Zweite Abtheilung. Sitten und Gebräuche. (continued 2)
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§ 85. d. Der Garten und das Feld. 682. Der an das Gut anstoßende Blumen- und Gemüsegarten wird zum Unterschiede von dem umfangreicheren Grasgarten gewöhnlich das „Gärtel“ oder der „klane“ (kleine) Garten genannt und ist die Freude der Bauerfrau. Die Beete sind meist mit Buchsbaum, der unter der Scheere gehalten wird, eingefaßt. Von Blumen liebt man besonders Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Narcissen, Nelken, Aurikel, Veilchen, Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Reseda, weiße und rothe Lilien, Päonien, Betunien, Georginen, Astern, Sonnenblumen, Studentenblumen, Strohblumen u. s. w. Von Gemüsen finden sich am häufigsten Bohnen, Schoten, Möhren, Kohl, Salat, Kolerabi, Rettig, Radieschen, Sellerie, Petersilie, Zwiebeln; von Fruchtsträuchern Johannis-, Stachel- und Himbeeren. — In dem angrenzenden Obstgarten stehen Aepfel- und Birnbäume, Kirsch- und Pflaumenbäume. In einem Winkel versteckt findet sich gewöhnlich ein Hollunderbaum (sambucus nigra), vgl. § 23 n.
683. Auf seinen Feldern baut der gebirgische Bauer besonders Roggen und Hafer, seltener Gerste und Waizen; häufig Flachs, seltener Hanf, Wicken, seltener Schoten, ferner Klee und namentlich viel Kartoffeln. Die wohlgepflegten und günstig gelegenen Wiesen liefern reichliches Heu.
e. Beschäftigung. 684. An Beschäftigung fehlt es das ganze Jahr nicht. Das Frühjahr, theilweise auch der Herbst, wird durch das Düngerfahren (den Knecht, der Dünger ladet, nennt man wohl auch scherzweise „Ladendiener“) und Ausbreiten desselben, sowie die Bestellung der Felder in Anspruch genommen. Im Sommer, nach Johanni, folgt die Heuernte, im August die Getreideernte. Der beginnende Herbst bringt die Grummternte, der sich die Kartoffel- und Obsternte anschließt, bis endlich das Abschneiden des Krautes den Beschluß macht. (Ueber das Viehhüten vgl. 642.) Die rauhere Jahreszeit wird mit dem Dreschen, mit Spinnen, Klöppeln und Federschließen verbracht. — Bei diesen Arbeiten überwacht der Bauer das Ganze, besorgt den Ein- und Verkauf des Viehes und legt, wo es Noth ist, selbst thätig Hand an. Die Frau führt das gesammte Hauswesen, besorgt das Kochen, den Milchkram u. s. w. Den Knechten ist namentlich der Dienst bei den Pferden und deren Arbeit übergeben, während die Mägde das Melkvieh und deren Versorgung unter sich haben. — Bienenzucht findet sich nur in den milder gelegenen Thälern.
f. Kost. 685. Die Kost ist einfach, aber ausreichend. Im Sommer wird um ½5, im Winter ½6 Uhr aufgestanden. Gegen 7 oder 8 Uhr wird Kaffee getrunken, der allerdings mehr aus Surrogaten (Möhren, Wurzeln cichorium intibus, Gerste, Korn etc.) als aus arabischen Bohnen gebraut ist. Jeder trinkt gegen 5 „Schälchen“ (Untertassen) und verzehrt dazu einige bis eine Mandel Kartoffeln, oder etliche „Keile“ oder „Fitzen“ Brot, das aus Roggen, Gerste oder Hafer, oft auch aus einem Gemenge dieser Getreidearten gebacken wird. Um 9 oder um 10 Uhr hilft ein zweites Frühstück, in einem umfangreichen Butterbrod oder in Milch- oder Mehlsuppe bestehend, nach. Um 12 Uhr folgt das Mittagsessen, welches an dem weißgedeckten Tisch eingenommen wird. Es wird mit Gebet eröffnet und geschlossen und besteht entweder in einem Fleischgericht mit Gemüse oder in einer Milch- oder Kartoffelspeise. Sonn- und Festtags kommt Braten, gewöhnlich Kälberbraten mit gebackenen Pflaumen, oder mindestens gekochtes Fleisch. Die Wochentagsgerichte sind: Pökelfleisch oder Schwarzfleisch (d. i. geräuchertes Fleisch) und Klöse oder Sauerkraut, Wurst und Kartoffelbrei oder Preißelsbeeren, Schweinefleisch und Erbsen oder Linsen, Rindfleisch mit Reis, Häring und Kartoffelsalat, Reisbrei, Griesbrei, Milchbrei, Hafergrütze etc.; häufig ist auch ein verschiedenartig bereitetes Gebäck aus geriebenen Kartoffeln, Mehl und Milch, das auch entsprechend verschiedene Namen führt, als: Bröselgötzen, Pfannenzudel, Rauhemahd, Röhrenkloß, Lockerkloß, Bambes, Stamper, Polst, Stopper und dergl. Es werden wohl auch blos Kaffee und Kartoffeln aufgetischt. Um 4 oder 5 Uhr ist Vesperzeit, wo man sich durch Kaffee und Butterbrod stärkt, bis endlich Abends 7 Uhr Kartoffeln und Suppe oder Kaffee, im Sommer wohl auch Semmelmilch, den Schluß bilden. — 686. Das gewöhnliche Getränk ist Wasser, daneben Milch, in der Erntezeit und Sonntags Bier. Der Branntweingenuß ist mäßig. Dagegen wird viel Kaffee getrunken, meist täglich fünfmal, je 5 und etliche Tassen. Ein „Kaffeekoch“, d. h. das Kochen eines Kaffee’s kommt unter allen Verhältnissen erwünscht.
g. Charakter etc. 687. Der gebirgische Landmann ist religiös, bieder und schlicht, fest, zuweilen starrköpfig, schweigsam und arbeitsam, „er macht seine Arbeit still weg, mitunter ein Sturm.“ Er liebt Neuerungen nicht, auch ist ihm die Einsamkeit zuwider, daher gränzen die Güter meist an einander. Reinlichkeit und Sauberkeit findet man fast allgemein und es ist der Stolz der Hausfrau, durch blankgescheuerte Geräthe, durch ein wohlgehegtes Blumengärtchen und durch blendendweiße Wäsche sich auszuzeichnen. (Zu den hohen Festen z. B. wird was nur möglich gewaschen und gescheuert: Stühle und Schemel, Fußbänke und „Hitschen,“ Tische und Bänke, selbst die Holzgewände der Stuben und Kammern). — 688. Die gewöhnlichen Grüße und Gegengrüße der Bauern sind: guten Morgen, guten Tag, guten Abend, gute Nacht, schlaf’ wohl. Grüß’ Gott, Gott grüß dich, Hatje [Adieu], leb wohl, bleib gesund, behüt’ dich Gott; willkommen; schönen Dank.
h. Erholung. 689. Am Abend kommen die Nachbarn zusammen, oder der Vater liest aus dem Kalender, aus einer Zeitung (z. B. Dorfbarbier, erzgebirgischer Volksfreund etc.) oder einer Monatsschrift (z. B. Gartenlaube, erzgebirgische Hausblätter etc.), aus einem vom Pastor oder Schulmeister geliehenem Buche (namentlich Bücher aus dem zwickauer Volksschriftenverein) vor. Dann und wann wird die Schenke besucht. Die Glanzpunkte aber im Leben des Bauern bilden die ländlichen Feste.
