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Zarastro

Zweiter Teil.

Reading edition

Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschluß.

Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung?

Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.

* * *

Rheinfelden.

21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Häuser herüber.

Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land. Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!

Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und Gras, die Füße hingen ins Leere.

Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.

Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen.

Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nächsten Ernte zu gedeihen.

Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des „Männlichen“ hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie ein unendliches Gewölbe.

Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.

Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff.

Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt, selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die „Penalty of the war“, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?

Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das, welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.

In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.

Beatenberg.

AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt, eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte, drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vögel.

Oh Sommersmitte! Oh göttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitmaß, ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!

Groß aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.

Zwischen Tür und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschütteten Kissen die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; ächzend. Es roch nach Tannen, Blumen, des Morgens im Walde gepflückt, hingen schon ermattet im Glase. In diese holde Schwüle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein rechter Arm hing herab, ich war zu lässig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen mir die Augen zu. Hält die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter? War er als Bote hereingeflogen? — Wer war gegangen? —

Flüchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Hütte? War sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfaßt. In unbeschreiblicher Rührung hob ich den Arm, sprang auf, saß wieder vor dem Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben, und fuhr nun endlich wie in einen Schacht tief in meine Arbeit ein.

Da fiel ein Schatten — jemand trat unter die Türe. Es war Fortunio. Ich stieß einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fühlte Nervenstränge, deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewußtsein kamen, zerreißen. „Wissen Sie, wie spät es ist?“ lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfüllte den Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu erörtern. So machte ich mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Türe abschließend, noch einen Blick zur Ruhebank zurück, zum Tisch mit den Blumen im Glase, zu diesen Wänden, in welchen ich eins geworden war mit der Luft und der Seele dieses Tages.

Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Höhen beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das Glück es will, emporschnellt und höher! höher! ruft, weil sie doch gleich verstiebt. Da ist es Pech natürlich, wenn man sie herunterholt.

Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der Gegend. Die eben noch umglühten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne auf immer von ihnen geschieden, von Blässe wie erschöpft, zurück. Welch ein Tag! — Und schon faßte mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam beschließen zu müssen oder ins Chalet zurückzugehen. Stand es noch? War’s nicht versunken? Oder nur erträumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange Bergstraße zurück. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Fülle und unerschöpflich überfließend, umschlang er streitsüchtig jeden Schatten und brachte seine Schwärze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte alle Wälder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermählt, mit allen Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzücken hatte sich die Jungfrau aufgerichtet — Mönch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.

* * *

Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die steile Höhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestände hatte sie unten gelassen und trug eine äußerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien, und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer Seide, deren perfide kleine Männerkrawatte das ultrafeminine ihres Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefüllten Nelkenaugen, die das alles sehr wohl wußten, blickten unbeteiligt flüchtig und beschattet. Es war nur ein kurzer Besuch. Das Bähnchen trug sie bald wieder davon. Und mit einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der Vorberge, der in so tiefen Falten über sie hinschlug, und herrlich war’s, wie er — von oben gesehen — den See nachschleifte, gleich einem köstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Säntis, Jura oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast überall stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brüderlichen Weiten, und sehr plötzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.

Marguerite Kühlmann.

An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie ihr an, und so faßt sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie beneidenswert sind sie gewesen! —

Nicht, als seien sie sich dessen zu spät bewußt. Hier trifft sie kein Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen und seltenen Gestalt, die von ihrem schönen und guten Wesen so viel weniger genießen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstörbaren Ruhe ihrer Bewegungen welch unaufhaltsames Vorwärtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfüllen!

Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewiß nicht selten; der Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Künste sind viele. Aber wie wenige gibt es, die auf das Schöne selbst Anziehungskraft besitzen, so daß es wie auf mystischen Ruderschlägen ihrer Atmosphäre zugeführt, immer mehr Natur und Element bei ihnen wird, und tatsächlich eine Art von Wechselwirkung sich ergibt.

So aber war das Schöne — wie ein Meister an seinem Marmor — bei ihr am Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meißelte es an ihren Zügen und hob sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen sind wund von der Erinnerung ihrer Hände, so schwebend, einsam und gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.

Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluß überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.

