Oberstube, d. i. die gute Stube und der Stolz der Bauerfrau. Hier erblicken wir den Glasschrank von Eichenholz, darin die „Hausräthe“ z. B. den zinnernen Kaffeekessel, Teller mit Reimsprüchen, die buntgemalten Geburtstagstassen, seidene Zulpe und Anderes. In der Mitte steht ein altväterischer Tisch. Polsterstühle und ein buntgemustertes Kanapee mit Lehne voll Schnitzwerk laden zum Sitzen ein. An der Wand hängen der Spiegel, hinter dem rechts und links je eine Pfauenfeder gesteckt ist, Bilder unter Glas und Rahmen u. s. w. In der angrenzenden Schlafkammer begrüßen uns zwei Himmelbetten, deren Betthimmel mit Bildern aus der biblischen Geschichte geziert ist. Ein Kleiderschrank dient zur Aufbewahrung der Alltagskleider. Neben der Schlafkammer ist gewöhnlich noch eine andere Kammer, die zur Bergung von allerlei Vorräthen (Brod, Mehl, Kleie, Obst etc.) oder von Wirthschaftssachen (Spinnrad, Siebe, Geschirre etc.) benutzt wird. — Auf der anderen Seite des Saales ist ein Gang, zu dessen beiden Seiten je die Kammer für die Knechte und Mägde sich befindet. Das Bett derselben besteht aus Stroh, darüber ein Strohtuch, Zudecke und Kopfkissen. Ihre Habseligkeiten haben sie in buntgemalten Laden oder Truhen verschlossen. Daran schließen sich andere Kammern, wohl auch das Stübchen für den Auszügler, oder der übrige Raum ist als Heuboden benutzt.
679. Eine Holztreppe leitet von dem Saal auf den Boden, „Oberboden“ genannt. Ein Theil desselben dient zum Trocknen der Wäsche, in einem anderen ist das ausgedroschene Getreide (Korn, Gerste, Hafer, Lein) aufgeschüttet. An der Giebelseite führt eine Leiter zu dem Taubenschlag, während an der Feueresse eine eiserne Thüre die Rauchkammer mit dem zu räuchernden Schweinefleisch („Schwärtel“ genannt) und Würsten verschließt.
680. Wir verlassen das Wohnhaus und wenden uns nach der auf der anderen Seite des Gehöftes gelegenen Scheune, die in ihrem unteren Theil (etwa 3 Fuß hoch) entweder von Bruchsteinen oder von Fachwerk erbaut ist, im oberen meist blos aus Breterwand besteht und mit Stroh gedeckt ist. An dem großen Thore ist gewöhnlich ein erlegter Raubvogel mit ausgebreiteten Flügeln angenagelt, „um die Hühner von dem Getreide abzuhalten“ (vgl. 412). Der Fußboden der Tenne besteht entweder aus Pfosten oder seltener aus festgetretenem Lehm. An den Wänden hängen oder lehnen die Sense, der Dreschflegel, der Rechen, die Stroh- und Schüttelgabel, die Wurfschaufeln, die „Schwingmultern“ (eine Mulde, in der das Getreide geschwungen und dadurch gereinigt wird), das Sieb und dergl. Auf der Tenne liegen „Knotten“ (Samenkapseln des Flachses), Strohseile etc. Rechts und links von der Tenne sind zwei Ellen hohe Breterwände mit sich entsprechenden Oeffnungen zur Befestigung der „Riffelbank“, die zum Abstreifen der Knotten des Flachses dient. Jenseits dieser Breterwände ist je ein Panzen, auch „die Pansel“ oder „der Panze“ genannt, wo Korn-, Waizen- und Hafergarben, sowie Wicken- und Erbsenbündel, Strohschütten u. s. w. liegen. Ueber der Tenne öffnet sich in der Decke das Loch zum Boden, um die in die Tenne gefahrenen Getreidegarben unmittelbar hinaufzureichen. Eben dahin führt auch eine Holztreppe aus einem der Panzen. Außer den unausgedroschenen Getreidevorräthen ist gewöhnlich auch ein Theil des Scheunenbodens mit Heu gefüllt.
681. Der Schuppen, der in seinem oberen Theile öfters durch einen verdeckten Bretergang unmittelbar mit der Scheune zusammenhängt, ist meist blos aus Balken und Bretern erbaut. Unter dem Dache hängen große Leitern und das geöffnete Thor zeigt uns im Innern die Leiter- und Truh- (Kasten-) wagen, daneben wohl die zierliche Chaise oder das blaue Planwägelchen des Landmanns, nebst dem grünangestrichenen „Butterwagen“ der Bauersfrau. Im Hintergrunde stehen die verschiedenen Schlitten, wenn man sie nicht auf in der Höhe angebrachte Balken gehoben hat. Eine verschließbare Abtheilung enthält allerlei Heizungsmaterial: gespaltenes Holz, Torf, „Reißigbüschel“ (Reißigbündel). Andere Abtheilungen oder auch ein abgesonderter kleiner Schuppen, „Schöppel“ genannt, dient als Aufbewahrungsort der verschiedenen landwirthschaftlichen Geräthschaften, als da sind: Pflug und Egge, der „Krimel“ (ein Ackergeräth, ähnlich der Egge), Schiebbock und Schubkarren, Walze, Winde, Hacken und Schaufeln, das Grabscheit u. s. w. Dort steht das Tengelzeug und der Schleifstein, hier liegen die „Jauchenzober“ oder Jauchenfässer. Eine angrenzende Kammer enthält allerlei Werkzeug, eine Schnitz- und eine Hobelbank, wohl auch eine Drehbank, daneben Axt und Säge, Hammer und Meisel, Bohrer, Feilen u. s. w. In dem Schuppen steht auch gewöhnlich die Häckerlingslade, auch Gehackbank, Häckermaschine genannt; auch hat er Raum für allerlei „Gerümpel“ und unbrauchbar gewordene Geräthe. In Wirthschaften, die Flachsbau treiben, fehlt auch die Hechelkammer nicht mit der Brechmaschine und anderen zur Flachsbereitung erforderlichen Gegenständen. Hier sind wohl auch „Kluhmen“, die gehechelten „Flachsbündel“ aufgehäuft, während in einem Winkel „Brechenden“, die beim Brechen des Flachses abfallenden Hülsen, welche zum Anfeuern benutzt werden, liegen. Unterhalb des Schuppens befindet sich zuweilen ein besonderer Kartoffelkeller, in den man die geerntete Frucht durch das Kellerloch mittelst eingesetzter „Röhren“ hinabrollen läßt.