§ 86. Obgleich durch die Ungunst des Bodens und des Klima’s die Lage des obergebirgischen Landmannes eine minder glückliche ist, als die des Bauers im Niederlande, so feiert er doch seine Feste, vielleicht eben deshalb, mit umso größerer Freude und innigerer Betheiligung. Dieselben sind zunächst als Ruhepunkte nach Vollendung einer der Hauptarbeiten in seinem Arbeitskreise zu betrachten.
a. Der Laubtanz. 690. Ein Fest in der Pfingstzeit, das regelmäßig auf einen Sonntag fällt und ungeduldig von den jungen Leuten erwartet wird. Schon einige Tage vorher pflückt man Laub, windet Kränze und Guirlanden und schmückt damit den Saal der Schenke in- und auswendig. Am Nachmittag des Festtages werden die Mädchen, welche Kränze mit Bandschleifen am Arme tragen, aus dem elterlichen Hause unter Musik geholt und mit „Gejauchze“ zieht man in den Saal, wo eine wohlbesetzte Tafel gerüstet ist. Nachdem die Mädchen ihre Kränze aufgehängt haben, setzt man sich und schmaust vergnügt. Nach dem Essen beginnt der Tanz, der bis in die späte Nacht hinein dauert (Sehma).
b. Das Gemeindebier. 691. Das Abhalten desselben ist nicht streng an eine Jahreszeit gebunden, doch geschieht es meistens im Sommer. Wer ein Grundstück gekauft hat, giebt seinen neuen Gemeindegenossen Bier zum Besten, und zwar hat er ein Gut gekauft zwei Tonnen, ein Haus eine Tonne. Das Bier wird in der Schenke von den Bauern und Häuslern, die mit ihren Frauen dahin zusammenkommen, vertrunken. Unter Tanz und Scherz wird der Abend heiter verbracht.
§ 87. c. Erntefeste. Vgl.: „Deutsche Erntegebräuche“, Aufsatz in den Grenzboten, 1860, Nr. 34. — 692. Hat der Hausvater auf seinem prüfenden Gang durch die Felder gefunden, daß das Getreide reif zur Ernte sei, so beginnen die Vorbereitungen zur morgenden Arbeit. Die Sensen werden hervorgeholt und die Tengelzeuge herbeigesucht. Am obern Theil des Sensenbaumes wird der Bügel aus Weiden-, Buchen- oder Birkenholz befestigt und „die Sense angeschlagen.“ Dort rüstet man den großen Erntewagen, indem die langen Leiterbäume aufgesetzt werden, hier werden Tenne und Böden von dem noch umherliegenden Stroh gesäubert, um der neuen Frucht eine ausreichende Stätte zu bereiten. Die Knechte setzen sich mit Tengelstock und Hammer unter die alte, schattenreiche Linde hinter dem Hofe und bald tönen die taktmäßigen Hammertöne des Tengelns weithin durch die abendliche Stille. Beim Grauen des nächsten Tages wird Leben im Hause, und nachdem die Arbeiten im Stalle besorgt und die große, braune Kaffeekanne am gemeinsamen Frühstückstisch zweimal geleert worden ist, zieht man hinaus auf das Feld. Die Schnitter die Sense auf der Schulter und die „Wetzkitze“ mit dem Wetzstein an dem Mähergürtel, die Schnitterinnen den Rechen tragend. Ist man zum Ziele gelangt, so werden die Sensen herabgenommen, noch einmal mit dem nassen Wetzstein die Schneide derselben gestrichen und mit einem „das walte Gott“ vollzieht der Hausvater den ersten Schnitterhieb. Indem er weiter mäht, rafft eine Schnitterin ihm noch die gefallenen „Schwaden“ auf und legt sie in Haufen auf die Stoppeln. Diesem Paare folgen die anderen. Gegen 9 Uhr erscheint die Hausfrau mit schwerbepacktem Korbe und Alles lagert sich an dem blumigen Feldrain, um an Butterbrod, Bier und Schnaps sich zu erquicken. Von Neuem geht man zur Arbeit, die man bis Mittag fortsetzt, wo man in das Gehöfte zurückkehrt. Eine dampfende Biersuppe, kräftiges Rindfleisch mit Reis, und kühlende Semmelmilch labt die müden Arbeiter. Am Nachmittag zieht man zur Vollendung des Werkes hinaus, das zur Vesperzeit durch eine im Freien aus Krügen verzehrte „Biermerthe“ unterbrochen wird. Zuletzt wird das gemähte Getreide in Garben gebunden und gepuppt, worauf man heim zum Abendbrode eilt und endlich von des Tages Last und Hitze ausruht. — Soll nun das geerntete Getreide eingefahren werden, so ist man abermals früh auf. Bis zum 2. Frühstück werden die Getreidepuppen aus einander genommen und die Garben auf das Feld geschlichtet. Nun erscheint der Erntewagen, auf dem der „Wiesbaum,“ die Garbengabel, Stricke und Seile liegen. Die Garben werden mittelst der Gabel auf den Wagen gereicht und der obenstehende Knecht schichtet sie regelrecht bis hoch über die Leiterbäume zu beiden Seiten. Langherüber wird hierauf der Wiesbaum über das volle Fuder gelegt und befestigt. „Schwer herein schwankt der Wagen kornbeladen.“
693. Ist die Getreideernte beendigt, weht der Wind über die Stoppeln, so giebt der Hausherr seinen Leuten gewöhnlich am nächsten Sonntag oder auch am Abend des letzten Erntetages ein kleines Fest, welches Stoppelhahn genannt wird. Die Hausfrau muß für Kuchen und Hefenklöse, aus dem neuen Waizen gebacken, sorgen, der „Kuhprinz“ muß ein Fäßchen Bier und eine ansehnliche Flasche „Branntewei“ aus der nächsten Stadt holen, die Räucherkammer liefert geräuchertes Fleisch und Küche und Keller das übrige. Ist die Mittagszeit herangerückt, so wird ein schneeweißes Tuch über den großen Eßtisch gebreitet, das bessere Geschirr aufgesetzt und alsbald erscheinen nun Knechte und Mägde, sowie die bei der Ernte thätig gewesenen Tagelöhner und Gehilfen. Steht endlich die dampfende Schüssel mit „Schwarzfleesch“ und „Artöppel Klies“ auf dem Tisch, so tritt auch der Bauer mit Frau und Kindern an die gerüstete Tafel. Ein längeres Tischgebet, von dem gewöhnlich jeder der Anwesenden ein Stück aufsagt, wird gesprochen und man setzt sich nun vor die lockenden Gerichte. Es wird tüchtig eingehauen und dabei dem umher gereichten Gläschen mit einem feurigen „Pfeffermünz“ oder Kümmel tapfer Bescheid gethan. Nachdem das Schlußgebet gesprochen, folgt Kaffee mit Kartoffel-, Zimmt-, Pflaumen-, und anderen Kuchen. Da öffnet sich die Thüre und die bestellten Musikanten, mit Ziehharmonika und Flöte, Geige und Klarinette treten herein. Schnell werden Stühle und Bänke auf die Seite geschafft, der Tisch in die Ecke geschoben und der Tanz beginnt. Der Hausvater in Hemdärmeln und die Hausmutter mit blendendweißer Schürze eröffnen den Reigen, ihnen folgen die Knechte und Mägde, die Tagelöhner mit ihren Frauen, die Kühjungen mit den Töchtern des Hauses und bald ist Alles voll Lust und Leben. Die Knechte stampfen auf den Boden, schnalzen mit der Zunge, jauchzen und schreien. Dazu kreist die Schnapsflasche und das Bierglas, auch an consistenterer Nahrung fehlt es nicht. Jeder vergnügt sich nach seinem Geschmack bis der „Kehraus“ gespielt wird. Mit Händedruck und Dank verabschiedet sich jedes von dem Gastgeber, wobei die Tagelöhner gewöhnlich noch mit einem Viertels- oder halben Kuchen für ihre Kinder daheim beschenkt werden.
694. Haben alle Güter einer Gemeinde geerntet, so folgt am nächsten Sonntage das Erntefest. Kirche und Haus werden mit Kränzen von Aehren und Blumen geschmückt. Wer nur irgend abkommen kann, geht in das Gotteshaus, wo die Erntepredigt gewöhnlich Nachmittags 1 Uhr gehalten wird. Im Hause fehlt es nicht an leiblichen Genüssen und am Abend wird die Schenke besucht, um bei Tanz und Spiel sich zu erfreuen und zu vergnügen.
695. Laut tönen nun wieder die Schläge des Dreschflegels aus allen Scheunen durch das Dorf. Man kommt an die letzten Garben und endlich wird auch das sogenannte „Gebrecht“, das Getreide, welches nach der Ernte auf der Stoppel zusammengerecht worden ist, gedroschen. Auf einmal schweigt in jener Scheune der Drescherschlag und lautes Gelächter schallt herüber. „Du hast den Panzelhahn geschlagen“ ruft Einer, „Schnaps her, Schnaps her“ der Andere. Der Schnaps wird durch den jüngsten Drescher geholt und nach der anstrengenden Arbeit folgt ein fröhliches Gelag. Der Drescher, der den letzten Schlag gethan, muß den Branntwein bezahlen, dem der Hausherr mitunter einen kleinen Imbiß (die „Flegelmoolzet,“ d. i. Flegelmahlzeit) hinzufügt. Das ist der sogenannte Panzelhahn.