Doch öffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den kunstvollen Brunnen und den Fontänen, in welcher Fülle zogen sich die Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist’s, nach welcher dieser steile Garten niederfällt, und schaut: auf halber Höhe, wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge, ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Präludien des Gebirges. Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und hölzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wölbt sich als Abschluß der finstere Berg.

Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete übergoß, und nur die finstere Bergwand noch finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen bunt über dem Tische wehend!

Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus. Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie saß — niemals müßig —, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmückt ist, dessen Bau, dessen edle Räume wie für sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so Zauberhaftes wurden, daß sie durch ihren Tod für uns verschüttet liegen. Die Türen, ach, durch die sie trat.

Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf unwahrscheinlicher Höhe steht die Jagdhütte, an deren winzigen Fenstern sie die rot- und weißgewürfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn das einzig Verweilende an ihr, von allem Persönlichen unmittelbar Losgelöste war ihr Auge. Bald lockten sie die Höhen, bald die Weite und das Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der Abendsonne warm getönte Fluß so rasch den gemiedenen und immer trauernden Hügel umfließt.

Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fächer dem Auge entfaltet und verschließt, glich ihr so ganz, daß für uns, die sie dort sahen, ihr Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.

Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer Schönheit so sehr erhöhte, und nicht in großen Städten, weder in Paris, dessen geistiges und künstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London, wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so liebenswürdige und seltene Vertreterin gefunden, daß die Sympathien, welche sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren gingen. Denn weit über die Gräben hin, welche die Nationen voneinander trennten, klang ein Echo der Trauer über die Kunde ihres Todes herüber.

Es mag ja sein, daß ihre großen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser zugestanden wurden, als man sah, welch flüchtigen Gast sie krönten. Denn ehe man sich’s versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach ihrem geliebten Ohlstadt zurückzufahren. Sie erzählte noch im letzten Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentränen um sich her geschaut, als sie den „Raunerhof“ zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum besichtigte.

So nah berührte sie der Ort.

Es waren pantheistische Anklänge in ihr, die man nicht überhören durfte, um sie zu kennen.

Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lücke ließ zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier seine Brandung, und was Wunder, daß sich ihr Blick, allen Sicherungen zum Trotz, so häufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.

Und kannte ihn doch kaum.

Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, böse und gefährlich wie die Gärungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine Öde erfuhr sie nicht. Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie war geschützt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche, innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht, was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Höhen des Lebens weg, einzeln und jäh zu den Toren des Todes hintreten und in seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklärung, kein noch so sanftes Verlöschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.

Ach die besten Freundesherzen sind noch zu träge! Allzu leichten Sinnes nahmen wir das schöne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die deutlichen Merkmale eines frühen Scheidens an ihr nicht. —

Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dünner Korb, nur durch Taue einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorüberschweben? Ein Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je höher sie sich steigen sehen, desto langsamer dünkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke vorüber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald überflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hängen schien.

Dies aber war bei stillem und oft schwer verträumtem Wesen das Tempo ihres inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchmaß sie ihre Bahn, und nur wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermöchte auch das Letzte über sie zu sagen. Denn immer merkwürdiger und geschlossener wurde die Harmonie dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber ist es gegeben, sich zu erfüllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen nicht los.

Oh Marguerite! Daß meine Worte sich aufrichten dürften wie Säulen, und daß sie sich zusammenschlössen dir eine Stätte zu bilden des Innehaltens und der Rast, wo du — staunend vielleicht, doch ohne Gram — zurückblicktest auf dein Leben; oh daß es zwischen seinen Ufern an dir vorüberzöge und dein sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das Getürme der Wolken im verglühenden Tag.

* * *

SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glück bis in den Oktober hinein vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zürich, bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.

Die Ära Kühlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich prompt, daß ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine Stellung gestaltete sich noch um ein Stückchen schiefer. Ich hatte jetzt zu schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist Todesurteile, Deportationen, versprengte französische oder belgische Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier, Expreßbriefe erst in sechs Wochen. Um an Kühlmann zu schreiben, mußte ich schon seinetwegen den Umweg über die Gesandtschaft wählen. Meist wandte ich mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging’s. Zwei junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen lassen; dafür sollte die eine erschossen werden. Kühlmann erreichte ziemlich rasch eine Rückgängigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame aus Cambrai brachte er noch über die Grenze. Als ich aber wegen der Familie des Professors von L.-P. bestürmt wurde, die Frau und fünf Kinder, (der älteste Sohn im deportationsfähigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten, schickte mir Kühlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe Militärbehörde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bündig verweigerte. Auch ohne dies — acht Tage nach seiner Ernennung — wußte ich ihn verloren.

