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Zwischen neun und neun

18

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Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand. Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an, stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf. Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand, stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.

»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das Leben Weiners.

Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die man eben noch mit ihm getrieben hatte?

Er stand, regte sich nicht und wartete.

»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit verstörtem Gesicht.

Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.

Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.

»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« – Er wollte zur Tür.

»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.

Aber nein! Keiner lacht. Und – wie sonderbar – der Mensch dort gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver.

Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt, damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen, das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die Hände zittern ihm. –

Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt, die ihm über die anderen gegeben war.

Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem Fuß an den Schildpattkamm und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein Mißfallen erregten.

»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zählen?«

Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich, die Gegenstände, die auf dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als alles tun, was er verlangte, und wäre es das Tollste. Und abzuwarten, ob sich Gelegenheit bot, ihn unschädlich zu machen.

Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle Genugtuung für die schmähliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten und zu verstecken suchten! Das Bewußtsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bücken und Ducken nicht helfen, der kam jetzt an die Reihe.

»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß.

Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen.

»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, daß Weiner nicht hören wollte.

Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte, blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten. Er stand und wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle holt.

Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.

»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!«

Aber schon stand Demba vor ihr.

»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder –«

Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los.

»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt und machte einen Schritt zurück. »Lassen Sie mich hinaus.«

»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,« sagte Demba.

»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum!« zeterte Weiner.

»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?« brach Demba los. Sein Gesicht war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr gebracht.

»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!«

Und Weiner, der die Mündung des Revolvers gegen seinen Leib gerichtet fühlte, – nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel bohrte sich in seine Brust, – Weiner, der sah, daß in diesem Augenblick sein Leben völlig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis.

»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief er. »Nur du bist an allem schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt –«

Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.

»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich wußte bis gestern nachts gar nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?«

Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der fürchtete, daß Demba seinen Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.

»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwölf Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.«

Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den Feigling niederzuschießen um dessentwillen, was er da sprach.

»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die Nähe der Gefahr fühlte. »Hast du mich nicht Tag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll, vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität gekommen, wenn ich in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.«

»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid mit Sonja, die stumm dastand und Weiners Vorwürfe über sich ergehen ließ.

Aber Weiner war nicht zu halten.

»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und Tritt –«

»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind wir fertig miteinander.«

»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,« schrie Weiner erbost, und seine Stimme überschlug sich. »Und jetzt –«

»Und jetzt – da hast du dein Geld zurück.« Sonja riß ihr grünes Krokodilledertäschchen auf und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes Heftchen in Weiners Gesicht.

»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du Feigling.«

Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes von seinem Herzen löste.

Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben, dieses Heft in seine Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen und fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht gefoltert, daß er zu spät kommen, daß dieses Heft ihm Sonja entführen werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu vernichten. Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke, vor ihm versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich mutlos und mit leeren Händen, ein Geschlagener und Besiegter, hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt und gefürchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fuße beiseite stoßen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewünscht hatte, ohne Mühe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem Mantel versteckt hatte.

Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen zu machen, trat Sonja zu ihm. Denn, zwiespältig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen, weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen.

»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise. »Ja, du hast recht gehabt: Er ist nichts wert. Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.« – Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem Gesicht.

Demba sah Sonja an und wunderte sich über alle Maßen. Was war in ihn gefahren gewesen daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch den Tag gerast war, daß er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn fröhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fühlte nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die Angst, sie zu verlieren.

Er war ihrer satt.

Was wollte er noch hier? Was hatte er hier noch zu suchen? Er wandte sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches Tier. Aber der Haß lebte, der ließ sich nicht verscharren, der war groß und mächtig und zwang ihn, seine Rache zu vollenden.

Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten vermeinte, hatte ihn zu ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er gehen und denen dort ihr Leben schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus war, ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor? Nein, sie sollten nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und Schuß auf Schuß in totenblasse Gesichter feuern.

Er beugte sich über den Tisch.

»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fünf Minuten Zeit,« sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des Augenblicks über den Rücken lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem Gutdünken.«

»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen Sie tun?« rief Horvath.

»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,« sagte Demba und wurde sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte. »Nein. Hinaus dürfen Sie nicht. Zurück!« befahl er. »Oder ich schieße!«

Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu.

Demba blickte von einem zum andern, prüfte, auf wen er zuerst anlegen sollte, es war Zeit, die Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich für Horvath.

Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mögen. In seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen. Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt – halb neun –

Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen.

Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten.

Demba drehte sich um.

»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel.

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