§ 88. d. Die Kirmeß. 696. Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest des Landmanns, die Kirmeß. Es setzt schon lange voraus, Herzen und Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann und die Botenfrau muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie den Rahm gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben und bereitet nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker, um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. — Aber noch andere Opfer sind nöthig. Ein Schwein soll geschlachtet („Sauleed“ oder „Krumbeh“ gehalten) werden. Der Fleischer ist bestellt, der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennmaterial schon am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch gemangelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht das todte Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird getheilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich ertönt der Ruf: „das Wurstfleisch ist fertig“ und Alles eilt herbei, um an dem leckern Genuß sich zu laben. Nun folgt das Bereiten und Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein tüchtiges Bratstück ist zur Kirmeß ausgesucht und der Abend schließt mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmeßsonntag ist da. Beim Aufgang der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. „Die gute Kaffeekanne“ dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Thürmen von Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag, ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche, deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge. Jeder seiner Wohnung zu. — Welche Freude giebt es bei der Heimkunft. Der Vetter, aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbst erbautem Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten Kartoffelklöse und Sauerkraut, weißes Brod und Bier, vielleicht auch eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im silberweißen Haar rückt seinen alterthümlichen Lehnstuhl heran und von seinem wirthlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet. Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige „Kuchenteller“ bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen „ihre Lust“, wo auf Wegen und Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neusten Geschichten. Die rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch und Genuß, vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen Skat oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich zugerüstet ist. Alt und Jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und bald ist Alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, dann Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein, selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo nun auch die Verheirateten am Tanz sich betheiligen, bald einen Walzer, bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die Kirmeßlust beschlossen und mit Kuchenpaketen beladen ziehen die Gäste dankend heim. — Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich an der Mittwoch Haus und Arbeit allmälig wieder in das ruhigere Gleiß einlenken. — Am nächsten Sonntag verhallen in der „Klein-Kirmeß“ die letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch und die Hoffnung, „daß nächstes Jahr wieder Kirmeß ist“. Vgl. auch 879–886.
697. An manchen Orten (Dittersdorf) halten die Musikanten am Kirmeßnachmittag einen Umzug, wobei sie mit Kuchen beschenkt werden. Einer von ihnen ist als sogenanntes Kirmeßweib verkleidet. Ein Strohhut mit rothen, flatternden Bändern, berußtes Gesicht und dicht gedrehte Werglocken, auf dem Rücken einen Tragkorb zur Bergung des empfangenen Kuchens, in der rechten Hand ein langer Stab, in der linken eine brennende Laterne bilden, nebst buntscheckiger Weibertracht sein Kostüm. Von den übrigen Musikern begleitet geht der Zug bei dem Schall der Instrumente, und unter mancherlei Scherz und Schabernack, gefolgt von der Dorfjugend, von Gehöfte zu Gehöfte, und lenkt endlich wieder in die Schenke ein, wo man sich an der erblasenen Sammlung ein Gütliches thut.[2]
§ 89. Ehe wir von dem gebirgischen Landmann sammt seinem Thun und Treiben scheiden, müssen wir noch der sogenannten Bauerregeln gedenken, da diese auf sein Leben, namentlich auf die Anordnung seiner wirthschaftlichen Arbeiten, nicht ohne Einfluß sind. Wir stellen hier die zusammen, die auf einer gewissen Naturbeobachtung beruhen, da wir diejenigen, welche ein abergläubisches Gepräge an sich tragen, bereits im ersten Abschnitt erledigt haben. Dabei beschränken wir uns auf die, welche aus dem Munde der gegenwärtigen Bevölkerung gesammelt sind, also mehr oder weniger noch jetzt gläubige Anhänger und gehorsame Befolger haben. Der Naturwissenschaft aber überlassen wir es den wirklichen Gehalt derselben zu prüfen. Vgl.: Böbel, Haus- und Feldweisheit des Landwirths, Berlin 1854.
§ 90. A. Nach der Zeit geordnet. a. Die Monate des Jahres. Januar. 698. Sind im Jenner die Flüsse klein, giebt’s vielen und guten Wein (Marienberg). — 699. Januar warm, daß Gott erbarm (allg.). — 700. Ein schöner Januar bringt ein gutes Jahr (Annaberg). — 701. Wie der Januar, so der Juli (Grünstädtel). — 702. Wenn Gras wächst im Januar, wächst es schlecht im ganzen Jahr (Grünstädtel). — 703. Giebt’s im Januar viel Regen, bringt’s den Früchten keinen Segen (Grünstädtel). — 704. Tanzen im Januar die Mucken [Mücken], muß der Bauer nach dem Futter gucken (Marienberg). — 705. Wenn der Januar gelind ist, so folgt ein rauher Frühling und ein heißer Sommer (Geier).
Februar mit Lichtmeß, Fastnacht etc. 706. Wie der Februar, so der August (Grünstädtel). — 707. Spielen die Mücken im Februar, friert Schaf und Bien’ durch’s ganze Jahr (Lößnitz). — 708. Wenn im Hornung die Mücken schwärmen, muß man im März den Ofen wärmen (Annaberg). — 709. Wenn im Februar die Lerchen singen, wird’s uns Frost und Kälte bringen (Zwönitz). — 710. Wenn’s der Hornung gnädig macht, bringen März und April den Frost bei Nacht (Grünstädtel). — 711. Die weiße Gans [Schnee] im Februar, brütet Segen für’s ganze Jahr (Lößnitz). — 712. Rollt im Februar der Donner, rollt’s noch mehr im ganzen Sommer (Aue). — 713. Donnert es über den kahlen Busch, so kommen viel Gewitter (Marienberg). — 714. Dunkle Lichtmessen [2. Februar] bringt reichlich Essen; Lichtmeß helle, bringt Mangel zur Stelle (Grünstädtel). — 715. Wenn an Lichtmeß die Sonne scheint, dauert der Winter noch lang (allg.). — 716. Wenn es zu Lichtmeß trüb ist, so kann der Schäfer vier Wochen eher austreiben, scheint aber die Sonne, so muß er vier Wochen länger zu Hause bleiben (Raschau). — 717. Der Schäfer sieht Lichtmeß lieber den Wolf im Stall, als den Sonnenschein (Zöblitz). — 718. Sonnt sich der Dachs in der Lichtmeßwoch, geht er vier Wochen wieder zu Loch (Grünstädtel). — 719. Lichtmeß im Klee, Ostern im Schnee (Raschau). — 720. Wenn es zu Alphonsus oder Desiderius [11. Febr.] regnet, hören die Fröste auf (Ehrenfriedersdorf). — 721. Petri Stuhlfeier [22. Febr.] kalt, die Kälte noch anhalt (Geier). — 722. Matthis [Matthäus, 24. Febr.] bricht’s Eis; find’ er keins, so macht er eins (Stollberg). — 723. Trockne Fasten, gutes Jahr (Grünstädtel). — 724. Wenn zu Fastnacht die Sonne Vormittags scheint, so säe man den Flachs zeitig, scheint sie aber Nachmittags, später (Marienberg), vgl. 85.
März und Frühling. 725. Märzschnee thut der Saat weh (Marienberg). — 726. Hält der März den Pflug beim Sterz [d. h. kann man im März pflügen], hält April ihn wieder still (Grünstädtel). — 727. Märzenstaub bringt Gras und Laub (Raschau). — 728. Märzenlaub wird gern vom Frost verzehrt (Lauter). — 729. März nicht zu trocken, nicht zu naß, füllt dem Bauer Kisten und Faß (Annaberg). — 730. Wenn im März der Schnee zerfließt, kommt viel Hagelwetter im Sommer (Raschau). — 731. Wer im Frühling den Pflug trocken hinausführt, bringt ihn im Herbst wieder naß herein (Sehma). — 732. Jeder Märznebel kommt nach hundert Tagen als Regen wieder (allg.).