Ich muß hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurückgreifen, und zwar bis zu dem Abend meiner Abreise nach Irland. Kühlmann war damals jener Pläne stolz und froh, welche ein Jahr später in der von ihm inspirierten Broschüre „Weltpolitik ohne Krieg“ ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder, und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Küste erreichte. Alle Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu reservieren. So blieb nur der große Schiffsalon, wo ein freundlicher Steward mir in den tiefen Ecken des die Wände entlanglaufenden Sofas ein herrliches Lager bereitete. Der Länge nach ausgestreckt, hatte ich auf diese Weise eine Riesenkabine für mich allein und konnte mich vor Freude gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nächtlichen, heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergeßlichkeit. Hin und wieder waren mir die Götter doch hold.

Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des zerrissenen Schiffes, das schon aufgehört hatte zu sein! In ein Rettungsboot gestoßen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewärtigen, wühlten sie sich zu Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte Kühlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines solchen Orkanes dünkten mir lächerlich. Aber ich ruderte ja selbst mechanisch aufs Geratewohl, und dann stürzten die schwarzen Berge über das Boot.

Wieder rauschte das Meer im eintönigen Sang, über mir war schon erkennbar in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der ledernen Muschel gewiegt. Aber für kein anderes Lied als für das finstere Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die Decken fort und saß zusammengekauert, schlaflos, verwüstet, uralt.

Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfüllt. Die Ernennung Kühlmanns hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Kräften dem Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es würde ihm gelingen, sein Ende herbeizuführen.

Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes — ich war in Wengen und lag in der Sonne — als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerüstes sich aufdrängte, ähnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Kühlmann, aber schon im Begriffe kopfüber abzustürzen, so zwar, daß er sich in der Luft zu drei Malen überschlug.

* * *

Am Tage nach seinem „Niemals“ kam Abigail mit einer stoßbereiten Miene, wie ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Kühlmanns war ich jedoch um so weniger berechtigt, als mein frühestes Buch Aufsätze, welche auf seinen Rat den französischen Titel „L’âme aux deux patries“ führten, die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr dreist), die Annektion Elsaß-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn er noch lebte, kein zweites Mal begehen würde: er hätte ein anderes Äquivalent dafür ersonnen. Dies Büchlein, das im übrigen ganz unter den Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so kräftige Verbreitung, daß sich der Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.

Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der Notwendigkeit einer Diskussion des elsaß-lothringischen Problems galt, hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung geführt, damit wir ungestört blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im Jahre 1915 diesbezüglich fallen ließ, zu einer Zeit, wo die Aussichten für Deutschland noch günstig erschienen. Sein „Niemals“, konnte ich daher nur als einen Brocken ansehen, den man Kläffern vorwirft, um sie von sich abzuhalten und weitergehen zu können: ein nach innen und in die Kulissen, nicht nach außen gerichtetes Wort.

OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges großes, fast saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich stand hier der Flügel im Raum. Die Wände hatten lichte Täfelungen, und der indische Schal mit dem weißen Feld fiel von der Decke bis zum Boden und schien eine Türe. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen beschert.

Über das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als daß eine Reihe von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts führten. Ein Wort über meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze Weile brachte ich gewiß alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung. Scheinbar für eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewiß, daß ich gleichzeitig in Diensten sämtlicher Regierungen zu stehen den Anschein haben mußte. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es. Außer Japan, China, Rußland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen und Dänemark sich rühmen, daß keiner ihrer Staatsangehörigen bei mir gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen Zusammenkünfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel über ihre Vergeblichkeiten blieb. Der „Friede“, ein Wort, das mich im Schlaf elektrisierte, war wie das große Los oder wie das Leben eines aufgegebenen Kranken immer eine Möglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschütteln Fortunios beizustimmen, stürzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all den Nieten faßte, die sich zu Bergen vor meinem Tische häuften . . . Den dümmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehör. Vielleicht war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.

