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Reading edition
Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.
»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich! Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!«
»Wartest du lang?«
»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.«
»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt unten.
»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.
»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf. Aber leise – leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen bin.«
Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel ab.
»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu Hause? Wart', ich werde Licht machen.«
»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein. Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du den Schlüssel?«
»Ja. – Ich glaube.«
»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«
»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den Schlüssel,« sagte Steffi. »Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.«
Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am nächsten Ersten.
Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam zu spät.
»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel sperrt.«
»Versuchen?« fragte Demba.
»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den Schlüssel hervor. »Ich brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.
»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du machen mit dem vielen Geld?«
»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.«
»Zu spät? Warum?«
»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei bekomme.«
Steffi blickte unruhig auf.
»Im rechten Augenblick?« fragte sie.
»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.
»Wer denn, Stanie, wer denn?«
»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«
»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«
»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die Handschellen müssen fort!«
»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist zu groß.«
»Wer? Der Schlüssel?« – Demba fuhr erschrocken auf.
»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.« Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas Gesicht.
»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.
»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung bittend. »Dieser dumme Mensch!«
»Was ist denn geschehen?«
»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, während ich im Bureau war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem Tagebuch gemacht!«
»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.
»Stanie! Was werden wir tun?«
»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer.
»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein's mit dir gut. Schau, wär' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles, was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei, Stanie –«
»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba.
»Bis auf die Handschellen?«
»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem Kerker kommt. Weißt du's nicht, Steffi? Strafen werden von der Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt, der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel – horch! Da sind sie schon.«
Es hatte geläutet.
Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.
»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie mich hier finden!«
Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte, zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie!«
»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.
Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes Dämmerlicht.
»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht, daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte ich, du wärest weit fort von hier.«
Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich und verflog in nichts.
Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an der Holzfüllung der Tür.
»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht glücklich, Steffi. Nur müde.«
Es kam keine Antwort.
»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers, Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch eines: Ausruhen.«
Keine Antwort.
»Wo bist du, Steffi?«
Stille.
Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.
Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens. Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen Strohsack. Die staubgesättigte Luft der engen Kammer legte sich ihm drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.
Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher? Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich? Wie lange steh' ich schon hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf Stunden? Zwölf Sekunden?
Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz Eugen«. – Jetzt – das Schieferdach glänzt so fröhlich in der Morgensonne – zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Als die beiden Polizisten – kurz nach neun Uhr morgens – den Hof des Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus Demba.
Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit –
Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer Wunde am Hinterkopf floß Blut.
Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze, tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken, klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden sehr müde und fielen zu.
Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört, im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, – Stanislaus Dembas Hände waren endlich frei.
Leo Perutz
Die dritte Kugel
Roman. 5. Auflage Geheftet 5 M., gebunden 8 M.
Kölnische Zeitung: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden. Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung geltend, … kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück.
Wiener Allgemeine Zeitung: In schlaflosen Nächten, die einem dieser Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrängen und für die man doch nie eine Antwort gewußt, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das Buch dann beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?… Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende – aber das Buch ist schon da. Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein unbekannter Mann und heißt Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht, das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt nicht mehr losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst damit zu Ende ist. Und das ist das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehört … Kein Buch für Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das im ganzen deutschen Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wäre.
Außerdem erschien:
Leo Perutz und Paul Frank
Das Mangobaumwunder
Eine unglaubwürdige Geschichte 11. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 7 M.
Zeit im Bild, Berlin: »Das Mangobaumwunder« gehört zu jenen Büchern, die man in einem Zuge bis zu Ende lesen muß. Die Grundidee der Erzählung ist konsequent, geist- und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser … Gruseln ununterbrochen wachzuhalten.
Verlag von Albert Langen in München
Druck von Hesse & Becker in Leipzig. Einbände von E. A. Enders in Leipzig.
Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
Seite 37: Wie schauerlich die leeren Armel herunterhingen. Wie schauerlich die leeren Ärmel herunterhingen.
Seite 39: diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub iu diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub in
Seite 43: das Rundereisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien das Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien
Seite 43: unterbrechen und eine Besteigung des Sonnwendeines unterbrechen und eine Besteigung des Sonnwendsteines
Seite 43: unternehmen. Für die Besichtigung Laistbachs unternehmen. Für die Besichtigung Laibachs
Seite 45: egal sein. Uberhaupt heiß' ich für Sie: Fräulein egal sein. Überhaupt heiß' ich für Sie: Fräulein
Seite 48: kommen sollte, so rufen Sie mich im Cafè kommen sollte, so rufen Sie mich im Café
Seite 49: Café Sistinia und ausgerechnet den Neuhäusl Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl
Seite 56: an. »Ubrigens war ich bei meiner Tante, die an. »Übrigens war ich bei meiner Tante, die
Seite 79: »Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner »Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner
Seite 94: deklamiert, »Integer vitae … – wie geht's weiter?« deklamiert, Integer vitae … – wie geht's weiter?«
Seite 105: die in einem Winkel auf den bloßen Erdboden die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden
Seite 108: den Schlüssel zu der Kasette nicht, in der er sein den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein
Seite 109: ein paar seiner Sachen: Einen Senftigel ein paar seiner Sachen: Einen Senftiegel
Seite 119: leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können.
Seite 128: Vater aus Korksstöpseln hergestellt hatte. Der Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der
Seite 135: außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
Seite 153: Polzeibericht von heute morgen: Junger, etwa Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa
Seite 162: Legitimationskarte der Detektivs vermutete. Legitimationskarte des Detektivs vermutete.
Seite 170: ›Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W.,
Seite 175: »Der Leichsinn Ihres Zimmerkollegen.« »Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.«
Seite 183: genußfrohen Jeunesse doreé der Leopoldstadt auferlegte. genußfrohen Jeunesse dorée der Leopoldstadt auferlegte.
Seite 197: Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?» Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?«
Seite 210: Tat ein vorzügliches Renomnee,« versicherte er Tat ein vorzügliches Renommee,« versicherte er
Seite 220: »Möchte nur festellen –,« begann Demba nochmals, »Möchte nur feststellen –,« begann Demba nochmals,
Seite 220: Er fand einen Rückhalt an der masiven Er fand einen Rückhalt an der massiven
Seite 237: »Versuchen? fragte Demba. »Versuchen?« fragte Demba.
Seite 240: »Wo bist du, Steffi? »Wo bist du, Steffi?«
Seite 241: um Geld und um Liebe, kosteten zum letzenmal um Geld und um Liebe, kosteten zum letztenmal