§ 91. April und Ostern. 733. April kalt und naß, füllt Scheuer und Faß (allg.). — 734. Regnet’s warm im April, so erntet der Bauer in Füll’ (Marienberg). — 735. Sei der April noch so gut, er schickt dem Schäfer den Schnee auf den Hut (Annaberg). — 736. St. Georg und St. Markus [24. 25. April] drohen oft viel Arges (Lößnitz). — 737. Wenn es Charfreitag regnet, wird ein trockner Sommer (Raschau). — 738. Charfreitag- und Osterregen bringen schlechte Erntesegen (Annaberg). — 739. Regnet’s in die Ostern hinein, wird zu Wasser auch der Wein (Marienberg), vgl. 109 u. 128.
Mai und Pfingsten. 740. Donner im Mai, Sturm in’s Heu (Grünstädtel). — 741. Abenthau und Kühl’ im Mai bringt viel Wein und Heu (Annaberg, Lößnitz). — 742. Mai kühl, Juni naß, füllt Scheuer und Faß (Marienberg). — 743. Nach Pankraz und Servaz [12. u. 13. Mai] schaden die Nachtfröste den Früchten nicht mehr (Raschau). — 744. Ist es schön auf Petronell [31. Mai], meßt den Flachs ihr mit der Ell’ (Marienberg). — 745. Pfingstregen bringt reichen Erntesegen (Lößnitz). Vgl. auch 144.
Juni, Sommer etc. 746. Wer nicht geht mit Sichel und Rechen auf’s Feld, wenn Bienen und Bremsen stechen, der muß gehen mit dem Strohseil und fragen, wer hat Heu feil (Marienberg). — 747. Brachmonat naß, leert Scheuer und Faß (Marienberg). — 748. Wenn kalt und naß der Juni war, verdirbt er meist das ganze Jahr (Annaberg). — 749. Durch den Juniwind aus Norden ist noch nichts verdorben worden (Marienberg). — 750. Das Kraut ist vor Johanni [24. Juni] zu stecken (Frohnau), vgl. 151 u. 152. — 751. Der Brachmonat muß die Weiberlaunen haben (Marienberg). — 752. Wenn es am Siebenschläfer [27. Juni] regnet, so regnet es sieben Wochen lang (allg.), vgl. 156.
§ 92. Juli, Hundstage etc. 753. Wind im Juli vom Niedergang [Westen] ist des Regens Anfang (Lößnitz). — 754. Viel Fliegen, viel Korn (Marienberg). — 755. Wenn es zum Medardus [8. Juli] regnet, regnet es 30 Tage lang (Marienberg). — 756. Hundstage [vom 24. Juli bis 24. Aug.] hell und klar, zeugen ein gutes Jahr (allg.). — 757. Treten die Hundstage gut ein, so wird vier Wochen gutes, treten sie schlecht ein, vier Wochen schlechtes Wetter (Geier). — 758. Wenn die Hundstage gut eintreten, treten sie schlecht aus (Geier). — 759. Jakobi [25. Juli] darf’s nicht regnen; regnet es, so regnet es den Weibern in den Backtrog (Markneukirchen). — 760. Zu Jakobi werden die neuen Erdäpfel probirt (Lauter), vgl. Aug. — 761. St. Paulus (29. Juli) klar, ein gutes Jahr (Marienberg).
August. 762. Was im August nicht bäckt, wird im September nicht braten (Marienberg). — 763. Giebt’s im August Sonnenschein, so wird die Ernte besser sein (Mildenau). — 764. Die Nächte kühl, die Tage schwühl, dann wird der Ernte viel (Marienberg). — 765. Laurentius [10 Aug.] werden zum erstenmal Kartoffeln geschüttelt, d. i. probirt (Markneukirchen). — 766. Um St. Laurenti Sonnenschein, bedeutet ein gut Jahr von Wein (Lößnitz). — 767. Himmelfahrt Mariä [15. Aug.] hell und rein, bringt guten Wein (Grünstädtel). — 768. Bartholomä [24. Aug.] Bauer sä. Oder genauer: Bartholomä Korn sä, Grummt mäh (Markneukirchen). — 769. Wenn zu Bartholomä der Himmel voller Wolken ist, bekommen wir viel Schnee (Raschau). — 770. Bartholomä werden die Kartoffeln geschüttelt (Annaberg). — 771. Bartholomä sch.... der Teufel die schwarzen [Heidel-] Beere (Annaberg).
September und Herbst. 772. Septemberregen ist der Saat gelegen (Annaberg). — 773. Wenn die Blätter im Herbste spät abfallen, so deutet dies auf einen harten Winter (Lößnitz). — 774. Sitzt das Laub lange an den Bäumen, wird der Winter auch nicht säumen (Annaberg). — 775. Egide [1. Sept.] Sonnenschein, tritt ein schöner Herbst ein (Raschau). — 776. Auf Mariä Geburt [8. Sept.] zieht die Schwalbe fort (Annaberg). — 777. Wenn der Michaelistag [29. Sept.] in den zunehmenden Mond fällt, so wächst im nächsten Jahre viel Futter (Raschau), vgl. 157.
§ 93. Oktober. 778. Viele Nebel im Oktober geben viel Schnee im Winter (Marienberg). — 779. Wie die Witterung im Oktober ist, wird sie auch im März sein (Lößnitz). — 780. Im Oktober sind die Pferde pober (Zschopau). — 781. Zu St. Gall (16. Okt.) bleibt die Kuh im Stall (Voigtsdorf). — 782. St. Gallen läßt den Schnee fallen (Annaberg). — 783. Urschel [Ursula; 21. Okt.] fei, hackt’s Kraut rei (Frohnau). — 784. Simon und Judith [28. Okt.] bringen den Winter mit (Annaberg).
November. 785. Geht die Gans zu Martini [11. Nov.] auf dem Eise, so geht sie zu Weihnachten auf dem Dreck (allg.) — 786. Geht die Gans zu Martini auf Dreck, so geht sie zu Weihnachten auf Eis (Lößnitz). — 787. Heut ist der Märts [Martini], nun kommt er [der Winter] gepärzt [schnell gerannt] (Annaberg). — 788. Andreasschnee [30. Nov.] treibt die Preise in die Höh’ (Marienberg).
December, Winter, Weihnachten: 789. Kommt die Feldmaus in’s Haus, ist der gelinde Winter aus (Marienberg). — 790. Große Windwehen, große Heuschober (Raschau). — 96. Neuer Schnee, neue Kälte (allg.). — 791. Grün Weihnacht’, weiß Ostern; weiß Weihnacht’, grün Ostern (allg.) — 792. Wenn es zu Weihnachten sieht wie Klee, hängen die Palmen [die Bäume am Palmsonntage] voller Schnee (Raschau). —793. Wenn es in der Christnacht schneit, geräth der Hopfen (Lößnitz), vgl. 20–24.
§ 94. b. Andere Zeitbestimmungen. Der Quatember: 794. Wie das Wetter am Quatember ist, so bleibt es in dem folgenden Vierteljahre (allg.). — 795. Wenn es zum Quatember regnet, so regnet es noch hundert Stunden, dann wird schönes Wetter (Ehrenfriedersdorf). — 796. Wo die Luft in der hundertsten Stunde nach dem Quatember herkommt, kommt sie das ganze Jahr her (Ehrenfriedersdorf). Bestimmte Wochentage: 797. Wenn es am 1. Sonntag im Neumond regnet, regnet es alle vier Sonntage (Raschau), vgl. § 18. — 798. Was der Sonntag will, bringt der Freitag (Marienberg), oder: wie der Freitag, so der Sonntag (Schneeberg).
Tageszeiten: 799. Morgenroth bringt Wind oder Koth (allg.). Dagegen: Abendrieth [Abendröthe] bringt schi [schönes] Wätter mit, oder: Abendroth ist ä guter Wetterbot (allg.). — 800. Wenn es in der Mittagsstunde zu regnen oder zu donnern anfängt, regnet es an dem Tage fort (Sosa).