Meine Verständnislosigkeit für Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging ja so weit, daß ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat überzeugt war, länger als sechs Wochen könne er nicht mehr dauern. Immer schien mir alles sein nahes Ende zu künden. Als zum ersten Male von zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schluß. Als Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer ließe seine eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam machte, daß die Larven triumphierten und der Edle geopfert würde, ja, daß es stets ein besonderer Glücksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte ich den so naheliegenden Schluß von der Familie zum Staat (und was ist sie anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwürdigerweise noch immer nicht gemacht. Immer noch wähnend, es ginge um den Frieden, da es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu überzeugen und für mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, daß gerade meine Naivität Bedenken erweckte. Wie hätte auch Aramis, da es mir keineswegs an Menschenkenntnis gebrach, eine so große Weltunkenntnis bei mir vermutet? Und daß ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand? Vielmehr war es natürlich, daß eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine Institution begriff, an meiner Friedensmanie Ärgernis nahm. Ich hielt mich für besser als sie, während ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrießlichen Baß.

Dennoch war, als mir endlich ein Licht über die Welt und zugleich über mich selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spät die Lauben entlang, so faßte mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder nur sein Schatten hinter einer Säule sichtbar wurde. Da war ja eines jener unerklärlichen und gefährlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, daß ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.

Meine Tätigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab, fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Eröffnungen auf Grund amerikanischer Aufträge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbeständen dessen, was man noch deutsche Regierung nannte, und was längst unter den Hufen der Militärkavalla zertreten lag.

* * *

In diesem über alle Maßen traurigen Winter strich ich eines Abends müde durch die Lauben, als Abigail an mir vorüberschoß. Busoni spielt heute Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.

Von nun an befaßte ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach Zürich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Aufführung gelangte. Eine bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines überragenden Typs zu erkennen; sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe uns nichts an.

Verdrießlich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhängerschaft bestellt. Wie an den Reichen die Profiteure, so drängen sich an den Schaffenden die Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer weiß, ist ihm in mancher Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder fatal wie der seiner Anbeter.

Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem verzweifelten Versuch sogar, den, öden Sockel auszureißen, auf dem er sich wie ein Götze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Außenwelt. Während seine Umgebung den ungeheuren Überdruß der nachwagnerischen Ära bereiten half, ließ er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich zurück. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularität beschieden war, hatte er „mit Ekel in die Partitur gestarrt“[2]. Später eilte er schnell mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine seiner Opern ansetzte. Er hatte den schönen und naiven, wenn auch natürlich vergeblichen Wunsch geäußert, seinen „Ring“ ein einziges Mal auf einer eigens errichteten Bühne in höchster Vollendung zur Aufführung zu bringen, um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].

Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des Alberich, während seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergißt nie die unheimliche Wirkung seines plötzlichen Vortretens, als er, hart vor der Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob. Sich selbst, die ganze Welt fühlte man da bedroht, und wer die Alberiche, wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat, wurde einem in unmißverständlichster Weise gelehrt.

Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?

Gerade von groß angelegter Musik gilt das Wort: „La musique doit toujours nous surprendre.“ Laßt Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den „Ring“ begraben, damit sich von neuem offenbaren könne, welcher Vorhang da zurückschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .

Erst die Züge des späten, weltberühmten und gefeierten Wagner zeigen den trüben, resignierten und abgewandten Schein, als dünke ihm jetzt erst, da alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rächten sich, indem sie ihn ableierten. Als Kassenstücke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum Unding, zur Säge, zur Obstruktion . . .

„Schafft neues!“ war sein immerwährender Ruf; dafür wurde à la Wagner weiter komponiert.

Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was könnte es unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von Busonis Hause kommend, durch die nächtlichen Straßen Zürichs, wo einst Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden hatten. Mit letzter Gewißheit wußte ich da, daß der viel mißbrauchte Meister, der sich gerade über den so weit von ihm abliegenden Mozart so begeistert äußerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fände. Weit über das Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegensätze aus. Denn sachte nur beliebt es den Göttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als zu gestatten, daß sie ihre Klingen kreuzten.