§ 95. B. Erscheinungen an Naturdingen. a. Wolken, Regen, Thau etc.: 801. Spitze Wolken verkünden Regen. — 802. Wenn die Sonne Wasser zieht, kommt am folgenden Tage Regen (Raschau). — 803. Scheint die Sonne auf ’n nassen Busch, kommt bald ein anderer Husch [Regenschauer] (Schneeberg). — 804. Wenn ein Regenbogen entsteht, regnet es den anderen Tag wieder (Schwarzenberg). — 805. Wenn es, während ein Regenbogen am Himmel steht, regnet, so regnet es noch drei Tage hintereinander (Raschau). — 806. Kleiner Regen mag großen Wind legen (Annaberg). — 807. Ist der Regen wie Staub so fein, soll der Bote guten Wetters sein (Annaberg). — 808. Wenn es regnet und die einzelnen Tropfen bleiben an den Fensterscheiben hängen, so regnet es eine Zeitlang fort (Ehrenfriedersdorf). — 809. Wenn die Regentropfen, die in einen Teich oder überhaupt in stehendes Wasser fallen, Blasen bilden, so regnet es eine Zeitlang fort (Raschau). — 810. Der Regen, der bei Sonnenschein fällt, wird Mühlthau [Mehlthau] genannt und ist giftig; er schadet den Blüthen (Zschopau). — 811. Hat es über Nacht stark gethaut, so wird schönes Wetter (allg.).
§ 96. b. Thiere und Pflanzen: 812. Wenn sich der Hund auf dem Rücken herumwälzt, so folgt schlechtes Wetter (Raschau, Geiersdorf), vgl. § 21 a. — 813. Wenn der Hund oder die Katze Gras frißt, wird schlechtes Wetter (allg.). — 814. Wenn die Katze an den Stühlen kratzt, wird anderes Wetter (Raschau), vgl. § 21 d. — 815. Wenn die Kühe im Herbste viel in die Höhe schnaufen, so schneit es bald (Sosa). — 816. Wenn die Gänse sich früh baden, wird schönes Wetter, baden sie sich Nachmittags, schlechtes Wetter (Raschau). — 817. Wenn es regnet und die Gänse halten die Köpfe in die Höh’, so hört es bald wieder auf (Sosa). — 818. Wenn die Hühner hoch, d. i. auf Bäume oder Dächer fliegen, wird schlechtes Wetter (Raschau), vgl. § 22 h. — 819. Wenn es regnet und die Hühner treten unter, so regnet es fort, bleiben sie aber im Freien, so hört es bald wieder auf (Sosa). — 820. Wenn der Hahn auf den Gartenzaun fliegt, wird schönes Wetter (Breitenbrunn). — 821. Wenn die Hähne oft krähen, wird anderes Wetter (Raschau). — 822. Wenn der Hahn früh um 3 Uhr und Nachmittags kräht, so wird schönes Wetter, kräht er aber Vormittags, schlechtes (Raschau). — 823. Wenn sich die Tauben baden, wird schlechtes Wetter (Zschopau). — 824. Wenn die Schwalbe hoch fliegt, wird gutes Wetter, fliegt sie aber niedrig, auf der Erde oder auf dem Wasser hin, wird schlechtes Wetter (allg.), vgl. § 22 i. — 825. Wenn die Krähen über die Stadt oder das Dorf fliegen, wird schlechtes Wetter (Sosa). — 826. Wenn sich die Dohlen paaren, ändert sich das Wetter (Marienberg), vgl. § 22 f. — 827. Wenn die Fledermaus fliegt, wird gutes Wetter (Zöblitz). — 828. Wenn sich die Sperlinge im Staube baden, wird schlechtes Wetter (Schneeberg). — 829. Wenn die Frösche naß sind, regnet es nicht, wenn sie aber trocken sind, kommt Regen (Raschau, Sosa). — 830. Wenn die Spinne in ihr Netz geht, so wird schönes Wetter, zieht sie sich aber in ihren Schlupfwinkel zurück, so wird schlechtes Wetter (allg.), vgl. § 22 l. — 831. Wenn die Mücken säulenförmig spielen, wird schlechtes Wetter (Schneeberg).
832. Blüht der Weißdorn, so wird es warm, blüht der später blühende Schwarzdorn, so wird es kalt (Zschopau). — 833. Viel Kratzbeeren [Brombeeren], harter Winter (Lengefeld). — 834. Wenn das Haidekraut viel blüht, wird ein strenger Winter (Marienberg). — 835. Der Rettig früh Gift, Abends Arzenei (Raschau). Vgl. auch § 23.
III. Haus und Familie.
§ 97. Hausbau und Hochzeit, Taufe und Begräbniß sind, abgesehen von den dabei stattfindenden Schmausereien, mit mancherlei Gebräuchen und Sitten ausgestattet. Vgl. § 44–46.
1. Hausbau. 836. Ist der Dachstuhl aufgesetzt, so wird das Haus gehoben. Der Besitzer ladet Freunde, Nachbarn u. s. w. ein, ihm das Haus heben zu helfen. Die Bauleute schmücken ein Tannen- oder Birkenbäumchen mit bunten Tüchern und Sträußen und befestigen dasselbe an der Giebelspitze des Daches. Hierauf versammeln sie sich in sonntäglichem Anzuge sammt den Gästen des Bauherrn. Der Baumeister oder der Obergeselle besteigt den First und hält von der Höhe herab eine kurze Ansprache. Am Schlusse derselben trinkt er auf das Wohl des Besitzers und seiner Familie und wirft das geleerte Glas herunter. Zerbricht es, so ist es ein günstiges Anzeichen, bleibt es ganz, so bedeutet es Brand- oder anderes Unglück (vgl. 229 u. 887). Die ganze Versammlung singt hierauf das Lied: Nun danket Alle Gott. Mahl (der „Hebeschmaus“) und Tanz beschließt die Festlichkeit.
2. Hochzeit. 837. Die Brautleute werden von Verwandten und Freunden mit Geschenken, mit einem Hausrath, bedacht (allg.). — 838. Der Kutscher, der das Brautpaar zur Kirche führt, bekommt ein buntes Tuch an den Rock gesteckt (Mildenau). — 839. Während das Brautpaar auf dem Weg zur Kirche ist, sowie bei der Rückkehr aus derselben, wird mit Pistolen, Böllern u. s. w. geschossen (Geiersdorf, Schwarzbach). — 840. Auf dem Wege zur Kirche wird das Brautpaar mit getheerten Stricken angehalten und muß sich mit Geld lösen (Zschopau). — 841. Bei dem Hochzeitsschmaus darf die Brautsuppe nicht fehlen (Grünstädtel) und nur Ein Glas wird auf den Tisch gesetzt (Mildenau). — 842. Während des Tanzes suchen die junge Burschen die Braut zu „rauben“: gelingt es, so wird der unachtsame Bräutigam durch Hohngelächter gestraft (Schneeberg). — 843. Der Brautkranz wird der Braut unter Scherzreden abgenommen und sie statt dessen mit einer Haube geschmückt, während der Bräutigam hie und da mit einer Zipfelmütze beglückt wird. — 844. Nachdem der Braut der Kranz abgenommen ist, werden ihr die Augen verbunden und ihr der Kranz in die Hand gegeben. Hierauf bilden ihre Freundinnen einen Kreis und tanzen um sie herum. Welchem Mädchen die Braut mit verbundenen Augen den Kranz hinreicht, dieses ist die nächste Braut (Schneeberg). — 845. Wenn das junge Ehepaar auf dem sogenannten Kammerwagen, der die Ausstattung der Braut enthält, aus dem Dorfe fährt, so werden sie aufgehalten, indem man zwei Rechen zusammenbindet und über den Weg hält (Zschopau), oder ein buntes Band in der Mitte mit einem Herzchen verziert (Schwarzbach), davor zieht. Die Gehemmten müssen sich mit einem Geldstück lösen. — 846. Noch gedenken wir eines Gebrauchs in Annaberg, der seit der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Wegfall gekommen ist: Vor dem Hochzeitshaus wurde gegen eine Abgabe von 1 Thlr. 14 Ggr. an die städtische Kasse, die „Hochzeitsküche“, eine Art Bude, in der die Speisen zubereitet wurden, aufgeschlagen. Diese Abgabe mußte bezahlt werden, auch wenn diese Küche nicht beansprucht wurde.
§ 98. 3. Taufe. 847. Sind die Pathen in der Kirche angelangt, oder mit dem Täufling wieder daheim angekommen, so stecken sie dem Kinde den „Pathenbrief“ mit einer Denkmünze oder einem Geldstück in das Einbindebett (vgl. 888). — 848. Wenn die Gevattern aus der Kirche in das Haus zurückkehren, so kommt ihnen der Kindtaufsvater mit der Branntweinflasche entgegen und „schenkt“ Jedem einmal (Schwarzbach). — 849. Bei dem Kindtaufsessen sitzen die Gevattern oben an. — 850. Das „Liebereigeben“ in Ehrenfriedersdorf: Wenn die Gäste beim Kindtaufsschmause sitzen, wobei die beiden Gevattersbursche die Gevattersjungfrau in der Mitte haben (wenn das Kind ein Knabe ist; ist das Kind ein Mädchen, so sitzt der Gevattersbursche obenan und zu seinen Seiten die beiden Gevatterinnen), so nehmen jene, nach einer kurzen einleitenden Ansprache der Hebamme, die zugleich den Ceremonienmeister macht, je ein gefülltes Bierglas, welches mit einem Teller bedeckt ist und trinken ihrer Mitgevatterin mit den Worten zu: „Prost auf die Lieberei.“ Diese antwortet: „Wohl bekomm’s auf die Lieberei.“ Die Wechselreden auf die „Lieberei“ werden nun eine Zeitlang unter Witz und Scherz fortgesetzt, bis endlich unversehens das Mädchen ein Geschenk (z. B. eine Porzellanfigur oder dergl.) auf einen Teller legt. Dies befriedigt jedoch die jungen Leute nicht, und daher wird der Wettstreit fortgesetzt, bis die Gevatterin ein Geschenk bietet, das den Erwartungen entspricht, z. B. eine Tasse. Als Gegengeschenk empfängt die Gebende eine Zuckerdüte. — 851. Während der Taufmahlzeit geben die weiblichen Pathen dem Mitgevatter ein Geschenk, z. B. eine seidene Weste. Dafür bezahlt dieser die „Auflage“ (d. h. einen Beitrag zur Schulkasse oder zu anderen Zwecken, der gewöhnlich mittelst eines herumgehenden Tellers einkassirt wird) für seine Gevatterinnen (Schwarzbach). — 852. Die Taufe wird bei Familien der höheren Stände meist im Hause vollzogen, bei bürgerlichen Familien geschieht dies jedoch nur im Nothfall. — 853. Wir lassen die Beschreibung eines Tauffestes, wie es etwa in einer Bürgerfamilie Annabergs vor ohngefähr 30 Jahren gehalten wurde, folgen. Der Hauptsache nach herrschen auch jetzt noch dieselben Gebräuche. Gewöhnlich wurde gleich im Gevatterbrief, welchen jedesmal die Hebamme oder „Wehfrau“ brachte, zum Essen eingeladen und man bemaß darnach die Eingebinde und Geschenke. Nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst, oder in der Woche um 3 Uhr, wurden die zwei Nebengevattern in die Kirche gefahren, der oder die Pathe aber zur Abholung des Täuflings in das Kindtaufshaus. Nach beendigter Taufe fuhren alle mit dem Täufling nach Hause, wo zunächst Kaffee und Kuchen servirt wurden. Dieser Kuchen war sehr gut und drei bis vier Finger hoch, weshalb er „dicker Kuchen“ genannt wurde. Während des Kaffee’s wurden die Kinder der Pathen und der übrigen Gäste, die sogenannten „Zupfgäste“, spazieren gefahren. Nach deren Zurückkunft fuhr man die weiblichen Gevattern nach Hause, um sich umzukleiden, während die männlichen im Taufhause blieben und sich bei Bier und Tabak (letzterer lag auf einem zinnernen Teller und wurde aus Thonpfeifen geraucht) unterhielten. Nach der Rückkehr der Frauen und Jungfrauen blieb die Gesellschaft beisammen und vertrieb sich die Zeit bis zum Abendessen auf mannichfaltige Weise. Neuerdings ist es Sitte, nach dem Kaffee durch die gemeinsame Fahrt nach einem der Dorfwirthshäuser wo Tanz ist, namentlich nach Sehma, die Zeit sich zu verkürzen. Das Abendessen bestand entweder in gebratener Schweinskeule mit Sauerkraut, oder in gekochten Schinken mit Pflaumen, Preiselsbeeren, Hagebutten mit Rosinen, oder mit Salat; auch Karpfen mit Krautsalat oder Rindfleisch mit gedämpfter Brühe, Rosinen und Mandeln waren gebräuchlich. Als Zukost gab man Semmeln oder Brodchen, die man wohl auch aushöhlte und mit Hagebutten, Rosinen oder gebackenen Pflaumen sammt der Brühe füllte und an die kleinen Zupfgäste vertheilte. Nach dem Essen wurden Pfänder- oder andere Gesellschaftsspiele vorgenommen und nach Mitternacht wieder Kaffee und Kuchen aufgetragen. — Am Tage nach der Kindtaufe erhielt jeder Gevatter ein Viertel „dicken Kuchens“ in das Haus geschickt. Sehr gewöhnlich war es, daß die Gevattern am nächsten Sonntag einen Wochenbesuch machten, wo wieder Kuchen und Kaffee und gegen Abend Butterbrod mit kalter Küche vorgesetzt wurde.
854. Bei der Taufe, als dem Feste der Namensgebung, gedenken wir noch der sehr verbreiteten Sitte der sogenannten „Spitznamen.“ Es wird bei diesem meist der Taufname (natürlich im Volksdialekt) dem Familiennamen angehängt, z. B. „Richterlieb“ (Gottlieb Richter). Hat nun dieser Richterlieb einen Sohn Karl, so heißt dieser „Richterliebkarl“ und dessen Sohn Gottfried wird nun „Richterliebkarlfried“ oder mit Hinweglassung des großväterlichen Taufnamens „Richterkarlfried“ genannt. Andere Beispiele sind: „Hansenfritzenkarlfried“, „Bachfritzkarl“, „Bauerhanscordel“, vgl. 858 u. 859. — Andere Spitznamen leiten sich von dem Stande oder dem Namen der Wohnung ab. Z. B. es wohnt Jemand in einer Mühle, die „Sorge“ genannt, so wird er der „Sorgenmüller“ genannt, auch wenn er gar nicht Müller heißt, oder bestimmter, wenn sein Taufname Karl ist, der „Sorgenmüllerkarl“. Sein Sohn, der vielleicht August heißt, wird als „Sorgenmüllerkarlgust“ bezeichnet, auch wenn er einen andern Beruf, als sein Vater gewählt hat. — „Schneiderliebgust“ ist der Sohn August des Schneiders Gottlieb N. N. — Auch von anderen Umständen und Verhältnissen wird der Spitzname entnommen, z. B. hat Jemand die Gewohnheit nur fuchsfarbige Pferde zu halten, so nennt man ihn selbst Fuchs und hängt den Taufnamen dazu, also „Fuchsdavid“, seine Tochter Auguste heißt „Fuchsdavidguste“ u. s. w.
4. Begräbniß. Bezüglich der Leichenbegängnisse sind uns keine eigenthümlichen Gebräuche mitgetheilt worden. Denn die folgenden sind allgemein verbreitet: 855. Der Schulmeister begiebt sich mit der erwachsenen Schuljugend, deren Einer das Kreuz vorträgt, unter dem Geläute Einer Glocke zur bestimmten Stunde, gewöhnlich Nachmittags 1 Uhr, in das Trauerhaus. Dort werden einige Lieder aus dem „Sterbebüchel“ und zuletzt eine Arie gesungen. Dann setzt sich der Zug nach dem Gottesacker in Bewegung (Geiersdorf). — 856. Ist der Sarg in das Grab gelassen, so werfen die Angehörigen je drei Hände voll Erde darauf (allg.). — 857. Beim Begräbniß eines Soldaten, der einen Feldzug mitgemacht hat, wird von den begleitenden Kameraden über das Grab geschossen (Marienberg). — Ueber Leichenbegängniß und Begräbniß in Annaberg vgl. der Gottesacker zu Annaberg (Annaberg, 1860), S. 140 ff.
Anhang.
§ 99. Lieder und Reime im obererzgebirgischen Volksdialekt.