Höchst merkwürdig aber ist es, daß die Persönlichkeit nie wichtiger gewesen ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der Kohlennöte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der Äquinoktien aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlägt aufs neue. Der Heilige des Tages sucht nicht mehr die Wüste, sondern tritt mitten unter die Menschen und fällt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der Welt, sondern um seiner Beglückungstheorien willen.

Aber nicht lange mehr wird der Auserwählte als ein Dulder gehen. Entweder sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewalttätigkeit sich derart nach oben kehrte, so bleiben könnte, wie sie ist.

Hier mag stehen, was ich zwei Jahre später schrieb:

Busoni.

Ich hörte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem Blick weit hinausgerückter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.

Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mühselig seinen Weg, und plötzlich dies — dies plötzliche Angelangtsein, diesen Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.

Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen. Er ist wohl deshalb der größte Pianist, weil er implizite einer ist, weil unter der Zauberformel, welche seine Finger darüber sprechen, die Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.

Wir kennen so manche vorzügliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schöner Anschlag vielleicht und ein großes Können dazu. Aber für den Hörer nicht eben sehr nachhaltig: Klavier. Besinnt euch. Ist es anders?

Eher ließ noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe große Dirigenten gehört, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine verzauberte Flöte ausgedacht: hier nun wurde tatsächlich das „Piano enchanté“ zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der an sich kaum noch erträglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern, dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fächerspiel, lächelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit magischer Schärfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.

Schließlich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr geistiges Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe. Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit ihr aufkommen. Gar merkwürdige Erzhäuser, Dynastien und ihre Nebenlinien werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum dürfte es heute geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wäre, wie der des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte, sie zu entdecken.

Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein plötzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet, sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, ließ sich ja noch lange wirtschaften. Richard Strauß buchtete das von den Vätern Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum Beweis, daß er ein Allerweltskönner sei, schuf er in seiner „Ariadne“ eine antike Seite — ich brauche sie nicht zu nennen — von ewigem Wert.

Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige noch unvernommene Töne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid, verzückt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er verstummte schnell.

Genie ist nicht nur Fleiß (neben vielem anderen), sondern auch ein heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher erkannte, daß die Musik in die wild überwuchernde Flora der Neuromantik nicht mehr tiefer hineinführte. Aber man kutschierte fatalistisch in derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien unlöslich. Nur nicht für Busoni. Es reizte gerade den Schöpfer in ihm.

Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer stärkere Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift „Zur Ästhetik der Musik“, in „Arlechino“; in seinen immer erstaunlichen Klavierkompositionen, welche dem Klavier — dem einstigen Spinett — so neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute, eingetönte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) grüßen da aus unvermuteten Tiefen, wie grünleuchtende Seen. Auch rein äußerlich genommen, verfährt Busoni als Schöpfer mit ihm; auch auf den rein äußeren Ausbau dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drängen seine Kompositionen hin.

Scheint dies vielleicht von mäßigem Belang?

Welche Stunden äußerster Betrübnis muß das Genie durchleben! Wie müssen ihn da die Zweifel überwältigen, ob die ewig geschäftige und ewig unachtsame Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er sein Leben widmet!

Während sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen Waffengedröhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner Isolation fand er die schöpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik für eine neue Jugend flügge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstücke seines „Faust“ bekanntgegeben, aber sie künden ihn ganz. Die reine Linienführung, die tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizität, sanft gerundet, erheben sich wieder! Ein „Faust“ um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter, die auf ihn fallen: die holde Blässe in der Feierlichkeit, ein in der Welt noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer, Leonardisches, Latinismen . . .

Wenn ich sage, daß mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem „Faust“ das Erbe Mozarts angetreten wurde, befürchte ich kein Dementi von der Zukunft.

Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, daß Bettina Brentano über Beethoven, daß Julie de Lespinasse über Gluck zu beider Lebzeiten das Entscheidendste sagten?

Und wenn ich mich heute so gedrängt fühle, auf die Wichtigkeit Busonis immer wieder aufmerksam zu machen, so möchte ich hinzufügen, daß es in der Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein „zu spät“. Auch hier sind die Gelegenheiten dahin, die man verpaßte — auch den Herren Klavierbauern rufe ich dies heute zu.

Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Könige nicht ausrufen und nicht unterscheiden?

Notes in this chapter

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