1. Weihnachten.
Folgende zwei Weihnachtsgedichte erläutern vielfach das oben §§ 5 und 6, sowie 49 und 50 Angeführte. Beide sind Volkslieder. Vergl. auch: Simrock, deutsche Weihnachtslieder, Leipzig, 1859.
858. Weihnachts heiliger Ohmd[3].
’n Hammer sei Liedel. (Aus Marienberg mitgetheilt.)
Schwenze lenz! heut’ bi ig fruh ’s wor mer lange Zeit net suh! Will heut Döbes[4] machen! Kinner[5], ig hob Gald, wie Heu. ’s kanne lecht zwee Tholer sei, — Ja drüm kah ich lachen! Sah dos heilig Ohmdlicht a, ’s sei fei ruthe Blümle dra. Unn a klahns[6] Gesprüchel![7] Hob zwee Grosch’ derfür bezohlt, Selber su schie ahgemohlt, Wie a Tahfet[8]-Tüchel. Fix! ne Krunelechter ro, Dann ig zammgepitzelt[9] ho, Unn vergold’t su machtig! Sahtt die golding Engele, Zwischen Sträuchla wackeln se, Ah, dos steht su prachtig! Su! Nu iß er ahgezünd’t; Ei wie schi der Lechter brünnt ’s kloppt mers Harz vor Fraden. Ach, die Schwarzbersträuchla[10] sei Ahgesah be Licht so fei Thunna racht schi kladen[11]. Söll de ganze Sach wos tähng[12], Muß mer ah a Pfeifel rähng![13] Drüm will ig ahns stoppen. Do dar Kopp vun Porzelih[14] Iß dar epper net recht schi? Muß ’ne ärst auskloppen. Nogert[15] will ich hutzen[16] gih, Heut beschärt’s ne Kinnern schi, ’s iß gu heut Bornkinnel. Kumme ah de Madle nog, Bi dan Greten[17] gut mei Tog, ’s iß a lus Gesinnel![18] Bi a löd’ger[19] Poß,[20] unn ho Nog enn Schatz ball hie, ball do Schu gestrabbt vun Harzen. Ober dos iß wunnerlig,[21] Kane[22] thut, als will se mig; Nu, ig kah’s verschmarzen. Gutte Nacht, derweil, ihr Leut’ — Weckt mig morn’g ze rachter Zeut, Morn’g[23] giht’s in de Mätten! Wenn mer su de halbe Nocht Hod fei lustig zugebrocht, Kreucht mer in de Betten.
859. Zum heiling Ohmd.
Gedicht von verw. Frau v. Elterlein in Schwarzenberg, geb. Benckert aus Annaberg.
Heut is der heil’ge Ohmd ihr Mäd, Kummt rei, mer gießen Blei. Fritz löf geschwind zur Hanne Christ, Se soll bei Zeiten rei. Mer hahm d’n Lächter[24] a’gebrannt; Satt[25] nuf, ihr Mäd, die Pracht. Do drühm bei euch, is a recht fei, Ihr hot ’ne Sau geschlacht. Ich hob mer a e Lichtel köft, Ver zwee un zwanzig Pfäng’. Gi Hanne hul’ ä Tüppel[26] rei, Mei Lächter is ze eng. Kahr,[27] zindt ä Weihrauchkärzel a, Doß a wie Weihnacht riecht; Unn stell’s ner of des Scherbel[28] dort, Dos unnern Ufen liegt. Lott’[29] dorten of der Hühnersteig[30] Do liegt men’ Lob[31] sei Blei. Mähd raffel[32] fei nett sehr dort rüm, S’ist[33] werd der Krienerts[34] scheu. Denn’s Mannsvulk hat sei Frehd an wos, Sei’s a an wos ner will. Mei Voter hot’s an Vugelstell’n, Der Kahr, der hot’s an Spiel. Ich gieß fei erst, wänn krieg’ ich da? Saht her en Hommerschmied! De Karlin[35] lacht, die denkt gewiß, Ich män ihr’n Richter Fried. Mer ham a sächzähn Butterstoll’n, Su lang wie ’n Ufenbank. Ihr Mäd, do werd’ gefrässn wär’n, Mer wär’n noch Alle krank. Mer ham a neunerlä gekucht, A Worscht unn Sauerkraut. Mei Mutter hot sich o geploocht,[36] Die ale[37] gute Haut. Fritz brock de Semmelmillich ei, Nasch ader[38] net derfu.[39] Ihr Ghunge[40] wärft kee Räspel[41] nei In’s heilig Ohm’nd Struh. Wär gieht den über’n Schwammentupp?! Nu Lotte ruh’ste nett! Wart, wenn när weerd der Voter kumm’, Do mußt dee glei ze Bett. Nä hurcht ner a mohl in Ufentupp, Dos Rumpeln und dos Geig’n. Na wenn es när nett winseln thut, Denn s’ist bedett’s[42] noch Leich’n. Den heiling’ Ohmd üm Mitternacht, Do läft statt Wasser Wei.[43] Wenn ich mich ner nett färchten thät, Ich hult ’n Tupp voll rei. Denn drühm an Nachbar’sch Wassertrug Do stieht ä grußer Mah.[44] Und wär nett reichte Tohzen[45] hat, Dän läßt er gor nett na. Lob hul derweil den Hanne Lieb[46] ’n Voter ä Kännel Bier. ’noch,[47] wenn de kümmst, do singe mer:[48] „Ich freue mich in Dir.“ Ihr Kinner, gieht in’s Bett nu nuff, Der Seeger zeigt schu ens. Ob mer ä Weihnacht wieder erle’m?[49] Wie Gutt will, su gescheh’s.
2. Neujahr (vgl. 586).
Ein verbreiteter Scherzreim, namentlich auf dem Lande, ist folgender:
860. Ich gratelir euch a zum neuen Kahr ’ne Kop vuller Haar, ’ne Stohl vuller Hüner, ’ne Buden vuller Kerner.
3. Fastnacht.
Wenn die Kinder „Spießeinrecken“ gehen (vgl. 66), singen sie folgende Liedchen:
861. Do reck ich män Spieß ei Ueber’n Herrn sän Tisch nei. Steckt er mir a Kräppel nah, Is er oh a feiner Ma. Is er ader a gorst’ger Ma, Steckt er mir ä Dreckel na. 862. Ich renne dreimal um’s Haus. Ach du gute Frä im Haus, Lange mir ä Kräppel raus. 863. Sie, Madame, Sie mein Leben, Könnten mir ä Kräppel geben. Nicht zu gruß und nicht zu klein, Daß ich könnt’ zufrieden sein.
4. Johannistag.
Beim Umtanzen des Johannisbaumes (vgl. 148) wird folgendes Liedchen gesungen. Simrock, das deutsche Liederbuch, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1857, führt unter Nr. 823 u. 824 ähnliche Lieder an. Auf das angeführte Buch desselben verweisen wir auch bezüglich der bei den Spielen der Kinder im Obererzgebirge gebräuchlichen Auszählverse, sowie anderer Kinderverschen.
864. A. Wer steht denn draußen vor der Thür Und thut so leise klopfen? B. „Es ist der Förster, steht dafür Und hat sich was zu suchen.“ C. Ich hab verloren meinen Schatz Allhier, allhier auf diesem Platz. Macht auf, macht auf den Garten. Sieh da, sieh da, hier ist mein Schatz, Mit dem ich mich verlobet. Hier hast du meine rechte Hand Und einen Kuß zum Unterpfand, Auf daß du bleibst mein eigen.
5. Heidelbeerlieder.
Bei der Rückkehr vom Sammeln der „Schwarzbeeren“ sind folgende Liedchen gebräuchlich. Vergl. 640 und Simrock, Kinderbuch, Nr. 646.
865. Toppe, Toppe, Bäre! Ich hatt men Topp vull Bäre; Ich hob’n wieder ausgefrass’n, Ho men Voter und Mutter vergass’n. Mei Voter nimmt dee Ufengobel Und schlät[50] mich uff’n Freßschnobel. Au weh, Auh weh, mei Bärschnobel! 866. Men Topp ho’ ich zerbrochen, Aus wos soll mer kochen? „Aus den Ufentupp, aus den Ufentupp.“ Der Ufentupp hot a ee Loch. Hoho! 867. Rolle, rolle, rolle! Mer hob’n Olle volle,[51] Bis d’r Hinnre[52] nett. Hot Moos in Topp, Hot Werg in Kopp. Aho! 868. Juck, juck jere! Mei Topp is voller Beere, Wer sin’n[53] Topp nicht volle hat Is ene faule Mähre. Kommt Alle ’raus, Macht Haufen drauf, Wie ä Wachtelhaus.[54] 869. Roll, roll, roll! Mei Topp is voll, Mei Bauch is leer, Mei Kopf is schwer, Heuer sein viel schwarze Beer. 870. Horei, Stallerei! Zie’hn die faulen Beerleute ei. Hab’n Alle voll Bis der Letzte net; Macht Alle nei, Daß’s voller werd. Ein’ Haufen d’rauf, Wie’s G’loserhaus, kischki!
6. Hirtenlieder.
Bei dem Hüten des Viehes lassen die „Kühjungen“ lautschallende Lieder ertönen. — Die unter Nr. 874 und 875 ausgeführten Reime sind zu Michaelis gebräuchlich, von wo an der Hirt, wie bereits (642) erwähnt, „über und über“ hüten darf.
871. Horaus! jetzt treibt der faule Kuhhirt aus. Meine Küh sind lange ’raus. Wenn ich austreib, liegst Du noch im Bett. Du fauler Hirt hast ausgeheckt Drei Mandeln junge Ziegenbock Sind alle verreckt.[55] O he ho, o he ho! 872. Treib ei, treib ei, du fauler Hert, Wenn ich austreib, liegst du noch lang im Bett. Meine Küh sei olle saat. Deine ha’n net viel gefressen, Weil d’ bist uff der Ufenbank gesessen. 873. Hohrei! Hohrei! Meine Küh sind alle ’rei ’s fehlt mer nur e Ziegenbuck: Wo muß der sei hingehuppt? ’nuner in dos Niederland, Wo die reichen Bauern sitzen Mit den langen Zippelmützen, Die den Quark mit Löffeln fressen und das Geld mit Scheffeln messen.[56] 874. Michel ist vorüber, Nu hüt ich über und über. Hüt ich nei in Kraut und Mähren,[57] Ka mer der Bauer nischt verwehren. Un wen der Bauer ’raus kimmt, Setz ich mich auf den Geiselstäcken[58] Un thu d’n Bauer den Buckel zu räcken. 875. Michele is do, Dee Herten sind fruh,[59] Den Bauern is leed[60] Um schlecht’s Bissel Weed.[61]
7. Kaffeelieder.
Bei der Vorliebe des Obererzgebirgers für den Kaffee ist es begreiflich, daß er denselben auch poetisch verherrlicht hat und diese Lieder bei seinen Kaffeefesten (vgl. 646) anstimmt.
876. Der Kaffee schmeckt gut Ich schaff’ mer noch keen Ruk. Den alten thu ich flicken, ’n neuen thu ich sticken, Der Kaffee schmeckt gut. 877. Kaffee thu ich gerne trinken, Uhne Kaffee bi ich krank. Kaffee trink ich, wo ich geh’ und steh’, Am liebsten auf’n Kanapee. 878. O Kaffee, du edles Kraut, Wer dich gepflanzt, hat wohlgebaut.
8. Kirmeß.
Zur Kirmeß (vgl. § 88), sowie auch zum Erntefeste und zu Weihnachten, ist es Sitte, daß ärmere Kinder von Haus zu Haus „Kuchensingen“ gehen, wobei sie die Nr. 882–886 verzeichneten Liedchen anstimmen; die Kühjungen gehen wohl auch „Kuchenklatschen“, d. h. sie geben durch Peitschenknallen ihre Wünsche zu erkennen. Außerdem ist (879) noch ein Kirmeßliedchen, eine scherzhafte Kirmeßeinladung(880), sowie ein auf dieses Fest bezügliches Sprüchwort (881) mitgetheilt.
879. Zur Kirmeß, zur Kirmeß, Da schlachtt mei Vater ’n Buck, Buck, Buck, Buck.[62] 880. Seid zur Kirmeß eingeladen, Unser Kuchen ist gerathen, Unsre Würstchen rund und nett, Unser Braten braun und fett. 881. Edelleuten muß man ihre Bälle, Den Bauern ihre Kirmeß lassen (Marienberg). 882. Wir armen Kühjungen, Wir kommen gesungen, Um euch zu ersuchen, Gebt uns ein Stück Kuchen. 883. Ich bin der kleine König, Gebt mir nur nicht zu wenig. Laßt mich nicht zu lange steh’n, Muß noch ein Häuschen weiter gehn. 884. Wir woll’n heute Kuchen singen, Müssen noch heut weiter springen. Gebt uns ä Bissel weißen, Da woll’n wir uns drum beißen; Gäbtt uns ä Bissel mitteln, Da woll’n wir uns d’rum knitteln; Gäbtt uns ä Bissel schwarzen, Da woll’n wir uns d’rum kratzen. 885. Dreimal, dreimal um das Haus, Bringt mer e Stückel Kuchen ’raus. Ist der Kuchen nett gerothen, Bringt mer e Stückel Schweinebroten. Schweinebroten schmeckt nett gut, Brengt mer e Stückel Haberbrud. (Oder:) Schweinebroten is’ vorbei, Bringt mer e Gläsel Branntewei’. 886. Wir wollen Kuchen singen, Die junge Frau is’ hurtig und geschwinde. Gebt uns ooch en’ Gälen,[63] An Fressen sull’s nich fählen. Grün is’ die Linde, Die junge Frau is’ hurtig und geschwinde.
9. Hausbau.
Wenn beim Heben eines Hauses der Baumeister seine Rede vollendet hat, wirft er das Glas (vgl. 836) mit folgenden Worten herunter:
887. Das Glas ist aus, Was mach’ ich draus? Ich werde mich nicht lang’ bedenken, Und es über den Kopf hinunter schwenken.
10. Taufe.
Bei dem Hineinstecken des Pathengeschenkes in das Einbindebettchen (vgl. 847) ist folgendes Verschen gebräuchlich:
888. Do hast du das Deine, Laß Jedem das Seine.
11. Der Besenbinder.
Folgendes Volkslied, ein Wechselgesang, wurde uns aus Arnsfeld mitgetheilt. Beim Singen wird die je zweite Zeile wiederholt, außerdem noch die drei letzten Sylben jeder Zeile.
Wenn ich kein Geld zum Saufen hab’, Geh ich in Wald, mach’ Reißig ab, Geh ich nach Haus, bind’ Besen draus, Da kommt schu wieder Geld in’s Haus. Wenn ich die Besen gebunden hab’, Geh ich die Straße auf und ab, Und ruf: „wer kauft mir Besen ab, Damit ich Geld zum Saufen hab.“ Liesel steh’ auf und laß mich ein, Oder ich steig’ zum Fenster hinein. Liesel steh auf, mach Feuer an, Hast du kein Holz, leg Reißig an. Liesel steh auf, koch Hirschebrei, Hast du keine Butter, schlag Eier ’nei. Liesel steh auf! Oder kennst’e mich nich? Oder sind das deine Fenster nich? „Ich steh’ nicht auf! Ich kenn’ dich schon; Daß du ’n Rausch hast, seh’ ich schon.“ Hab ich ’en Rausch, das macht der Wein. Liesel steh auf und laß mich ein! „Ich steh nicht auf, laß dich nicht ein: ’s könnt heut’ Nacht mein Unglück sein.“ Ob ich dein Unglück bin oder nich’: Liesel mach auf, ich heirate dich. Bin ich einmal verheirat mit dir, Zwei schöne Rappen kauf ich mir, Zwei schöne Rappen und en’ Wag’n, Daß ich mit dir kann spazieren fahr’n. „Aepfel sind roth, sind Stiele d’ron: Buben sind falsch, das weiß man schon.“ Kirschen sind roth, sind Kerne d’rin: Mädchen hann’ och kein’ treuern Sinn. „Nüsse sind hart, sind Schalen drum: Beide: Wer ist wohl falscher? das sage nun.“ Pflaumen sind blau, sind honigsüß; Daß ich dir gut bleib’, das ist gewiß. Aepfel und Pflaumen sind roth und blau: Heisa wir werden bald Mann und Frau.
Dresden. Druck von C. C. Meinhold & Söhne. Königl. Hofbuchdruckerei.